Veröffentlicht am 18. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Zu den zehn Nazi-Autoren, die Düsterberg zusammen mit acht seiner Schüler und dem Wirtschaftsjournalisten Marc-Wilhelm Kohfink in Porträts vorstellt, gehört auch Gerhard Schumann, dessen Werdegang Jan Bartels beschreibt.
Bartels versucht, ein „differenziertes Bild der kulturpolitischen und literarischen Tätigkeiten Schumanns“ zu zeichnen. Wie den zusammengestellten sozio-biografischen Daten zu entnehmen ist, trat Schumann 1930 in die NSDAP ein, wurde SA-Standartenführer, SS-Obersturmführer, Reichskultursenator und damit Mitglied in der Reichskulturkammer sowie Präsidialrat in der Reichsschrifttumskammer. Im Frühjahr 1942, als die militärische Situation für das Reich schwierig geworden war und die Nazis um so mehr in Führungspositionen „ideologiefeste Parteigenossen“ brauchten, wurde er zum Chefdramaturgen des Württembergischen Staatstheaters ernannt. 1943 schrieb er das als „Durchhaltedrama“ eingestufte Stück „Gudruns Tod“. Rechnet man noch die Preise hinzu – in den Jahren 1935 und 1936 wurden Schumann der Schwäbische Dichterpreis, der Lyrikpreis der Dame und der Nationale Buchpreis verliehen – dann ist klar, dass man Schumann zu den Nazi-Dichtern zählen muss, auch wenn er sich gegen diese Einordnung in der Nachkriegszeit heftig zur Wehr setzte und den Versuch unternahm, sich als Dissident zu inszenieren.
Es gelang ihm sogar mit diversen Tricks, die zunächst erfolgte Einstufung als „Minderbelasteter“ bei dem gegen ihn angestrengten Spruchkammerverfahren (zu dem er als Hauptschuldiger vorgeladen war) in einem zweiten Verfahren aufheben zu lassen. Nun hatte Schumann freie Bahn, um seine literarischen Tätigkeiten fortzusetzen: Er positionierte sich „im national-konservativen politischen Spektrum der Bundesrepublik, fügte sich nahtlos ein in den anti-kommunistischen Zeitgeist des Kalten Krieges“.
Schumann betätigte sich als Verleger, pflegte Kontakte zu seinen alten Gesinnungsgenossen und schrieb weiterhin politische Lyrik „für die neo-nazistische Deutsche Wochenzeitung“. Von einer „inneren Umkehr“ konnte demnach keine Rede sein. Die Anerkennung von bestimmter Seite blieb nicht aus: „Für sein ‚tapferes Bekennen zu Volk und Vaterland‘ erhielt Schumann 1981 die ‚Ulrich-von-Hutten-Medaille‘ des gleichnamigen Freundeskreises, zwei Jahre später schließlich nahm der Dichter auch den ‚Schillerpreis des deutschen Volkes‘ entgegen – wiederum verliehen vom rechtsextremen DKEG“ (= Deutsches Kulturwerk Europäischen Geistes, eine der NPD nahe stehende Organisation).
Neben dem „nationalen Sozialisten“ Gerhard Schumann werden folgende Schriftsteller in dem von Rolf Düsterberg herausgegebenen Band vorgestellt, die das Dritte Reich „herbeigesehnt, herbeigeschrieben, herbeiagitiert und schließlich […] etabliert und konsolidiert“ haben:
Hermann Burte – der Alemanne (1879-1960), von Kathrin Peters, Artur Dinter – der antisemitische Spiritist (1876-1948), von Uwe Hirschauer, Kurt Eggers – der intellektuelle Schläger (1905-1943), von Julia Liebich, Hanns Johst – der Literaturfunktionär und Saga-Dichter (1890-1978), von Rolf Düsterberg, Heinrich Lersch – der Arbeiterdichter (1889-1936), von Steffen Elbing, Eberhard Wolfgang Möller – der „nationale Amtsdichter“(1906-1972), von Marc-Wilhelm Kohfink, Hans Rehberg – der Preuße (1901-1963), von Sonja Gevers, Rainer Schlösser – der Dichter-Soldat (1899-1945), von Stefan Hüpping, Tüdel Weller – der Propagandadichter (1902-1970), von Janin Egbers. …
Schockierend wirkt die Feststellung von Julia Liebich, wonach die Publikationen von Kurt Eggers bis in die Gegenwart fortwirken und dieser „Trommler der NS-Bewegung“ heute „der neo-nationalsozialistischen Jugend […] immer noch als Idol“ gilt. Als Beleg führt sie beispielsweise die Aussage von Siegfried Tittmann an, stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen Volksunion (DVU), der Eggers als bedeutendsten deutschen Dichter neben Goethe und Schiller bezeichnet. Dabei sind die Taten, mit denen der fanatische Antisemit Eggers sich brüstete, an Abscheulichkeit kaum zu überbieten. Seine Werke, mit denen er das Soldatentum feiert, wollte er als „Kriegsrufe“ verstanden wissen.
/ Erhard Jöst, literasturkritik.de
Rolf Düsterberg (Hg.): Dichter für das „Dritte Reich“. Biografische Studien zum Verhältnis von Literatur und Ideologie.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2009.
336 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783895287190
Das Jahr 1945 wurde von den Schriftstellern als „Stunde Null“ und Tabula Rasa bezeichnet – nur woher so schnell neue „rasierte“ Menschen nehmen? Selbst die neuen Texte kamen ja nicht selten aus der Manuskriptschublade. Die DDR-Literaturwissenschaft setzte von 1945 bis Anfang der 60er Jahre die Phase der „Herausbildung der DDR-Literatur“ an (Kurze Geschichte der deutschen Literatur. Berlin: Volk und Wissen 1981). Auch der Thüringer Barde Uwe Lammla setzt eine Zäsur, wenn er schreibt: „Ich habe also guten Grund zu der Behauptung, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945.“ (So auf seiner Homepage, ähnlich auch andernorts, etwa in seinem Essayband „Erlkönig“, Arnshaugk 2003, in dem Text „Das Reimgedicht. Ein modernes Tabu“.) Ich hab das gelegentlich hier kommentiert (bequem über die Suchfunktion in der rechten Spalte zu finden).
