66. „Walt Whitman, ein Kosmos, der Sohn Manhattans“

Die Liste der Bewunderer von Walt Whitman (1819–1892) ist lang: Franz Kafka und Thomas Mann gehören ebenso dazu wie Wladimir ­Majakowskij, Antonin Artaud oder Pablo Neruda. Expressionismus und Futurismus sind ohne Whitman ebenso undenkbar wie die Beat-Lyrik von Allen Ginsberg und Lawrence Ferlinghetti. „Whitman wäre begeistert gewesen von Rock and Roll, den Drogen, den beiläufigen, freundlichen sexuellen Beziehungen, für die das Geschlecht des Partners nicht wesentlich ist“, meinte der amerikanische Philosoph Richard Rorty, und der Kritiker Harold Bloom nannte „Leaves of Grass“ schlicht „the essential American book“. …

Die erste Ausgabe von 1855 enthält zwölf Gedichte, die vierte wächst bis 1892 mit 400 Gedichten zur „neuen Bibel“ Amerikas an. Diese Ausgabe ist auch Grundlage für Jürgen Brocans erste vollständige deutsche Übersetzung: 860 Seiten Gedichte samt Erläuterungen, befreit von allem hohen und auf die Dauer lähmenden Pathos. Dahingestellt sei, ob der neue Titel, „Grasblätter“, besser ist als der bisherige – „Grashalme“. 
Der Legende nach stand der Philosoph Ralph Waldo Emerson mit seiner Forderung nach einem Sänger von Amerikas Größe am Ursprung des Unternehmens. Der Großteil der heutigen Interpreten neigt zur Auffassung, erst Whitmans homosexuelles Coming-out habe den mittelmäßigen Zeitungsschreiber in einen „ekstatischen Chansonier“ verwandelt. In der „Zueignung“ kündigt er an: „Das Selbst sing ich, die schlichte Einzelperson: / Den modernen Menschen sing ich. / Doch spreche das Wort demokratisch, das Wort en masse.“

Im Zentrum der ausufernden, von Quäkertum, Esoterik, Natur, Technik und Kapitalismus beseelten Lobgesänge steht die „athletische Demokratie“ der Vereinigten Staaten. Tatsächlich spektakulär ist die formale Entscheidung, das Ganze in freien Versen zu gestalten: „Meiner Ansicht nach ist die Zeit gekommen, die formalen Grenzen zwischen Prosa und Lyrik im Wesentlichen niederzureißen.“ 
Der Gegenpol zu den säkularen Heiligenbildern mit ihren endlosen Aufzählungen und Listen ist der Dichter selbst: „Walt Whitman, ein Kosmos, der Sohn Manhattans, / Ungestüm, fleischlich, sinnlich, essend, trinkend und zeugend.“ Und weiter: „Ich, siebenunddreißig Jahre alt jetzt, bei voller Gesundheit (…) Ich bin beim Gedärm ebenso feinfühlig wie bei Kopf und Herz, / Kopulation ist für mich nicht geiler als der Tod, / Ich glaube an das Fleisch und die Begierden, / Sehen, Hören und Fühlen sind Wunder / Göttlich bin ich innen und außen.“ / Erich Klein in Falter : Buchbeilage 42/2009 vom 14.10.2009 (Seite 10)

Walt Whitman
Grasblätter
Nach der Ausgabe von 1891/92 erstmals vollständig übertragen und herausgegeben von Jürgen Brocan
September 2009 | Hanser, München
860 Seiten
EUR 41,10


65. Verschmelzung von Prosa und Poesie

Wir kennen aus der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts Werke, in die Gedichte eingefügt sind, den Wilhelm Meister, oder Werke, die überhaupt nur geschrieben zu sein scheinen, um Gedichte in sie einbetten zu können, wie den Heinrich von Ofterdingen oder den Maler Nolten.

