Gegen Morgen

Ein neues Heft der Reihe Versensporn bringt einen Querschnitt durch das lyrische Werk des Expressionisten Alfred Lichtenstein.

Alfred Lichtenstein 

(* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich) 

Gegen Morgen

Was kümmern mich die flinken Zeitungsjungen.
Mich ängstet nicht das Nahen verspäteter Autotiere.
Ich ruhe auf meinen schreitenden Beinen.

Verregnet ist mein Gesicht.
Grünliche Reste der Nacht
Kleben um meine Augen.
So hab ich mich gern –

Wie die spitzen, heimlichen
Wassertropfen auf tausend Wänden knacken.
Von tausend Dächern plumpsen.
Auf blinkenden Straßen hüpfen ...
Und alle grämlichen Häuser
Horchen auf ihren
Ewigen Gesang.

Dicht hinter mir ist die brennende Nacht verdorben ...
An meinem Rücken lagert ihr dunstiger Leichnam.
Doch über mir fühl ich den rauschenden,
Kühlen Himmel.

Siehe – ich bin vor einer
Strömenden Kirche.
Groß und still empfängt sie mich.

Hier will ich etwas verweilen.
Versunken sein in ihre Träume.
Träume aus grauer
Glanzloser Seide ...


Aus: Versensporn 50. Alfred Lichtenstein. Jena: Poesie schmeckt gut e.V. Jena, 2022

VERSENSPORN. Heft für lyrische Reize

Broschur, Klammerheftung, 36 Seiten. Umschlagmotiv: Walter Schnackenberg. Erste Auflage 2022: 100 Exemplare. Preis: 4,00 €

Exklusiv den Exemplaren der Abonnenten liegen zwei Zugaben bei: die Reproduktion eines Fotos von Lichtenstein, rückseitig bedruckt mit dem Handschriftenfaksimile des Gedichts Die Dämmerung, sowie eine Mini-CD mit der Vertonung des Gedichts Der Fall in den Fluß aus dem Jahre 1928/29.

Auch wenn kein Wort mehr glänze

Ernst Jandl (* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda) 

selbstporträt, 18. juli 1980

es sei mit ihm was los. nein, so genau 
wisse er selbst es nicht, spüre jedoch 
daß nichts mehr sei wie es gewesen sei. 
davon erzählen wolle er eigentlich nicht.
wolle eigentlich überhaupt nichts, wolle aber 
auch nicht völlig untätig sein, beschäftige sich 
daher nach wie vor mit gedichten, deren 
herstellung. auch wenn 
kein wort mehr glänze.

...

aus dreckigem glase 
jetzo trinke er 
das übliche gemisch, nur etwas 
mehr mineralwasser, dafür 
weniger whiskey, die flasche 
beinah leer, und er 
nicht willens das haus 
um neuen vorrat 
zu verlassen; müsse ja 
dieses gedieht hier noch 
schreiben und absegnen, ehe 
er sich an das spiel 
mit dem schach-computer mache, seinem 
neuesten hausgenoss, bekanntlich 
dem einzigen (immerhin 
schon dritten, nachdem 
den ersten und zweiten 
innerhalb rückgabefrist 
er verabschiedet habe), dreckig, 
das glas, von seinen 
schokoladelippen 
gestern nachts.
er schon griffe zum strick, 
den es im hause nicht gebe, gäbe 
es nicht so unmäßig viel
auch noch in seinem alter 
zu erleben: schokolade, 
whiskey, schach-computer, 
nutten – nein, vor diesen 
habe er immer sich 
gehütet. sich zu hüten 
sei überhaupt zeitlebens 
seine kunst gewesen.
(er wäre ein genie 
gewesen, hätte er 
sich selbst ver-
hüten können.)

Aus: Ernst Jandl, Werke in 6 Bänden. Hrsg. Klaus Siblewski. Werke 3. München: Luchterhand, 2016, S. 413f (Ursprünglich aus dem Band „selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr“).

Selbstbildnis

Milán Füst 

(geboren 17. Juli 1888 in Budapest; gestorben 26. Juli 1967 ebenda) 

Selbstbildnis

Ein Alter, hager und hakensinnig 
will auch ich sein, so, wie der Herr ...
Und solltest du fordernd fragen nach meinen Kindern, 
so werde ich voll Verachtung den Kopf abwenden ...

Denn keine Kinder hab ich, ich hatte nicht teil an solcher 
    Lust – wie der Esel Arabiens, 
der plötzlich, die Heimaterde witternd, auf einen neuen
    Pfad geht –
so schlug auch ich dereinst meinen sicheren Weg ein. 
Und gleichfalls den Weg nicht der Freude – wohl aber
    den der kahlen Wüste 
wo rot der Horizont ist und keinerlei Herde weidet –
doch wo geprüft wird, ob einer was aushält?
Und wenn der himmlische Vater dort keine Nahrung gibt,
    ob ich’s durchsteh !?
Und ob ich dann vor Durst wehklage? 
Und Schurke werde in der Schurkerei?

Und immer neues Wissen suchte ich in allem Wissen, 
und keine Ehre war mir je zu groß 
und wo der Himmel licht war, sucht ich helleres Leuchten 
und tiefer noch und sengender ein Dunkel als ein Weiberschoß ...

Ich seh es schon: Das Greisenalter werd ich nie erblicken. 
Treib ich’s so weiter? – Wehe mir – so schrie vielleicht ich
    aus dem Fenster 
und kriech doch in mich selbst aus Furcht vor Hohn und
    Spott.
Anstarrn mich nur vier glühende Wände –
des Herrgotts Zorn wie Scharlach rot –
dann geh ich langsam fort mit stetem Nicken.
Ein tiefgekränkter Knecht, ein ungetreuer Hirt –
einer, der lang schon trägt im Herz den Tod 
und der den Richter sucht und ihn nicht finden wird.

Nachgedichtet von Franz Fühmann, aus: Milán Füst, Herbstdüsternisse. Gedichte, „Aufzeichnungen“. Leipzig: Reclam, 1974, S. 17

Önarckép

Horgaselméjű s szikár 
Aggastyán akarok én is lenni, olyan, mint maga az Úr ... 
S ha majd számonkérnéd tőlem a gyermekeimet, 
Megvetéssel fordítom el akkor a fejem ...

Mert nincsenek gyermekeim, e vigasságban nem volt 
    részem – mint az arabs szamár, 
Ki megszagolván honni földjét, uj ösvényre fordul
    hirtelen 
Úgy indultam el én is egykor biztos útamon.
És nem az öröm útját választottam én sem – ám a kopár
    sivatagét.
Hol vörös a földek szintje s nem legelész semmiféle nyáj 
De hol majd megpróbáltatik, ki mit bír el?
S ha nem ád ott az égi Atya enni, azt kitartom-e?
S a szomjúságtól majd jajongok-e?
S a bitangságban majd, hogy elbitangolok-e?

S minden tudásban kerestem egyre új tudást 
S a dicsőségben nagyobb dicsőségeket 
S hol világos volt az ég, nagyobb világolást 
S az asszonyölnél égetőbb és még nagyobb sötétet ...

Ugy látom, öregember én már nem leszek.
S most folytassam a régit addig is? – Ó jaj – kiáltanám 
    egy ablakból talán 
De gúnytól félek s elbuvok magamba.
Négy izzó fal mered reám csupán, –
Az Úristennek vörhenyes haragja, –
Majd bólogatva, lassan elmegyek.
S mint ki régen hordja már szivében a halált, –
Kárvallott számadó, megbántott, régi szolga 
S ki bírót ment el keresni, de nem talált.

