75. Neue Politische Gedichte in München

Am Freitag, 27.11., 20.00 Uhr lesen:

Karin Fellner (München)
Gerald Fiebig (Augsburg)
Stefan Schmitzer (Graz)
Tom Schulz (Augsburg)

aus: alles außer Tiernahrung –
Neue Politische Gedichte

im CORD CLUB, Sonnenstraße 18, München

alles außer Tiernahrung –
Neue Politische Gedichte
(hrsg. von Tom Schulz)
Rotbuch Verlag, Berlin, 2009.

Dass die politische Lyrik tot sei, wird im deutschen Sprachraum seit einiger Zeit gern kolportiert.
Doch in Wirklichkeit nimmt das politische Gedicht – am Anfang des 21. Jahrhunderts – wieder einen größeren Raum ein.
Das liegt an der immerwährenden Aktualität kritischer Dichtung:
In einer Zeit, in der die Weltrisikogesellschaft Kurs aufgenommen hat, ihre Endprozesse zu beschleunigen …

(aus dem Vorwort des Hrsg.)

es ist eine ordnung aus seattle auf deinem schreibtisch es ist eine ordnung aus dem pentagon in deiner post
& du bist es nicht dem das ammoniak die hand abfrisst wenn du den text formatierst es ist der drucker in china.
es ist kein tanz es ist eine ordnung aus seattle & münchen in deiner sprache die sagt ALLES LIEBE wenn du
sagen willst ALLES HASS …

(aus: Gerald Fiebig „stellenbeschreibung“)

Die große Anzahl der Texte zeigt, dass im vorpolitischen Raum, d.h. in einem Raum
außerhalb jeglicher politischer Institutionen, eine Polyphonie kritischer Stimmen existiert,
die ihre Positionen eher intuitiv als diskursiv verhandelt …

(aus dem Nachwort von Theresa Klesper)

dagegen helfen nicht ecstasypillen noch
aktienoptionen
dagegen hilft nur ein anderes leben

(aus: Gerald Fiebig „ein anderes leben“)

74. Bildfindungsfuror

Mal sind es winzige Verschiebungen der Bedeutungsebene („im Friaul, auf Siena gebettet, die Rosen“), mal rasche Überblendungen oder sinnschöpferisch eingesetzte Zeilenbrüche, die dieser Lyrik ihren eigenen unverwechselbaren Ton geben: „der Einsame ist ein Zweig / er trägt die Dörrfrucht des Winters / die Bäume mit der Totenhand // sie greifen hinter das Leben / Herr, schließ den Weltraum / Kühlschrank zu, es schweben // die Datteln…“ (Psalm)

Selten wurde ein Psalm ja so geräumig für weltliche und außerweltliche Verschränkungen gemacht wie hier bei Tom Schulz, der lyrische Formen nicht bloß neu ausfüllt, sondern sie seinem Ton nachgerade anverwandelt (und übrigens ein Liebhaber des Binnenreims zu sein scheint).

Man staune auch, wie rotzig-verliebt der Dichter in seiner „Stendaler Elegie“ daherkommt, darin es heißt: „…es gibt kein Jahr 2046, damit mußt du dich / abfinden, Kleines, sieh meine hässlichen Zehen an / die wollen nach Süden wie ein paar zerschossene Pilger // bitte sende mir eingerissene Fingernägel, sende mir / deine schwärzeste Stunde, ich will um sie anhalten / damit die Tränen nicht zweiter Klasse fahren müssen…“

Das moderne Gedicht hat er einmal mit einem leerstehenden Parkhaus, „in dem die Fiktionen auf mehreren Ebenen ein und ausgehen“ verglichen.

Die Dichtung des Tom Schulz steckt voller solcher teils irrwitziger Fiktionen.

Ein leichtfüssiger Surrealist ist dieser Dichter, ausgestattet mit einem reichen Sprach- und Bildfindungsfuror, der seine Kapitalismuskritik als  poetische Funk- und Morsezeichen in die von konsumistischen Heilsversprechen traumatisierte (westliche) Welt schickt. / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 16.11.

