13. 400 Jahre Paul Fleming

Mit einem Festgottesdienst, einer Ehrung am Denkmal und einem Jubiläumsprogramm in der Paul-Fleming-Mittelschule wird am Sonntag in Hartenstein einem [sic] großen, aber oft vergessenen Sohn der Stadt gedacht: Am 5. Oktober wäre der hier im Westerzgebirge geborene Barocklyriker Paul Fleming 400 Jahre alt geworden. Unter Leitung von Erhard Franke, dem Vorsitzenden des Paul-Fleming-Vereins, haben ein Chor und Posaunisten aus Hartenstein zusammen mit Gastmusikern eine CD aufgenommen, auf der 31 Lieder und Gedichte Flemings zu Gehör kommen.

„Wir bemühen uns, noch weitere Dinge aus Flemings Schaffen ans Licht zu bringen, die bisher brach lagen“, erklärt der Vereinschef. So sucht der Ruheständler in Bibliotheken und Musikarchiven nach Vertonungen Flemingscher Gedichte, war auch schon im estnischen Tallinn (früher Reval), wo Fleming auf einer Reise Station machte und von der Liebe enttäuscht wurde. Während dessen Texte vermutlich alle publiziert sind, seien längst nicht alle Kompositionen bekannt. Allein von dem im evangelischen Kirchengesangbuch unter Nummer 368 vertretenen „In allen meinen Taten“ gebe es 15 Vertonungen meist unbekannter Komponisten.

Gleich neben der Hartensteiner Kirche steht das Geburtshaus des Barockdichters, in dem man sich mittels Schautafeln, Dokumenten und Bildern mit Leben und Werk des Mannes vertraut machen kann, der als einer der ersten die deutsche Sprache für seine Verse benutzte[sic]. „Fleming hat für seine Zeit ein sehr modernes Deutsch geschrieben“, schwärmt Peter Gosse. Er ist Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste, die ebenfalls mit einer Reihe von Veranstaltungen an den Dichter erinnert. / Freie Presse 2.10.

Richard Pietraß (Herausgeber): Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen. Die Lebensreise des Paul Fleming in seinen schönsten Gedichten. Mit Grafiken und Lesarten sächsischer Bildkünstler und Dichter. Edition Cornelius 2009. 164 Seiten. ISBN 978-3-86634-828-8. 25 Euro.

In L&Poe:

2001    Aug    #19.    Der Deutschen liebste Gedichte
2002    Apr    #    Nationalphilologien
2006    Dez    #46.    Brief des Barockdichters Fleming entdeckt
2007    Dez    #6.    Eichendorff-Nachtrag
2008    Dez    #68.    Probe
2009    Jun    #66.    In Bienen

12. Der kubanische Intellektuelle Cintio Vitier gestorben

Im Alter von 88 Jahren starb in Havanna Cintio Vitier, einer der bedeutendsten kubanischen Intellektuellen. Er war Lyriker, Romanautor, Kritiker Literaturwissenschaftler und Universitätsprofessor und gehörte zu den Gründern der Zeitschrift Origenes, einer der wichtigsten Publikationen ihrer Art (sie wurde von José Lezama Lima herausgegeben). Vitier wurde 1921 in Key West, Florida geboren, war aber kubanischer Nationalität. Sein erster Gedichtband erschien 1938 – da war er 17 – mit einer Einleitung von Juan Ramón Jiménez, der die Gedichte ausgewählt hatte. / Latin American Herald Tribune

11. Ein Lied wie eine Armee

Am 18. August 1893 erwähnte Reichskanzler Otto von Bismarck Nikolaus Beckers «Rheinlied»: «Aber dankbar bin ich der Musik, daß sie mich in meinen politischen Bestrebungen wirkungsvoll unterstützt hat(…).

In diesem Stadium war das Beckersche Rheinlied mächtig und bei der Schnelligkeit, mit der es von der Bevölkerung aufgegriffen wurde, die damals meist noch partikularistisch war, hatte es die Wirkung, als ob wir ein paar Armeecorps mehr am Rhein stehen hätten, als wir hatten.» Diese Worte von Otto von Bismarck zeigen, dass dieses Gedicht von Nikolaus Becker eine starke psychologische Wirkung auf die Kampfkraft der Soldaten hatte. / Aachener Zeitung 2.10.

