136. Bienensprecher

Sonnabend abend sah ich eine TV-Sendung über Friederike Mayröcker und las einige Artikel zu ihrem Geburtstag. Im Gespräch erwähnte sie auch, daß sie manchmal Gedichtzeilen träume und dann sofort aufschreiben müsse, um sie nicht zu verlieren. Vor dem späten oder frühen Zubettgehen stellte ich noch eine Folge von Theo Breuers Fortsetzungsessay Lyrikstationen 2009 online, in der er Sandra Trojans Bienen-Gedicht höchlich und zu Recht lobt (wie auch den gesamten Gedichtband). „Wenn ich in Bienen spreche“. Im Traum dann war ich 20 Jahre jünger, Revolution war in Greifswald, Herbst 89. Es gab drei Gruppierungen mit heftig konkurrierendem Programm, eine nannte sich Bienensprecher. Ich wußte im Traum, daß ich ihn vergessen würde, wenigstens dies wollt ich behalten.

135. Grüne Pastorale

Kurz vor Kriegsende, im Mai 1945, herrschten in Schleswig-Holstein unbeschreibliche Zustände; das kleine Land war überfüllt mit Soldaten und Flüchtlingen. Bei Wilhelm Lehmann in Eckernförde war eine schwangere Frau aus Ostpreußen untergebracht. Als es so weit war, sei er ins Nachbardorf geeilt, um die Hebamme zu holen. Unterwegs überkam es ihn dann – die sommerliche Natur triumphierte über das vom Menschen angerichtete Chaos: „Als ich die vertrauten Wege lief, bemächtigte sich meiner die getroste Glorie des hellen Junitages. Der Wind, uns meist befeindet, hatte sich gelegt. Eine grüne Pastorale tat sich auf. Die Wesen riefen: ‚Wir sind auch noch da!‘ Im Schutz eines Steinbruchs breitete sich ein weißes Beet samenden Wollgrases; Spindeln, Rocken gleich, ragten die Stängel. Der Roggen blühte, der Sand wärmte. Der fade Todesernst setzte aus, eine Ordnung gegen alle Unordnung drang durch…. Ich eilte, aber ich hastete nicht.“

Lehmann erzählte dieses Erlebnis 1961 im Rahmen seiner Münchner Poetik-Vorlesung über die Entstehung von Gedichten. Leider ist nicht überliefert, wie der Vortrag bei den Zuhörern ankam. Zwar befand sich Lehmann, als Dichter ein Vertreter der „Inneren Emigration“, zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Doch stand die Naturlyrik bereits unter Ideologieverdacht, zumal unter der jüngeren Generation. Bertolt Brechts Klage, dass ein Gespräch über Bäume ein Verbrechen geworden sei, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt, war längst ein geflügeltes Wort. Der junge Peter Rühmkorf etwa höhnte über die lyrische „Utopie aus dem Blumentopf“, die bei dem nach Sinn und Vergessen suchenden Publikum der 1950er-Jahre so beliebt war. …

Wilhelm Lehmann wurde in der jungen Bundesrepublik als „Nestor der deutschen Lyrik“ gehandelt, als Kopf einer „naturmagischen Schule“. Doch war er, wie seine Rezensionen, Glossen oder „Gedenkblätter“ zeigen, im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit ein Außenseiter. Für Lehmann blieb der Dichter ein „Seher“, waren „Ergriffenheit und Staunen“ „erzeugender Grund“ einer Dichtung, die dem modernitätsgeschädigten Menschen Heilung versprach. Der Kahlschlaglyrik eines Günter Eich (der Lehmann im Übrigen verehrte) stand er genauso ablehnend gegenüber wie der Gedankenlyrik seines Antipoden Gottfried Benn, wie er einem konsternierten Horst Bienek erklärte. Rilke warf er vor, die Dinge für sein Programm der Verinnerlichung missbraucht zu haben, und dem DDR-Lyriker Peter Huchel, der in Westdeutschland mit Preisen überhäuft und auf eine Stufe mit Hölderlin gestellt wurde, widmete Lehmann eine seiner wenigen Polemiken, in der er Huchel Unanschaulichkeit und mangelnde Präzision bescheinigte. / Oliver Pfohlmann, literaturkritik.de

Wilhelm Lehmann: Gesammelte Werke in acht Bänden. Band 7, Essays II.
Herausgegeben von Wolfgang Menzel.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2009.
594 Seiten, 40,00 EUR.
ISBN-13: 9783608950465

134. Literaturlegende Mayröcker wird 85

Zwischen Prosa und Lyrik bewegt sich das Werk der Literatin und Dichterin Friederike Mayröcker. Erzählungen, Gedichte, Hörspiele, Bühnentexte und Experimentelles zählen zu ihrem Schaffen. Heute feiert sie ihren 85. Geburtstag.

„Ich kann alles durch meine Augen in mich aufnehmen und aus mir herausschreiben“, so Mayröcker. Die österreichische Poetin schuf mit nahezu 100 Publikationen ein umfangreiches und eigenwilliges Werk.

Am Sonntag wird sie 85 Jahre, denkt aber noch lange nicht ans Aufhören: „nur nicht enden möge diese Seligkeit dieses Lebens nur nicht enden / ich / habe ja erst angefangen zu schauen zu sprechen zu schreiben zu weinen“, heißt es etwa in einem im März dieses Jahres erschienen Gedichtband.

Seit über 50 Jahren erscheinen in dichter Folge Prosa- und Lyrikbände von Mayröcker. Ihre nächste Prosaarbeit „ich bin in der Anstalt. Fußnoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“ kommt im Mai heraus. / ORF

Mehr:  Mayröcker ist 85: „Ich lebe nur in Sprache“ (ORF) / Ich bin eine Bettlerin des Wortes“ (ORF) / Die Promi-Geburtstage vom 20. Dezember 2009: Friederike Mayröcker (Trierischer Volksfreund) /

133. Lyrikstationen 2009 (11)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

11

Endpunkt ·
Letzte Gedichte / Lebende Tote

Das Wiedersehen

Von fern gleicht er noch einem, den man kannte,
das weiße Haar, wie Kohle, die verbrannte,
wie Asche, noch warm von erloschenen Feuern,
was nützt es, einem Toten zu beteuern,
daß er noch lebe, er weiß es besser,
er hat den Fuß bereits erhoben
zum Schritt in eine unermeßliche Tiefe
und schaut noch einmal dankbar nach oben
und wendet sich ab, als ob jemand ihn riefe.