Schweigen

Wjatscheslaw Iwanow 

(* 16. Februarjul. / 28. Februar 1866greg. in Moskau; † 16. Juli 1949 in Rom) 

Schweigen

Steht in flammendem Schweigen die Rose, 
Sie weiß nicht, was die Nachtigall sang.
Ihre Seele – ein duftender Klang, 
Der uns anfliegt und haucht: »Bin ganz Rose.«

Der uns anfliegt und haucht: »Bin ganz Pracht.« 
Und so leuchtet die Rose: »Bin Feuer ...« 
Auch das Herz, sonnengleich, soll sich freuen, 
Gleich der Rose, ob wortloser Macht.

um 1911

Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 255

Вячеслав Иванов 

Молчание

Вся горит – и безмолвствует роза, 
И не знает, что пел соловей. 
Благовонной душою своей 
Только в душу нам дышит: »я - роза«.

Только в душу нам дышит: »цвету«. 
Только в очи глядит: »пламенею« ... 
Полюби соприродную с нею. 
Сердце солнце, свою немоту.

Die romantischen Hunde

Roberto Bolaño 

(* 28. April 1953 in Santiago de Chile; † 14. Juli 2003 in Barcelona) 

DIE ROMANTISCHEN HUNDE

Damals war ich zwanzig 
und verrückt.
Ich hatte ein Land verloren, 
doch einen Traum gewonnen.
Und solange dieser Traum währte, 
zählte alles andere nicht.
Weder die Arbeit noch das Beten 
noch das Studieren bei Tagesanbruch 
mit den romantischen Hunden.
Und der Traum lebte in der Leere meines Geistes.
Ein hölzerner Raum 
im Halbschatten 
in einer der beiden Lungen der Tropen.
Und manchmal zog ich mich in mich zurück 
und besuchte den Traum: eine Statue, 
verewigt in flüssigen Gedanken, 
ein weißer Wurm, sich windend 
in der Liebe.
Einer zügellosen Liebe.
Ein Traum in einem anderen Traum.
Und der Alptraum sprach zu mir: du wirst wachsen.
Die Bilder des Schmerzes und des Labyrinths hinter dir lassen, 
und du wirst vergessen.
Doch damals wäre wachsen ein Verbrechen gewesen.
Ich bin hier, sagte ich, mit den romantischen Hunden, 
und hier werde ich bleiben.

Aus dem Spanischen von Carsten Regling, in: Sinn und Form 14/2014, S. 652

Wie ein Stein, den man gegen den Ararat schleudert

Der armenische Dichter Jeghische Tscharenz fiel den Stalinschen Säuberungen des Jahres 1937 zum Opfer. 17 Jahre später wurde er rehabilitiert. – Die Motivähnlichkeit mit dem gestrigen Gedicht ist zufällig, aber warum nicht? Man kann seine Feinde nie genug schmähen.

Jeghische Tscharenz 

(armenisch Եղիշե Չարենց;  * 13. März 1897 in Kars, damals Russisches Reich, heute Türkei; † 27. November 1937 in Jerewan in der damaligen Sowjetunion, heute Armenien) 

Wie ein Stein, den man gegen den Ararat schleudert, so nichtig 
Ist das schwarze Intrigenspiel jener ohnmächtigen Menschlein –
Oh, die dir nicht einmal bis an den Rocksaum hin reichen, so winzig! –
Es prallt ab angesichts deines alles vereinenden Willens 
Und geht für alle Zeiten zugrunde, ohnmächtig und machtlos, 
Wie ein Stein, den man gegen den unerreichbaren Ararat schleudert...

(1937)

Aus: Jeghische Tscharenz, Mein Armenien. Gedichte. Erw. Neuauflage. Hrsg. u. aus dem Ostarmenischen übertragen von Konrad Kuhn. Wuppertal: Arco, 2015, S. 197 (1. Aufl. war 2010)

Armenischer Originaltext

An gewisse andere

Paul Kraft

(* 28. April 1896 Magdeburg, † 17. März 1922 Berlin)

An gewisse Andere

Tier im Menschen, Mensch im Tiere, 
Eingeschnürt in Nacht-Visiere, 
Ewig Grausein, ewig Schlechtsein, 
Ewig dumpfes Ungerechtsein, 
Kraut im Feld und Rauch im All, 
Schlamm auf Straßen, Sturz und Fall, 
Staub und Asche, Stank im Blut, 
Niedergang und dürrer Mut, 
Eure Güte noch ist Haß, 
Härte ohne Ziel und Maß.

Eure Nächte erst sind Tag, 
Euer Leuchten ist mein Dunkel, 
Sein Erlöschen mein Gefunkel, 
Wenn ihr schlaft erst bin ich wach.

Ekel spritzt vor euch zur Erde, 
O ihr Tiere! O ihr Herde!
Falsch erworbener Stärke Nützer, 
Haß- und Niedertracht-Verspritzer, 
Allen Schwachen Tyrannei, 
Schlagt die Güte ihr entzwei.

Herz! O Herz! Du dennoch Sieger, 
Ob ihr spottet, wenn ich mahne, 
Ewigdürren Feldes Pflüger 
Als des Lebens schlechtste Krieger, 
Über Pranger eures Eifers 
Bösbehaglichen Gegeifers, 
Über euch und euren Hohn, 
Über Gott und Gottes Thron 
Donnern meine Wort-Orkane, 
Wirbelt meiner Güte Fahne.

Aus: Versensporn 49. Paul Kraft. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2022, S. 5

Greifswalder Denkmalstreit 1854

Greifswalder Universität entschied sich für Ernst Moritz Arndt

oder ein Greifswalder Denkmalstreit

Von Karl-Heinz Borchardt (Greifswald)

L&Poe Journal #02 – Betrachtung und Kritik

„Es war einmal“. So beginnen viele Grimm‘sche Märchen. Die Formulierung geht auf Märchenanfänge der Bretagne zurück. Sie steht für Sicherheit und Bestimmtheit. Denn was einmal war, „hat die Tendenz immer wieder zu kommen“ (Max Lüthi).  Ernst Moritz Arndt begann sein bekanntestes Märchen, Die Geschichte von den sieben bunten Mäusen, mit den Worten „Vor langer, langer Zeit“. Im Herbst 1817 und im Winter 1820/21 schrieb Arndt seine Märchen und Jugenderinnerungen.  Der erste Teil der Sammlung erschien 1818 bei Georg Andreas Reimer (1776-1842) in Berlin. Das Buch verkaufte sich schlecht. 1842, nach dem Tod des Freundes, brachte dessen Sohn eine 2. Auflage heraus und schloss 1843 einen zweiten Teil der Sammlung an. Von beiden Teilen waren noch 1910 Restbestände im Lager. Aber auch die erste Ausgabe der Grimm’schen Märchen, die zu Weihnachten 1812 ebenfalls bei dem aus Greifswald gekommenen Verleger Georg Reimer erschien, verkaufte sich unbefriedigend. Doch der Erfolg kam nach und nach und aus den Kunstmärchen wurden Volksmärchen. Aber was hat das, was wir im Gedächtnis unter Grimm’sche Märchen gespeichert haben, mit dem vor allem durch Wilhelm Grimm geprägten Ursprungstext zu tun. Hin und wieder sollten wir Autoren, über die wir sprechen, auch wieder lesen. Bei den Grimm’schen Märchen glauben viele neben der Eingangsformel, „es war einmal“, auch eine Schlussformel zu kennen: „und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch“. Aber so endet nur das Märchen Fundevogel (KHM Nr. 51). Nur in diesem Märchen findet sich dieser Schluss.  

Es ist nicht einfach, aber einfach notwendig, dass wir beim Hinterfragen einer anderen Meinung auch die eigene kritisch betrachten, und wenn wir über Autoren sprechen, sie auch wieder lesen. Nun erweisen sich einige Arndt-Texte, wohl auch sein Hauptwerk Geist der Zeit, für einen heutigen Leser als sperrig. Wer sich Arndt nähern möchte, könnte mit den Erinnerungen aus dem äußeren Leben (1840) oder Meine Wanderungen und Wandlungen mit dem Reichsfreiherrn Karl Friedrich vom Stein (1858) beginnen oder mit den Reisebeschreibungen, z.B. Pariser Sommer 1799.Eine erste Annäherung könnten auch die Märchen sein. Es sind dies Werke aus verschiedenen Lebensepochen Arndts. Denn, wer von Arndt spricht, sollte auch sagen, von welchem Arndt.