Aus Beckers Rheinlied:

Sie sollen ihn nicht haben
den freien deutschen Rhein,
ob sie wie gierige Raben
sich heiser danach schrein

So lang er ruhig wallend
sein grünes Kleid noch trägt
so lang ein Ruder schallend
In seine Woge schlägt

Heinrich Heine, aus: Deutschland. Ein Wintermärchen:

Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,
Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!
doch schwerer liegen im Magen mir
die Verse von Niklas Becker.

Mehr

Hier ein französisches Gegenlied: Alfred de Musset : Le Rhin allemand (nebst weiteren französischen und deutschen Rheinlichkeiten)

1841 erschien eine Anthologie „Klänge aus der Zeit: hervorgerufen durch die neuesten politischen Ereignisse und zunächst durch das Becker’sche Rheinlied“, darin das Rheinlied auf Deutsch, Lateinisch (richtig in Distichen), Französisch, Englisch und Holländisch sowie zahlreiche patriotische Gesänge. (Kann bei Google gelesen oder heruntergeladen werden)


10. Und was ist politische Lyrik?

Und was ist politische Lyrik? Das ist Lyrik, wird ein literarisch gebildeter Mensch sagen, die einen Missstand benennt und dabei Position bezieht. Also Lyrik im Dienste der Aufklärung, Bertolt Brecht und seine Nachfolger wie etwa Günter Grass’ Anti-Vietnamkrieg-Gedicht „In Ohnmacht gefallen“, Hans Magnus Enzensbergers „Ins Lesebuch für die Oberstufe“ und Alfred Andersch mit seinem „Paragraph 3(3)“.

Bei einem derart vorgeprägten Begriff wie dem der politischen Lyrik kann und muss ein Band wie „Alles außer Tiernahrung“ irritieren, der dem Leser „Neue politische Gedichte“ vorstellen will, denn die in dieser Anthologie veröffentlichten Autoren – größtenteils Lyriker, die zwischen 25 und 40 Jahre alt sind – spielen den Ball an, ohne ihn ins Tor zu schießen, wenn ihr Sujet überhaupt erkennbar ist. Politische Sachverhalte wie die Migration in die ‚Festung Europa‘ in Björn Kuhligks Gedicht „Die Liebe in den Zeiten der EU“ oder Arbeitslosigkeit und Entfremdung in der Großstadt in Stan Lafleurs Text „tauben“ werden durch einige gezielt geäußerte Begriffe assoziativ im Leser angesprochen – ungefähr so, als ob ein Musiker wenige Töne einer Melodie erklingen lässt und sich darauf verlässt, dass der Zuhörer dann das gesamte Lied im Ohr hat. Einige wenige Autoren, wie Adrian Kasnitz, der in „am bankomat“ die Auswirkungen der Konsumgesellschaft thematisiert, oder Gerald Fiebig, der sich in „nach der industrie“ mit dem Niedergang Detroits befasst, werden deutlicher in ihrer Darstellung, ohne dass sie dem Leser die Utopie einer besseren Gesellschaft aufzeigen oder ihn konkret zum Handeln auffordern. Dadurch wird diese Anthologie zu einem Dokument der Postmoderne und zu einer Standortbestimmung, was Lyrik heute im politischen Sinne zu leisten vermag. …

Gut gefällt, dass es dem Herausgeber Tom Schulz geglückt ist, neben etablierten Stimmen, wie Monika Rinck, Adrian Kasnitz oder Ron Winkler, das Potential von Dichtern, die bisher weniger in Erscheinung getreten sind, wie Markus Roloff, Florian Voß oder Simone Hirth, zu verdeutlichen. Wer „Lyrik von Jetzt“ oder ähnliche Anthologien mag, wird auch diesen Band zu schätzen wissen, auch wenn die Gedichte von Autoren wie Marcel Beyer oder Thomas Kunst stilistisch von denen der „LvJ“-Generation abweichen und obwohl die Gedichte des Herausgebers wegen ihres überzogenen Hanges zur Originalität von allen Texten am wenigsten überzeugen. / Andreas Hutt, literaturkritik.de

Tom Schulz (Hg.): Alles außer Tiernahrung. Neue politische Gedichte.
Rotbuch Verlag, Berlin 2009.
144 S., 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783867890793

Vgl. L&Poe 2011 Sep #118. Das Minenfeld des politischen Gedichts

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9. Poetik der Übersetzung

Liane von Billerbeck: Es gibt den Roman, das Gedicht, das Drama – allesamt literarische Genres. Stefan Weidner fügt ein weiteres hinzu: die Übersetzung. Der Kölner Nachdichter und Übersetzer aus dem Arabischen hat als nunmehr Dritter die August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der FU Berlin inne. Sinn der Professur ist es, ja klar, das Genre der Übersetzung zu erforschen. Stefan Weidner sitzt auch an einer neuen Übertragung des Koran ins Deutsche, und wie schwierig das ist, auch das wollen wir jetzt von ihm erfahren. …  Sie sind nun Übersetzer aus dem Arabischen, was ist daran die besondere Schwierigkeit?