Heute lese ich die Grenzscheide 1945 erneut in einem Kommentar bei Facebook, und zwar zu einem Gedicht Tom Bresemanns in Gregor Koalls Lyrikmail:
„Sehr geehrter Herr Koall,
mir Schmunzeln und Vergnügen und nachdenklichem Herzen lese ich viele
Lyrikmail-Gedichte.
Nur: Mir ist aufgefallen: Keiner von denen, die nach dem 2. Weltkrieg
geboren sind, kann’s.
So wie heute der Bresemann. Der kann’s nicht.
Sie würden mir einen Gefallen tun, wenn Sie die Bresemänner in Zukunft
weglassen würden, vielleicht zugunsten von ein paar Franzosen oder
Engländern.
Mit freundlichen Grüßen
Frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr
XYZ“
Nicht daß ich was gegen Franzosen und Engländer hätte. Aber natürlich sehe ich die Literatur der nach 45 Geborenen anders als der XYZ-Anonymus.
Ich will nicht behaupten, daß die zitierten Urteile, denen sich viele ähnliche hinzustellen ließen, in irgendeinem Zusammenhang stünden. Jeder darf sich seine Hausgötter selber aussuchen, und wer jetzt kein Haus hat, kann ja nachplappern, was ihm andere einflüstern. Wer ist der Größte: Goethe oder Bresemann? (Nur mal weil er da genannt wurde). Brecht oder Benn? (Spiegel und Junge Freiheit nehmen den Ball gern auf).
Und wer ist der Dritte im Bunde: Kurt Eggers? In einem Wunderwerk deutscher Lexikonkunst, erschienen bei Kröner in Stuttgart 1984, bitte merken Sie sich die Jahreszahl, steht er zwischen Kasimir Edschmid, den einige kennen, und Wilhelm Ehmer, den kaum jemand kennt. (Sonst gibt es in dem Band u.a. Achternbusch, Andersch, Benn, Bense, Bernhard… bis Gomringer, Grass, Gurk. „Ehmer, Wilhelm, der die Silberne Medaille im Literaturwettbewerb (Gruppe „Epos“) der elften Olympischen Spiele 1936 erhielt (…) schuf mit seinen „Gedanken eines Deutschen im Kriege“ gegen England, „Die Kraft der Seele“ (40), vom OKW.* geförderte, weit verbreitete und ethisch bedeutsame Betrachtungen und Auseinandersetzungen, die mit denkerischen Begründungen Front und Heimat aus innerer Notwendigkeit zur Bejahung des Krieges führen.“ – Wohlgemerkt 1984, nicht 44. Franz Lennartz, Herausgeber und Autor jenes Lexikons, hat keine Probleme mit dem Jahr 1945, kein Loch nirgends. Zwischen 1938 und 1978 erschienen 11 Auflagen eines Lexikons der Gegenwartsliteratur, natürlich mit wechselnden Inhalten. Manche Autoren stehen nur zwischen 1938 und 1941 drin, wie Heinrich Anacker, Hans Baumann, Hanns Johst, Baldur von Schirach oder jener Gerhard Schumann, andere wie Brecht, Becher, Benn, Eich, Kafka oder Tucholsky kommen erst nach 1945 dazu, obwohl sie alle schon vorher publiziert hatten. 1978 kommen neu hinzu u.a. Friedrich Achleitner, Herbert Achternbusch, Arnfrid Astel, Volker Braun und Paul Wühr, es scheiden aus, man sehe: Hans Arp, Ingeborg Bachmann, Benn und Celan: alle tot! 1984 aber, Krönung eines Lebenswerks, sind alle wieder da. Oder fehlt einer? Nein. Alle Lebenden und Toten, Gerechten und Ungerächten, Nazis, Kommis, alle Sprachspieler und Reimbossler: da veranstaltet der Lexikonmacher eine Gesamtausgabe, in der alle jemals vertretenen Autoren enthalten sind, 845 Stück, in der jeweils letzten Fassung. Bei manchen wie auch Kurt Eggers also die Fassung von 41 und bei Andreas Okopenko und Oskar Pastior eben die von 78. Ein Lexikon, das man haben muß, so vollständig und grundehrlich, eben „deutsch“, was es ja ohnehin ist. 3 Bände plus Register im Schober. (So etwas gibt es heute nur noch bei Wikipedia).
Über Eggers weiß der wackere Lennartz in den Fassungen von 1938-41: „ein leidenschaftlicher nationaler Dichter der jungen Generation, bewährte sich als Lyriker, Dramatiker und Erzähler. (…) „Der Deutsche Dämon“ (37) findet in harten und gedankenscharfen Gedichten und Kampfgesängen gültigen Ausdruck.“ (Lennartz, a.a.O. 417f)
Wenn Sie noch kein Werk des drittgrößten deutschen Dichters gelesen haben, hier eine Probe:
Die Stunde des Soldaten
Hart dröhnt der Schritt der Bataillone,
Hell klingt der Stahl in Männerhand.
Es wanken Reiche, stürzen Throne,
Und aus dem Meer steigt neues Land.
Es schlägt die Stunde des Soldaten!
Er schreitet schweigend zum Gericht
Und formt die Welt mit seinen Taten,
Sein Willen gibt ihr das Gesicht.
Aus Blut und Eisen steht die Erde
Verjüngt aus Trümmern wieder auf.
Ein neuer Gott spricht jetzt sein „Werde“
Und weist den Welten ihren Lauf.