Wenn die jüngeren Kontroversen dazu beigetragen haben, dass über Arndt nicht nur gesprochen, sondern Arndt auch gelesen wird, waren sie nicht unnütz. Die Universität Greifswald hat dabei aber eine große Chance verpasst, nämlich die Kontroverse in eine Debatte zu führen. Mit der Organisation von Seminaren, Symposien und Vorträgen als Voraussetzung zur Erarbeitung einer kritischen Gesamtausgabe der Arndt’schen Schriften. (vgl. Götz Aly, Stuttgarter Ztg. vom 29.05.2017). Eine solche Erarbeitung, von der seit Jahrzehnten gesprochen wird, müsste fächerübergreifend geschehen, denn Arndt wirkte in Politik, Kultur, Geschichte, Theologie und Literatur und wurde zu einer „der bedeutendsten Figuren der jüngeren deutschen Geschichte“ (Erhart, Koch, S. 3).  

Zur 400-Jahrfeier der Universität (1856) legte Johann Gottfried Ludwig Kosegarten (1792-1860) eine zweibändige Geschichte der Universität vor. Kosegarten, Sohn des Dichters Ludwig Gotthard Kosegarten, war nicht nur ein Kenner orientalischer Sprachen, sondern auch der pommerschen Landesgeschichte. Im Vorfeld des Jubiläums, in den frühen 50er Jahren, entstand der naheliegende Gedanke zu der Jahrhundertfeier ein Denkmal zu errichten. War doch das 19. Jahrhundert das Jahrhundert der Denkmäler. Aber bereits die inhaltliche Diskussion in den Gremien der Universität zeigte sehr unterschiedliche Vorstellungen über die Gestaltung des Denkmals. Zudem mussten die Vorstellungen der königlichen Akademie Greifswald mit den preußischen Behörden abgestimmt werden, und auch der preußische König Friedrich Wilhelm IV. nutzte u.a. seine Greifswald-Aufenthalte um sich nachdrücklich in die Diskussion einzubringen.

Den Gedanken, das Universitätsjubiläum mit der „Errichtung eines Monuments“ zu würdigen, trug der Professor für Klassische Philologie und Archäologie Karl Ludwig von Ulrichs (1813-1889) 1852 in die Gremien der Universität. Mit dem Denkmal sollte an „einen der Stifter oder Förderer der Universität“ erinnert werden. Dabei dachte v. Ulrichs an den Herzog Wartislaw IX. oder Heinrich Rubenow. Das Konzil der Universität unterstützte generell diese Vorstellungen und zur konkreten Beratung wurde eine Kommission gebildet, der u.a. Kosegarten und von Ulrichs angehörten, letzterer war auch der Sprecher. Die Kommission einigte sich relativ schnell auf Heinrich Rubenow, den auch das Konzil favorisierte. Aber zur Realisierung des Denkmals war die finanzielle Unterstützung der preußischen Behörden nötig und deshalb stellte man an den Kanzler der Universität, den Fürsten Wilhelm Malte I. (1783-1854) zu Putbus, den Antrag, „er möge sich beim Ministerium für Geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten“ um diese Gelder bemühen. In dem Schreiben an den Kanzler wurden aber drei Personen vorgeschlagen, die „vorzugsweise beachtenswert“ seien: Bogislaw XIV. (†1637), der letzte pommersche Herzog, war für die wirtschaftliche Stärke der Universität besonders wichtig, da er die Güter des herzoglichen Amtes und früheren Klosters Eldena der Universität überließ. Als zweite Person wurde Wartislaw IX. erwähnt, in der Zeit seiner Herrschaft wurde 1456 die Universität gegründet. Zudem wurde Heinrich Rubenow vorgeschlagen, aber etwaige Gegenargumente gleich mitgeliefert: „sein niedriger Rang als Privatmann und die Rücksicht auf die erhabene Stellung des Landesfürsten“ (Zitate Schroeder, S. 9/10). Da die königliche Genehmigung einzuholen war, und dessen Vorstellungen nicht unbekannt waren, scheute das Konzil die eigenen Vorstellungen klar zu benennen. Diese wurden aber über verschiedene Kanäle  dem preußischen doch König übermittelt. Zwar brachte der Kanzler, ohne auf die Vorschläge der Universität einzugehen, in seinem Antwortschreiben Friedrich Wilhelm III., den Vater des regierenden Königs, in die Debatte. So sollte mit einem Standbild Friedrich Wilhelms III. daran erinnert werden, dass Greifswald unter dessen Regentschaft wieder preußisch wurde.

Aber Friedrich Wilhelm IV. erwies sich in dieser Angelegenheit toleranter als angenommen. So schlug er vor, von der früher beabsichtigten „Errichtung einer Statue abzusehen und dagegen ein Monument zu wählen, welches die Möglichkeit gewähren würde, den verschiedenen Männern, welche sich um die Hochschule verdient gemacht oder derselben zur Zierde gereicht haben, ein ehrendes Andenken zu stiften“ (Hoefer, 80). Gleichzeitig wurde der Hofbaurat Friedrich August Stüler, der Nachfolger Schinkels, aufgefordert, einen Entwurf für ein solches Denkmal anzufertigen. Stülers Entwurf, der nicht erhalten ist, war wohl ein wesentlicher Schritt zu dem heutigen Rubenow-Denkmal. So sollten die fürstlichen Persönlichkeiten des Denkmals vom König festgelegt werden und die Universität ihre Vertreter benennen. Die Universitätsleitung überließ es den Fakultäten mitzuteilen, wen sie als ihren Vertreter auf dem Denkmal zu sehen wünschten. Nur in der Philosophischen Fakultät kam es dabei zu einer längeren Diskussion. Auf ihrer Sitzung im September 1854 sollte über einen Vorschlag Kosegartens, der der Theologischen Fakultät angehörte, abgestimmt werden. Kosegarten hatte die Historiker Johann Philipp Palthen (1672-1710) und Albert Georg Schwarz (1687-1755) vorgeschlagen. Karl Ludwig von Ulrichs, der an der entscheidenden Sitzung der Fakultät nicht teilnehmen konnte, äußerte sich brieflich: „Sollte es aber nicht besser sein, E. M. Arndt, einen echten Landsmann und eine populäre Gestalt zu wählen? A. lebt zwar noch, aber gehört doch der gegenwärtigen Generation nicht eigentlich an. Wer weiß, ob er die Vollendung des Denkmals erlebt? Für ihn stimme ich vor Allem“ (Schroeder, 21).

Auf der Fakultätssitzung wurde zunächst auch Johann Carl Dähnert (1719-1785) vorgeschlagen. In der Diskussion waren sich dann aber rasch alle einig Palthen von der Liste zu streichen. Auch Dähnert konnte in der Diskussion nicht durchgesetzt werden, weil „die Verdienste des fleißigen Sammelns und Aufbewahrens von wissenschaftlichen und gesetzgeberischen Quellen gleichwohl unter den Verdiensten der wissenschaftlichen Forschung ständen“ (Schroeder, 21). Letztlich konnte sich die Fakultät aber nicht darüber einigen, ob Ernst Moritz Arndt oder Albert Georg Schwarz als Fakultätsvertreter der Universitätsleitung vorgeschlagen werden sollte.

