So radikal die Rhetorik der Manifeste, so harmlos wirkt allerdings bisweilen die Umsetzung – Luigi Russolos «Geräuschtöner» beispielsweise (wie sein Begriff «Intonarumori» übersetzt wird), die die klanglichen Möglichkeiten der Musik erweitern sollten, sind als Kuriosum in die Musikgeschichte eingegangen, ohne eine weitere Wirkung zu entfalten. Auch in der Literatur wirkt der Angriff auf die Konventionen der Sprache – Marinettis «parole in libertà» oder Fortunato Deperos Konzept einer «onomalingua» – heute als harmlose Spielerei. Doch gerade dieser Zug verleiht der Ausstellung auch einigen Charme: Die Fotografien, in denen sich Fortunato Depero mit rollenden Augen in Szene setzt, oder sein knallbuntes Bühnenbild «Magische Flora» erinnern daran, dass das Allzumännliche jederzeit ins Kindliche umschlagen kann. / Sieglinde Geisel, NZZ 24.12.
Sprachen des Futurismus. Gropius-Bau, Berlin. Bis zum 11. Januar 2010. Katalog Fr. 56.50.
Goethe war klar, dass Schiller ein ganz anderer Typus war, einer, der sehr stark vom Intellekt, von dem Bewusstseinskonzept und von der Reflexion her kommt. Er war ein im hohen Masse absichtsvoller Poet; das wusste Goethe. Eigentlich schätzte er so etwas nicht. Aber im Kontext der Schillerschen Person bekam diese Art für Goethe eine ganz neue Würde, und es wurde ein Faszinosum, so sehr, dass Goethe, was er sonst wahrscheinlich nie getan hätte, auf einmal Fichte liest und auch im Kant herumliest und sich überhaupt sagt, dass es wahrscheinlich auch sehr schön ist, wenn man das eigene Schaffen durch Reflexion noch vermehrt begleitet.
Einerseits bewunderte Schiller diesen Typus, wie ihn Goethe verkörperte, aber auf der anderen Seite war ihm das viel zu sehr unkontrolliertes, ungefiltertes Gefühlsleben. Aber in Goethe bemerkte er die Genialität, die diese Art des geistigen Temperamentes hatte. So dass man sagen kann: Sie erlebten ihre Gegensätze, da sie sie aber im personalen Kontext des jeweils anderen erlebten, waren sie nicht davon abgestossen, sondern konnten etwas damit machen. So wurden die Gegensätze zum produktiven Stachel. So konnte Goethe an das Bewusstseins-Genie Schiller schreiben: «Fahren Sie fort, mich mit meinem Werk bekanntzumachen.» / Rüdiger Safranski im Gespräch mit der NZZ, 12.12.
Manchmal beginnt der Tag der Dichterin «schlurfend». Die Worte liegen zäh im Mund, und es regt sich die Angst, nie mehr etwas schreiben zu wollen. Dann aber kann schon ein Lächeln im Café genügen – und alles brennt lichterloh. Die «wallende Seele (Brust)» und das «zirpende (zuckende) Auge» schiessen zusammen. Die Luft scheint zu brausen, während das «Schwärmen äuszerster Phantasie» die Sprache des Gedichts hervorbringt, die Tag- und Nachtbilder der Schreibenden.
Wenn Friederike Mayröcker am Schreibtisch sitzt, wollen sogar die Schneefunken im Fenster blühen. Mit leichter Hand formt sie ihren Rhythmus, bis die Buchstaben den Kopf der Dichterin umschwirren. Es ist ein Schreiben, das auf die metamorphotische Kraft der Poesie vertraut, ein Schreiben, dem alles zum Stoff werden kann. Und dieses Schreiben fand von Anfang an Gehör, einerlei, ob bei den Dichtern der Wiener Gruppe oder, später, bei Autoren wie Thomas Kling. Mit ihren weit über siebzig Prosastücken und Gedichten, Hörspielen und Kinderbüchern ist Friederike Mayröcker trotzdem ein Solitär in der literarischen Landschaft geblieben. Sie verdankt der Romantik viel und den eigenen sprachexperimentellen Versuchen, dem Surrealismus und, ein wenig, dem Dadaismus – zu einem festen Bild aber wollte sich ihr Schreiben nie fügen lassen. Ihre «äuszerste Phantasie» speist sich aus einem ganz und gar eigenen Sprach- und Weltbewusstsein, das von der Euphorie des Schreibens ebenso weiss wie vom «gerissenen Faden der / modernen Narration».
