181. ALL AROUND THE WORLD THE SAME SONG


How globe-trotting poetries may not beat scrawls in a cave.

By C.K. Williams
Poetry Media Service

All over the world, if not every day then in every age, beautiful paintings and poems and pieces of music and buildings are generated: one can almost imagine little flaring lights on the surface of the earth, like those seen in photos from space, though they are much more sparse and scattered than the illuminating devices that bespeckle our globe. And then over time these embodiments of the beautiful are harvested, amassed, collected in books, in museums, in concert halls, to be distributed into the lives of individual human beings, to become crucial elements of their existence. Often, our experience of beauty will be the first hint of what each of us at some point will dare call our soul. For don’t those first stirrings of that eternally uncertain, barely grasped notion of something more than mere mind, mere thought, mere emotion, usually first come to us in the line of a poem, a passage of music, the unreal yet more-than-real image in a painting?

And isn’t it also the case after all that beauty is the one true thing we can count on in a world of insufferable uncertainty, of constant moral conflicts? I’ve wondered sometimes if humans invented gods to have something appropriately sensitive, grand, and wise enough to appreciate these miraculous modes of beauty that are so different in material and quality from anything else in the world. Might gods have first been devised not to assuage our fears and hear our complaints and entreaties, but for there to be identities sufficiently sublime to understand what those first painters and sculptors—and surely, though the words and tunes have been lost, those poets and singers—had wrought?

Perhaps this is why those first great artworks were executed deep in caves, so as to be certain the divinities who were their audience wouldn’t be distracted by the wonder of the natural world, and so lose the concentration necessary to glory in, and be glorified by, these singular human creations that equaled and even surpassed what had been given by nature for meditation. And perhaps that’s why poets, who may half-remember such matters, go off into what can look to others like solitary caverns, shadowed with loneliness, but which surely aren’t.

C.K. Williams’s new book of poems, Wait, will be published in spring 2010. He will also publish a prose study, On Whitman, around the same time. He teaches in the creative writing program at Princeton University. Excerpted from “All Around the World the Same Song,” originally published in the March 2009 issue of Poetry magazine and available at http://www.poetryfoundation.org.

Distributed by the Poetry Foundation.
© 2009 by C.K. Williams. All rights reserved.

180. Visionen eines muslimischen Zarathustra

Auf Steinen unter Bäumen hat er die ersten Verse gelernt. „Die Bäume sind Blätter in meinen Heften, und die / Steine sind Gedichte wie ich“, erinnerte sich Ali Ahmad Sa“id Isbir später. Am 1. Januar wird der syrisch-libanesische Dichter mit dem Pseudonym Adonis 80 Jahre alt.

Er gilt vielen als der bedeutendste arabischsprachige Lyriker der Gegenwart und wird seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Schon sein Vater, Bauer und Imam des syrischen Dorfs Quassabin, wo Adonis 1930 geboren wurde, schrieb Gedichte. Als der Staatspräsident das Dorf besuchte, durfte der 13-jährige Ali selbst verfasste Gedichte vortragen. Zum Dank wurde ihm sein sehnlichster Wunsch erfüllt: eine Schule besuchen zu dürfen.

Er studierte Philosophie und promovierte nach einem Studienaufenthalt in Paris 1973 an der Beiruter Universität über „Das Veränderliche und das Beständige – Tradition und Erneuerung in der arabischen Kultur“. Bekanntgemacht hat ihn der Gedichtband „Die Gesänge Mihyars, des Damaszeners“ (1961, deutsch 1998) – Visionen eines muslimischen Zarathustra. In dem Werk verschmelzen die Sufi-Lyrik islamischer Mystiker und das Pathos Friedrich Nietzsches miteinander. / Claudia Schülke, Stuttgarter Nachrichten 29.12.

In L&Poe (vollständig im Archiv erreichbar):

2001    Jan    #    Nacht der Poesie auf dem Potsdamer Platz
2001    Mrz    #    Wenn wir nun die Meßlatte von Adonis´ Dichtung
2001    Apr    #    Welt der Wortkunst
2001    Jul    #    Zwischen Zauber und Zeichen
2001    Okt    #    Nicht der Gott des Islam
2001    Dez    #    In diesen Briefen lebt die Langsamkeit
2002    Jan    #    Stefan Weidner rezensiert
2002    Mrz    #    Adonis´ Stimme
2002    Mrz    #    Lyrik in ausgewählten Zeitschriften
2002    Jun    #    „Der Islam braucht die westliche Kultur“
2002    Jul    #    Adonis´ Buch
2002    Jul    #    Poetry after Adonis
2002    Jul    #    Gedichte
2002    Okt    #    Innerarabische Diskussion
2002    Okt    #    Grab für New York
2002    Okt    #    Überwindung des Orientalismus
2002    Okt    #    Poesie der Freiheit
2002    Nov    #    Nur Hirtenvölker bevorzugen die Poesie
2003    Aug    #    Eindringlinge und Tyrannen
2003    Sep    #    Hussein Al-Mozany schreibt
2003    Okt    #    Der irakische Dichter Sargon Boulus
2003    Dez    #    Gipfeltreffen in Beirut
2004    Aug    #17.    Arabische Literatur
2004    Aug    #32.    Schönheit des Arabischen
2004    Sep    #11.    Araber: Warum die Lyrik vorherrscht
2004    Sep    #68.    Ich, Adonis
2004    Sep    #70.    Revolution der arabischen Lyrik
2004    Sep    #73.    Grab für New York
2004    Sep    #78.    Kurzporträts
2004    Okt    #13.    Adonis Band 2
2004    Okt    #19.    Im Garten mit Baudelaire
2004    Okt    #32.    Wort-Alchemie
2004    Okt    #60.    Abdelwahab Meddeb
2004    Dez    #97.    Adonis 75
2004    Dez    #105.    Oleschinskis Sprachreise
2005    Jan    #61.    Unter Perlentauchers top 50
2005    Feb    #52.    Zwei arabische Dichter
2005    Mrz    #55.    Der syrische Dichter Adonis eröffnet,
2005    Mrz    #81.    Im Nouvel Observateur
2005    Mrz    #100.    Unvollendetes Gedicht
2005    Mai    #11.    „Poesie International“ in Dornbirn
2005    Mai    #87.    Léopold Sédar Senghor-Preis
2006    Jan    #49.    Todesliste – summa cum laude
2006    Mrz    #68.    Hört nicht auf eure Eltern
2006    Mrz    #97.    Es gibt sie immer noch,
2006    Jul    #81.    Adonis über das laizistische Experiment Libanon
2006    Aug    #71.    Über die Radikalisierung
2006    Sep    #108.    Mit geschlossenem Mund gähnen
2006    Okt    #37.    Nobelwetten und Damenfußball
2006    Dez    #50.    Im Namen des Islam
2007    Mrz    #3.    Lest Rifka!
2007    Mrz    #75.    Veranstaltungen zur Leipziger Buchmesse (4): 23.3.
2007    Jul    #106.    Revolutonär und Seher
2007    Okt    #98.    Sargon Boulus gestorben
2007    Okt    #124.    Mallarmés Würfelwurf
2008    Nov    #64.    Algerische Intellektuelle über Angriffe auf die Meinungsfreiheit beunruhigt
2008    Dez    #45.    Dialog
2009    Feb    #113.    Wer gewinnt?
2009    Jun    #55.    „Die arabische Sprache, mein einziges Land“
2009    Aug    #40. Ammann hört auf

