184. Gerd Gaiser

Der thematische Schwerpunkt des Jahresbandes aber ist dem Leben und Werk des Reutlinger Schriftstellers Gerd Gaiser gewidmet, der im Jahr 2008 100 Jahre alt geworden wäre. Gaiser zählte zu den profiliertesten deutschen Autoren der frühen Nachkriegszeit, war aber wegen seiner im Nationalsozialismus veröffentlichten Propaganda-Lyrik (unter anderem: „Reiter am Himmel“) heftig umstritten. Bekannt wurde Gaiser, der als Lehrer am Reutlinger Friedrich-List-Gymnasium und später als Professor an der Pädagogischen Hochschule tätig war, mit seinem 1958 im „Hanser“-Verlag veröffentlichten Roman „Schlussball“. Nachdem Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki Gaisers in der NS-Zeit publizierten national-verklärten Gedichte und Prosatexte in den Mittelpunkt ihrer Kritik rückten und ihm seine schriftstellerischen Fähigkeiten pauschal absprachen, geriet der Schriftsteller rasch wieder in Vergessenheit. „Zum Glück“, wie Reich-Ranicki auch 2001 in einem „Spiegel“-Interview noch sagte.

Zu Unrecht, wie der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger findet, der anlässlich Gaisers 100. Geburtstags in Reutlingen und in Oberriexingen, dem Geburtsort Gaisers, zwei Festvorträge hielt. Beide („Gerd Gaiser – Erinnerung an die Kindheit“ und „Eine sterbende Welt, die nach Dauer klagte“) wurden nun in die „Reutlinger Geschichtsblätter 2008“ aufgenommen. Ergänzt werden Bausingers Texte durch einen mit Literatur-Auszügen angereicherten Vortrag von Gaisers ehemaligem PH-Kollegen Theodor Karst und einem kurzen Essay des Schweizer Germanisten Bernhard Vögtlin. Wie Bausinger würdigen Karst und Vögtlin Gaisers Werk kritisch. Dies brauche keine Schonung, verdiene es aber, verstanden zu werden, schreibt Vögtlin. Er schließt seine Betrachtungen mit den Worten: „Ohne Gaiser ist eine deutsche Literaturgeschichte nicht zu schreiben.“ / Schwäbische Nachrichten 30.12.

Reutlinger Geschichtsblätter Neue Folge, Nr. 47 (2008). Herausgegeben von Stadtarchiv und Reutlinger Geschichtsverein. 304 Seiten, 123 Abbildungen, davon 48 in Farbe, 24 Euro.

„National-verklärte Gedichte“? Ein paar die schwäbische Heimatforschung ergänzende Bemerkungen sind angebracht. Von „Reichslyrik“ sprach Peter Bekes (Kritisches Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur). Das klingt ein bißchen nach Walter von der Vogelweide & Co. Das „Neue Handbuch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur naach 1945“ spricht schon genauer von „Gedichten mit nationalsozialistischer Tendenz“. Franz Lennartz‘ Handbuch „Deutsche Dichter und Schriftsteller unserer Zeit“, 4. Ausgabe 1941 (damals noch „Die Dichter unserer Zeit“), fehlt er – in diesem Jahr erschien Gaisers Erstling, der Gedichtband „Reiter im Himmel“, ja gerade erst – kennt das Buch noch nicht. Es ist Gaisers einziger Gedichtband. Der neurechte Kulturwart Götz Kubitschek, der auch ein ein ausgemachter Lyrikfreund ist und in seiner Kolumne „nationale“ Gedichte von Joachim Fernau, Stefan George, Hölderlin, Benn, Trakl, Enzensberger und anderen vorstellt (in: Sezession im Netz) verleugnet das Buch schlicht, wenn er in seinem Autorenportrait Gerd Gaiser (Sezession 25 · August 2008) wider besseres Wissen behauptet:

Gaiser war also schon vierzig Jahre alt, als er mit Zwischenland debütierte…

Der Erzählungsband „Zwischenland“ erschien 1949 bei Hanser. Natürlich kennt er das Buch von 1941 sehr wohl oder weiß zumindest von seiner Existenz, denn später im gleichen Text schreibt er darüber:

Gaiser selbst war 1933 dem NS-Lehrerbund und 1937 der NSDAP beigetreten, und zwar nicht, weil er sich einen Karrieresprung versprochen hatte, sondern weil er überzeugt davon war, damit die richtige Politik zu unterstützen. Beleg dafür ist der einzige Gedichtband, den Gaiser veröffentlichte: Reiter am Himmel (1941) versammelt expressive Verse, die dem Führer Gefolgschaft und Wehrbereitschaft gegen den Feind aus dem Osten signalisieren. Curt Hohoff hat „Gaisers Reichslyrik“ treffend als ein „von Nietzsche inauguriertes Kokettieren mit der Gewalt“ bezeichnet: „Das Hitlersche Regime konnte von solchen Idealisten für eine Möglichkeit der politischen Erfüllung gehalten werden. Wie schnell verflog sie für Gaiser!“

Wie schnell verflog? In der Tat: 1941 bejubelt er den Führer, im Jahrzehnt darauf verflucht er ihn. Das heißt, er datiert die Verfluchung zurück. In dem Roman „Die sterbende Jagd“ läßt er einen Nazi-Obersten über den größten „ihn“ aller Zeiten so denken:

Ich hasse ihn. Ich hasse ihn wie die Pest.
Gott hat ihn uns geschickt, dachte er, und er muß uns verderben. Ich verstehe das und verstehe es nicht. Aber ich kann nicht austreten und kann es nicht wenden.
Nemo contra Deum nisi Deus ipse.

Dieser Oberst ist Chef einer Staffel der Nazi-Luftwaffe – ein „Reiter am Himmel“, wie der Dichter das poetisch nennt. Expressive Gedichte, sagt Kubitschek. Jedenfalls fehlen die „festen Reime“, die in der Szene als Ausweis nationaler & genialer Lyrik gelten. Kubitschek ist belesener als die Barden und pflegt einen besseren Geschmack, er mag Benn und Trakl, aber „expressiv“? Die Verse plätschern so dahin, nur von Pathos und etwas Bildungskitsch zusammengehalten.