Der Historiker Schwarz kam aus der alten gleichnamigen Greifswalder Patrizierfamilie. Der Vater von Albert Georg Schwarz, ein Pfarrer, war ein Cousin der Dichterin Sibylla Schwarz. Bemerkenswert ist, dass Kosegarten zwar Schwarz in die Denkmaldiskussion einbrachte, er aber dessen Werke in seiner Universitätsgeschichte lediglich erwähnt, Arndts Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen dagegen ausführlich vorstellt. Umfassender würdigte Dähnert in seiner Gedächtnisrede auf Herrn Albert Georg Schwarz im Greifswalder Dom dessen Wirken. Schwarz sei „der erste seiner Art gewesen, der Pommern aus der Unwissenheit von sich selbst gerissen, den ungestallten Begriffen von diesen Landen die rechte Form gegeben“ und „dem Vaterlande sey es vorbehalten, das was hierunter ihm vor andern geleistet ist, zu schätzen, und zu verewigen“ (Dähnert, 200 ff.). Die Verschriftlichung seiner Gedächtnisrede beendet Dähnert mit einem Verzeichnis sämtlicher Werke von Albert Georg Schwarz. Zu den Befürwortern von Schwarz gehörten u.a. Georg Friedrich Schömann, er war 1856 bei der 400-Jahr-Feier Rektor der Universität und wohl noch interessanter, Albert Hoefer, der 1863 im Vorwort zu seinem Buch Ernst Moritz Arndt und die Universität Greifswald schrieb: „Es ist beachtenswert, in welchem Umfange und in welchem Sinne er sich über die mannigfachsten Gebiete der gesamten Welt- und Culturgeschichte verbreitet und es ist neu oder nur wenigen bekannt, dass er als Philologe seine Vorlesungen über einen weiten Kreis alter und lebender Sprachen und ihrer Denkmäler erstreckt hat.“

Über das Für und Wider von Ernst Moritz Arndt als Fakultätsvertreter wurde umfassend debattiert. Die Professoren, die sich für Arndt aussprachen, verwiesen auf seine „Verdienste um das deutsche Volk“, auf die Bedeutung Arndts als „politischer und historischer Schriftsteller“ und „Volksdichter“. Zudem sei er „ein geborener Greifswalder“ (! B.). Zu den Gegenargumenten gehörten, dass „Arndts Wirksamkeit an der Universität doch zu unbedeutend und den wenigsten in Erinnerung“ sei, und „als Gelehrter und Lehrer habe er sich nicht ausgezeichnet; seine geschichtlichen Schriften seien wissenschaftlich von nur untergeordnetem Wert“. Auch seine „Popularität und seine öffentliche Wirksamkeit können den Ideen des Zwecks unserer Wahl keinesfalls genügen“ (Schroeder, 21). Zudem gab es die Bemerkung, dass Arndt noch am Leben sei und lebenden Personen sollte kein Denkmal errichtet werden. Albert Hoefer schreibt rückblickend, sein eigenes Abstimmungsverhalten übergehend, in seinem Arndtbuch über den Denkmalstreit von 1854: „Da ward Arndt ausersehen, unsere philosophische Fakultät zu vertreten. Die Ansichten waren geteilt, sehr geteilt: es fehlte nicht an solchen, die bei diesem Anlass und an diesem Orte einen anderen zu ehren für angemessener hielten: aber die Stimme ist nicht vernommen, die Arndt diese Ehre nicht für würdig, ihn für uns und unsere Universität nicht als dauernde Zierde angesehen hätte.“ (Hoefer, 80). Während der Arndt-Schwarz-Debatte formulierte Hoefer noch, dass Ernst Moritz Arndt „gänzlich ungeeignet erscheint“ (Schroeder, 24).

Da sich die Fakultätsmitglieder im September 1854 nicht einigen konnten, kam es zu einer namentlichen Abstimmung, die ergab eine Mehrheit von 7:4 Stimmen für Schwarz. Die philosophische Fakultät teilte dann im Oktober 1854 dem Rektor mit, dass sie sich für Albert Georg Schwartz als ihren Vertreter entschieden habe. Der Senat der Universität sprach sich allerdings sehr eindeutig für Arndt aus (7:1). Die Philosophische Fakultät beanstandete wiederum, dass sich der Senat über ihre Mehrheitsentscheidung hinweggesetzt habe. Einige Mitglieder der Fakultät, darunter Hoefer, akzeptierten den Senatsbeschluss nicht und wollten sich direkt an den zuständigen Minister Karl Otto von Raumer wenden, ein Hauptvertreter des orthodox-monarchischen Flügels im Kabinett. (24)

Es lässt sich nicht sagen, inwieweit diese Professoren bewusst die politische Karte spielen wollten oder sie einfach nur der Senatsbeschluss verletzt hatte. Aber die Revolutionsjahre 1848/49 lagen noch nicht lange zurück und Raumers Einstellung konnte ihnen nicht unbekannt sein. So nahm Karl Ludwig von Ulrichs 1855 einen Ruf nach Würzburg an, den er wohl abgelehnt hätte, wenn vom Berliner Kultusministerium dies unterstützt worden wäre. Aber dem Kultusminister missfiel Ulrichs Haltung in der Revolutionszeit. Ulrichs, 1813 in Osnabrück geboren, wurde 1849 als Abgeordneter des Kreises Greifswald in die Zweite Kammer des Preußischen Landtags gewählt. Vorstellbar ist deshalb auch, dass konservativen Fakultätsmitgliedern Arndt suspekt war, weil Arndt nicht nur Abgeordneter der Nationalversammlung gewesen war, sondern auch zu den Delegierten zählte, die dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone anboten, die dieser zurückwies, da eine solche Krone „mit dem Ludergeruch der Revolution“ behaftet sei. Der Minister wollte jedenfalls Arndt auch nicht als Fakultätsvertreter sehen. In einem Brief an den Senat schrieb er, „ob es nicht angemessen sein würde, bei den Vorschlägen für alle Fakultäten Männer auszuschließen, welche noch am Leben sind“. (Schroeder, 27). Die Universitätsleitung bekannte sich jedoch klar zu Arndt: „Wir legen einen Werth darauf, dass sein geschichtlicher Name durch das Denkmal dauernd an unsere Hochschule geknüpft werde.“ (ebenda)

 Auf größere Kompetenz gegenüber dem Senat konnten sich die Mitglieder der Philosophischen Fakultät wohl nicht berufen. So waren für das Abstimmen spezifische Kenntnisse nicht nötig, man musste sich nicht kundig machen und es gab seitens der Fakultät auch keine weitere Information. So bekannte der Philosoph Professor Ernst Stiedenroth freimütig: „Ich weiß von dem Herrn Albert Schwartz gar nichts und halte den Herrn E. M. Arndt aus verschiedenen Gründen, die hier auszuführen zu weitläufig sein würde, für gänzlich ungeeignet.“

Friedrich Wilhelm IV. plädierte für Arndt, und der Kultusminister hatte dann die Aufgabe dies der Universität mitzuteilen, und so notierte der Dekan der Philosophischen Fakultät:  „Auf den von etlichen Fakultätsmitgliedern eingereichten Antrag an S. Exzellenz, dass Schwartz gewählt werden möchte, erfolgte der Bescheid, dass auf Befehl seiner Majestät Arndt als Repräsentant der Philosophischen Fakultät auf dem Denkmal anzubringen ist.“ (Schroeder, 24)

Das Gesamtkonzept des Denkmals zu 400-Jahrfeier entwarf Friedrich August Stüler. Bei der Ausführung des Projekts arbeitete Stüler mit erfahrenen Berliner Bildhauern zusammen. Für die vier Fürsten, in Nischen stehend, war Wilhelm Stürmer verantwortlich und für die vier Fakultätsvertreter, „standesgemäß“ eine Ebene tiefer und sitzend, Bernhard Afinger (1813-1882). Afingers größte Sorge galt Ernst Moritz Arndt: „Eine lebensgroße Figur eines Mannes, der noch lebt, machen wollen, ohne ihn gesehen zu haben, ist für mich undenkbar, und noch dazu eines Mannes, der vom deutschen Volk so geliebt und ebenso gekannt ist.“ (Schroeder, 36) Zudem schloss Afinger nicht aus, dass der alte Arndt bei der Einweihung des Denkmals mit seinem eigenen Abbild konfrontiert werden könnte. So kam es dann zu seiner Reise nach Bonn. Vorher machte er in Frankfurt am Main, auf Anratens Arndt, Station, um sich ein Porträt Arndts „in jüngeren Jahren“ (37) anzuschauen. Wahrscheinlich bezog sich Arndt hierbei auf die von Jacob Seib gefertigte Daguerreotypie, die er von allen Mitgliedern der Nationalversammlung gemacht hatte. Dieses Arndt-Porträt befindet sich heute im Historischen Museum Frankfurt am Main und an diesem Bild orientierte sich Afinger für seine Arndt-Skulptur. In Bonn modellierte Afinger eine lebensgroße Büste von Arndt, die viel Anerkennung erhielt und eine entscheidende Voraussetzung war für einen seiner größten Aufträge, das Bonner Standbild von Ernst Moritz Arndt (1864).