179. Kaser elementar

Bereits die ersten literarischen Zeugnisse des zwanzigjährigen Hilfslehrers Kaser geben den melancholischen Grundton der Sammlung vor, sprechen von seinen Ängsten, von seiner inneren Zerrissenheit, die ihn als Mensch und als Künstler sein Leben lang begleiten werden: „Nun bin ich der Fremdling meiner selbst, der Trost sucht, wo es ihn nicht gibt: bei Bier und Wein.“ Ohne Schulabschluss, ohne Geld, ohne familiären Rückhalt, hungrig, frierend, hoffnungslos, doch nie ohne feine Ironie seiner Umwelt und sich selbst gegenüber kämpft Kaser um seine Existenz als Dichter: „meine lichtblicke sind gezaehlt und wenn dann sehen sie so trist aus dass nur schlafpillen stricke rasierklingen und schnaps dagegen helfen. wie froh waere ich wenn alles so witzig waere wie es klingt. es ist ernst. ich gebe keine verspechen mehr ab weil ich sie nicht halten werde ich lege die haende in den schoß und um die hoden.. ich hasse jede art von aktion.“

Bei Kaser verschränkt sich die Rede über sich selbst stets mit der Rede über sein literarisches Schaffen, der Mensch Kaser ist in seinen schriftlichen Zeugnissen stets auch der Dichter N.C. Kaser. Ob implizit oder explizit, stets reflektiert Kaser sein Schreiben als Spiegel seines Lebens und vice versa, sein Kunstbegriff ist existentiell, der Einsatz ist nichts Geringeres als die eigene Person. Und die Gefahr ist groß: „ich habe mich totgeschrieben (…) ich glaube mir selbst nicht mehr. ich verdruecke mich ins lager der taubstummen. ich habe nichts mehr mitzuteilen.“ / Martina Wunderer, fixpoetry.com

Raoul Schrott (Hg.):  N. C. Kaser elementar. Ein Leben in Texten und Briefen. Ausgewählt von Raoul Schrott. Haymon, Innsbruck und Wien 2007.

178. Berlin-Ode

Sagen wir es einmal klipp und klar: Berlin hat den großartigsten, vielfältigsten, in jeder Hinsicht attraktivsten Lesebetrieb der Bundesrepublik. Es ist ein alter Topos, dass es hier alles gibt – und von allem auch das Gegenteil: Nobelpreisträger und Debütanten, hoch artistische Höhenkamm-Lyrik und wilde, programmatisch kunstfreie Fantasy-Crime-Gothic-Mixturen. Man trifft Lokalpossenschreiber aus dem Wedding ebenso wie die internationale Avantgarde aus New York oder Paris. Mal lustwandelt man im Literarischen Colloquium am Wannsee, mal zieht man durch verrauchte Neuköllner Kneipen – gelesen wird überall. Diesen wunderbaren Berliner Lesebetrieb gibt es etwa 360 Tage im Jahr.

Nach dieser Ode auf Berlin ein Ausblick auf das kommende Jahr in Ost und West:

Worauf sollten wir uns im nächsten Jahr gefasst machen? Im Osten wird die literarische Landschaft – ganz gegen den regionalen Trend – vermutlich weiterhin blühen. Auch wenn die DDR als Abenteuerspielplatz à la Brussig nun hoffentlich auserzählt ist. Vielleicht aber wagt man den Blick auf eine Autorin, die vor zwanzig Jahren vorschnell verabschiedet worden war: Im 60. Suhrkamp-Programm jedenfalls steht „Stadt der Engel“, ein neues Buch von Christa Wolf, ganz oben. Doch auch im Westen dürfte einiges los sein. Mit Uwe Timm wird im März einer der produktivsten und am meisten gelesenen deutschen Autoren siebzig. Und Klaus Wagenbach, die Inkarnation einer ganz besonderen Bundesrepublik, feiert im Sommer seinen achtzigsten Geburtstag. Noch weiter im Westen präsentiert sich eine Region, die lange unter kulturellen Minderwertigkeitskomplexen gelitten hat, als europäische Kulturhauptstadt. „Essen für das Ruhrgebiet“ – vor dreißig Jahren wäre das noch ein Jux gewesen. Heute kann man sich mit der brandneuen Anthologie „Ruhrbuch. Das Ruhrgebiet literarisch“ über das literarische Potenzial der Gegend informieren.

/ Steffen Richter, Tagesspiegel 29.12.

Der gibt noch einen Tip für morgen:

Am 30.12. (20 Uhr) gibt es immerhin die Stadtmeisterschaften im Poetry Slam in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Der Lesewettbewerb der immer gutgelaunten Spokenword-Szene eignet sich erfahrungsgemäß hervorragend, um für die Silvesterparty auf Touren zu kommen.

177. „Unangetastet von Verstehen“?

Sehr merkwürdig: Alle Leser, Dichterkollegen und Literaturkritiker, die sich über die Gedichte Friederike Mayröckers geäußert haben, sind begeistert und hingerissen, aber sie sind zugleich zutiefst irritiert. Sie bewundern und lieben ihre Gedichte und bekennen doch zugleich, dass sie sie überhaupt nicht oder allenfalls nur ansatzweise verstehen. Die äußerste Faszination und die äußerste Befremdung gehören offenbar zusammen, wenn man Mayröckers Gedichte liest. …

Für den wohlgesinnten Lyrikleser allerdings ergibt sich aus den Verständnisschwierigkeiten im Umgang mit Mayröckers Gedichten notwendigerweise die Forderung: „Du musst dein Lesen ändern!“ Soll er sie nach Günter Eichs Formulierung „unangetastet von Verstehen“ lassen? Mit bloßen philologischen Zitatnachweisen jedenfalls ist da ebenso wenig auszurichten wie mit der beliebten Einfühlung; und freiwildernde Assoziationen des Lesers im Anschluss an einzelne Verse mögen zwar für ihn beglückend und tiefgreifende Meditationen besinnlichkeitsfördernd sein – der Eigenart und dem Verständnis der Mayröckerschen Poesie kommt man damit kaum näher. Gewiss: Kein Umgang mit ihr ist ausgeschlossen, und der Leser darf sich zu Recht von den Versen in vollkommene Freiheit versetzt fühlen, aber diese Verse selbst, ihre Wort- und Metaphernfügungen, ihre Kombinationen aus Alltagsformulierungen und emotionalen Äußerungen, aus kühnen Bildern und schlichten Worten geraten bei solchen „Anwendungen“ aus dem Blick. …