Ich zitiere ausführlich Reinhold Grimm, der den Roman und zwei Gedichte des Bandes genauer ansieht, als es Entschuldiger und Verklärer taten. Hier der vollständige Text von Gaisers Gedicht „Der Führer“ mit Grimms Kritik:

Ich zitiere dieses jämmerliche Machwerk, diesen Hymnus auf den angeblich so Gehaßten, zur Gänze:

Da wir aufbrachen, sahn uns die Alten nach.
Hinter dämmrigen Scheiben
Stießen sie, ihrer Jugend erinnert, sich an.
Ihnen dünkt geringer die unsrige,
Weil wir keine Kränze auf Vorschuß nahmen, weil wir
Gar nicht jubelten,
Und vom Siege nicht redeten.

Wir sparten die Antwort.
Schräg, aus den Augenwinkeln, blickten wir her.
Kein Wort ist uns Siegen,
Sondern Lebens oder Sterbens Entscheid.

Wie denn im Felde
Selten jene die besten Soldaten sind,
Denen nie auf der Zunge der flinke Ausruf stockt,
Die mit eiligen Augen
Ihre flache Wachheit ewig zu Scherzen trägt,
Sondern die Schweigsamen,
Die im Stehen schlafen, wenn keiner sie nötig hat,
In der Not aber kommt in sie keine Müdigkeit.
Keiner sah sie je gähnen, sah sie nach Essen
Fluchen oder um Wasser die Hälse drehen.
Kein Wort kommt über ihre Lippen in der Gefangenschaft,
Schweigend stürben sie, eh sie den Wind verrieten
Oder den gestrigen Schnee. Und
So auch schuf uns die Not.
Wir lernten
Schon als Knaben, daß Hunger nicht ehrlos macht.
Nie kaufte ein üppiger Tisch uns die hohen
Hoffnungen ab.

Wir neiden euch nicht, ihr drüben, eurer Kamine
Schläferndes Warm. Die Wimper eurer
Flachen entzauberten Weiber betört uns nicht.
Leer heißen uns eure Tänze,
Leer euer Lärm.

Die ein Hebräer anführt:
Einer Schlachtsau Leben wird einstmals das eure gelten
Stickig und fett.
Wenn aber wir fallen,
Wird lang unsre Jugend
Wie ein Riff aus dem Meer der Geschlechter ragen,
Da wir dem heerfolgten,
Der, entwachsen dem Sagbaren,
Aller Satzung enthoben
Alles Vergänglichen bar,
Aller Nächster und Fremdester,
Niedergestiegen von drüben,
Unbegreiflich uns vorfocht,
Dem wir gehorchten,
Weil unser höchstes Gebot auch sein Feldzeichen war.[14]

Damit, dergleichen als “ungare Stücke eines namen- und einflußlosen Debütanten” zu bezeichnen, wie Gaiser in einem Gespräch mit Horst Bienek anno 62 unwirsch festzustellen beliebte,[15] ist es wahrlich nicht getan. Hitler, “niedergestiegen” wie ein Gott und “aller [menschlichen] Satzung enthoben”, die von einem “Hebräer” (Roosevelt?) Angeführten, also – sagen wir es doch unverblümt – die Juden durch seine Henker wie Säue, ja Ungeziefer abschlachtend: nein, das war keine harmlos ‘verirrte’ Reichs- oder Kriegslyrik. Gaisers unsägliche “Poesie [schade um den Namen] diente bewußt einer sehr konkreten Politik”.[16]

[14] Gerd Gaiser: Reiter am Himmel: Gedichte. München 1941. S. 57f.; das mir vorliegende
Exemplar trägt den Stempel “Hauptarchiv der NSDAP. Nr. 38,54”.
[15] Vgl. Horst Bienek: Werkstattgespräche mit Schriftstellern. Mit 15 Photos auf
Tafeln. München 1962. S. 220.
[16] So Reich-Ranicki: Deutsche Literatur in West und Ost. S. 56.

Aus:

Gerd Gaisers Reiter am Himmel – Bemerkungen zu seinem Roman Die sterbende Jagd

Author: Grimm, Reinhold

Source: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik, SCHULD UND SÜHNE? Kriegserlebnis und Kriegsdeutung in deutschen Medien der Nachkriegszeit (1945-1961) Internationale Konferenz vom 01.-04.09.1999 in Berlin. HEUKENKAMP, Ursula (Hrsg.) , pp. 21-33(13)

Literatur

Walter Jens: Gegen die Überschätzung Gerd Gaisers: Nicht alles, was zur
Klampfe gesungen wird, ist Dichtung. In: Die Zeit vom 25.11.1960; auch in: Hans
Mayer (Hrsg.): Deutsche Literaturkritik der Gegenwart. Frankfurt a.M. 1983. Bd. 4:
S. 74-81.

Marcel Reich-Ranicki: Deutsche Literatur in West und Ost: Prosa seit 1945. München
1963. S. 55-80 (erstmals in Der Monat vom selben Jahr)

183. Meine Anthologie: Schuldspruch

Volker Braun

Schuldspruch

Der siebenbürgische Dichter DU HAST MICH VERFÜHRT
Mit meinen ersten Versen, den Sozialismus zu glauben.
Hätte er weitergelesen … Kann ich dafür
Daß er sitzenbleibt in meiner Schule.
Ich habe genug zu tun mit meiner eigenen Dummheit
Und kauen wir nicht den gleichen rohen entsetzlichen Stoff.

Aus: Volker Braun: Die Zickzackbrücke. Ein Abrißkalender. Halle: Mitteldeutscher Verlag 1992, S. 85

Dieses Gedicht hatte ich nicht vergessen. Es fiel mir immer mal wieder ein und diesen Herbst/ Winter und zwischen den Festen erneut aus gegebenem rohen entsetzlichen Anlaß. In unserer je eigenen Dummheit lachen wir über die SCHLAUEN. Die alles schon wissen, wie noch ein anderer geschrieben hat. Lachen mit Schluckauf.

