45. Schlechte Nachricht

Schon erreichen mich erste Kritiken. „Dummheit zahlt“? Bin ich ein Pirat? Ja, ich habe Piraten gewählt. Und ja, ich zahle seit fast 20 Jahren für die „Zeit“* – früher ging nicht, da waren meine Vormünder vor. Und ja, ich finde es dumm, sich Zeitungsartikel vorlesen zu lassen. Der Irrsinn der Menschheit (nicht der ganze, ich weiß!) trieft aus der „Weiterentwicklung“ eines für mich – im Gegensatz zu Amazons Kindle – fast perfekten „elektronischen Papiers“, des Sony Readers (ein Maschinchen, mit dem man selber Dateien zu Büchern machen kann, mit dem Daumen zu blättern und im Sitzen Stehen Gehen Liegen lesbar), der in der neusten Version die Bücher mit Computerstimme mit englischem Akzent vorliest. Und ja, ich halte das Folgende nicht für einen Sieg, weder für Urheber noch für Leser:

Digitalisierungsrechte: Die neue Version des Google Book Settlement wird erst am Freitag vor Gericht erörtert; ein neuer Vergleichsvorschlag nimmt offenbar deutsche Bücher vom Scanprojekt aus. / buchreport.de

*) auch wenn es in Sachen Lyrik kaum lohnt!

44. Enzensbergers Pseudonyme

Andreas Thalmayr ist vermutlich das bekannteste der Enzensbergerschen Pseudonyme, und am ehesten wird es mit seiner erfolgreichen Anthologie «Das Wasserzeichen der Poesie» (1985) in Verbindung gebracht. Andreas Thalmayr ist auch der Verfasser von «Lyrik nervt» (2004), im Untertitel «Erste Hilfe für gestresste Leser», und der sehr unterhaltsamen kleinen Schrift «Heraus mit der Sprache» (2005), in welcher, nun ja: Hans Magnus Enzensberger eine Reihe von klugen und oft auch ernüchternden Bemerkungen zur Sprache macht, zur deutschen vor allem. Andreas Thalmayr hat auch einmal eine «Kleine Kulturgeschichte in Schüttelreimen» publiziert: «Es schwärmten kaum für Schweinehirten / die Damen, die um Heine schwirrten.» Oder: «Man sagt sich: Ich vergesse halt, / wie viel mir Hermann Hesse galt.» Oder: «Ob’s Péter Esterházy störte, / wenn seinen Hohn die Stasi hörte?». In «Das Wasserzeichen der Poesie» lässt Thalmayr auch einen gewissen Serenus M. Brezengang als Autor und Übersetzer mitarbeiten. Der Name, ein Anagramm, steht hier für experimentelle Versuche an Gedichten.

Unter dem Namen Elisabeth Ambras ist der Autor sogar Autorin geworden. Warum sie unter Pseudonym schreibt, begründet sie gleich selbst: «Mein Mann möchte, dass ich auf etwas Rücksicht nehme, das er seine <gesellschaftliche Position> nennt. Ich erfülle diese Bitte gern, wenngleich ich nicht sicher bin, was er damit meint. Literatur als Beruf liegt mir fern. Ich bin Amateurin und schreibe zu meinem eigenen Vergnügen, meinem eigenen Verdruss. Die meisten Schriftsteller-Biografien klingen ohnehin so, als wären sie erfunden. [. . .] Kaum jemand glaubt einem die reine Wahrheit − ein Argwohn, den ich teile. Beim Schreiben eines Lebenslaufes hätte ich bald das Gefühl, ich wäre in eine Geschichte von E. A. geraten. Dies ist ein Los, welches ich mir ersparen möchte.» Das Buch, das sie 1992 publiziert hat, heisst «Fernsteuerung» und verspricht im Untertitel «Bettgeschichten» − was die Vorsicht des Gatten wohl ausreichend erklärt. Linda Quilt ist eine weitere Autorin, die selten schreibt; von ihr stammt ein Kinderbuch, «Schauderhafte Wunderkinder» (2006). Mrs. Quilt schreibt auf Englisch, ihr Buch aber gibt es nur auf Deutsch (übertragen von Reinhard Kaiser, einem ausgewiesenen Übersetzer). Wer ist denn diese Autorin? Auch Linda Quilt hat eine Biografie, wie alle, die schreiben. Die diesbezüglichen Angaben allerdings sind umständehalber eher knapp: «Linda Quilt ist dem Vernehmen nach um 1950 in einem kleinen Ort nahe Stratford-upon-Avon geboren, der seit ebendieser Zeit auf mysteriöse Weise von der englischen Landkarte verschwunden ist.»