Dass man bei der Lektüre der Gedichte Mayröckers ausgerechnet an Hölderlin denken muss, ist kein Zufall. Friederike Mayröckers jüngster Gedichtband enthält mehr als vierzig Gedichte, in denen Hölderlin ihr begegnet. Sie sind unter dem Titel „Scardanelli“ bereits separat erschienen (Rezension: Friederike Mayröckers neue Gedichte). Bei Hölderlin wie bei Mayröcker verrät das „nämlich“ ein Hintergrundwissen und zugleich die Bereitschaft, dieses Wissen dem Leser mitzuteilen. Es ist autoritär und kommunikativ zugleich. Autoritär, weil es an eine Aussage, Behauptung oder Erfindung, oft an eine rätselhafte Metapher anschließt, die offensichtlich einer Erläuterung bedarf; und kommunikativ, weil es dem Leser die Auflösung des Rätsels verspricht. Das Versprechen aber wird bei Mayröcker nicht eingelöst. Das „nämlich“ eröffnet keine Aufklärung, sondern führt nur in eine neue Rätselhaftigkeit hinein. Des Rätsels Lösung ist wiederum ein Rätsel. Das „nämlich“ hat Verweischarakter; aber es verweist auf nicht anderes als auf das, was es hervorgebracht hat: auf seine eigene Rätselhaftigkeit. Es besitzt eine tautologische Struktur. …

Auch Jubel, Freude, Übermut, Erkenntnis- und übersprudelnde Kombinationslust, Witz, Humor und Scherze vertragen sich als sprachliche Verlautbarungen mit diesen Tränen und erweisen sich als ebenso poetisch wie Trauer und Kümmernis. Wer’s nicht glaubt oder sogar immer noch zu bezweifeln wagt, dass diese Gedichte Gedichte sind, dem wird die folgende rigorose Antwort der Friederike Mayröcker zuteil: „indem ich sage das ist / 1 Gedicht ist es 1 Gedicht. Meine / Ärztin sagt, essen Sie 1 Gedicht, ich / weisz nicht wie man es kocht, sage ich“. Also ist auch diese Frage auf Mayröckerische Art abschließend geklärt, und wir müssen uns nur noch damit befassen, „wie man es kocht“. Wer das Rezept weiß: Bitte melden!

Friederike Mayröcker: „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogels Greif“. Gedichte 2004–2009. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 342 S., geb., 22,80 €.

/ Wulf Segebrecht, FAZ 28.12.

176. American Life in Poetry: Column 249

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
One of the wonderful things about small children is the way in which they cause us to explain the world. “What’s that?” they ask, and we have to come up with an answer. Here Christine Stewart-Nunez, who lives and teaches in South Dakota, tries to teach her son a new word only to hear it come back transformed.

Convergence

Through the bedroom window
a February sunrise, fog suspended
between pines. Intricate crystals—
hoarfrost lace on a cherry tree.
My son calls out, awake. We sway,
blanket-wrapped, his head nuzzling
my neck. Hoarfrost, tree—I point,
shaping each word. Favorable
conditions: a toddler’s brain, hard
data-mining, a system’s approach.
Hoar, he hears. His hand reaches
to the wallpaper lion. Phenomena
converge: warmth, humidity,
temperature’s sudden plunge;
a child’s brain, objects, sound.
Eyes widening, he opens his mouth
and roars.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Christine Stewart-Nunez, whose most recent book of poems is Postcard on Parchment, ABZ Press, 2008. Poem reprinted from the Briar Cliff Review, 2009, by permission of Christine Stewart-Nunez and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

175. „Organisch“ vs. „arbiträr“. Anmerkungen zu einer Anthologie und einer mittleren Leseweise (2)

Essay von Bertram Reinecke, Teil II von II

Vgl. 168. „Organisch“ vs. „arbiträr“. Anmerkungen zu einer Anthologie und einer mittleren Leseweise (1)

Während sich Braun um die analytische Durchdringung seines Gegenstandes bemüht, beschränkt sich Michael Buselmeier oft lediglich darauf, den Gedichtinhalt oder das Dichterschicksal nachzuerzählen. Warum der Dichter diesen Inhalt wählte und ihn genau so behandelt hat, scheint ihn weniger zu interessieren[1]. Eher geht es ihm durch die Einordnung der Gedichte in den Kontext der Zeitläufte und der Dichterschicksale darum nachzuweisen, dass Gedichte an Brennpunkten der Wirklichkeit auftauchen. Auch sollen, scheint es, heranzitierte Biografien den Gedichten Glaubwürdigkeit verleihen. Nicht jedem mag dieser Zugriff liegen, bei dem es immer zunächst um etwas anderes geht als um Literatur.

Dichter zu Übergröße stilisiert, wie bei ihm bisweilen geschieht, neigen zudem notorisch dazu, in der Wirklichkeit nicht auftreten zu wollen und machen sich so mit den idealisierten Schemata der Schulbücher gemein. Sie setzen Buselmeiers Diskurs mithin der Gefahr aus, ebenfalls als pädagögelnde Übertreibung abgetan zu werden.[2]

Er problematisiert einen solchen Zugriff auf Dichtung über die bedeutende Biografie zwar am wohlfeilen Beispiel George Forestiers. Die Chance, hier gleichzeitig die Vorgehensweise seiner Beiträge zu thematisieren, nutzt er aber nicht. Dies Stillschweigen scheint sagen zu wollen: „Schaut her, ich bin mir der Problematik des Verfahrens bewusst. Wenn ich dennoch so vorgehe, habe ich meine Gründe.“ So muss bei diesem stoffintensiven Ansatz über manches hinweggegangen werden, was der näheren Erläuterung bedurft hätte und Buselmeiers kritisches Potential kommt nicht voll zum Tragen. Nach Buselmeier z.B. „dürfte kein lebender deutschsprachiger Dichter die Vers- und Reimkunst virtuoser handhaben“ als Richard Pietraß. Dies wird festgestellt und nicht begründet. Es könnte so die Frage auftauchen, ob nicht etwa auch ein Reimann oder sagen wir Rosenlöcher (um nur zwei Sachsen mit R zu nennen) diese Palme verdient hätten. Buselmeier erhebt, soweit er erwartet, dass der Leser seinem Urteil folgt, damit Anspruch auf ein nach Art und Größe nicht näher zu bestimmendes Geheimwissen. Sich so auf Gedeih und Verderb der Autorität des Kritikers auszuliefern, mag manchem Leser misslich sein. Über Lutz Seiler heißt es, er gehöre „nicht zu den westwärts orientierten Leichtfüßen mit einer Tendenz zum unterhaltsamen Witzeln.“  Dass Lutz Seiler ein ernster Mann ist, versteht sich. Schätzbar ist der Dichter jedoch vielen gerade dadurch geworden, dass er ostdeutsche Herkunft und ostdeutsches Aufwachsen, jenseits des Politischen in seiner umfassenden alltäglichen Dimension, lyrisch erlebbar gemacht hat. Dies ist freilich ein Projekt, das für Leute mit ähnlicher Biografie wenig interessant ist. Inwiefern diese Poetik sich also nicht westwärts orientiert, eine andere aber wohl, versteht sich da nicht von selbst. Gegen wen richtet sich Buselmeier also? Ein habitueller Reflex gegen die Anarchisten von der hauptstädtischen Höhe? Mal eine interessante Meinung über Rosenlöcher? Dann und wann hätte er sich doch mehr Raum für das begründete Argument nehmen können.

Der prototypische Gegenwartsdichter hat nach Buselmeier rein statistisch ein Durchschnittsalter von über siebzig Jahren.[3] Wie formal eine solche Berechnung auch immer sei, hier hat sie ihre Berechtigung: Sascha Michel, der jüngste von Buselmeier ausgewählte Dichter, ist lediglich verzeichnet, um kräftig abgewatscht zu werden[4] und auch der zweitjüngste Albert Ostermaier wird nur mit spitzen Fingern angefasst[5].

