90. Meine Anthologie: Nordic Man

Folgendes typisch britische Gedicht finde ich in einem Newsletter. Typisch britisch nicht wegen der darin angewandten Rassenstereotype, sondern wegen des britischen Humors (wiewohl ich weiß, daß auch Briten bierernst und bärbeißig-patriotisch sein können, davon ein andermal). Die „nordische Rasse“ reicht hier quasi bis ans Mittelmeer (zwischendurch die Ösis streifend) – also die Mittelmächte aus WWI.

Talking (and Singing) of the Nordic Man

I

Behold, my child, the Nordic man,
And be as like him, as you can;
His legs are long, his mind is slow,
His hair is lank and made of tow.
II

And here we have the Alpine Race:
Oh! What a broad and foolish face!
His skin is of a dirty yellow.
He is a most unpleasant fellow.

III

The most degraded of them all
Mediterranean we call.
His hair is crisp, and even curls,
And he is saucy with the girls.

Hilaire Belloc wurde 1870 bei Versailles von einem französischen Vater und einer englischen Mutter geboren – hauptsächlich sicher von letzterer. Vielleicht hat er deshalb seine Kindheit in England verbracht, wo er eingebürgert wurde und 1953 starb (zwischendurch redigierte er eine patriotische = antideutsche Zeitschrift und schrieb 100 Bücher).

Hier noch eine Strophe aus einem feinen Weihnachtslied, in dem das französische Wort für das Fest auf die englische „hell“ reimt, wenn man es nur oft genug, viermal reicht schon, wiederholt:

‚May all good fellows that here agree
Drink Audit Ale in heaven with me,
And may all my enemies go to hell!
Noel! Noel! Noel! Noel!
May all my enemies go to hell!
Noel! Noel!‘



Meine Anthologie: Be-sinnlich

89. „Wir anderen Araber“

Taoufik Ben Brik,  tunesischer Journalist und Regimekritiker, der am Vorabend der Wiederwahl von Präsident Ben Ali vor vier Wochen unter dem Vorwurf aggressiven Verhaltens verhaftet wurde (er spricht von einer Polizeiprovokation), steht am 19.11. vor Gericht. Rue89 veröffentlicht ein im Gefängnis geschriebenes Gedicht. Hier die ersten zwei Strophen (Rohübersetzung aus dem Französischen):

Herr Richter,
hat der Beschuldigte Rederecht?
Wie denn, wenn Sie mich unterbrechen
ein Nein oder Ja verlangend…
Das Recht, sage ich Ihnen, Euer Ehren,
für uns anderen Araber,
die wir Liebhaber der Präliminarien sind
vor jeder Antwort!

Jetzt hören Sie mir zu…
Der Markt, der Hauptplatz, der Bauch der Stadt
sind angefüllt mit diesem Schrei:
Es gibt kein Recht in meinem Land;
das Recht ist von uns gegangen,
zurück in den Schoß des Herrn,
der macht daß nichts von Dauer ist,
sei es erhaben oder tyrannisch.

88. Der Lyrikverführer

Donnerstag, 19. November 2009
20:00 – 22:00
Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97

Mit Ulrich Greiner (Journalist und Literaturkritiker, Hamburg) Norbert Hummelt (Autor, Berlin) und Nadja Küchenmeister (Autorin, Berlin) Moderation Joachim Scholl (Deutschlandradio Kultur)

Verlage veröffentlichen kaum noch Lyrikbände – ein Grund dafür ist, dass viele Leser meinen, Gedichte seien schwer verständlich. Verschlossen und rätselhaft kann Lyrik sein, das soll sie auch, und das kann sie auszeichnen. Den Weg zum ästhetischen Erlebnis erleichtert nun ein neues Buch: „Ulrich Greiners Lyrikverführer“ (C.H.Beck) ist eine Gebrauchsanweisung zum Lesen von Gedichten

Ulrich Greiner, Kulturkorrespondent und Herausgeber des Magazins ZEIT-Literatur, teilt seinen Band in zwei Hauptfragen ein, „Was ist ein Gedicht?“ und „Wie versteht man ein Gedicht?“ Auf letztere Frage folgen elf Gedichtinterpretationen, angefangen bei Hölderlin bis in die Gegenwart zu Norbert Hummelt und Nadja Küchenmeister. Gemeinsam mit den beiden Dichtern wird Ulrich Greiner Gedichte entschlüsseln, Deutungsmöglichkeiten aufzeigen und über Möglichkeiten der Lyrikvermittlung diskutieren. Gedichte werden an diesem Abend selbstverständlich auch gelesen.

