30. Michael Krüger fragt

Michael Krüger, Chef des Hanser Verlags, fragt: „Warum traut man jeder noch so langweiligen Prosa mehr zu als einem Gedicht, das oft in zehn kurzen Zeilen für eine Sekunde den Himmel aufreißt?“
Er fragt: „Ist unsere Welt so prosaisch geworden, so auf die Aussage fixiert, dass der hohe Ton, auf den die Poesie gestimmt ist, wie eine Zumutung wirkt?“
Krüger ist Mitherausgeber einer Bibliothek für die Ohren, in der Lyrik mehr denn je die Stimme ihrer Dichter hat: 122 Autorinnen und Autoren aus 100 Jahren lesen eigene (insgesamt 420) Gedichte vor.

Über die Dichterstimmen:

Unauffällig liest Bernhard. Paul Celan singt fast. Karl Kraus singt wirklich („Das Lied von der Presse“). Ingeborg Bachmann haucht. Hermann Hesse vibriert. Anton Wildgans bebt. Franz Werfel nimmt sich wichtiger als Kurt Schwitters. Benn ist sehr berlinerisch, Friederike Mayröcker und Elfriede Gerstl haben Wien im Zungenschlag. / Kurier 8.11.

29. Leipzig lässt lesen

Das Leipziger Festival Textenet.de ermöglicht es nicht nur einem breiten Publikum, einige seiner Lieblinge wieder zu sehen, nicht nur können Literaten und Literaturinteressierte auf neue Entwicklungen und unbekannte Szenen aufmerksam werden, nein man kann sich auch selbst öffentlich beteiligen. Zwischen dem 20. und 24. 11. findet sich dafür jeden Tag eine andere Möglichkeit. Im Anschluss an die Veranstaltung „Bild und Bildner – Texte zur bildenden Kunst“ am Freitag, dem 20. 11., in der Galerie Koenitz (Dittrichring 16) wird das Podium geöffnet. Wer in Gedicht oder Notat den Grenzbereich  von Literatur und bildender Kunst in den Blick nimmt, ist aufgerufen sich unter gzl-kontakt@web.de bei der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik anzumelden, um seine Arbeiten dort zu präsentieren.

Diese Gesellschaft gibt auch das „Poesiealbum neu“ heraus, möchte zum Thema des Abends auch ein Heft herausgeben und ist noch für neue Beiträger offen.

Am Sonnabend dem 21. 11. um 21.00 Uhr findet in der Werkstatt für Kunstprojekte (Karl Heine Straße 46-48) das „lauter niemand labor“ erstmals in Leipzig statt. Diese offene Textwerkstatt findet in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift „lauter niemand“ seit Jahren in Berlin statt. Wer sich traut bis zu drei Gedichte oder einen Prosatext von maximal zehn Minuten Länge öffentlich zur Diskussion zu stellen, findet hier kompetente Ansprechpartner.  Es wird darum gebeten, die vorzustellenden Texte in einigen Kopien mitzubringen

Wer diese Herausforderung (noch) scheut, dem bietet sich die Möglichkeit am Sonntag dem 22. ab 20.00 Uhr im FHL Club in der Eichendorffstraße 14 die Möglichkeit für zehn Minuten ans Mikro zu treten. Der Moderator ist freundlich und für die Lesenden gibt es Freibier. Kurzentschlossene melden sich einfach am Beginn des Abends beim Moderator.

Den Reigen beschließt „Der Durstige Pegasus – die älteste Lesebühne Europas“ mit Volly Tanner und Gästen am Montag 23.11. um 20.00 Uhr in der Moritzbastei. Hier sollte man sich unter Volly.tanner@gmx.de voranmelden.