Meine Anthologie: Be-sinnlich

182. Versroman

Was hilft die Versicherung, Puschkins „Onegin“ gehöre zu den schönsten Werken der Weltliteratur, wenn es sich um eine 200 Seiten lange Dichtung in Versen handelt? Von Erzählungen erwartet man heute Prosa, Verse nur von kurzen Gedichten. Diese strikte Aufteilung macht es einem Versroman in Strophen zu je 14 Zeilen schwer, die Gunst des Publikums zu gewinnen. Würden die deutschen Leser noch ihre klassischen Versepen kennen, Wielands „Oberon“, Goethes „Herrmann und Dorothea“, Heines „Atta Troll“, so gefiele ihnen der witzige, spielerische und doch weltkluge Ton von Puschkins melancholischer Geschichte eines gelangweilten Dandys ebenso wie die geistreichen Zwischenbemerkungen des Erzählers über das Metier des Schriftstellers. …

Fällt in „Eugen Onegin“ der Name Theokrits, so liefert der Kommentator zwei profunde Seiten über Charakter und Wert von Theokrits Idyllen, über sein Ansehen im 18. und 19. Jahrhundert und die moralische Säuberung der Theokrit-Übersetzungen im viktorianischen Zeitalter.
Nabokov genügt allen Anforderungen an einen philologisch zuverlässigen Kommentar, übertrifft ihn jedoch durch elegante Formulierung und die Lizenz aphoristischer Einschübe („Die Gewagtheiten des einen Zeitalters sind die Platitüden des nächsten“).

/ HEINZ SCHLAFFER, SZ 22.12.

VLADIMIR NABOKOV: Kommentar zu Eugen Onegin. Aus dem Englischen von Sabine Baumann. 1331 Seiten.

ALEXANDER PUSCHKIN: Eugen Onegin. Ein Versroman. Aus dem Russischen von Sabine Baumann. Vorwort und Einleitung von Vladimir Nabokov. 294 Seiten. – Beide Bände: Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main und Basel 2009. Zusammen 128 Euro.

181. ALL AROUND THE WORLD THE SAME SONG


How globe-trotting poetries may not beat scrawls in a cave.

By C.K. Williams
Poetry Media Service

All over the world, if not every day then in every age, beautiful paintings and poems and pieces of music and buildings are generated: one can almost imagine little flaring lights on the surface of the earth, like those seen in photos from space, though they are much more sparse and scattered than the illuminating devices that bespeckle our globe. And then over time these embodiments of the beautiful are harvested, amassed, collected in books, in museums, in concert halls, to be distributed into the lives of individual human beings, to become crucial elements of their existence. Often, our experience of beauty will be the first hint of what each of us at some point will dare call our soul. For don’t those first stirrings of that eternally uncertain, barely grasped notion of something more than mere mind, mere thought, mere emotion, usually first come to us in the line of a poem, a passage of music, the unreal yet more-than-real image in a painting?

And isn’t it also the case after all that beauty is the one true thing we can count on in a world of insufferable uncertainty, of constant moral conflicts? I’ve wondered sometimes if humans invented gods to have something appropriately sensitive, grand, and wise enough to appreciate these miraculous modes of beauty that are so different in material and quality from anything else in the world. Might gods have first been devised not to assuage our fears and hear our complaints and entreaties, but for there to be identities sufficiently sublime to understand what those first painters and sculptors—and surely, though the words and tunes have been lost, those poets and singers—had wrought?

Perhaps this is why those first great artworks were executed deep in caves, so as to be certain the divinities who were their audience wouldn’t be distracted by the wonder of the natural world, and so lose the concentration necessary to glory in, and be glorified by, these singular human creations that equaled and even surpassed what had been given by nature for meditation. And perhaps that’s why poets, who may half-remember such matters, go off into what can look to others like solitary caverns, shadowed with loneliness, but which surely aren’t.

C.K. Williams’s new book of poems, Wait, will be published in spring 2010. He will also publish a prose study, On Whitman, around the same time. He teaches in the creative writing program at Princeton University. Excerpted from “All Around the World the Same Song,” originally published in the March 2009 issue of Poetry magazine and available at http://www.poetryfoundation.org.

Distributed by the Poetry Foundation.
© 2009 by C.K. Williams. All rights reserved.

180. Visionen eines muslimischen Zarathustra

Auf Steinen unter Bäumen hat er die ersten Verse gelernt. „Die Bäume sind Blätter in meinen Heften, und die / Steine sind Gedichte wie ich“, erinnerte sich Ali Ahmad Sa“id Isbir später. Am 1. Januar wird der syrisch-libanesische Dichter mit dem Pseudonym Adonis 80 Jahre alt.

Er gilt vielen als der bedeutendste arabischsprachige Lyriker der Gegenwart und wird seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Schon sein Vater, Bauer und Imam des syrischen Dorfs Quassabin, wo Adonis 1930 geboren wurde, schrieb Gedichte. Als der Staatspräsident das Dorf besuchte, durfte der 13-jährige Ali selbst verfasste Gedichte vortragen. Zum Dank wurde ihm sein sehnlichster Wunsch erfüllt: eine Schule besuchen zu dürfen.

Er studierte Philosophie und promovierte nach einem Studienaufenthalt in Paris 1973 an der Beiruter Universität über „Das Veränderliche und das Beständige – Tradition und Erneuerung in der arabischen Kultur“. Bekanntgemacht hat ihn der Gedichtband „Die Gesänge Mihyars, des Damaszeners“ (1961, deutsch 1998) – Visionen eines muslimischen Zarathustra. In dem Werk verschmelzen die Sufi-Lyrik islamischer Mystiker und das Pathos Friedrich Nietzsches miteinander. / Claudia Schülke, Stuttgarter Nachrichten 29.12.

In L&Poe (vollständig im Archiv erreichbar):