Norbert Hummelt (*1962, Neuss) veröffentlichte seit Anfang der 90er Jahre mehrere Lyrikbände, zuletzt erschienen „Totentanz“ (Luchterhand 2007) und die Neuübersetzung von T.S. Eliots „The Waste Land / Das öde Land“ (Suhrkamp Verlag 2008). Im Dezember erscheint der Essayband „Wie Gedichte entstehen“ (gemeinsam mit Klaus Siblewski) bei Luchterhand.

Nadja Küchenmeister (*1981, Berlin) studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Ihre Gedichte wurden bisher in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht, im Frühjahr 2010 erscheint bei Schöffling & Co ihr Debütband „Alle Lichter“, ihr Hörspiel „Drehpunkt“ wurde in diesem Jahr vom SWR gesendet.

Moderiert wird der Abend von Joachim Scholl, der gemeinsam mit Barbara Sichtermann „50 Klassiker – Lyrik“ (Gerstenberg Verlag 2004) veröffentlicht hat.

87. Ein Fest für Herta Müller

Am 10. Dezember wird Herta Müller in Stockholm mit dem Literaturnobelpreis 2009 ausgezeichnet. Wenige Tage nach ihrer Rückkehr wird sie im Haus der Berliner Festspiele von ihren Freunden, Weggefährten und Lesern mit einem abendfüllenden Programm – an dem sich die Preisträgerin auch selbst beteiligt – in einer öffentlichen Veranstaltung geehrt und gefeiert.

Ein Fest für Herta Müller
ausgerichtet von ihren Freunden
am Freitag, dem 18. Dezember 2009 um 20.00 Uhr im
Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, 10179 Berlin

Musik, Laudatio, Lesung und Performance mit Herta Müller, Michael Krüger, Joachim Sartorius, Ulrich Matthes, Aydar Gainullin, Andrei Plesu – und Überraschungsgästen

Eintritt 10,- € (erm. 6,- €). Karten unter: http://www.berlinerfestspiele.de. Info: (030) 25489-100

Veranstaltet von: Berliner Festspiele, internationales literaturfestival berlin, Literaturhaus Berlin, Literarisches Colloquium Berlin, Literaturwerkstatt Berlin, Literaturforum im Brechthaus, Stiftung Preußische Seehandlung, Robert Bosch Stiftung und Carl Hanser Verlag.

86. Gebrauchsgedicht

Peter Borjans-Heuser, Jahrgang 1948, „erlernte die Dichtkunst auf / großer Fahrt mit seinem Motorsegler quer / durch Europas Gewässer. Das Schiff war / löchrig wie ein Schweizer Käse. / Nur die Dichtkunst hielt ihn über Wasser. / So wurde er Dichter, sein Schiff leider nicht.“ So stellt sich der pensionierte Duisburger Schuldirektor selbst vor – kurz und knapp, und selbstironisch poetisch.

Um die Lyrik von der „Anklagebank“ zu holen, konzentriert er sich in seinem Plädoyer zunächst auf eine Sorte, die ihm selbst besonders sympathisch ist und auch beim weitläufigeren Publikum noch einen relativ guten Ruf genießt: das Gebrauchsgedicht. Die Lyrik also für den Hausgebrauch, den Lebensalltag. Gebrauchsgedichte sind der Kindervers und der Festtagsreim, der Schlagertext und der Gedenkspruch, die Lyrik in der Sprache der Reklame und von öffentlichen Bedürfnisanstalten. Wobei die Übergänge zwischen hoch entwickelter Dichtkunst und allgemeinem Reimgestammel durchaus fließend sein können. / Kultur-Szene

85. „Lyriker klagen gern“

Christophe Fricker zählt zu den großen Hoffnungen der jungen, deutschsprachigen Lyrik, sagt die Zeit, die mit ihm ein Gespräch über den Sinn von Reisen und die schwindende Bedeutung der Lyrik führte. (Ich würde das Komma nach „jungen“ für falsch oder wenigstens überflüssig halten, aber die neuen Regeln, ich will sie ja nicht wissen):