Hans Sahl

Wie wohl wäre es 2009 im Lyrikbetrieb des deutschen Sprachraums zugegangen, hätten Ro­bert Gernhardt (1937–2006), Thomas Kling (1957–2005) und Ernst Jandl (1925–2000) nicht in den Jahren seit 2000 die Stifte für immer aus der Hand gelegt? Wenn man bedenkt, wie wenig Platz der Lyrik in den Print-Medien des Feuilletons grund­sätzlich bloß eingeräumt wird, gehörten diese drei Dichter zu den poetischen Platz­hirschen, denen immer wieder mehrspaltige Artikel eingeräumt wur­den, die pha­sen­weise in den Kulturhimmel gehoben wurden, zählen doch alle drei zu den Men­schen in der Lyrik, die, jeder auf seine extrem eigenwillige Weise, sowohl origi­nelle Ge­dichte schrieben als auch mit ihrer bemerkenswerten Art publikumswirk­sa­mes Auf­sehen erregten. Durchaus denkbar also, daß die Zeitungsspalten auch in den letzten Jahren in erster Linie von diesen Herren besetzt geblieben wären. Der arglo­sen Öf­fentlichkeit wäre womöglich ein völlig anderes Bild vermittelt wor­den. Welchen Einfluß hätte das möglicherweise auf die Lyrik, die Verlagsprogramme, den Lyrikbe­trieb von heute gehabt, in dem so mancher Sturm im Wasserglas den einen oder anderen in den 1950er und 60er Jahren geborenen Dichter von den Beinen ge­holt hat.

Thomas Kunst hebt im Nachwort von Estemaga zur Totenklage an: Hilbig ist tot. Born ist tot. Brinkmann ist tot. Brasch ist tot. Kling ist tot. Pastior ist tot. Kunst be­nennt sechs Namen, die unmittelbar eine Stimmung evozieren, wie sie intensiver nicht sein könnte. Goethes Gedicht Gefunden fällt mir spontan als Antwort ein: Und pflanzt es wieder / Am stillen Ort. / Nun zweigt es immer / Und blüht so fort. Denn, nein, sie sind ja nicht tot, nicht nur zweigen und blühen sie mit ihren Gedichten in den Versen der Nachgeborenen fort, sondern bleiben, indem ich in ihren Büchern lese, total nahe bei mir: Ich verspüre in diesem Augenblick die greifbare Gegenwart dieser le­benden To­ten, die Stimmen erklingen, diesmal gemeinsam mit Bessie Smith, quasi quadrophon aus allen Ecken vernehme ich sie, die Stimmen, Stimmen, Stimmen, Stimmen, ich stehe auf, blättere – Und nichts zu suchen / Das war mein Sinn – und vertiefe mich in den Büchern von Wolfgang Hilbig, Bilder vom Erzählen · Nicolas Born, Gedichte · Rolf Dieter Brinkmann, West­wärts 1 & 2 · Thomas Brasch, Der schöne 27. Septem­ber · Thomas Kling, wände machn · Oskar Pastior, durch – und zurück.

2009 erinnern Verlage mit lauter schönen Editionen an Horst Bingel (1933–2008), Bertolt Brecht (1898–1956), Carlfriedrich Claus (1930–1998), Hilde Domin (1909–2006), Robert Gernhardt (1937–2006), Michael Hamburger (1924–2007), Gerard Manley Hopkins (1844–1889), Walter Kempowski (1929–2007), Pablo Neruda (1904–1973), Peter Rühmkorf (1929–2008), Hans Sahl (1902–1993) und John Up­dike (1932–2009):

  • Horst Bingel, Den Schnee besteuern
  • Bertolt Brecht, Liebesgedichte
  • Carlfriedrich Claus (TEXT+KRITIK 184)
  • Hilde Domin, Sämtliche Gedichte
  • Robert Gernhardt, Gesammelte Gedichte 1954 – 2006
  • Michael Hamburger, Letzte Gedichte zweisprachige Ausgabe
  • Gerard Manley Hopkins, Geliebtes Kind der Sprache zweisprachige Ausgabe
  • Gerard Manley Hopkins, Auf dem Rückflug zur Erde zweisprachige Ausgabe
  • Walter Kempowski, Langmut
  • Pablo Neruda, 20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung
  • Peter Rühmkorf, Jazz & Lyrik.
  • Hans Sahl, Die Gedichte
  • John Updike, Endpunkt und andere Gedichte

132. (Früher ostdeutsche) Kunstwelten

„Ich fand das gleich ’ne Superidee, dass sich die Akademie der Künste mal aus ihren zwei elitären Tempeln rausbewegt,“ sagt Ulrich Matthes. …

Das Projekt, das Staeck 2006 ins Leben rief, heißt „Kunstwelten“. Eine gute Sache: Stipendiaten und Mitglieder der Institution reisen in ländliche, bisher ostdeutsche Gegenden, um dort mit Schülern Filme zu entwickeln, Gedichte zu schreiben, Theateraufführungen zu stemmen. Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann befürwortet vor allem, dass dabei die „klebrige, ausgedürrte Sprache“ vieler Jugendlicher trainiert wird. Kostproben gibt’s zuhauf: Im Foyer der Akademie der Künste am Pariser Platz hängt seitenweise Teenie-Poesie. In einem Dokumentarfilm erzählen Jugendliche vom Alltag in einer Vorstadt von Bitterfeld. Und ein Vierminüter zeigt die zauberhaft animierten Gedanken einer vierten Klasse: Da hagelt es Prinzessinnen, Monster und Geburtstage. „Natürlich verabreichen wir homöopathische Dosen“, sagt Matthes, der selbst schon Kunstprojekte leitete. „Aber wenn wir zwei Minuten Selbstbewusstsein vermitteln, lohnt sich das Ganze schon.“  / Annabelle Seubert, Tagesspiegel

NB: Vermutlich liest man in Akademieberlin keine (ostdeutschen) Regionalzeitungen wie Nordkurier. Sonst hätte man mehrfach von der Arbeit der (garnicht akademischen) Künstlerin und Autorin Angelika Janz mit Kindern im östlichsten Rand Mecklenburg-Vorpommerns lesen können…