Tom Schulz: Kanon vor dem Verschwinden. Berlin Verlag, 2009. 96 S., 16,90 Euro.

73. Auf Literatur gebaut

Das eigentlich Überraschende an dem Buch aber ist sein literarisches Genre. Uwe Tellkamp, der Romanschriftsteller, der Autor des preisgekrönten „Turms“, auch ein Lyriker? Wer freilich ein Gespür für Sprache hat, der wird – bei der Ausdruckskraft, der Intensität und poetischen Verdichtung von Tellkamps Romansprache – über die Publikation nicht überrascht sein. Zumal diese Lyrik selber ins Episch-Summarische tendiert. Nicht auf Sand, auf Literatur ist Tellkamps namenlose Stadt gebaut.

Schon die Namen einzelner Figuren sind ein Indiz: Der Kastellan des Archivs heißt Prospero, eine Versicherungsmaklerin Zenobia Quichotte, die Architektin in der Hafen-City Penelope; auch der Baron von Münchhausen und Scheherazade fehlen nicht. Und der Satz: „Wir reisen nach innen“ zitiert fast wortgetreu Novalis‘ berühmte Formel: „Nach innen geht die geheimnisvolle Reise“. So outet sich Tellkamp als verkappter Romantiker. Ein Indiz ist schon die allgegenwärtige Farbe Blau, sie lässt an die romantische Suche nach der Blauen Blume denken. Und das lyrische Geschehen? Ist ein bisschen undurchsichtig und im Grunde Nebensache, es verschwindet beinahe unter den fantastischen Blüten der Imagination, den Kapriolen der Sprache.

Denn dies ist das Buch vor allem anderen: ein ausgelassenes, virtuoses Sprachspiel, das an den Mitspieler oder Leser stellenweise enorme Anforderungen stellt. Über seine fantastisch-hermetischen Bilder und verrätselten Anspielungen dürfte sich künftig noch so mancher germanistische Dechiffrierkünstler den Kopf zerbrechen. / Hans-Dieter Fronz, Mannheimer Morgen 16.11.

Uwe Tellkamp: Reise zur blauen Stadt. Insel. 110 S., 12.80 Euro.

72. Erfüllung der Welt mit Poesie

Ilma Rakusa hat am Sonntag für ihr im Grazer Droschl Verlag erschienenes Buch „Mehr Meer“ den zum zweiten Mal verliehenen Schweizer Buchpreis erhalten. Die Auszeichnung ist mit 50.000 Franken (umgerechnet 33.117 Euro) der höchstdotierte Literaturpreis der Schweiz. Die Preisverleihung fand im Rahmen der BuCH.09 in Basel statt.

… Die Jury lobte Rakusas „Schönheitsempfindlichkeit“ und die „Erfüllung der Welt mit Poesie“. „Geschult im Umgang mit den grossen Lyrikern, die sie übersetzt, interpretiert und vermittelt, geschult auch durch die eigene lyrische Arbeit“, habe Ilma Rakusa „ein episches Werk geschaffen, das lyrische Ansprüche erfüllt“ heißt es in der Laudatio von Martin Ebel.

Die übrigen vier Nominierten erhalten je 2.500 Franken. Es sind dies Eleonore Frey für „Muster aus Hans“, Jürg Laederach für „Depeschen nach Mailland“, Angelika Overath für „Flughafenfische“ und Urs Widmer für „Herr Adamson“. / Der Standard 16.11.

71. Klangraum Lyrik in Eßlingen

Vier hochkarätige Lyriker, ein Weltklasse-Jazzpianist und eine Ausstellung unterschiedlichster künstlerischer Positionen – die Villa Merkel verwandelte sich anlässlich der Literaturtage LesART in den „Klangraum Lyrik“. Und der forderte von den Besuchern die Bereitschaft, sich offen und neugierig auf eine aufregende Inszenierung einzulassen.