Aus: Kurt Eggers, Kamerad. Gedichte eines Soldaten. Leipzig: Schwarzhäupter-Verlag 1940, S. 11
Die Reime fest geschlossen, die klischeehaften Ideen zwischen Faustisch und SS: klar gibt es Leute, die das für große Dichtung halten. Ich aber brauche jetzt ein festgereimtes Gegengift, Sie finden es in der nächsten Nachricht.
* OKW: Oberkommando der Wehrmacht
Veröffentlicht am 18. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Warum sieht das Wasser manchmal blau oder grün aus, obwohl es doch eigentlich farblos ist? Eine Frage, die manch ein Erwachsener nicht beantworten kann. Doch wer wöchentlich in der Kinderakademie der Künstlerin Agelika Janz vorbeischaut, der kann diese Frage beantworten. In die Kinderakademie kommen zum Beispiel Kita-Kinder aus Pasewalk, Viereck und rund 200 Mädchen und Jungen aus zwei Grundschulen der Region, die hier eine Förderung in Sachen Kunst und Kultur erfahren. „Für Pasewalk freue ich mich besonders, dass wir jetzt auch die Mädchen und Jungen aus der Kita „Haus der fröhlichen Jahreszeiten“ aus der Oststadt begrüßen können“, so Angelika Janz. Die rund 30 Kinder können Dank einer Sparkassenspende jetzt immer mit dem hin und her Bus gefahren werden. Jede Stunde beginnt mit einem kleinen Ritual. Jedes Kind legt aus Holzbuchstaben erst einmal seinen Namen. Vincent das Maler-Maskottchen – ein Bär mit Federkiel und Pinsel – sitzt immer bei einem der Kinder, das Geburtstag hat, neu oder auch einmal traurig ist. Alle Themen, die die Kinder über das Jahr behandeln, werden in einem Ich-Heft festgehalten. So wurden 2009 die vier Elemente, das Wasser, die Luft, das Feuer und die Erde besprochen und entsprechende Bilder dazu gemalt. Außerdem erfuhren die Mädchen und Jungen etwas über den Maler Vincent von Gogh und seine Arbeiten.
„Unser Motto ist ,Nahsehen statt Fernsehen‘“, meint Angelika Janz schmunzelnd. So gehöre auch dazu, sich in den Pausen Bücher anzuschauen oder zu tanzen. Und zum Schluss sind Qui Gong, das chinesische Gymnaistikspiel sowie das Vortragen eines Liedes auf der Flöte angesagt. Gestaunt hat Angelika Janz, als es darum ging, mit einem Portrait sich selbst dazustellen, was da für die Kleinen wichtig war, wie sie sich selbst sahen. „Die Tuchfühlung mit der Welt beginnt mit der Selbst-Wahrnehmung, die uns mit der Welt verbindet. Kultur ist das Transportmittel für Basiswissen“, ist Angelika Janz überzeugt. Es sei eine Möglichkeit, über den eigenen Tellerrand zu schauen und Grundlagen für das Selbstbewusstsein zu schaffen. Die Kinderakademie für alle Kitas in Pasewalk wird Dank der Stadt und der weiteren Unterstützung der Sparkasse auch 2010 weitergeführt, freut sich die Künstlerin. / Rita Nitsch, Nordkurier 18.12.
Veröffentlicht am 18. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Gesucht wird ein Assistent des Projektleiters, der ihm zuarbeitet bei: Korrespondenz mit Partnern und Autoren, Datenbearbeitung, bürotechnische Arbeiten und ggf. Veranstaltungsdurchführung
Ihr Profil
Organisationsfähigkeit, Fremdsprachenkenntnisse, sehr guter Umgang mit der deutschen Sprache, Interesse an Lyrik, Kenntnisse der Microsoft_office-Programme (Excel, Word etc.)
Wir bieten
Mitarbeit bei der Betreuung des von der Literaturwerkstatt Berlin initiierten Webportals http://www.lyrikline.org, Sie ist eine Plattform für Lyrik, auf der Gedichte zu hören und in Übersetzungen zu lesen ist. Ziel ist der internationale Austausch der Dichter, die Erhöhung der Rezeptionsmöglichkeiten der Lyrik weltweit
Arbeitgeber:
Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97 (Kulturbrauerei)
10435 Berlin
Ansprechpartner:
Frau Samland
Telefon: 030 48 52 450
Telefax: 030 48 52 45 30
E-Mail: mail@literaturwerkstatt.org
Bewerbung:
Per E-Mail
Veröffentlicht am 18. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Dieses überbordende, sinnlich-experimentelle Schreiben, das Friederike Mayröcker seit Jahrzehnten betreibt, scheint sich in seiner ekstatischen Diesseitigkeit seit jeher aus der Empörung über den Tod zu speisen. Im Gespräch mit Julia Kospach nennt sie ihn den Zerstörer, den großen Feind.
Den allergrößten Gegensatz dazu bildet Kospachs zweite Gesprächspartnerin, Ilse Aichinger, jene andere große alte Dame der österreichischen Literatur – sie wünscht sich zu verschwinden, sehnt den Tod als Erlösung herbei. Beide Interviews stehen sich gegenüber in einem kleinen Band des Berliner Mandelbaum-Verlages und werden ergänzt durch die Assemblagen Daniel Spoerris, der mit Abgelegtem, Welkem, Zerbrochenem die Poesie der Vergänglichkeit aufzeigt.
Aber auch Hölderlin war in den Texten Friederike Mayröckers lange schon da. Ihrer Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit kann der Leser weiter folgen, im jüngsten Gedichtband „Scardanelli“, der bei Suhrkamp erschienen ist – ein schmaler Band, in dem man lange lesen kann.
Das Buch führt in zwei Schritten in die nahe Gegenwart – ein erstes, Mayröcker-Lesern längst bekanntes Gedicht entstand bereits 1989. Es zeigt Tübingen, das „hellrote Hölderlinzimmer“, in dem sie schwebt, „diese Prise Hölderlin“. / Thomas Morawitzky, Stuttgarter Nachrichten 17.12.