Vgl. L&Poe

2009 Dez 119. Nahsehen in Vorpommern

2009 Nov 117. Der Pasewalker Stadtdetektiv

2009 Nov 79. Poesiefrühstück: Angelika Janz

2009 Mrz 106. Zum Welttag der Poesie

2008 Okt 78. Im Landkreis wird die Kultur abgewickelt

2008 Okt 4. Deutscher Lokaler Nachhaltigkeitspreis 2008 – Zeitzeiche(N) an Angelika Janz

131. Lyrikstationen 2009 (10)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

10

Nicht traurig sein, das wird ein Fest

Sandra Trojan und ihr Debütband Um uns arm zu machen

Das Gedicht ist vor Ort. Es vermisst die Welt und zeigt, wie maßlos und unermesslich sie ist. Das Ge­dicht ist überall, im Irrenhaus, am Krankenbett, auf dem Klo, im Wartezimmer des Arztes, im Cent­ral Park, unter Strommasten, auf dem Pferderü­cken, in den unterschiedlichsten Landschaften.

Jürgen Brôcan

Was stört mich das Geschwätz von gestern, wenn Postbote Guido Büchersendungen bringt, die ich gar nicht schnell genug öffnen kann vor lauter Kitzel und Neugierde, In­teresse und Ungeduld. Umgehend verblassen beim Öffnen der Päckchen und Pa­kete diese schnell hingeworfenen, zumeist für den Moment geschriebenen Posts, Kom­men­tare, Leserbriefe und sonstigen Reaktionen, die wir Tag für Tag im Internet und an­derswo lesen. Wie groß aber ist die (zum Glück in diesen Jahren eher selten eintre­tende) Enttäuschung, wenn ich ein Buch aufschlage, den ersten Text lese, die Mund­winkel sich unmerklich nach unten verziehen und ich, fast verstört schon, den zweiten Text lese, den dritten, den vierten, den fünften – und nichts passiert, das heißt, nicht nichts (denn nichts gibt es ja gar nicht), aber nicht das, was ich mir – na­turge­mäß – jedes Mal erhoffe, wenn ich ein Buch, das Gedichte auf dem Titel ver­spricht, zu lesen.

Kürzlich gab es eine solche Enttäuschung bei einem 2008 erschienenen Band eines schon ein wenig in die Jahre gekomme­nen Autors, der weiter­hin recht viel schreibt und weiterhin relativ erfolgreich zu sein scheint, was die Auflagenzahlen seiner Bü­cher angeht. Im Begleitschreiben des Buches ist von fast tausend in wenigen Mona­ten unter die Leute gebrach­ten Exempla­ren die Rede, eine mich ziemlich verblüf­fende Zahl, denn insgesamt scheint es nach 2000 im Vergleich zu den 90er oder gar 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer schwieriger zu werden, auch her­ausra­gende Ge­dichtbücher an die Frau oder den Mann zu brin­gen. Das lyrische In­ternet, dessen gute Seiten ich sehr schätze, scheint mehr und mehr zur fast über­mächtigen Konkur­renz fürs Gedichtbuch und das In­teresse am Erwerb von Büchern, belohnt mit dem sinn­lichen Genuß des Blickens, Blätterns, Fühlens, Spürens, am Aufbau einer Sammlung immer geringer zu werden.

Ich las und las und las und dachte, was ich immer denke, wenn bedruckte Seiten nicht so bei mir ankom­men, wie ich es dem Autor, dem Buch und mir als Leser wün­sche: Okay, offensichtlich ist das größte anzunehmende Lyrikunheil eingetreten, du bist au­genscheinlich übersät­tigt, offenbar prallen die Gedichte ab heute von dir ab, du hast anscheinend mehr als genug Gedichte gelesen, das kommt dir alles nur noch als zweiter oder dritter Auf­guß vor usw. usw. usw., denn ich empfand nichts als Lan­ge­weile und Desinteresse, und so las ich zwar (wie meistens bei solchen Bü­chern ver­geblich auf Besserung hoffend) viel zu viele Seiten, brach aber ir­gendwann gegen Ende des Bandes den Kopf schüttelnd und vor mich hin brummelnd ab.

Mißmutig verlebte ich den Rest des Tages und dachte kummervoll an eine lyriklose Zukunft: Und schrieb, und schrieb an weißer Wand / Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand. Ich saß da mit schlotternden Knien und totenblaß. Aus und vor­bei. Ich sah in den Garten auf die blattlosen Bäume mit ihren feuchten schwarzen Stämmen und den labyrinthischen Astgerippen, in denen die Vögelein schwiegen. Wie soll dat bloß wiggerjonn? singen die Bläck Föös, und ich begriff erstmals die ele­gisch klingende Frage, die ich seit Jahr­zehnten schon kenne und so oft schon ge­dankenlos mitgesummt habe. Das war’s dann wohl. Mund abputzen und weiterma­chen, wie der ehemalige Manager Rainer Calmund nach Niederlagen seiner Lever­kusener Werks­truppe gebetsmühlenartig posaunte? Hallo?

Am nächsten Tag dann die Büchersendung vom Poetenladen mit der sechsten Aus­gabe der Literaturzeitschrift poet – in der ich in zum Teil hochinteressanten Gesprä­chen mit Friederike Mayröcker (bei jeder Gelegenheit wiederhole ich es gern: ein lyri­scher Liebling), Dagmar Nick, Giwi Margwelaschwili, Reiner Kunze, Urs Widmer und Ger­hard Zwerenz mit eigenen Augen lese, daß diese Autoren quasi nix mitkrie­gen von der Power des ständig über die Ufer tretenden Lyrikstroms, der in diesen 2000er Jah­ren – gleichsam wildgeworden – durch deutsche Städte und Provinzen rauscht. Tief­punkt einiger zum Teil un/freiwillig drollig klingender Aussagen: Und ich muß auch geste­hen, daß ich mit vielen jüngeren Stimmen, wenn ich sie in Zeit­schriften finde, nichts anfangen kann – daß ich sie einfach nicht verstehe oder über­flüssig finde (Dagmar Nick) – sowie, und jetzt kommt’s, endlich, endlich, Sandra Trojans Gedicht­band Um uns arm zu machen.