Aber die „Mätresse“ geht noch einen großen Schritt weiter in der Verschmelzung von Prosa und Poesie: ihre Absicht geht dahin, aus Sprachschutt und Jargon und gehaltloser Schwätzerei, aus dem Unrat sprachlicher Lebenszerbröselung den lebensspendenden Humus der befreitesten und leuchtendsten Poesie zu erschaffen, aus den Rhythmen des Tratsches und der Gewöhnlichkeit unablässig in den warmen Glanz der romantischen Dichtung hinüberzugleiten – und zwar bruchlos und organisch – und wer das hört, der müsste das für Schwärmerei halten und glauben, ein solches Vorhaben könne nie und nimmer gelingen, aber es gelingt so mühelos, dass der Wechsel kaum spürbar ist – wie in der schönsten Sfumatura eines großen Malers weiß man nicht, wo die Prosa aufhört und die Poesie beginnt. Also: keine mehr als wohlfeile Denunziation der Trivialsprache – selbst da wo ihr Schwachsinn und ihre Peinlichkeit am schmerzhaftesten sind, sondern ihre Wiedererweckung und ihre Tauglichmachung zum Hervorbringen von Schönheiten – das ist das Programm und das ist es, was verblüffend genug dann auch in der „Mätresse“ verwirklicht worden ist. / Martin Mosebach, Laudatio auf Eckhard Henscheid anlässlich der Verleihung des Jean-Paul-Preises 2009, Süddeutsche Zeitung

64. Niemand wird berühmt

Vor 100 Jahren, am 30. November 1909 nach dem julianischen Kalender oder am 13. Dezember „des neuen Stils“, wie die Russen sagen (also nach der von den Bolschewiken 1918 eingeführten gregorianischen Zeitrechnung), starb in Sankt Petersburg, an der Freitreppe des vielleicht schönsten Jugendstil-Bahnhofs Europas, dem heutigen Witebsk-Bahnhofs, Innokentij Annenskij, Leiter des kaiserlichen Nikolaus-Gymnasiums in Zarskoje Selo und Kreisinspektor des Petersburger Schulkreises. Das Herz des 54-jährigen „zivilen Generals“ hatte versagt (sein Rang entsprach laut der berühmten von Peter I. eingeführten Rangtabelle, die die militärischen, höfischen und zivilen Dienstgrade des Russischen Reiches ordnete, der Würde eines Generals und verlangte nach der Anrede „Eure Exzellenz“).

Seine Exzellenz war auch ein kaum beachteter Literaturkritiker, ein nur Kennern vertrauter Übersetzer aus dem Französischen sowie dem Altgriechischen (den kompletten Euripides hat er übersetzt!) und ein nur einer Handvoll Petersburger Lyriker bekannter Poet. Sein einziger kleiner Gedichtband, „Leise Lieder“, 1904 erschienen, war mit Nik. T-o (auf Deutsch etwa „N. I. E. Mand“) unterschrieben, was wahlweise als Understatement oder als eine nüchterne Konstatierung seiner Lage gedeutet werden kann – oder als Anlehnung an den kleinen Scherz, den sich Odysseus mit dem Zyklopen Polyphem erlaubte. Kurz gesagt: Das Buch brachte seinem Verfasser nichts außer schlechten Kritiken.

Eben dieser „Niemand“ gilt heute, posthum, in der Geschichte der russischen Lyrik als einer der größten und einflussreichsten. Von seinen Qualitäten können sich jetzt auch noch einmal deutsche Leser überzeugen. Mit dem von Martina Jakobson herausgegebenen und übersetzten Auswahlband „Wolkenrauch“ (Edition Rugerup, 160 Seiten, 19,90 €) gibt er, zehn Jahre nach „Die Schwarze Silhouette“ im Zürcher Pano-Verlag, wieder ein Lebenszeichen. / Tagesspiegel 11.10. (Jurjews Klassiker)

Vgl. Lyrikzeitung 2003    Okt    #    Lyrik in Rußland (im Archiv)

63. Raymond Federman ist tot

Am 6. Oktober ist der franko-amerikanische Schriftsteller Raymond Federman in San Diego seinem Krebsleiden erlegen. …
Federmans schriftstellerisches Schaffen war stark autobiographisch geprägt und drehte sich intensiv um das Thema des Über-lebens und des Schuldgefühls, das das Allein-überlebt-haben hinterlassen hatte. Schon in seinem Erstling Alles oder nichts erwies sich Federman als experimenteller Autor: Er mischte Poesie und Prosa, spielte zudem mit Typographie und Satz und ließ Bilder aus Worten entstehen. So wurde Federman schnell zu einem der wichtigsten Vertreter der literarischen Postmoderne. / BuchMarkt.de

62. Querschnitt durch die moderne chinesische Lyrik

In den 92 Prosagedichten, die das Hörbuch enthält, ist von poetischer Autonomie die Rede, vom Interesse an der Postmoderne des Westens. Expressionistische Töne werden in der Wahrnehmung moderner Großstadtexistenz angeschlagen.

