Veröffentlicht am 23. Oktober 2009 von lyrikzeitung
… halte ich für uninteressant“
erklärt Marcel Reich-Ranicki allen Cicero-Lesern. Ich gehörte bisher nicht dazu, und warum sollte sich das ändern? Wer es aber genauer wissen will, erhält folgende Information:
Professor Marcel Reich-Ranicki ist Deutschlands Literaturpapst. 2006 legt er den vollständigen Kanon der Deutschen Literatur vor
Viel Spaß damit! (Ich selbst bin ja nicht katholisch, will sagen: wir haben den Papst abgeschafft. In Greifswald zum Beispiel etwas später, 1531, aber das ist ja auch schon eine Weile her.) Oder im Ernst ein Definitionsversuch: Cicero-Leser sind Menschen, denen man solche „Informationen“ anbietet.
Geistige Gummibärchen: sind eine gelegentliche Kolumne zur Poesie des Medienspeak
Veröffentlicht am 23. Oktober 2009 von lyrikzeitung
WIR REDEN NICHT MEHR VIEL, WIR ZÄHLEN ZÜGE
Am Telefon, du chattest nebenbei,
Die Gegenseite hat die Hände frei,
Ich wiederhole mich dabei, ich lüge,
Daß es mir gar nichts ausmacht, dich zu hören,
Wie du dich aufteilst zwischen zwei Systemen,
Mir zuhörst, schreibst, nur von dir Abstand nehmen:
Das könnte ich nicht, ohne dich zu stören.
Die Traurigkeit ersetze ich durch Leere,
Verlassenheit dürch übertriebene Tage,
Die Angst durch Herbstgefühl und Apathie.
Wenn ich dir jetzt am Telefon erkläre:
Ich reparier die Igelwaschanlage,
Verstehst du deinen Bildschirm sicher nie.
/ Thomas Kunst
Veröffentlicht am 23. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Ein gewohnt breites, literarisches Spektrum decken die „manuskripte“ in Nummer 185 ab. So findet sich etwa „das Alpland und feine Ohr“, eine in Arbeit befindliche Prosaschrift von Friederike Mayröcker. Günter Brus steuerte neben Lyrik auch das Titelbild der aktuellen Ausgabe bei. Die bulgarische Dichterin Tzveta Sofronieva „korrespondiert mit Kappus“.
Die „Lichtungen“ bleiben auch in Ausgabe 119 ihrer Linie treu und halten den Fokus auf internationale Literaturszenen sowie die Förderung junger Autoren. Aktuell wurde der Schwerpunkt auf Ungarn und Lyrik aus Polen gelegt. Autoren wie László Márton, Tadeusz Dąbrowski und Krzysztof Kuczkowski werden im Original wie in der deutschen Übersetzung auf die Bühne gebeten. Die „neuen Namen“ der österreichischen Szene gemahnen uns „leise“ (Barbara Zehmann) vom „Zeitalter des Wassermannes“ (Martina Klein) zu sprechen. Und dank Brigitte Pölzls Essay finden wir uns gar noch „Unterm Zwetschkenbaum mit Foucault“ ein.
/ CARL-MICHAEL DRACK, Kleine Zeitung
Veröffentlicht am 23. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Felder und Wälder spielen in der Dichtung des russisch schreibenden Tschuwaschen Gennadij Ajgi eine wichtige Rolle. Wobei die Felder auch als poetische Räume zu verstehen sind, die es schreibend zu schaffen gilt. Die Dinge mit Hilfe von Sprache in ihrer Komplexität aufscheinen lassen, das ist das poetologische Programm dieses Dichter-Schamanen. Ajgi, so der Künstlername des 1934 als Gennadij Nikolajewitsch Lissin geborenen und vor drei Jahren in Moskau gestorbenen Lyrikers, kann mit „der dort“ oder „derselbe“ übersetzt werden. Lange Zeit war er nur im Westen bekannt. In seinem Land durfte er lange nicht veröffentlichen. Bisweilen konnte er seine drei Kinder kaum ernähren. Im Westen – auch in Berlin war er ein gern gesehener Gast – erhielt er wenigstens Preise.