Christophe Frickers Gedichtband Das schöne Auge des Betrachters (2008) wurde kürzlich mit dem Hermann Hesse Förderpreis 2009 bedacht. Der 1978 in Wiesbaden geborene Autor und Übersetzer hat nun sein Prosadebüt veröffentlicht: Larkin Terminal. Von fremden Ländern und Menschen (2009) versammelt ein Dutzend ebenso tiefsinniger wie erfrischender literarischer Reportagen. Für eine von ihnen erhielt der leidenschaftliche Reisende Fricker, der zurzeit als Germanist an der Duke University in Durham, North Carolina, tätig ist, den Merkur-Essaypreis 2007.

ZEIT ONLINE: Ihr Reportagenbuch umfasst auch Porträts von Dichtern, die Sie besucht haben. Spüren diese Leute ihre schwindende Bedeutung in der Welt?

Fricker: Lyriker beklagen sich gern darüber, dass ihnen das Publikum abhanden kommt. Sie tun dabei so, als hätten sich nicht viele von ihnen selbst vor langer Zeit vom Publikum abgewandt. Viele Gedichte sind einfach nicht besonders interessant und gefallen sich in ihrer Sterilität. Schwindende Bedeutung von Dichtern hängt oft mit schwindender Bedeutsamkeit von Gedichten zusammen.

ZEIT ONLINE: Sie sind ein Vertreter jener Dichterschule, die für die Rückkehr des metrisch regulierten Verses eintritt.

Fricker: Die Dichter, die ich vorstelle, wenden sich gegen den Trend, den ich eben, etwas überspitzt, angesprochen habe. Sie schreiben eine Lyrik, die Eleganz und Verständlichkeit mit gedanklicher Tiefe und sorgfältiger Beobachtung verbindet. Philosophische Meditationen, zynische Alltagskommentare, verspielte Liebesgedichte und kritische Naturbetrachtungen feiern die Fülle der Welt und der Sprache. Dick Davis, Timothy Steele, Joshua Mehigan, Tom Nolan, Edgar Bowers und viele andere Dichter sowie natürlich ihre Leser sind Menschen, denen Lyrik etwas sagt und denen Lyrik dabei hilft, mit der Welt in Einklang zu kommen.

Vgl. L&Poe

2009    Feb    #94.    Nicht köchelnde Rezensenten
2009    Apr    #70.    Anziehung

84. American Life in Poetry: Column 243

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Lots of contemporary poems are anecdotal, a brief narration of some event, and what can make them rise above anecdote is when they manage to convey significance, often as the poem closes. Here is an example of one like that, by Marie Sheppard Williams, who lives in Minneapolis.

Everybody

I stood at a bus corner
one afternoon, waiting
for the #2. An old
guy stood waiting too.
I stared at him. He
caught my stare, grinned,
gap-toothed. Will you
sign my coat? he said.
Held out a pen. He wore
a dirty canvas coat that
had signatures all over
it, hundreds, maybe
thousands.
I’m trying
to get everybody, he
said.
I signed. On a
little space on a pocket.
Sometimes I remember:
I am one of everybody.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2006 by Marie Sheppard Williams. Reprinted from the California Review, Volume 32, no. 4, by permission of Marie Sheppard Williams and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

 

83. THE LINEBACKER AND THE DERVISH

Lowell’s and Bishop’s collected letters.

By Michael Hofmann
Poetry Media Service

Words in Air: The Complete Correspondence between Elizabeth Bishop and Robert Lowell. Edited by Thomas Travisano with Saskia Hamilton. Farrar, Straus and Giroux. $45.00.

