105. Brutale Verständigung

Als Hans Magnus Enzensberger im Oktober 1959 bei der Tagung der Gruppe 47 auf Schloss Elmau sein Gedicht „Schaum“ vorlas, entbrannte zwischen ihm und dem jungen Autor Uwe Johnson ein Streit. „Ich will euch nicht ändern“, heißt es im Gedicht. Dieser Anspruch sei ungenügend, befand Johnson. Ein paar Wochen später schrieb Enzensberger in den „Frankfurter Heften“ eine Rezension zu „Mutmaßungen über Jakob“. In seinem Lob taucht zum ersten Mal das Wort von einer „gesamtdeutschen“ Literatur auf – Johnson als Autor beider Deutschlands. Wenig später schickt Johnson einen Brief an Enzensberger. Es ist der Beginn einer achtjährigen Korrespondenz und einer kurzen, fragilen, in die Brüche gehenden Freundschaft. / Ulrich Rüdenauer, Badische Zeitung

– “fuer Zwecke der brutalen Verstaendigung“. Hans Magnus Enzensberger / Uwe Johnson. Der Briefwechsel. Herausgegeben von Henning Marmulla und Claus Kröger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 343 Seiten, 24,80 Euro.

104. „Candide“

Voltaires Roman „Candide oder Der Optimismus“ erschien erstmals 1759. In der Vorbemerkung zur zweiten Auflage wird das Werk als Übersetzung aus dem Deutschen ausgegeben. Der Übersetzer, ein gewisser Dr. Ralph, sei 1759 in Minden verstorben. Der deutsch-französische Literaturpreis „Candide“ wird vom Literarischen Verein Minden, der Stiftung Genshagen und dem französischen Kulturministerium. Im Candide-Jahr 2009 ging er an den deutschen Schriftsteller Volker Braun und die französische Autorin Olivia Rosenthal. Die Preisverleihung fand am vergangenen Wochenende auf Schloss Genshagen statt. Die Süddeutsche Zeitung druckt am 19.11. die Dankesrede von Volker Braun und einen Auszug aus der Laudatio von Lothar Müller. Auszug aus Brauns Rede:

„Ah, Candide“, rief ein Philosoph aus der Leipziger Tieflandbucht, „noch zugange?“ – „Rollen muß es!“ entgegnete der, und Bloch sah, daß er ein wenig närrisch geworden war; „ça va? ça va?“ – „Ça ira!“ schrie Candide und hieb auf den Boden ein, „hasta la vista, dawai!“ Ungeachtet des Unfugs umarmte ihn der Philosoph und tönte seinerseits brimboriummäßig: „Ja, es wird gehn. Die rechte Genesis ist kein Fiat, gar Faktum des Anfangs, sondern ein Unterwegs und Problem des Endes. Derart sei übers Schicksal, das nicht unabwendbare, in deinem Garten ruhig.“ – „In meinem Garten?“ – „Einen größeren Garten jedoch vorausgesetzt und keinen aus der Welt ausgesparten, sondern aus ihr selber erforschten, tapfer bestellt! In der Welt muß man selbst nach dem Rechten sehen, dann ist Segen dabei und Optimismus mit Trauerflor, kämpfend.“

Er trug tatsächlich ein schwarzes Band am Arm, und sein ganzes Werkzeug waren solche Begriffe, und man machte sich über ihn lustig. „Im Garten arbeiten“, maulträtierten sich die Laubenpieper und Gartenvereine und sozialdemokratischen Regierungen. Das konnte nur häckeln und harken und nicht an die Wurzeln gehen und redete über Rabatten, darum wählte man sie nicht. Im Gegenteil zeigte das Volk seine unaufgeklärte Tendenz und ließ die Länderei liegen und wich hinaus. „Wo wollt ihr hin?“ frug Candide. – „Wir wollen in das beste Land: Westfalen.“ – Westfalen gibt es nicht mehr. Das ist die Welt.

Das sagten die mächtigen Medien, die es wußten und die Menge fütterten mit wahren Schrecken und falschen Tatsachen, die sie nicht erfinden mußten. Notleidende Banken, abgesegnete Armut. Unerklärliches Unrecht, unerklärter Krieg. Die schizophrenen Panglosse druckten es frisch, und das tägliche Blatt hieß DIE BESTE WELT.