Die neuen Gedichte sind noch rhythmischer in ihrem Hang zur langen Zeile und zu Wiederholungen, fast litaneihaft muten manche der Verse an. Sie zeigen die «verborgene Sprache» des Gedichts und Friederike Mayröckers melancholisch durchsträhnten Ton. …
Aus Hölderlins berühmtem Bild «Im Winde / Klirren die Fahnen» etwa wird bei Mayröcker eine «klirrende Sonne», die durch das «Gewölb der Wipfel» stäubt. Bisweilen variiert sie auch ganze Gedichte und knüpft die einzelnen Verse über Zitate Hölderlins zusammen. An einer Stelle umreisst sie ihre Schreibart selbst: «1 Looping / ohne der Worte Sinn zu kennen».
… kleine Wunder sind Friederike Mayröckers Gedichte allesamt. / Nico Bleutge, NZZ 24.12.
Friederike Mayröcker: dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif. Gedichte 2004–2009. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2009. 356 S., Fr. 39.50.
John Keats, der wohl wichtigste Romantiker der englischen Literatur, starb mit 25 Jahren an Tuberkulose. Keinen Penny hatte er mit seiner Lyrik je verdient – als Hungerkünstler brauchte er Gönner.
Der wichtigste davon war Charles Brown. Der Dichterkollege ließ ihn 1819/20 siebzehn Monate auf seinem Landsitz vor den Toren Londons wohnen, nebenan lebte die Familie Brawne. Und deren Tochter Fanny, nicht Keats, steht im Zentrum dieses neuen Films von Jane Campion.
Der zuletzt eher glücklosen „Piano“-Regisseurin ist ein erstaunlicher Wurf gelungen. „Bright Star“ ist kein herkömmlicher biografischer Film geworden, der brav die Lebensstationen seiner Protagonisten abgeklappert. Auch die Niedlichkeitsszenarien bewährter Jane-Austen-Filme fehlen hier weitestgehend.
Stattdessen beruft sich Campion formal ausdrücklich auf Keats´ Lyrik. Sie lässt ihren Film ganz zwanglos an Sonettzeilen entlanggleiten, nimmt mal geistreiche Dialog-Gefechte über Kunst und Liebe ins Visier, setzt dann wieder auf Distanz und lässt sich vor allem nie auf Sentimentalitäten ein. / GIAN-PHILIP ANDREAS, Westfälische Nachrichten,23.12.
Der 1966 in der Lausitz geborene Volker Sielaff, der seit vielen Jahren in Zeitungen und Zeitschriften präsent ist, agiert viel zu zurückhaltend und unspektakulär, um in einem auf starke Oberflächenreize fokussierten Literaturbetrieb aufzufallen. Die diskrete Erkundung dessen, was wir als Existenz erfahren – das ist die Domäne dieses Dichters. Hinter dem Gesumm einer Fliege, einer überfüllten Abfalltonne, dem Freizeichen im Telefon oder eben einem vergessenen Spielzeug unter einem Baum in einem Hinterhof kann die Erfahrung von Transzendenz durchschimmern.
Aber das ist nicht der Stoff, auf den sich die Matadoren der kleinen Lyrik-Community stürzen wollen. Wo andere Lyriker ihrem geschwätzigen Ich die Lizenz zu einer unkontrollierten Assoziations-Rabulistik erteilen, beharrt Sielaff auf Genauigkeit. Bereits in seinem Debütband Postkarte für Nofretete hat er in zögerlich-lakonischer Behutsamkeit nach der Verlässlichkeit unserer Wahrnehmungen gefragt. Und nach der Erfahrbarkeit der Dinge. Auch im Selbstporträt mit Zwerg wird das große Ganze erst sichtbar in der Erforschung des Kleinen, Alltäglichen. Sielaff verweist in diesem Zusammenhang auf einen Satz des Franzosen René Char: „Die Fluglinie des Gedichts. Sie müßte jedermann sinnlich wahrnehmbar sein.“ / Michael Braun, Freitag Textgalerie 20.12.
Vom verseschmiedenden Bau-Mafioso Branimir Dukic über die an Albaniens Küste lebende „Alliterationslautlyrikerin“ Amelie Berisha Schmöll („Weltenraum XII: L“) bis zum „dichtenden Steiger“ Erwin Günter Katschulski genannt „Pommes“ („Komm mich nich mit die da oben …“) reichen die Steilvorlagen, die von Doppelgängern prominenter Vertreter des Literaturbetriebs eiskalt versenkt werden. Dass „gelegentliche, meist kleine Rechtschreib- und Grammatikfehler die Lesefreude nicht schmälern“, gehöre zur „Aura jener seltsam verrätselten Verse, die die junge Kölnerin Cindy Hartwig seit nunmehr neun Jahren ins Netz stellt“, bemerkt „Jan Wagner“, und „Jens Bisky“ greift bei den Essener Straßenmusikanten von „El Duo Veneciano“ zur großen Orgel und bemüht den edlen Wettstreit der Musen: „Was will, was kann das Gedicht? Erzählerisch ist es dem Roman, bildlich der Malerei, an Gestalt der Skulptur unterlegen.“ Wer in dieser kleinen Phrasenkunde nicht vertreten ist, ärgert sich mehr als die respektvoll verspotteten Kollegen. / Richard Kämmerlings, FAZ 22.12.