„Immer anders auf die Erde“ ist der Titel einer von Walter Thümler besorgten und übertragenen Auswahl von Gedichten aus dem reichen Erbe Ajgis, der in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden wäre. Thümler hat vor allem Gedichte aus den 90er Jahren bis 2006 aufgenommen, darunter auch im Original Unveröffentlichtes. Immer wieder kommen die Felder Russlands zu Titelehren: „Mitten auf dem Feld“, „Feld – ohne uns“, „Beginnend mit dem Feld“, „Vollendung des Feldes“. Im Februar 1991 wohnte Ajgi für einige Tage in Paris bei einer alleinerziehenden Mutter. Zum Abschied reichte sie ihm ein Notizbüchlein mit der Bitte, einige Worte für seine Schwester Silvia hineinzuschreiben. In 32 Minuten verfasste Ajgi 32 Einzeiler, auf jeder Seite einen. So entstand das luftige Minipoem „27. Februar 1991“. / Volker Sielaff, Tagesspiegel 23.10.
Gennadij Ajgi: Immer anders auf die Erde. Gedichte. Aus dem Russischen von Walter Thümler. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2009. 182 Seiten, 19,95 €.
Anm. Der Verfasser schreibt dazu:
In meinem Manuskript ist noch die Rede davon, daß Ajgis Gastgeberin in Paris dem Dichter gegenüber die Bitte äußerte, diese möge in das Notizbüchlein einige Sätze für ihre Tochter Silvia schreiben. Im ehrenwerten Tagesspiegel ist dann aus der Tochter jener Frau eine Schwester Ajgis geworden. Es leben die Metamorphosen!
Veröffentlicht am 22. Oktober 2009 von lyrikzeitung
war bisher nicht; aber dank Facebook konnte ich wenigstens den Namen des Siegers erfahren. Den preis für politische lyrik der Zeitschrift lauter niemand hat gewonnen, wie verlautet: HEL. L&Poe gratuliert herzlich und hofft auf genauere Nachricht in Kürze.
Veröffentlicht am 22. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Die Jury, bestehend aus Simon Armitage (Vorsitzender), Colette Bryce und Penelope Shuttle, hat 10 Gedichtbücher aus 98 Titeln der Longlist ausgewählt. Diese Titel repräsentierten „Reichweite, Breite und Vitalität der gegenwärtigen Lyrik“, erklärte Armitage.
Der Sieger erhält am 18.1. einen Scheck über £15,000 von TS Eliots Witwe Valerie Eliot, alle Autoren der Shortlist erhalten £1,000. / Guardian 22.10.
The shortlist
The Sun-fish by Eiléan Ní Chuilleánain
Continental Shelf by Fred D’Aguiar
Over by Jane Draycott
The Water Table by Philip Gross
Through the Square Window by Sinéad Morrissey
One Secret Thing by Sharon Olds
Weeds & Wild Flowers by Alice Oswald
A Scattering by Christopher Reid
The Burning of the Books and Other Poems by George Szirtes
West End Final by Hugo Williams
Veröffentlicht am 22. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Am 3.10. 1849 wurde Edgar Allan Poe hilflos und verwahrlost in Baltimore aufgefunden und in eine Klinik gebracht, wo er am 7. starb. Die Umstände seines Todes sind Anlaß für wilde Spekulationen. Am nächsten Tag wurde er in einer hastigen 3-Minuten-Zeremonie begraben. Weil so wenige Leute anwesend waren, weigerte sich der Geistliche, eine Predigt zu halten. Der von seinem Cousin bestellte Grabstein wurde versehentlich durch ein Zugunglück zerstört. 1875 wurde er exhumiert und neu begraben, aber von den zur Zeremonie eingeladenen Dichtern kam nur Walt Whitman. (Ja, was heißt nur!)
Jetzt, 160 Jahre nach seinem Tod, wurde in Baltimore eine „ordentliche“ Beerdigung nachgeholt, mit „public viewing“, Musik und allem. Schauspieler traten als zeitgenössische Kollegen auf und über 700 Bewunderer und Trauergäste waren zugegen. Bereinigt Amerika sein Miß-Verhältnis zu Poe, der in Europa hochgeehrt, zu Hause aber ignoriert oder geschmäht wurde?