103. Josef Winkler, Juror

„Lyrik war immer zeitgemäß und wird immer zeitgemäß bleiben“, ist Büchnerpreisträger Josef Winkler überzeugt. Mit 21 habe er einst in der Klagenfurter Landhausbuchhandlung das „sprachliche Universum“ des Paul Celan kennen gelernt und unter dem Einfluss dieser „zauberhaften neuen Welt“ „Celan-Imitationen“ geschrieben. Diese schlummern bis heute unpubliziert in seinem 20.000-seitigen Archiv und könnten eines Tages sogar das Licht der Öffentlichkeit erblicken, will der Prosa-Schriftsteller „nicht ganz ausschließen“.

Derzeit begnügt sich Josef Winkler aber mit seiner Rolle als Lyrik-Sachverständiger. Erst kürzlich hat er als alleiniger Juror den Erich-Fried-Preis 2009 an die deutsche Dichterkollegin Esther Dischereit vergeben. Nun folgt sein Einsatz als Juror beim „Kärntner Lyrikpreis“, den die „Stadtwerke Klagenfurt Gruppe“ zum zweiten Mal ausgeschrieben hat. 176 Kärntnerinnen und Kärntner haben sich diesmal um den mit 3000 Euro dotierten Hauptpreis beworben. Rund 200 waren es im Vorjahr, was Winklers These von der Zeitlosigkeit des Genres zu stützen scheint. / Kleine Zeitung

102. polenmARkT

Greifswald

Freitag, 20.11. 2009

20:00 Uhr / Koeppenhaus – Literaturzentrum

Literarisches Café mit Natalia Sniadanko und Jakub Ekier
feierliche Eröffnung des Festivals polenmARkT 09

Wir freuen uns sehr, daß wir den polnischen Dichter und Übersetzer JAKUB EKIER für diesen Abend gewinnen konnten.
—–

Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals haben sich die Veranstalter entschieden, den polnischen Kulturtagen ein verbindendes Motto zu verleihen, das in sich sowohl den kulturellen Reichtum des Landes als auch die Offenheit der Nation vereint: „Polen und seine Nachbarn“ bedeutet für die Veranstalter eine kreative Öffnung nach Ost- und Westeuropa hin sowie eine stärkere Perspektivierung auf Polen als einem Land der bewegten Grenzen. Der Begegnungscharakter und die Atmosphäre einer inspirierenden Vielfalt soll bereits in der Eröffnungsveranstaltung mit einem literarischen Experiment, einem deutsch-polnisch-ukrainischem Café zum Ausdruck gebracht werden.

Der polnische Lyriker, Publizist und Übersetzer Jakub Ekier und die ukrainische Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin Natalia Sniadanko werden aus ihren Werken lesen und gemeinsam mit den Moderatoren – Prof. Dr. Alexander Wöll und Dr. Roman Dubasevych vom Institut für Slawistik an der Universität Greifswald – ihre Reflexionen und Erfahrungen über die literarischen und persönlichen Grenzgängererlebnisse austauschen.

Jakub Ekier wurde 1961 in Warschau in einer Musikerfamilie geboren. Er studierte Germanistik an der Warschauer Universität und lebt in Warschau als Lyriker, Essayist und Übersetzer. Bisher veröffentlichte er die Gedichtbände „caly czas“ (Die ganze Zeit, 1992) und „podczas ciebie“ (Während Deiner, 1999) sowie literaturkritische Essays, besonders für das dem literarischen Übersetzen gewidmete Magazin “Literatura Na Swiecie”, wo er ständig mitwirkt.
Aus der deutschen Literatur übersetzte er unter anderem Gedichte von Ilse Aichinger, Paul Celan und Durs Grünbein ins Polnische, daneben Essays von Friedrich Schlegel, den biographischen Essay „Helmut Böttigers Orte Paul Celans“ und eine Gedichtauswahl von Reiner Kunze. Derzeit arbeitet Jakub Ekier an einer Neuübersetzung von Franz Kafkas „Der Prozeß“ sowie an einem eigenen Prosatagebuch.
Ekiers Gedichte wurden ins Deutsche, Englische, Französische, Tschechische und Ukrainische übersetzt. Er war unter anderem Stipendiat des DAADs, der Robert Bosch Stiftung, der Hubert Burda-Stiftung und des polnischen Kulturministeriums. Zudem ist Ekier Träger zweier polnischer Literaturpreise: der Barbara Sadowska Stiftung und des Vier Säulen-Preises.