Keiner hört das Gleiche, denn jeder Dichter liest vier Mal, und die Lyrik-Freunde ziehen in Gruppen von Raum zu Raum, von Kurzlesung zu Kurzlesung. Ein Zug fährt vorbei, das Tatütata eines Einsatzfahrzeugs dringt von draußen herein, irgendwoher klingt leise Musik. Wer genau hinhört – und das tun an diesem Abend alle -, spürt, dass die Lesungen synchron sind, hört, dass sich die Stimmen der Dichter überlagern. …

Ulf Stolterfoht liest aus seinem Großzyklus „Holzrauch über Heslach“ eine Passage über die Rolle der Musik in der Stuttgarter Arbeitersiedlung. Er ist ein Sprachnarr, ein Sprachartist, liest mit weicher, dunkel getönter Stimme. Mit analytischem Blick und eigenwilliger Ironie schafft er rhythmische Assoziationen – und manchmal, es scheint fast absichtslos, reimt es sich auch. Saskia Fischer baut Spannung auf zwischen ihrer lakonischen Art, mit leicht rauer, sehr melodiöser Stimme zu lesen, und ihren Themen, die den Kontrapunkt setzen: die übergroßen Gefühle und die klitzekleinen Dinge des Alltags, wo wieder mal das Barometer auf „Scharmützelwetter“ steht. Die täglichen Balgereien, Kämpfe und Schlachten können auch verloren gehen: Niederlagen sind unvermeidlich.

Wenn Steffen Popp seine „Meergedichte“ liest, dann ist das, als ob er nicht mehr nur schreibt, sondern schon zeichnet, Skizzen entwirft für Bilder. Man kann sich von seinen ebenso vitalen wie lyrischen Formulierungen mitziehen lassen, sich durchströmen lassen. Das kann sehr romantisch anklingen, wenn das Bild des sehnsuchtsvollen Ortes aus dem Nebel auftaucht.

Jan Wagners Texte sind elegant und virtuos. Mit angenehm warmer Stimme liest er aus einem abgegriffenen Exemplar. „In Tupfern von Weiß die Wolken“ – gern beginnt er ganz harmlos, wird dann ein bisschen schräg, um schlussendlich den Hörer abgrundtief hinabzustürzen. Hochartistisch baut er die im Barock so beliebte Sestine nach, sechs Strophen, sechs Zeilen, sechs Schlüsselwörter: „Das ist, als würden Sie sich selbst einmauern: Auch der letzte Stein muss passen.“ / Gaby Weiß, Eßlinger Zeitung 16.11.

70. Die Gewinner des 17. open mike stehen fest

Die Jury des 17. open mike hat sich entschieden. Die Preise für Prosa gingen an Inger-Maria Mahlke für den Text „3. Kapitel: Potulski I“ und an Matthias Senkel für den Text „Peng. Peng. Peng. Peng.“. Der in diesem Jahr zum zweiten Mal vergebene Lyrikpreis ging an Konstantin Ames.

Der open mike wird von der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation ausgelobt und ist mit insgesamt 7500,- EURO dotiert.

Der Preis der taz-Publikumsjury ging ebenfalls an Matthias Senkel.

Aus den 700 eingegangenen gültigen Bewerbungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum wählten sechs Lektoren aus renommierten Verlagen die 20 Autoren und Autorinnen aus, die am 14. und 15. November 2009 beim Finale in der Wabe in Berlin ihre Texte vortrugen. Die Juroren Ursula Krechel, Kathrin Röggla und Jens Sparschuh kürten die Gewinner.

Der open mike hat sich, seitdem er 1993 zum ersten Mal verliehen wurde, zum wichtigsten deutschsprachigen Literatur-Nachwuchswettbewerb entwickelt und ist Karrieresprungbrett für junge Autoren. Gewonnen haben ihn u.a. Karen Duve, Kathrin Röggla, Jochen Schmidt, Terézia Mora, Tilman Rammstedt, Rabea Edel und Jörg Albrecht.