Weidner: Ja, Sie haben einmal die kulturelle Differenz natürlich, also die ganzen Kontexte sind uns oder sind denjenigen, die mit der arabischen Welt nicht vertraut sind, erst mal fremd. Und das Ganze wird umso fremder, je weiter sie zurückgehen in die Geschichte. Die moderne arabische Literatur können Sie fast so übersetzen heutzutage wie englische oder lateinamerikanische Literatur, zumal die Prosa. Wie gesagt, mich interessieren eher die schwierigen Fälle, also sagen wir die Lyrik. Auch die moderne Lyrik hat einen so großen Vorlauf, hat eine so große Tradition, die sie mitschleppt. Und selbst wenn sie sich von dieser Tradition abgrenzt, ist zum Beispiel die Frage – sagen wir, ein moderner arabischer Dichter benutzt einen Reim, diesen Reim benutzt er aber so frei, dass es im Vergleich zur Tradition fast schon ein Tabubruch ist. Wenn ich den ins Deutsche mit Reimen übersetze, klingt das für uns schon wieder klassisch. Das heißt, was mache ich mit so einem Fall, wie übertrage ich diesen Kontext?

von Billerbeck: Sie lassen den Reim weg.

Weidner: Ich benutze freie Rhythmen oder benutze etwas wildere Reime oder Binnenreime oder ich muss mir etwas anderes ausdenken. Und das sind die spannenden Fragen. …

Der Übersetzer ist ja immer auch Literaturvermittler. Und ich habe sozusagen die arabische Welt kennengelernt, indem ich arabische Lyrik gesammelt habe, arabische Lyriker getroffen habe, und das war sozusagen für mich ich würde sagen ein Großteil dieser Arbeit, das Auswählen, das Treffen dieser Menschen, das Sichschenken-Lassen oder -geben-Lassen der Bücher, denn vieles kann man gar nicht kaufen. Das ist eine Tätigkeit mit intensivem menschlichem Austausch.

von Billerbeck: Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die finanziert derzeit ein Langzeitprojekt, und zwar über die Entstehungsgeschichte des Koran. Und man hörte, dass dieses Projekt etwas so Revolutionäres sei, dass es, Zitat „FAZ“, „Herrscher stürzen und Reiche wenden könne“. Sie sind nun dabei, den Koran neu zu übersetzen. Haben wir da ein ähnlich revolutionäres Werk zu erwarten?

Weidner: Na ja, das ist, glaube ich, ein Satz von Frank Schirrmacher, der das Ganze etwas überinterpretiert, weil es sich gut anhört.

/ DLR Kultur

8. lesebühne tEXTRAbatt in Stralsund: Lyrik im Lande

Zum vierten tEXTRAbatt am 13. Oktober lädt das tEXTRAbatt –Team (Odile Endes, Silke Peters und Irmgard Senf) wieder Gäste aus MV ein. Es werden erwartet: Silvio Witt aus Neubrandenburg, Carlo Ihde aus Rostock sowie die Künstlerin und Lyrikerin Lin Russ, ebenfalls aus Rostock. Carlo Ihde und Silvio Witt waren auch bei der diesjährigen Lyrikmeisterschaft des Landes Mecklenburg-Vorpommern zu hören. Schon letztes Jahr gingen sie mit einem der Lyrikpreis-Bleistifte nachhause, und auch dieses Jahr konnten ihre Performances begeistern. Carlo Ihde bekam den dritten Preis der Jury, Silvio Witt lag in der Gunst des Publikums auf Platz zwei.

tEXTRAbatt gibt es jeden zweiten Dienstag im Monat im Speicher am Katharinenberg 35 in Stralsund. Im November-tEXTRAbatt werden Peter Michael Piebsch und Carine Thieme zu hören sein.

http://www.textrabatt.de

http://textrabatt.blogspot.com

7. Statt immer bloß Lyrik

Er war ein ziemlich schräger poetischer Narr: einerseits ein fanatischer Liebhaber der Dichtkunst, der kaum etwas so verabscheute wie schlechte Gedichte und diejenigen, die sie zusammengemurkst hatten; andererseits ein mitten im lustigen Späthippieleben wühlender wilder Gesell, der sich in Mexiko und Spanien jahrelang mit Gelegenheitsjobs als Lkw-Fahrer und Campingplatzwärter durchschlug.