Natalia Sniadanko wurde 1973 in Lemberg (Lwiw) geboren. Nach einem Studium der Ukrainistik in Lemberg, der Slawistik und Romanistik in Freiburg i. Br. kehrte sie 1998 nach Lemberg zurück, wo sie seither als Journalistin, Übersetzerin und Autorin arbeitet. 2007 erschien bei DTV ihr Roman „Sammlung der Leidenschaften“. Sie schreibt u. a. für die „Süddeutsche Zeitung“, für „Du“ und die „Gazeta Wyborcza“. Bislang hat sie Werke von Zbigniew Herbert, Czeslaw Milosz, Olga Tokarczuk, Franz Kafka, Max Goldt, Friedrich Dürrenmatt, Monika Maron und Feridun Zaimoglu ins Ukrainische übertragen.

21. November

Deutsch-Polnisches Dichtertreffen mit Andrzej Kopacki, Hans Thill und Matthias Kneip

20.00 Uhr – polenmARkT 09

101. Bei Anruf Wort – das Leipziger Literaturtelefon

Textenet

Wenn jemand fünf Minuten am Telefon ist, ohne ein einziges Wort zu sagen, kann das an redseligen Verwandten liegen. Oder aber es hat kulturelle Gründe. Denn lediglich Zuhören ist auch unter der Leipziger Nummer 9 95 41 71 gefragt. Am Literaturtelefon stellen im monatlichen Wechsel bekannte und weniger bekannte Autoren ihre neuesten Texte vor. (aus der LVZ vom Dienstag, 24. Juli 2001)

Das Leipziger Literaturtelefon hatte seinen Lese-Start zur Leipziger Buchmesse im März 1997. Es wurde vom Verband dt. Schriftsteller (VS) bis zum Jahr 2002 betrieben. Die fünf Minuten Aufnahmen der Autorinnen und Autoren kamen dabei aus einem Anrufbeantworter in einem PC, der 24 Stunden am Tag zu erreichen war. Die Anrufer konnten mit Taste 1 oder Taste 2 auf ihrem Telefon zwischen 2 Textbeiträgen auswählen. Jeden Monat wurden 2 neue Textbeiträge eingelesen. Pro Monat wurde das Telefon durchschnittlich 200 mal angerufen. Insgesamt haben in fünf Jahren ca. 120 Autorinnen und Autoren am Leipziger Literaturtelefon gelesen.

In der textenet-galerie können Sie Beiträge u.a. von Elke Erb, A.J. Weigoni und Alexander Korund nachhören.

100. National Book Dinner

In der Sparte Lyrik ging der National Book Award in seinem 60. Jahr an den Amerikaner Keith Waldrop für seinen Band «Transcendental Studies: A Triology». / Die Zeit

Auch die New York Times widmet dem Lyrikpreis – immerhin mit 10.000 $ genauso ausgestattet wie die Preise in den anderen Sparten – in einem längeren Artikel nicht mehr als einen Satz.

– Immerhin, wenn man die deutsche Zeit und die amerikanischen Zeiten zusammennimmt, erfährt man Interessantes über den Stellenwert der Literatur. (Nicht nur der Lyrik). Die Aufteilung der Preise in Sparten für Fiktion, Lyrik, Kinderbuch, Sachbuch usw. ist eine gute, demokratische Tradition – da haben wir immer noch Nachholbedarf. Man kann ja nicht alles mit einmal nachholen, oder? ABER:

The awards, in their 60th year, were presented at a black-tie dinner at Cipriani Wall Street in Manhattan. About 640 attendees, down slightly from a year earlier, paid up to $12,000 per table.

Also: die Society aus 640 Wohlbetuchten feiert sich selbst mit einem Freßfest und speist ein halbes Dutzend Schriftsteller mit ein paar Brocken von ihrer Tafel ab. Bildlich. Viel deutlicher läßt es sich nicht sagen.

99. „On page and on stage“

Der Hype um den angesagten Szene-Bezirk Mitte, verpackt in ein Gedicht mit dem Titel „Mitteboy“: „Nichts wie hin, Mitteboy/ist doch der Kick!/Wie Glitterati ihren Spieltrieb inszenieren-/ komm reservieren wir der Mimik/einen Tisch im VIPrevier./Die goldene Regel laute:/ Trau keiner Hysterie,/die sich nicht selbst kopiert.“ Nur eine der vielen, alltäglichen Beobachtungen, die Boris Preckwitz literarisch verarbeitet.