Veröffentlicht am 18. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
Gedichte, meine kleinen Archen
in der nacht setzen wir einander fort:
die perspektive einer nahen landschaft
zweier körper, deren wölbungen
zueinander fließen in atemgeräuschen.
auf fingerspitzen lesen wie die spuren
unsrer haut, wie wellen eines meeres,
das sich ins gespräch vertieft. Jedes mal
darin ist eine antwort auf etwas, das du nicht
beschreiben kannst; die kartographie einer liebe,
worin kein weg mehr vorgeschrieben, kein ziel,
nur dieser eine horizont, der ungefragt ertastet,
was wir fühlen: im schritt wird ein kuss
zum mund, in dem wir uns verlieren, körperlos
gebogen bis zum himmel, der zum schluss
in der luke über uns erscheint, ein fernes bild
der ungelesenen geräusche dieser nacht.
Christoph Leisten
Der gute Sinn, Gedichte in Anthologien und Zeitschriften zu veröffentlichen, liegt auch darin, hier auf eine wesentlich größere Leserschaft hoffen zu können als mit dem eigenen Gedichtband (den es in vielen Fällen nicht einmal gibt). So mancher Autor weiß ein Lied davon zu singen, daß er seine poetische Präsenz in der Öffentlichkeit mehr oder weniger den Magazinen, Online-Portalen und Sammelbänden verdankt.
Ganz anders Künstlerzeitschriften wie Holunderground oder Das zweite Bein: Die von Frank Milautzcki in der 6. Ausgabe als Kunstschachtel herausgegebene Zeitschrift gibt es gerade mal in 30 Exemplaren. Hier findet Lyrik gleichsam unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt: Tut sie das nicht eigentlich immer? Erstaunlich preiswert ist die wohlgefüllte Faltschachtel, bis zum Rand gefüllt mit feinen Gedichten (Gedichte, meine kleinen Archen, Peter Rühmkorf in Akzente 3/09), u.a. von Anja Finger, André Schinkel, Walle Sayer und Christoph Leisten, und originellen (originalen) Graphiken von Frank Milautzcki.
Auf einem Bein kann der Mensch bekanntlich nicht stehn, er braucht Das zweite Bein – und mehr:
Veröffentlicht am 17. Dezember 2009 von lyrikzeitung
In der FR vom 17.12. ein offener Brief von Harry Oberländer an Richard Wagner zur Verteidigung von Werner Söllner. Schluß:
Als jemand, der das Glück hatte, sich nicht in einem totalitären System bewähren zu müssen, bin ich nicht bereit, mich auf einen Richterstuhl zu setzen. Was für ein System das war, davon hatte ich Anfang der achtziger Jahre keinen blassen Schimmer. Das hatte sich schlagartig geändert, als ich den eben ausgereisten Rolf Bossert kennen lernte. Wir hatten ein langes persönliches Gespräch. Als er über eine Hausdurchsuchung sprach, machte ich die Bemerkung: „Bei Hausdurchsuchungen hier ist die Polizei auch nicht zimperlich.“
Als Rolf Bossert daraufhin in Tränen ausbrach, hatte ich dauerhaft etwas gelernt. Sie schrieben: „Kaum war Werner Söllner als IM öffentlich geworden, traten die Verteidiger auf den Plan, die Freunde.“ Dabei wollte ich ungern fehlen, obwohl ich am liebsten nur das folgende Gedicht dazu geschrieben hätte:
Der fremde Text
Der fremde Text, der fugenlose,
hat mich in seiner Perfektion
begeistert und ich hörte schon
wie er verstummte. Eine Rose
ist eine Rose und das Wort das Wort.
Dann kam am Ende eine leere Zeile.
Die Wahrheit wartet, ohne jede Eile
wählt sie den Tag aus und den Ort.
Ich grüße Sie hochachtungsvoll
Harry Oberländer
Veröffentlicht am 17. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Auf einem berühmten Foto sieht man ihn, langhaarig, langbärtig und ergraut, auf einem fellüberzogenen Sessel sitzen – wie ein früher Hippie. Sein großer Gedichtband, an dem er zeit seines Lebens schrieb, ihn ständig umgestaltete und erweiterte, heißt „Leaves of Grass“.
Im Deutschen wurde das lange, von der ersten Übersetzung des deutschen Freiheitsdichters Ferdinand Freiligrath 1868 angefangen, mit „Grashalme“ übersetzt. In der neuen Übersetzung von Jürgen Brocan, der als Erster das vollständige Buch, in der letzten autorisierten Ausgabe von 1891 – 92, ins Deutsche gebracht hat, heißt der Titel „Grasblätter“ – und hier zeigt sich schon die Besonderheit dieses Lyrikers und seines deutschen Übersetzers ganz prägnant: Es geht nicht nur um die Natur, sondern auch um die menschlichen Fähigkeiten und die menschliche Bearbeitung der Natur. Whitmans Titel bezieht sich auch auf die Druckersprache: „leaves“ meint hier „Papier“, „grass“ eine experimentell gesetzte Seite.
Whitman ist programmatisch ein demokratischer Dichter, er ist in vielerlei Hinsicht der erste Poet der modernen Demokratie, der Massendemokratie. Zeilen wie die folgenden wirkten auch in den USA in der Mitte des 19. Jahrhunderts provozierend, im alten Europa aber geradezu elektrisierend: „Das Selbst sing ich, die schlichte Einzelperson. / Doch spreche das Wort demokratisch, das Wort en-masse.“
Es ist eine Feier des Alltäglichen, eine Feier aller Erscheinungen des menschlichen Lebens, ohne hierarchische oder soziale Unterschiede. Es geht um Jahreszeiten und das Wetter genauso wie um die Industrialisierung, die Mechanik und die neuen Werkzeuge und Instrumente. In Whitmans freien Rhythmen tauchen plötzlich auch Wörter wie „Wissenschaft“ oder „Evolution“ auf – er besingt alles. Es ist fast so, als ob die Sprache der Lyrik, der in der europäischen Tradition eine pathetische, hoch aufgeladene, künstlerische Ausdrucksweise zu eigen war, die sich von der Sprache des Alltags immer weiter entfernte, hier neu erfunden werden würde. / Helmut Böttiger, DLR 16.12.