Die Gewinner:

Konstantin Ames, geboren 1979 in Völklingen, studierte in Leipzig Kommunikations- und Medienwissenschaft, Philosophie, Neuere deutsche Literatur und Komparatistik, seit 2008 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Mitherausgeber der »Tippgemeinschaft«. Jahresanthologie der Studierenden des Deutschen Literaturinstituts Leipzig 2010. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.

Inger-Maria Mahlke, geboren 1977, aufgewachsen in Lübeck, lebt und schreibt in Berlin. 2009 Teilnahme an der Autorenwerkstatt Prosa des LCB. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.

Matthias Senkel, geboren 1977 in Greiz, lebt und arbeitet in Leipzig. Teilnehmer beim open mike 2008.

Die Gewinner gehen direkt im Anschluss auf Lesereise, Termine:

Di, 17.11.09, 20 Uhr Literaturhaus Frankfurt, http://www.literaturhaus-frankfurt.de

Mi, 25.11.09, 20 Uhr Schauspielhaus Wien, http://www.schauspielhaus.at

Die Wettbewerbstexte des 17. open mike sind als Anthologie im Allitera Verlag erschienen und im Buchhandel oder unter http://www.allitera.de zu erwerben.

Deutschlandradio Kultur sendet am Sonntag den 22.11. um 0.05 Uhr die Reportage „17. open mike“.

Der open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Zusammenarbeit mit der WABE und dem Allitera Verlag.

69. FELDKIRCHER LYRIKPREIS 2009

In der Veranstaltung am Sa. 14. Nov. um 20.15 Uhr wurden die PreisträgerInnen des Feldkircher Lyrikpreis 2009 bekannt gegben:

1. PREIS MARCUS POETTLER

2. PREIS SILKE PETERS ex aequo 2. PREIS THILO KRAUSE

Jurymitglieder: Petra Ganglbauer (Autorin), Andreas Neeser (Autor, 1. Preis Feldkircher Lyrikpreis 2008), Bernd Schuchter (Limbus Verlag, Hohenems), Marie Rose Cerha (Theater am Saumarkt).

Marcus Poettler

Geboren 1977 in Hartberg, lebt und arbeitet in Graz.

Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (LICHTUNGEN, manuskripte, Ostragehege, Podium), Anthologien (zuletzt in „Lyrik von JETZT zwei“, Berlin Verlag 2008) und im Rundfunk.

2005 Literaturförderungspreis der Stadt Graz.

2007 Literaturpreis der Steiermärkischen Sparkasse

Bibliographie:

„fallen. gedichte“, Leykam, Graz 2007

Silke Peters.

Silke Peters, Jahrgang 1967, lebt in Stralsund. Nach ihrem Studium hat sie als Lehrerin, in Naturschutz- und Kunstprojekten gearbeitet. Seit 2000 veröffentlichte Silke Peters zahlreiche Gedichte in Zeitschriften, Anthologien, in Künstlerbüchern und in zwei Gedichtheften. Schreiben ist für sie ein besonderes Wahrnehmungsinstrument, um der Brüchigkeit des Daseins Nachzuspüren, Entdeckungen zu machen und sich auf die Reise zu begeben in innere und äußere Landschaften.

Thilo Krause,

geboren 1977 in Dresden, lebt in Zürich, verheiratet, eine Tochter. Forscher an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. Zuletzt Gedichte in: „Versnetze_zwei – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart“, Hrsg. Axel Kutsch. 2005 Heinz-Weder-Lyrikpreis (Hauptpreisträger).

2009 Werkstipendium des Kantons Zürich.

Bericht im ORF (mit Texten Poettlers) / Liechtensteiner Volksblatt

Die Preissumme beträgt 1000 für den ersten und 500 für den zweiten Platz. Zu den Sponsoren, weiß Wikipedia, „zählen die österreichische Bundesregierung, Vorarlberger Regierungsinstitutionen, Banken sowie eine Privatstiftung“. 2003 und 2004 gab es 7 Auszeichnungen, in den nächsten 3 Jahren 4 und dieses wie voriges 3, das gibt eine schöne Kurve nach unten (die vielen beteiligten Organisationen müssen sich strecken oder es wird weniger eingereicht?).