This is such a formidably and dramatically and lingeringly wonderful book, it is hard to know where to begin. Well, begin in the manner of the physical geographer and the embarrassed statistician and the value-for-money merchant, with quantity, though that’s absolutely the wrong place. Here, then, are 459 letters, 300 of them not previously published, exchanged over 30 years, between 1947 when the two great poets of late-20th-century America first met—Robert Lowell just 30, Elizabeth Bishop 36, each with one trade book and one round of prizes under their belts—and 1977 when Lowell predeceased his friend by two years; covering, all told, some 900 pages, from Bishop end-papers—one hand-scrawled, one typed—to Lowell end-papers—one in his laborious, also not greatly legible child-print (“I know I’m myself beyond self-help; and at least you can spell”), one typed. The apparatus of footnotes, chronology, and compendious glossary of names—take a bow, Thomas Travisano and Saskia Hamilton—is modest, helpful, and accurate. At this point in our post-epistolary (no joke), post-literary, almost post-alphabetical decline, we would probably receive any collection of letters with a feeling of stupefied wistfulness and a sigh of valediction, but Words in Air is way beyond generic. It feels like a necessary and a culminating book, especially for Bishop. To read, it is completely engrossing, to the extent that I feel I have been trekking through it on foot for months, and I don’t know where else I’ve been. “Why, page 351,” I would say. “Letter 229; March 1, 1961. Where did you think?”

But what is it like? How, in fact, do you read it? “I am underlining like Queen Victoria,” Bishop remarks at one stage. How do you filter, assimilate, crunch it down to the space of a review? Its 800 pages of letters—every one of them bearing my ambiguous slashes of delight, interest, controversy, revelation—still left me with eight sheets full of page numbers of my own. It’s like starting with a city, and ending up with a phone book—hardly useful as a redaction. Really, I might as well have held a pencil to the margin and kept it there, for bulk reread.

It’s an epistolary novel—if not a full-blown romance, then at least, at moments, an amitié amoureuse. It’s a variation on Gabriel Garcia Marquez’s Love in the Time of Cholera. Or it’s an Entwicklungsroman in later life, both parties already poets but perhaps more importantly still on the way to becoming poets (echoing the title of David Kalstone’s study), as perhaps one only ever and always is becoming a poet. It’s an ideally balanced, ideally complex account of a friendship, a race, a decades-long conspiracy, a dance (say, a tango?). It’s a cocktail of infernal modesty and angelic pride. It’s a further episode in Bishop’s increasingly sweeping posthumous triumph over her more obvious, more ambitious, more square-toed friend. It’s a rat-a-tat-tat ping-pong rally, an artillery exchange, a story told in fireworks, a trapeze show. One can read it for gifts sent up and down the Atlantic, from Lowell’s traditional Northeast seaboard to Bishop’s serendipitously-arrived-at Brazil, where she mostly lived from 1951 on, having arrived on a freighter for a short visit; for projects completed, adapted, revised, abandoned, published, and responded to; for blurbs solicited, struggled with, and delivered to greater or lesser satisfaction; for houses bought and done up and left; for other partners encountered and set down; for visits and time together passionately contrived, put off, and subsequently held up to memory or guiltily swept under the carpet; for gossip and the perennial trade in reputations; for a startlingly unabashed revelation of mutual career aid (“we may be a terrible pair of log-rollers, I don’t know,” writes Bishop in 1965, having asked Lowell for a blurb for Questions of Travel after he had asked her for one for Life Studies ); for loyalty and demurral, independent thinking and prudent silence, insistent generosity and occasional self-seeking; a longing to submit to the other’s perceived discipline and a desire to offer unconditional admiration; for personal, professional, and public events. One can read it for movements of place, for gaps in time, and discrepancies and disharmonies in feeling or balance; for the dismayed Bishop’s agonized criticism of aspects of two of Lowell’s books, the rather coarse free translations in Imitations of 1961 and the use of private letters from his second wife, Elizabeth Hardwick, in The Dolphin of 1973; for various other crises and cruxes: their heady, teasy-flirty mutual discovery of 1947, Bishop’s difficult visit to a near-manic Lowell in Maine in 1957, Lowell’s visit to Brazil and another manic episode in 1962, the death by suicide of Bishop’s companion Lota de Macedo Soares in 1967, Bishop’s uneasy return to Boston (to fill in for Lowell’s absence, if you please), and Lowell’s ultimate shuttling between wives and countries of the late ’70s. It’s social history, comedy of manners, American dissidence, the search for a style. It’s not least a gender myth more astute about men and women than that of Atalanta and Hippolytus (in any case, I always think Atalanta, like Bishop, should have won—she should have been provided with the apples, and Hippolytus, the ambitious, distractable male, goofed off in their pursuit, rather than the other way round). He is her anchor, she his kite.