Walt Whitman: Grasblätter.
Erstmals aus dem amerikanischen Englisch vollständig übertragen und herausgegeben von Jürgen Brocan.
Hanser Verlag, München 2009, 877 Seiten, 39,90 Euro
Veröffentlicht am 17. Dezember 2009 von lyrikzeitung
In der FAZ vom 16.12. schreibt der – ebenfalls aus Rumänien stammende – Schriftsteller Richard Wagner über die „IM-Affäre Werner Söllner“:
Bei einer weiteren Begegnung überreicht Walter als Mitbringsel die rumänische Fassung eines Langgedichts von Johann Lippet „Der gewesene Selbstmordgang der Familie“. Der Kommentar des IM: Vor allem der Schluss des Gedichts sei extrem tendenziös. Die Verquickung des Festes mit einer korrupten Realität führe unmittelbar zum Schlusssatz, zur Botschaft, die eine Aufforderung zur Ausreise darstelle. Das Gedicht sei unveröffentlicht. Den Kasus erwähnt auch Johann Lippet in seinem vor kurzem erschienenen Buch: „Das Leben einer Akte. Chronologie einer Bespitzelung“.
Die „Walter“-Berichte leiten einen beschleunigten Prozess der Repressalien gegen die Aktionsgruppe Banat ein, mit dem erklärten Ziel ihrer Zerschlagung. Während der Untersuchungshaft im Oktober 1975 werden wir immer wieder auch mit den Walter-Erkenntnissen über unsere Gedichte konfrontiert. Werner Söllner versichert heute, er habe niemand wissentlich in größerem Umfang geschadet. Aber wie soll man das Faktum deuten, dass er zumindest in der Abschrift des Offiziers anbietet, nach Temeswar zu weiteren Recherchen über uns zu reisen, falls man ihm die Reisekosten erstatte?
Söllner besuchte uns damals tatsächlich in Temeswar. Ob auch „Walter“ dabei war? Söllner bestreitet es. Er sei mit der Studententheatergruppe da gewesen. Welche Rolle er gespielt habe? Und in welchem Stück? Er wisse es nicht mehr.
In einem Gedicht von Werner Söllner, das im August 1989 in dieser Zeitung stand, heißt es: „Wie es war und warum, / wen geht es was an? / Aufrecht oder krumm: / man geht, wie man kann. // Wovor dir graut: / was vergessen ist. / Ist die gerettete Haut auch eine List?“
Veröffentlicht am 17. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
It’s running and re-running non-stop
Ein Tag unter vielen
An kommunalen Bauten
blühen die Geranien,
und jemand, der mich haßt,
zieht seinen Hut und grüßt –
Um sieben
schlägt es sieben, weiter nichts.
Es wird die Nacht
mich an die Lampe zwingen.
Rainer Brambach
Autoren, zu deren Büchern ich regelmäßig greife, die ich wieder und wieder lese, deren Werk – Lyrik und Prosa (Jürgen Beckers Journalsätze lese ich wie Gedichte: Etwas entdecken, auch wenn man weiß, es ist schon entdeckt) – mich auf den Wanderungen durch die Mark Letterland stets begleitet und von denen ich 2009 diese Gedichtbücher (zum ersten oder wiederholten Male) las:
Jürgen Becker · Das Gedicht von der wiedervereinigten Landschaft (1988), Im Radio das Meer (2009)
Hans Bender · Der junge Soldat (2006), Ritus der Wiederkehr (2006), Wie es kommen wird (2009)
Gottfried Benn · Gedichte in der Fassung der Erstdrucke (2006)
Richard Berengarten · The Blue Butterfly (2006)
Horst Bingel · Den Schnee besteuern (2009)
Paulus Böhmer · Kaddish X–XXI (2007)
Rainer Brambach · Tagwerk (1959)
Bertolt Brecht · Liebesgedichte (2009)
Rolf Dieter Brinkmann · Westwärts 1 & 2 (2005)
Werner Bucher · Den Fröschen zuhören, den toten Vätern (2005), Du mit deinem leisen Lächeln (2007)
2009 – It’s running and re-running non-stop – kommt ein Autor hinzu, von dessen lebendigen Gedichten ich noch nichts vernommen hatte, obwohl sie, wie ich nun weiß, zur originellsten zeitgenössischen Lyrik Irlands zählen. Der Sound dieser Gedichte erobert Kopf und Herz im Sturm:
Paddy Bushe · To Ring in Silence. New and Selected Poems (2008)
Vergnügungen –
Die Kirschen sind reif
Vergnügungen
Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein
Bertolt Brecht
Mitte Juli grub ich, während die Autos wie von Sinnen vorüberbrausten, auf einer direkt an der B 258 gelegenen wilden Wiese lila blühenden Storchschnabel aus, um ihn im stillen Garten wieder einzupflanzen. Am nächsten Tag ging ich erneut die 700 oder 800 Meter dorthin, diesmal war der Schlangenknöterich an der Reihe, den ich hinterm Sistiger Kreisverkehr im Hang am Straßenrand entdeckte. Ende Juli grub ich im Wald das Gänsefingerkraut mit allen den Würzlein aus und pflanzt es wieder am stillen Ort unterm Kirschlorbeer. Der weiße Wiesenkerbel blühte wie von Sinnen hier und da und dort, welch herrliche Ergänzung zu den vielen, vielen Farben, die aus all den Beeten und Ecken strahlen. An einem jener sehr heißen Tage, in denen ich wie von Sinnen Feldsteine von den Äckern in den Garten schleppe, notiere ich im Tagebuch: Das heutige Gedicht im Lyrikkalender ist fürchterlich.