Wenn ich in Bienen spreche
meine ich Unschärfe, Murmeln
Nektar am Mund. Und wenn ich in
Birnen spreche, in Äpfeln, in Zellen
in Kisten, von Zungen zerfressen
in Zungen, in Menschen, meine ich
Menschen:Schwärme gestempelt
innen & außen, ein Bienentanz
und damit meine ich: Bienentanz

Gleich vom ersten Gedicht Wenn ich in Bienen spreche werde ich hellwach ge­summt. Jedwedes dräuende Hirn­gespinst hat sich im Nu in Nichts aufgelöst. Ich schwebe durch den Funkenflug der Wörter, beginne umgehend im Rhythmus der Verse zu at­men und bin ebenso beglückt und begeistert, wie es Mi­chael Gratz, Her­ausgeber der Lyrikzeitung, nach der Lektüre dieses die Le­ser reich machen­den Ly­rikbands in der Nachricht 58 vom 12. März 2009 – Frisch aus der Post – be­schreibt.

Während ich in diesen Tagen in Jörg Bernigs wüten gegen die stunden und Björn Kuhligks Von der Oberfläche der Erde unter den vielen Gedichten einzelne (sehr) starke Stücke finde, deren Duktus im Ge­dächtnis haften blei­bt, besticht in Sandra Tro­jans Buch die Ge­schlossenheit des durchgängig beseel­ten, schwingen­den, viel­fälti­gen Ganzen, des­sen energisch auf­tretende Teile weitest­gehend zu einer Wortge­stalt ver­schmelzen, die ich gnadenlos meiner Lyrik­seele einverleibe.

Sandra Trojan hat früh gefunden, was manche frei­lich oft vergeblich beim Schreiben aufzuspüren su­chen: Stil (Wenn er da ist, ist es gut, Norbert Hummelt), dynamisch erwachsen aus vielen einfach guten, resonan­ten Wörtern, deren Lebenssaft mir die Lefzen herunter­läuft: Und wollene Moose spannen straff. Diesem herrlich geglückten Gedichtbuch wünsche ich tausend Le­ser – und noch 354 mehr.

  • Jörg Bernig, wüten gegen die stunden
  • Jürgen Brôcan und Jan Kuhlbrodt (Hg.), Umkreisungen. 25 Auskünfte zum Gedicht
  • Andreas Heidtmann (Hg.), poet
  • Norbert Hummelt und Klaus Siblewski, Wie Gedichte entstehen
  • Björn Kuhligk, Von der Oberfläche der Erde
  • Sandra Trojan   Um uns arm zu machen

130. Fest für Herta Müller

Die Gefeierte selbst, ernst wie immer, trug aus hintergründigen Textcollagen vor und erinnerte daran, dass an diesem Tag vor zwanzig Jahren 1700 Menschen bei einem Aufstand in der rumänischen Stadt Temeswar getötet wurden. „Für diese Toten“ las sie, den Tränen nah, ein Gedicht auf Rumänisch. Es war der bewegendste Moment einer Feier für eine Dichterin, die – das zeigte Herta Müllers scheue Verbeugung beim Schlussapplaus der stehenden Zuschauer – sich nicht gern feiern lässt. / Andreas Schäfer, Tagesspiegel 20.12.

129. In Schenks Berlin

Johannes Schenk, rundes Gesicht, verträumte Augen und meist ein Lächeln um die Lippen, war einer von ihnen und dann auch wieder nicht, denn seine Welt war die der Seefahrer. „Die Schiffe, das Meer und die Häfen am Rande haben mir die Bilder geschenkt, die ich beim Schreiben brauche. Es sind manchmal etwas nasse Metaphern, aber ich nehme es hin. Hab sie ja erfahren“, schreibt er in seiner Gedichtsammlung „Überseekoffer“. Das Buch verlegte er 2000 im Eigenverlag, doch die Figuren seiner farbenfrohen und tatsächlich etwas arg durchnässten Gedichte scheinen aus dem 19. Jahrhundert zu stammen: Piraten und Zirkusakrobaten tummeln sich in den balladenartigen Gedichten, vor allem aber Matrosen, Kapitäne und schöne Frauen, die in den fremden Häfen auf Seefahrer warten. Schenks Sehnsucht glich damit nicht der seiner Generation, die lieber als herumschweifende Haschrebellen Goa, Kathmandu oder Afghanistan anpeilten. Sie schien vielmehr aus einer Zeit zu stammen, als die weißen Flecken auf der Landkarte noch zahlreich waren. …

In Schenks Berlin begnügte man sich dagegen nicht mit Träumen: In Kreuzberg wehrten sich die Bewohner in den siebziger Jahren heftig gegen das Vorhaben, eine Autobahn quer durch ihr Viertel zu legen, bald darauf gab es die ersten Krawalle am 1. Mai. Dem friedlichen Schriftsteller, der in den sechziger Jahren seine ersten Gedichtbände „Bilanzen und Ziegenkäse“ und „Zwiebeln und Präsidenten“ veröffentlichte, war das zu gewalttätig. „Er war nicht politisch, er wollte die Welt nur ein wenig schöner machen“, sagt Natascha Ungeheuer und erzählt vom Schenkschen Sonntagscafé, das er 1986 sieben Jahre lang in einer alten Fabrik in Kreuzberg betrieb. Schriftstellerfreunde wie Kurt Mühlenhaupt oder Jurek Becker lasen dort, der Maler A.R. Penck trat mit seiner Penck Band auf und immer wieder der Hausherr selbst. „Johannes war eine Lokomotive beim Lesen, er hat die Leute warm gelesen“, sagt Ungeheuer und springt auf, um einen alten Radiomitschnitt vorzuspielen. Schenks Stimme hat darin zwar nichts von einer Maschine, dafür fließt sie dunkel und samten wie ein Fluss durch das Erzählgedicht. Die klassischen Regeln der Dichtung sind Schenk dabei egal, auch haben seine Verse wenig mit moderner Lyrik gemeinsam, der Verfasser erlaubt sich vielmehr einen sehr persönlichen Stil: „Meine Grammatik ist das Leben, das ich sehe, fühle, rieche und schmecke“, schreibt er einmal. Wer das nicht mag, wird mit den Schenk“schen Versen nichts anfangen können.