Mitte der 1980er Jahre ließ sich Bolaño in Blanes unweit von Barcelona nieder, und als er dort ein paar Jahre später Vater wurde und von einer nahezu unheilbaren Lebererkrankung erfuhr, fing er an, statt immer bloß Lyrik auch Erzählungen und Romane zu schreiben: um Geld zu verdienen, wie er gern betonte. / Wolfgang Höbel, Spiegel.de 1.10.

6. „Who is me – Poete delle ceneri“

33 Prozesse musste er über sich ergehen lassen, wegen Blasphemie, Obszönität und Diffamierung. Gemeint war immer seine Homosexualität. Jedes Mal ging Pier Paolo Pasolini als ein anderer aus ihnen hervor: persönlich nicht unbedingt souveräner, nur desillusionierter, politisch nicht gelassener, nur verzweifelter – in seinen Büchern und Filmen aber von einer Energie getrieben, die aus der schönheitstrunkenen Weltfeier seiner frühen Jahre bald einen apokalyptischen Furor entwickelte.

In diesem Herbst scheint ihm eine weitere Auferstehung bevorzustehen: durch neue Bücher, eine vom Zürcher Museum Strauhof übernommene große Ausstellung – und ein reichhaltiges Rahmenprogramm…  Aber kann dieser Pasolini mehr sein als die Projektionsfigur einer Sehnsucht, die bereits vom Wissen zehrt, dass eine Figur wie er unmöglich geworden ist? Seine von keinem Funken Ironie illuminierte Radikalität würde sich selbst auf der Stelle unmöglich machen. Pasolinis heiliges Pathos – eine Lachnummer. Sein romantischer Kommunismus – eine museale Angelegenheit. Die Ausstellung ermöglicht aber ein eigenes Urteil. Sie verschlagwortet Pasolinis 1966 entstandenes autobiografisches Langgedicht „Who is me – Poete delle ceneri“ in thematischen Vitrinen – eine kompakte Einführung in Leben und Werk. …

Nicht minder gefährlich ist es, Pasolinis ungebrochene Bedeutung zu behaupten, wie es Christian Filips im Nachwort zu seiner virtuosen Übersetzung der „Friulanischen Gedichte“ unter dem Titel „Dunckler Enthusiasmo“ versucht. Im Einbruch der Kapitalmärkte die Erfüllung von Pasolinis düsteren Prophezeiungen und in den Piratenparteien gewissermaßen die Erneuerung der kommunistischen Idee zu sehen, ist nicht nur voreilig, es geht auch an der alles neutralisierenden Organisation unserer medialen Öffentlichkeit vorbei. …

Auch das „Schreibheft“ veröffentlicht bisher nie auf Deutsch erschienene Texte. Neben Pasolini-Gedichten aus 25 Jahren ist am aufschlussreichsten der Essay von Walter Siti, dem Herausgeber der 2003 in zehn Bänden erschienenen italienischen Werkausgabe. Er stellt Pasolini nicht nur als durchaus karrierebewussten Autor vor, sondern auch als unfassbaren Schlamper, der mit Zitaten und Begriffen nur so um sich warf, ohne sich ihrer versichert zu haben. Und als intellektuellen Bulimiker, der jedes auch nur bruchstückhaft angelesene Buch sofort verarbeitete.

Die Entschuldigung dafür steht in „Who is me“, jenem großen, Allen Ginsberg Tribut zollenden Poem, das wie jeder von Pasolinis Texten die Überschreitung der Literatur durch die Literatur propagiert: „Es gibt keine Poesie außer der realen Tat.“

/ Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 18.9.