Yan Jun „Charta. Ein Sonett“:

„Ich fordere die Abschaffung der Kunst und die Veränderung des Lebens. Ich fordere, dass Salz in die Wunden gestreut wird und Gift in den Schnaps und dass die kalte Schulter fremde Wärme sucht“.

Dieses Hörbuch ist nichts für Mußestunden.

„… ich fordere die Befreiung der eingesperrten Wörter, ich fordere die
Forderung, das Verbot des Verbots, die Abschaffung der Abschaffung, die
Verspottung des Spotts“.

Es lässt dem Hörer keine Zeit, sich genussvoll in eine poetische Welt zu versenken, von der hierzulande wenig gesprochen wird. Beim ersten Ton spitzt man die Ohren.

„Schmetterlinge auf der Windschutzscheibe“, Fly Fast, Berlin 2009, 2 CDs, 138 Minuten

46. Translating Harry Potter

Found at bytelevel. Think outside the country

Test Yourself

How would you translate the famous “Riddle of the Sphinx,” from Harry Potter and the Goblet of Fire? Give it a try, and then check your translation—in Russian, French, Italian, Swedish, German, Norwegian, Dutch, Czech, Basque, Slovenian, Finnish, Portuguese, and Spanish—against that of the published versions, at http://www.iti.org.uk/indexMain.html. If you don’t have Internet access, drop a line to the editor, and we’ll be happy to send you a copy of the answers. (Source: TransLittérature, ITI Bulletin, No. 24, Winter 2002, Paris, with kind permission.)

The Riddle of the Sphinx

”First think of the person who lives in disguise,
Who deals in secrets and tells naught but lies.
Next, tell me what’s always the last thing to mend,
The middle of middle and end of the end?
And finally give me the sound often heard
During the search for a hard-to-find word.
Now string them together, and answer me this,
Which creature would you be unwilling to kiss?”

44. Monovassiá

Eine Spurensuche in der eigenen Kindheit und in den prägenden Stätten der frühen Jahre, eine Rückkehr an den Ort, an dem der Dichter im Jahr 1909 geboren wurde und in dem er aufwuchs – auch das ist der Zyklus „Monovassiá“ des großen griechischen Lyrikers Jannis Ritsos: „Deine Kinderjahre haben auf dich gewartet in vergessenen Winkeln,/ in niedergerissenen Gebäuden, in byzantinischen Gewölben -/ da war der Laden des Friseurs; da der des Schusters; da/ müsste das Fischgeschäft gewesen sein.“

1974 endete die Diktatur des Militärs in Griechenland und damit zugleich der Hausarrest des Dichters, der damit seine Bewegungsfreiheit zurückerlangte. Gleich die erste Reise führte ihn nach Monemvasia, wie sein Geburtsort offiziell in den Atlanten heißt, und in den folgenden drei Jahren entstanden sechsunddreißig Gedichte von wechselnder Länge, doch allesamt in Langzeilen gehalten, die auch den Ausdruck Gesänge rechtfertigen würden. …

In einem früheren Gedicht hatte Ritsos einmal geschrieben, er verstecke sich hinter einfachen Dingen, damit man ihn finden könne, und so geht auch hier das „Immerwährende“ des Felsen- und Festungsmassivs eine zwanglose Allianz mit dem Flüchtigen ein: „Bei Matúlas altem Restaurant/ pries der Duft von Fischsuppe aufs neue die enge gepflasterte Stätte“. / Jan Wagner, FR 10.8.