Das wahre Leben war weniger nahrhaft, die eigenen Gedichte und Romane zu verlegen wurde für das P.E.N.-Mitglied im Zeitalter „der Maschinerie aus Quarz“, wie er den Computer abfällig nannte, immer schwieriger. Die letzten Bücher erschienen nur im Eigenverlag. / LAURA WEISSMÜLLER, SZ 11.12.

JOHANNES SCHENK: Die Gedichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2009. 3 Bände, 1386 Seiten, 59,90 Euro. Der Roman Jo Schattig ist ebenfalls im Wallstein Verlag erschienen, 220 Seiten, 19,90 Euro.


128. Dum derra dum!

Den etwas düsteren, schmalen Eingang zum Buchladen könnte man glatt übersehen, und drinnen kommt man aus dem Staunen nicht heraus – ausgerechnet hier zwischen Körperskulpturen und Jongleuren, Taschenspielern und abgewrackten Gurus, hier auf der all-American Meile aus Rummelplatz und Laufsteg, Sportplatz, Strandpromenade und Eitelkeitskirmes: keiner dieser standardisierten Buchsupermärkte, vollgestapelt mit qietschbunten Bestsellern, dum dum, und mindestens fünfzig Kaffeevariationen im Ausschank, sondern ein liebevoll und sachkundig sortierter, unabhängiger Laden. Allein fünf Regale voll Lyrik! Dum derra dum! / Klaus Modick besucht eine Buchhandlung in Venice Beach, taz 19.12. (ob er ein Buch aus diesen 5 Regalen gekauft hat, ist nicht überliefert)

127. Elias, das Opfer auf dem Karmel

Aus Hans Zimmermanns 9. Rundbrief 2009
4. Advent 2009

Liebe Freunde,

nun geht das Mendelssohn-Bartoldy-Jahr zuende, und so wurde es Zeit, mit Blick auf das großartige Oratorium dieses Komponisten die Eliaskapitel aus dem 1.Könige-Buch zu vervollständigen: Es fehlte ja noch das große zentrale Kapitel über das Opfer auf dem Karmel zwischen der märchenhaften Erzählung vom Aufenthalt des Elias bei der Witwe und ihrem Sohn und der meditativ-stillen Gottesberührung, die gerade die Feuer des dramatischen Brandopfers auf dem Karmel und die darauf folgenden Regenfluten transzendiert. Ohne dieses Durchschreiten der elementarischen (wie in Mozarts Zauberflöte) und seelischen (wie in Wagners Siegfried) Schwellen bliebe das Wirken des Elias eine Restauration des Gottes Israels, ein Kampf um die geistige Führung der zwölf Stämme, und immerhin eine Beseitigung der Verehrung des „Herrn“ (das ist die Bedeutung des Titels „Baal“) durch Er-Klärung Gottes als des Daseinsgrundes aller Ichbinheit bzw. der Ich-Bin-Gründung allen Daseins (JHWH). Es ist paradox, ja absurd, daß ausgerechnet der „Herr“-Titel später den Gottesnamen verdeckt, ersetzt und umgepolt hat, so daß das Urteil des Volkes bei Mendelssohn dann lautet: „Der Herr ist Gott“. Wie, also doch der Baal, der „Herr“, statt JHWHs, des Ichbin-Grundes allen Daseins? Man möchte den Kopf zwischen die Knie legen und weinen.

Aber, wer hier schon weint, was will der tun, wenn er liest, wie Elias die „Herren“-Priester abschlachten läßt, und wenn er im Oratorium den mitfühlsamen Psalmvers hört, „ob tausend fallen zu deiner Seite und zehentausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen“? Meine Güte, das ist derartig alt, derartig archaisch, derartig abartig — nein, bei aller Brutalität dieser selbstherrlichen Chöre: ich glaube dem romantischen Klassizisten von 1846 nicht, daß er auch nur einen Funken der Feuergewalt verstehen konnten, die hier zum Ausdruck gekommen ist, und seine protestantisch-biederen Hörer schon gar nicht: Eingezwängt in die Kirchenbänke oder sittsam auf Konzertstühlen sitzend, folgsame Ohren für Gehorsamsprediger oder pinguinberockte Kapellmeister, zugleich auch zivilisationsstolze Kolonialherren über die Wilden in Übersee, denen man den Glauben an den „Herrn“ aufzäumt, an den „Herrn“ — war das die Geistkraft des Elias, des Elischa, des Nazoraios Johannes?

Hans Zimmermanns Quellensammlung aus 12 Sprachen

126. Mayröckers Zettelwirtschaft

Das Werk der Dichterin Friederike Mayröcker, die morgen Sonntag unglaublicherweise 85 Jahre alt wird, ist nicht allein den pulverigen Sandspuren von Deinzendorf entsprossen: jenem Ort im Bezirk Hollabrunn, dessen Fauna in „langsamen Blitzen“ die Bilderketten der Lyrikerin durchwirkt.

In Deinzendorf war Mayröcker noch ganz das behütete Kind: jene „Fritzi“, deren Zettelwirtschaft den Literaturbetrieb bis heute in ungläubiges Staunen versetzt. Kindheitslandschaften sind das Formularpapier, in das poetische Existenzen eingetragen werden. Mayröcker, deren Arbeit vegetabil erscheint – und somit gegen äußere Erschütterungen unempfindlich -, deren Texte in scheinbar organischem Wachstum aus Wortsprossen und Zitat-Keimen hervorgehen, hat die Fährnisse des Zeitverlusts endgültig überwunden.

Ihre fragilen, dennoch streng und gewissenhaft bearbeiteten Notate gleichen Explosionserscheinungen. Die Elemente der Sprache, durchaus schockhaft gegeneinander gesetzt, beginnen einander in lockeren Gebilden wechselseitig zu erhellen: „Ich bin so traurig jetzt und habe Angst vor dem / Verlassen dieser Welt die ich so sehr geliebt mit ihren Blüthen / Büschen Bäumen Monden mit ihren wunderbaren nächtlichen / Geschöpfen.“

Es wird gerne vergessen, dass Mayröcker während vieler Jahre die Existenz einer öffentlich wenig gelittenen Dichterin durchleiden musste, ehe sie zur Prima inter pares werden konnte. / Ronald Pohl, DER STANDARD 19.12.