Weitere Informationen unter http://www.textenet.de

28. Gedicht

geben und nehmen

das martinsfeuer erhitzt uns
noch als wir zurückkehren

dir ist so mild
dass du dich ausziehst

mir unter die haut gehst
die ich mit dir teile

wir haben keine eile
sind uns mantel und schwert

güte und gabe

 

Andreas Noga

27. Falsche Freunde

Nach ihrem furiosen Debüt mit „kochanie ich habe brot gekauft“, jenem Lyrikband, der ihr vor drei Jahren den Peter-Huchel-Preis einbrachte, setzt die 1979 geborene Uljana Wolf ihre ebenso behutsame wie entschieden genaue Wortarbeit fort. Sie zieht den Leser in eine amüsante Sinnsuche zwischen Worten, Begriffen und deren Bedeutungen. Der akustische Wortwandel vom Deutschen zum Englischen und zurück ist ebenso detailversessen wie witzig. Er baut auf ein Phänomen, das Sprachwissenschaftler „falsche Freunde“ nennen. Was sich in beiden Sprachen orthographisch oder phonetisch ähnelt, hat meistens nichts miteinander zu tun. Die aus den vermeintlichen Ähnlichkeiten resultierenden Trugschlüsse und Irritationen macht sich Uljana Wolf im Hauptkapitel „DICHTionary“ zu Nutze. Mit ihnen beginnt ihre Reise durch Worträume bis zu den Quellen. Das Wörtlichnehmen von Redewendungen, mündliche Rede überhaupt, durchzieht ihre Verse: als Anrede, Aufforderungsgestus, Ausruf oder Dialog. /Dorothea von Törne, Die Welt 7.11.

Uljana Wolf
Falsche Freunde.
Kookbooks, Idstein und Berlin. 85 S., 19,90 Euro.

Außerdem in der Sammelrezension:

Valzyna Mort
Tränenfabrik.
A. d. Weißruss. v. Katharina Narbutovic. Suhrkamp. Frankfurt/M. 96 S., 10 Euro.

Arielle Greenberg
Stadt aus Papier.
Aus dem Engl.von Ron Winkler. Christian Lux, Wiesbaden. 124 S., 18,50 Euro.

26. Stimme aus Italien

Endlich wieder eine unverwechselbare Stimme aus Italien! Nach Eugenio Montale, Giuseppe Ungaretti und Umberto Saba, dem Dreigestirn der klassischen italienischen Moderne, kam – außer Pier Paolo Pasolini – lange Zeit nichts Aufregendes, so schien es. Derweil schickte sich Patrizia Cavalli, geboren 1974 in Umbrien an, ihre Gedanken in rhythmischen Wohlklängen kundzutun. Die Edition Akzente bietet eine beeindruckende Werkschau ihrer fünf Gedichtbände, ergänzt durch ein Vorwort des Übersetzers Piero Salabè und ein Nachwort des Philosophen Giorgio Agamben. Die Römerin Patrizia Cavalli schlüpft elegant und ironisch in die Rolle der zerstreuten Müßiggängerin. Ihr lesend folgen heißt: Zwischen Licht, Wolken, Himmel und Glanz flanieren und plötzlich einen Betrug, eine Täuschung wahrnehmen oder einen alltäglichen „Fettgestank“. Bei allen eingestreuten Übeln wie Gesundheit als Krankheit erklingt eine traumhaft gelassene Melodie der Sinne: „ungebunden, frei umherschwirrend, einsam und grenzenlos“. Wären nicht die geschickt platzierten Enjambements, die das Ich mitten im Tagtraum über „Stacheldraht der moralischen Viertel“ stolpern lassen oder über den blechernen Lärm der Welt, der Leser wähnte sich freischwebend im Strom der hellen Vokale, Assonanzen, Reime und gleitenden Übergänge. / Dorothea von Törne, Die Welt 7.11.

Patrizia Cavalli
Diese schönen Tage.
Aus dem Italienischen von Piero Salabé. Hanser, München. 154 S., 14,90 Euro.