Liest man einmal die von Buselmeier ausgewählten Gedichte hintereinander, fällt bei allen Verschiedenheiten im Einzelnen eine merkwürdige Gemeinsamkeit auf. Das lyrische Sprechen nimmt meist eine Mittelposition zwischen den Objekten der Welt und dem Subjekt des Sprechens ein. Nie verliert sich das Sprechen im Gegenstand, nie setzt sich das Subjekt dominant.

So gibt es auf der einen Seite kein empirisches Einlassen auf Welt und deren präzise Abschilderung nimmt wenig Raum ein. Ein Baum ist sozusagen nie ein Baum, sondern immer gleich ein Symbol für etwas anderes.  Es gibt kein Einlassen auf das sprachliche Material. Werner Laubscher wird zwar in die Nähe der Wiener Gruppe gesetzt, das vorgestellte Beispiel inszeniert sich aber mit einer derartigen Lustigkeitsattitüde, dass Clemens Brentano, was das Vertrauen in diese Verfahren betrifft, bereits einen Schritt weiter scheint.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch keine Lyrik, die sich als Unmutsäußerung oder „kräftig die Meinung sagen“ versteht. Ein lyrisches Ich wird zwar meistens greifbar, bleibt aber so zurückgenommen, dass es immer als verletzt von der Welt dasteht und nie weltschaffend, allenfalls weltbearbeitend eingreift.

Diese Sorge um die Mittelposition des Subjekts wird in den Artikeln über die Dichter besonders deutlich, die diese nicht oder nicht immer vertreten. Surreale Verfahren kommen mit Ausnahme von Hans Thills „Die Lokomotive“ nicht vor und auch hier handelt es sich um ein gemäßigteres Beispiel, das nicht ohne den Kommentar auskommt, solche Schreibweise sei „nicht ohne Risiko, zumal, wenn sie sich immer weiter von einem  (autobiografischen) Erfahrungskern entfernt oder gar Sinn und Existenz eines poetischen Kraftzentrums mit Theoremen wie ‚Ich-Verlust‘ und ‚Welt-Entzug‘ leugnet.[6] Das einzige (im übrigen recht schwache) Beispiel für Gedankenlyrik kommt  nicht ohne kritischen Textkommentar aus.[7] Erwin Walter Palms ebenfalls um ein allgemeines Sprechen bemühter Text  wird von Buselmeier auf eine subjektive Selbstaussage reduziert.[8]

Albert Ostermaiers Machogesten werden ebenso kritisch vermerkt, aber ein Gedicht gewählt, das diese Züge nicht trägt. Ähnlich wird bei Friederike Mayröker erwähnt, dass sie die „sprachartistischen Errungenschaften[9] der Surrealisten und besonders der Wiener Gruppe“ keinen Augenblick verleugne, im gewählten Textbeispiel tritt diese Spracharbeit aber auffällig hinter dem klar strukturierten erzählenden Rahmen zurück. Zu der im Text beschriebenen Mütze wird von Buselmeier zwar beifällig bemerkt, sie ließe sich „sehen, riechen und anfassen“. Sie steht in seiner Deutung dennoch in erster Linie für eine „märchenhaft gruselige Kindheit“.

Alle Verfahrensweisen, deren Fehlen hier vermerkt wurde, mögen in sich ihre speziellen Problematiken haben. Das gesamte Gegenwartsgedicht lässt sich auf eine solche mittlere Sprechposition jedoch nicht festlegen. Zumal sich damit ja auch eine bestimmte Normvorstellung von (bürgerlichem?) Individuum einschleicht. Wenn diese doch sehr massive Restriktion seiner Auswahl nicht sofort von den Kritikern des Bandes bemerkt wurde, dann wohl, weil sich genau hier der Schnittpunkt der verschiedenen lyrischen Richtungen befindet. Dass man zumindest auch so ein Gedicht verfassen könnte, scheint von den meisten poetologischen Positionen aus noch einsichtig. (Bzw. man ist solche Gedichte zu lange gewohnt, um sie gänzlich aus dem Kanon ausscheiden zu können.)

Welchen Lesern mag ein so eigensinniges Buch wie „Der gelbe Akrobat“ nützlich sein? (Angehende) Pädagogen, die sich mit dem Werk einen Überblick über das Gegenwartsgedicht verschaffen wollen, mögen sich, zumal in Buselmeiers Stil, schnell zurechtfinden. Sie sollten aber nicht vergessen, dass der ästhetische Diskurs dieses Buches so seine Schlagseiten hat. Sich auf breiterer Textbasis über das Gegenwartsgedicht zu informieren, sollten sie sich nicht ersparen. Liebhaber zeitgenössischer Poesie können sich mit der Lektüre dieses Werkes gut lange Zugfahrten vertreiben, finden dort aber auch Altbekanntes vor. Allemal bleibt es ein Dokument dafür, wie um die Jahrhundertwende gemeinhin in Deutschland über Gedichte nachgedacht wurde.

______________

[1] Geschweige denn, dass es Dichter gibt, die grundsätzlich anders vorgehen.

[2] Man möchte weiter einwenden, dass ein lauterer Leser sich bemühen sollte, die Glaubwürdigkeit eines Textes aus dessen sprachlichen Qualitäten zu erschließen. Man muss Michael Buselmeier immerhin die Einsicht zugestehen, dass dies bei einem kontextlosen Einzeltext oft schwierig ist.

[3] Und ist damit ungefähr so alt wie er selbst. Es zeigt sich hier das oft beobachtete Phänomen, dass zur lyrischen Adoleszenz das Studium der Vorgänger gehört und ein Interesse an den gleichaltrigen Mitstreitern, dass es aber vielen Dichtern oft schwerer fällt, Leistungen der nachfolgenden Generationen zu würdigen.

[4] Er unterstellt dem Text eine Frührentnerhaltung und sagt, es sei bei diesem Gedicht beinahe nichts übrig geblieben von den „glanzvollen Anstrengungen der Tradition“ als „ganz affirmative Redewendeungen, billige Häme“ usf.. Der Text mag in der Tat schwach sein. Man möchte aber Buselmeier den Satz entgegen halten, welchen Michael Braun in Bezug auf Volker Brauns „Marlboro is Red. Red is Marlboro“ unmittelbar davor äußert, denn beide Gedichte scheinen teilweise nach ähnlichen Verfahren zu arbeiten: „Wer eine bruchlose Identität zwischen Autor- und Gedicht-Ich unterstellt, der kann zum voreiligen Schluss gelangen, der Autor habe sich im Bestehenden eingerichtet.“  Einen mindestens ähnlich plakativen bzw. ironischen Text wie Sascha Michels, allerdings vom dem ein entscheidendes Vierteljahrhundert älteren Ludwig Fels verfasst, behandelt Buselmeier hingegen wohlwollend fragend. Das Problem mit der jungen Generation erweist sich hier nicht nur als ein Problem neuer? ironischer? Techniken, sondern in erster Linie als ein Vertrauensproblem: Bei Volker Braun  oder Ludwig Fels „weiß“ man einfach, dass ihre Texte nicht affirmativ gemeint sein können.

[5] Er grübelt etwa darüber nach, warum Ostermaier bei Verlagsleitern und Jurymitgliedern so beliebt sein könnte, kritisiert modische Vokalbeln, einen demonstrativen Vitalismus usw.