Thomas Gsella: „Warte nur, balde dichtest du auch!“ Offenbacher Anthologie. Nicht herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki. Ullstein Verlag, Berlin 2009. 112 S., Abb., br., 7,95 €.
Walt Whitmans lyrischer Hochmut, indem er den Fortschritt besingt, ist keiner. Es ist eher ein Glaube an eine Zukunft, in der Natur und Technik einander die Hand reichen. Dass dem nicht so geworden ist, ist nicht die Schuld des Dichters. Und dass das Haus der Sprache, welches der Dichter mit seiner lyrischen Wasserwaage erbaut hat, immer noch steht, ist an sich ein Zeichen des Guten. Dass aber die Menschen sogar wieder sensibel werden, im Haus der Sprache das Gras wachsen zu hören, also hellhörig gegenüber der Natur werden, ist mit ein Verdienst der Lyrik von Walt Whitman.
/ Andreas Puff-Trojan, ORF/ Ö1
Walt Whitman, „Grasblätter. Gedichte“, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Jürgen Brôcan, Carl Hanser Verlag
Der Rezensent hatte das Glück, dass ihm eine arabische Bekannte zu verstehen half, was es mit dem Buch des palästinensischen Lyrikers Mahmoud Darwish, der voriges Jahr starb, auf sich hat. Sie zeigte sich unzufrieden bereits mit dem deutschen Titel „Der Würfelspieler“. Das ruft bei uns Landsknechtsassoziationen hervor: „Drum frisch auf, Kameraden, die Becher zur Hand, zwei Sechsen auf den Tisch!“ Dem Original fehlt das „frisch auf“ durchaus, hier steht das persische Wort „Nard“, welches das Backgammonspiel bezeichnet. Zwar werden auch hier Würfel benutzt; aber nicht der plötzliche Wurf entscheidet, sondern es baut sich langsam während des müßigen Nachmittags im Kaffeehaus ein Spiel auf. Ton und Tempo sind ganz anders. Sie tragen die Grundstimmung eines versöhnlichen Fatalismus, der aus der Einsicht, dass alles im Leben auch ganz anders hätte kommen können, melancholischen Trost gewinnt. Ein Gedicht beginnt „Zufällig wurde ich als Mann geboren“, ein anderes „Zufällig blieb ich am Leben beim Unfall im Bus‘, ein drittes „Zufällig nur bin ich gerettet / Als militärisches Ziel war ich zu klein“, und schon mündet die private Lebensgeschichte in den historischen Schmerz: 1948, als Darwish noch ein Kind war, wurde die Familie aus dem neuen Staat Israel vertrieben, das Dorf mit Bulldozern zerstört und auf den Trümmern ein Kibbuz gegründet. Der Titel aber schwört dem Zorn ab. Hätte der Übersetzer Adel Karasholi den Band also „Backgammon“ nennen sollen? Das hätte keiner begriffen. Es ist schwierig. …
Das größte Missverständnis aber droht aus der unterschiedlichen Stellung, die in der arabischen und der deutschen Gesellschaft die Lyrik überhaupt innehat. Bei uns nimmt sie einen zuweilen geschätzten, doch immer marginalen Platz ein. In der arabischen Tradition dagegen war sie stets die zentrale Gattung der Literatur; und sie kann, auch wo sie für unsere Ohren gar nicht so klingt, unmittelbare politische Resonanzen haben. Nach der Katastrophe von 1967 führte Darwish seine Landsleute aus der stummen Demütigung und gab ihnen eine Stimme. Mit nach so vielen Jahren immer noch erkennbarer Bewegtheit zitiert der Übersetzer in seinem Vorwort ein Schlüsselgedicht jener Zeit: „Schreib“s auf, ich bin Araber! / Nur diesen Vornamen besitze ich / Und keinen Nachnamen sonst (…).“ Seither galt Darwish als „Gewissen des palästinensischen Volkes“, als „leuchtendes Symbol des palästinensischen Widerstandes“, allerdings auch (diese Information verdanke ich wiederum meiner Gewährsfrau) als „Schnürsenkel Arafats“.