Jannis Ritsos: Monovassiá. Gedichte. Aus dem Griechischen von Klaus-Peter Wedekind. Suhrkamp 2009, 108 S., 11,80 Euro.

61. Atheistische Lyrik

Im Guardian-Blog wehrt Andrew Brown Vorwürfe, weil er die neuen Atheisten als soziale mehr denn als intellektuelle Bewegung behandele (das scheint die Leute zu beleidigen, schreibt er), ab, indem er auf alte atheistische Lyrik verweist: Gedichte von Arthur Hugh Clough, John Oldham und Anatole France.

60. Wir sind Nobel

Auch Bild feiert:

Deutschlands neue Nobelpreisträgerin Herta Müller
Das berichtet die Welt über unseren Literatur-Star
Kritik aus dem Osten – Begeisterung im Westen

und zitiert:

Und die konservative polnische Tageszeitung „Rzeczpospolita“ merkt an: „Über den diesjährigen Literaturnobelpreis für Herta Müller werden sich nicht nur Antikommunisten und Opfer kommunistischer Verfolgung, nicht nur Feministinnen, sondern auch Funktionäre des Vertriebenenbundes freuen. Nobelpreis mit dem Siegel Erika Steinbachs (Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, d. Red.)?“

Allerdings, nach Bild, freut sich nicht der ganze Westen:

In Frankreich und England tut man sich dagegen schwer mit der erneuten Auszeichnung einer Frau.

Die Konservativen werden aber heute abgewatscht:

Dem schließt sich die konservative britische Zeitung „The Times“ an: „Was haben Elfriede Jelinek, Imre Kertész und Wislawa Szymborska gemein, bitte? Sie haben alle den Literaturnobelpreis erhalten. Was haben Marcel Proust, James Joyce und Graham Greene gemein? Sie nicht.“

Und noch eine gute Nachricht: Der Marcel Reich-Ranicki habe bisher jeden Kommentar zum Literaturnobelpreis für Herta Müller abgelehnt.

„Ich will nicht über die Herta Müller reden“, sagte er am Donnerstag.

59. Sieben Sprachen

Deutsch, Slowenisch, Kroatisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Französisch: In diesen sieben Sprachen findet man die neuen Gedichte des Kärntner Autors Janko Ferk. „10 x 7“, das ergibt 70 Gedichte – oder sind es doch nur 10?

Janko Ferk, der selbst auf Deutsch und Slowenisch schreibt, hat für seinen neuen Lyrikband in den zusätzlichen Übersetzern und Übersetzerinnen kongeniale Mitautoren gefunden, ist doch das Übertragen von Lyrik immer auch ein Neuschöpfen! / Ö1

58. Timofiy Havryliv

Timofiy Havryliv gibt nicht viel Persönliches über sich preis, mit Mühe findet man einige Fakten: 1971 wurde er in Ivano-Frankivs’k in der Urkaine geboren. Im August 2002 war er ein Monat lang in Graz Artist in Residence, im Rahmen des Projekts „Poetik der Grenze“.

Fest steht, dass Timofiy Havryliv mit Lyrik begonnen hat: 1995 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband „Arabesken der Erinnerung“, für den er mit dem Blahovist Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Weitere Gedichtbände folgten: 1997 „Geographische Gesetze“, 1998 „Die Stunde der Einsamen“, 2002 „Auf das Gesagte zurückgreifend“.

Und dann 2009 eine sachlich formulierte Klage über die veränderte Rolle der Schriftsteller in der Ukraine: „Die Zeiten, da eine Lyrik-Lesung Hunderte von Zuhörern angezogen hat, waren als ein längst verloren gegangenes Phänomen der politisierten Gesellschaft nur noch in den Geschichtsbüchern zu finden.“ Fest steht auch, dass er sich über „konkrete Poesie“ in seinem Roman lustig macht. Und das, obwohl er behauptet, dass die Ukraine ein Land der Lyrik ist, ein „lyrisches Land, in dem alles lyrisiert wird, die Vergangenheit, die Zukunft, Verbrechen und Heldentat“. / ORF

57. Jacques Chessex gestorben

Der waadtländische Schriftsteller Jacques Chessex ist am Freitag in Yverdon gestorben, meldet Le Temps. Ein „ogre des lettres“, schreibt die Schweizer Zeitung: sagen wir ein „literarischer Riese“. (L’Ogre ist der Titel eines seiner Romane) Zum Tod Hugo Loetschers schrieb er im August: Ich denke an Paul Eluards Worte: «Der Tod eines Dichters ist nicht der Sieg der Dunkelheit.»