Veröffentlicht am 22. Oktober 2009 von lyrikzeitung
In der Huffington Post oder eher einem Blog derselben nutzt John Lundberg die Verleihung des Nobelpreises an Herta Müller, um an „the last poet to win the nobel prize“ zu erinnern:
Ich habe nach englischen Übersetzungen der Gedichte von Herta Müller gesucht, aber es gibt kaum welche. Hier in den USA kennt man Herta Müller – wenn überhaupt – als Erzählerin, aber Lyrikfreunde können sich darüber freuen, daß sie auch einen Gedichtband veröffentlicht hat (Im Haarknoten wohnt eine Dame, 2000)* und daß das Nobelkomitee zugleich „die Konzentration der Lyrik und die Offenheit der Prosa“ gerühmt hat. Dennoch unterbricht Müller nicht die Serie der mittlerweile 13 Jahre, seit zum letztenmal jemand den Preis vorwiegend für Lyrik bekommen hat. Das war die polnische Lyrikerin Wisława Szymborska, und es lohnt sich, ihr Werk neu zu besichtigen.
Sie wurde 1923 in Polen geboren und erlebte die Nazibesetzung im 2. Weltkrieg und die darauf folgende oppressive stalinistische Herrschaft. Leicht nachzuvollziehen, daß ihre Gedichte oft von der Finsternis von Krieg und Unterdrückung geprägt sind. Oft trifft die Gewaltsamkeit ihrer Bilder auf einen auffallend nüchternen Ton:
Nach jedem Krieg
muß jemand aufräumen.
Schließlich richten sich die Dinge
nicht allein wieder auf.
Jemand muß die Trümmer
zum Straßenrand kehren,
damit die Leichenwagen
vorbei können.**
*) Tatsächlich gibt es einen zweiten Gedichtband: Die blassen Herren mit den Mokkatassen, 2005
**) Auf die Schnelle aus dem Englischen übersetzt
Veröffentlicht am 21. Oktober 2009 von lyrikzeitung
bei Lesungen sind eine gute Erfindung – wessen auch immer, es gibt sie. Einmal gelang es mir, vom Büchertisch in einem Raum der Universität Greifswald fast das – bis dahin veröffentlichte – Gesamtwerk der Autorin und Künstlerin Angelika Janz zu erwerben, die es im Gefolge der „Wende“ von West nach äußerst Nordost verschlagen hatte. Der Grundstock ließ sich peu à peu ausbauen – langsam und stetig. Am Büchertisch kann eine Sammlung anfangen.
Einmal, noch ein paar Jahre früher, kaufte ich beim Lyrikertreffen in Münster (ebendie Wende hatte mich besuchsweise in entgegengesetzte Richtung geführt) dem jungen Dichter Marcel Beyer zwei Broschüren ab: Kleine Zahnpasta. Gedichte 1987-1989. Paris: dead language press 1989 und Walkmännin. Gedichte 1988 / 1989. o.O. o.J. Es war 1991, sein Sprung zu Suhrkamp war gelungen oder im Gange. Auch daraus wurde eine Sammlung und, ja, auch er landete im Osten, nur ein bißchen zentraler (näher an den Zentralen).
Letztens gab es eine feine Lesung (80. Lyrik im Koeppenhaus) im Greifswalder Koeppenhaus. Silke Peters, Judith Zander, Andreas Altmann und Jan Wagner lasen vor kleinem aber interessiertem Publikum Gedichte. Von Judith Zander gab es nur die frisch oder wie gesagt wurde gar noch nicht erschienene Anthologie „Unter der Folie aus Luft“, Texte des Literarischen März 16, Frankfurt/ Main: Brandes & Apsel 2009. Darin 11 Gedichte der Autorin, die einen der zwei Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise erhielt. Die Autorin stammt aus Anklam in Vorpommern, kam nach einem abgebrochenen Studium in Greifswald nach Leipzig und ans dortige Literaturinstitut und erfreut sich zur Zeit eines hoffentlich nicht zu knappen Stipendiums in Lübeck. Sonst wohnt sie in oder ist auf dem Sprung nach Berlin.