[6] Bemerkenswert, wie hier frustrierende Einsichten, wie sie die (Post-)Moderne uns aufnötigt, zur bloßen Sache der Meinung eingedampft werden.

[7] Hier kommt einem etwas das Wohlwollen abhanden: Man muss mutmaßen, Buselmeier habe sich für dieses schwache Beispiel von Frommel entschieden, um einerseits nicht als gar zu einseitiger Kritiker zu erscheinen, andererseits den jugendlichen Leser durch ein berückendes Beispiel nicht vom Pfad der lyrischen Tugend abzubringen. Wie leicht hätte sich ein besserer Text dieser Art etwa bei Rainer Kirsch gefunden und zeitlich würde sogar Brecht ja noch im Rahmen gewesen sein.

[8] „Das lyrische Ich, dieser ‚Niemand‘ … ist der für immer vertriebene Dichter selbst, ein ‚Abgeschnittener‘, der ewige Exilant.“ Es gibt in Palms Text gar kein „ich“, sondern der Text hat ein  „wir“ und redet ein „du“ an. Ich denke, damit hat Palm etwas gemeint.

[9] Nur nebenbei: Mit wem wurde da gerungen?

Der gelbe Akrobat: 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert / von Michael Braun und Michael Buselmeier. Leipzig: Verlag des Poetenladen 2009. 360 S. ISBN 978-3-940691-08-8. 19,95 Euro.

174. Mehmet Akif Ersoy

Die Türkei gedachte aus Anlaß seines 73.Todestages des Verfassers der türkischen Nationalhymne, Mehmet Akif Ersoy. [Der Artikel, in dem ich das lese, erwähnt auch in den nächsten zwei kurzen Sätzen jeweils, was übrigens auch schon in der Überschrift stand: daß er den Text der türkischen Nationalhymne schrieb, und fährt dann fort:] Obwohl von Beruf Tierarzt, übte er großen Einfluß auf literarische und religiöse Kreise des späten ottomanischen Reiches aus. Seine Gedichte erinnern an Prosa, denn er benutzte Alltagssprache sogar in Verszeilen. Seine berühmte Gedichtsammlung „Safahat“ ist berühmt, denn sie wird in der Türkei viel gelesen. [Dieser Text, insofern er nichts beweist, scheint bezeichnend für ganze Strecken unseres Umgangs.]
/ World Bulletin / News Desk 28.1.2

173. für Oskar

– so heißt ein Collagegedicht Herta Müllers, das bei FAZ.net als Faksimile zu sehen ist.

172. Nabokov als Puschkinist

In keines seiner grossen Erzählwerke hat Vladimir Nabokov so viel Arbeitszeit investiert wie in die Übersetzung, Annotation und Exegese von Alexander Puschkins Versroman «Eugen Onegin» (1823 bis 1830). Fast ein Jahrzehnt nahmen ab 1948 seine diesbezüglichen Recherchen in Anspruch, und weitere Jahre vergingen mit Korrekturen, Sponsorensuche, Verlagsquerelen, bis Text und Kommentar 1964 endlich in Buchform erscheinen konnten. Nabokovs philologischer Kraftakt wurde schlecht belohnt. Sowohl das Feuilleton wie auch die Fachkritik reagierten mehrheitlich negativ, es kam zu heftigen öffentlichen und privaten Auseinandersetzungen, die dem Werk zwar kurzfristig zu skandalösem Aufsehen verhalfen, dem Herausgeber als einem Puschkinisten von höchstem Rang jedoch in keiner Weise gerecht wurden..

.Dass sich daran bis heute kaum etwas geändert hat, ist wohl auf die nicht eindeutig bestimmbare Funktion des Nabokovschen Kommentars zurückzuführen, auf die Unklarheit also, wie und wozu das gewaltige Konvolut – ursprünglich vier Bände im Gesamtumfang von rund 2000 Seiten − überhaupt genutzt werden sollte: Als akademische Textedition? Als Lesehilfe für Studierende? Als Anleitung für Übersetzer? Als Einführung in die russische Prosodie? Als Vademecum zu Puschkins Leben und Werk? Als Handbuch zur russischen Romantik? All diese Funktionen vermag der kritische Apparat durchaus zu erfüllen, und doch bietet er, darüber hinaus, noch weit mehr. Denn nebst einer Fülle von Werkzitaten, Textvarianten, Literaturangaben, Kalenderdaten, Querverweisen und vielfältigen Referenzen lässt Nabokov in seinem Zeilenkommentar immer wieder auch eigene Deutungen, Vermutungen, Fragen, Hypothesen, Einschätzungen mitlaufen, und oft fügt er polemische Exkurse, knappe Anekdoten, selbständige Mikroessays hinzu, die sich insgesamt zu einem polyfonen Text verbinden, der auch unabhängig von Puschkins «Eugen Onegin» mit Gewinn und Spass zu lesen ist. / Felix Philipp Ingold, NZZ 24.12.

171. Neuer Skandal um arabischen Booker-Preis

Es hiess, einer geheimen Übereinkunft zwischen vier wichtigen Beteiligten zufolge solle der Preis in diesem Jahr der libanesischen Schriftstellerin Alawiya Sobh verliehen werden. Pate dieses Paktes soll der bekannte ägyptische Literaturkritiker Dr. Jaber Asfour, Vorsitzender des Nationalen Rates für Übersetzung und früherer Vorsitzender des ägyptischen Obersten Kulturrates, gewesen sein.

Laut Presseberichten handelte es sich bei dem Deal um eine Art Gegengeschäft, durch das Sobh und Asfour für ihre Begünstigung der Dichterin Joumana Haddad bei der Vergabe des Preises Beirut39 entschädigt werden sollten – denn Haddad hat als administrative Leiterin des Booker-Preises dort ihrerseits Einfluss auf die Zusammenstellung der Jury und auf die Auswahllisten. Der in diesem Jahr erstmals verliehene Preis Beirut39, in dessen Jury Sobh und Asfour amtierten, stand von Anfang an insofern unter einem unguten Stern, als der ursprüngliche Juryvorsitzende, der bekannte ägyptische Romancier Alaa al-Aswani, und mit ihm zwei weitere namhafte Jurymitglieder – der libanesische Autor Elias Khoury und seine Landsmännin Huda Barakat – zurücktraten. Alle drei erklärten, sie lehnten es ab, sich eine Kandidatin aufzwingen zu lassen. Joumana Haddad hat die verbliebenen Juroren von Beirut39 dann fürstlich entschädigt: Einige ernannte sie zu Jurymitgliedern des Booker-Preises, Asfour gar zum Vorsitzenden, Alawiya Sobh erhielt anscheinend die Zusicherung des Preises oder zumindest für einen Platz in der Endrunde. / Najem Wali, NZZ 28.12.

Arabischer Booker-Preis

170. Kurt Beck mag Gedichte

Kurt Beck, rheinland-pfälzischer SPD-Ministerpräsident (60), liebt Gedichte. „Ich lese sie laut. Dann wirken sie ganz anders“, sagte er. „Wenn ich einen Roman lese, schweife ich nach 20 Seiten ab und denke an den Alltag. Wenn ich dagegen Gedichte laut lese, bin ich gezwungen, mich zu konzentrieren“, erklärte Beck. „Wenn nicht, klingt es furchtbar, dann geht kein Reim auf und der Rhythmus stimmt nicht.“ Sein Job als Regierungschef beanspruche ihn Tag und Nacht. „Da ist es eine schöne Entspannung, wenn ich mal eine Stunde Gedichte lese.“ / infranken.de 27.12.