Friederike Mayröcker schlägt mit ihrer obsessiven „Schreibdrangseligkeit“ dem Alter ein Schnippchen. Ihre Texte altern nicht. Vielleicht, weil sie immer aus Neu-Gier auf Welt entstanden sind; weil die Autorin jedem neuen Tag nachspürt, in Liebe und Leid, Verzückung und Demut. So stehen wir fassungslos vor ihrem Alter und freuen uns über das magische Junggebliebensein ihrer Arbeiten. / Walter G. Goes, Ostsee-Zeitung Rügen 19.12.

Die Presse-Umfrage zum 85. Geburtstag der großen österreichischen Schriftstellerin. Elfriede Jelinek, Evelyn Schlag, Peter Handke, Julian Schutting, Bodo Hell, Franz Josef Czernin, Kathrin Röggla, Andreas Okopenko, Andrea Winkler: Wer ist Friederike Mayröcker?

Interview der Presse vom 7.11.:

Frau Mayröcker, das letzte Mal haben wir uns zum Interview noch in Ihrer Wohnung getroffen. Gibt es dort noch das Taferl mit der Aufschrift „Tabu“, das die Räuber fernhalten soll?

Friederike Mayröcker: Ja, das Taferl gibt es noch. Aber in die Wohnung lasse ich niemanden mehr hinein. Alle Interviews, die ich jetzt gebe, gebe ich im Tirolerhof. Bei mir ist es viel zu voll, und das, obwohl ich noch eine Wohnung dazubekommen habe, die von Ernst Jandl. Aber dort schaut es mittlerweile genauso aus.

Vor zwölf Jahren haben Sie noch gesagt, Sie würden aufräumen, sobald Sie mit dem Buch fertig sind.

Das habe ich aufgegeben.

Bücher, Manuskripte, Notizen, Briefe: Haben Sie immer schon gesammelt?

Das ist kein Sammeln! Da sammelt sich vielmehr etwas an. Es ist wie in einer Fabrik oder einer Werkstätte. Was sich bei mir anhäuft, ist das Material, mit dem ich arbeite. Ich mache mir auch andauernd Notizen: Wenn ich unterwegs bin, schreibe ich auf kleine Zettel, wenn ich in meinem Bett liege, in ein A4-Heft. Das Material wird dann verarbeitet. Aber ich habe nie gesammelt: Ich flehe meine Freunde sogar an, mir ja nichts mitzubringen, mir auf keinen Fall etwas zu schenken!

Mehr zu Mayröckers Geburtstag: ND 19.12. (Gunnar Decker) / Wiener Zeitung / Die Presse 17.12. /

Die ORF-TV-Kulturredakteurin Katja Gasser widmet der Dichterin das Porträt „Rasen und Rotieren im Kopf“, das an Mayröckers Geburtstag (20. Dezember) um 9.55 Uhr in ORF 2 und bereits am Vorabend auf 3sat (19.20 Uhr) zu sehen ist.

Ö1 feiert die Jubilarin am 20. 12. (21.15 Uhr) mit einem Zusammenschnitt jener Festveranstaltung, die zu Mayröckers Ehren im RadioKulturhaus ausgerichtet wurde.
„Ö1 extra“: „Sprachgeschenke“

ORF Nachtbilder – Poesie und Musik
Scardanelli
Musik von Miles Davis
19. Dezember 2009
00:08 Uhr Mehr

„Tonspuren“: „Fritzi und ihre Fans“ (18. Dezember, 22.15 Uhr in Ö1)

„Rasen und Rotieren im Kopf“ (20. Dezember, 10.05 Uhr, ORF 2)

125. Lyrik ist schwyrig

Man kennt ihn als Kult-Regisseur der schrägen Komödie „Wer früher stirbt, ist länger tot“, der Kassen-Knüller von 2006. Doch die Kunst des Kabaretts ist ihm auch vertraut: Seit seiner Jugend verfasst Marcus H. Rosenmüller Gedichte und Lieder

Ähnlich multitalentiert als Musiker, Kabarettist und Schauspieler (seit 2004 etwa als Minister Söder im Singspiel beim Starkbieranstrich am Nockherberg) ist Stephan Zinner. Nun konnte man beide bei einem kabarettistischen Gastspiel im Wirtshaus Zum Gutmann erleben….

Rosenmüller trägt eigene Gedichte vor, die durch schräge Reime und skurrile Inhalte gefallen: „Muss der Reim denn immer sein / Kann man sich nicht vom Reim befrei’n? / Sakradi, mir fallt nix ein“, reimt er, um programmatisch hinzuzufügen: „Lyrik ist schwyrig!“. Anschließend straft er sich selbst Lügen, wenn ihm Reime glücken, die einem Poeten wie Peter Rühmkorf zur Ehre gereichen hätten. / Walter Buckl, Donaukurier

124. Neuropolitik Teil II: „Sind die Monster zahm geworden?“

„As long as presidents and politicians in general
behave like criminals in the opinion of their nations,
there will be people angry enough to stop them.
So better be honest to survive as a leader!“

(Ernest Otto Friedell 1898-1993)