Der in Berlin lebende Autor will in seinem neuen Poetry-Band „szene leben“ die Gesellschaft als Ganzes widerspiegeln. Neokommunisten, Broker, Models oder geneppte Städtereisende: Sie alle werden unter die Lupe genommen. Die Ästhetik der Texte basiert auf der Kombination von Sprache und Form. Die Gedichte funktionieren auf diese Weise „on page and on stage“, also sowohl in schriftlicher als auch in vorgetragener Form. So lautet auch der Untertitel von „szene leben“ „poems und performance“. Mitte der 1990er ist Boris Preckwitz als Student in London auf die dortige Poetry-Slam-Szene aufmerksam geworden, jener aus den USA stammenden Form des öffentlichen Lesewettbewerbs, bei dem Autoren mit eigenen Texten um die Gunst des gesamten Publikums oder einer ausgewählten Jury konkurrieren. Nach seiner Rückkehr veranstaltete und moderierte Preckwitz Poetry Slams in Hamburg und gilt somit als Wegbereiter der deutschen Poetry-Slam-Szene.

Identisch laufen deutsche und amerikanische Poetry Slams nicht ab: Hierzulande werden die Vorträge zumeist vom gesamten Publikum per Applaus bewertet, während in den USA eine kleine Jury aus den Zuschauern gewählt wird. Bei amerikanischen Slams gibt es oft einen festen Programmablauf, in Deutschland steht der reine Wettkampf im Mittelpunkt. In den deutschen Slam-Zentren, zu denen auch Berlin zählt, haben sich zudem unterschiedliche Stile und Lokalkolorite etabliert. Mittlerweile finden allein im deutschsprachigen Raum 70 regelmäßige Slams statt, die Fangemeinde ist groß. Jeder kann dabei jeden kommentieren: Der Abschied vom Autor als autonomen Kunstschaffenden, manifestiert in Live-Literatur. / Maria Selchow, Berliner Morgenpost 20.11.

98. Bert Papenfuß und Ronald Lippok

Textenet

Vor den ersten Sachen die letzten Dinge

Wie Carlfriedrich Claus und Valeri Scherstjanoi sich nicht als bildende Künstler verstanden, fühlen sich auch die Bildarbeiten von Ronald Lippok und Bert Papenfuß, wie sorgsam sie auch ausgeführt sein mögen, nicht unmittelbar wohl in Galerieräumen.

Dokumente einer Gegenkultur, die dem Punk entstammend langsam in die Hochkultur eingesickert ist, möchte man sagen und stockt schon, denn die Arbeiten wollen weder Dokumente in einem historischen Sinne sein, noch erschöpfen sie sich in irgend einem Dagegen. Ästhetische Diskurse sind den Künstlern wohl nur einfach Wurscht. Auch wenn (bzw. gerade weil?) sie diese kennen: Lippok hat in Weißensee Kunst studiert, Bert Papenfuß wird sicher nicht zu unrecht von den Vertretern einer avancierten Experimentalpoesie rezipiert.

Machen, was was wir gut finden, ohne Rücksichten auf irgendwelche Erwartungen lautete die renitente Devise zu Ostzeiten und da knüpfte man an. So hat sich ein erstaunliches Oeuvre angesammelt, welches hier erstmals in einem repräsentativen Querschnitt zu sehen ist. Sieht man den frühesten Arbeiten (Kassettencovern Samisdatzeitschriften usw.) auch die produktionstechnischen Limits der DDR Zeit an, lässt sich doch eine gerade Linie zu den neuen Arbeiten ziehen. Und es zeigt sich: Punk und intellektueller Anspielungsreichtum ist nur für Verächter ein Widerspruch und dem Ästheten sei versichert: auch in realistischem Stil kann man Wahrnehmungsgewohnheiten hinterfragen – wenn man kann.