169. „Mögen Sie denn Gedichte?“

Mögen Sie denn Gedichte?

Jetzt schon. Aber vor dem Film? Da lehnte ich sie ab, wie alles, was ich nicht verstehe. Blöd, aber es ist so. Ich bin nicht über Keats‘ Gedichte zum Filmstoff gekommen, sondern über seine Lebensgeschichte.

Was hat Sie daran interessiert?

Es ist die Geschichte eines Mannes, der sein Leben genau in dem Moment findet, in dem er es verliert. Und eine romantische Liebesgeschichte durchlebt. Dabei war er gar nicht romantisch, bevor er diese Frau traf. Im Gegenteil, er hat sich darüber lustig gemacht, wenn einer seiner Freunde sich verliebte. Er fand das idiotisch, dachte, in seinem Leben dürfe nichts anderes Platz haben als Poesie. Und sagte, Poesie ist wie nackt in einen See springen.

Ist das wirklich so?

Manchmal schon. Natürlich gibt es auch Gedichte, die einen kalt lassen. Es ist wie bei einem Gespräch. Manchmal kommt man gemeinsam irgendwo hin. Manchmal bleibt man stecken.

Und manchmal versteht man einfach nicht, was gemeint ist.

Ich habe in meinem Leben akzeptieren gelernt, dass es Geheimnisse gibt. Und Gedichte können einige davon beantworten. Es ist wie mit dem Lächeln von Da Vincis Mona Lisa. Das fasziniert auch immer wieder neu. Aber wenn man aufschreiben will, wieso das so ist, zerfallen die Worte. Man müsste vielleicht ein Gedicht darüber schreiben.

Die Gedichte von Keats kamen zu seiner Lebenszeit nicht an, sie wurden ständig verrissen.

Ja, das ist interessant. Richtig gut wurde er erst, als er nicht mehr um jeden Preis ein grosser Dichter werden wollte. Sondern ohne Ambitionen für sich schrieb. Erst da entstanden wunderbare Gedichte wie die «Ode an die Melancholie», die er wie einen Kurzfilm konzipierte. Als jemand, der auch um Ansehen und Beachtung kämpft, verstehe ich das gut.

/ Die Filmregisseurin Jane Campion über den Dichter John Keats, romantische Liebe und den Ritt auf einem kleinen Pferd. Gespräch mit Matthias Lerf, SonntagsZeitung 27.12.

168. „Organisch“ vs. „arbiträr“. Anmerkungen zu einer Anthologie und einer mittleren Leseweise

Essay von Bertram Reinecke (Teil I von II)

[Anmerkungen siehe unten]

„Der gelbe Akrobat“ ist von mehreren Rezensenten bereits beschrieben worden. Es mag angebracht sein, diesen kursorischen Lektüren einen Text an die Seite zu stellen, der einige Tiefenstiche versucht. Will man dem kritischen Anspruch des Buches gerecht werden, lohnt sich ein genauer Blick. Dieser wird punktuell bleiben müssen und sich nicht der ganzen Fülle des im Buch gebotenen Materials widmen können.

Michael Braun und Michael Buselmeier haben die kaum zu leistende Aufgabe, eine repräsentative Anthologie zur Gegenwartslyrik vorzulegen, ausgeschlagen und eher ein persönliches Buch vorgelegt: „Die Auswahl geschah oft spontan, nach enthusiasmierenden Leseerfahrungen mit einzelnen Gedichten.“[1] Eine solche subjektive Vorgehensweise kommt sicher auch der Mentalität der Sammler entgegen, die ihre Vorlieben haben und sie dankenswerter Weise manchmal auch offenlegen.[2]

Daß 100 Gedichte zusammengetragen wurden, von denen es viele verdient haben, näher vorgestellt zu werden, durfte bei der Belesenheit und Umsicht der Kritiker erwartet werden.

Zu Grunde gelegt wird dabei ein erweiterter Gegenwartsbegriff, der bis vor den zweiten Weltkrieg zurückreicht. (Es kann also einem heutigen Literaturstudenten ohne weiteres passieren, dass er darin auf Gegenwartsgedichte stößt, die entstanden, bevor sein Großvater geboren wurde.)

Der Kanon endet ungefähr im Jahr 2005. Einerseits mag es eine weise Entscheidung sein, sich in einem so dauerhaften Buch nicht zur jüngsten lyrischen Tagespolitik zu äußern. („Der gelbe Akrobat“ ist gebunden und fadengeheftet, auf schwerem Papier gedruckt und so für langen Gebrauch eingerichtet, alles zu einem derart wohlfeilen Preis, dass man denjenigen, der das kalkuliert hat, einen unverbesserlichen Idealisten nennen muss.) Es ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass den Texten eine Serie von Artikeln in der Wochenzeitung Freitag von 1991 bis 2005 zu Grunde lag.

Dass man den Artikeln dies Alter hie und da anmerkt, dass sie etwa oft durch eine Frontstellung gegen einen damals scheinbar raumgreifenden Experimentalfetischismus geprägt sind, muss dabei kein Nachteil sein. Den Nachgeborenen mutet eine solche Zeit trotz eifrigen Zurücklesens recht unwirklich an und er meint das Raunen der Geschichte zu vernehmen. Auch die Erschütterungen des zusammenbrechenden Blockdenkens durchwehen das Buch und öfters schaut Benjamins „Engel der Geschichte“ vorbei.

Die Auswahl der Gedichte ist sozusagen trichterförmig. Während in der näheren Gegenwart von Verfahren, Herkunft und Bekanntheitsgrad her ein breiter Kreis von Texten einbezogen wird, es kommen z.B. Schweizer, rumänien- und ostdeutsche, experimentelle, politische ebenso wie gemäßigte, bekannte und unbekannte Dichter vor, verengt sich bei den älteren Dichtern die Auswahl zusehends auf gemäßigte Dichter der zweiten Reihe aus der alten Bundesrepublik.[3] Dem ehrenwerten Furor des Wiederentdeckens wenig bekannter und unterschätzter Stimmen steht so leider keines in Bezug auf  die Vielfalt möglicherweise unterschätzter lyrischer Verfahren gegenüber. Der kleinste gemeinsame Nenner des lyrischen Diskurses wird so überrepräsentiert und dem Anspruch des Vorwortes „Diskutiert wird schließlich, was Dichtung heute noch [Hervorhebung von mir] leistet oder doch leisten könnte …“ wird das Buch nicht immer gerecht.

Dies Problem sei zunächst anhand von Michael Brauns Beiträgen beleuchtet.

Das Verhältnis zwischen Trakls Verklärtem Herbst und Beyers Verklirrtem Herbst schildert Braun etwa so: Während das Traklgedicht noch eine geschlossene Form hat, habe Trakl mit Grodek angesichts von Schreckenserfahrung und Kriegsleid den Schritt in den gebrochenen Ton vollzogen. Beyer seinerseits sei von dort aus weiter zu einer objektiven Sprache vorgedrungen, die diese Verhältnisse herstellt, ohne sich noch durch eigene biografische Erfahrung rechtfertigen zu wollen.