2001    Jan    #    Nacht der Poesie auf dem Potsdamer Platz
2001    Mrz    #    Wenn wir nun die Meßlatte von Adonis´ Dichtung
2001    Apr    #    Welt der Wortkunst
2001    Jul    #    Zwischen Zauber und Zeichen
2001    Okt    #    Nicht der Gott des Islam
2001    Dez    #    In diesen Briefen lebt die Langsamkeit
2002    Jan    #    Stefan Weidner rezensiert
2002    Mrz    #    Adonis´ Stimme
2002    Mrz    #    Lyrik in ausgewählten Zeitschriften
2002    Jun    #    „Der Islam braucht die westliche Kultur“
2002    Jul    #    Adonis´ Buch
2002    Jul    #    Poetry after Adonis
2002    Jul    #    Gedichte
2002    Okt    #    Innerarabische Diskussion
2002    Okt    #    Grab für New York
2002    Okt    #    Überwindung des Orientalismus
2002    Okt    #    Poesie der Freiheit
2002    Nov    #    Nur Hirtenvölker bevorzugen die Poesie
2003    Aug    #    Eindringlinge und Tyrannen
2003    Sep    #    Hussein Al-Mozany schreibt
2003    Okt    #    Der irakische Dichter Sargon Boulus
2003    Dez    #    Gipfeltreffen in Beirut
2004    Aug    #17.    Arabische Literatur
2004    Aug    #32.    Schönheit des Arabischen
2004    Sep    #11.    Araber: Warum die Lyrik vorherrscht
2004    Sep    #68.    Ich, Adonis
2004    Sep    #70.    Revolution der arabischen Lyrik
2004    Sep    #73.    Grab für New York
2004    Sep    #78.    Kurzporträts
2004    Okt    #13.    Adonis Band 2
2004    Okt    #19.    Im Garten mit Baudelaire
2004    Okt    #32.    Wort-Alchemie
2004    Okt    #60.    Abdelwahab Meddeb
2004    Dez    #97.    Adonis 75
2004    Dez    #105.    Oleschinskis Sprachreise
2005    Jan    #61.    Unter Perlentauchers top 50
2005    Feb    #52.    Zwei arabische Dichter
2005    Mrz    #55.    Der syrische Dichter Adonis eröffnet,
2005    Mrz    #81.    Im Nouvel Observateur
2005    Mrz    #100.    Unvollendetes Gedicht
2005    Mai    #11.    „Poesie International“ in Dornbirn
2005    Mai    #87.    Léopold Sédar Senghor-Preis
2006    Jan    #49.    Todesliste – summa cum laude
2006    Mrz    #68.    Hört nicht auf eure Eltern
2006    Mrz    #97.    Es gibt sie immer noch,
2006    Jul    #81.    Adonis über das laizistische Experiment Libanon
2006    Aug    #71.    Über die Radikalisierung
2006    Sep    #108.    Mit geschlossenem Mund gähnen
2006    Okt    #37.    Nobelwetten und Damenfußball
2006    Dez    #50.    Im Namen des Islam
2007    Mrz    #3.    Lest Rifka!
2007    Mrz    #75.    Veranstaltungen zur Leipziger Buchmesse (4): 23.3.
2007    Jul    #106.    Revolutonär und Seher
2007    Okt    #98.    Sargon Boulus gestorben
2007    Okt    #124.    Mallarmés Würfelwurf
2008    Nov    #64.    Algerische Intellektuelle über Angriffe auf die Meinungsfreiheit beunruhigt
2008    Dez    #45.    Dialog
2009    Feb    #113.    Wer gewinnt?
2009    Jun    #55.    „Die arabische Sprache, mein einziges Land“
2009    Aug    #40. Ammann hört auf

179. Kaser elementar

Bereits die ersten literarischen Zeugnisse des zwanzigjährigen Hilfslehrers Kaser geben den melancholischen Grundton der Sammlung vor, sprechen von seinen Ängsten, von seiner inneren Zerrissenheit, die ihn als Mensch und als Künstler sein Leben lang begleiten werden: „Nun bin ich der Fremdling meiner selbst, der Trost sucht, wo es ihn nicht gibt: bei Bier und Wein.“ Ohne Schulabschluss, ohne Geld, ohne familiären Rückhalt, hungrig, frierend, hoffnungslos, doch nie ohne feine Ironie seiner Umwelt und sich selbst gegenüber kämpft Kaser um seine Existenz als Dichter: „meine lichtblicke sind gezaehlt und wenn dann sehen sie so trist aus dass nur schlafpillen stricke rasierklingen und schnaps dagegen helfen. wie froh waere ich wenn alles so witzig waere wie es klingt. es ist ernst. ich gebe keine verspechen mehr ab weil ich sie nicht halten werde ich lege die haende in den schoß und um die hoden.. ich hasse jede art von aktion.“

Bei Kaser verschränkt sich die Rede über sich selbst stets mit der Rede über sein literarisches Schaffen, der Mensch Kaser ist in seinen schriftlichen Zeugnissen stets auch der Dichter N.C. Kaser. Ob implizit oder explizit, stets reflektiert Kaser sein Schreiben als Spiegel seines Lebens und vice versa, sein Kunstbegriff ist existentiell, der Einsatz ist nichts Geringeres als die eigene Person. Und die Gefahr ist groß: „ich habe mich totgeschrieben (…) ich glaube mir selbst nicht mehr. ich verdruecke mich ins lager der taubstummen. ich habe nichts mehr mitzuteilen.“ / Martina Wunderer, fixpoetry.com

Raoul Schrott (Hg.):  N. C. Kaser elementar. Ein Leben in Texten und Briefen. Ausgewählt von Raoul Schrott. Haymon, Innsbruck und Wien 2007.

178. Berlin-Ode

Sagen wir es einmal klipp und klar: Berlin hat den großartigsten, vielfältigsten, in jeder Hinsicht attraktivsten Lesebetrieb der Bundesrepublik. Es ist ein alter Topos, dass es hier alles gibt – und von allem auch das Gegenteil: Nobelpreisträger und Debütanten, hoch artistische Höhenkamm-Lyrik und wilde, programmatisch kunstfreie Fantasy-Crime-Gothic-Mixturen. Man trifft Lokalpossenschreiber aus dem Wedding ebenso wie die internationale Avantgarde aus New York oder Paris. Mal lustwandelt man im Literarischen Colloquium am Wannsee, mal zieht man durch verrauchte Neuköllner Kneipen – gelesen wird überall. Diesen wunderbaren Berliner Lesebetrieb gibt es etwa 360 Tage im Jahr.

Nach dieser Ode auf Berlin ein Ausblick auf das kommende Jahr in Ost und West:

Worauf sollten wir uns im nächsten Jahr gefasst machen? Im Osten wird die literarische Landschaft – ganz gegen den regionalen Trend – vermutlich weiterhin blühen. Auch wenn die DDR als Abenteuerspielplatz à la Brussig nun hoffentlich auserzählt ist. Vielleicht aber wagt man den Blick auf eine Autorin, die vor zwanzig Jahren vorschnell verabschiedet worden war: Im 60. Suhrkamp-Programm jedenfalls steht „Stadt der Engel“, ein neues Buch von Christa Wolf, ganz oben. Doch auch im Westen dürfte einiges los sein. Mit Uwe Timm wird im März einer der produktivsten und am meisten gelesenen deutschen Autoren siebzig. Und Klaus Wagenbach, die Inkarnation einer ganz besonderen Bundesrepublik, feiert im Sommer seinen achtzigsten Geburtstag. Noch weiter im Westen präsentiert sich eine Region, die lange unter kulturellen Minderwertigkeitskomplexen gelitten hat, als europäische Kulturhauptstadt. „Essen für das Ruhrgebiet“ – vor dreißig Jahren wäre das noch ein Jux gewesen. Heute kann man sich mit der brandneuen Anthologie „Ruhrbuch. Das Ruhrgebiet literarisch“ über das literarische Potenzial der Gegend informieren.