«Bisher keine Veröffentlichungen (ausser Diplomarbeit)» heisst es in einem anderen Fall, bei den biografischen Angaben zu einem gewissen Giorgio Pellizzi. 1934 in Sizilien geboren, studierte Germanistik und Nationalökonomie in Turin und Köln: «Aktiv an der italienischen Studentenbewegung teilgenommen. Arbeitet augenblicklich an einer Untersuchung über die multinationalen Konzerne und lebt zur Zeit in Mailand und Amsterdam.» Der angebliche Pellizzi hat 1974 den Text zu einem Comic geschrieben, der von dem damals skandalumwitterten Bernie Cornfeld handelt, «Bernie der Milliardenflipper». Cornfeld betrieb seinerzeit, noch etwas harmloser als in den letzten Jahren der Börsenguru Madoff, ein Investmentunternehmen, «IOS», das einige wenige Menschen sehr reich und viele sehr arm machte.

Die Liste der Pseudonyme liesse sich fortsetzen. Etwa mit Benedikt Pfaff: Der Name steht unter einigen Übersetzungen, von Texten von Donald Barthelme oder Lawrence Ferlinghetti. Pfaff ist dem Vernehmen nach ein Spitzname des Autors. Oder Trevisa Buddensiek, auch das ein kurzzeitig genutztes Pseudonym von Enzensberger. Und dann bleiben alle die, die wir nicht kennen, weshalb wir auch nie recht wissen werden, was alles dieser Autor denn eigentlich geschrieben hat − Tarnnamen dienen ja zur Tarnung. Und die meisten Schriftsteller-Biografien, hiess es doch bei Elisabeth Ambras, klingen ohnehin so, als wären sie erfunden. / Martin Zingg, NZZ 11.11.

43. Enzensberger 80

Wer schreibt, der bleibt, hieß es einmal, als das Internet diese Parole noch nicht für die ganze Menschheit wahrmachen wollte. Aber schon damals ging Enzensberger, der lieber die Initiative als recht behält, in Wahrheit palimpsestisch vor: Er überschreibt sich aus Prinzip selbst. Im Sinne von Paul Valérys „Ich bin nicht immer meiner Meinung“ wandte er sich gegen die Starrheit von Festlegungen und Absichtserklärungen, politisch wie ästhetisch. Links ist er vor allem der dominanten Gehirnhälfte nach geblieben. Ein teilnehmender Beobachter des öffentlichen Lebens, hat er es gleichwohl geschafft, sich zu entziehen – bei ständiger Präsenz und Relevanz. Er selbst hält den Ball meist flach. „Ich bin ein flüchtiges Element“, konterte er jüngst, als Peter Voß ihn jüngst in einem Fernsehgespräch als intellektuelle Instanz befragte. Den Triumph verriet höchstens ein Zwinkern der blitzblauen Augen. / Felicitas von Lovenberg, FAZ 11.11.

Geschickter Seitenwechsel: Enzensberger ging auf Distanz zur westdeutschen Intelligenz / FAZ 11.11. (Lorenz Jäger)

FAZ.NET-Spezial: Hans Magnus Enzensberger zum Achzigsten

Mehr: FAZ 11.11. (Patrick Bahners) / Süddeutsche (Joachim Kaiser) / Die Welt (Fritz J. Raddatz) / Wiener Zeitung / literaturkritik.de / DLR / Schriftsteller Lars Gustafsson über Hans Magnus Enzensberger Deutschlandradio („einer der besten Lyriker meiner Generation“) / Stern / Die Zeit (im WWW anonym – Analphabeten können sich den Artikel auch vorlesen lassen – „im Premiumbereich“ natürlich, Dummheit muß zahlen) / Tagesspiegel (Gregor Dotzauer) / Tagesspiegel (Thomas Wild)

Hans Magnus Enzensberger: Über Literatur. Scharmützel und Scholien. Herausgegeben von Rainer Barbey. Suhrkamp Verlag Frankfurt 2009, 924 Seiten, 25,70 Euro.
Hans Magnus Enzensberger: Rebus. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt 2009, 120 Seiten, 20,40 Euro.

Mein Leben – Hans Magnus Enzensberger, Arte, Samstag, 17.20 Uhr.

42. HAM.LIT – Lange Nacht junger Literatur und Musik in Hamburg

Zum ersten Mal präsentiert HAM.LIT ein Konzentrat der derzeit aufregendsten jungen deutschsprachigen Literatur und Musik – in einer Nacht, unter einem Dach.
Am 4. Februar 2010 spielt eine vielfältige Autoren- und Musikergeneration im Uebel&Gefährlich zu Text und Tanz auf.