Excerpted from “The Linebacker and the Dervish,” originally published in the January 2009 issue of Poetry magazine. Michael Hofmann’s most recent collection of poetry, Selected Poems (April 2009), was published by Farrar, Straus and Giroux. He is currently working on translations of Gottfried Benn. Distributed by the Poetry Foundation at http://www.poetryfoundation.org.

© 2009 by Michael Hofmann. All rights reserved.

82. Fitzgerald Kusz 65

Er gilt als Pionier der fränkischen Mundartdichtung und zählt zu den meistgespielten Theaterautoren der Gegenwart: Heute feiert der fränkische Poet Fitzgerald Kusz seinen 65. Geburtstag. Auf einem Empfang des Ars-Vivendi-Verlags zu diesem Anlass sprach Donaukurier-Mitarbeiter Walter Buckl mit dem Autor:

Bedauern Sie es nicht, wenn Sie mit Ihrer Mundart-Lyrik Ihre eigene Breitenwirkung einschränken, die Rezeption reduzieren?

Kusz: Lyrik hat nie Breitenwirkung! Und wenn ich mir die Verkaufszahlen der Gedichtbände meiner hochdeutschen Kollegen anschaue, dann stehen meine Lyrik-Bände daneben gar nicht schlecht da!

Je länger Sie Lyrik schreiben, desto kürzer wurden Sie in der Form; inzwischen gehören Haikus zu Ihrer Lieblingsgattung. Warum diese Knappheit?

Kusz: Wir leben in einer Informationsgesellschaft und werden täglich mit Sprache bombardiert – da setze ich den Minimalismus dagegen. Japanische Haikus haben durchaus Bezüge zum fränkischen „Soocherer“. Meine Gedichte sind eher eine Zwischenform zwischen Haiku und Aphorismus; es ist einfach reizvoll, in drei Zeilen, die auf einen „Flash“ zulaufen, eine ganze Welt zu entdecken. Dann wird man wie „vom Blitz der Erkenntnis“ getroffen.

In L&Poe:

2001    Jul    #    Franken-Blues
2002    Okt    #    Gefühlswelt des Dichters
2007    Nov    #126.    Ich bin dein Nest du bist mein Fest
2007    Dez    #33.    Breuers Schneisen im LiteratUrwald
2008    Jan    #86.    «Fest der Liebespoesie»
2008    Jan    #114.    Leitnern
2008    Okt    #64.    Die Alten, die Jungen und „Das Gedicht“
2009    Jan    #57.    Blues & Kusz
2009    Mrz    #31.    „Mundart und Lyrik“
2009    Aug    #082.    Erlangen – zwischen Lyrik und Lyrics

81. Vilnius – Minsk

In diesem Herbst nun wollten 13 Autorinnen und Autoren, vornehmlich Lyriker, eine Verbindung zwischen dem baltischen Vilnius und dem slawischen Minsk schaffen. Von deutschsprachiger Seite nahmen Ilma Rakusa (die soeben den Schweizer Buchpreis gewonnen hat) und Marcel Beyer teil. Der Danziger Lyriker Tadeusz Dąbrowski, 2008 mit dem Hubert-Burda-Preis für osteuropäische Lyrik ausgezeichnet, war besonders gespannt auf Minsk: Er hatte die Stadt zu Sowjetzeiten als Neunjähriger erlebt, bei einem Gastspiel der Balletttruppe seiner Mutter.

Litauen, Polen, Weißrussland: Einst gehörten die drei Regionen zusammen, waren zwei Jahrhunderte lang Bestandteil des stolzen polnisch-litauischen Großreichs. 1795 machte die dritte polnische Teilung der Adelsrepublik, der „Rzeczpospolita“, ein Ende. Adam Mickiewicz, der Schöpfer des polnischen Nationalepos „Pan Tadeusz“, wurde 1798 in Litauen geboren, das er stets als seine Heimat empfand.