Die Einladung zur 400-Jahrfeier der Universität konnte der 86jährige Arndt nicht wahrnehmen. Die lange Reise von Bonn nach Greifswald wäre zu beschwerlich gewesen und an Rektor und Senat gewandt schrieb Arndt: „Wo Denkmäler errichtet werden, da feiert man gleichsam Todtenfeste.“

Eine kleine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert. Eine objektive Geschichte? Was sagt Mariechen am Ende des Arndt-Märchens Der Bauerndom zu ihrem Lebensmärchen: „Aber ein wenig haben wir es auch eingerichtet nach unserem Märchen, denn von selbst wollen die Märchen auch nicht so werden.“ Ein Satz, der sicherlich nicht nur für die Arndt-Rezeption gilt.

Lit.:

-Alvermann, Dirk, Birgit Dahlenburg: Greifswalder Köpfe. Gelehrtenporträts und Lebensbilder des 16.-18. Jahrhunderts aus der pommerschen Landesuniversität. Rostock 2006.

-Dähnert, Johann Carl: Gedächtnisrede auf Herrn Albert Georg von Schwarz Königl. Professor der Geschichte zu Greifswald in der St. Nicolai Kirche den 16. Jun. 1755 gehalten. In: J.C. Dähnerts Pommersche Bibliothek, 4. Bd., 6. Stück. Für den Junius, Greifswald 1755, S. 195-207 (Digitale Bibliothek MV).

-Dühr, Albrecht (Hg.): Ernst Moritz Arndt. Briefe. Darmstadt 1972 (Bd. 1), 1973 (Bd. 2).

-Erhart, Walter / Arne Koch (Hg.): Ernst Moritz Arndt (1769-1860). Tübingen 2007.

(Walter Erhart war von 1997-2007 Professor an der EMAU)

-Gärtner, Hannelore: Das Rubenow-Denkmal. Eine Fallstudie. In: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Jahrbuch Bd. 1, 1995/1996, S. 111-118.

-Hoefer, Albert: Ernst Moritz Arndt und die Universität Greifswald zu Anfang unseres Jahrhunderts. Ein Stück aus seinem und ihrem Leben. Mit einem Anhange aus Arndts Briefen. Berlin 1863.

-Kosegarten, Johann Gottfried Ludwig: Geschichte der Universität Greifswald. Erster Theil. Greifswald 1857 (Digitale Bibliothek MV).

-Kroymann, Jürgen: Geschichte der Klassischen Philologie an der Universität Greifswald. In: Festschrift zur 500-Jahrfeier der Universität Greifswald, Bd. II. Greifswald 1956, S. 120-135.

-Schroeder, Horst-Diether: Das Rubenow-Denkmal in Greifswald. Nach Akten des Universitätsarchivs. Greifswald 1977. (o. S., Seitenzählung B.)

(Abschnitt, überarb. u. erw., eines Vortrags im Greifswalder Falladahaus zum 250. Geburtstag Ernst Moritz Arndts)

Aufbegehren

MIKAEL VOGEL

Aufbegehren, für Friederike Mayröcker

Wenn ich einmal sterben 
Entgegen meiner Absicht trotzdem einmal sterben sollte 
Obwohl der Tod mein 
Leben lang mein Todfeind war 
Obwohl ich länger schreiben, viel mehr lesen wollte 
Länger nicht daran ge-
Dacht hatte aber viel mehr Leben ansammeln wollte 
Vergessen hatte dass das ewige Leben in der Intensität des Lebens liegt 
Sagt nicht dass ich in Frieden ruhen solle 
Gebt mich nicht so leicht auf, wünscht dass ich mich wälzen 
Dass ich um mich schlagen möge, den Tod an seinen gelben Fingernägeln ziehen 
Seine Knochen durchzuschütteln ver-
Suchen 
An seinen unverrückbaren Rippen meine Hände pulverisieren 
In meiner angesammelten Wut 
Sie ihm alle heimzuzahlen versuchend, meine Toten 
Die er wegge-
Rissen 
Gedemütigt, wie Lappen ausgewrungen hat 
In Kindskörpern wegzog 
In greisen Schmerzgefäßen überraschte, es war zu früh 
Denen er, Gift ins Ohr, an Weganfängen einflüsterte es sei zu spät 
Die weinend mitgegangen sind.
Redet nicht vom Bleiben eines Werks als ob es den Tod seines Menschen er-
Setze. Sagt: ihre Lebenslust. Sagt: sie riskierte die Nacht.
Ihre Erinnerungen, ver-
Stummt. Die Entfernung in die hin sie ganz allein war, uns ver-
Lorengegangen. Sagt: Mit der die ich kannte ist die die ich nie kennenlernte ver-
Schwunden.
Ich sage: Dort, wo deine Füße waren.
Deine Luftschuhe, leer

Aus: manuskripte 236/2022. weiter schreiben. S. 101

Symbolpolitik

Tom de Toys, 19.3.2022 ©POEMiE™

SYMBOLPOLITIK
(POLITLYRIK IST BLUTLYRIK)

wir bekennen symbolisch fahne und stehen
symbolisch an der seite derer die unsere
hilfe benötigen wir erziehen unsere kinder
von klein auf zur symbolischen nächsten-
liebe und symbolischen anteilnahme
wir applaudieren symbolisch und feiern
symbolische kompromisse um den symbolischen
weltfrieden zu stabilisieren politiker
retten nur nachträglich statt nachhaltig
das klima für symbolpolitiker ist alles
im nachhinein wieder prima sie schwingen
symbolische reden an allen symbolischen
mehrfachgedenktagen und diplomatieren mit
diktatoren und terroristen das echte leben
wird schon seit anbeginn aller zivili-
sationen mit symbolen verseucht die das
bewusstsein hypnotisieren dazu bedarf es
noch nicht einmal neurochips denn durch
die designerbrillen der geistig blinden
erscheint die reale welt wie ein nettes
computerspiel in dem sie symbolische punkte
sammeln für das symbolische paradies ihres
symbolischen gottes der sich symbolisch
erbarmt für die symbolischen sünder
während die vögel zwitschern die sonne
scheint der blaue himmel das blaue vom
himmel verspricht und die bomben auf
blumen und ungeborene fallen aber auch
dieses symbolische slamgedicht wird im
symbolischen lauf der dinge verhallen
literatur kann die welt nur symbolisch
verändern solange despoten statt dichter
die wirklichkeit rendern durchzieht den
gesamten film ein einziger riss aus dem das
symbolische blut der dummheit quillt die
symbolischen panzer rollen überall weiter
wir informieren uns multimedial gechillt

Als Poetryclip vom Autor rezitiert: @ https://youtu.be/t1PuN4mnSNE?list=PLEqm0Ci2SxP3lH24FPNN3sCLcdaRTZt2-