18 Autorinnen und Autoren, u.a. Ann Cotten, Dalibor, Michael Ebmeyer, Daniel Falb, Patrick Findeis, Finn-Ole Heinrich, Benjamin Maack, Kristof Magnusson, Clemens Meyer, Tilman Rammstedt, Donata Rigg, Monika Rinck, Verena Rossbacher und Jan Wagner, lesen parallel auf drei Bühnen, geben einen Einblick in die junge Literatur-szene und einen Ausblick auf ihre wichtigsten Vertreter im kommenden Jahr. Neben bereits etablierten Autoren und gefeierten Debütanten präsentiert HAM.LIT auch bislang unveröffentlichte Autoren, die es zu entdecken gilt.

Gustav & Band aus Wien verbinden im Anschluss großartige Texte mit feiner elektronischer Popmusik.

HAM.LIT wird kuratiert und veranstaltet von der Autorin Lucy Fricke, dem Autor und Literaturveranstalter Alexander Gumz vom Texttonlabel KOOK und dem Veranstalter Jan Lafazanoglu von Cantona Entertainment.

Die Veranstaltung wird unterstützt von der Hamburgischen Kulturstiftung.

Do, 4.2.2010, 19 Uhr
HAM.LIT – Lange Nacht junger Literatur und Musik
Ort: Uebel&Gefährlich und Terrace Hill
Feldstraße 66 (Medienbunker), 20359 Hamburg
Eintritt: 15€/12€

Informationen unter http://www.hamlit.de

 

41. Neu in der Lettrétage

Mittwoch, 11. November 2009, 20 Uhr, Eintritt: 5,- Euro
Paulo César Fonteles de Lima: Wenn der Tod sich nähert, nur ein Atemzug
Lesung mit Denis Abrahams (Schauspieler) und anschließendes Gespräch mit Andreas Rötzer (Verleger), moderiert von Katharina Deloglu

Wenn der Tod sich nähert, nur ein Atemzug ist ein ebenso bewegender wie literarisch beeindruckender Gedichtzyklus über Fonteles‘ Erfahrungen als Folteropfer der brasilianischen Militärdiktatur (1964-1985). Erstmals in der Geschichte Brasiliens legt Fonteles mit diesen Gedichten ein lyrisches Zeugnis dieser Vorgänge ab. Sie sind nicht nur eine bittere Anklage gegen die Ungerechtigkeit der brasilianischen Militärdiktatur, sondern ein universales lyrisches Manifest gegen Folter und Gewalt. In Brasilien bisher unveröffentlicht, erfuhr der Gedichtband im Jahr 2006 seine erste Veröffentlichung weltweit in Deutschland.

Denis Abrahams geboren 1974 in Wiesbaden, studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Bereits während des Studiums spielte er am Staatstheater Mainz. Weitere Stationen waren u.a. das Staatstheater Wiesbaden, die Oper Frankfurt, Stuttgart und das Theater der Stadt Koblenz. Seit Mitte der Neunziger Jahre tritt Denis Abrahams als Rezitator und Vorleser auf und hat sich seither ein breites Repertoire erarbeitet. Seit 2004 lebt und arbeitet Denis Abrahams als freier Sprecher und DJ in Berlin und hat bereits in zahlreichen Hörspielen mitgewirkt.

Andreas Rötzer, geboren 1971 in München, Studium der Kulturwirtschaft und Philosophie in Passau, Paris und München, Promotion in Philosophie 2003. Arbeitete seit 1999 bei Matthes & Seitz, gründete den Verlag im Jahr 2004 in Berlin neu unter dem Namen Matthes & Seitz Berlin.

Paulo César Fonteles de Lima, geboren 1949 in Belém do Pará, war ein wichtiges Mitglied der Ação Popular (Volksaktion), die während der schlimmsten Jahre der Diktatur (1969-1979) im Untergrund agitierte und, wie alle anderen linken Organisationen, erbarmungslos verfolgt wurde. Bereits Anfang der 70er Jahre waren er und seine schwangere Frau von den Militärs gefoltert worden. Nach Ende der Diktatur (1985) wurde er schnell zur Leitfigur der „Bewegung für mehr Gerechtigkeit“. Paulo César Fonteles de Lima wurde am 11. Juni 1987 auf offener Straße ermordet. Seine Mörder wurden nie ermittelt.