Dies ist allerdings die Ausnahme. An der Mehrzahl der Tage erlebe ich die Gedichte in Der deutsche Lyrikkalender. Jeder Tag ein Gedicht, von dem Hans Bender sagt: Man kann ihn wie eine Pflanze oder Blume ins Zimmer oder Büro stellen. Gedichte jedoch schweigen uns nicht an. Sie fordern uns auf, mit ihnen zu sprechen – über die Literatur und das Leben, glücklicherweise ganz anders.
Lieben Sie Gedichte? fragt der Verlag auf der Rückseite des Kalenders und antwortet umgehend selbst: Wir auch! – stillschweigend voraussetzend, daß Sie naturgemäß Gedichte schätzen und lieben. Denn welcher Mensch liebt nicht die Sprache der Lyrik, die ihn doch lebenslang in allen lustigen und allen unheilvollen Lebenslagen begleitet, die ihn ständig umgarnt und umgibt: die Sprache der Lieder und Songs, die Sprache der Vögel und Vierbeiner, die Alltagssprache der Stuben und Straßen, die Sprache der Küchengeräte und Autos, die Sprache der Sterne und Wolken, die eigene, die fremde Sprache des Scherzes, des Schmerzes (nicht zu vergessen die vielen Fachsprachen) – alle voll von schier unendlichen Alliterationen und phantastischen Metaphern, angereichert mit gekreuzten und gepaarten Reimen, lautmalenden, knirschenden Wörtern.
Mitten im Leben
denke ich an die Toten,
die ungezählten und die mit Namen.
Dann klopft der Alltag an,
und übern Zaun
ruft der Garten: Die Kirschen sind reif!
Günter Grass
Der deutsche Lyrikkalender 2010 am 26. Juni
Und so richtet sich die suggestive Frage Lieben Sie Gedichte? keineswegs bloß an den Insider, sondern im umfassenden Sinne an jedermann.
Shafiq Naz, Herausgeber und Verleger von Alhambra Publishing, entwirft den deutschen Lyrikkalender mit dem Motto Jeder Tag ein Gedicht für alle Menschen an allen Tagen. Folgerichtig ist die 2005 erstmals erschienene Anthologie konzipiert als Tischkalender mit Ringbindung und einer exemplarischen Mischung von 365 artistischen, bukolischen, chiffrierten, dadaistischen, eleganten, freimetrischen, gereimten, humorvollen, idiosynkratischen, jovialen, kanonisierten, lustigen, melancholischen, natürlichen, onomatopoetischen, pathetischen, quirligen, rauhen, sanften, schrägen, tobenden, unveröffentlichten, verspielten, wortreichen, zackigen Gedichten von 300 berühmten, bekannten, weniger bekannten, (längst) verstorbenen, mitten im Leben stehenden, blutjungen Autorinnen und Autoren aus dem gesamten deutschen Sprachraum von den Anfängen im Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart im 21. Jahrhundert – und das auf insgesamt 408 Seiten (plus Anhang).
Gedichte vermitteln, dafür sorgt deren ureigengestalterische Sprache, grundsätzlich gute Botschaften – auch wenn diese naturgemäß nicht bloß erfreulicher Art sein können. Vergessen wir also Fernseh- und Zeitungs-Nachrichten (TV news, the world’s small talk lese ich in einem Gedicht von Paddy Bushe) – wenigstens für ein paar Minuten am Abend und lesen stattdessen um 19 oder 20 Uhr das Gedicht im deutschen Lyrikkalender. Der Kalender bietet Tag für Tag eine neue Nachricht – mal nett, mal naßforsch, mal niedlich, mal nobel. Nachweislich und schwarz auf weiß.
2009 ist ein weiteres ertragreiches Jahr für die Lyrik nach 2000. Zum Glück wird die horizontale und vertikale Bandbreite deutschsprachiger Gedichte auch in diesem Jahr von fleißigen und kenntnisreichen Fachleuten dokumentiert und kommentiert. Für diese außerordentlich geglückten, offen ausgeschriebenen oder geschlossenen Gesellschaften gewidmeten Anthologien (eigene Erwartungen sind bei der Bewertung geglückt weit weniger wesentlich als die offenkundigen, in Vor- und Nachwort dargestellten Absichten der Herausgeber – siehe hierzu auch meine Ausführungen anläßlich der Vorstellung von Versnetze_zwei im Poetenladen), die ich brauche, um einen passablen Überblick zu behalten, ermöglichen mir rasante Rallyes in alle Richtungen Zeit und Raum:
Veröffentlicht am 16. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Ein Abend für Friederike – sie ist, wie Elisabeth von Samsonow in ihrer Laudatio sagt, ein 85-jähriges zeitloses Mädchen, das von der Zukunft in die Gegenwart springt. Wenige Tage vor ihrem 85. Geburtstag, den sie genau genommen am 20. Dezember feiert, wurde Friederike Mayröcker ein Abend im Akademietheater gewidmet.
Mayröcker selbst, die als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Lyrikerinnen Österreichs gilt, las ganz behutsam und sanft einige Gedichte aus ihrem neuen Buch „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif“ vor. Sehen, Fühlen und Denken verschmelzen in ihrer Poetik seit jeher zu einem intensiven Gebilde aus Assoziationen und Gefühlscollagen. Sie saugt alles um sich herum auf, verwandelt Alltagsbilder in ihre ganz eigene Sprache. Mayröckers Liebe zur Sprache und ihre fast manische Schreibbesessenheit wird auch im dokumentarisch angehauchten Filmporträt „Das Schreiben und das Schweigen“ von Carmen Tartarotti deutlich, der auf der Viennale 2008 Premiere hatte und im Frühjahr 2010 im Stadtkino Wien gezeigt wird. Über fünf Jahre hinweg hat die Filmemacherin zusammen mit dem Schweizer Kameramann Pio Corradi die Dichterin in ihrer Wohnung besucht und auf Lesereisen begleitet. …
Nach den ersten Bildern wird klar: Der Ursprung aller Lyrik liegt im Chaos. Ihre Wohnung in Wien-Margareten quillt über. Körbe voller Zettel und Gedankensplitter, das sind von Wäscheklammern zusammengehaltene Kreativblitze, bedecken Tische, Regale und Stühle. Dazwischen bewahrt sie behutsam ihre „Babies“ unter Tüchern auf – Mayröcker kann nur auf „Hermes Baby“-Schreibmaschinen arbeiten. / Helene Kurz, Wiener Zeitung 17.12.