/ Steffen Richter, Tagesspiegel 29.12.

Der gibt noch einen Tip für morgen:

Am 30.12. (20 Uhr) gibt es immerhin die Stadtmeisterschaften im Poetry Slam in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Der Lesewettbewerb der immer gutgelaunten Spokenword-Szene eignet sich erfahrungsgemäß hervorragend, um für die Silvesterparty auf Touren zu kommen.

177. „Unangetastet von Verstehen“?

Sehr merkwürdig: Alle Leser, Dichterkollegen und Literaturkritiker, die sich über die Gedichte Friederike Mayröckers geäußert haben, sind begeistert und hingerissen, aber sie sind zugleich zutiefst irritiert. Sie bewundern und lieben ihre Gedichte und bekennen doch zugleich, dass sie sie überhaupt nicht oder allenfalls nur ansatzweise verstehen. Die äußerste Faszination und die äußerste Befremdung gehören offenbar zusammen, wenn man Mayröckers Gedichte liest. …

Für den wohlgesinnten Lyrikleser allerdings ergibt sich aus den Verständnisschwierigkeiten im Umgang mit Mayröckers Gedichten notwendigerweise die Forderung: „Du musst dein Lesen ändern!“ Soll er sie nach Günter Eichs Formulierung „unangetastet von Verstehen“ lassen? Mit bloßen philologischen Zitatnachweisen jedenfalls ist da ebenso wenig auszurichten wie mit der beliebten Einfühlung; und freiwildernde Assoziationen des Lesers im Anschluss an einzelne Verse mögen zwar für ihn beglückend und tiefgreifende Meditationen besinnlichkeitsfördernd sein – der Eigenart und dem Verständnis der Mayröckerschen Poesie kommt man damit kaum näher. Gewiss: Kein Umgang mit ihr ist ausgeschlossen, und der Leser darf sich zu Recht von den Versen in vollkommene Freiheit versetzt fühlen, aber diese Verse selbst, ihre Wort- und Metaphernfügungen, ihre Kombinationen aus Alltagsformulierungen und emotionalen Äußerungen, aus kühnen Bildern und schlichten Worten geraten bei solchen „Anwendungen“ aus dem Blick. …

Dass man bei der Lektüre der Gedichte Mayröckers ausgerechnet an Hölderlin denken muss, ist kein Zufall. Friederike Mayröckers jüngster Gedichtband enthält mehr als vierzig Gedichte, in denen Hölderlin ihr begegnet. Sie sind unter dem Titel „Scardanelli“ bereits separat erschienen (Rezension: Friederike Mayröckers neue Gedichte). Bei Hölderlin wie bei Mayröcker verrät das „nämlich“ ein Hintergrundwissen und zugleich die Bereitschaft, dieses Wissen dem Leser mitzuteilen. Es ist autoritär und kommunikativ zugleich. Autoritär, weil es an eine Aussage, Behauptung oder Erfindung, oft an eine rätselhafte Metapher anschließt, die offensichtlich einer Erläuterung bedarf; und kommunikativ, weil es dem Leser die Auflösung des Rätsels verspricht. Das Versprechen aber wird bei Mayröcker nicht eingelöst. Das „nämlich“ eröffnet keine Aufklärung, sondern führt nur in eine neue Rätselhaftigkeit hinein. Des Rätsels Lösung ist wiederum ein Rätsel. Das „nämlich“ hat Verweischarakter; aber es verweist auf nicht anderes als auf das, was es hervorgebracht hat: auf seine eigene Rätselhaftigkeit. Es besitzt eine tautologische Struktur. …

Auch Jubel, Freude, Übermut, Erkenntnis- und übersprudelnde Kombinationslust, Witz, Humor und Scherze vertragen sich als sprachliche Verlautbarungen mit diesen Tränen und erweisen sich als ebenso poetisch wie Trauer und Kümmernis. Wer’s nicht glaubt oder sogar immer noch zu bezweifeln wagt, dass diese Gedichte Gedichte sind, dem wird die folgende rigorose Antwort der Friederike Mayröcker zuteil: „indem ich sage das ist / 1 Gedicht ist es 1 Gedicht. Meine / Ärztin sagt, essen Sie 1 Gedicht, ich / weisz nicht wie man es kocht, sage ich“. Also ist auch diese Frage auf Mayröckerische Art abschließend geklärt, und wir müssen uns nur noch damit befassen, „wie man es kocht“. Wer das Rezept weiß: Bitte melden!

Friederike Mayröcker: „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogels Greif“. Gedichte 2004–2009. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 342 S., geb., 22,80 €.

/ Wulf Segebrecht, FAZ 28.12.

176. American Life in Poetry: Column 249

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
One of the wonderful things about small children is the way in which they cause us to explain the world. “What’s that?” they ask, and we have to come up with an answer. Here Christine Stewart-Nunez, who lives and teaches in South Dakota, tries to teach her son a new word only to hear it come back transformed.

Convergence

Through the bedroom window
a February sunrise, fog suspended
between pines. Intricate crystals—
hoarfrost lace on a cherry tree.
My son calls out, awake. We sway,
blanket-wrapped, his head nuzzling
my neck. Hoarfrost, tree—I point,
shaping each word. Favorable
conditions: a toddler’s brain, hard
data-mining, a system’s approach.
Hoar, he hears. His hand reaches
to the wallpaper lion. Phenomena
converge: warmth, humidity,
temperature’s sudden plunge;
a child’s brain, objects, sound.
Eyes widening, he opens his mouth
and roars.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Christine Stewart-Nunez, whose most recent book of poems is Postcard on Parchment, ABZ Press, 2008. Poem reprinted from the Briar Cliff Review, 2009, by permission of Christine Stewart-Nunez and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

175. „Organisch“ vs. „arbiträr“. Anmerkungen zu einer Anthologie und einer mittleren Leseweise (2)

Essay von Bertram Reinecke, Teil II von II

Vgl. 168. „Organisch“ vs. „arbiträr“. Anmerkungen zu einer Anthologie und einer mittleren Leseweise (1)

Während sich Braun um die analytische Durchdringung seines Gegenstandes bemüht, beschränkt sich Michael Buselmeier oft lediglich darauf, den Gedichtinhalt oder das Dichterschicksal nachzuerzählen. Warum der Dichter diesen Inhalt wählte und ihn genau so behandelt hat, scheint ihn weniger zu interessieren[1]. Eher geht es ihm durch die Einordnung der Gedichte in den Kontext der Zeitläufte und der Dichterschicksale darum nachzuweisen, dass Gedichte an Brennpunkten der Wirklichkeit auftauchen. Auch sollen, scheint es, heranzitierte Biografien den Gedichten Glaubwürdigkeit verleihen. Nicht jedem mag dieser Zugriff liegen, bei dem es immer zunächst um etwas anderes geht als um Literatur.