Diese Stille nach zwanzig Jahren weltweit erstmals gebrochen zu haben und so über die deutsche Sprache dem Autor wieder den Weg in seine brasilianische Heimat zu ebnen ist ein Verdienst, das [dem Übersetzer] Steven Uhly und dem Verlag Matthes Seitz kaum hoch genug angerechnet werden kann. Florian Borchmeyer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Oktober 2007


Lettrétage
Methfesselstr. 23-25
10965 Berlin

Tel. (+49.30) 692.45.38

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40. TO LET YOU PASS

Remembering Craig Arnold.

By Christian Wiman
Poetry Media Service

It is now seven months since Craig Arnold died—or vanished, as most notices have termed it. We have delayed running an obituary for him partly because of the circumstances of his death. As most people in the poetry world now know, he disappeared while exploring a volcano on a Japanese island, and all indications are that he suffered a fatal fall in such a remote and dense location that his body may never be found. Another part of the delay, though, perhaps the better part of it, is this: I knew Craig, and knew him to be a person in whom life burned so intensely and immediately that not only is his death at 41 a shock, but in some part of my brain it simply will not register.

I first met Craig about 10 years ago at a little college in Virginia, where he was part of a symposium of young poets I had organized. Tall, lean, and with his head shaved, clad in black leather pants and tight white T-shirt, he didn’t “read” his poems: he performed them, strutting elastically about as if he were on stage, whipsawing lines and limbs in precise, rehearsed ways, electrifying that quaint little lecture hall as if it were the Moulin Rouge. I tend to be allergic to this kind of self-dramatization in poetry, but I loved it. All of it: the flair that seemed to arise naturally out of his character rather than being appliquéd on; the mercurial and protean nature of his subjects (and, I would learn, his own life); the hell-bent hungers and raptures kept in check—or at least kept intact, intelligible—by the tough-minded conscience and craft that ran through the poems like a spine.

Those were the poems of Shells, Craig’s first book, which had been selected by W.S. Merwin for the Yale Series of Younger Poets in 1998 (published in 1999). The poems hold up, to say the least. In fact, what strikes me when reading them now is how little they need any embellishment of drama or gesture, how absolute their integrity is on the page. “Hot,” a long, tightly wrought narrative that is emblematic of the book as a whole, is about—besides life and death and art, I mean—two friends who share a passion, of a sort, for ever-hotter peppers:

I called in sick
next morning, said I’d like to take

time off. She thinks I’ve hit the bottle.
The high those peppers gave me is more subtle—

I’m lucid, I remember my full name,
my parents’ birthdays, how to win a game

of chess in seven moves, why which and that
mean different things. But what we eat,

why, what it means, it’s all been explained
—Take this curry, this fine-tuned

balance of humors, coconut liquor thinned
by broth, sour pulp of tamarind

cut through by salt, set off by fragrant
galangal, ginger, basil, cilantro, mint,

the warp and woof of texture, aubergines
that barely hold their shape, snap beans

heaped on jasmine, basmati rice
—it’s a lie, all of it—pretext—artifice

—ornament—sugar-coating—for . . .

For what? Well, that’s the whole heart of “Hot,” the whole heart of Craig, really, who seems to me as powerfully present in these poems as when I first heard him perform them all those years ago—and as teasingly elusive.

Nine years would pass between the publication of Shells and the appearance of Craig’s next book, Made Flesh, nine years in which Craig lived in Rome and Bogotá and Wyoming and Utah and I don’t know where else. It was in some ways the typical 21st-century up-and-coming American poet’s life—the pickup jobs and the scramble for publishers, the fellowships and relationships (for the past six years of his life, Craig was very happily partnered with another poet, Rebecca Lindenberg), the constant effort to find a way of staying alive without allowing one’s lifeblood to congeal into a career.

And yet it wasn’t so typical, too: Craig was perhaps the only poet I have known personally—the only good poet, I should say—who seemed completely at ease with being a poet. Don’t get me wrong: Craig had all of the existential friction and psychic disquiet we’ve come to expect from post-Romantic poets—an excess of it, actually. You don’t have to read his poems autobiographically—and they’re too cunningly, winningly imagined to do that—to get a hint of the tempest that was their source. But he also had, right down to his soul (I guess it was his soul), a calm and clarifying equanimity about his purpose on this earth, and always over the years when I would encounter him—a few days in Virginia again, a dinner in San Francisco, a breakfast in Chicago—I would discover my own bristling insecurities melting away in his presence, and would feel my own relationship with poetry renewed. This wasn’t because Craig had achieved some sort of monkish calm with regard to ambition (ha!), and it certainly wasn’t because he was placidly and brainlessly open to everything he encountered (in fact, he could be quite sudden and sharp in his opinions). No, what Craig had, besides his endless and endlessly inclusive charisma, was a capacity to be at once absolutely grounded in the physical world, and in his own body, and yet utterly, mysteriously permeable. I’m not sure how this played out in his daily life, but I know it affected mine, and for the better. I also know that this quality gives the concrete things of his poetry, and especially his later poetry, a powerful sense of being more themselves by being more than themselves:

Here is a small café
opening for breakfast
a zinc counter catching the light
at every angle in bright rings of glitter
A cup of black coffee is placed before you
brimming with rainbow-colored foam
a packet of sugar   a pat of butter
a split roll of bread
scored and toasted and still warm
The butter is just soft enough to spread
the coffee hot and sugared to perfect sweetness
the bread grilled to the palest brown
crisp but not quite dry
You tear it neatly into pieces
eat them slowly    when you finish
you are exactly full

Here are bread butter and coffee
Here you are     your own body
eating and drinking what you are given
as one day you in turn will be devoured
and that is all     You were never the lord
of a lightless kingdom     any more
than she has ever been its queen
and the world you talked into a prison
suddenly seems to be made of glass
and your eyes see clear to the horizon
and you feel the molecules of air
part like a curtain     as if to let you pass
—From “Couple From Hell”

This is from Made Flesh, which is a different sort of book from Shells. Shells is often about the immediacy of experience, but there is just as often a detachment to the poems, a very palpable (and altogether successful) sense of artifice, of talent that is in some way distancing a world even as it brings that world wildly alive. In Made Flesh that distance is gone. The language is sparer, all irony is obliterated, the poems are less obviously “formal,” and their raptures are at once quieter and more complete. There is something both precise and encompassing about these poems, something at the same time piercing and liberating. Time abrades talent. Some poets don’t seem to notice this and continue to make the same ever-thinning sound right on into oblivion. Others lapse into embittered silence. In some, though, the abrasions bloom:

On the fire escape of your rented room
we sat and felt the empty city
sweat and fret     we passed a cigarette
back and forth     as once we passed
words like these between us      without
hope of keeping
Now I write
without hope of answer     to say
that what we gave each other nakedly
was too much and not enough
To say that since we last touched
I am not empty     I hear you named
and my heart starts     the pieces of your voice
you left     are interleaved with mine

and to this quick spark in the emptiness
to say Yes     I miss how love
may make us otherwise
—From “Asunder”

The bracing, rule-breaking (show, then tell), completely convincing move from detail to abstraction, from sensation to realization; the space-ghosted form of the lines so apt for their subject; the careful, graceful assurance of the poem as it charts an entirely new route through a minefield of emotional and poetic clichés: it takes an enormous amount of skill to speak one’s pain in this way, and it takes a rare, clear heart.

I last saw Craig back in February, when he came into town for the AWP conference. He showed up at the Poetry offices one afternoon and practically lifted me off the floor in a hug. As always, the twitchy intelligence, the solar flares of his energy, surprised me—and, as always, surprised a happiness in me I hadn’t known was there. We locked him in an office all afternoon in hopes that he would write the long-overdue prose note to the translation he had done for our April issue, and for hours he sat there (weird: how suddenly still he could become, how creaturely focused), finally emerging near dusk with a single brilliant and self-revealing page on a poet he had recently met while living in Colombia (“to hit upon such an image requires an intimate acquaintance with all the flavors of pain and persistence and hopelessness—here, I thought, was a conscience to reckon with”). The next day he led—with great kindness, and much to my surprise—a reading he’d shaped as a celebration of the magazine. He’d given up the extravagant reading style of years before because, he said, he began to think it was actually deflecting people’s attention and detracting from the work. Still, even understated (as if that word could ever be used for Craig!), he was searing, mesmerizing, unforgettable.

Craig stayed with my wife and me that week, and somehow in between the dozens of friends he was seeing, or tending to, or shuttling to and from the airport, we found time to talk. I remember most clearly his last morning here, when he made us migas for breakfast, and the conversation turned to something he and I had talked of many times over the years: the necessary but destabilizing intensities of poetry, and the life that one risks by cultivating those intensities, and the life that—in some cases, our cases, we both felt—poetry also rescues. Out in the front yard he gave me another of his no-holds-barred hugs and promised to be back in August. Only as he drove off did I realize I’d forgotten to get him to sign our copy of Made Flesh, which is a shame, since the inscription he wrote for me on Shells all those years ago is a gem. Filling the entire page, and linking quotations from Fight Club and Baudelaire with a self-consciously absurd smiley face, it’s Craig all over. “I hope this stays with you,” he scrawled on the very last bit of space at the end of the page. “I certainly will.”