Nun scheint mir „Verklärter Herbst“ allerdings mehr eine Art ironische Synthese zu sein („wie schön sich Bild an Bildchen reiht“) und damit auch eher distanziert objektiv zu sprechen und  wie von Braun in Bezug auf Beyers Text dargestellt recht unabhängig von der Leidens- (oder Glücks-)biografie des Autors.

Man sollte vielleicht die Geschichte der Traklschen Dichtung andersherum erzählen als Braun dies tut: Auch in Trakls früheren Versen steht die Geschlossenheit der äußeren Form und lautlichen Durchbildung häufig in krassem Widerspruch zu den teilweise zerpflügten Inhalten seiner Texte. (Und von den Zeitgenossen ist dieser Widerspruch ja durchaus so empfunden worden, wenn auch meist unter kritischem Vorzeichen.) Diese Mittel sind also eher nichts Organisches, sondern etwas arbiträr Hinzukommendes, nähren sich, wenn nicht gar der Benseschen Forderung nach Sprache in einem unwahrscheinlichen Zustand, so doch der in Bezug auf Rühmkorf von Braun beschriebenen „Kollision von Inhalt und Form“ und haben damit mehr untergründige Gemeinsamkeiten mit Beyers Cut up- Techniken als Braun ihnen zugesteht.

Unabhängig davon, dass Grodek ein herausragendes Beispiel für die Darstellung anonymen Leids sein mag, wäre dieser Text dann allenfalls ein Ausstellen des durch Zerrüttung und objektiv erlebten Schrecken hervorgerufenen Verlusts an Spannfähigkeit und so poetologisch biografisch eher eine Rohform und eher ein Schritt in die Moderne in Richtung etwa der Beatniks oder der Parlandolyrik der Siebziger als im Sinne eines Überbietens innegehabter Positionen der Moderne, wie sie Braun aufreiht.

Nur vom relativ äußerlichen Aspekt der Material- und Themenwahl wäre Grodek also ein  Vorläufer von Beyers Verklirrtem Herbst, ansonsten nehmen andere Traklgedichte moderne ästhetische Positionen, wie Braun sie erst Beyer attestiert, in stärkerem Maße ein.

Brauns Deutung läuft kurz gesagt darauf hinaus, dass dem Beyerschen Text ein Witz zu Grunde liege, den Trakl schon unterm Kaiser feinsinniger erzählt hat. Die Reinszenierung alter poetischer Spiele unter neuen Geschmacksbedingungen schon für den ganzen Fortschritt der Poesie zu nehmen hieße, Lyrik mit einem unaufgeräumten Kulturbeutel zu verwechseln, der mit ein wenig gesundem (Kritiker-)Verstand leicht in Ordnung zu bringen ist.[4]

Dass Braun es tatsächlich so sieht, dafür lassen sich symptomatische Formulierungen finden. Beyers Text setze: „ … Bilder des Soldatenalltags und des anonymen Todes frei, die sich in keine traditionelle Gedichtform mehr einfügen lassen.“ Wieso? Es käme doch auf einen Versuch an und wer sollte dann nach welchen Kriterien dekretieren, ob er gelungen sei?[5]

Plausibilität gewinnt diese Stelle weniger aufgrund tieferer Einsichten in die Mechanismen der Poesie als dadurch, dass Braun sich darauf verlassen kann, dass ein Großteil seines Publikums Reim und Metrum ebenso allenfalls in Bezug auf traditionelle Gegenstände als geschmackvoll empfände, also durch den status quo.[6]

Nur ein paar Sätze weiter unten spielt er mit dem Gedanken, dass „solche Exerzitien einer ‚Literatur der Zersplitterung‘ (F. Mayröcker) die einzig legitime poetische Verfahrensweise [sind]“, „mit der man sich als literarischer Nachgeborener dem Terror des permanenten Kriegszustands noch nähern kann.“ Wer legitimiert? Bleibt der Satz nicht unverständlich, wenn man nicht unterschwellig „angemessene“ unter dem Wort versteht?

Noch jede Anspannung, die über den Status quo des lyrischen Sprechens hinausgeht, lässt sich, wo man sie nicht in Bausch und Bogen ablehnen mag, auf das Prokrustesbett der Angemessenheit spannen und schon mancher Neuerer der Poesie wurde zunächst aus solchen geschmacklichen Gründen angefeindet.

Unangemessen ist über weite Strecken laut Braun nicht nur etwa Rühmkorfs Ton (während es sich bei dem von ihm vorgestellten Text ausnahmsweise? um ein „makelloses Wortkunstwerk“ handele). Auch an Stolterfoht sieht er sich bemüßigt, einen Lustigkeits-Überschwang, ironische Überanstrengung und Redundanzenüberschwemmung kritisch anzumerken. Das dreifache „über-“ macht deutlich, dass es Braun hier um Grade von Angemessenheit geht. Diese sich schnuppe sein zu lassen, macht aber sicher einen großen Teil des Reizes der Stolterfohtschen Verfahren aus (und Braun weiß das!)[7]

Der Prenzlauer Berg wird ausschließlich durch Anderson und Schedlinski vorgestellt. Beiden wird grundsätzlich das Talent zum Dichten abgesprochen. Warum sind sie in dies Buch gelangt, könnte man fragen: Vielleicht, um Anlass dazu zu geben, mit der Reihe der gängigen Vorwürfe gegen diese beiden auch die gegen die Prenzlauer-Berg-Lyrik überhaupt einzuschmuggeln, was in der Behauptung gipfelt, mit der Entlarvung Andersons als Stasispitzel sei „die Legitimation einer ganzen Dichtergeneration zerbrochen“. (Wieder ist nicht unmittelbar klar, was das Wort Legitimation hier heißen soll.)

Über die dichterischen Bemühungen von Faktor, Döring, Papenfuß oder meinetwegen Adolf Endler und Elke Erb ließe sich sicher mehr und Adäquateres sagen. Sie kommen im Buch nicht vor.

Ähnlich zum bloßen Stichwortgeber wird der Text von Birgit Kempker. Hier wird lediglich die Argumentation der Gutachter des einschlägigen Gerichtsprozesses nachvollzogen.

Erst wenn auf solche, nun ja, Eigenwilligkeiten des Braunschen Zugriffes hingewiesen ist, kann man feststellen, dass es seiner schlanken Prosa oft ausgezeichnet gelingt, Wesentliches unaufgeregt zusammenzutragen. Ja manche Texte sind geradezu Musterbeispiele dessen, was sich auf so engem Raum an analytischer Einsicht zusammendrängen lässt, ohne dass die Sprache dazu in wissenschaftlichen Jargon verfallen müsste.

Und dass ich die oben genannten Einwände hier in dieser Schärfe vorbringen konnte, liegt natürlich ebenfalls an dieser Transparenz.[8]

Hier soll nicht verschwiegen werden, dass die meisten sich als dezidiert modern verstehenden Dichter von Michael Braun eingebracht wurden. Wenn die Gedichte des Bandes auch Jahre nach ihrer Auswahl manchem Rezensenten noch wie ein exemplarischer Querschnitt der lyrischen Gegenwart vorkommen, ist dies also vor allem sein Verdienst.