Dichter zu Übergröße stilisiert, wie bei ihm bisweilen geschieht, neigen zudem notorisch dazu, in der Wirklichkeit nicht auftreten zu wollen und machen sich so mit den idealisierten Schemata der Schulbücher gemein. Sie setzen Buselmeiers Diskurs mithin der Gefahr aus, ebenfalls als pädagögelnde Übertreibung abgetan zu werden.[2]

Er problematisiert einen solchen Zugriff auf Dichtung über die bedeutende Biografie zwar am wohlfeilen Beispiel George Forestiers. Die Chance, hier gleichzeitig die Vorgehensweise seiner Beiträge zu thematisieren, nutzt er aber nicht. Dies Stillschweigen scheint sagen zu wollen: „Schaut her, ich bin mir der Problematik des Verfahrens bewusst. Wenn ich dennoch so vorgehe, habe ich meine Gründe.“ So muss bei diesem stoffintensiven Ansatz über manches hinweggegangen werden, was der näheren Erläuterung bedurft hätte und Buselmeiers kritisches Potential kommt nicht voll zum Tragen. Nach Buselmeier z.B. „dürfte kein lebender deutschsprachiger Dichter die Vers- und Reimkunst virtuoser handhaben“ als Richard Pietraß. Dies wird festgestellt und nicht begründet. Es könnte so die Frage auftauchen, ob nicht etwa auch ein Reimann oder sagen wir Rosenlöcher (um nur zwei Sachsen mit R zu nennen) diese Palme verdient hätten. Buselmeier erhebt, soweit er erwartet, dass der Leser seinem Urteil folgt, damit Anspruch auf ein nach Art und Größe nicht näher zu bestimmendes Geheimwissen. Sich so auf Gedeih und Verderb der Autorität des Kritikers auszuliefern, mag manchem Leser misslich sein. Über Lutz Seiler heißt es, er gehöre „nicht zu den westwärts orientierten Leichtfüßen mit einer Tendenz zum unterhaltsamen Witzeln.“  Dass Lutz Seiler ein ernster Mann ist, versteht sich. Schätzbar ist der Dichter jedoch vielen gerade dadurch geworden, dass er ostdeutsche Herkunft und ostdeutsches Aufwachsen, jenseits des Politischen in seiner umfassenden alltäglichen Dimension, lyrisch erlebbar gemacht hat. Dies ist freilich ein Projekt, das für Leute mit ähnlicher Biografie wenig interessant ist. Inwiefern diese Poetik sich also nicht westwärts orientiert, eine andere aber wohl, versteht sich da nicht von selbst. Gegen wen richtet sich Buselmeier also? Ein habitueller Reflex gegen die Anarchisten von der hauptstädtischen Höhe? Mal eine interessante Meinung über Rosenlöcher? Dann und wann hätte er sich doch mehr Raum für das begründete Argument nehmen können.

Der prototypische Gegenwartsdichter hat nach Buselmeier rein statistisch ein Durchschnittsalter von über siebzig Jahren.[3] Wie formal eine solche Berechnung auch immer sei, hier hat sie ihre Berechtigung: Sascha Michel, der jüngste von Buselmeier ausgewählte Dichter, ist lediglich verzeichnet, um kräftig abgewatscht zu werden[4] und auch der zweitjüngste Albert Ostermaier wird nur mit spitzen Fingern angefasst[5].

Liest man einmal die von Buselmeier ausgewählten Gedichte hintereinander, fällt bei allen Verschiedenheiten im Einzelnen eine merkwürdige Gemeinsamkeit auf. Das lyrische Sprechen nimmt meist eine Mittelposition zwischen den Objekten der Welt und dem Subjekt des Sprechens ein. Nie verliert sich das Sprechen im Gegenstand, nie setzt sich das Subjekt dominant.

So gibt es auf der einen Seite kein empirisches Einlassen auf Welt und deren präzise Abschilderung nimmt wenig Raum ein. Ein Baum ist sozusagen nie ein Baum, sondern immer gleich ein Symbol für etwas anderes.  Es gibt kein Einlassen auf das sprachliche Material. Werner Laubscher wird zwar in die Nähe der Wiener Gruppe gesetzt, das vorgestellte Beispiel inszeniert sich aber mit einer derartigen Lustigkeitsattitüde, dass Clemens Brentano, was das Vertrauen in diese Verfahren betrifft, bereits einen Schritt weiter scheint.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch keine Lyrik, die sich als Unmutsäußerung oder „kräftig die Meinung sagen“ versteht. Ein lyrisches Ich wird zwar meistens greifbar, bleibt aber so zurückgenommen, dass es immer als verletzt von der Welt dasteht und nie weltschaffend, allenfalls weltbearbeitend eingreift.