Christian Wiman is the author of three books, most recently Ambition and Survival: Becoming a Poet. A new book of poetry, Every Riven Thing, is forthcoming in 2011. He has edited Poetry magazine since 2003. This essay originally appeared in the October 2009 issue of Poetry magazine. Distributed by the Poetry Foundation at http://www.poetryfoundation.org.

© 2009 by Christian Wiman. All rights reserved.

39. Kamerunische Dichter

Das Ministerium für Kultur Kameruns ehrte am Montag in der ersten Folge einer geplanten Serie „Poetische Momente Kameruns“ die kamerunischen Dichter, die in den letzten drei Jahren nationale und internationale Preise gewonnen haben. Ziel ist, die Dichtkunst ins Licht zu rücken und die besten Dichter zu feiern. Geehrt wurden die Preisträger des Prix de la poésie rondine, des Grand prix de poésie Patrice Kayo (benannt nach einem Pionier der kamerunischen Lyrik), des Prix de la poésie de langue française der Académie „Il Convivio“ aus Sizilien, des Grand prix Bleuet international und des Prix de la poésie Léopold Sédar Senghor.

– Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua meldet dies, immerhin, verschweigt uns aber die Namen der Dichter. Davon gibt es einfach zu viele: wieviele Dutzend oder Hundert in Kamerun, und in China gar 1 Million*, wie die Lyrikzeitung vor 4 Jahren melden konnte:

L&Poe 2005    Okt #39.    Nationales Poesiefestival in Ma’anshan (China)

*) Meine eigene Dichterdatenbank hat 36.376 Einträge, darunter aus China nur 434, aus Kamerun 24.

38. American Life in Poetry: Column 242

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
There are lots of poems in which a poet expresses belated appreciation for a parent, and if you don’t know Robert Hayden’s poem, “Those Winter Sundays,” you ought to look it up sometime. In this lovely sonnet, Kathy Mangan, of Maryland, contributes to that respected tradition.

The Whistle

You could whistle me home from anywhere
in the neighborhood; avenues away,
I’d pick out your clear, alternating pair
of notes, the signal to quit my child’s play
and run back to our house for supper,
or a Saturday trip to the hardware store.
Unthrottled, wavering in the upper
reaches, your trilled summons traveled farther
than our few blocks. I’ve learned too, how your heart’s
radius extends, though its beat
has stopped. Still, some days a sudden fear darts
through me, whether it’s my own city street
I hurry across, or at a corner in an unknown
town: the high, vacant air arrests me—where’s home?

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©1995 by Kathy Mangan, from her most recent book of poems Above the Tree Line, Carnegie Mellon University Press, 1995. Reprinted by permission of Kathy Mangan and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

37. Tagebuch vom Mauerfall

„Whispering. Ein kollektives Tagebuch von 1989″: Die „Welt am Sonntag“ präsentiert mit den Auszügen aus einem unveröffentlichten Manuskript des Schriftstellers Walter Kempowski eine literarische Sensation. Bekannte Persönlichkeiten gewähren Einblicke in ihre Gedankenwelt während der bewegenden November-Tage. U.a. mit Eva-Maria Alves, Hans Arnfrid Astel, Jürgen Becker, Gertrud Fussenegger, Margarete Hannsmann, Christoph Hein, Ernst Jünger, Wulf Kirsten, Pavel Kohout, Luise Rinser, Thomas Rosenlöcher, Peter Rühmkorf, Dieter Wellershoff.

36. Lyriknacht in Sistig

Am Samstag, dem 7. November 2009, fand in Sistig, dem im Nationalpark Eifel gelegenen malerischen Wahlheimatdorf des Essayisten, Lyrikers und Edition-YE-Herausgebers Theo Breuer eine lange Nacht der Lyrik statt, die von den zahlreich erschienenen, aus nah und fern angereisten Gästen im beinahe bis auf den letzten Platz besetzten kleinen, aber herausragend bestückten privaten Kunstmuseum Krüger mit Begeisterung aufgenommen wurde.