Heute gibt sich die Stadt voller prächtiger Barockkirchen bemüht westlich. Neben italienischen Edelboutiquen bieten gebeugte Mütterchen ihre Blumen und Pilze feil. Am Rathaus prangt in Stein gemeißelt eine Versicherung von George W. Bush: „Jeder, der sich Litauen zum Feind wählt, macht sich damit auch die USA zum Feind.“ / Katrin Hillgruber, FR 16.11.

80. Gerhard Rühm in Luckenwalde

„Wir erleben heute in der Luckenwalder Kunsthalle eine Premiere. Wir hatten hier neben Ausstellungen schon die verschiedensten Musikstücke und Filmpräsentationen. Aber es ist das erste Mal, dass wir Ihnen Lyrik bieten“, sagte Kuratorin Kasia Kaminska. Sie freute sich, mit Gerhard Rühm einen großen Dichter der deutschen Sprache in Luckenwalde begrüßen zu können. Der Lyrik-Nachmittag war eine Begleitveranstaltung zur aktuellen Ausstellung „Skulpturen“ von Rolf Lieberknecht. „Wenn man von Gerhard Rühm spricht, kommt man auf die Zeit um 1946 in Wien – als sich eine Gruppe junger Leute, bestehend aus Musikern und Dichtern, traf, die etwas Neues ausprobieren wollten“, erzählt die Kuratorin. …

Er selbst überrascht das Publikum mit Reimen, Lautgedichten, Atemgedichten und sogar einem Zahlengedicht. Bei diesem Gedicht mit dem Titel „Zwölf“ wird der Versuch gestartet, die Zahl Zwölf zu erreichen. Immer wieder liest Rühm im fröhlichen Spiel mit dem Rhythmus die Zahlen von Eins bis Elf – mal als Zahlenfolge, mal einzeln, mal rückwärts. Bis als Höhepunkt die Zahl Zwölf endlich genannt wird. „Es ist ein optimistisches Gedicht. Man erreicht doch das, was man will – jedenfalls im Allgemeinen“, so Rühm. / Margrit Hahn, Märkische Allgemeine

79. Poesiefrühstück: Angelika Janz

“Auf weiches Entfernen zu”
Gedichte

Lesung von Angelika Janz

am Sonntag, den 22.November 11 Uhr zum Poesiefrühstück
auf der Burg Klempenow

Kontakt
KULTUR-TRANSIT-96 e.V.
17089 Breest OT Klempenow
Lageplan: http://www.burg-klempenow.de
Burg-Büro Telefon 03965-211331

und Angelika Janz

Aktion zum Jahrestag der Bücherverbrennung, Greifswald

78. Unpeinliche Preisträger

Man könnte meinen, in einer Art von Literatur 2.0 gelandet zu sein – Mitmachtexte für alle, die auch mal etwas schreiben wollen und so reden, wie es ihnen eben einfällt: „Die vielen Enttäuschungen, das Hadern mit dem eigenen Schicksal, das Infragestellen des kreierten Selbst, aufgeworfen durch zu wenig oder zu viel Gefühl, hin und her gerissen zwischen ohnmächtiger Wut und immerwährender Hoffnung.“

Einer der Lektoren, der aus den 700 eingesandten Texten eine Auswahl treffen musste, sprach einmal vom Sound, der ihm gefallen habe. Es scheint, als sei manchmal vergessen worden, dass der Sound auch ein paar Gedanken transportieren sollte. Aber nein, „der Tisch unterscheidet sich nicht wirklich von deiner Hand und nicht wirklich von dem Mobiltelefon“, „ich stand noch einmal auf, um mir eine heiße Milch zu machen, aber auch das half nicht wirklich“, und überhaupt: „Wir dachten immer, unsere Großeltern wären unkaputtbar.“ Ein flotter Zeitschriften-Kolumnenunterhaltungston bahnt sich da an, lifestyletechnisch bestens abgefüttert und hin und wieder abgesichert mit Emanzipationsrhetorik. Nicht literaturfähig, wirklich nicht. …

Konstantin Ames überzeugte Publikum und Jury mit seinen zwischen Sprachwitz und heiligem Ernst flackernden Gedichten, und er war nicht der einzig preiswürdige Lyriker des Wettbewerbs. Was wieder einmal zeigt: Zumindest in dieser Gattung gibt es, wie die Veröffentlichungen der vergangenen Jahre zeigen, keine Nachwuchssorgen. Vielleicht ist jede Sorge aber auch unbegründet: 700 Einsendungen, 20 Autoren, drei unpeinliche Preisträger. / Christoph Schröder, FR 16.11.

