Sonnabend abend sah ich eine TV-Sendung über Friederike Mayröcker und las einige Artikel zu ihrem Geburtstag. Im Gespräch erwähnte sie auch, daß sie manchmal Gedichtzeilen träume und dann sofort aufschreiben müsse, um sie nicht zu verlieren. Vor dem späten oder frühen Zubettgehen stellte ich noch eine Folge von Theo Breuers Fortsetzungsessay Lyrikstationen 2009 online, in der er Sandra Trojans Bienen-Gedicht höchlich und zu Recht lobt (wie auch den gesamten Gedichtband). „Wenn ich in Bienen spreche“. Im Traum dann war ich 20 Jahre jünger, Revolution war in Greifswald, Herbst 89. Es gab drei Gruppierungen mit heftig konkurrierendem Programm, eine nannte sich Bienensprecher. Ich wußte im Traum, daß ich ihn vergessen würde, wenigstens dies wollt ich behalten.
Kurz vor Kriegsende, im Mai 1945, herrschten in Schleswig-Holstein unbeschreibliche Zustände; das kleine Land war überfüllt mit Soldaten und Flüchtlingen. Bei Wilhelm Lehmann in Eckernförde war eine schwangere Frau aus Ostpreußen untergebracht. Als es so weit war, sei er ins Nachbardorf geeilt, um die Hebamme zu holen. Unterwegs überkam es ihn dann – die sommerliche Natur triumphierte über das vom Menschen angerichtete Chaos: „Als ich die vertrauten Wege lief, bemächtigte sich meiner die getroste Glorie des hellen Junitages. Der Wind, uns meist befeindet, hatte sich gelegt. Eine grüne Pastorale tat sich auf. Die Wesen riefen: ‚Wir sind auch noch da!‘ Im Schutz eines Steinbruchs breitete sich ein weißes Beet samenden Wollgrases; Spindeln, Rocken gleich, ragten die Stängel. Der Roggen blühte, der Sand wärmte. Der fade Todesernst setzte aus, eine Ordnung gegen alle Unordnung drang durch…. Ich eilte, aber ich hastete nicht.“
Lehmann erzählte dieses Erlebnis 1961 im Rahmen seiner Münchner Poetik-Vorlesung über die Entstehung von Gedichten. Leider ist nicht überliefert, wie der Vortrag bei den Zuhörern ankam. Zwar befand sich Lehmann, als Dichter ein Vertreter der „Inneren Emigration“, zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Doch stand die Naturlyrik bereits unter Ideologieverdacht, zumal unter der jüngeren Generation. Bertolt Brechts Klage, dass ein Gespräch über Bäume ein Verbrechen geworden sei, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt, war längst ein geflügeltes Wort. Der junge Peter Rühmkorf etwa höhnte über die lyrische „Utopie aus dem Blumentopf“, die bei dem nach Sinn und Vergessen suchenden Publikum der 1950er-Jahre so beliebt war. …
Wilhelm Lehmann wurde in der jungen Bundesrepublik als „Nestor der deutschen Lyrik“ gehandelt, als Kopf einer „naturmagischen Schule“. Doch war er, wie seine Rezensionen, Glossen oder „Gedenkblätter“ zeigen, im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit ein Außenseiter. Für Lehmann blieb der Dichter ein „Seher“, waren „Ergriffenheit und Staunen“ „erzeugender Grund“ einer Dichtung, die dem modernitätsgeschädigten Menschen Heilung versprach. Der Kahlschlaglyrik eines Günter Eich (der Lehmann im Übrigen verehrte) stand er genauso ablehnend gegenüber wie der Gedankenlyrik seines Antipoden Gottfried Benn, wie er einem konsternierten Horst Bienek erklärte. Rilke warf er vor, die Dinge für sein Programm der Verinnerlichung missbraucht zu haben, und dem DDR-Lyriker Peter Huchel, der in Westdeutschland mit Preisen überhäuft und auf eine Stufe mit Hölderlin gestellt wurde, widmete Lehmann eine seiner wenigen Polemiken, in der er Huchel Unanschaulichkeit und mangelnde Präzision bescheinigte. / Oliver Pfohlmann, literaturkritik.de
Wilhelm Lehmann: Gesammelte Werke in acht Bänden. Band 7, Essays II.
Herausgegeben von Wolfgang Menzel.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2009.
594 Seiten, 40,00 EUR.
ISBN-13: 9783608950465
Zwischen Prosa und Lyrik bewegt sich das Werk der Literatin und Dichterin Friederike Mayröcker. Erzählungen, Gedichte, Hörspiele, Bühnentexte und Experimentelles zählen zu ihrem Schaffen. Heute feiert sie ihren 85. Geburtstag.
„Ich kann alles durch meine Augen in mich aufnehmen und aus mir herausschreiben“, so Mayröcker. Die österreichische Poetin schuf mit nahezu 100 Publikationen ein umfangreiches und eigenwilliges Werk.