Diese Sorge um die Mittelposition des Subjekts wird in den Artikeln über die Dichter besonders deutlich, die diese nicht oder nicht immer vertreten. Surreale Verfahren kommen mit Ausnahme von Hans Thills „Die Lokomotive“ nicht vor und auch hier handelt es sich um ein gemäßigteres Beispiel, das nicht ohne den Kommentar auskommt, solche Schreibweise sei „nicht ohne Risiko, zumal, wenn sie sich immer weiter von einem  (autobiografischen) Erfahrungskern entfernt oder gar Sinn und Existenz eines poetischen Kraftzentrums mit Theoremen wie ‚Ich-Verlust‘ und ‚Welt-Entzug‘ leugnet.[6] Das einzige (im übrigen recht schwache) Beispiel für Gedankenlyrik kommt  nicht ohne kritischen Textkommentar aus.[7] Erwin Walter Palms ebenfalls um ein allgemeines Sprechen bemühter Text  wird von Buselmeier auf eine subjektive Selbstaussage reduziert.[8]

Albert Ostermaiers Machogesten werden ebenso kritisch vermerkt, aber ein Gedicht gewählt, das diese Züge nicht trägt. Ähnlich wird bei Friederike Mayröker erwähnt, dass sie die „sprachartistischen Errungenschaften[9] der Surrealisten und besonders der Wiener Gruppe“ keinen Augenblick verleugne, im gewählten Textbeispiel tritt diese Spracharbeit aber auffällig hinter dem klar strukturierten erzählenden Rahmen zurück. Zu der im Text beschriebenen Mütze wird von Buselmeier zwar beifällig bemerkt, sie ließe sich „sehen, riechen und anfassen“. Sie steht in seiner Deutung dennoch in erster Linie für eine „märchenhaft gruselige Kindheit“.

Alle Verfahrensweisen, deren Fehlen hier vermerkt wurde, mögen in sich ihre speziellen Problematiken haben. Das gesamte Gegenwartsgedicht lässt sich auf eine solche mittlere Sprechposition jedoch nicht festlegen. Zumal sich damit ja auch eine bestimmte Normvorstellung von (bürgerlichem?) Individuum einschleicht. Wenn diese doch sehr massive Restriktion seiner Auswahl nicht sofort von den Kritikern des Bandes bemerkt wurde, dann wohl, weil sich genau hier der Schnittpunkt der verschiedenen lyrischen Richtungen befindet. Dass man zumindest auch so ein Gedicht verfassen könnte, scheint von den meisten poetologischen Positionen aus noch einsichtig. (Bzw. man ist solche Gedichte zu lange gewohnt, um sie gänzlich aus dem Kanon ausscheiden zu können.)

Welchen Lesern mag ein so eigensinniges Buch wie „Der gelbe Akrobat“ nützlich sein? (Angehende) Pädagogen, die sich mit dem Werk einen Überblick über das Gegenwartsgedicht verschaffen wollen, mögen sich, zumal in Buselmeiers Stil, schnell zurechtfinden. Sie sollten aber nicht vergessen, dass der ästhetische Diskurs dieses Buches so seine Schlagseiten hat. Sich auf breiterer Textbasis über das Gegenwartsgedicht zu informieren, sollten sie sich nicht ersparen. Liebhaber zeitgenössischer Poesie können sich mit der Lektüre dieses Werkes gut lange Zugfahrten vertreiben, finden dort aber auch Altbekanntes vor. Allemal bleibt es ein Dokument dafür, wie um die Jahrhundertwende gemeinhin in Deutschland über Gedichte nachgedacht wurde.

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[1] Geschweige denn, dass es Dichter gibt, die grundsätzlich anders vorgehen.

[2] Man möchte weiter einwenden, dass ein lauterer Leser sich bemühen sollte, die Glaubwürdigkeit eines Textes aus dessen sprachlichen Qualitäten zu erschließen. Man muss Michael Buselmeier immerhin die Einsicht zugestehen, dass dies bei einem kontextlosen Einzeltext oft schwierig ist.

[3] Und ist damit ungefähr so alt wie er selbst. Es zeigt sich hier das oft beobachtete Phänomen, dass zur lyrischen Adoleszenz das Studium der Vorgänger gehört und ein Interesse an den gleichaltrigen Mitstreitern, dass es aber vielen Dichtern oft schwerer fällt, Leistungen der nachfolgenden Generationen zu würdigen.

[4] Er unterstellt dem Text eine Frührentnerhaltung und sagt, es sei bei diesem Gedicht beinahe nichts übrig geblieben von den „glanzvollen Anstrengungen der Tradition“ als „ganz affirmative Redewendeungen, billige Häme“ usf.. Der Text mag in der Tat schwach sein. Man möchte aber Buselmeier den Satz entgegen halten, welchen Michael Braun in Bezug auf Volker Brauns „Marlboro is Red. Red is Marlboro“ unmittelbar davor äußert, denn beide Gedichte scheinen teilweise nach ähnlichen Verfahren zu arbeiten: „Wer eine bruchlose Identität zwischen Autor- und Gedicht-Ich unterstellt, der kann zum voreiligen Schluss gelangen, der Autor habe sich im Bestehenden eingerichtet.“  Einen mindestens ähnlich plakativen bzw. ironischen Text wie Sascha Michels, allerdings vom dem ein entscheidendes Vierteljahrhundert älteren Ludwig Fels verfasst, behandelt Buselmeier hingegen wohlwollend fragend. Das Problem mit der jungen Generation erweist sich hier nicht nur als ein Problem neuer? ironischer? Techniken, sondern in erster Linie als ein Vertrauensproblem: Bei Volker Braun  oder Ludwig Fels „weiß“ man einfach, dass ihre Texte nicht affirmativ gemeint sein können.

[5] Er grübelt etwa darüber nach, warum Ostermaier bei Verlagsleitern und Jurymitgliedern so beliebt sein könnte, kritisiert modische Vokalbeln, einen demonstrativen Vitalismus usw.

[6] Bemerkenswert, wie hier frustrierende Einsichten, wie sie die (Post-)Moderne uns aufnötigt, zur bloßen Sache der Meinung eingedampft werden.

[7] Hier kommt einem etwas das Wohlwollen abhanden: Man muss mutmaßen, Buselmeier habe sich für dieses schwache Beispiel von Frommel entschieden, um einerseits nicht als gar zu einseitiger Kritiker zu erscheinen, andererseits den jugendlichen Leser durch ein berückendes Beispiel nicht vom Pfad der lyrischen Tugend abzubringen. Wie leicht hätte sich ein besserer Text dieser Art etwa bei Rainer Kirsch gefunden und zeitlich würde sogar Brecht ja noch im Rahmen gewesen sein.

[8] „Das lyrische Ich, dieser ‚Niemand‘ … ist der für immer vertriebene Dichter selbst, ein ‚Abgeschnittener‘, der ewige Exilant.“ Es gibt in Palms Text gar kein „ich“, sondern der Text hat ein  „wir“ und redet ein „du“ an. Ich denke, damit hat Palm etwas gemeint.

[9] Nur nebenbei: Mit wem wurde da gerungen?