Zwischen Jänner und September 2008 entstanden 40 Gedichte, in denen Friederike Mayröcker dem hymnischen Ton und den freien Rhythmen Friedrich Hölderlins folgt – erschienen unter dem Titel „Scardanelli“ im Suhrkamp Verlag. Nikolaus Scholz präsentiert die heuer publizierten Gedichte im Rahmen der Ö1-Reihe „Nachtbilder – Poesie und Musik“ am 19. Dezember um 0.08 Uhr. Und auch das Fernsehen würdigt die Lyrikerin: Die ORF-TV-Kulturredakteurin Katja Gasser widmet der Dichterin das Porträt „Rasen und Rotieren im Kopf“, das an Mayröckers Geburtstag (20. Dezember) um 9.55 Uhr in ORF 2 und bereits am Vorabend auf 3sat (19.20 Uhr) zu sehen ist. / Wiener Zeitung 17.12.
Friederike Mayröcker
Anlässlich ihres 85. Geburtstag[es!]:
„Tonspuren“: „Fritzi und ihre Fans“ (18. Dezember, 22.15 Uhr in Ö1)
„Ö1 extra“: „Sprachgeschenke“ (20. Dezember, 21.15 Uhr, Ö1)
„Nachtbilder – Poesie und Musik“ (19. Dezember, 0.08 Uhr, Ö1)
„Rasen und Rotieren im Kopf“ (20. Dezember, 10.05 Uhr, ORF 2)
Veröffentlicht am 16. Dezember 2009 von lyrikzeitung
In den NPQ (New Perspectives Quarterly) ein interessantes Gespräch mit Isaiah Berlin, der Parallelen zwischen dem „backlash“ in der deutschen Geschichte nach Demütigungen durch Frankreich zwischen 1670 und 1919 und nationalistischen Bewegungen nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zieht. Einleitung und Ausschnitt:
Sir Isaiah Berlin, who died in 1997, was a fellow at All Souls College, Oxford. One of the West’s foremost political philosophers, he authored several seminal works, including Karl Marx, The Age of Enlightenment, Four Essays on Liberty, Vico and Herder and The Crooked Timber of Humanity: Chapters in the History of Ideas.
We sat down for several rambling hours of conversation at a cafe in the small harbor in Portofino, Italy, at the end of the summer in 1991.
Gardels | And yet, Herder’s Volksgeist became the Third Reich. And today, the Serbian Volksgeist is at war with the Croation Volksgeist, and the Bosnian Muslim way of life. The Armenians and the Azeris have long been at it, and, among the Georgians and Russians—and even the Ukrainians and the Russians—passions are stirring.
What transforms the aspiration of cultural self-determination into nationalist aggression?
Berlin | I have written elsewhere that a wounded Volksgeist, so to speak, is like a bent twig, forced down so severely that when released, it lashes back with fury. Nationalism, at least in the West, is created by wounds inflicted by stress. As for Eastern Europe and the former Soviet empire, they seem today to be one vast, open wound. After years of oppression and humiliation, there is liable to occur a violent counterreaction, an outburst of national pride, often aggressive self-assertion, by liberated nations and their leaders.
Although I am not allowed to say this to German historians, I believe that Louis XIV was principally responsible for the beginnings of German nationalism in the 17th century. While the rest of Europe- Italy, England, Spain, the Low Countries, above all France—experienced a magnificent renaissance in art and thought, and political and military power, Germany, after the age of Durer, Frundwald, Reuchlin, became (with the exception of architecture) a relative backwater. The Germans tended to be looked down upon by the French as provincials, as simple, slightly comical, beer-drinking yokels, literate but ungifted.
At first, there was naturally much imitation of the French, but later, as always, there was a reaction. The pietists asked, “Why not be ourselves? Why imitate foreigners? Let the French have their royal courts, their salons, worldly abbés, soldiers, poets, painters, their empty glory. It’s all dross. Nothing matters save a man’s relation to his own soul, to God, to true values, which are of the spirit, the inner life, Christian truth.”
Veröffentlicht am 16. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Er war einer der größten Rock-Sänger aller Zeiten. BON SCOTT brachte den Hardrock-Motor von AC/DC erst so richtig auf Touren. Zu seinem 30. Todestag wollen wir ihm, der mit seiner genial schmutzigen Rock’n’Roll-Lyrik Berge versetzen konnte, Tribut zollen…
SLAM #47 alternative music magazine – HEUTE am Kiosk!
Veröffentlicht am 16. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Er war ein Revolutionär, kein Umstürzler. Claudio Monteverdis „neue“ Musik und die Tradition stehen in seiner Marienvesper einträchtig nebeneinander. Das 1610 veröffentlichte, erste konzertante Großwerk am Beginn des Barockzeitalters verbindet Geistliches mit Weltlichem. Die Vesper wächst zu einem Kunstwerk heran, das sowohl in der Kirche als auch in „Fürstengemächern“ seinen Platz haben sollte.