Zu sehen noch bis 23.11. in der Werkstatt für Kunstprojekte, Karl Heine Straße 46-48

Weiterlesen

97. Fest der sorbischen Poesie

Mit einem Konzert zum 100. Geburtstag des Komponisten Jurij Winar (1909-1991) hat am Donnerstag in Bautzen das 31. Fest der sorbischen Poesie begonnen. Nach Angaben von Benedikt Dyrlich vom Sorbischen Künstlerbund stehen neben Winars Werken auch die des Dichters Jan Skala (1889-1945) im Mittelpunkt des diesjährigen Festes. Nachdem die 30. Auflage vor einem Jahr wegen ausbleibender Gelder auf der Kippe stand, hat der Künstlerbund in diesem Jahr mit einem kleineren Budget geplant. Dyrlich zufolge stehen 6.000 Euro aus öffentlichen Kassen und 3.000 Euro von der Sorbischen Stiftung zur Verfügung. Die Organisatoren haben nach eigenen Angaben überwiegend ehrenamtlich gearbeitet. …

Höhepunkt sei die Premiere einer neuen Anthologie sorbischer Poesie in slowakischer Sprache, sagte Dyrlich. Diese enthalte rund 100 Texte sorbischer Autoren und sei mit Unterstützung des Künstlerbundes erschienen. / MDR

96. textenet.galerie

Textenet

textenet ist in der heißen Phase. jetzt ist die textenet.galerie freigeschaltet – viel Material bislang zu den Komplexen

Floppy Myriapoda

Tippgemeinschaft

Leipziger Literaturtelefon

lauter niemand

Das Leipziger Literaturfestival im Herbst 2009
Wer an Literatur denkt, stellt sich zunächst und vor allem bewegende Bücher darunter vor, die von den großen Themen der Menschheit handeln: Liebe, Erfolg, Schicksal etc. Wenn uns aber in den Netzen unserer Orientierung ständig Text, ständig Sprache begegnet (man denke etwa an Werbung, Bedienungsanleitungen, Hinweistafeln, Gesetzbücher, aber auch an das persönliche Gespräch) kann eine Literatur, die sich als künstlerischer Umgang mit den sprachlichen Artefakten unserer Wirklichkeit versteht, mehr sein als ein zwischen Buchdeckeln eingesperrter Ausschnitt menschlicher Erfahrung. Längst hat die Literatur sich andere Wirkungsfelder und Medien erobert. 
Das 1. Festival textenet.de gibt dieser Bewegung Ausdruck.

Im Oktober und November jähren sich jedoch auch die Ereignisse der friedlichen Revolution zum zwan­zig­sten Mal. Ein noch immer zu sel­ten gewürdigter Aspekt der wider­ständigen Literatur jener Zeit ist der selbstbewusste Umgang mit der Tatsache, dass diesen Texten aus politischen Gründen der Ein­gang ins Buch verwehrt wurde. 
Texte suchten sich in Bild und Ton neue Podien. Auf oft über­raschende Weise gingen diese literarischen Strömungen Ver­bindungen mit Musik und Bildender Kunst ein und spielten damit eine Vorreiterrolle auf dem Weg ins Medienzeitalter. 
Ausstellungen zu Valeri Scherst­janoi’s Scribentismus mit Arbeiten seines Vorbildes Carlfriedrich Claus oder neue musikalische Bearbeitungen des Werks von Bert Papenfuß erinnern daran und zeichnen diese Traditionslinien in die Gegenwart weiter. Eine Reihe von Studenten und Absolventen des deutschen Literaturinstituts fragt nach den Möglichkeiten der Literatur, Sachtexte in szenischen Lesungen künstlerisch aufzubereiten.
Im Grenzfeld zwischen Fiktion und Wirklichkeit operieren auch die Veranstaltungen mit Radjo Monk, Rainer Tetzner und Friedrich Schorlemmer. Diese Veranstaltungen widmen sich den Konflikten des Herbst ’89.
Die Rückschau auf den Zusammenbruch des sozialistischen Systems fordert aber auch die Frage nach der Gegenwart und ihren Krisen heraus. Wer könnte dafür besser einstehen als Gerhard Zwerenz und Günther Wallraff, zwei Autoren, die seit Jahrzehnten die gesellschaftlichen Prozesse in der Bundesrepublik Deutschland kritisch begleiten?
Dass in dieser Vielfalt der Stimmen und Ansätze aber auch die Traditionen der Literatur ein gewichtiges Wort mitzureden haben, dafür ist die Nacht der Autoren ein Beispiel, die in diesem Jahr das Sonett als ewig alte ewig junge Gattung in den Vordergrund stellt.
Ein Internet-Literaturwettbewerb ( vom 19. – 25.11.) in dessen Rahmen auch zwei kleine Literaturpreise (einer für den Raum Leipzig und ein überregionaler) vergeben werden, begleitet das Festival.