25. Neuropolitik: „KEIN WORT. NIRGENDS (GUTE NACHT EUROPAXXL)“

Grußwort vom G&GN-Institut BERLIN New Cologne 6.11.2009 / Auch die Berliner Mauer „macht weiter“ (Zitat Brinkmann), nämlich in den seelischen Käfigen aller Betreiber unserer „schönen neuen“ Welt (Zitat Huxley), denn das sind wir: jeder einzelne Bürger tagein tagaus… Davon handelt ein neues Gedicht von Tom de Toys, das den Auftakt bildet zu seinem mehrteiligen Mauerfall-Beitrag auf myspace & youtube: 2 Dokumentationsvideos (Mauerweg an der Lohmühlenbrücke & Mauerteile in Jülich), 2 brandneue Poetryclips („b…OM…b“ sowie der Titel dieser Pressemeldung als Anspielung auf Christa Wolfs Buch „Kein Ort. Nirgends“ von 1979), der Videovortrag seines programmatischen Politgedichts aus den 90ern „LANGEWEILE“ (Live-Mitschnitt vom 6.10.09 auf der Wiener Poemie-Tour) und diverse andere CLips, die indirekt auf das Thema abzielen, wie z.B. ein Musikvideo für einen Soundtrack, den De Toys mit dem ersten Technoprogramm „Rebirth“ 2003 selbst komponierte, um den damaligen Vortrag seines Gedichts „OZ(O/E)N“ in seinen abendfüllenden „Poemie-Shows“ zu untermalen (1989 fand die erste Loveparade im noch geteilten Berlin statt).

Alle Mauerfall-Beiträge von Tom de Toys präsentiert in seinem myspace-Blog:
http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=482406116&blogId=517146219

Die youtube-Playlist mit jenen Videos zum Thema, die max. 10 Minuten dauern:
http://www.youtube.com/view_play_list?p=BCA4E059F815FAF7

Lesbar im G&GN-Institutsarchiv: „EXTASE STATT ELITE“
(= KURZFORM VON „LANGEWEILE“ vom 28./29.10.1994 + 4.12.1997)
http://www.wulle.de/GGN/TomToys/extasestattelite.html

Und für die Lyrikzeitung gleich hier zum Ansehen, Hören & Lesen die 3 Hauptclips & das neue Politgedicht:

Doku über BERLINER MAUERTEILE in Jülich (vom 1.11.09):

Doku über die LOHMÜHLENBRÜCKE (vom 18.10.09):

URL = http://vids.myspace.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=64312539
Schauplatz einer Schlüsselszene der beiden Engel in Wim Wenders berühmtem Spielfilm „DER HIMMEL ÜBER BERLIN“ von 1987. In der 13-minütigen Doku sieht man 1 Minute lang (von 11:20 bis 12:20) den kleinen Pflastersteinpfad in der Straße, der jetzt als symbolische Mauer den Wanderweg quer durch die Stadt kennzeichnet…

Poetryclip für „KEIN WORT. NIRGENDS (GUTE NACHT EUROPAXXL)“ (vom 2.11.09):


URL = http://www.youtube.com/watch?v=QRPduqHu9sc

Tom de Toys, 2.11.2009

KEIN WORT. NIRGENDS
(GUTE NACHT EUROPAXXL)

(…weil) diese viel zu normalen leute
in ihren allzu normalen wohnungen
mit ihren ziemlich normalen beschäftigungen
bis an ihr reichlich normales lebensende
sind nicht ganz so normal (sind)
wie die politiker meinen
sie tun zwar so aber sind jederzeit abrufbar
wenn es drauf ankommt und
es kann jederzeit losgehen
und dann wird es ernst in ihrem normalen leben
und alles wird kurzerhand umgekrempelt
bevor es in anderen bahnen normal weiterläuft
mit ein paar neuen gesichtern an ihrer spitze
ein paar neuen geschichten zum einschlafen
ein paar neuen gesetzen zum debattieren
ein paar neuen freunden zum feiern und
kindern die jederzeit abrufbar werden
falls es schon wieder soweit sein sollte
daß alle ein klitzekleines bißßchen
zu sehr normal tun
obwohl keiner es ernst meint
dann spielen die kinder ganz plötzlich
ein neues spiel
mit ganz seltsamen regeln
die keiner mehr nachvollzieht
wenn die jahrhunderte erstmal ins land ziehen
und jeder sich sehnlichst
die alte gewohnte normalität wünscht
die gestern so gut funktionierte (weil…)