DER AUTOR ÜBER SEIN WERK: Stichwort „Symbolpolitik“: In Düsseldorf, der Stadt der meisten Millionäre in Deutschland, sammelt ein bildungsbürgerlicher Benefizveranstalter aus dem Literaturbetrieb peinliche 100.000€ Spenden, um ukrainischen Flüchtlingen zu helfen, während eine einzige Armbanduhr auf der Königsallee bereits bis zu 300.000€ kosten kann. WAS IST HIER LOS? In der Rolle des politischen Dichters bin ich geschockt und angeekelt von der Dekadenz der Superreichen und meiner eigenen Ohnmacht. Wäre ich ein Nobelpreisträger, stünde mein Gedicht nun in allen Zeitungen und würde bei Anne Will, TTT oder zumindest bei ZDF ASPEKTE diskutiert, wo der Moderator 2001 mein Gedicht „ÜBERSTRÖMUNG“ zum Thema Geschlechterkampf rezitierte, weil es für den Kinofilm „Poem“ (Regie: Ralf Schmerberg) mit Smudo (Fanta4) verfilmt wurde. Aber weil das über Jahrzehnte schleichend etablierte unsichtbare Dogma der selbstgefälligen Staatskultur wie ein Virus auch die gesamte ökonomisch jammernde Lyrikszene infiltriert und in einen unpolitischen biederen Blümchen-, Bienen- und Gemüselyrikbetrieb verwandelt hat, der in seinen Magazinen nur ungefährliche Preisträger und Mitläufer publiziert, bleibt mir lediglich die Aufgabe, die Verantwortung wahrzunehmen, meine Freizeit dazu zu nutzen, Socialmedia-Produktionen bereitzustellen, um als Vertreter einer engagierten Mikroszene wenigstens dort meinen symbolischen Beitrag zu leisten, wo die intellektualen Institutionen der Demokratie noch keine Kontrolle übernehmen durften, obwohl sie es gerne täten und auch konkret versuchen, wie z.B. mit der megapeinlichen Neuerfindung des Rads, wenn ein Poesieprojekt auf Instagram behauptet, jetzt würde es dank seiner geförderten Schnösellyriker dort endlich Gedichte geben, während andere nach vielen Jahren poetischer Aktivität längst überlegen, inwiefern die dortige Webpräsenz überhaupt noch Sinn macht. Dieses Penntütenpoesie-Verhalten ist vergleichbar mit dem, was vor vielen Jahren auf mySpace geschah: das damalige Musikportal (durch das sogar Bands entdeckt und berühmt wurden) verkam zu einer mit Werbespam vermüllten Teenie-Singlebörse, alle wanderten ab zum jungen Facebook. Kein Musiker würde heutzutage auf mySpace beginnen und dann behaupten, dadurch den Pop aufs Portal gebracht zu haben. Der offiziöse deutsche Literaturbetrieb hinkt ebenso wie alle institutionellen Strukturen immer einen Schritt hinter avantgardistischen Prozessen hinterher, vereinnahmt oder kopiert deren Erfindungen dann irgendwann und behauptet, sie selber kreiert zu haben. Wird Dir beim Lesen jetzt auch schon ein bißchen übel? Willkommen in meinem Lebensgefühl als radikaler FREIGEIST UND FREISCHAFFENDER KÜNSTLER seit über 30 Jahren! Aber ich vertraue darauf, daß ich nicht alleine bin. Ich habe Seelengeschwister in der Vergangenheit und in einer besseren Zukunft. Es wird irgendwann eine neue, selbstehrliche Germanisten-Generation heranwachsen, die den historischen Deepfake der LOBBYLYRIK enttarnt und die vergessenen unbestechlichen Dichter in Erinnerung ruft. Falls ich dann noch leben sollte, BIN ICH BEREIT, denn die authentische eigene Stimme bleibt ja zum Glück bis zum Ende erhalten. Du findest mich also auch noch als 80-Jährigen auf der Bühne, falls sie nicht von der Staatskulturministerin kontrolliert wird! MEHR DAZU: @ http://www.OFFSZENE.de

Das Video zur metapoetologischen Position: „OHNMACHT+DEKADENZ: Die Gleichzeitigkeit der globalen Zustände am Beispiel der Ukraine in :Düsseldoof“ @ https://youtu.be/ZV90vacZpig

Bereits im Jahre 2000 erklärte der Autor im Radio:

„Es hat sich dahin entwickelt, daß die Ansprüche an die Texte immer niedriger wurden und das Sich-in-Szene-setzen (-das im negativen Sinne ‚Eventhafte‘-) in den Vordergrund gerückt ist. Auf einmal kriegt Jeder die Möglichkeit, auf einer Bühne mal für fünf Minuten der Held zu sein, fünf Minuten der Star zu sein. Und um der Star zu sein, nimmt man jeden Trend in Kauf. Und die Sprache ist Medienrummel, die Sprache ist Spektakel – nicht mehr lyrische Inspiration.“ WortSpiel-Interview mit DeutschlandRadio Kultur: „WENN LITERATUR ZUM EVENT WIRD“ (14.3.2000)

Heute 90 Jahr

Jürgen Becker 

(Der Schriftsteller, nicht der Kabarettist gleichen Namens; * 10. Juli 1932 in Köln) 

Ist das alles so wichtig

Fortgesetztes Dilemma: Seite für Seite 
ein perfektes Gedicht, oder die Notiz des Erlebten.
Gestern abend, unter Studenten, versuchte ich 
zu erklären, daß beim Schreiben alles geschieht 
nach Maßgabe der Erfahrungen und Einfälle, 
der sprachlichen Möglichkeiten und wahrgenommenen Motive. 
Aber sind Sie, wurde gefragt, denn immer so 
sensibel, wenn Sie sagen, wie sehr es darauf ankommt?
Nein, und ich kann sie nicht einmal zählen, 
die leeren Stunden und stumpfen Tage, 
die Momente gleichgültig und kaputt.

(aus dem Band Erzähl mir nichts vom Krieg, 1977)

Aus: Jürgen Becker, Gesammelte Gedichte. 1971-2022. Berlin: Suhrkamp, 2022, S. 132

Aus dem jüngsten Gericht

Angelus Silesius

(Johannes Scheffler; * 25. Dezember 1624 in Breslau; † 9. Juli 1677 ebenda)

Aus: Das Jüngste Gericht

                             »Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht, 
                             in welchem die Himmel mit Krachen vergehen werden; 
                             die Elemente aber werden für Hitze zerschmelzen 
                             und die Erde und die Werke, die in ihr sind, werden verbrennen.«
                             Petr. 3, 10


1
Herbei, herbei, der Tag bricht an,
Der Tag voll Furcht und Schrecken,
Der Tag, der alles auf die Bahn
Wird bringen und entdecken.
Der Tag des Grimms, der Tag des Zorns,
Der Tag der ernsten Rache,
Der Tag des Stachels und des Dorns,
Der ungerechten Sache.

2
Ihr Fürsten, Kaiser, Könige,
Ihr Herrn und Potentaten,
Ihr Päpst und hohe Geistliche,
Ihr Bischöf und Prälaten,
Ihr Richter alle kommt herbei,
Ihr müßt euch all gestellen!
Man wird das Urteil rund und frei
Auch über euch nun fällen.

3
O schwere Zeit, o strenger Tag,
Die Erde, die erbebet!
Kein Fels ist, der bestehen mag,
Der größte Berg zerklebet.
Das Meer, das schaumt und schwellt sich auf
Und macht ein Mordgebrülle,
Die Ströme lassen ab vom Lauf,
Stehn vor Erstaunen stille.

4
Die Winde sausen unerhört
Mit grausamem Gestürme,
Es werden alle Grüft erböhrt,
Es stirbt auch das Gewürme.
Das Vieh rennt unbesonnen her,
Das Wild lauft aus den Löchern,
Die Vögel werden matt und schwer
Und fallen von den Dächern.

5
Des Mondes silbern Angesicht
Wird blutrot vor Erschrecken.
Die Sonn verblaßt, ihr Thron zerbricht,
Ihr Viergespann bleibt stecken,
Die Sterne sieht man allzumal
In ängstlichen Gebärden,
O weh, sie falln in großer Zahl
Herunter auf die Erden.

6
Das wunderschön gefärbte Tuch
Ums himmlische Gewölbe
Kriegt hin und wieder einen Bruch,
Wird runzlig, schwarz und gelbe.
Der Morgenröte goldnes Kleid
Ist ganz und gar zerrissen,
All Anmut, alle Zier der Zeit
Ist hin und ist zerschlissen.