Dieser Titel scheint inzwischen einigermaßen unfair. Darwish, der mit vierzehn Jahren zum ersten Mal in ein israelisches Gefängnis kam und die letzten vier Jahrzehnte seines Lebens sich ruhelos in der ganzen Welt herumtrieb, hat sich seit den Neunzigern von der PLO distanziert und für den Frieden zwischen Palästinensern und Israelis ausgesprochen. Wie viel Überwindung ihn diese Sinnesänderung gekostet haben mag, lassen die Gedichte eher ahnen, als dass sie es laut sagen. „Ich ging gen Norden gen Osten und Westen / Nur der Süden blieb mir verschlossen / Denn der Süden ist mein Land.“ / BURKHARD MÜLLER, SZ 14.12.
MAHMOUD DARWISH: Der Würfelspieler. Gedicht. Aus dem Arabischen übersetzt und mit einem Vorwort von Adel Karasholi. A1 Verlag, München 2009. 55 + 37 Seiten, 23 Euro.
Rezension der Anthologie „Der gelbe Akrobat“ von Werner Friebel auf literaturkritik.de. Zur Feier des (kürzesten) Tages hier mal ein paar Abschnitte mit Anmerkungen von mir (rot).
So schlecht kann heutzutage die Zeit für Gedichte in der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht sein, wenn sogar Bundespräsident Horst Köhler* anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von „lyrikline.org“, dem Internetprojekt für Gedicht-Originalrezitationen, im Oktober 2009 medienwirksam die Bedeutung der Poesie würdigte: „Warum sind für viele Menschen Gedichte so wichtig – und vorgelesene Gedichte erst recht? Weil Gedichte die dichteste, anspruchsvollste und subjektivste Art sind, Sprache zu gestalten, die Welt ins Wort zu fassen, die Existenz zum Ausdruck zu bringen. Gedichte sind kleine Widerstandsnester gegen die riesige Flut an Sprachmüll, der uns täglich aus allen Medien entgegenkommt.“ **
*) „Klassikerzitat“! „sogar Horst Köhler“, wie peinlich
– und beweist es das wirklich?
**) pikant, u. dumm, weil der Redner, sicher unbewußt, soeben selb- und allermeist zu dieser „Müllflut“ beiträgt
Auch wenn diese euphemistische Einschätzung der zeitgenössischen Lyrikrezeption vielleicht* nicht mehr als eine kulturidealistische Beschwörungsfloskel war, lässt sich in der Tat beobachten, dass die Zahl der auf Papier publizierten Gedichtbände seit ein paar Jahren deutlich ansteigt**, allerdings hauptsächlich im Portfolio der Klein- und Selbstverlage***. Denn die im Zuge der Digitalisierung stark gesunkenen Kosten für Print-On-Demand lassen zumindest die in Standardformaten gedruckten Bücher zu überschaubaren finanziellen Risiken werden und weil ein Stück Leseholz neben den haptischen Annehmlichkeiten gegenüber Bildschirm und Plastikmaus vor allem eine vermeintlich bessere Reputation und Rezeption verspricht, blüht der Markt der Eitelkeiten im Lit-Bizz in oft blickverstellendem Wildwuchs**** – eben nicht immer im positiven Sinn von Köhlers Grußwort, sondern oft auf dem Mist windiger Geschäftemacher.
*) „vielleicht“, hah!
**) jetzt noch die „Bücherflut“ (in den 90ern wars die „Asylantenflut“)
– aber liegt das Problem wirklich darin? Letztlich übernimmt er die herrschende Argumentation des Literaturbetriebs, daß aus der „Flut“ nur die 1 od. 2 Dutzend Autoren wesentlich sind, die „sie“ kennen + besprechen! Die „Flut“-Metapher hat wohl immer diese Funktion!
***) „Kleinverlage“: weiß der nicht, daß die das Herz der deutschen Lyrik sind? Taschenspielertrick, „Kleinverleger“ in die „Flut“ einzuordnen!
****) „blickverstellendem Wildwuchs“ !! er möchte sich nicht von zu vielen Büchern u. Namen „den Blick verstellen“ lassen: brav!