G&GN-INSTITUT BERLIN New Cologne (Teil I siehe 6.9.09) / Was „politische Lyrik“ sei, beantwortet Tom de Toys seit über 20 Jahren mit seiner „Direkten Dichtung“ auf seine eigene Art, nämlich in einem unzeitgemäßen Versuch, sowohl seelische als auch soziale Themen in einer interdisziplinären Fusion zu synchronisieren. Zu Zeiten der „SocialBeat“-Bewegung brauchte man weder die „politische“ Frage (man hatte „seinen“ Brinkmann) noch die „spirituelle“ (man hatte „seinen“ Ginsberg) zu stellen: man war SOWIESO voller „Wut“ UND „Visionen“ (in einem damaligen Radio-Interview mit Hadayatullah Hübsch anläßlich eines der legendären SB-Festivals schön dokumentiert), BEIDE Denkfiguren waren die seelischen (Ab-)Gründe, um überhaupt als Dichter öffentlich zu werden! Und auch in den späten 90ern des letzten Jahrhunderts waren die anfänglichen Poetry Slams noch ganz selbstverständlich eine brodelnde Politperformance. Die „INFLATION DES KRITISCHEN“ im sogenannten „Underground“-Literaturbetrieb bis zum Endstadium des Verfalls aller authentisch „engagierten“ Textproduktionen erreichte ihren Höhe- und Schwerpunkt in der neuen Gattung der „Comedyliteratur“, die sich gerne hinter dem etwas cooler klingenden Markenzeichen „Clubliteratur“ versteckt. Heroische Anti-Koma-Ausnahmen in diesem salonfähig etablierten, dekadenten, massenmedienkompatiblen Slambetrieb bilden heutzutage grandiose kritische Texter & Performer wie der erwachsen gewordene Toby Hoffmann und die Wienerin melamar, aber die restlichen angeblichen „Monster“-Poeten (apropos: als Dichtermonster bezeichnete sich De Toys bereits 1994, die FAZ griff das dann 1997 im Autorenportrait auf) treiben eher „bemüht“ alkoholisiert oder akademisiert durch die jeweilige Splittergalaxie… Eine wirkliche „WÜTEND-VISIONÄRE“ Vernetzung der ganzen Bandbreite „subversiver“ Poeten im deutschsprachigen Raum, um zu einem fulminanten Schlag gegen die Oberflächlichkeit der Gegenwart auszuholen (ja, es gab solche Anliegen einmal wirklich – lang ists her! Gruß an Yussuf Schönauer & Thomas Nöske), scheitert letztlich daran, daß es gar keinen Begriff von Subversion mehr in einem alles als Pop „komplex“ aufsaugenden Zombietum gibt (Adonis ist tot, Adorno auferstanden!) – oder um es mit einem Slogan zu sagen, den man in manchen Szene-Locations auf T-Shirts gedruckt lesen kann: „THE REVOLUTION IS NOT TELEVISED“. Soll heißen: wer was wann wo eigentlich wirklich tut, um die Welt zu verändern, steht in den Sternen (manchmal auch in Pommern), aber nicht in den Büchern… also wird Hubble die Zeichen bestimmt bald entziffern 🙂 Zum Abschluss dieses kurzen Ausfluges in die Tiefenprärie der Schöngeistigkeit möge ein brandneues Poem von De Toys erwähnt sein, das soeben in dessen myspace-Blog aktiviert wurde, wo es nun die nächsten Jahre digital abkühlen kann:

Tom de Toys, 14.+18.12.2009

XX-MAS(ZEN)

wieviele jahre sollen noch nutzlos
an uns vorüber ziehen und wieso
versuchen verantwortliche vor der
wahrheit wie wundern zu fliehen
sobald der erste schnee rieselt wird
jeder reiche zum mörder in anderen
regionen des paradieses bedarf es
keiner chemischen zauberei die
allerkleinsten engelwesen mutieren
durch außerirdische gesetzeslücken
zu eintagsfliegen als vorspeise für
präsidenten im hochsicherheitstrakt

INTERNETQUELLEN:

TOM DE TOYS „XX-MAS(ZEN)“ © by G&GN-Trademark POEMIE:
http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=482406116&blogId=522737337

MELAMAR: http://www.myspace.com/melamarpoetry

TOBY HOFFMANN: http://www.myspace.com/hoffmannpoetry

123. Umbra vitae

Nacht, Somnambule, Irre, Krieg, Hora mortis, Morgue – bereits einige Titelstichworte von Georg Heyms Nachlassgedichten lassen ahnen, worum es in der Sammlung „Umbra vitae“ geht: um „Schatten des Lebens“, erhascht in wüsten „Nebelstädten“ und im „Mauergestrüpp“ trister Hinterhöfe, auf Trümmerfeldern und Grabstätten, an dunklen Teichen und im „Garten der Irren“. Heym, der 1912 mit 24 Jahren beim Eislaufen in Berlin verunglückte, war ein Meister poetischer Intensität, besonders auf dem Gebiet des Untergangs. Im Titelgedicht „Umbra vitae“ heißt es etwa: „Selbstmörder gehen nachts in großen Horden, / Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen, / Gebückt in Süd und West und Ost und Norden, / Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen.“Auf einen Blick verdichtet finden sich Heyms abgründige Themen in den Illustrationen zur gediegenen Edition von „Umbra vitae“ im Kurt Wolff Verlag München (1924), die textlich auf der Erstausgabe bei Rowohlt (1912) basiert. Dieses Juwel expressionistischer Buchkunst ist jetzt als Nachdruck erschienen… / Alexander Košenina, FAZ

Georg Heym: „Umbra vitae“. Nachgelassene Gedichte. Mit 47 Originalholzschnitten von Ernst Ludwig Kirchner. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 2009. 66 S., geb., 52 S., br., 34,90 €.

122. Lyrikstationen 2009 (9)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

9

das Denken völlig unter den Begriffen zu ersticken –
In der Zwischenzeit, mein lieber Sohn,

Geht der Gesang zu Ende

In A. J. Weigonis Novelle Vignetten (poetenladen.de/theo-breuer-weigoni.htm) lese ich:

In der Antike kamen am mittelländischen Meer Menschen aus verschiedenen Weltgegenden zu­sammen, sie praktizierten eine Atmosphäre des freien geistigen Austauschs. Die Bibliotheca Ale­xandrina ist daher nicht nur ein Reich des Geistes, sondern auch ein Geisterreich.

Brennglas. Zur Subversion wird ihnen die Mattigkeit. Die Teilhabe an dieser Welt besteht für Na­taly und Max im Lustwandeln. Die rhythmische Berührung der gezeichneten Erde mit den Füßen ist ihre rituelle Weltbeschwörung. Im Unterwegs-Sein bringen sie ihre Befindlichkeiten behutsam zum Sprechen, indem sie ihre Wirklichkeit im Zusammenspiel mit anderen Realitäten untersu­chen; sie deuten ihre Innenwelt auf der Suche nach dem wahren Sinn und Inhalt solange aus, bis sie am Ende der Interpretation neben sich steht wie ein zweites Phänomen er Sache selbst. So befreien sich Nataly und Max Schritt für Schritt von einem unseligen Verfahren: das Denken völlig unter den Begriffen zu ersticken.