(...)

Aus: Sinnliche Beschreibung Der Vier Letzten Dinge. (1675) Mehr

Und als die Welt Krieg speit

Heft 2 der Zeitschrift Neue Rundschau hat den Schwerpunkt: Nachdenken über die Ukraine, mit Beiträgen von Stephan Wackwitz, Katharina Hacker, Uwe Kolbe, Volha Hapeyeva, Olga Martynova, Yevgeniy Breyger und anderen sowie Gedichten von Kateryna Kalytko, Iryna Tsilyk, Uwe Kolbe, Oleg Jurjew und Natalia Belchenko. Aus diesem Heft hier ein Gedicht.

Natalia Belchenko

(geboren 1973 in Kyjiw)

Ein Gedicht

Und als die Welt Krieg speit 
und in Leere entschwindet 
teilt der Frühling seine ersten 
Kraniche und Störche mit mir

Der Kranichzug führt die Kraft 
Furcht wie Fügsamkeit weichen zu lassen 
während uns auf dünnem Märzeis 
elementares Unheil befällt

Vergangenheitsform und Zukunftsform 
sitzen fest in grammatischem Schlamm 
Die Störche schlummern ein in den Horsten 
noch neigt sich ihr Flug nicht zum Ziel

Nur die Freiwilligen und die Armee 
schlafen nicht. Geboren in einem Keller 
nach der Zeitrechnung einer neuen Ära 
erhält ein Kind die heiligen Tafeln.

Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten, in: Neue Rundschau 2/2022, S. 136.

Ukrainischer Löwe

Wassyl Symonenko

(ukrainisch mit nur einem S im Vornamen: Wasyl, Василь Андрійович Симоненко; * 8. Januar 1935 in Bijiwzi, Oblast Poltawa, Ukrainische SSR; † 13. Dezember 1963 in Tscherkassy, Ukrainische SSR)

Ukrainischer Löwe

Gedanken sprießen, treiben aus in Worten, 
Ihre Triebe flüstern in der Tage Gewirr –
Unter Löwen weile ich, schon eine ganze Woche 
Nicht umsonst nennt diese Stadt Löwenburg sich.

Es gibt Städte, die wie Verräter, wie Bastarde aufstreben 
Es gibt Löwen, die schnurren wie Katzen zahm 
Sie lecken am Gitter, dem Wahnsinn ergeben 
Und stellen stolz ihre Blindheit zur Schau.

Doch darüber will ich jetzt nicht nachsinnen, 
Denn ein klein wenig Glück war mir heute gewiss. 
Ich traf Adam Mickiewicz, sah ihm in die Augen, 
Habe Krywonis gesehen und Franko begrüßt.

Altehrwürdiges Lwiw! Du Stadt meiner Träume 
Meiner Freude Epizentrum, meiner Hoffnungen Licht! 
Meine Seele bebt, ich habe dich verstanden –
Du Stadt der Löwen, verstehst du denn auch mich?

Als Sohn kam ich zu dir, voll von Vertrauen 
Aus den Steppen, wo Slawuta Legenden spinnt. 
Dass aus deinem ewigen Herzen des Löwen 
Nur ein Tröpfchen Kraft in mein Innerstes rinnt.

Deutsch von Kati Brunner, aus: Europa erlesen. Lemberg. Hrsg. Alois Woldan. Klagenfurt: Wieser, 2008, S. 222f

In Lemberg, ukrainisch Lwiw, polnisch Lwów, lebten polnische Persönlichkeiten wie Szymon Szymonowic (1558–1629), Leopold Staff (1878–1957), Roman Ingarden (1893-1970), Józef Wittlin (1896–1976), Józef Rotblat (1908-2005),  Stanisław Jerzy Lec (1909–1966), Adam Schaff (1913–2006), Stanisław Lem (1921–2006), Zbigniew Herbert (1924–1998), Jacek Kuroń (1934–2004) und Adam Zagajewski (1945–2021), österreichische wie Leopold von Sacher-Masoch (1836–1895), Alfred Redl (1864–1913), Martin Buber (1878-1965), Karl Radek (1885–um 1939), deutsche wie Hedda Zinner (1904–1994), hebräisch und jiddisch schreibende wie Mordechai Ehrenpreis (1869–1951), Uri Zvi Grinberg (1896–1981), Debora Vogel (1900–1942), David Rokeah (1916–1985), Pinchas Sadeh (1929–1994) und Alona Kimchi (* 1966), russische wie Ilja Kutik (* 1961) und Anschelika Warum (* 1969) und ukrainische wie Pamwo Berynda (um 1560–1632), Iwan Franko (1856-1916), Bohdan-Ihor Antonytsch (1909-1937), Iryna Kalynez (1940–2012), Nasar Hontschar (1964–2009) und Halyna Kruk (* 1974). Viele gehören eigentlich an mehrere Stellen der Aufzählung, sinnlos es auseinander zu dividieren. Der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz wurde im heutigen Belarus geboren („heutige“ lasse ich im folgenden weg), studierte in Litauen, wurde nach Russland verbannt, reiste durch halb Europa, lehrte in Paris und starb in der Türkei. Ich weiß nicht, ob er nach Lemberg kam, aber dort steht auch ein Denkmal von ihm. Das Buch bildet einen spannenden Teil davon ab.

Mein Brief an Puschkin

Heute ist der Tag der russischen Sprache – der Geburtstag Alexander Puschkins. Aber mir ist nicht danach, ein Gedicht des großen Dichters herauszusuchen. Der Krieg und auch ein aktuelles Geplänkel mit einem Putintroll oder „Putinversteher“ liegen mir auf der Seele. („Putinversteher“, ein furchtbares Wort! Nichts haben die damit Gemeinten verstanden! Nicht einmal seine Reden, in denen er bei allem Schmus über Bedrohung, NATO und „Völkermord im Donbass“ genau sagt, worum es ihm wirklich geht: dass die Ukraine als Staat kein Lebensrecht hat und nur – als „Kleinrussland“ – in der brüderlichen Umarmung des „großen“ Russland existieren darf. O, würden die „Putinversteher“ seine Reden lesen, im Wortlaut und nicht in den herausgesuchten Passagen, die ihre Vorurteile bestätigen, lesen und … verstehen! ). Die russische Sprache, die ich in Gedichten von Jessenin und Puschkin, Blok und Mandelstam lieben gelernt habe, sie klingt im Moment rauh und böse. Kurz nacherzählt jene Debatte auf Facebook. In einem Beitrag über die Ukraine hatte jemand eine russische Fahne (statt eines Kommentars) gepostet. Ich schrieb ein russisches Schimpfwort darunter, das sowas wie „zum Teufel“ oder „troll dich“ heißt. Jemand mit russischem Vor- und deutschem Nachnamen antwortete mir mit einem Wort: „pidaraz“. Ein beliebtes russisches Schimpfwort für Homosexuelle oder einfach für Westeuropäer, ungefähr „Päderast“. Ich antwortete ihm mit drei sarkastischen Worten: „wunderbare russische Sprache“. (Ja, dies ist ein Beitrag zum Tag der russischen Sprache!). Seine Antwort kam auf Deutsch: „weil du es nicht kannst. Du Lappen.“ Ich antwortete mit diesem Ausschnitt aus einem russischen sozialen Netzwerk:

Auf Deutsch etwa: „Krepierte Chochly sind immer was Schönes. Schlagt sie, Brüder“. Chochly ist ein russisches Schimpfwort für Ukrainer. Ich muss hinzufügen, es waren Kommentare zum Raketenangriff auf ein ukrainisches Kaufhaus und es waren vielleicht noch bösere darunter. Was genau ich neben der Übersetzung geschrieben habe, kann ich nicht mehr rekonstruieren, denn buchstäblich eine Minute später bekam ich die Meldung, mein Kommentar verstoße gegen die Gemeinschaftsstandards von Facebook und sei deshalb entfernt worden. Später bekam ich noch zwei Mails, die eine sagte, wenn ich noch einmal gegen die Standards verstoße, könne ich ausgeschlossen werden, und dann noch eine sozusagen mildere:

Uns ist bewusst, dass man manchmal
Fehler macht. Deshalb haben wir dein
Konto nicht eingeschränkt.