Deshalb ist auch bei etlichen Lyrik-Anthologien von Verlagen mit teilweise hochtrabenden Namen Vorsicht geboten*, weil damit oft nur möglichst viele (Autoren-)Fliegen mit einer Klappe geklatscht werden sollen, etwa durch Druckkostenbeteiligungen, käuflich zu erwerbende Mindestabnahmemengen oder schlichtweg zur Aquise für weitergehende „Geschäftsbeziehungen“. Aus diesem Sumpf von Büchern-die-die-Welt-nicht-braucht ist es für Lyrikinteressierte oft schwierig, die ernsthaft und sorgfältig editierten Anthologien herauszufischen**, die auch ästhetisch-intellektueller Wegweiser*** im Szene-Dschungel**** und Appetizer auf mehr sein können.
*) Richtig! Wäre noch besser, wenn er Namen u. Titel nennte!
**) dafür ist ja die Kritik da, oder?
***) ä.-i. Wegweiser, nana!
****) „Szene-Dschungel“: bitte bitte nicht so viele Bücher schreiben, die „Wegweiser“ verlieren sonst die Übersicht!
Ein solch anspruchsvolles Unternehmen hatten sich der Publizist und Suhrkamp-Autor Michael Buselmeier und der Lyrikspezialist Michael Braun vorgenommen, als sie nun für den Buchverlag des Leipziger „Poetenladen“ die Lyrik-Anthologie „Der gelbe Akrobat“ mit 100 deutschen Gedichten der Gegenwart zusammenstellten, um damit einen profunden Überblick der stilistisch und inhaltlich vielfältigen deutschsprachigen Lyrikszene zu vermitteln.
*) Anspruchsvoll, profund, vielfältig: vgl. Gertrude Steins Warnung vor Adjektiven (Gertrude Stein: Was ist englische Literatur und andere Vorlesungen in Amerika. Zürich: Verlag der Arche 1965)
Michael Braun und Michael Buselmeier, die schon lange als engagierte Herausgeber und kompetente Kritiker deutschsprachiger Lyrik bekannt und „im Geschäft“ sind, ging es dabei nicht um ein buchhandelskompatibles Potpourri von „Greatest Hits“ aus deutschen Feuilletons, sondern um eine dezidiert subjektive Auswahl aus den Texten, die seit 1991 im Kulturteil der Wochenzeitung „Freitag“ aus Jahrbüchern und Literaturzeitschriften zusammengetragen und dort publiziert worden waren.
Diese Vorselektion minderte sicher die Gefahr* des Sich-Verlierens in der überbordenden Materialfülle, ließ dabei aber zwangsläufig** viele wichtige und erfrischende Stimmen, vor allem der jüngeren Lyrikszene, außen vor. Immerhin reichen sich in dieser Sammlung viele „Groß-Dichter“ seitenweise die Verse und neben bekannten Namen finden sich viele unbekannt gebliebene, teilweise vergessene, oft aber wortmächtige Autoren aus dem „literarischen Unterholz“*** mit teilweise**** bemerkenswerten Gedichten. Dass diesen die verdiente Reputation versagt blieb, zeige laut den Herausgebern, „wie ungerecht die selektierende Literaturkritik häufig verfährt“. Konsequenterweise haben die beiden bei ihrer Textauswahl „literaturkritische Kurzschlüsse“ und „literaturkritischen Opportunismus“ zu vermeiden versucht und stattdessen, oft auch spontan, das „jeweilige ästhetische Erregungspotential“ des Autors zugrunde gelegt.
*) als wären die genannten Kenner sonst in der Gefahr, sich in der „Flut“ zu verirren (ersaufen hieße es dann wohl)
**) „zwangsläufig“: nicht gerade logisch. Offenbar von seiner eigenen bildlichen Argumentation getrieben bemäntelt er einen Mangel der Anthologie mit einer Zwangsläufigkeit. Ergo: Wer sich der Flut entgegenstemmen will, darf nicht zu tief in die junge Szene blicken, hehe!
***) Hier stellt er die guten, weniger bekannten Autoren gegen die „Szene-Flut“
****) in unscheinbaren Beiwörtern zeigt sich der Kenner
Die thematische Spannweite* der ausgewählten Texte reicht von der „Naturlyrik ohne falsche Behaglichkeit“ der Martha Saalfeld über Literaturbetriebs-Verweigerer wie den „verkannten**“ Wolfgang Dietrich bis zu dem Wiener Sprachanarchisten und „Nestbeschmutzer“ Ernst Jandl, von dezidiert politisch und gesellschaftskritisch orientierten Autoren wie Volker Braun und dem umstrittenen kroatischen Reaktionär Marian Nakitsch bis zu Hilde Domins leiserer*** Widerstandshaltung, die sich im „Dennoch jeden Buchstabens“ als Wille zur Selbsterhaltung „im kleinen Ton meiner Stimme“ zeige. An Bord****) sind gemäß dem ,Arche-Noah-Prinzip‘ anthologischer Erfassung Ost- und Westdeutsche, Österreicher, Schweizer und als Stellvertreter der rumäniendeutschen Sprachinsel***** auch Autoren der „Aktionsgruppe Banat“, aus welcher ja auch Herta Müller stammt (die allerdings hier nicht vertreten ist).