95. Draesners Sprachmusik


Ihre zweite Lesung während ihrer Zeit als Poetikdozentin in Wiesbaden musste verschoben werden, und so kam Ulrike Draesner erst jetzt ins Literaturhaus Villa Clementine, um mit der Sängerin Franziska Welti einige ihrer Gedichte zu präsentieren. „In einer Hand, die zittert, hältst du dich selbst“ ist ihr Abend mit Stimmen, Gedichten und Improvisationen überschrieben. Vor wenigen Zuhörern trugen die beiden Texte aus 15 Jahren vor, aber keineswegs chronologisch, sondern nach Klang und Gutdünken ausgewählt. Den Auftakt macht „bahn übern bogen“ über den Savignyplatz in Berlin aus dem Jahr 1995.

Bevor Draesner das Gedicht ganz klassisch vorträgt, teilt sie sich mit Welti dessen Vokale und Konsonanten: Draesner formt a, e, i, o und u, während Welti Konsonantenhaufen ins Mikrofon pfeift und säuselt. Sprachmusik, bei der Sprache und Musik gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Doch das ist nur eine der Arten, wie die beiden mit Gedichten umgehen. Immer wieder finden sie neue Formen der Lautmalerei, mal singt und spielt Welti zu den Gedichten mit Tonleitern, dann wieder zerlegt sie einzelne Sätze und Worte und treibt sie in die Höhe. Besonders gut gelingt das Zusammenspiel an diesem Abend bei Draesners Gedichtzyklus über Bert Brecht und Ruth Berlau, die Welti mit einem Trauergesang untermalt, der den Schmerz des Exils verklanglicht. / Shirin Sojitrawalla, Main-Spitze

 

94. Poetry Foundation Launches Poetry Tour of Washington, DC

Free downloadable audio tour shines a literary light on the nation’s capital

CHICAGO—The Poetry Foundation is pleased to announce the launch of the Washington, DC, Poetry Tour. The interactive tour, freely available at www.poetryfoundation.org/poetrytour, reveals our nation’s capital through the eyes of its great poets, including Walt Whitman, Paul Laurence Dunbar, and Elizabeth Bishop, among many others. From the hallowed halls of the federal buildings to neighborhood side streets, the tour features poems written in and about DC, as well as original photographs by poet Thomas Sayers Ellis.

Narrator and inaugural poet Elizabeth Alexander leads the tour from the stacks of the Library of Congress to Civil War battlefields to the Capitol steps, from the National Zoo to the U Street Corridor to the Busboys & Poets Café. Archival recordings from canonical poets including Langston Hughes, Robert Hayden, Sterling Brown, Randall Jarrell, and Ezra Pound chronicle DC’s rich literary history, while contemporary poets such as Linda Pastan, Quique Avilés, Yusef Komunyakaa, Naomi Ayala, A.B. Spellman, and Jane Shore share their experiences, through both poetry and commentary, of national monuments and monumental poets alike.

The DC Poetry Tour presents the development of the capital’s poetry scene over the last century and a half, from its interplay with musicians Dizzy Gillespie, Duke Ellington, and Ben Webster, to the creation of the office of poet laureate, to the legendary literary salons hosted by Georgia Douglas Johnson, to the multifaceted work of numerous poet-activist groups. Local poets and scholars—including E. Ethelbert Miller, director of the Afro-American Studies Resource Center at Howard University; David Gewanter of Georgetown University; and Kim Roberts, editor of Beltway magazine—provide the framework for understanding the moments and movements that have shaped DC’s literary culture.

Listeners to the tour, which includes 34 stops throughout the National Mall and Northwest DC, learn that Washington is not only our government’s headquarters but an important American literary capital as well. Historical images and artifacts provide a glimpse into DC’s storied past, while photographs by poet Thomas Sayers Ellis, who was born and raised in Washington, give viewers an inside look at DC’s neighborhoods and people. Poem text is presented along with original audio recordings and archival images, as listeners step into the national arenas that continue to inspire poets today.