Bäumchen wechsle dich scheint angesagt. Jan Wagner kam aus Hamburg nach Berlin, Silke Peters aus Rostock wenigstens ein Stück gen Osten (via Greifswald nach Stralsund), und Andreas Altmann aus Sachsen nach Norden: Berlin. (Nur ich bleibe im Osten; aber nein: der Sachse Altmann enttarnte mich an der Sprachmelodie als „aus Sachsen-Anhalt“, was stimmt. Stamme aus Merseburg, ganz nah an Leipzig, aber dazwischen gibts eine Sprachgrenze, die der Kenner bemerkt. Darauf haben wir mitsammen ein oder anderen baltischen Schnaps getrunken. Der Dom schwankte beim Heimweg.)
Auf dem Büchertisch lag von Silke Peters nichts und von Jan Wagner wenig, das mir fehlte. Das war immerhin das wunderbare LyrikHeft 8 aus der Sonnenberg-Presse Chemnitz und Kemberg: Handsatz, Handpressendruck, Fadenheftung, Farbholzschnitte von Andrea Lange und Acrylstiche von Bettina Haller. Ein Gedicht von einem Buch von Gedichten. In der Reihe gibt es auch ein Heft von Altmann, aber „gibt es“ gibts nicht. Die Reihe ist immer so gut wie vergriffen, anscheinend ohne in Buchhandlungen zu liegen. Dafür gibt es ja die Büchertische. Germanistikstudenten hätten, wenn sie gekommen wären, für wenig Geld den Grundstock einer Sammlung bilden können. (Und ich hab meine kleine Altmann-Sammlung auf einen Schlag vervierfacht um zwei Bücher aus dem wunderbaren Verlag Kowalke & Co und eins von dem ebenfalls hoch zu lobenden Rimbaud Verlag)
Veröffentlicht am 21. Oktober 2009 von lyrikzeitung
ENTGRENZTER TRAUM
Ausschnitt (komplett bei in|ad|ae|qu|at)
Friederike Mayröcker schreibt an einem literarischen Projekt, von dem sie verschiedentlich angedeutet hat, es bräuchte eine Lebensdauer von mindestens 150 Jahren, um die Wunschkräfte, die darin arbeiten, an einen befriedigenden Punkt zu führen. Diese 150 Jahre sind zweifelsohne als Chiffre für die Überschreitung gewöhnlichen Menschenalters zu verstehen, wie man es etwa aus der Bibel oder von Mythen her kennt. Mit diesem Wort ist aber auch der Umgang mit den Rahmungen sogenannter Wirklichkeit angesprochen, durch die sich Friederike Mayröckers Schreiben bewegt: über Grenzen hinaus, in den entgrenzten Raum und Traum der Sprache. Angesichts des Jandlschen Schreibens und seiner Grundhaltung, die im vorliegenden Kontext das Bezugsfeld bildet, stellt sich daher die Frage, wie sich die Ästhetik der Überschreitung bei Friederike Mayröcker genauer beschreiben lässt. Wie gestaltet sich das Verhältnis der scheinbaren Höhen ihrer Prosa zu den scheinbaren Tiefen der Jandlschen Dichtung ? Wo ergeben sich signifikante Vergleichspunkte und Differenzen in der Grundtendenz ihrer literarischen Arbeit ?[2] Anhand von Friederike Mayröckers letztem Buch UND ICH SCHÜTTELTE EINEN LIEBLING , gewissermaßen dem opus magnum seit Ernst Jandls Tod, lassen sich erste Antworten und Perspektiven auf diese Fragen formulieren.