* das ist ein breites Spektrum, löblichst über einige der Ränder hinausblickend (die anderen werden mit der Zwangsläufigkeit entschuldigt. Sage nicht ich, sondern der Kritiker)
Vieles wäre zu sagen davon, zB zum Jargon (ich habe einige Wörter im O-Text unterstrichen)
** verkannt von wem?
*** leiser als wer? der kroat. Reaktionär?
****) er bleibt der Metapher treu. „Das Boot ist voll“
*****) „Stellvertreter der rumän… Sprachinsel“, nunja, es sind deutsche Gedichte, eins von den 2 vertretenen in Deutschland geschrieben
…
In diesen Interpretationsminiaturen entwickeln die Herausgeber eine Vielfalt an fundierten Überlegungen, die sich wie Köhlers lyrikline-Grußwort auch* mit der Relevanz von Lyrik in einer Zeit beschäftigen, in der allerdings im Gegensatz zur präsidialen Botschaft „angesichts der sinnlichen Attraktivität der Massenmedien literarische Texte im Kalkül der Mächtigen keine Rolle mehr spielen“.
*) „fundierte Überlegungen“ wie Horst Köhler. Rezensent wird doch nicht gar sein ghost writer sein?
Dazu immer wieder Kennerblicke aufs „Eingemachte“* der Literaturtheorie wie etwa der ,Sprachreflexiven Dekonstruktion‘ am Beispiel Ulf Stolterfoht: „Zum Konzept der lyrischen De-Montage und De-Komposition gehört es auch, dass das eitle Auftrumpfen mit Reim und Metrum ironisch konterkariert wird.“ Mit der Gefahr, dass Lustigkeits-Überschwang unfreiwillig ins Kabarettistische kippen kann, hinüber zu „einer gewissen ironischen Überanstrengung, ja Redundanzen-Überschwemmung.“**
*) Halt so Kennerblicke: eingemachte Scheiße (vorher quirlen nicht vergessen!) – Im Ernst ein Rat für Rezensenten: wenn man zu oft auf Metaphern zurückgreifen muß, stimmt was nicht.
**) Redundanzen-Überschwemmung, ja, find ich auch!
Natürlich muss man nicht jeder Interpretation zustimmen*, zumal auch ein Lyrik-Insider** kaum alle Autoren kennen wird, aber glaubwürdig und authentisch erscheinen die Anmerkungen nicht zuletzt deshalb, weil sie auch die Schwächen einiger Texte bloßlegen, denn die Herausgeber haben sich nicht davor gescheut, den einen oder anderen „Durchhänger“ mit auf Tour zu nehmen. Dabei kommentieren sie sich ihre Auswahl nicht nur schön, sie können auch „böse“***, wenn sie etwa den einen oder anderen Autor der „biederen Reimerei“ überführen****, süffisant manche***** Ost-Dichter als „westwärts orientierte Leichtfüße mit einer Tendenz zum Witzeln“ karikieren und dabei auch keineswegs die Prominenz verschonen, wenn sie beispielsweise bei Peter Rühmkorf****** die „Alterslust vieler Dichter am Kalauer, an der nächstliegenden Pointe“ als „oft stupides Durchexerzieren von altherrenneurotischen Gelegenheitspoemen mit gewaltsam lustigen Capriccios“ konstatieren.
*) Natürlich nicht, danke!
**) das zumal; wer so spricht, meint natürlich sich: auch er kennt sie nicht alle!
***) sie können auch ironisch, schau an!
****) „überführen“
*****) „manche, einige, gewisse, sogenannte“ (schrieb mal der Ex-Ost-Dichter Kunert)
******) auch die Prominenz wird nicht verschont; v.a. die tote
Und ein aufmerksamer Leser wird nach diesen 100 so unterschiedlichen Gedichten wohl auch dem von Braun und Buselmeier gleich zweimal zitierten Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer zustimmen, der einst in seiner Abhandlung über die „Wissenschaft des Schönen“ philosophierte: „Die lyrische Poesie ist ein punktuelles Zünden der Welt im Subjekt.“
Der Schlußsatz gibt noch mal eine gute Definition des „aufmerksamen Lesers“; der informierte könnte freilich die Achseln zucken. Vischer hatten wir im Grundkurs. (Ich im Osten, Braun im Westen).