“Tracing the history of American poetry against the culture and geography of our national capital helps readers develop a better sense of our shared literary heritage,” notes Anne Halsey, media director of the Poetry Foundation. “Poetry lovers visiting Washington can download free audio tours and maps to take guided poetry walking tours of the National Mall or Northwest DC—but you don’t have to be in DC to explore the city’s literary history. The full multimedia tour can also be experienced virtually at poetryfoundation.org/poetrytour.”

Beginning at the Library of Congress—the home of the first Poetry Consultant, Archibald MacLeish—the tour discusses the contributions of such heralded poets as Robert Lowell, Robert Frost, and William Carlos Williams. MacLeish declares, “A poem should not mean / But be.” Later, Williams fashions a modernist American poetry: “Never reverse a phrase that is your language as you speak it . . . Then you’ve started to create a culture in your place as you are.”

Contemporary poets from throughout the Beltway also present poems. Poets such as Brian Gilmore, who relates his personal interest in Paul Laurence Dunbar, and Myra Sklarew, who discusses May Miller, recognize the influence of their predecessors, reflecting upon them as President John F. Kennedy did when he spoke of Robert Frost: “Our national strength matters; but the spirit which informs and controls our strength matters just as much. This was the special significance of Robert Frost.”

The Washington, DC, Poetry Tour, an original production of the Poetry Foundation created in collaboration with Tierra Innovation, was written and produced by Curtis Fox. Special collaborators on the project include Grace Cavalieri, Katie Davis, Patricia Gray, E. Ethelbert Miller, and Beltway magazine editor Kim Roberts.

For more information, go to http://www.poetryfoundation.org/poetrytour

93. Körpertexte

Immer nur das Herz, in der Lyrik, klagt ein Anonymus im „Kreis-Anzeiger“ (die Homepage bietet zur Auswahl: Wetteraukreis, Vogelsbergkreis).

Doch wie ist es um die anderen Organe bestellt? Wer schrieb jemals eine Hymne auf Leber, Nieren, Nase und Ohren? Wann ist jemals etwas für Magen und Darm gedichtet worden? Und die Geschlechtsorgane, deren Gebrauch uns so große Freude bereiten, wo findet sich ihre entsprechende Bedeutung in der Lyrik? Die Augen, die uns diese Welt in ihrer ganzen Farbpracht erleben lassen, müssen sich ständig die Schmähung des französischen Dichters Antoine de Saint-Exupéry gefallen lassen, der behauptete: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Womit wir wieder beim Herzen wären.

Der Frau oder dem Mann kann geholfen werden. Freilich dominiert die Herzschmerzlyrik unseren Kanon. Beschweren Sie sich bei Anthologisten, Lehrplanmachern und anderen Kanonisten. Denn es gibt alles – man muß es nur suchen. Selbst an vielleicht unvermuteter Stelle. Bei Paul Celan treffen sich zwei der von Anonymus/Anonyma vermißten Teile:

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis…

(Corona)

Es gibt Walt Whitman, der den perfekten elektrischen Körper von Männern und Frauen besingt. Alle dem Auge sichtbaren, der Hand tastbaren Körperteile besingt, und am Schluß sagt:

O ich sage, das sind nicht die Teile des Körpers und Gedichte des Körpers allein, sondern der Seele,
o ich sage jetzt, diese sind die Seele.

Es gibt den Chilenen Pablo Neruda, der in seinen „Elementaren Oden“ die Seeaalsuppe ebenso besingt wie: blaue Blume, Artischocke, Walt Whitman, Atom oder die nackte Schöne. Man kann bei den Tschechen nachlesen, zum Beispiel František Halas, der schreibt ein Herbstgedicht, das alles „Herbstliche“ an „ihr“ aufzählt: Ihr Kleid war herbstlich, und so weiter über Haar, Auge, Mund, Brust, Träumen, Nabel, Schoß, Lächeln… Und eine Hymne auf die alten Frauen, die nacheinander Augen, Hände, Haar, Schöße der alten Frauen besingt, jeweils in mehreren bildreichen Strophen, eine Hymne!

Man kann bei der amerikanischen Beats suchen, oder bei den alten Franzosen. Die erfanden im 16. Jahrhundert eine eigene Gedichtgattung: Blasons, Gedichte, die summarisch und detailliert Eigenschaften bestimmter Gegenstände aufzählen. Alle Art Gegenstände, körperliche wie geistige, aufs Detail kommt es an. Nicht zuletzt der menschliche Körper. Lothar Klünner hat 1981 eine Sammlung von „Blasons auf den weiblichen Körper“ übersetzt und herausgegeben in dem wunderbaren Henssel Verlag (den es wohl auch nicht mehr gibt). Dort finden sich Gedichte von zehn Dichtern auf (Auswahl): Stirn, Ohr, Braue, Nase, Fingernagel, Brüstchen, Möschen, Popo… in jeweils langen detailreichen Gedichten.