© 2009 by Trademark POEMIE™, G&GN-Institut Berlin-Neukölln
(in: „LOCHiSMUß LEiCHTGEMACHT“, G&GN-Verlag 2010)

24. KOOKspezial: re.action – britische und deutschsprachige Literatur im Dialog

28.11.09, 21 Uhr

Sophiensäle, Virchowsaal

Mit A.L. Kennedy (GB) und Terézia Mora (Deutschland), Robin Robertson (GB) und Jan Wagner (Deutschland)

 

Ein literarisches Experiment: Zwei deutschsprachige Schriftsteller reagieren auf die Texte britischer Autoren. Jan Wagner schreibt ausgewählte Gedichte von Robin Robertson fort, Terézia Mora verwandelt einen Text von A.L. Kennedy in etwas Neues.

So wird erfahrbar, wie Literatur im Dialog verfährt, wie spielerisch und vielschichtig zugleich Autoren mit der Sprache, den kulturellen Hintergründen und Schreibstilen ihrer Kollegen umgehen. In engem Austausch nehmen sie sich deren Werke an und entwickeln daraus etwas Eigenes.

A. L. Kennedy (*1965 in Schottland) gehört zu den meistbeachteten Autorinnen in Großbritannien. Sie arbeitet als Autorin, Filmemacherin, Dramatikerin und Comedian. Kennedy hat für ihre Short-Story-Sammlungen und Romane u.a. den Somerset-Maugham-Award und 2007 den Costa Book of the Year Award erhalten. Im Herbst ist ihr neuer Erzählband „Was wird“ bei Wagenbach auf Deutsch erschienen.

Terézia Mora (*1971 in Ungarn) ist Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Übersetzerin aus dem Ungarischen. Für ihren Roman „Alle Tage“ (Luchterhand 2004) erhielt sie u.a. den Förderpreis zum Kunstpreis der Akademie der Künste (Berlin) und den Preis der Leipziger Buchmesse. 2009 erscheint ihr neuer Roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ bei Luchterhand.

Robin Robertson (*1955 in Schottland) hat bislang drei Gedichtbände veröffentlicht, für die er u.a. den Aldeburgh Poetry Festival Prize, den E.M. Forster Award der American Academy of Arts and Letters (2004) und den Forward Poetry Prize (2006) erhielt. 2008 erschien seine Übersetzung von Euripides’ ‚Medea’ ins Englische bei Vintage Books.

Jan Wagner (*1971 in Deutschland) ist einer der anerkanntesten Dichter seiner Generation. Für seine drei Gedichtbände erhielt er u.a. den Anna-Seghers-Preis (2004), den Ernst-Meister-Preis (2005) und den ersten Arno-Reinfrank-Literaturpreis (2006). Er übersetzt englischsprachige Lyrik – neben Charles Simic, James Tate und Matthew Sweeney u.a. auch Robin Robertson.

 

Eine Veranstaltung des Texttonlabels KOOK mit freundlicher Unterstützung durch den British Council

 

23. Staatsbegräbnis für Lorca?

Lorcas Angehörige – sechs Neffen und Nichten – hatten sich bis zuletzt dagegen gewehrt. Auch wenn sie nun den Grabungen „aus Respekt vor dem Willen anderer“ zustimmen, sähen sie es am liebsten, wenn das Massengrab nicht geöffnet würde. Die sechs weigern sich, bei einer Identifizierung behilflich zu sein und verlangen, dass die nichtidentifizierten Toten dort bleiben, wo sie sind. Das Gelände müsse zum Friedhof und damit zur Gedenkstätte erklärt werden.