Michael Braun / Michael Buselmeier (Hg.): Der gelbe Akrobat. 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert.
Poetenladen, Leipzig 2009.
360 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783940691088
Während der Zeit der Veröffentlichung der „Lyrikstationen 2009“ in der Lyrikzeitung hat Theo Breuer weiter an Sprache und Layout des Texts gearbeitet, so daß der Essay, der nun als Ganzes und mit vielen farbigen Abbildungen angereichert im Poetenladen (http://www.poetenladen.de/) zu lesen ist, sich von der Version in der Lyrikzeitung an verschiedenen Stellen leicht unterscheidet. Die Stationen 4 und 12 haben sich durch Hinzufügungen inhaltlich verändert: Hier wurden noch einige Einzeltitel bzw. eine Reihe von Gedichten ergänzt sowie der Fließtext ganz am Ende dank zweier zwischenzeitlich eingetroffener Büchersendungen sowie eines hübschen Hinweises von Egon Günther (als Kommentar zur Einleitung / Nachricht 72) um einen Satz erweitert
„Unklarheit“ ist ein Stichwort in Raoul Tranchirers „Enzyklopädie für den unerschrockenen Leser“, ein gewiss existenzielles Problem: „Unter den Menschen herrscht eine beklagenswerte Unklarheit über die Verhältnisse“, heißt es da. Der Enzyklopädist will dem abhelfen und uns die Welt erklären, mit seinen Kollegen Wobser und Collunder und gegen seinen wissenschaftlichen Gegner Klomm, und wer begierig zur Behebung seiner Unklarheit weiterliest, findet sich zwar erhoben und erheitert, aber doch so ratlos wie zuvor: „Die eine Hälfte führt bei verkümmertem Leib ein schwächliches Dasein und lernt volle kräftige Lebensbewegungen überhaupt nicht kennen, während die andere Hälfte unter dem Gewicht ihres Körpers immer tiefer sinkt und sich kaum erheben und am Bewegungsleben teilnehmen kann.“ …
Anzuzeigen ist eine neue, die zweite, Ausgabe der Werke Ror Wolfs, auf zwölf Bände ist sie angelegt, die ersten beiden sind erschienen: Die Gedichte „in größtmöglicher Vollständigkeit“ unter dem Titel „Im Zustand vergrößerter Ruhe“, und ein Band der auf drei Bände angelegten Ausgabe der Raoul-Tranchirer-Enzyklopädien. Eine Prachtausgabe hat der Schöffling Verlag da hergestellt, großformatig, augenfreundlich gedruckt, in starkes rotes Leinen gebunden, zu einem zivilen Preis, der Enzyklopädienband im Vierfarbdruck, mit zahlreichen Collagen des Verfassers versehen. Eine reine Freude, und all das ohne jeden Jubiläums-Anlass; und kein Editionsgrab, sondern eine „Ausgabe letzter Hand“ – Ror Wolf hat die Prinzipien offenbar mitbestimmt und darüber entschieden, welche Teile seines Archivs er öffnet, was er den jeweiligen Band-Herausgebern zur Verfügung gestellt hat und was nicht. …
Besonders an den Gedichten kann man nun erneut studieren, wie sehr die Fußballsonette, Hans Waldmanns unendliche Abenteuer oder Pfeifers Reisen Wortmusik aufführen. Man muss diese „Klinggedichte“ laut lesen, wahrlich eine Abschaffung der Langeweile durch Musik, wie ein Gedicht heißt; durch Musik, und eben durch unentwegte Katastrophen: „Der Himmel knirscht, kein Rost, kein Bodenfrost./ Nur oben brennt das Ministerium,/ und in der Ferne explodiert die Post“. / FR 21.12.
Die RWW
Ror Wolf: Werke. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2009.
Im Zustand vergrößerter Ruhe. Die Gedichte.
Hrsg. von Friedmar Apel. 478 Seiten,
49 Euro.
Raoul Tranchirers Enzyklopädie für unerschrockene Leser. Band II. Hrsg. von Thomas Schröder. 488 Seiten,
79 Euro.
Der französische Schriftsteller Jean-Pierre Rosnay starb am 19.12. in Paris im Alter von 83 Jahren. Bekannt wurde er in den 50er Jahren durch die Radiosendung Le Club des Poètes, die bis Ende der 60er lief. / pure people
San Francisco bleibt eine der weltgrößten Lyrik-Städte, und D.A. Powell ist ihr bester Dichter. Seine Gedichte kartographieren die geheimnisvollen Räume zwischen Innen- und Außenwelt und lenken den Blick auf ihre jeweiligen chronischen Gebrechen.
schreibt Dean Rader, San Francisco Chronicle vom 20.12. in einer Vorstellung der besten Gedichtbände 2009.