(Zusatztip: Googlen Sie mal „Oden an die Hoden“)

92. Lyrik und Lyriker bei textenet

www.textenet.de

Freitag, 20. November 2009 um 19:30 Uhr

Werkstatt für Kunstprojekte
Jens Paul Wollenberg und Uta Pilling – „Ein Bericht für eine Akademie“
Jens Paul Wollenberg liest „Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka, Musik: Uta Pilling

Freitag, 20. November 2009 um 20:00 Uhr

Galerie Koenitz:
Bild und Bildner – Texte zur bildenden Kunst
Texte zur Bildenden Kunst mit Interessierten aus Bildender Kunst und Literatur: u.a. Rosemarie Fret, Jutta Pillat und Ralph Grüneberger, Musik: Martin Höpfner

Freitag, 20. November 2009 um 21:00 Uhr

Galerie A und V:
Ronald M. Schernikau – Abend
Mit Tobias Amslinger und Hannes Becker

Samstag, 21. November 2009 um 16:00 Uhr

Werkstatt für Kunstprojekte:
Verlagspräsentation der Leipziger Belletristik-Verlage
Mit Verlag Faber & Faber, Plöttner Verlag – für den Verlag lesen: Reinhard Bernhof & Thomas Kunst, Poetenladen – für den Verlag lesen: Katharina Bendixen & Johanna Schwedes, Leipziger Literaturverlag – für den Verlag lesen: Viktor Kalinke & Carsten Zimmermann, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Passage Verlag, Mitteldeutscher Verlag – für den Verlag liest Jörg Jacob, PaperOne – für den Verlag treten auf: Volly Tanner & Wolfgang Flür (vom Schlagzeuger der Gruppe „Kraftwerk“ zum Schriftsteller), Zeitschrift EDIT, Carpe Plumbum, Poesiealbum neu, Buchverlag für die Frau – für den Verlag liest: Christel Foerster, edition vulcanus – für den Verlag lesen: Maren Uhlig & Elmar Schenkel, Edition TP, Ausgabe 1 – für den Verlag lesen Marcel Rabe & Thomas Jez

Weiterlesen

91. Aufregende Tragik des Lebens

In der Weltwoche #47 eine Würdigung des grossen Dichters und Malers Joachim Ringelnatz zum 75. Todestag von Wiglaf Droste:

Als Vierzehnjähriger las ich erstmals eine Auswahl seiner Gedichte, war gleich hingerissen und lernte im Laufe der nächsten Jahre nicht wenige von ihnen auswendig – nicht für die Schule oder zu sonst einem Pflichtzweck, sondern ganz freiwillig und mit Freuden. Oh, war das schön, wie die Liebe sprach:

Ein männlicher Briefmark erlebte / Was Schönes, bevor er klebte. / Er war von einer Prinzessin beleckt. / Da war die Liebe in ihm erweckt.

Er wollte sie wiederküssen, / Da hat er verreisen müssen. / So liebte er sie vergebens. / Das ist die Tragik des Lebens!

Das war komisch, das war rührend, das hatte den Mut zur tragischen Grösse genauso wie zur Ironie. Und es war wirkungsvoll: Wenn man es als Junge einem Mädchen aufsagte, wurde man von ihr anders angesehen – weniger beeindruckt als vielmehr berührt. Ganz leicht waren die Worte und ihr Klang, aber keineswegs flüchtig. Das hallte nach; und Mädchen, die sich lieber von Mopedfahrerburschen mit ihren am Lenker befestigten Fuchsschwänzen eine Impression von Männlichkeit vorsimulieren liessen, konnten einem sowieso egal sein. Das stimmte leider nicht ganz, denn einige von ihnen waren äusserst reizvoll, aber die würden ja früher oder später merken, dass wahre Männlichkeit poetisch ist. Und wenn sie es doch nicht begriffen, war man eben Teil dieser aufregenden Tragik des Lebens, die Ringelnatz so kunstvoll besang.