Am Sonntag wird sie 85 Jahre, denkt aber noch lange nicht ans Aufhören: „nur nicht enden möge diese Seligkeit dieses Lebens nur nicht enden / ich / habe ja erst angefangen zu schauen zu sprechen zu schreiben zu weinen“, heißt es etwa in einem im März dieses Jahres erschienen Gedichtband.
Seit über 50 Jahren erscheinen in dichter Folge Prosa- und Lyrikbände von Mayröcker. Ihre nächste Prosaarbeit „ich bin in der Anstalt. Fußnoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“ kommt im Mai heraus. / ORF
Mehr: Mayröcker ist 85: „Ich lebe nur in Sprache“ (ORF) / Ich bin eine Bettlerin des Wortes“ (ORF) / Die Promi-Geburtstage vom 20. Dezember 2009: Friederike Mayröcker (Trierischer Volksfreund) /
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
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Das Wiedersehen
Von fern gleicht er noch einem, den man kannte,
das weiße Haar, wie Kohle, die verbrannte,
wie Asche, noch warm von erloschenen Feuern,
was nützt es, einem Toten zu beteuern,
daß er noch lebe, er weiß es besser,
er hat den Fuß bereits erhoben
zum Schritt in eine unermeßliche Tiefe
und schaut noch einmal dankbar nach oben
und wendet sich ab, als ob jemand ihn riefe.
Hans Sahl
Wie wohl wäre es 2009 im Lyrikbetrieb des deutschen Sprachraums zugegangen, hätten Robert Gernhardt (1937–2006), Thomas Kling (1957–2005) und Ernst Jandl (1925–2000) nicht in den Jahren seit 2000 die Stifte für immer aus der Hand gelegt? Wenn man bedenkt, wie wenig Platz der Lyrik in den Print-Medien des Feuilletons grundsätzlich bloß eingeräumt wird, gehörten diese drei Dichter zu den poetischen Platzhirschen, denen immer wieder mehrspaltige Artikel eingeräumt wurden, die phasenweise in den Kulturhimmel gehoben wurden, zählen doch alle drei zu den Menschen in der Lyrik, die, jeder auf seine extrem eigenwillige Weise, sowohl originelle Gedichte schrieben als auch mit ihrer bemerkenswerten Art publikumswirksames Aufsehen erregten. Durchaus denkbar also, daß die Zeitungsspalten auch in den letzten Jahren in erster Linie von diesen Herren besetzt geblieben wären. Der arglosen Öffentlichkeit wäre womöglich ein völlig anderes Bild vermittelt worden. Welchen Einfluß hätte das möglicherweise auf die Lyrik, die Verlagsprogramme, den Lyrikbetrieb von heute gehabt, in dem so mancher Sturm im Wasserglas den einen oder anderen in den 1950er und 60er Jahren geborenen Dichter von den Beinen geholt hat.
Thomas Kunst hebt im Nachwort von Estemaga zur Totenklage an: Hilbig ist tot. Born ist tot. Brinkmann ist tot. Brasch ist tot. Kling ist tot. Pastior ist tot. Kunst benennt sechs Namen, die unmittelbar eine Stimmung evozieren, wie sie intensiver nicht sein könnte. Goethes Gedicht Gefunden fällt mir spontan als Antwort ein: Und pflanzt es wieder / Am stillen Ort. / Nun zweigt es immer / Und blüht so fort. Denn, nein, sie sind ja nicht tot, nicht nur zweigen und blühen sie mit ihren Gedichten in den Versen der Nachgeborenen fort, sondern bleiben, indem ich in ihren Büchern lese, total nahe bei mir: Ich verspüre in diesem Augenblick die greifbare Gegenwart dieser lebenden Toten, die Stimmen erklingen, diesmal gemeinsam mit Bessie Smith, quasi quadrophon aus allen Ecken vernehme ich sie, die Stimmen, Stimmen, Stimmen, Stimmen, ich stehe auf, blättere – Und nichts zu suchen / Das war mein Sinn – und vertiefe mich in den Büchern von Wolfgang Hilbig, Bilder vom Erzählen · Nicolas Born, Gedichte · Rolf Dieter Brinkmann, Westwärts 1 & 2 · Thomas Brasch, Der schöne 27. September · Thomas Kling, wände machn · Oskar Pastior, durch – und zurück.