Stocking stuffers:
„Slamming Open the Door,“ by Kathleen Sheeder Bonanno (Alice James Books; 80 pages; $15.95); „The Looking House,“ by Fred Marchant (Graywolf; 63 pages; $15); „The End of the West,“ by Michael Dickman (Copper Canyon; 96 pages; $15); „And How to End It,“ by Brian Clements (Quayle; 122 pages; $14); „Sightmap,“ by Brian Teare (University of California Press; 96 pages; $16.95)
„Gott Richard Wagner“ nennt der Dichterfürst Stéphane Mallarmé den Komponisten. Es entsteht ein veritabler französischer „Wagnerisme“, der gleichermaßen Poeten, Komponisten, und Maler inspiriert. Maler wie Puvis de Chavanne, Gustave Moreau, Odilon Redon illustrieren seine Musikdramen, Schriftsteller wie Paul Verlaine, Karl Huysmans und René Ghil suchen nach literarischen Entsprechungen für das, was sich da auf der Ebene der Musik abspielt. Und der am 21. Dezember 1859 in Metz geborene Gustave Kahn, ein großer Verehren von Baudelaire und Verlaine, erlebt diese ästhetische Kulturrevolution als Poet und als Kritiker. In einem Artikel aus dem Jahr 1886 schreibt er:
„Das zentrale Ziel unserer Kunst ist es, das Subjektive zu objektivieren, also die Entäußerung der Idee, anstatt das Objektive zu subjektivieren, also die Natur, so wie ein Einzelner sie wahrnimmt. Vergleichbare Überlegungen haben sowohl zur harmonischen Vielfalt bei Wagner geführt als auch zu den neuesten Techniken der Impressionisten.“ …
Gustave Kahn blieb es vorbehalten, mit seinen 1887 unter dem Titel „Palais Nomades“ veröffentlichten Gedichten den Weg zum „Vers libre“ zum freien Versmaß aufzustoßen, und damit den forcierten Subjektivismus auch in die Formensprache hineinzutragen. Er musste sich diese Erfinderschaft allerdings mit anderen teilen, zu sehr sind seine Gedichte eingebettet in eine allgemeine poetische Bewegung. / Eberhard Spreng, DLR Kalenderblatt 21.12.
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
Gedichte
lies sie einmal dunkel
einmal hell
lies sie mit den Augen des Mittags
und lies sie
mit den Augen der Mitternacht
Werner Lutz, Kussnester
Klaus Anders, Silbermanns Rosen, 93 Seiten, Broschur, Wiesenburg, Schweinfurt 2009.
Michael Arenz (Hg.), Der Mongole wartet. Zeitschrift für Literatur und Kunst, 19. Ausgabe, mit Gedichten von Erwin Einzinger, Bernd HARLEM Fischle, Florian Günther, Michael Hillen, Holdger Platta u.a., 516 Seiten, Broschur, Zenon, Düsseldorf 2009.
Heinz Ludwig Arnold (Hg.), TEXT+KRITIK. Zeitschrift für Literatur, 184. Ausgabe: Carlfriedrich Claus, mit Klang-Gebilden und zahlreichen weiteren Texten von Carlfriedrich Claus sowie Beiträgen von Janet Boatin, Friedrich W. Block, Annette Gilbert, Michael Grote, Michael Lentz, Brigitta Milde und Günter Peters, 141 Seiten, Broschur, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2009.
Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte (Hg.), Lyrik der DDR, mit einer Vorbemerkung und einem Nachwort der Herausgeber, 500 Gedichte von 180 Autorinnen und Autoren, darunter Erich Arendt, Johannes Bobrowski, Heinz Czechowski, Günther Deicke, Elke Erb, Jürgen Fuchs, Durs Grünbein, Peter Huchel, Jayn-Ann Igel, Peter Jokostra, Sarah Kirsch, Richard Leising, Inge Müller, Helga M. Novak, Detlef Opitz, Richard Pietraß, Christa Reinig, Lutz Seiler, Holger Teschke, Günter Ullmann, Uwe Warnke, Ulrich Zieger, 448 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Lesebändchen, S. Fischer, Frankfurt am Main 2009.
Über einige Davongekommene
Als der Mensch
unter den Trümmern
seines bombardierten Hauses
hervorgezogen wurde,
schüttelte er sich und sagte:
Nie wieder.
Jedenfalls nicht gleich.
Günter Kunert
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