Emilio Silva, dessen Vereinigung zur Wiedererlangung des Historischen Gedenkens die Öffnung des Grabes fordert, kann die Familie Lorca nicht verstehen. Der Staat müsse handeln, so sehe es das Gesetz vor. Alle Verschwundenen müssten ausgegraben und identifiziert werden.

Silva hat mit den sterblichen Überresten des Dichters Großes vor. „Federico García Lorca verdient ein Staatsbegräbnis, stellvertretend für alle Verschwundenen der Franco-Diktatur“, erklärt er. Um zu verhindern, dass andere über die sterblichen Überreste des Dichters entscheiden, hat die Familie angekündigt, sich das Recht auf Identifizierung und damit die Verfügungsgewalt über Lorcas Leichnam vorzubehalten. / REINER WANDLER, taz 6.11.

22. Puffer-Zone

WELT ONLINE: In Ihrem Buch „Dojczland“ (deutsch bei Suhrkamp) schreiben Sie aber, Sie hätten die DDR gemocht. Wofür?

Stasiuk: Ich mag die DDR wirklich. Weil sie eine Übergangszone ist, eine Pufferzone zwischen der germanischen und der slawischen Welt. Die Ortsnamen östlich von Berlin – nirgendwo haben sich Slawentum und Germanentum so harmonisch verbunden wie in diesen Namen. Ich mag die DDR, weil sie an Polen erinnert, vielleicht sogar an Russland. Wenn man östlich von Berlin Eisenbahn fährt, steigen solche Typen ein, vor allem unter den Jungen, wie ich sie aus meiner früheren LPG kenne. Die Globalisierung legt sich hier auf wunderbare Weise über Postkommunismus und Provinzialität. Das ist viel interessanter und wirklicher, als die Menschen in Westdeutschland zu betrachten. Die sind einfach langweilig. Sie erinnern an Entwürfe aus der Designer- und Kosmetikwelt. Sie gleichen Schaufensterpuppen. Auch die polnische städtische Mittelklasse nähert sich diesem globalen Fernseh-Outfit immer mehr an.

21. Dichten ohne Grenzen

Dem Mauerfall vor 20 Jahren nähert sich das Literaturbüro Lüneburg e.V. mit einer Lesereihe. „Gemeinsam mit den Autoren wollen wir verschiedene literarische Aspekte der Wende betrachten“, sagt Kerstin Fischer, Leiterin des Vereins. Der nächste Termin ist Dienstag, 24. November steht unter dem Motto „Dichten ohne Grenzen“.

Die Lyriker Uwe Kolbe, Ulrike Almuth Sandig und Volker Sielaff stellen neue Gedichte vor. Katrin Fischer erklärt: „Zum einen wollen wir die Lyrikszene heute beleuchten. Im Gespräch mit den Autoren wollen wir jedoch auch klären, inwiefern das Geburtsland für die eigenen Werke eine Rolle spielt.“ Denn alle drei Dichter wurden in der DDR geboren, wenn auch zu unterschiedlichen Jahrzehnten. …

Der Literaturkritiker Michael Braun führt das Gespräch mit den Autoren im Heinrich-Heine-Haus, Am Ochsenmarkt 1. Der Eintritt kostet sieben Euro, ermäßigt sind es fünf Euro. / Hamburger Abendblatt

20. „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif“

Erst im März ist mit „Scardanelli“ der jüngste Gedichtband von Friederike Mayröcker erschienen, und schon gibt es einen neuen. Ganz so neu ist der Inhalt des soeben bei Suhrkamp herausgekommenen Bandes „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif“ allerdings großteils nicht, ist er doch die Fortsetzung der 2004 erschienenen „Gesammelten Gedichte“, die damit rechtzeitig zum 85. Geburtstag der Autorin komplett vorliegen. Am Donnerstagabend liest Mayröcker in der Alten Schmiede in Wien aus dem Buch.