2009 erinnern Verlage mit lauter schönen Editionen an Horst Bingel (1933–2008), Bertolt Brecht (1898–1956), Carlfriedrich Claus (1930–1998), Hilde Domin (1909–2006), Robert Gernhardt (1937–2006), Michael Hamburger (1924–2007), Gerard Manley Hopkins (1844–1889), Walter Kempowski (1929–2007), Pablo Neruda (1904–1973), Peter Rühmkorf (1929–2008), Hans Sahl (1902–1993) und John Updike (1932–2009):
„Ich fand das gleich ’ne Superidee, dass sich die Akademie der Künste mal aus ihren zwei elitären Tempeln rausbewegt,“ sagt Ulrich Matthes. …
Das Projekt, das Staeck 2006 ins Leben rief, heißt „Kunstwelten“. Eine gute Sache: Stipendiaten und Mitglieder der Institution reisen in ländliche, bisher ostdeutsche Gegenden, um dort mit Schülern Filme zu entwickeln, Gedichte zu schreiben, Theateraufführungen zu stemmen. Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann befürwortet vor allem, dass dabei die „klebrige, ausgedürrte Sprache“ vieler Jugendlicher trainiert wird. Kostproben gibt’s zuhauf: Im Foyer der Akademie der Künste am Pariser Platz hängt seitenweise Teenie-Poesie. In einem Dokumentarfilm erzählen Jugendliche vom Alltag in einer Vorstadt von Bitterfeld. Und ein Vierminüter zeigt die zauberhaft animierten Gedanken einer vierten Klasse: Da hagelt es Prinzessinnen, Monster und Geburtstage. „Natürlich verabreichen wir homöopathische Dosen“, sagt Matthes, der selbst schon Kunstprojekte leitete. „Aber wenn wir zwei Minuten Selbstbewusstsein vermitteln, lohnt sich das Ganze schon.“ / Annabelle Seubert, Tagesspiegel
NB: Vermutlich liest man in Akademieberlin keine (ostdeutschen) Regionalzeitungen wie Nordkurier. Sonst hätte man mehrfach von der Arbeit der (garnicht akademischen) Künstlerin und Autorin Angelika Janz mit Kindern im östlichsten Rand Mecklenburg-Vorpommerns lesen können…
Vgl. L&Poe
2009 Dez 119. Nahsehen in Vorpommern
2009 Nov 117. Der Pasewalker Stadtdetektiv
2009 Nov 79. Poesiefrühstück: Angelika Janz
2009 Mrz 106. Zum Welttag der Poesie
2008 Okt 78. Im Landkreis wird die Kultur abgewickelt
2008 Okt 4. Deutscher Lokaler Nachhaltigkeitspreis 2008 – Zeitzeiche(N) an Angelika Janz
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
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Das Gedicht ist vor Ort. Es vermisst die Welt und zeigt, wie maßlos und unermesslich sie ist. Das Gedicht ist überall, im Irrenhaus, am Krankenbett, auf dem Klo, im Wartezimmer des Arztes, im Central Park, unter Strommasten, auf dem Pferderücken, in den unterschiedlichsten Landschaften.
Jürgen Brôcan
Was stört mich das Geschwätz von gestern, wenn Postbote Guido Büchersendungen bringt, die ich gar nicht schnell genug öffnen kann vor lauter Kitzel und Neugierde, Interesse und Ungeduld. Umgehend verblassen beim Öffnen der Päckchen und Pakete diese schnell hingeworfenen, zumeist für den Moment geschriebenen Posts, Kommentare, Leserbriefe und sonstigen Reaktionen, die wir Tag für Tag im Internet und anderswo lesen. Wie groß aber ist die (zum Glück in diesen Jahren eher selten eintretende) Enttäuschung, wenn ich ein Buch aufschlage, den ersten Text lese, die Mundwinkel sich unmerklich nach unten verziehen und ich, fast verstört schon, den zweiten Text lese, den dritten, den vierten, den fünften – und nichts passiert, das heißt, nicht nichts (denn nichts gibt es ja gar nicht), aber nicht das, was ich mir – naturgemäß – jedes Mal erhoffe, wenn ich ein Buch, das Gedichte auf dem Titel verspricht, zu lesen.
Kürzlich gab es eine solche Enttäuschung bei einem 2008 erschienenen Band eines schon ein wenig in die Jahre gekommenen Autors, der weiterhin recht viel schreibt und weiterhin relativ erfolgreich zu sein scheint, was die Auflagenzahlen seiner Bücher angeht. Im Begleitschreiben des Buches ist von fast tausend in wenigen Monaten unter die Leute gebrachten Exemplaren die Rede, eine mich ziemlich verblüffende Zahl, denn insgesamt scheint es nach 2000 im Vergleich zu den 90er oder gar 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer schwieriger zu werden, auch herausragende Gedichtbücher an die Frau oder den Mann zu bringen. Das lyrische Internet, dessen gute Seiten ich sehr schätze, scheint mehr und mehr zur fast übermächtigen Konkurrenz fürs Gedichtbuch und das Interesse am Erwerb von Büchern, belohnt mit dem sinnlichen Genuß des Blickens, Blätterns, Fühlens, Spürens, am Aufbau einer Sammlung immer geringer zu werden.
Ich las und las und las und dachte, was ich immer denke, wenn bedruckte Seiten nicht so bei mir ankommen, wie ich es dem Autor, dem Buch und mir als Leser wünsche: Okay, offensichtlich ist das größte anzunehmende Lyrikunheil eingetreten, du bist augenscheinlich übersättigt, offenbar prallen die Gedichte ab heute von dir ab, du hast anscheinend mehr als genug Gedichte gelesen, das kommt dir alles nur noch als zweiter oder dritter Aufguß vor usw. usw. usw., denn ich empfand nichts als Langeweile und Desinteresse, und so las ich zwar (wie meistens bei solchen Büchern vergeblich auf Besserung hoffend) viel zu viele Seiten, brach aber irgendwann gegen Ende des Bandes den Kopf schüttelnd und vor mich hin brummelnd ab.