Zunächst fällt auf, dass UND ICH SCHÜTTELTE EINEN LIEBLING in einem sehr einfachen und luziden Ton geschrieben ist, der so manche Räudigkeit und Skizzenhaftigkeit früherer Arbeiten zurücknimmt. Vor allem im Vergleich mit dem Vorgängerbüchlein “Die kommunizierenden Gefäße“ wird dies deutlich, das einem mit Kurzabsätzen und schillernden, geballten Capriccios begegnet, währendUND ICH SCHÜTTELTE EINEN LIEBLING längere Episoden und eine flächigere, weitgestrecktere Erzählweise entfaltet. Aber auch in diesem letzten Buch sind die Brüche und Schichtungen Grundbestandteil der Mayröckerschen Prosa. Diese doppelte Haltung der Vereinfachung und des entgrenzenden, brechenden Selbstbezugs laufen auf die Frage nach einer eigenen Ästhetik des Herunterkommens bei Friederike Mayröcker hinaus:
Zuallererst könnte man dieses Buch so behandeln, wie die Autorin die Bücher und Kunstwerke, die Menschen und Phänomene ihrerseits behandelt, um sich so unmittelbar wie möglich auf den Gestus des Buches einzulassen:
und ich lese jetzt Gertrude Stein und Jacques Derrida und ausschlieszlich und ich lese sie immer wieder und ich gerate an Stellen die ich schon gut kenne und manchmal habe ich sie auswendig gelernt, und ich kann nur visuell denken, und ich bin Zärtlichkeit gar nicht mehr gewohnt, … (186)
QUELLE
Michael Hammerschmid und Helmut Neundlinger : “VON EINEN SPRACHEN”. POETOLGISCHE UNTRSUCHUNGEN ZUM WERK ERNST JANDLS – Innsbruck – Studienverlag 2009 , 173 – 184
Veröffentlicht am 21. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Felix Philipp Ingolds „Gegengabe“ – Folgeband zu seinem Werk „Wortnahme“ (2005) – ist ein literarisches Kompendium, gleichermaßen geeignet zum Nachlesen, Nachdenken und Nachschlagen, ein vielfältiges Buch, das Gaben aus der Dreifelderwirtschaft des Autors bereithält: Kritisches in Form von Essays, Rezensionen und Traktaten, Poetisches in Form von Gedichten, dichterischer Prosa und Übersetzungen, Privates auch, das auf Reisen, beim Lesen, aus Träumen oder aus persönlichen Korrespondenzen zusammengetragen wurde. Zu Ingolds „Gegengabe“ gehört auch eine Auswahl seiner Fotobilder, in denen alltägliche, bisweilen triviale Motive in jenem Augenblick festgehalten sind, da sie ins Künstliche, ja Fantastische zu kippen scheinen – ein Punkt, ein Effekt, den immer wieder auch die Texte dieses Autors kenntlich machen. / literaturkritik.de
Felix Philipp Ingold: Gegengabe. Aus kritischen, poetischen und privaten Feldern. Urs Engeler Editor, Basel 2009. 712 Seiten, 39,00 EUR. ISBN-13: 9783938767597
Veröffentlicht am 21. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Zu spät, um hinzugehen (für den Diagonalbewohner auch zu weit), aber nie zu spät zur Kenntnisnahme:
Karlsruhe – Anlässlich des 80. Dammerstock-Geburtstags präsentiert die Literarische Gesellschaft am Mittwoch, 7. Oktober, den holländischen Dichter und Komponisten Blonk in einer abenteuerlichen Lesung.