77. Silke Peters

Textenet

Textenet veröffentlicht Tonaufnahmen der Stralsunder Autorin Silke Peters (die am Sonnabend den 2. Feldkircher Lyrikpreis gewonnen hat).

Vita

Silke Peters. 1967 geboren in Rostock. Diplomlehrerin für Mathematik und Geographie. Arbeit als Lehrerin sowie in Naturschutz- und Kunstprojekten

Schreibversuche seit 1998. Veröffentlichungen und Lesungen seit 2000. „Wassernüsse vermisst“ erscheint beim Greifswalder Verlag Wiecker Bote. ndl, Pommersches Jahrbuch für Literatur und Risse drucken Gedichte und Interviews. 2002 bis 2004 Mitarbeit als Lektorin bei der Zeitschrift und dem Verlag Wiecker Bote. Mitherausgabe von Texten der Künstler Angelika Janz und Richard Anders. Regelmäßige Publikationen in der Zeitschrift „außerdem“ München. Organisation von Lesungen

2004 Beginn der Zusammenarbeit mit bildenden Künstlerinnen. Texte für Künstlerbücher, Kataloge und Ausstellungseröffnungen. 2006 Teilnahme am Künstlerinnenprojekt „Medea“. 2007 Konzeption der Ausstellung „Mutterverrat“ im Literaturzentrum Vorpommern im Koeppenhaus Greifswald mit der Künstlerinnengruppe „Medea“. Porträttexte für die beteiligten Künstlerinnen. Arbeit und Fertigstellung des großflächigen Textildrucks „Parnassias Herzblattstörung“

2008 erscheint das zweite Gedichtheft unter dem Namen „Parnassia“ beim Verlag Wiecker Bote. Einladung zum Christine-Lavant-Preis in Wolfsberg/Österreich. Organisation von Kunstauktionen für die Kunstkooperative/Medeagruppe

2009 Gründung der Autorinnengruppe „Textrabatt“ und Aufbau einer Lesebühne in Stralsund unter gleichem Namen. Mitarbeit und Organisation von verschiedenen Kunstprojekten in Mecklenburg-Vorpommern

Silke Peters liest:

Loitz

Kartlow

Dora

Burgstraße

Silke Peters im L&Poe-Archiv (neuere Beiträge finden Sie direkt über die „Schlagwortwolke“ rechts unten):

2001 Mai # „unterwegs mit zehn Fingern “
2002 Mrz # Lyrik in ausgewählten Zeitschriften
2002 Apr # Worpswede in Pommern
2003 Apr # Café 2: Oskar Kanehl
2003 Mai # Soeben erschienen:
2003 Mai # Lange Nacht der Lyrik in Saßnitz/ Rügen
2003 Jun # Turmgedichte
2005 Aug #91. edition axiom
2006 Dez #39. Sehr geehrter Herr Papenfuß,
2006 Dez #102. L&Poe dankt für
2007 Jan #108. Großartige Texte
2007 Sep #91. Mutterverrat
2007 Nov #14. außer.dem Nr. 14
2008 Sep #78. Christine-Lavant-Preis wieder da
2008 Sep #108. Über die Verleihung
2008 Nov #102. Lesung in Bergen
2008 Nov #106. Schwedisch-Deutsches Renga-Projekt
2008 Dez #46. Parnassia
2009 Mai #45. Poesiefrühstück in Klempenow