Mißmutig verlebte ich den Rest des Tages und dachte kummervoll an eine lyriklose Zukunft: Und schrieb, und schrieb an weißer Wand / Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand. Ich saß da mit schlotternden Knien und totenblaß. Aus und vorbei. Ich sah in den Garten auf die blattlosen Bäume mit ihren feuchten schwarzen Stämmen und den labyrinthischen Astgerippen, in denen die Vögelein schwiegen. Wie soll dat bloß wiggerjonn? singen die Bläck Föös, und ich begriff erstmals die elegisch klingende Frage, die ich seit Jahrzehnten schon kenne und so oft schon gedankenlos mitgesummt habe. Das war’s dann wohl. Mund abputzen und weitermachen, wie der ehemalige Manager Rainer Calmund nach Niederlagen seiner Leverkusener Werkstruppe gebetsmühlenartig posaunte? Hallo?
Am nächsten Tag dann die Büchersendung vom Poetenladen mit der sechsten Ausgabe der Literaturzeitschrift poet – in der ich in zum Teil hochinteressanten Gesprächen mit Friederike Mayröcker (bei jeder Gelegenheit wiederhole ich es gern: ein lyrischer Liebling), Dagmar Nick, Giwi Margwelaschwili, Reiner Kunze, Urs Widmer und Gerhard Zwerenz mit eigenen Augen lese, daß diese Autoren quasi nix mitkriegen von der Power des ständig über die Ufer tretenden Lyrikstroms, der in diesen 2000er Jahren – gleichsam wildgeworden – durch deutsche Städte und Provinzen rauscht. Tiefpunkt einiger zum Teil un/freiwillig drollig klingender Aussagen: Und ich muß auch gestehen, daß ich mit vielen jüngeren Stimmen, wenn ich sie in Zeitschriften finde, nichts anfangen kann – daß ich sie einfach nicht verstehe oder überflüssig finde (Dagmar Nick) – sowie, und jetzt kommt’s, endlich, endlich, Sandra Trojans Gedichtband Um uns arm zu machen.
Wenn ich in Bienen spreche
meine ich Unschärfe, Murmeln
Nektar am Mund. Und wenn ich in
Birnen spreche, in Äpfeln, in Zellen
in Kisten, von Zungen zerfressen
in Zungen, in Menschen, meine ich
Menschen:Schwärme gestempelt
innen & außen, ein Bienentanz
und damit meine ich: Bienentanz
Gleich vom ersten Gedicht Wenn ich in Bienen spreche werde ich hellwach gesummt. Jedwedes dräuende Hirngespinst hat sich im Nu in Nichts aufgelöst. Ich schwebe durch den Funkenflug der Wörter, beginne umgehend im Rhythmus der Verse zu atmen und bin ebenso beglückt und begeistert, wie es Michael Gratz, Herausgeber der Lyrikzeitung, nach der Lektüre dieses die Leser reich machenden Lyrikbands in der Nachricht 58 vom 12. März 2009 – Frisch aus der Post – beschreibt.
Während ich in diesen Tagen in Jörg Bernigs wüten gegen die stunden und Björn Kuhligks Von der Oberfläche der Erde unter den vielen Gedichten einzelne (sehr) starke Stücke finde, deren Duktus im Gedächtnis haften bleibt, besticht in Sandra Trojans Buch die Geschlossenheit des durchgängig beseelten, schwingenden, vielfältigen Ganzen, dessen energisch auftretende Teile weitestgehend zu einer Wortgestalt verschmelzen, die ich gnadenlos meiner Lyrikseele einverleibe.
Sandra Trojan hat früh gefunden, was manche freilich oft vergeblich beim Schreiben aufzuspüren suchen: Stil (Wenn er da ist, ist es gut, Norbert Hummelt), dynamisch erwachsen aus vielen einfach guten, resonanten Wörtern, deren Lebenssaft mir die Lefzen herunterläuft: Und wollene Moose spannen straff. Diesem herrlich geglückten Gedichtbuch wünsche ich tausend Leser – und noch 354 mehr.
Die Gefeierte selbst, ernst wie immer, trug aus hintergründigen Textcollagen vor und erinnerte daran, dass an diesem Tag vor zwanzig Jahren 1700 Menschen bei einem Aufstand in der rumänischen Stadt Temeswar getötet wurden. „Für diese Toten“ las sie, den Tränen nah, ein Gedicht auf Rumänisch. Es war der bewegendste Moment einer Feier für eine Dichterin, die – das zeigte Herta Müllers scheue Verbeugung beim Schlussapplaus der stehenden Zuschauer – sich nicht gern feiern lässt. / Andreas Schäfer, Tagesspiegel 20.12.