Mayröckers Gedichte sind stets kompliziert verflochtene, hoch filigrane Textgewebe, in denen man sich endlos verstricken kann. „nur nicht enden möge diese Seligkeit dieses Lebens nur nicht enden / ich / habe ja erst angefangen zu schauen zu sprechen zu schreiben zu weinen“, heißt es etwa im bisher aktuellsten, am 22. März dieses Jahres entstandenen Gedicht des Bandes. / Die Presse 4.11.

Lesungen

Donnerstag, 5.11. 19 Uhr
Literarisches Quartier Alte Schmiede
Schönlaterngasse 9
1010 Wien

 

„Sprachgeschenke für Friederike Mayröcker“
11.12., 19.30 Uhr RadioKulturhaus Wien
Großer Sendesaal
Argentinierstraße 30a
1040 Wien

19. Miklós Radnoti 1909-1944

Vor 100 Jahren, am 5. Mai 1909, wurde Miklós Radnóti in Budapest geboren. Er wurde einer der besten ungarischen Dichter seines Jahrhunderts. Im 35. Lebensjahr, vor fast genau 65 Jahren, wurde er von einem SS-Offizier auf dem Gewaltmarsch erschossen, als das Lager, in dem er gefangen war, vor den heranrückenden Truppen Titos evakuiert wurde. Gewaltmarsch heißt eins seiner im Lager Bor geschriebenen Gedichte vom September 1944. Von gemischten Erinnerungen im Gedenkjahr spricht ein Artikel von Thomas Orszag-Land bei TOL, Transitions Online vom 4.11. Leider befindet sich der Artikel im „Premium-Bereich“ der Website, so daß ich mich mit dem Untertitel abfinden muß, der lautet: Wie der Mörder Miklós Radnotis in Ungarn ein Held wurde.

Franz Fühmann, der einen Band mit Radnótis Gedichten 1967 in der Weißen Reihe des Verlages Volk und Welt herausgab, schreibt im Nachwort: „Der Liebhaber der ungebundenen Zeile erobert sich das klassische Versmaß: Er zwingt seine Berichte vom Zerbersten  der Städte und Berge in die äußerste Disziplin verlangenden, keine Unregelmäßigkeit duldenden Doppelreihen des Alexandriners und bleibt dabei dennoch im Plauderton; er übernimmt Formelemente des deutschen Minnesangs und beschreibt einen Gewaltmarsch; er redet das Volk an und experimentiert gleichzeitig mit gereimten Hexametern, und seine zweite Ekloge, diese große Auseinandersetzung zwischen dem Poeten und einem zur Mordmaschine gewordenen Bombenflieger, kleidet er teilweise in eine vor ihm ungekannte, höchst schwierig zu handhabende Art des Distichons, mit dem er den stumpfsinnigen Soldatenjargon ebenso exakt auszudrücken vermag wie alttestamentarische Leidenschaft.“ (Miklós Radnóti: Ansichtskarten. Gedichte. Berlin: Volk und Welt 1967, S. 101f) Ansichtskarten heißt ein letzter Gedichtzyklus, der bei seiner Exhumierung 1946 in einem blutverschmierten Notizbuch gefunden wurde. Die vierte Ansichtskarte lautet in Fühmanns Übersetzung:

Er stürzte neben mir. Sein Leib, gekrümmt, ward straff
wie eine Saite straff wird vorm Zerspringen.
Genickschuß. Bleib nur ruhig liegen, dacht ich,
die Kugel wird ein gleiches Los dir bringen.
Geduld bringt Rosen – ja des Tods, du Tor!
DER SPRINGT NOCH AUF! schrie gellend eine Stimme
Schlamm, blutvermischt, trocknet an meinem Ohr.

31. Oktober 1944

(Die Worte DER SPRINGT NOCH AUF! im Original Deutsch)

Der Wikipedia-Artikel

18. „Der Schriftsteller als Rumäniendeutscher“

Wer vom Rand einer Kultur in ihr Zentrum zieht, sieht sich von Paradoxien umgeben. Normalität wird ihm nicht gewährt.