Literaturhaus, bis So 22.11., 5/3 €. Lange Nacht: Käthe-Kollwitz- Museum, Mi 30.9., 20 Uhr

Pier Paolo Pasolini – Wer ich bin. Ausstellung im Berliner Literaturhaus, Fasanenstraße 23, bis 22. November. Di, Mi, Fr 14-19 Uhr, Do 14-21 Uhr, Sa 11-21 Uhr, So 11-19 Uhr. Rahmenprogramm mit Lesungen, Filmen und Diskussionen im Haus, dem Käthe-Kollwitz-Museum und dem Kino Babylon Mitte. Infos: http://www.literaturhaus-berlin.de.

Schreibheft Nr. 73. Rigodon-Verlag, Essen 2009. 221 S., 12 €. Extra auf der Website http://www.schreibheft.de: Moshe Kahns Übersetzung von „Dichter der Asche“ (Who is me).

Pier Paolo Pasolini: Who is me. Aus dem Ital. von Peter Kammerer. Hochroth Verlag, Perleberg 2009. 34 S., 6 € (www.marcobeckendorf.de).

Pier Paolo Pasolini: Dunckler Enthusiasmo. Friulanische Gedichte. Übersetzt von Christian Filips. Urs Engeler Editor, Zürich 2009. 338 S., 28 €.

Pier Paolo Pasolini: Die lange Straße aus Sand. Aus dem Italienischen von Christine Gräbe u. Annette Kopetzki. Nachwort von Peter Kammerer. Edel, Hamburg 2009. 144 S., 38 €.

[Ab und an muß ich wohl anmerken, daß, wenn ich etwas hier zitiere, das nicht unbedingt meine Meinung ist. Selber denken! Und wer dann (!) was zu sagen hat: Kommentieren!]

5. Der Säntis

Es ist erstaunlich, wie viele Dichter die majestätische Berglandschaft, das Schweizer Felsmassiv „Alpstein“ und seinen „König“, den Säntis, besungen, gar zum Symbol der Heimatliebe gemacht haben. Eine Anthologie legt davon Zeugnis ab. Gesucht, gefunden und zusammengestellt wurden die vielfältigen poetischen Zeugnisse vom Schweizer Autor, Essayisten, Herausgeber und Rezensenten Rainer Stöckli, der in nächster Nähe dieses Naturphänomens lebt.  …

Der Herausgeber hat sich natürlich nicht auf Schweizer Poeten beschränkt, sondern den Klassikern der Bodenseeliteratur ihren verdienten Platz gegeben – allen voran Annette von Droste-Hülshoff, von der allein fünf Gedichte zu lesen sind, in deren einem es heißt: „O Säntis! Wohl mit Recht trägst du die Krone“. Er nahm Passagen aus Mörikes „Idylle vom Bodensee“ auf und aus Friedrich Hölderlins „Heimkunft“. Von Hermann Hesse lesen wir, als Zwischentext, Zeilen aus einem Reisebericht, von Martin Walser einen Ausschnitt seines Hörspiels „Säntis“. In Johannes R. Bechers „Für diesen Blick“ aus dem Jahr 1945 spüren wir das Heimweh des Emigranten: „ …der Säntis wie ein Felsgewölk, von Schnee/ zart übersilbert – welch ein Heimverlangen“. Und Rainer Maria Rilke sieht „hinter den Uferzielen / …die vielen, vielen / Silberberge “.

Die ironische Schilderung einer Auffahrt zum Säntis von Wolf von Niebelschütz, der Beginn einer elegischen Dichtung von Rudolf Hagelstange leiten über zu gegenwärtigem poetischem Schaffen, zu Autoren wie Peter Hamm, Hans Georg Bulla, Jochen Kelter, Joachim Hoßfeld, Durs Grünbein. In ihren Gedichten wird der Säntis allerdings zumeist nur beiläufig als vorüberhuschendes Gedanken- oder Beobachtungselement erwähnt. / Walter Neumann, Südkurier 1.10.

Rainer Stöckli (Hg.): Säntis und Alpstein im Gedicht. Eine Anthologie. Edition Isele 2009. 200 Seiten. 16 €, 27,90 SFr. – Das Buch wird an folgenden Orten in der Schweiz vorgestellt: Buchs (1.10.), Schruns (22.10.), St. Gallen (31.10.), Gossau (5.11.), Appenzell (21.11) und Herisau (22.11.).

Beat Brechbühl im Gedicht „Alpstein Säntis so&so“: „Ich werde nie auf dem Säntis, 2505 Meter, gewesen sein“.