Johannes Schenk, rundes Gesicht, verträumte Augen und meist ein Lächeln um die Lippen, war einer von ihnen und dann auch wieder nicht, denn seine Welt war die der Seefahrer. „Die Schiffe, das Meer und die Häfen am Rande haben mir die Bilder geschenkt, die ich beim Schreiben brauche. Es sind manchmal etwas nasse Metaphern, aber ich nehme es hin. Hab sie ja erfahren“, schreibt er in seiner Gedichtsammlung „Überseekoffer“. Das Buch verlegte er 2000 im Eigenverlag, doch die Figuren seiner farbenfrohen und tatsächlich etwas arg durchnässten Gedichte scheinen aus dem 19. Jahrhundert zu stammen: Piraten und Zirkusakrobaten tummeln sich in den balladenartigen Gedichten, vor allem aber Matrosen, Kapitäne und schöne Frauen, die in den fremden Häfen auf Seefahrer warten. Schenks Sehnsucht glich damit nicht der seiner Generation, die lieber als herumschweifende Haschrebellen Goa, Kathmandu oder Afghanistan anpeilten. Sie schien vielmehr aus einer Zeit zu stammen, als die weißen Flecken auf der Landkarte noch zahlreich waren. …
In Schenks Berlin begnügte man sich dagegen nicht mit Träumen: In Kreuzberg wehrten sich die Bewohner in den siebziger Jahren heftig gegen das Vorhaben, eine Autobahn quer durch ihr Viertel zu legen, bald darauf gab es die ersten Krawalle am 1. Mai. Dem friedlichen Schriftsteller, der in den sechziger Jahren seine ersten Gedichtbände „Bilanzen und Ziegenkäse“ und „Zwiebeln und Präsidenten“ veröffentlichte, war das zu gewalttätig. „Er war nicht politisch, er wollte die Welt nur ein wenig schöner machen“, sagt Natascha Ungeheuer und erzählt vom Schenkschen Sonntagscafé, das er 1986 sieben Jahre lang in einer alten Fabrik in Kreuzberg betrieb. Schriftstellerfreunde wie Kurt Mühlenhaupt oder Jurek Becker lasen dort, der Maler A.R. Penck trat mit seiner Penck Band auf und immer wieder der Hausherr selbst. „Johannes war eine Lokomotive beim Lesen, er hat die Leute warm gelesen“, sagt Ungeheuer und springt auf, um einen alten Radiomitschnitt vorzuspielen. Schenks Stimme hat darin zwar nichts von einer Maschine, dafür fließt sie dunkel und samten wie ein Fluss durch das Erzählgedicht. Die klassischen Regeln der Dichtung sind Schenk dabei egal, auch haben seine Verse wenig mit moderner Lyrik gemeinsam, der Verfasser erlaubt sich vielmehr einen sehr persönlichen Stil: „Meine Grammatik ist das Leben, das ich sehe, fühle, rieche und schmecke“, schreibt er einmal. Wer das nicht mag, wird mit den Schenk“schen Versen nichts anfangen können.
Den etwas düsteren, schmalen Eingang zum Buchladen könnte man glatt übersehen, und drinnen kommt man aus dem Staunen nicht heraus – ausgerechnet hier zwischen Körperskulpturen und Jongleuren, Taschenspielern und abgewrackten Gurus, hier auf der all-American Meile aus Rummelplatz und Laufsteg, Sportplatz, Strandpromenade und Eitelkeitskirmes: keiner dieser standardisierten Buchsupermärkte, vollgestapelt mit qietschbunten Bestsellern, dum dum, und mindestens fünfzig Kaffeevariationen im Ausschank, sondern ein liebevoll und sachkundig sortierter, unabhängiger Laden. Allein fünf Regale voll Lyrik! Dum derra dum! / Klaus Modick besucht eine Buchhandlung in Venice Beach, taz 19.12. (ob er ein Buch aus diesen 5 Regalen gekauft hat, ist nicht überliefert)
Aus Hans Zimmermanns 9. Rundbrief 2009
4. Advent 2009
Liebe Freunde,
nun geht das Mendelssohn-Bartoldy-Jahr zuende, und so wurde es Zeit, mit Blick auf das großartige Oratorium dieses Komponisten die Eliaskapitel aus dem 1.Könige-Buch zu vervollständigen: Es fehlte ja noch das große zentrale Kapitel über das Opfer auf dem Karmel zwischen der märchenhaften Erzählung vom Aufenthalt des Elias bei der Witwe und ihrem Sohn und der meditativ-stillen Gottesberührung, die gerade die Feuer des dramatischen Brandopfers auf dem Karmel und die darauf folgenden Regenfluten transzendiert. Ohne dieses Durchschreiten der elementarischen (wie in Mozarts Zauberflöte) und seelischen (wie in Wagners Siegfried) Schwellen bliebe das Wirken des Elias eine Restauration des Gottes Israels, ein Kampf um die geistige Führung der zwölf Stämme, und immerhin eine Beseitigung der Verehrung des „Herrn“ (das ist die Bedeutung des Titels „Baal“) durch Er-Klärung Gottes als des Daseinsgrundes aller Ichbinheit bzw. der Ich-Bin-Gründung allen Daseins (JHWH). Es ist paradox, ja absurd, daß ausgerechnet der „Herr“-Titel später den Gottesnamen verdeckt, ersetzt und umgepolt hat, so daß das Urteil des Volkes bei Mendelssohn dann lautet: „Der Herr ist Gott“. Wie, also doch der Baal, der „Herr“, statt JHWHs, des Ichbin-Grundes allen Daseins? Man möchte den Kopf zwischen die Knie legen und weinen.
