178. Berlin-Ode

Sagen wir es einmal klipp und klar: Berlin hat den großartigsten, vielfältigsten, in jeder Hinsicht attraktivsten Lesebetrieb der Bundesrepublik. Es ist ein alter Topos, dass es hier alles gibt – und von allem auch das Gegenteil: Nobelpreisträger und Debütanten, hoch artistische Höhenkamm-Lyrik und wilde, programmatisch kunstfreie Fantasy-Crime-Gothic-Mixturen. Man trifft Lokalpossenschreiber aus dem Wedding ebenso wie die internationale Avantgarde aus New York oder Paris. Mal lustwandelt man im Literarischen Colloquium am Wannsee, mal zieht man durch verrauchte Neuköllner Kneipen – gelesen wird überall. Diesen wunderbaren Berliner Lesebetrieb gibt es etwa 360 Tage im Jahr.

Nach dieser Ode auf Berlin ein Ausblick auf das kommende Jahr in Ost und West:

Worauf sollten wir uns im nächsten Jahr gefasst machen? Im Osten wird die literarische Landschaft – ganz gegen den regionalen Trend – vermutlich weiterhin blühen. Auch wenn die DDR als Abenteuerspielplatz à la Brussig nun hoffentlich auserzählt ist. Vielleicht aber wagt man den Blick auf eine Autorin, die vor zwanzig Jahren vorschnell verabschiedet worden war: Im 60. Suhrkamp-Programm jedenfalls steht „Stadt der Engel“, ein neues Buch von Christa Wolf, ganz oben. Doch auch im Westen dürfte einiges los sein. Mit Uwe Timm wird im März einer der produktivsten und am meisten gelesenen deutschen Autoren siebzig. Und Klaus Wagenbach, die Inkarnation einer ganz besonderen Bundesrepublik, feiert im Sommer seinen achtzigsten Geburtstag. Noch weiter im Westen präsentiert sich eine Region, die lange unter kulturellen Minderwertigkeitskomplexen gelitten hat, als europäische Kulturhauptstadt. „Essen für das Ruhrgebiet“ – vor dreißig Jahren wäre das noch ein Jux gewesen. Heute kann man sich mit der brandneuen Anthologie „Ruhrbuch. Das Ruhrgebiet literarisch“ über das literarische Potenzial der Gegend informieren.

/ Steffen Richter, Tagesspiegel 29.12.

Der gibt noch einen Tip für morgen:

Am 30.12. (20 Uhr) gibt es immerhin die Stadtmeisterschaften im Poetry Slam in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Der Lesewettbewerb der immer gutgelaunten Spokenword-Szene eignet sich erfahrungsgemäß hervorragend, um für die Silvesterparty auf Touren zu kommen.

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