4. Tschechischer Autor in Dresden

Der nächste Gast der Dresdner Reihe „Literarische Alphabete“ ist der tschechische Autor Petr Halmay. Er liest am Donnerstag, 8.  10., 20 Uhr, diesmal im Tschechischen Zentrum Dresden, Hauptstraße 11. Er liest aus seinem Gedichtband „Schlusslichter“ und spricht mit Patrick Gorre über seine Arbeit

Das Talent des tschechischen Lyrikers Petr Halmay, der in seiner Heimat bereits vier Gedichtbände veröffentlicht hat, kommt nicht von irgendwo. Der Sohn des Dichters Karel Šiktanc, eines Protagonisten des Prager Frühlings, wuchs in einem Umfeld auf, in dem die Meinungs- und Veröffentlichungsfreiheit als ein Grundrecht angesehen wurde und in dem viel über Politik und Literatur debattiert wurde. „Schlusslichter“, sein neuester Band, ist die zugleich poetische und lakonische Lebensbilanz eines Mittvierzigers, sind nah am Alltag sich bewegende Mitschriften eines seine eigene Endlichkeit nun bewußter und stärker empfindenden lyrischen Ichs. Orte wie das Möbellager eines Theaters oder hölzerne Bootshäuser grundieren die Momentaufnahmen dieses Dichters der Leichtigkeit und der Melancholie. Petr Halmay war Lehrer, Kulissenschieber in einem Theater und Rundfunkjournalist. Für seinen Band „Schlusslichter“, der an „die beste Tradition und den Geist der mährischen Poesie anknüpfe“, erhielt er 2007 den renommierten Jan Skácel Preis.

SCHLUSSLICHTER

Langsam räumt schon der Sommer seine Stellungen.
Verlassen blieben
die Gartentische zurück …
Vermengt mit Ereignissen, Staub,
scheint dieser Moment
ungewohnt leicht.
Vom Tennisplatz am Waldrand kam mein Sohn,
aus der Wiese weht
der schwache Duft von Heu …

Petr Halmay, geboren 1958 in Prag, wo er auch heute lebt. Publikationsverbot in der CSSR. Vier Gedichtbände, zuletzt „Koncová Svetla“ (Schlusslichter).

Literaturforum Dresden e. V. in Kooperation mit dem Tschechischen Zentrum Dresden.
Gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und der Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz.

Lesung in Deutsch und Tschechisch. Buchpremiere der deutschen Übersetzung.

Patrick Beck

Literaturforum Dresden e. V.
Eingetragen am Amtsgericht Dresden unter VR 4995.
Als gemeinnützig anerkannt.
www.literaturforum-dresden.de

3. Anthologien und die Infrastruktur der Lyrik

Auf der einen Seite ist die Lyrikszene so lebendig wie lange nicht, auf der anderen Seite scheint Enzensbergers Diktum, wonach die Zahl der Leser eines neuen Gedichtbands bei „plusminus 1354“ liegt, immer noch zu stimmen. Reine Rezeptionsblockaden – oder sind die Verlage nicht mutig genug?
Michael Braun:
Oh je, schon das Wort „Rezeptionsblockaden“ – da bekomme ich gleich Schweißausbrüche! Ich selbst habe für Blockaden gar keine Zeit, weil ich mich ständig mit Lyrik beschäftigen muss. Aber Spaß beiseite, Sie haben recht: Es gibt ein Missverhältnis zwischen einer ansteigenden Zahl von so genannten „Events“, die um die Lyrik kreisen, und dem dürren Interesse an Lyrik-Bänden, die in immer schmalerer Zahl verkauft werden. 1354 – ist eigentlich eine gewaltige Übertreibung: Wenn ein vielfach preisgekrönter Band wie Ulf Stolterfohts „Holzrauch über Heslach“ (Engeler) 1500 bis 2000 Exemplare erreicht, ist das meist schon das Höchste der Gefühle. 80 bis 90 Prozent der Lyrikbände liegen weit darunter.

Aber woran liegt das?
Braun:
Man hört Dichtern gern zu, diesen kuriosen Menschen, die ihr Leben mit dem Herstellen von Texten verbringen. Man geht zwei Stunden hin, trinkt zwei Gläser Wein, geht wieder nach Hause. Ein schöner Abend – aber das war’s dann auch.