Zwischen 26. September und 25. Oktober erinnern zahlreiche Veranstaltungen an die verschiedenen Aspekte der Geschichte des Dammerstocks. Und einer der Höhepunkte ist die Rezitation von Schwitters „Ursonate“ durch Jaap Blonk im Dammerstocker Bunker, ergänzt von anderen Texten Schwitters und seiner Zeitgenossen Hugo Ball, Theo van Doesburg und Rudolf Blümner. …
Damit auch alle wissen, was sie erwartet sei der dadaistische Künstler Schwitters anhand eines Werbespruchs zitiert, mit der er 1929 den exemplarischen Charakter der jüngsten Siedlung im Zeilenbau beschrieb: „Sie werden es sicherlich schon bemerkt haben, wenn Sie im D-Zug sitzen und der kommt so richtig in Fahrt, so ruft der immerzu: Dammerstock, Dammerstock, Dammerstock, Dammerstock…“ / ka-news
Hier über die Dammerstock-Siedlung
Aus dem Festprogramm:
»Anna Blume im Jammer stockt«
Theater, Arts in Dialog
19 Uhr (25.10.: 11 Uhr!), Bunker Dammerstock, Eingang gegenüber Danziger Straße 9
Veröffentlicht am 21. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Manchmal führt uns Poesie in das Geburtsstadium des Sprechens zurück, wo Wort und Klang, Laut und Bedeutung noch ungeschieden sind. Zu diesen radikal experimentellen Dichtern, die uns mit den Urszenen des Sprechens konfrontieren möchten, gehört die 1973 geborene Anja Utler. Ihr neues Gedichtbuch „jana, vermacht“ setzt an im Bereich des fast Unhörbaren – bei einem leisen Knacken im Kehlkopf.
Utler huldigt dem sogenannten Glottisschlag, einem Verschlusslaut, der entsteht, wenn die Stimmritze in Schwingung gerät. Das orthografische Zeichen für den Glottisschlag durchzieht die einzelnen Kapitel des Buches und gestaltet den lyrischen Text streckenweise zu einer kryptischen Partitur. In „jana, vermacht“ überlagern sich kontrapunktisch zwei Stimmen, die den bereits im Ansatz scheiternden Dialog zwischen zwei Generationen repräsentieren: Die Stimme einer Großmutter, die das beredte Schweigen der Kriegsgeneration verkörpert – und die ebenso beharrlich wie vergeblich fragende Stimme der Enkelin, der Nachgeborenen. Das Verschwiegene soll im Verschluckten und Fragmentarischen des Sprechens sinnfällig werden. … Dem naiven Realismus ihrer lyrischen Zeitgenossen hält Anja Utler einen sprachmaterialistischen Fundamentalismus entgegen. Ein poetischer Weckruf für mündige Leser. / Michael Braun, Tagesspiegel 11.10.
Anja Utler: jana, vermacht. Buch mit CD. Edition
Korrespondenzen,
Wien 2009.
112 Seiten, 13,50 €.
Veröffentlicht am 21. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Wenn es jemand unter den Dichtern der jungen Generation versteht, sein künstlerisches Material kalt zu halten – dann ist es der 1977 geborene Daniel Falb. Sein Debütbuch „die räumung dieser parks“ präludierte 2003 einen neuen Typ junger Großstadtpoesie. Kühl, ironisch, gelassen, ja fast ungerührt verknüpfte Falb die unterschiedlichsten Diskursformen und Bewusstseinsreize. Seine reaktionsschnelle Durchquerung disparater Alltags- und Fachsprachen, seine coole Montage von Redegesten kommt ohne das traditionelle lyrische Subjekt aus. Bei Falb spricht ein nahezu indifferentes Ich, das lapidar Sätze aufeinanderprallen lässt. …
Daniel Falb hat für seinen Blick auf die globalisierte Welt eine poetische Relaisstation eingerichtet, in der keine Gefühle mehr zählen, sondern einzig noch das beiläufige Registrieren von Sprachbewegungen. Dieses süffisante Durchwinken aller romantisch-emphatischen Ausdruckshaltungen hat seinen Reiz. Doch zugleich beginnt man das alte lyrische Ich zu vermissen. Denn die innere Empfindung, dereinst die Domäne der lyrischen Subjektivität, wird bei Daniel Falb eliminiert. / Michael Braun, Tagesspiegel 18.10.
Daniel Falb: Bancor. Gedichte.
Kookbooks Verlag,
64 Seiten, 19,90 €
Veröffentlicht am 20. Oktober 2009 von lyrikzeitung
Does Billy Collins’s latest poetry collection leave readers laughing or frowning?