Während des knapp dreistündigen Programms, eingeteilt in zwei „Kapitel“ von jeweils vier bzw. fünf Sequenzen, die der Lautenspieler Hans-Peter Peil mit stilvoll vorgetragenen Musikstücken der Renaissance kongenial zu einer Einheit verband, bei dem die unterschiedlichsten Temperamente und Tonarten deutscher Dichtkunst exemplarisch vorgestellt wurden, führte Theo Breuer anhand 50 ausgewählter Gedichte von Walther von der Vogelweide (im mittelhochdeutschen Original vorgetragen) über Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Hölderlin, Annette von Droste-Hülshoff, Georg Trakl („Grodek“), Jakob van Hoddis, Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn („Was schlimm ist“), Paul Celan, Rolf Dieter Brinkmann, Thomas Kling („Inhalator“), Axel Kutsch („Feier des Wortes“, „Wegbeschreibung“), Markus Peters („altenheim 2060“) u.v.a. kenntnisreich, unterhaltsam und phasenweise zu Herzen gehend, zumeist nah beim Publikum stehend, frei und entspannt sprechend durch die abwechslungsreiche Geschichte der deutschen Lyrik…

Kurze Gastauftritte hatten der beispielsweise im Poetenladen vertretene Berliner Autor und Filmemacher Rainer Komers, der die Präsentation seiner Gedichte u.a. in die Schilderung einer nach Alaska führenden Reise einbettete, sowie der im Westerwald lebende Lyriker Andreas Noga, der mit einer hochamüsanten, lakonisch-verschmitzt vorgetragenen Gedichtmontage für Lachsalven sorgte. / Matthias Hagedorn, Süddeutsche 8.11.

Naz, Shafiq: Lyrikkalender 2010. Alhambra Publishing, B-Bertem 2009.

35. Bernhard spricht

In der F.A.Z.-Hörprobe bisher: Brecht, Artmann, Ausländer, Benn, Hesse, Sachs und nun Bernhard. „Kurios“? Nunja. Jedenfalls hörenswert.

Über hundert der wichtigsten deutschen Dichterinnen und Dichter aus den letzten hundert Jahren werden in der Edition „Lyrikstimmen“ in Originalaufnahmen zusammengeführt und von ihren Verfassern, je nach Temperament, vorgetragen, abgelesen, aufgesagt, hingesemmelt und geschrien. Für die F.A.Z.-Hörprobe haben wir einige kuriose Beispiele ausgewählt.

Bei den Recherchen für diese Edition ergab sich in den Archiven ein unerwarteter Fund: Zwei Vorträge von Thomas Bernhard aus dem Jahr 1960 beim ORF. Es sind offenbar nicht nur die einzigen Lyrikaufnahmen des Autors, sondern es handelt sich bei „Bibelszenen“ und „Geflüster“ auch um bisher unveröffentlichte Bernhard-Texte. Auch die Rezitation selbst mag überraschen. Sie ist recht konventionell, im traditionellen Burgtheater-Sound gehalten.

34. Gedichte und Lieder aus Ghettos und Konzentrationslagern

„Lyrik gegen das Vergessen“ – Gedichte und Lieder aus Ghettos und Konzentrationslagern“. Diesen Titel trägt eine CD, die gestern im Rahmen einer Matinee im Kulturzentrum ehemalige Bezalel Synagoge vorgestellt wurde. Die bewegenden Texte ehemaliger Häftlinge las Schauspielerin Ursula Illert vor, sie wurde (wie auch auf der CD) auf dem Cello von Anka Hirsch mit selbst komponierten Stücken begleitet. …

Bei einer Reise nach Polen erfährt der Germanistikstudent Michael Moll in Gesprächen mit ehemaligen Zwangsarbeitern oder KZ-Insassen von den Gedichten, die in den Lagern der Nationalsozialisten entstanden waren. Der Student aus Deutschland wollte etwas gegen das Vergessen tun. Er sammelte rund 350 lyrische Dokumente und veröffentlichte sie 1983 als Magisterarbeit an der Uni Münster. 1991 erschienen die Gedichte in Buchform, und im Januar diesen Jahres schließlich nahmen Ursula Illert und Anka Hirsch mit Unterstützung der Chambré-Stiftung ihre CD auf. / Kreis-Anzeiger 9.11.

 

33. Dunckler Enthusiasmo in Leipzig

Christian Filips liest

Pier Paolo Pasolini:

Dunckler Enthusiasmo

Am Dienstag den 10. November, 20.00 Uhr

Im Haus des Buches, Gerichtsweg 28, 04107 Leipzig

Worin liegt der Antrieb zum Schreiben?

Ist die Renaissance des politischen Gedichts seine Reform?

Ist Ketzertum  eine Grundeinstellung?

Dass Kunst zuallererst der Verschönerung der Welt diene, schreibt Nietzsche. Und er meint damit wohl, zumindest sollte er das meinen, dass es einen Punkt gibt, an dem ein ästhetisches Engagement in politisches  umschlägt, umschlagen muss.

Das Paradies wäre die Identität von Gutem und Schönem.