In L&Poe:

2003    Apr    #    Lever du Poète
2005    Mrz    #30.    Lyrik aus der Romandie
2008    Aug    #33.    Kein Höhenrausch
2009    Aug    #045. Chessex über Loetscher

56. „Glückwunsch, Herta!“

Und der Nobelpreis für Herta Müller bewegt nun auch Rumänien und Berlin, schreibt der Perlentaucher. Hier Rumänien:

Frau Ungar, wie haben die Rumänen auf den Literaturnobelpreis reagiert?

„Glückwunsch, Herta! Der Literaturnobelpreis ist nach Rumänien gegangen. Die in Rumänien geborene Autorin hat den Literaturnobelpreis erhalten.“ So stand es in der gesamten Presse. …

Herta Müller ist erst am Samstag in Hermannstadt gewesen, um beim Poesiefestival zu Ehren von Oskar Pastior zu lesen. Das hat bis Mitternacht gedauert. Etwa achtzig Leute waren da, für Lyrik eine gute Zahl. Sie hat auch aus dem Roman „Atemschaukel“ vorgelesen, der noch nicht auf Rumänisch übersetzt ist. / FAZ 10.10.

Schließlich die Stimme aus Berlin – nein, nicht die Bundeskanzlerin:

Man muss Herta Müller nicht gelesen haben, um als Berliner stolz auf den Nobelpreis zu sein. Wenigstens eine Herta, die gewinnt, sagten sich viele. …

Zur jüngsten Auszeichnung titelte die Berliner Morgenpost getröstet, ganz so, als steckte ihr noch immer Thilo Sarrazins Berlin-Häme in den Knochen: „Deutschland feiert Berliner Autorin: Literaturnobelpreis für Herta Müller“. Die TAZ dagegen ahnte schon, wohin der Hase in Berlin laufen will, und begegnete der Vereinnahmung der Autorin vorsorglich mit der Schlagzeile: „Nobelpreis für die Heimatlose“. / Harald Jähner, Berliner Zeitung

55. Gedichte im Walde

Lange wurde er überhaupt nicht beachtet – oder schlichtweg verachtet, wenn er wieder einmal durch den heimatlichen Wald spazierte, laut Gedichte deklamierend. Doch das ist eine ganze Weile her.

Die literarische Welt hat seine wahre Größe erkannt, sie verehrt ihn und krönt ihn mit Preisen – zuletzt mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg (2004). Johannes Kühn, am 3. Februar 1934 in Bergweiler im Saarland geboren, ist einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller unserer Zeit. Und einer der produktivsten: Kaum ein Tag vergeht, an dem er nicht mindestens drei Gedichte schreibt. Dabei wäre er fast vollständig verstummt, wenn er nicht Menschen an seiner Seite gefunden hätte, die ihn durch Zuneigung und Zuwendung wieder zum Sprechen brachten. / Eckhard Hoog, Aachener Nachrichten

54. Als Herta Müller den Müller-Guttenbrunn-Preis erhielt

Eine Erinnerung von Katharina Kilzer:

Im Sommer 1981 erschienen auf den Kultur- und Literaturseiten der Zeitung die ersten Kurzgeschichten von Herta Müller aus Nitzkydorf, aus einem der schönen Heidedörfer des Banats. Die Geschichte „Das schwäbische Bad“ las ich aufmerksam, denn diese Szenen beschrieben sehr genau das Samstagabend-Baderitual in vielen schwäbischen Häusern: Die gesamte Familie badete nach und nach im selben Badewasser.

Diese gelungene Schilderung der Wirklichkeit durch Herta Müller wurde jedoch von ihren Banater Mitbürgern missbilligt. Sie fühlten sich entlarvt, gedemütigt, beschimpft. / FAZ 10.10.