Die abgewetzten Begriffe sind nicht aus der Welt zu schaffen. Man verwendet sie vor allem auch dann, wenn es schnell gehen soll mit einer Antwort, einer Festlegung. Ich bin für die Abschaffung der Begriffe, versuche sie möglichst zu vermeiden. Statt­des­sen – du wort mit ach und och (Helmut Krausser) – plädiere ich für: Wörter   Wörter   Wörter mit (und ohne) Bodenhaftung wie Ampel, Bratkartoffeln, Café, Di­mitroffstraße, Engel, Fußspitze, Glühlampenwerk, Hinterzimmer, Inhaber, Janis Jop­lin, Keilriemen, Leberwurst, Messer, Nadel, Ofen, Pfau, Rollstuhl, Standfrau, Trach­tenmusik, Uhr, Vorgänger, Watte, Expresso, You-Tube, Zitronenkuchen – die ich in Florian Günthers herrlich lebendig-schnoddrigem Mir kann keiner lese.

Ich bin grund­sätzlich selten verstimmt, aber profilarme Begriffe wie Liebeslyrik, Na­turlyrik oder politische Ly­rik ma­chen mich zornig. Da wirkt Tom Schulz im Vorwort des saustar­ken Sammelbands alles außer Tiernahrung schon wieder besänftigend, wenn er von viel­schichtig politisch spricht, und in der Tat bleibt in den ausgewählten Gedichten die (immer wieder fein verschlüsselte) Botschaft sekundär, spielen Wort, Klang und Form die erste Geige. Lyrik ist Lyrik ist Lyrik. Im Prismenglas des Gedichts geben sich alle wesentlichen Aspekte des Daseins mit ihrem gleichsam unendlichen Farbenreichtum ein immerwährendes Stelldichein. Wäre das Gedicht An die Nach­ge­bore­nen kein gelungenes, originelles Gedicht, die politische Aussage wäre bes­ser in ei­ner Tages­zeitung aufgehoben. Im Brechtschen Sound bleibt es allgegenwär­tig, ist stets abrufbar: Was sind das für Zei­ten, wo / Ein Ge­spräch über Bäume fast ein Verbre­chen ist / Weil es ein Schwei­gen über so viele Untaten einschließt!

Die wunderbar klingenden, vielschichtigen Gedichte Wil­helm Lehmanns (Lehmann war einer der wichtigsten Exponenten der Lyrischen Moderne. Er gehört als Theore­tiker in die Linie Poe, Valéry und Benn, Rudolf Hartung) werden gern unter dem Beg­riff Naturlyrik subsumiert und das Nachdenken über Lehmanns Lyrik unter einem ein­zigen Begriff erstickt. Lehmann? Ach ja, der Naturlyriker, und weiter geht’s im Text. Wilhelm Lehmann (Schwarzer Blitz, Holunderbeere) schrieb brillante Ge­dichte; wie einen Schatz hüte ich den in goldgelbes Leinen eingebundenen Sam­mel­band Meine Gedichtbücher von 1957, der mit diesem Gedicht einsetzt:

An meinen ältesten Sohn

Die Winterlinde, die Sommerlinde
Blühen getrennt –
In der Zwischenzeit, mein lieber Sohn,
Geht der Gesang zu End.

Die Schwalbenwurz zieht den Kalk aus dem Hügel
Mit weißen Zehn,
Ich kann es unter der Erde
Im Dunkeln sehn.

Ein Regen fleckt die grauen Steine –
Der letzte Ton
Fehlt dem Goldammermännchen zum Liede.
Sing du ihn, Sohn.

Seit einiger Zeit wird erfreulicherweise erneut versucht, das Werk Wilhelm Leh­manns, der von 1882 bis 1968 lebte, zu neuem Dasein zu erwecken. Gesammelte Werke in acht Bänden erscheinen bei Klett-Cotta. Seit 2004 gibt es in Kiel die Wil­helm-Leh­mann-Gesellschaft, die 2009 den nach Lehmann benannten Literaturpreis ins Leben rief. Erster Preisträger ist Jan Wag­ner.

An all das dachte ich, als ich am 13. Oktober 2009 zusammen mit Shafiq Naz, dem Herausgeber des deutschen Lyrikkalenders, Hans Bender besuchte und die­ser mir unvermittelt einen großen Ordner in die Hand drückte, der durch einen glück­lichen Zufall nicht beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs mit den vielen anderen Ordnern, die das 27.000 Briefe, Karten, Manuskripte und Notizen umfassende Hans-Bender-Ar­chiv beherbergen, in die Tiefe gerissen wurde – womit auch der Verfasser von Wie es kommen wird nicht gerechnet hatte.

Bebend blätterte ich und stieß wie vom Blitz getroffen auf handgeschriebene Ge­dichte und Briefe von Wilhelm Lehmann. Ich verspürte sekundenlang eine starke ganzkör­perliche vegetative Reaktion, begriff ich doch in jenem Augenblick erst, und das auf wahrhaft sinnliche Weise, was am 3. März 2009 in der Kölner Severinstraße gesche­hen war. Als ich es aus den Nachrichten erfuhr, galten meine Gedanken den beiden tödlich verunglückten jungen Menschen, das Archiv interessierte mich zu­nächst über­haupt nicht. Erst in den Wochen danach machte ich mir klar, was eigent­lich passiert war, verfolgte regelmäßig die Bergungsarbeiten und hoffe, daß sich im Laufe der nächsten Jahre zeigen wird, daß der überwiegende Teil der unschätzbaren Sammlung gerettet wurde und nur das Wenigste unwiederbringlich verloren ist. Hier saß ich in der Taubengasse, ganz in der Nähe der Severinstraße, hielt das liebevoll arrangierte Dokument in Händen und konnte es einfach nicht fassen.

Respekt vor der Schöpfung, vor dem Daseienden, Genauigkeit des Sehens, die Empfindung, daß alles nur einmal vorhanden ist und nur in verwandelter Gestalt immer herrscht: das wäre gewis­sermaßen die Inhaltsangabe meiner Gedichte.

Das gelungene Gedicht versetzt Menschen wie Dinge aus einem ungenauen in einen genauen Zustand. Es betrügt ihn und sie gerade nicht um das Dasein, sondern verleiht es ihnen.

Wilhelm Lehmann

  • Hans Bender, Wie es kommen wird
  • Florian Günther, Mir kann keiner
  • Helmut Krausser, Auf weißen Wüsten
  • Tom Schulz (Hg.), alles außer Tiernahrung