Pasolinis Texte sind von der Sehnsucht nach dem Paradies durchdrungen und gerade deshalb politische Texte.

Edit-Redakteur Jan Kuhlbrodt unterhält sich mit Christian Filips und Konstantin Ames über Pasolini, Dialekt und Dialektik, Kunst und Politik. Filips und Ames werden lesen.

32. Novemberstreifen

Vier Autoren aus der Region laden unter dem Motto „Novemberstreifen“ am 22. November (Sonntag) um 18 Uhr in der Burg Lüdinghausen ihre Zuhörer zu literarischen Streifzügen durch ihre eigenen Werke ein, heißt es in einer Pressemitteilung des veranstaltenden Kulturforums KAKTuS.
Die gebürtige Schwedin Bodil Edmar-Kerstin schreibt seit ihrem 16. Lebensjahr Gedichte, die sie unter anderem in den Sammelbänden „Mit meinen Worten“ und in „Literamus“ (Trier) veröffentlicht hat. Zuletzt las sie im März dieses Jahres im Olfonium in Olfen. Sie nahm an zahlreichen und Kunstseminaren sowie an Gemeinschaftsausstellungen in Senden und Recklinghausen teil. Bodil Edmar-Kerstin ist Mitbegründerin der Kulturinitiative Senden. Ihr Gedicht „Novemberstreifen“ gibt dem ganzen Literaturabend den Namen. …

Der vierte im literarischen Kleeblatt ist Jochen Rademacher-Beckmann. Schon als Student hat er mit Lyrik-Aktionen zum Beispiel durch Plakatierung einer ganzen langen Allee in Bonn mit Lyrik und aphoristischen Provokationen auf Randgebiete aufmerksam gemacht. In seinen Texten trifft man immer wieder auf den Versuch, über sich selbst zu lachen. Ironie und Satire liegen ihm sehr am Herzen und selbst bei psychischen Tiefgängen kann er sich ein Augenzwinkern nur selten verkneifen. Jochen Rademacher-Beckmann veröffentlicht seine Werke regelmäßig in der Literaturzeitschrift „Literamus“ aus Trier.

Als Ergänzung, Verdeutlichung und Zugang mit anderen Sinnen dürfen sich die Zuhörer auf zwei Tänzerinnen freuen. Sandra Reekers und Monika Rudelbach aus Bochum werden mit Masken- und Musikperformance dem Abend einen besonderen Rahmen geben. / Münsterländische Volkszeitung

31. Keine Reden. Keine Lügen. Champagner.

Die letzten Telefongespräche mit Karin Hempel-Soos zeugten von nachlassender Kraft – körperlicher Kraft, nicht Willenskraft. Auch angesichts des Todes war diese Frau nicht gewillt, den Dingen einfach so ihren Lauf zu lassen. Sie wünschte sich eine Beerdigung in aller Stille. Und: „Keine Reden. Keine Lügen. Champagner.“ …

Natürlich war die Beisetzung am Freitag auf dem Poppelsdorfer Friedhof eine öffentliche Angelegenheit. Würdevoll, aber nicht ganz still. Beethovens 7. Sinfonie war unter anderem zu hören, Maria Callas („Casta Diva“) und Literarisches von Karin Hempel-Soos.

Der Text „Hören Sie endlich auf zu verwildern“ spiegelte die Lyrik und die Persönlichkeit der unsentimentalen, gleichzeitig hochsensiblen Autorin. Das kleine Rahmenprogramm hätte ihr gefallen.

Unter den zahlreichen Trauergästen waren langjährige Wegbegleiter, führende Köpfe aus Kultur, Wirtschaft und Politik. Eine große Koalition ministerialer Größen – gegenwärtiger und vergangener – war zur Beerdigung der am 23. Oktober gestorbenen Karin Hempel-Soos gekommen: Peer Steinbrück, Franz Müntefering, Ulla Schmidt und Norbert Röttgen. …

Peer Steinbrück und Thomas Franke lasen Gedichte von Karin Hempel-Soos.

Das Lakonische, mitunter provozierend Freche ihrer Poesie arbeitete Steinbrück mit dem ihm eigenen trockenen Witz perfekt heraus. Liebe und Sexualität, Eros und Tod, Familienleben, Männer und Frauen in der Politik – die Themenvielfalt der Lyrik von Karin Hempel-Soos war groß. Sie besaß die Empfindsamkeit der Dichterin und das (politische) Temperament der Kabarettistin, wenn es darauf ankam, blickte sie mit unerbittlichem Scharfblick auf die Welt. / Dietmar Kanthak, General-Anzeiger 7.11.