Aber, wer hier schon weint, was will der tun, wenn er liest, wie Elias die „Herren“-Priester abschlachten läßt, und wenn er im Oratorium den mitfühlsamen Psalmvers hört, „ob tausend fallen zu deiner Seite und zehentausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen“? Meine Güte, das ist derartig alt, derartig archaisch, derartig abartig — nein, bei aller Brutalität dieser selbstherrlichen Chöre: ich glaube dem romantischen Klassizisten von 1846 nicht, daß er auch nur einen Funken der Feuergewalt verstehen konnten, die hier zum Ausdruck gekommen ist, und seine protestantisch-biederen Hörer schon gar nicht: Eingezwängt in die Kirchenbänke oder sittsam auf Konzertstühlen sitzend, folgsame Ohren für Gehorsamsprediger oder pinguinberockte Kapellmeister, zugleich auch zivilisationsstolze Kolonialherren über die Wilden in Übersee, denen man den Glauben an den „Herrn“ aufzäumt, an den „Herrn“ — war das die Geistkraft des Elias, des Elischa, des Nazoraios Johannes?
Hans Zimmermanns Quellensammlung aus 12 Sprachen
Das Werk der Dichterin Friederike Mayröcker, die morgen Sonntag unglaublicherweise 85 Jahre alt wird, ist nicht allein den pulverigen Sandspuren von Deinzendorf entsprossen: jenem Ort im Bezirk Hollabrunn, dessen Fauna in „langsamen Blitzen“ die Bilderketten der Lyrikerin durchwirkt.
In Deinzendorf war Mayröcker noch ganz das behütete Kind: jene „Fritzi“, deren Zettelwirtschaft den Literaturbetrieb bis heute in ungläubiges Staunen versetzt. Kindheitslandschaften sind das Formularpapier, in das poetische Existenzen eingetragen werden. Mayröcker, deren Arbeit vegetabil erscheint – und somit gegen äußere Erschütterungen unempfindlich -, deren Texte in scheinbar organischem Wachstum aus Wortsprossen und Zitat-Keimen hervorgehen, hat die Fährnisse des Zeitverlusts endgültig überwunden.
Ihre fragilen, dennoch streng und gewissenhaft bearbeiteten Notate gleichen Explosionserscheinungen. Die Elemente der Sprache, durchaus schockhaft gegeneinander gesetzt, beginnen einander in lockeren Gebilden wechselseitig zu erhellen: „Ich bin so traurig jetzt und habe Angst vor dem / Verlassen dieser Welt die ich so sehr geliebt mit ihren Blüthen / Büschen Bäumen Monden mit ihren wunderbaren nächtlichen / Geschöpfen.“
Es wird gerne vergessen, dass Mayröcker während vieler Jahre die Existenz einer öffentlich wenig gelittenen Dichterin durchleiden musste, ehe sie zur Prima inter pares werden konnte. / Ronald Pohl, DER STANDARD 19.12.
Friederike Mayröcker schlägt mit ihrer obsessiven „Schreibdrangseligkeit“ dem Alter ein Schnippchen. Ihre Texte altern nicht. Vielleicht, weil sie immer aus Neu-Gier auf Welt entstanden sind; weil die Autorin jedem neuen Tag nachspürt, in Liebe und Leid, Verzückung und Demut. So stehen wir fassungslos vor ihrem Alter und freuen uns über das magische Junggebliebensein ihrer Arbeiten. / Walter G. Goes, Ostsee-Zeitung Rügen 19.12.
Die Presse-Umfrage zum 85. Geburtstag der großen österreichischen Schriftstellerin. Elfriede Jelinek, Evelyn Schlag, Peter Handke, Julian Schutting, Bodo Hell, Franz Josef Czernin, Kathrin Röggla, Andreas Okopenko, Andrea Winkler: Wer ist Friederike Mayröcker?
Interview der Presse vom 7.11.:
Frau Mayröcker, das letzte Mal haben wir uns zum Interview noch in Ihrer Wohnung getroffen. Gibt es dort noch das Taferl mit der Aufschrift „Tabu“, das die Räuber fernhalten soll?
Friederike Mayröcker: Ja, das Taferl gibt es noch. Aber in die Wohnung lasse ich niemanden mehr hinein. Alle Interviews, die ich jetzt gebe, gebe ich im Tirolerhof. Bei mir ist es viel zu voll, und das, obwohl ich noch eine Wohnung dazubekommen habe, die von Ernst Jandl. Aber dort schaut es mittlerweile genauso aus.
Vor zwölf Jahren haben Sie noch gesagt, Sie würden aufräumen, sobald Sie mit dem Buch fertig sind.