Und der „Lyrikboom“, von dem in den letzten Jahren immer wieder zu lesen war? Dichtung oder Wahrheit?
Braun:
Ich glaube, dass im Moment sogar ein kleiner Zusammenbruch der lyrischen Infrastruktur zu registrieren ist. Urs Engeler stellt sein Programm ein, Kookbooks ist gefährdet, und das „Jahrbuch der Lyrik“ hängt in der Luft.

Wären dann Anthologien so etwas wie der Königsweg?
Braun:
Anthologien sind etwas für Jäger und Sammler – aber sie ersetzen die fehlenden Einzelbände nicht.

Sie sind aber ein probater Weg, Leser an Lyrik heranzuführen …
Braun:
Ja, das ist die Aufgabe von Anthologien – einen Überblick herzustellen, ein Schlaglicht auf die Bewegungen in der Gattung zu werfen. Das war ja vor 20, 30 Jahren genau so. Damals waren Bücher wie Hans Benders „In diesem Lande leben wir“ (Hanser 1978) oder Jürgen Theobaldys „Und ich bewege mich doch“ (C. H. Beck 1977) wichtig – da konnte man einen Überblick bekommen, was diese neuen Subjektivisten schreiben. Inzwischen hat sich die ökonomische Situation der Verlage verschärft…

(…)

Welche Lyrik-Anthologie würden Sie auf die berühmte einsame Insel mitnehmen?
Braun: Als Konzept hat mir immer Walter Höllerers „Transit“ gefallen, 1956 bei Suhrkamp erschienen. Über Höllerers Texte zur Poesie bin ich ja quasi dazu gekommen, mich mit Lyrik zu beschäftigen. „Transit“ ist eine Anthologie, die Gedichte mit Randnotizen versieht. Schon mal interessant: Der Herausgeber spricht mit den Gedichten. Und das zweite: Die Autorennamen stehen nicht über dem Gedicht, die finden sich hinten im Verzeichnis. Man wird also zunächst nur mit den Texten konfrontiert und kann dann nachlesen: Wer war das jetzt eigentlich? Lyrik so zu enthierarchisieren, das fand ich ein kühnes Unternehmen. Und schließlich hat der Band einen wunderbaren Untertitel: „Lyrikbuch der Jahrhundertmitte“.

Klingt spannend. Sollte man Höllerers Ansatz nicht mal wieder an der jüngeren Gegenwartsdichtung testen?
Braun (lacht): Das wäre sicher reizvoll. Aber ich fürchte, in der gegenwärtigen Situation sind sämtliche Verlegerohren, was so ein Projekt betrifft, fest geschlossen.

/ Börsenblatt

2. Walle Sayers Prosagedichte

Der Lyriker Walle Sayer im Gespräch mit Eva Zeller, dlf Büchermarkt:

„Beim Gedichteschreiben hat man immer die Lupe und das Fernrohr, diese beiden Blickwinkel, hat man immer, wenn man einen Gegenstand sieht, wenn man ihn aus der Ferne sieht, so genau wie möglich möchte man ihn erkennen. Das Poetische erschließt sich, wenn man ein Detail, eine Einzelheit findet, die für das Ganze spricht. Da muss man genau hinschauen, um eben so winzige Sachen zu sehen und unterm poetischen Mikroskop, unter der Lupe, werden sie größer, wie sie eigentlich sind. Es hat immer mit Genauigkeit zu tun, die man erreichen möchte.“

Zur Genauigkeit gehört auch, dass die Prosagedichte musikalisch komponiert sind. Sie setzen oft beiläufig ein, kristallisieren sich um einen dramatischen Kernsatz und verdichten sich zu Bildern, die sich auftürmen. „Kartenschrieb“ heißt zum Beispiel eine poetische Postkarte, die mit einer Verortung einsetzt: „Küstennebel, Dahmeshöved“, ein Ort, der für sich spricht und sicher an einem nördlichen Meer liegt.