68. Scherstjanoi und Claus

Textenet

Ehrliche Fälschungen

Ausstellung mit Valeri Scherstjanoi und Carlfriedrich Claus

Einige Einblicke.

Von Bertram Reinecke (Leipzig)

Als Valeri Scherstjanoi erzählte, wie stark er von Carlfriedrich Claus beeinflußt wurde, wie er beinahe verrückt wurde über dessen Arbeiten, wie er sich zeitweise derart mit dessen Ansatz identifizierte, dass er gar dessen Handschrift erlernte, war mir sofort klar: Ich will das nicht nur selber sehen, das geht auch andere an.

Nun ist so etwas eine Zumutung für einen Künstler und wir haben Scherstjanoi zu danken, dass er offen genug war, sich dem Ansinnen, diese Arbeiten öffentlich zu zeigen, nicht zu verweigern. (Er hat über die Jahre teilweise eine große Distanz zu ihnen gewonnen.)

Diese Zumutung ist einerseits eine menschliche: Es war, äußert Scherstjanoi, wenig angenehm, mit dem Blick in die alten Mappen fortgerissen zu werden in eine schlimme Zeit, in der er, aus Russland mit dem Versprechen eines menschlichen Sozialismus in die DDR gelockt, allein in einem fremden Land seinen Weg zu finden hatte. (Insofern mag, wie zermürbend die Auseinandersetzung mit Carlfriedrich Claus auch immer gewesen ist, diese aber auch immer seine Balancierstange über einem Abgrund gewesen sein.)

Zweitens ist es sicher wenig angenehm sich selber als einem Fremden zu begegnen. „Wer war da in meinem Kopf.“ Immer wieder war dieser Satz zu hören als wir gemeinsam die alten Ordner durchblätterten.

Die Zumutung ist vor allem aber auch eine künstlerische: Wer seine Vorgeschichten und Abhängigkeiten offenlegt, stellt in den herrschenden Diskursen, die, vielleicht weil sie einem pseudoromantischen Geniegedanken immer noch nachhängen, die Geschichte der Avantgarde als eine Folge radikaler Brüche darstellen[1], seine Integrität als moderner Künstler zur Disposition.

Man sieht es mancherorts nicht gern, dass Kunst nicht nur mit Können, Wollen und Ausprobieren zu tun hat, sondern auch mit (Aus-) Üben. So wird zumindest Schriftstellern eher Weltkenntnis abverlangt als Umgang mit der eigenen Materie. (Deutsch kann ja jeder.)

Und auch Ausprobieren wird von den Apologeten der Moderne lieber mit Mut und der Anerkennung für das Beschreiten neuer Wege in Verbindung gebracht als mit Fehlschlagen, was ebenfalls ganz natürlich in diesem Wort steckt.

Nach diesen Bemerkungen sei allerdings betont: Scherstjanois Arbeiten, auch da, wo sie sichtlich große Ähnlichkeit mit denen des Vorbilds haben, sind durch die Intensität der Auseinandersetzung, die sich nicht zuletzt in der Intensität der Scherstjanoischen Arbeiten selbst widerspiegelt, sichtlich über den Status reiner Stilübungen hinausgehoben.

Auch wenn die Ähnlichkeiten teilweise derart beträchtlich sind, dass selbst ein kunstgeschultes Auge, so lange man nicht sehr nahe herantritt, sie nicht von Claus‘ Arbeiten unterscheiden kann.

Sieht man sich die Arbeiten jedoch im Detail an, werden symptomatische Unterschiede sichtbar. Wo sich auch die feineren Strukturen bei Claus oft als Buchstabenschriften erweisen, lösen sie sich zum Beispiel bei Scherstjanoi häufig in Wellenlinien auf. Findet sich hier etwa in nuce die Abkehr von einer am semantischen Unterschied hängenden Notation bereits angelegt?