Richard Wagner wurde 1952 im rumänischen Banat geboren. Nach Repressalien unter dem Ceausescu-Regime kam er zusammen mit seiner damaligen Ehefrau Herta Müller 1987 in die Bundesrepublik. Er lebt als Schriftsteller und Publizist in Berlin.

 

Auf die Sprache ist man angewiesen, und zugleich ist man der Sprachregelung ausgesetzt: «Rumäniendeutsch». «Deutschrumäne». «Rumäne». Niemand in meiner Familie hat sich jemals als Rumäniendeutscher bezeichnet. Meine Grosseltern waren in ihrer Jugend noch Staatsbürger der Doppelmonarchie, «Ungarndeutsche». 1919 machten die Pariser Vorortverträge sie zu rumänischen Staatsangehörigen, also «Rumäniendeutschen», ohne dass sie ihr Heimatdorf verlassen hätten. Sie selbst verstanden sich stets als Banater Schwaben, als Deutsche. Rumänisch blieb für sie, wie davor das Ungarische, eine Fremdsprache.

Die Frage nach den deutschen Minderheiten, nach Vertreibung und Aussiedlung führt unmittelbar zur Frage nach dem Deutschen selbst. Nie war das Wissen der Deutschen über sich so gering wie in den letzten Jahrzehnten. Ein guter Deutscher legt bis heute Wert darauf, nicht zu wissen, was deutsch ist. Im Ergebnis kommen oberflächliche Begriffe zum Zug. So auch die Formeln «deutschsprachig» und «deutschsprachige Literatur». Als sei Sprache nichts weiter als eine Summe von in Buchstaben gegossenen Lauten. Als verberge sich in ihren Wendungen nicht ein kulturelles Muster.

Der verkannte Rand ist von der Mitte fasziniert, einer Mitte, die ihre Unwissenheit über diesen Rand geradezu brüskierend zur Schau stellt. Sie brauche das Periphere nicht, sagt sie, aber sie sagt es auffallend deutlich. Die Mitte ist nicht nur meinungsführend, sie ist auch bei Kasse.

Der grosse Traum des Minderheitenschriftstellers bleibt die Anerkennung durch das Zentrum. Er will als deutscher Schriftsteller gelten. Die meistgestellten Fragen, mit denen man als rumäniendeutscher Autor konfrontiert ist, lauten: Wann haben Sie Deutsch gelernt? Schreiben Sie auch Rumänisch? Sind Sie zweisprachig aufgewachsen? Hat sich Ihre Sprache durch die Auswanderung verändert? Und, nach einer kleinen Pause: Fahren Sie noch hin? – Kaum einer, der sich nach dem Unterschied zwischen dem Schreiben im Kommunismus und jenem in der westlichen Gesellschaft erkundigt. Nach den Paradoxien, mit denen ein Autor konfrontiert wird, der ausgewandert ist, ohne in einem Exil zu leben, und der durch seine Entscheidung gleichermassen der Provinz, dem Kommunismus und dem rumänischen Nationalismus eine Absage erteilt hat. / NZZ 4.11.

17. Claude Lévi-Strauss

Der Ethnologe und Anthropologe Claude Lévi-Strauss ist tot. Er starb in der Nacht von Sonnabend zu Sonntag im Alter von 100 Jahren, meldet Le Monde. Am 28. November wäre er 101 geworden. Er war einer der großen Intellektuellen seines Jahrhunderts, seine Wirkung reicht in viele Fächer hinein. Ich benutze regelmäßig seine in den 60er Jahren gemeinsam mit  dem ebenfalls verehrten Russen Roman Jakobson verfaßte Untersuchung zu Baudelaires Sonett „Les chats“ (Die Katzen), um Studenten zu quälen. Neinnein, sie haben ja die Wahl, sich anregen zu lassen. Als der Text im wunderbaren schrecklichen Jahr 1968* in der Zeitschrift alternative veröffentlicht wurde, entspann sich eine kritische Auseinandersetzung, in der allen Ernstes eingewandt wurde, die Analyse gehe auf Textmerkmale ein, die nicht einmal Fachleuten auffielen. Na umso schlimmer für die Fachleute! Lévi-Strauss war ein universaler Mensch, der zugleich Philosoph, Dichter, Logiker, Ästhet und noch manches andere war: ein Weiser halt. Es gab einen Weisen, er lebt nicht mehr.