„Küstennebel, Dahmeshöved. Die Häuser ducken sich unter den Windstärken hinweg. Ich weiß nunmehr, dass durch ein kleinerwerdendes Boot das Meer noch größer wird. Dass von vier Schnapsgläsern eines mit Wasser gefüllt ist. Dass auch ein Himmel seine Untiefen hat. Und ein jeglicher Leuchtturm seine eigene Lichtkennung.“

Der Lyriker Walle Sayer und sein neuer Band mit Prosagedichten „Kerngehäuse – Eine Innenansicht des Wesentlichen“ erschienen im Verlag Klöpfer & Meyer Tübingen. (2009)

Walle Sayer in L&Poe:

2001    Mrz    #    TÜRSCHILD
2001    Mrz    #    „Zeit“ gelobt Besserung:
2001    Mrz    #    «Irrläufer»: Gedichte von Walle Sayer
2001    Aug    #44.    Kurzlyrik
2002    Mai    #    Dritter Lyrik-Gipfel in Aachen
2006    Mai    #18.    Autoren in Lauffen
2006    Dez    #3.    Hilfsangebot
2007    Jun    #77.    Burg Husen
2007    Sep    #26.    Zwei Lyriker zu Gast
2007    Okt    #94.    Bissige Stille
2008    Jan    #104.    Sistiger Lyrikkreis
2008    Jan    #104.    (Forts.)
2008    Jun    #106.    DAS ZWEITE BEIN
2008    Aug    #2.    Der Große Conrady
2009    Feb    #114.    Lernschritt
2009    Mrz    #14.    Keine Größe
2009    Mrz    #120.    Walle Sayer im SWR-Fernsehen
2009    Apr    #78.    Sayers Inbilder
2009    Sep    #26.    Literaturtage Nordschwarzwald

1. Ur-Haiku

„Uralter Teich. Ein Frosch springt hinein. Plop.“ Was sich zunächst wie die Beobachtung eines gelangweilten Twitter-Nutzers liest, ist in Wirklichkeit ein Gedicht. Ein sehr kurzes zugegebenermaßen, und es reimt sich auch nicht. Das muss es aber auch nicht. Es handelt sich um eine der über 100 Übersetzungen des wohl bekanntesten Haiku. „Das Ur-Haiku schlechthin“, meint Rita Rosen. Sie ist die Vorsitzende des Haiku-Kreises in Wiesbaden. …

Gut 200 Jahre hat es gedauert, bis es das Haiku Anfang des vergangenen Jahrhunderts nach Europa schaffte. Vor einem Jahr ist es dann in Wiesbaden angekommen. Da nämlich wurde der Haiku-Kreis im Literaturtreff Multatuli in der Herderstraße 31 gegründet. Hier treffen sich an jedem ersten Dienstag im Monat sechs bis sieben Frauen und Männer, um der japanischen Dichtkunst zu frönen. Allerdings in deutscher Sprache. / Christian Struck, FR 1.10.


163. Keine Einreise für Hölderlin

Bringt mir eure Müden, eure Armen, eure wimmelnden Massen, damit sie frei atmen können, aber bitte nicht KD Wolff! Dem Stroemfeld-Verleger KD Wolff wurde am Freitag auf dem John F. Kennedy Airport in New York die Einreise in die USA verweigert. Nach mehrstündigen Verhören wurde er mit der letzten Lufthansa-Maschine nach Frankfurt am Main abgeschoben. Sein bis 2010 gültiges 10-jähriges Visum, mit dem Wolff bereits drei Reisen in die USA unternommen hatte, sei angeblich schon 2003 widerrufen (revoked) worden. Das war Wolff bisher nicht mitgeteilt worden. KD Wolff war auf Einladung des Vassar College in die USA gereist, um an der Konferenz „African American Civil Rights and Germany in the 20th Century“ teilzunehmen, die vom Deutschen Historischen Institut in Washington, D. C. mitveranstaltet wird. Zu den Teilnehmern gehört u. a. Angela Davis. KD Wolff, der 1967/68 Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) war, war als „historischer Zeuge“ eingeladen worden, u. a. weil er 1969 das „Black Panther Solidaritätskomitee“ in Frankfurt gegründet hatte. / taz 29.9.

162. Balkanische Alphabete

(wer A sagt muß auch B sagen: nach Bulgarien jetzt Rumänien)

Mo 5. Oktober 20 Uhr
Literaturhaus Berlin

mit

Constantin Acosmei
Vasile Leac
Iulian Tanase

Sabine Küchler
Hans Thill
Ernest Wichner

lesen Sie:

Vasile Leac

Was Seymour sah, als er China im Ballon überquerte

Am Tisch zwei Fischer
speisen vom toten Fisch

(Sabine Küchler)

von seymour gesehen, als er über china im ballon flog

.zwei fischer zutisch
einen toten fisch essend.

(Hans Thill)

reimlos sah seymour, als er im ballon durch china reiste

.zwei fischer saßen an einem tisch
und aßen einen toten fisch.

(Ernest Wichner)