Aus dieser Beinaheverzweiflung am Gegenstand zeigt die Ausstellung exemplarisch zwei Wege zur von Valeri Scherstjanoi ausgearbeiteten Kunstform der „Ars Sribendi“, die er einerseits als „scribentische Notation“, andererseits „Poesia Sonora“ fasst. (Er wird zur Finissage aus seinen Federzeichnungen lesen.)

Der eine Weg zeigt an den Glasnost-Arbeiten der späten Achziger das Weiterschreiten der inhaltlich semantischen Auseinandersetzung auf.  Carlfriedrich Claus hat ja seine Sprachblätter weniger gezeichnet, denn als Essays verfasst. (Wie Scherstjanoi begriff er sich nie als bildender Künstler, auch wenn beide in diesem Kontext oft stärker wahrgenommen wurden als von der Literatur.) Dem utopisch schamanischen Kommunisten Claus steht Scherstjanoi mit seinem Interesse an konkreten gesellschaftlichen Verbesserungen gegenüber, dem Philosophen ein Scherstjanoi mit dem Glauben an die Utopie der reinen Stimme. Glasnost, darauf weist Valeri Scherstjanoi hin, bezeichnet auch den Kirchengesang, bedeutet auch die zur Rede mit Gott befreite Stimme.

Stilistisch orientieren sich diese Arbeiten eher am russischen Futurismus-Konstruktivismus.

Ein zweiter Strang deutet den Weg von Clausschen Ausdrucksgebilden zu oft schon notativ repetetiven Strukturen an.

Freilich bei einem so hartnäckig suchenden Künstler wie Valeri Scherstjanoi, dessen Entwicklung von zahlreichen Rückgriffen und Wiederaufnahmen geprägt ist, der zusätzlich zeitweise mit den DDR-spezifischen Problemen eines fehlenden öffentlichen Resonanzraumes zu kämpfen hatte, muss eine solche gradlinige Darstellung eher eine Konstruktion sein als eine historische Wahrheit. Zumal ganz praktisch die Verhältnisse aus zwei Gründen im zeitgeschichtlichen Nebel verschwimmen. Einerseits musste Valeri Scherstjanoi in schlechten Zeiten einige der Clausarbeiten, die als ständig gegenwärtige Grundlage zur Auseinandersetzung bereitstanden, veräußern. Ließen sich diese Werke vielleicht noch versammeln, bliebe ein anderes Problem: Valeri Scherstjanoi hat die Angewohnheit, ältere Werke zu zerscheiden und neu collagiert z.B. als Neujahrspostkarten zu versenden. (Auch solche Beispiele zeigt die Ausstellung.)

Tondokumente aus dem Archiv Valeri Scherstjanois können in der Ausstellung ebenfalls angehört werden. Unter anderem auch Sprechkasetten, die nur zum persönlichen Gebrauch als Kontroll- und Übematerial gedacht waren, aber durch ihre suggestive ruhige Kraft zum meditativen Mitvollzug einladen. Der Künstler weist jedoch darauf hin, dass die hier vorgestellten Tondokumente aus den achtziger und frühen neunziger Jahren seinen heutigen ästhetischen Maßstäben teilweise nicht mehr entsprechen.

Blaue Übungskasette: Tonmaterial zum Hörspiel Matrjoschka, zweite Aufnahme:

Auschnitt aus: Schwarze Übungskasette:

Welimir Chlebnikov: „Heupferdchen“ und „Mein weißes göttliches Gehirn habe Russland ich dir vermacht …“ Mittschnitt aus der Veranstaltung „Segel der Zeit“ anlässlich des hundertsten Geburtstags von Welimir Chlebnikov im Lindenau Museum Altenburg 1985.

Heupferdchen:

Mein weißes göttliches Gehirn habe Russland ich dir vermacht:

 

[1] Der Kunstkritiker Daniel Buren thematisisert dieses Phänomen in seinem immer noch lesenswerten Aufsatz „Bezugspunkte“. Während die Künstler des Bruches mit radikaler Allüre die Fragen der Vorgänger mit totalitärer Geste aus dem Weg schaffen ohne sie zu beantworten,  setzt er dagegen auf die andere Seite Künstler des Risses, die sich tatsächlich auf die Suche nach Antworten auf aufgeworfene künstlerische Fragestellungen begäben. Er merkt an, dass die Künstler des Bruches dem Publikumsgeschmack entgegen kommen, insofern sie in der Regel spektakulärer seien und weniger rezeptive Kenntnisse verlangten.