Das habe ich aufgegeben.
Bücher, Manuskripte, Notizen, Briefe: Haben Sie immer schon gesammelt?
Das ist kein Sammeln! Da sammelt sich vielmehr etwas an. Es ist wie in einer Fabrik oder einer Werkstätte. Was sich bei mir anhäuft, ist das Material, mit dem ich arbeite. Ich mache mir auch andauernd Notizen: Wenn ich unterwegs bin, schreibe ich auf kleine Zettel, wenn ich in meinem Bett liege, in ein A4-Heft. Das Material wird dann verarbeitet. Aber ich habe nie gesammelt: Ich flehe meine Freunde sogar an, mir ja nichts mitzubringen, mir auf keinen Fall etwas zu schenken!
Mehr zu Mayröckers Geburtstag: ND 19.12. (Gunnar Decker) / Wiener Zeitung / Die Presse 17.12. /
Die ORF-TV-Kulturredakteurin Katja Gasser widmet der Dichterin das Porträt „Rasen und Rotieren im Kopf“, das an Mayröckers Geburtstag (20. Dezember) um 9.55 Uhr in ORF 2 und bereits am Vorabend auf 3sat (19.20 Uhr) zu sehen ist.
Ö1 feiert die Jubilarin am 20. 12. (21.15 Uhr) mit einem Zusammenschnitt jener Festveranstaltung, die zu Mayröckers Ehren im RadioKulturhaus ausgerichtet wurde.
„Ö1 extra“: „Sprachgeschenke“
ORF Nachtbilder – Poesie und Musik
Scardanelli
Musik von Miles Davis
19. Dezember 2009
00:08 Uhr Mehr
„Tonspuren“: „Fritzi und ihre Fans“ (18. Dezember, 22.15 Uhr in Ö1)
„Rasen und Rotieren im Kopf“ (20. Dezember, 10.05 Uhr, ORF 2)
Man kennt ihn als Kult-Regisseur der schrägen Komödie „Wer früher stirbt, ist länger tot“, der Kassen-Knüller von 2006. Doch die Kunst des Kabaretts ist ihm auch vertraut: Seit seiner Jugend verfasst Marcus H. Rosenmüller Gedichte und Lieder
Ähnlich multitalentiert als Musiker, Kabarettist und Schauspieler (seit 2004 etwa als Minister Söder im Singspiel beim Starkbieranstrich am Nockherberg) ist Stephan Zinner. Nun konnte man beide bei einem kabarettistischen Gastspiel im Wirtshaus Zum Gutmann erleben….
Rosenmüller trägt eigene Gedichte vor, die durch schräge Reime und skurrile Inhalte gefallen: „Muss der Reim denn immer sein / Kann man sich nicht vom Reim befrei’n? / Sakradi, mir fallt nix ein“, reimt er, um programmatisch hinzuzufügen: „Lyrik ist schwyrig!“. Anschließend straft er sich selbst Lügen, wenn ihm Reime glücken, die einem Poeten wie Peter Rühmkorf zur Ehre gereichen hätten. / Walter Buckl, Donaukurier
Nacht, Somnambule, Irre, Krieg, Hora mortis, Morgue – bereits einige Titelstichworte von Georg Heyms Nachlassgedichten lassen ahnen, worum es in der Sammlung „Umbra vitae“ geht: um „Schatten des Lebens“, erhascht in wüsten „Nebelstädten“ und im „Mauergestrüpp“ trister Hinterhöfe, auf Trümmerfeldern und Grabstätten, an dunklen Teichen und im „Garten der Irren“. Heym, der 1912 mit 24 Jahren beim Eislaufen in Berlin verunglückte, war ein Meister poetischer Intensität, besonders auf dem Gebiet des Untergangs. Im Titelgedicht „Umbra vitae“ heißt es etwa: „Selbstmörder gehen nachts in großen Horden, / Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen, / Gebückt in Süd und West und Ost und Norden, / Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen.“Auf einen Blick verdichtet finden sich Heyms abgründige Themen in den Illustrationen zur gediegenen Edition von „Umbra vitae“ im Kurt Wolff Verlag München (1924), die textlich auf der Erstausgabe bei Rowohlt (1912) basiert. Dieses Juwel expressionistischer Buchkunst ist jetzt als Nachdruck erschienen… / Alexander Košenina, FAZ
Georg Heym: „Umbra vitae“. Nachgelassene Gedichte. Mit 47 Originalholzschnitten von Ernst Ludwig Kirchner. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 2009. 66 S., geb., 52 S., br., 34,90 €.
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
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das Denken völlig unter den Begriffen zu ersticken –
In der Zwischenzeit, mein lieber Sohn,
Geht der Gesang zu Ende
In A. J. Weigonis Novelle Vignetten (poetenladen.de/theo-breuer-weigoni.htm) lese ich:
In der Antike kamen am mittelländischen Meer Menschen aus verschiedenen Weltgegenden zusammen, sie praktizierten eine Atmosphäre des freien geistigen Austauschs. Die Bibliotheca Alexandrina ist daher nicht nur ein Reich des Geistes, sondern auch ein Geisterreich.