(Will sagen, noch nicht.) Also nicht zynische menschenverachtende Sprüche sind der Fehler, der gegen die Norm verstößt, sondern dass man diese Sprüche anprangert. Nichts Neues bei Facebook, viele haben die Erfahrung schon gemacht. Überraschend war vielleicht die Geschwindigkeit, mit der das geschah. Der Troll mit seinen taffen Sprüchen reagierte weinerlich und hat mich blitzschnell bei Facebook gemeldet. Und die haben sofort reagiert – ob die Trollfabrik ihre Leute bei Facebook hat? Ich vermute ja.

Das wäre sozusagen ein Beitrag zum Tag der russischen Sprache, ich finde: ehrlicher als es ein Puschkingedicht heute wäre. Ich will aber sozusagen versöhnlicher enden und präsentiere einen Beitrag vom November 2015 noch einmal. Die Annexion der Krim war da schon anderthalb Jahre her, Krieg war im Donbass und in den Schlachtfeldern der sozialen Netzwerke. (Eine unglückliche Metapher, weil hier noch nicht getötet wird, aber man versteht vielleicht, was ich meine.) Hier also mein Brief an Puschkin, den ich zuerst im November 2015 in der Lyrikzeitung veröffentlicht habe.

R., B., D., A. – Ihr wißt, ihr seid nicht gemeint. Gemeint sind T., Ch., B., M., N., F., O., P., G., M., M. und all die andern und alle, die sich angesprochen fühlen.

Liebster Alexander Sergejewitsch,

ich weiß schon. Ein Dutzend mal haben sies mir um die Ohren gehauen in diesen letzten Jahren. Ihre Landsleute und meine. Meine immer in der Form, wie sie die heutige Weltbibliothek hergibt, ohne Angabe von Quellen. (Ihre oft in der gleichen Form; denn sie, viele, leben heute in meiner Heimat, ihre Puschkinausgabe konnten sie nicht mitnehmen, wenn sie eine hatten. Aber sie verteidigen ihr Rußland gegen die Fremden, die auch ihre Freunde und Nachbarn sind. Und folgen den gleichen Algorithmen, benutzen die gleiche Maschinenbibliothek wie die eingebornen Deutschen.)

Es steht heute so, daß keiner mehr wissen will, ob das stimmt, woher es stammt, wer es übersetzt hat und was es mal bedeutet hat. Sie geben einfach die Worte „Heimat, Fremder“ in ihre Suchmaschine ein und die Maschine spuckt aus, zuverlässig immer in der gleichen Form:

Ja, ich verachte meine Heimat, aber es gefällt mir überhaupt nicht, wenn es ein Fremder tut.

Alexander Sergejewitsch Puschkin
(1799 – 1837), russischer Dichter, Erzähler, Dramatiker und Romanautor

Damit ist „Alles klar“, wie sie gern sagen. Sie „teilen“ es und „liken“ es, wie sie auch sagen. Bücher brauchen sie gar nicht mehr, die Maschine liefert immer gerade soviel, wie sie brauchen, um im Netz zu punkten.
Sie nehmen es mir nicht übel, Alexander Sergejewitsch, wenn ich ihnen [kleines i, 3. Person Plural!] ein Stück aus Ihrem Brief an Wjasemskij entgegenhalte. Für Sie ist es lange her und sie – sie lesen es sowieso nicht, es schlägt nicht an ihr Ohr, es ändert so und so nichts, da seien Sie nur ruhig.

27. Mai 1826

Im Umgang mit Ausländern haben wir weder Stolz noch Scham – wenn Engländer da sind, foppen wir Wassili Lwowitsch; vor Madame de Staël nötigen wir Miloradowitsch, sich mit Mazurka hervorzutun. Der russische Herr ruft: Junge! unterhalte Hektor (den dänischen Rüden). Wir lachen und übersetzen die herrschaftlichen Worte für den neugierigen Reisenden. All dies kommt in sein Journal und wird in Europa gedruckt – es ist ekelhaft. Natürlich verachte ich mein Vaterland von ganzem Herzen – aber es fuchst mich, wenn ein Ausländer mein Gefühl teilt.

А. С. Пушкин. Собрание сочинений в 10 томах. Том девятый. Письма 1815–1830. Государственное издательство ХУДОЖЕСТВЕННОЙ ЛИТЕРАТУРЫ, Москва 1962,  232/233

Ja, Sie erinnern sich. Und, liebster Freund, Ihre Russen haben es beherzigt! Sie beeilen sich nicht mehr, dem Fremden zu gefallen. Sie spucken auf ihn, sie schmähen ihn, sie tanzen nicht für ihn sondern auf ihm wenn er am Boden liegt. Ach! ich habe es gesehen. Sie verachten die Fremden, die Anderen, die Schwulen, die Dunkelhäutigen, die Flüchtlinge, die Europäer (sie sagen Gayropäer), die Schwächlinge, die Faschisten (das sind nicht nur meine Landsleute, sondern deine, ihre, wenn sie sich ihnen nicht unterordnen). Du bist tot, dich verehren sie, verleihen dir Orden, bauen Denkmäler. Aber wehe, du kämst heute nach Petersburg mit deinem Teint, deinen Locken. Die Patrioten würden dich beschimpfen und bespucken. Die Vornehmen unter ihnen schlagen und spucken nicht selbst, sie lassen es nur zu. Wenige treten ihnen entgegen, die leben gefährlich, ach! Ihr Chauvinismus, ihr Schwulen-, ihr Judenhaß, ihr Stolz, ihr Wegsehen, ihr Militarismus widern mich an. Und deshalb, lieber Alexander Sergejewitsch, muß ich Dir heute widersprechen. Nein, Alexander Sergejewitsch, das stimmt nicht. Vielleicht hat es nie gestimmt, heute ist es obsolet. Ich glaube, die Antwort, die Du gibst, paßt auch nicht zu Dir. Auch Du würdest mich zu recht für durchgeknallt halten, wenn nicht Schlimmeres, wenn ich einem Franzosen, Polen, Amerikaner, Russen, Syrer oder Israeli, der Pegida oder die deutsche Politik kritisiert, so antworten würde wie Du es hier vorschlugst. Nein, das geht überhaupt nicht. Man muß auch nicht in Hitlers Deutschland geblieben sein, um den Faschismus zu kritisieren, wie nach 1945 viele sagten. Man kann auch Bayer und Rheinländer sein und die DDR kritisieren. Warum soll ich nicht kritisch über Putins Politik oder die Haltungen mancher Russen oder was auch immer schreiben? Du kannst mir widersprechen, aber sag mir bitte nicht, ich soll nichts Schlechtes über Rußland sagen, weil es irgendjemandem nicht gefällt. Es reicht, daß manche meiner russischen Freunde und Nichtfreunde seit 2 Jahren zu mir sagen: das kannst du nicht verstehen, weil du keine russische (wahlweise eine flache) Seele hast / weil du BILD liest / Nazi bist etc. … Alles das und noch vielmehr ist oft passiert. Deshalb bin ich da empfindlich und widerspreche. Und zitiere einen meiner Landsleute: „ich kenne / Nicht mein und dein vor diesen verletzlichen Ländern / Die kleineren Kriege, die beschreiblichen / Waren. Mich schert / Diese lockere Erde jeglicher Landschaft (…) Und seis nur eine / Quadratmeile See unterm Raketenschiff: / Oder der Batzen Rhön, fern neben meiner Schulter / Das ist mein Land, das seh ich“ (Volker Braun: Wir und nicht sie. Gedichte. Frankfurt / Main: Suhrkamp, 1970, S. 25). Sie sind neue Aristokraten, ich bin dein alter Freund M.