67. „Was denen fehlt und was Enzensberger hat“

Auch Ulla Unseld-Berkéwicz, seine Verlegerin, gratuliert Hans Magnus Enzensberger zum 80. Geburtstag:

Immer, wenn mir in der zeitgenössischen Lyrik oder im kulturkritischen Essay ein Satz begegnet, der zünden will, aber es nicht schafft, muss ich denken: Da haben sie wieder einen Gedanken vortäuschen wollen, den Enzensberger tatsächlich gehabt hätte. Damit ist gar nicht unbedingt etwas „Inhaltliches“ gemeint, wie ein unbeholfener Ausdruck sagt, der zwischen Sprache und dem von ihr Mitgeteilten grundsätzlich an der falschen Stelle unterscheiden will. Das, was denen fehlt und was Enzensberger nicht einfach hat, sondern, viel wichtiger, macht, ist keine Sache, die sie verfehlen und die er besäße, sondern ein Verfahren, das man nur über viele Jahre erlernen kann, und nur durch Praxis: Bei ihnen schütten die armen Witze das zu, was bei ihm der reiche Witz gerade freilegt. / Die Welt 14.11.

Vgl. 52. Nachlese und den Kommentar dazu

66. Lyrikland Kanada

Für ein Land mit so wenigen Lyriklesern hat Kanada keinen geringen Anteil an angesehenen Lyrikpreisen. Die Gewinner von deren zwei – dem Governor General’s Literary Award for Poetry (der jahrzehntelang der wichtigste Lyrikpreis in Kanada war, bis er im Jahr 2001 von dem höher dotierten Griffin Prize ausgestochen wurde), und dem A.M. Klein Prize der Quebec Writers’ Federation – werden am 17.11. bekanntgegeben. / schreibt HAROLD HEFT,  THE MONTREAL GAZETTE 13.11. (und stellt drei Autoren der Shortlists vor: Mike Spry, Philip Kevin Paul und David W. McFadden.

Be Calm, Honey, By David W. McFadden, Mansfield Press, 129 pages, $18.95

Little Hunger, By Philip Kevin Paul, Nightwood Editions, 80 pages, $16.95

Jack, By Mike Spry, Snare Books, 76 pages, $10

65. Schöpfung

Werner May teilt seinen kleinen Bauernhof in Fahrenwalde bei Pasewalk unter anderem mit drei Ziegen, elf Hühnern und Sam, einem großen Berner Sennenhund. Doch Hundesteuer will der selbst ernannte Politik-Künstler partout nicht zahlen. Kein Mensch und keine Institution habe das Recht, eine Steuer auf eine von Gott geschaffene Kreatur zu erheben, findet der 59-Jährige. Also hat er gegen den Bescheid des Amtes Uecker-Randow-Tal in Höhe von 25,56 Euro geklagt.

Vor dem Verwaltungsgericht in Greifswald fordert May die Verwaltung auf nachzuweisen, dass Gott sein Urheberrecht an das Amt abgegeben habe. Es gehe ihm nicht ums Geld, es gehe ums Prinzip, sagt der 59-Jährige, der nach eigenen Angaben von Landwirtschaft im Eigenerwerb, wenig gefragten Politcollagen und einer Erbschaft lebt. Deshalb sei er bislang auch die jährliche Grundsteuer über 5,36 Euro schuldig geblieben. Denn auch der Grund und Boden sei Gottes Werk. Und bislang habe ihm keine Verwaltung einen schriftlichen Beleg vorlegen können, der beweise, dass Gott den Acker an irgendjemanden übertragen habe. / open report

64. Meine Anthologie: Frühling

… im November? Warum nicht. Erstens ist es heut warm wie im pommerschen Lenz: 13 Grad, bissel Sonne und manche Bäume (nicht schon sondern) noch grün oder grüngelb. Zweitens arbeite ich meine alte Netzanthologie hier sukzessiv ein, da fallen die Feste halt wie sie kommen. Und mische gelegentlich aktuelle Beiträge ein. Heute also über den Lenz:

Der Frühling fängt an
Und von neuem kehrt Dummheit
Auf Dummheit zurück.