Der gelbe Akrobat: 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert / von Michael Braun und Michael Buselmeier. Leipzig: Verlag des Poetenladen 2009. 360 S. ISBN 978-3-940691-08-8. 19,95 Euro.

174. Mehmet Akif Ersoy

Die Türkei gedachte aus Anlaß seines 73.Todestages des Verfassers der türkischen Nationalhymne, Mehmet Akif Ersoy. [Der Artikel, in dem ich das lese, erwähnt auch in den nächsten zwei kurzen Sätzen jeweils, was übrigens auch schon in der Überschrift stand: daß er den Text der türkischen Nationalhymne schrieb, und fährt dann fort:] Obwohl von Beruf Tierarzt, übte er großen Einfluß auf literarische und religiöse Kreise des späten ottomanischen Reiches aus. Seine Gedichte erinnern an Prosa, denn er benutzte Alltagssprache sogar in Verszeilen. Seine berühmte Gedichtsammlung „Safahat“ ist berühmt, denn sie wird in der Türkei viel gelesen. [Dieser Text, insofern er nichts beweist, scheint bezeichnend für ganze Strecken unseres Umgangs.]
/ World Bulletin / News Desk 28.1.2

173. für Oskar

– so heißt ein Collagegedicht Herta Müllers, das bei FAZ.net als Faksimile zu sehen ist.

172. Nabokov als Puschkinist

In keines seiner grossen Erzählwerke hat Vladimir Nabokov so viel Arbeitszeit investiert wie in die Übersetzung, Annotation und Exegese von Alexander Puschkins Versroman «Eugen Onegin» (1823 bis 1830). Fast ein Jahrzehnt nahmen ab 1948 seine diesbezüglichen Recherchen in Anspruch, und weitere Jahre vergingen mit Korrekturen, Sponsorensuche, Verlagsquerelen, bis Text und Kommentar 1964 endlich in Buchform erscheinen konnten. Nabokovs philologischer Kraftakt wurde schlecht belohnt. Sowohl das Feuilleton wie auch die Fachkritik reagierten mehrheitlich negativ, es kam zu heftigen öffentlichen und privaten Auseinandersetzungen, die dem Werk zwar kurzfristig zu skandalösem Aufsehen verhalfen, dem Herausgeber als einem Puschkinisten von höchstem Rang jedoch in keiner Weise gerecht wurden..

.Dass sich daran bis heute kaum etwas geändert hat, ist wohl auf die nicht eindeutig bestimmbare Funktion des Nabokovschen Kommentars zurückzuführen, auf die Unklarheit also, wie und wozu das gewaltige Konvolut – ursprünglich vier Bände im Gesamtumfang von rund 2000 Seiten − überhaupt genutzt werden sollte: Als akademische Textedition? Als Lesehilfe für Studierende? Als Anleitung für Übersetzer? Als Einführung in die russische Prosodie? Als Vademecum zu Puschkins Leben und Werk? Als Handbuch zur russischen Romantik? All diese Funktionen vermag der kritische Apparat durchaus zu erfüllen, und doch bietet er, darüber hinaus, noch weit mehr. Denn nebst einer Fülle von Werkzitaten, Textvarianten, Literaturangaben, Kalenderdaten, Querverweisen und vielfältigen Referenzen lässt Nabokov in seinem Zeilenkommentar immer wieder auch eigene Deutungen, Vermutungen, Fragen, Hypothesen, Einschätzungen mitlaufen, und oft fügt er polemische Exkurse, knappe Anekdoten, selbständige Mikroessays hinzu, die sich insgesamt zu einem polyfonen Text verbinden, der auch unabhängig von Puschkins «Eugen Onegin» mit Gewinn und Spass zu lesen ist. / Felix Philipp Ingold, NZZ 24.12.

171. Neuer Skandal um arabischen Booker-Preis

Es hiess, einer geheimen Übereinkunft zwischen vier wichtigen Beteiligten zufolge solle der Preis in diesem Jahr der libanesischen Schriftstellerin Alawiya Sobh verliehen werden. Pate dieses Paktes soll der bekannte ägyptische Literaturkritiker Dr. Jaber Asfour, Vorsitzender des Nationalen Rates für Übersetzung und früherer Vorsitzender des ägyptischen Obersten Kulturrates, gewesen sein.

Laut Presseberichten handelte es sich bei dem Deal um eine Art Gegengeschäft, durch das Sobh und Asfour für ihre Begünstigung der Dichterin Joumana Haddad bei der Vergabe des Preises Beirut39 entschädigt werden sollten – denn Haddad hat als administrative Leiterin des Booker-Preises dort ihrerseits Einfluss auf die Zusammenstellung der Jury und auf die Auswahllisten. Der in diesem Jahr erstmals verliehene Preis Beirut39, in dessen Jury Sobh und Asfour amtierten, stand von Anfang an insofern unter einem unguten Stern, als der ursprüngliche Juryvorsitzende, der bekannte ägyptische Romancier Alaa al-Aswani, und mit ihm zwei weitere namhafte Jurymitglieder – der libanesische Autor Elias Khoury und seine Landsmännin Huda Barakat – zurücktraten. Alle drei erklärten, sie lehnten es ab, sich eine Kandidatin aufzwingen zu lassen. Joumana Haddad hat die verbliebenen Juroren von Beirut39 dann fürstlich entschädigt: Einige ernannte sie zu Jurymitgliedern des Booker-Preises, Asfour gar zum Vorsitzenden, Alawiya Sobh erhielt anscheinend die Zusicherung des Preises oder zumindest für einen Platz in der Endrunde. / Najem Wali, NZZ 28.12.

Arabischer Booker-Preis

170. Kurt Beck mag Gedichte

Kurt Beck, rheinland-pfälzischer SPD-Ministerpräsident (60), liebt Gedichte. „Ich lese sie laut. Dann wirken sie ganz anders“, sagte er. „Wenn ich einen Roman lese, schweife ich nach 20 Seiten ab und denke an den Alltag. Wenn ich dagegen Gedichte laut lese, bin ich gezwungen, mich zu konzentrieren“, erklärte Beck. „Wenn nicht, klingt es furchtbar, dann geht kein Reim auf und der Rhythmus stimmt nicht.“ Sein Job als Regierungschef beanspruche ihn Tag und Nacht. „Da ist es eine schöne Entspannung, wenn ich mal eine Stunde Gedichte lese.“ / infranken.de 27.12.