By William Logan
Poetry Media Service
Ballistics by Billy Collins. Random House, $24.00
Billy Collins is funny, everyone agrees. The birds agree, the bees agree, even the fish in the sea agree: Billy Collins is funny. Yet why do I feel, half an hour after closing a Billy Collins book, a sharp grinding in my stomach, as if I’ve eaten some fruit cake past its sell-by date? His wry, self-mocking poems wouldn’t hurt a fly—but they couldn’t kill a fly, either, even if they tried. Readers who have whetted their appetites for drollery on previous books may open Ballistics and be puzzled. Our Norman Rockwell of sly winks, and elbowing good humor, and straw-hatted, flannel-shirted American whimsy is no longer funny. Worse, some of his new poems take place in Paris.
Billy Collins’s method has been to borrow a dry nugget of fact or some mildly absurd observation and see how far he can go. Say you read that the people of Barcelona once owned an albino gorilla, or remember that Robert Frost said, “I have envied the four-moon planet,” or find yourself talking to a dog about the future of America. Why, the poem would almost write itself! Collins’s gift was to make the poem a little odder than you expected. The problem with his new book is that the ideas are still there, but the poems have lost their sense of humor. Here’s what happens to that gorilla:
These locals called him Snowflake,
and here he has been mentioned again in print
in the hope of keeping his pallid flame alive
and helping him, despite his name, to endure
in this poem where he has found another cage.
Oh, Snowflake,
I had no interest in the capital of Catalonia—
its people, its history, its complex architecture—
no, you were the reason
I kept my light on late into the night
turning all those pages, searching for you everywhere.
There must be a lot of comic things to say about albino gorillas, things that don’t require sentimental guff with a twitch of self-pity.
Say you recall the day Lassie died, when, after you finished your farm chores and ate your oatmeal, you drove to town and scanned the books in Olsen’s Emporium—and what books they were! An anthology of the Cavalier poets, The Pictorial History of Eton College, The Zen Teaching of Huang Po. Why, who knew? This is a send-up of Frank O’Hara’s “The Day Lady Died”—the book titles mock his purchase of New World Writing (as he said, “to see what the poets/ in Ghana are doing”). But then what?
I’m leaning on the barn door back home
while my own collie, who looks a lot like her,
lies curled outside in a sunny patch
and all you can hear as the morning warms up
is the sound of the cows‘ heavy breathing.
And that’s it. This labored parody of O’Hara’s famous ending (“I am sweating a lot by now and thinking of/ leaning on the john door in the 5 SPOT/ while she whispered a song along the keyboard/ to Mal Waldron and everyone and I stopped breathing”) isn’t side-splitting at all. The premise has become just another excuse for softheaded mush—Collins doesn’t even get round to mentioning (SPOILER ALERT!) that Lassie was played by any number of dogs, that she was male (because males have glossier coats), and that, besides, Lassie is immortal and can’t ever die.
Collins has managed to be what he rarely was in the past—dull. The ending in many of these new poems falls flat, the speaker gazing at the moon or listening to a bird in hopes of revelation. If Billy Collins can’t joke about death, for example, well, who can? When he pokes fun at writers‘ guides (“Never use the word suddenly just to create tension”), or of teachers who ask, “What is the poet trying to say?” he’s still our best poet at piercing the pretensions of the whole literary shebang. Get him off the subject, however, and the poems are suffused with mild gloom and misanthropy.
When comedians stop being funny, they must invent themselves anew or retire for good. A number of poems here mention divorce in a roundabout way, reason enough for a man to take off his rose-colored glasses and book a flight to Paris. Indeed, the most hilarious poem in the book is titled “Divorce,” and it’s also the shortest:
Once, two spoons in bed,
now tined forks
across a granite table
and the knives they have hired.
If Collins can become the bitter philosopher of such lines, there’s hope yet. Otherwise, Poetry must do what Poetry does when a poet runs out of gas, or screws the pooch, or jumps the shark—give him a Pulitzer and show him the door.
William Logan’s most recent book of criticism is Our Savage Art: Poetry and the Civil Tongue. His new poetry collection, Strange Flesh, appeared last fall. This review first appeared in The New Criterion. Read more about Billy Collins, and his poetry, at www.poetryfoundation.org.
© 2009 by William Logan. All rights reserved.
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