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[1] Etwas schade jedoch, dass die einzelnen Beiträge nicht persönlich unterzeichnet sind. Will man wissen wer im Einzelfalle spricht, muss man sich das erst etwas mühsam aus dem Register herausklauben. So gerät ihr kritischer Diskurs in den Ruch, eine Objektivität zu erheischen, die er eigentlich nicht für sich in Anspruch nimmt.

[2] So sieht etwa Michael Buselmeier „In Deutschland […] seltsamer Weise intellektuelle und experimentelle Dichter bevorzugt.“ oder meint „Eine vermeintlich altmodische Sprachgeste kann poetisch widerstandfähiger sein als der fragmentierte Gedichtschrei von heute.“ (Hervorhebung von mir)

[3] Auch wo sie älter sind als diese, bleiben es gemäßigte Meister der zweiten Reihe.

[4] Als wäre der Kontinent der Lyrik nicht zu groß, als dass ein Augenpaar ihn überblicken könnte.

[5] Richard Dove etwa redet in seinem Text „Pantum“ zwar nicht über anonymen Tod aber immerhin über gewaltförmige abstrakte gesellschaftliche Verhältnisse, ohne dass er in Gefahr gerät, irgendwie kunstgewerblich oder was immer zu werden. Ja mehr noch: die ergreifende Präsenz des (nicht selbst erlebten) Leides, speist sich gerade aus dem Wiederholschema der Gattung. Das überzeugt mich davon, dass dies auch mit den Beyerschen Inhalten möglich sein sollte.

[6] Von hier aus macht sich die in Bezug auf Rühmkorf gebrauchte Formulierung von der „Kollision von Inhalt und Form“ dann allerdings auch gleich mit verdächtig. Braun weist übrigens in diesem Kapitel auf die eigentlich doch frischeren metrisch freieren Montagetexte Rühmkorfs nicht eigens hin, sondern bespricht ein Gedicht aus Rühmkorfs Debütband, das ihn als „begabtesten Schüler Gottfried Benns“ ausweisen soll. Um die Jahrhundertwende, zur Entstehungszeit der Braunschen Kritik, als Benn eine Zeit lang als der bedeutendste deutsche Dichter gehandelt wurde, mag dies eine legitime List der Aufklärung gewesen sein. Zehn Jahre später setzt es den sehr eigenständigen Rühmkorf doch in ein etwas seltsames Licht.

[7] Wohlgemerkt: Es geht mir hier natürlich nicht darum, grundsätzlich gegen das Werten zu Felde zu ziehen. Bei Dichtern wie Enzensberger, denen an einer gewissen Gefälligkeit ihres Tons gelegen ist, hat das seine Berechtigung, selbst da, wo man seine Urteile im Einzelnen nicht teilt.

[8] Opake Stellen finden sich gleichwohl auch anderswo bei ihm. Etwa zu Koneffke: „Wenn sich Gedichte den Anmaßungen des Realitätsprinzips nicht beugen wollen, arbeiten sie systematisch gegen die Schwerkraft.“ Es ist nicht recht klar, was der Satz hieße, wenn er wahr wäre und ist er denn wahr? Und warum „systematisch“? Oder zu Draesner: „Es ist kein unantastbarer Haltepunkt der Innerlichkeit mehr, der die Einheit des Subjekts garantieren würde.“ Was ein Haltepunkt der Innerlichkeit ist, ist schon schwer verständlich wie manche Grünbeinmetapher, wie so ein Haltepunkt garantieren kann, kann ich mir kaum vorstellen, ebenso wie ein Haltepunkt dann zusätzlich noch unantastbar sein sollte. Ist es der selbe Punkt oder ein anderer, über den wenig später gesagt wird: „Es ist kein Markierungspunkt mehr zu erkennen, an dem das Subjekt die Zumutung des Todes zurückweisen könnte.“ In einem Zeitungsartikel, dem man Eile beim Zustandekommen unterstellt, würde man über solche Stellen hinwegsehen, in einem Buch, für das diese Artikel laut Vorwort noch einmal überarbeitet wurden, hätte man Bilder, die dunkler sind als die zu erklärenden Gedichte, besser getilgt.

[Teil II morgen]

Der gelbe Akrobat: 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert / von Michael Braun und Michael Buselmeier. Leipzig: Verlag des Poetenladen 2009. 360 S. ISBN 978-3-940691-08-8. 19,95 Euro.

Die Anthologie in L&Poe:

2009 Aug 038. Fachgeschäft für Lyrik

2009 Sep 90. Heidelberger Ästhetik in Leipziger Verlag

2009 Sep 119. Pflichtlektüre

2009 Okt 48. Trampelpfad

2009 Dez 143. Kritikkritik

167. Pop-Poet Jochen Distelmeyer über seine öffentliche Resonanz, Gesellschaftskritik an sich und das künstlerische Ich

Jochen Distelmeyer, ehemals Kopf von „Blumfeld“, der gewiss nicht erfolgreichsten, aber wohl einflussreichsten deutschen Bands der post-89 Jahre, gilt als „der“ Pop-Poet unter Deutschlands Songschreibern. Ohne seine Lyrik und seine Band „Blumfeld“, die ihren Namen einer Kurzgeschichte Franz Kafkas aus dem Jahr 1915 über einen in die Jahre gekommenen Junggesellen verdankt, hätte es für Gruppen, Texter und Musiker, wie „Ich+Ich“, „Ja, Panik“, „Silbermond“ oder „Jan Delay“, wie immer man deren musikalischen Qualitäten auch bewerten will, kaum Platz im deutschen Musikbusiness gegeben.

Mitte der Neunziger Jahre hat sich der Musikstil von Blumfeld gewandelt. An die Stelle krawallig daherkommender politischer Aufgeregtheiten ist mehr düsterer Gefühlskram und Beschaulichkeit, aber auch mehr Gelassenheit und Leichtigkeit des Seins getreten.

Jochen Distelmeyer: Das stimmt überhaupt nicht! Auf den Platten vorher war es auch schon so. Es waren vielleicht andere Stücke, aber die Sachen, die du da angesprochen hast, waren immer schon Teil davon. Ich bin da eigentlich nur meinem Flow gefolgt. Auf den Platten, die folgten, hat es ja doch auch immer härtere und ungestümere Geschichten gegeben. Ich habe nicht versucht, mich von irgendetwas abzugrenzen.

Du hast dich also nicht abgegrenzt von Subversion oder Dissidenz, weil es keinen grundsätzlicheren Ort für Kritik am Konsum, am Kapitalismus oder der Massengesellschaft, mehr für dich gab oder so?

Jochen Distelmeyer: Ob das vorher so stark war, weiß ich gar nicht. Ich würde auch nicht sagen, dass ich mich da abgegrenzt habe.

War „Blumfeld“ denn überhaupt eine „linke“ Band?

Jochen Distelmeyer:

Nein, würde ich nicht behaupten. Wir sind vielleicht als Einzelpersonen einer bestimmten politischen Auffassung gefolgt. Aber als Band oder mit unseren Platten haben wir uns eigentlich nie als Sprachrohr irgendwelcher Bewegungen oder Strömungen gesehen. Als Einzelpersonen haben wir vielleicht Sachen unterstützt, die wir für richtig gehalten haben.

/ Telepolis