Kobayashi Issa (1763-1827)
Aus: Ulenbrook (Hg.): Haiku. Japanische Dreizeiler. Reclam 1995

Meine Anthologie: Be-sinnlich

63. Meine Anthologie 5: die dinge leute

because it’sSpring
thingSdare to do people

(& not
the other way

round)because it

’s A
pril

Lives lead their own

persons(in
stead

of everybodyelse’s)but

what’s wholly
marvellous my

Darling

is that you &
i are more than you

& i(be

ca
us

e It’s we)

– e. e. cummings

wegen desfrühlingS
tun ringSdie dinge leute

(& nicht
umge

kehrt)weil es A

pril i
st dA

Leben die leben ihre eig

nen menschen(an
statt

sonstwessen)doch

was gänzlich
herrlich ist

Liebling

ist daß du &
ich viel mehr sind

als du &

ich
näm

l Ich wir)

(Deutsch von Michael Gratz)

An unofficial e. e. cummings starting point

Meine Anthologie: Wortfest

62. 17. open mike – Internationaler Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik

Sa 14.11. 14:00 17. open mike

So 15.11. 12:00 17. open mike

Wer sagt uns alles in 15 Minuten? 21 Nachwuchsautoren lesen zwei Tage lang um den Gewinn des open mike. Jeder Teilnehmer hat 15 Minuten Zeit, um die Jury zu überzeugen und die versammelte literarische Welt auf sich aufmerksam zu machen, dann schrillt der Wecker. Ausgewählt für das Finale wurden sie aus über 700 Einsendungen von sechs Lektoren renommierter deutschsprachiger Verlage.
Am Ende entscheiden die Juroren Ursula Krechel, Kathrin Röggla und Jens Sparschuh. Sie können bis zu drei Preisträger küren, wobei einer der drei Preise für Lyrik vergeben wird. Für die Preisträger steht eine Gewinnsumme von insgesamt € 7500 zur Verfügung. Auch das Publikum kann einen eigenen Gewinner küren: Der taz-Preis der Publikumsjury beinhaltet einen Abdruck des Textes in der Tageszeitung.
Die Wettbewerbstexte erscheinen als Anthologie im Allitera Verlag und sind ab dem 12.11. in den Buchhandlungen Anakoluth, Prenzlauer Berg, und ebertundweber, Kreuzberg, und während des open mike zu erwerben, danach im Buchhandel oder unter www.allitera.de. Am 22.11.2009 um 00:05 Uhr sendet Deutschlandradio Kultur die Reportage „17. open mike“.

Ort: WABE, Danziger Str. 101, 10405 Berlin (Prenzlauer Berg) S-Bahn Prenzlauer Allee, M10 Winsstraße oder S-Bahn Greifswalder Straße

Eintritt frei!

Der 17. open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Zusammenarbeit mit der WABE und dem Allitera Verlag

Vgl. L&Poe:

25. Teilnehmer am 17. open mike 2009

61. Lyrik ohne Grenzen im Heine-Haus

Hamburger Abendblatt Lüneburg

Der zweite Abend im Rahmen der Reihe „20 Jahre Mauerfall“, am Dienstag, 24. November, steht unter dem Motto „Dichten ohne Grenzen“.

Die Lyriker Uwe Kolbe, Ulrike Almuth Sandig und Volker Sielaff stellen im Heinrich-Heine-Haus einige ihrer neuen Gedichte vor. Drei ganz unterschiedliche Stimmen der Gegenwartslyrik, was sie verbindet, ist ihr Geburtsland, die DDR. Beginn der Veranstaltung ist 20 Uhr. Eintritt: sieben Euro.