*) Ich saß im Osten, ich meinte Prag. Frühling und Herbst. Und Paris, da war Revolution, dachte der Schüler, der ich war.

 

16. Zeitkunst Festival

2 Tage, 4 Konzertlesungen, 15 Kammermusiker,
11 Autoren, 8 Schauspieler, 2 Uraufführungen:

Eine Vision

Villa Elisabeth, Invalidenstr. 3, Berlin
Das Festival Zeitkunst möchte mit dem künstlerischen Dialog zwischen Kammermusik und Gegenwartsliteratur neue Wege beschreiten. Es ist das Anliegen der Initiatoren, die Qualitäten und Eigenarten beider Künste zu verbinden und diese Verbindung über die Dauer des Festivals hinaus ins öffentliche Interesse zu rücken.

Die 33 internationalen Musiker, zeitgenössischen Autoren und Schauspieler werden gemeinsam die Anknüpfungspunkte zwischen Text und Musik erkunden, herausbilden, hör- und erlebbar machen.

Die programmatische Zusammenstellung der Konzert-Lesungen folgt der Perspektive, die Interdisziplinarität zwischen den Künsten hervorzuheben. So dienen den Autoren einerseits ausgewählte Kammermusikwerke als Inspirationsmaterial, andererseits wurden zwei außergewöhnliche Komponisten gewonnen, die für das Festival ein Werk zu mehreren Texten junger Autoren komponieren.

Das direkte, sinntragende Miteinander von Literatur und Musik erhält durch das Festival Zeitkunst eine neue, visionäre Plattform.

Programm

Eröffnungs-Konzertlesung 7.11.2009, 19:00

Kammermusik: Paul Ben-Haim, Benjamin Britten, Gideon Klein, Uraufführung Samir Odeh-Tamimi

Gegenwartsliteratur: Jan Wagner, Ulrike Almut Sandig, Johannes CS Frank, Swantje Lichtenstein

Musiker: Shirley Brill, Jonathan Aner, Julian Arp, Caspar Frantz, Ensemble Zeitkunst, Sergey Malov, Manuel Hofer

Matinée, 8.11.2009, 11:00

Komponisten: Joseph Achron, Paul Hindemith, Bela Bartók, György Ligeti

Gegenwartsliteratur: Ron Winkler, Maa Brami, Andre Rudolph, Johanna Melzow, Swantje Lichtenstein, Alexander Graeff, Katharina Bendixen, Cornelia Schmerle, Katharina Hartwell

Musiker: Shirley Brill, Jonathan Aner, Ardeo Quartett, Claudio Bohorquez, Christoph Ehrenfellner, Sergey Malov

Konzertlesung am Nachmittag, 8.11.2009, 15:00

Komponisten: Robert Schumann, György Kurtag

Gegenwartsliteratur: Jan Wagner, Thien Tran, Ron Winkler, Ulrike Almut Sandig

Musiker: Matan Porat, Shirley Brill, Jonathan Aner, Guy Ben-Ziony, Sergey Malov, Manuel Hofer, Julian Arp.

Abschluss-Konzertlesung, 8.11. 2009, 19:00

Kammermusik: Arnold Schoenberg, Anton Webern, Gustav Mahler, Uraufführung Christoph Ehrenfellner

Gegenwartsliteratur: Andre Rudolf, Lilly Jäckl, Johannes CS Frank

Musiker: Caspar Frantz, Claudio Bohorquez, Matan Porat, Gergana Gergova, Guy Ben-Ziony, Julian Arp.