76. manche mögens

Some Like Poetry Manche mögen Poesie Niektorzy lubia poezje
Some –
that means not all.
Not even the majority of all but the minority.
Not counting school, where one must,
and poets themselves,
there will be perhaps two in a thousand.
Manche —
das heißt nicht alle.
Nicht einmal die Mehrheit, sondern die Minderheit.
Abgesehen von den Schulen, wo man mögen muß,
und den Dichtern selbst,
gibt’s davon etwa zwei pro Tausend.
Niektorzy –
czyli nie wszyscy.
Nawet nie wiekszosc wszystkich ale mniejszosc.
Nie liczac szkol, gdzie sie musi,
i samych poetow,
bedzie tych osob chyba dwie na tysiac.
Like –
but one also likes chicken-noodle soup,
one likes compliments and the color blue,
one likes an old scarf,
one likes to prove one’s point,
one likes to pet a dog.
Mögen —
aber man mag ja auch Nudelsuppe,
mag Komplimente und die Farbe Blau,
mag den alten Schal,
mag auf dem Seinen beharren,
mag Hunde steicheln.
Lubia –
ale lubi sie takze rosol z makaronem,
lubi sie komplementy i kolor niebieski,
lubi sie stary szalik,
lubi sie stawiac na swoim,
lubi sie glaskach psa.
Poetry –
but what sort of thing is poetry?
More than one shaky answer
has been given to this question.
But I do not know and do not know and clutch on to it,
as to a saving bannister.
Poesie —
was aber ist Poesie.
Manch wackelige Antwort
ist dieser Frage bereits gefolgt.
Aber ich weiß nicht, ich weiß nicht. Ich halte mich daran fest, wie an einem rettenden Geländer.
Poezje –
tylko co to takiego poezja.
Niejedna chwiejna odpowiedz
na to pytanie juz padla.
A ja nie wiem i nie wiem i trzymam sie tego
jak zbawiennej poreczy.
Wislawa Szymborska 1993
(translated from Polish by Joanna Trzeciak.)
Aus dem Polnischen von Karl Dedecius.Original: Niektorzy lubia poezje, aus: Ende und Anfang (Koniec i poczatek), 1993

Folgende englische Nachdichtung eines Szymborska-Gedichts fand ich heute (1.4.00) in der Mail von Poem-a-Day (kommt Montag bis Freitag unentgeltlich in die Inbox). Info über den Service weiter unten.

 

Still

In sealed box cars travel
names across the land,
and how far they will travel so,
and will they ever get out,
don’t ask, I won’t say, I don’t know.

The name Nathan strikes fist against wall,
the name Isaac, demented, sings,
the name Sarah calls out for water for
the name Aaron that’s dying of thirst.

Don’t jump while it’s moving, name David.
You’re a name that dooms to defeat,
given to no one, and homeless,
too heavy to bear in this land.

Let your son have a Slavic name,
for here they count hairs on the head,
for here they tell good from evil
by names and by eyelids‘ shape.

Don’t jump while it’s moving.  Your son will be Lech.
Don’t jump while it’s moving.  Not time yet.
Don’t jump.  The night echoes like laughter
mocking clatter of wheels upon tracks.

A cloud made of people moved over the land,
a big cloud gives a small rain, one tear,
a small rain–one tear, a dry season.
Tracks lead off into black forest.

Cor-rect, cor-rect clicks the wheel.  Gladeless forest.
Cor-rect, cor-rect.  Through the forest a convoy of clamors.
Cor-rect, cor-rect.  Awakened in the night I hear
cor-rect, cor-rect, crash of silence on silence.

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Szymborska, Wislawa.

Wislawa Szymborska (1923- ), Polish poet and winner of the 1996
Nobel Prize for Literature, is known for her direct and concise
lyric poetry that addresses universal themes, such as truth,
love, and hope.

Szymborska studied sociology and Polish literature at Jagellonian
University in Krakow, Poland, where she also reviewed books for a
Polish literary magazine. Her early poems reflect communist
values, but she repudiated her communist poetry in later
publications. Szymborska’s work, ranging from philosophical
inquiries to observations of everyday life, have established her
as one of Poland’s most popular poets, although she remained
largely unknown outside her country until she won the Nobel Prize.

Personal appeal: Poem-a-Day is now reaching more than 9,200 people.
Help us reach 10,000.  Forward this email with a message telling
them to go to http://www.DayTips.com and join Poem-a-Day!

Friends, family, coworkers.  Don’t they deserve a daily poem?
Ok, not all your coworkers.

– Thanks from your humble guide through the world of poetry …

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By Mickie Kennedy of http://www.poetrypreviews.com
Copyright MEK Enterprises, 2000.  All Rights Reserved.
Copyright held by respective poet or estate; used with permission.
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