Die Konkordien-Kantorei Mannheim und ihre Leiterin Heike Kiefner-Jesatko geben in jedem Augenblick ihrer wunderbaren Aufführung zu verstehen, dass diese Partitur aus der Feder eines Dramatikers stammt, in dessen Stilmischungen immer Liedhaftes, Opernhaftes aufscheint, in dessen Lyrik so viel Sinnlichkeit zutage tritt. Sie mag zwar in den bezaubernden Soli „Nigra sum“ (Schwarz bin ich) und „Pulchra es“ (Schön bist du) ihre Höhepunkte erreichen. Aber diese betörende Feier weiblicher Herrlichkeit pflanzt sich bis in die traditionellen Vertonungen fort, unterwandert sie gewissermaßen. / Monika Lanzendörfer, Mannheimer Morgen
Veröffentlicht am 16. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Genau wie im Odysseum geht es auch beim Rap Battle um interaktives Lernen und erleben. „Jugendliche, die bislang mit Lyrik nichts am Hut hatten, fangen beim Rappen auf einmal an, Lyrik zu produzieren und Gedichte zu schreiben – auch wenn sie das nicht so bezeichnen würden“, so der bekannte Rapper Afrob, Schirmherr des Wettbewerbs.
Die Ergebnisse aller Teilnehmer sind hier zu sehen. / Köln-Journal.de
Veröffentlicht am 16. Dezember 2009 von lyrikzeitung
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
Volta Schlenderei
King sun, rosy cheeked, day’s sovereign coin
Afrikaans, Albanian, Arabic, Arumanian (Vlach), Azeri, Azerbaijani Turkic, Pasque, Bengali, Breton, Bulgarian, Catalan, Chinese, Croatian, Czech, Danish, Dutch, Ebira, English, Estonian, Faroese, Finnish, French, Galician, Georgian, German, Greek, Hausa, Hebrew, Hungarian, Ibibio (Efik), Icelandic, Igbo, Irish Gaelic, Italian, Japanese, Kurdish, Kyrgyz, Latvian, Lithuanian, Lumasaba, Macedonian, Malay, Maltese, Mongolian, Nepali, Nigerian Pidgin English, North Eastern English, Norwegian, Nupe, Persian, Polish, Portuguese, Punjabi, Romanian, Runyankole, Russian, Scots, Scottish Gaelic, Sepedi, Serbian, Shetlandic, Sindhi, Slovak, Slovenian, South Allemanic Dornbernerisch (Vorarlberg), Spanish, Swedish, Triestino, Turkish, Turkmen, Ukrainian, Urdu, Uzbek, Welsh, Yiddish, Yoruba
75 languages including the English, schreibt Richard Berengarten, der kürzlich den ursprünglichen Namen seines Vaters annahm, der im frühen 20. Jahrhundert aus Polen nach England auswanderte und den Namen Berengarten in Burns umwandelte.
In Zusammenarbeit mit Peter Robertson, dem Editor des Literaturportals The International Literary Quarterly, sammelte Berengarten die zahlreichen Übertragungen des Gedichts Volta (ursprünglich 1983 in seinem international erfolgreichsten, Land, Leben und Leute in Griechenland in Verse verwandelnden Gedichtbuch Black Light veröffentlicht; meine deutsche Übertragung erschien 1996 im Bunte Raben Verlag unter dem Titel Schwarzes Licht), die im November 2009 einschließlich des exzellenten Essays Border/Lines von Richard Berengarten (This anthology of poems is a celebration of multilingualism and diversity) in der 9. Ausgabe von Interlitq.org nachzulesen sind. Kaum zu fassen ist die Vielfalt der an den verschiedensten Orten der Welt entstandenen Versionen, auf die ich in diesem weltweit und historisch wohl einmaligen Projekt treffe.
… jetzt, wo die Dämmerung hereinbricht …
König Helios, rosawangiger, hellichter Sterntaler,
du kommst mir ganz nah, Haut wird zu Horn,
Wirbelsäule zum Sehnerv, ich zittre am ganzen Leib,
geblendet von dem Goldstrom, den du über dieses
Meer und diese Stadt vergießt und der mir das Augenlicht raubt.
Hier waren einmal – und ich weiß, sie sind hier immer noch –
Häuserzeilen und Straßen, die zu einer anderen Stadt gehören,
nicht dieser, die du vollkommen verwandelt hast.
Wir gehn das Hafenbecken entlang, die nächtlichen
Fischerboote warten darauf, hinauszufahren,
Motoren tuckern, Parafinlampen flackern,
die ganze Stadt ist auf den Beinen,
Verliebte Arm in Arm, alberne Bengel,
Mütter, Väter, eisschleckende Kinder,
und alte Männer schaun dem Treiben von Kaffeehaustischen zu,
während die dunkel werdenden Hügel wie zahme Tiere näher rücken.
Süßes über Berg und Bucht versprühtes Abendrot,
wie zufällig streift mich dein Arm,
wie die Berührung der jungen Frau, die neben mir geht,
breithüftig, kurzschrittig, mit wiegendem Gang,
pechschwarzem, zurückgekämmtem Haar, zartem Hals, leichter Schulter,
Sommerteint und lachenden olivbraunen Augen.
Ich trinke dich, schimmerndes Licht, wie Wein, wie Musik,
wie ihre Vorfahren dich jahrtausendelang getrunken haben.
Poröse Stadt, sie heißt Elefthería,
deine Narben sind graue Lichttüpfchen in ihren Augen,
und sie hat um diese Stunde, wenn Lichtreflexe
zärtlich in ihrem Gesicht spielen, wie Sprache oder Gesang,
das althergebrachte Recht, diesen Kai entlang zu schlendern,
als Spielball und Hüter deines Glanzes,
den sie im Brunnen ihrer tiefgründigen Pupillen sammelt,
und ihr Lieblingsvorrecht: dich zu beschreiten wie eine Tänzerin.
Liebster Abend, uraltes Licht,
schönstimmiger Solist, lieblich wie diese Frau,
wie kann ich nicht die Anmut bewundern,
in die du diese Stadt und ihre Menschen tauchst, Gußform,
die alles, was sie berührt, zum Bild macht, die ganze Welt.
Ich bin dein Sklave geworden, vielleicht gar dein Bürger,
und ich lechze danach, dich ganz zu trinken,
jede Pore mit deinem Glanz zu füllen – ihrer Freiheit.
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