Brennglas. Zur Subversion wird ihnen die Mattigkeit. Die Teilhabe an dieser Welt besteht für Nataly und Max im Lustwandeln. Die rhythmische Berührung der gezeichneten Erde mit den Füßen ist ihre rituelle Weltbeschwörung. Im Unterwegs-Sein bringen sie ihre Befindlichkeiten behutsam zum Sprechen, indem sie ihre Wirklichkeit im Zusammenspiel mit anderen Realitäten untersuchen; sie deuten ihre Innenwelt auf der Suche nach dem wahren Sinn und Inhalt solange aus, bis sie am Ende der Interpretation neben sich steht wie ein zweites Phänomen er Sache selbst. So befreien sich Nataly und Max Schritt für Schritt von einem unseligen Verfahren: das Denken völlig unter den Begriffen zu ersticken.
Die abgewetzten Begriffe sind nicht aus der Welt zu schaffen. Man verwendet sie vor allem auch dann, wenn es schnell gehen soll mit einer Antwort, einer Festlegung. Ich bin für die Abschaffung der Begriffe, versuche sie möglichst zu vermeiden. Stattdessen – du wort mit ach und och (Helmut Krausser) – plädiere ich für: Wörter Wörter Wörter mit (und ohne) Bodenhaftung wie Ampel, Bratkartoffeln, Café, Dimitroffstraße, Engel, Fußspitze, Glühlampenwerk, Hinterzimmer, Inhaber, Janis Joplin, Keilriemen, Leberwurst, Messer, Nadel, Ofen, Pfau, Rollstuhl, Standfrau, Trachtenmusik, Uhr, Vorgänger, Watte, Expresso, You-Tube, Zitronenkuchen – die ich in Florian Günthers herrlich lebendig-schnoddrigem Mir kann keiner lese.
Ich bin grundsätzlich selten verstimmt, aber profilarme Begriffe wie Liebeslyrik, Naturlyrik oder politische Lyrik machen mich zornig. Da wirkt Tom Schulz im Vorwort des saustarken Sammelbands alles außer Tiernahrung schon wieder besänftigend, wenn er von vielschichtig politisch spricht, und in der Tat bleibt in den ausgewählten Gedichten die (immer wieder fein verschlüsselte) Botschaft sekundär, spielen Wort, Klang und Form die erste Geige. Lyrik ist Lyrik ist Lyrik. Im Prismenglas des Gedichts geben sich alle wesentlichen Aspekte des Daseins mit ihrem gleichsam unendlichen Farbenreichtum ein immerwährendes Stelldichein. Wäre das Gedicht An die Nachgeborenen kein gelungenes, originelles Gedicht, die politische Aussage wäre besser in einer Tageszeitung aufgehoben. Im Brechtschen Sound bleibt es allgegenwärtig, ist stets abrufbar: Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Die wunderbar klingenden, vielschichtigen Gedichte Wilhelm Lehmanns (Lehmann war einer der wichtigsten Exponenten der Lyrischen Moderne. Er gehört als Theoretiker in die Linie Poe, Valéry und Benn, Rudolf Hartung) werden gern unter dem Begriff Naturlyrik subsumiert und das Nachdenken über Lehmanns Lyrik unter einem einzigen Begriff erstickt. Lehmann? Ach ja, der Naturlyriker, und weiter geht’s im Text. Wilhelm Lehmann (Schwarzer Blitz, Holunderbeere) schrieb brillante Gedichte; wie einen Schatz hüte ich den in goldgelbes Leinen eingebundenen Sammelband Meine Gedichtbücher von 1957, der mit diesem Gedicht einsetzt:
An meinen ältesten Sohn
Die Winterlinde, die Sommerlinde
Blühen getrennt –
In der Zwischenzeit, mein lieber Sohn,
Geht der Gesang zu End.
Die Schwalbenwurz zieht den Kalk aus dem Hügel
Mit weißen Zehn,
Ich kann es unter der Erde
Im Dunkeln sehn.
Ein Regen fleckt die grauen Steine –
Der letzte Ton
Fehlt dem Goldammermännchen zum Liede.
Sing du ihn, Sohn.
Seit einiger Zeit wird erfreulicherweise erneut versucht, das Werk Wilhelm Lehmanns, der von 1882 bis 1968 lebte, zu neuem Dasein zu erwecken. Gesammelte Werke in acht Bänden erscheinen bei Klett-Cotta. Seit 2004 gibt es in Kiel die Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft, die 2009 den nach Lehmann benannten Literaturpreis ins Leben rief. Erster Preisträger ist Jan Wagner.
An all das dachte ich, als ich am 13. Oktober 2009 zusammen mit Shafiq Naz, dem Herausgeber des deutschen Lyrikkalenders, Hans Bender besuchte und dieser mir unvermittelt einen großen Ordner in die Hand drückte, der durch einen glücklichen Zufall nicht beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs mit den vielen anderen Ordnern, die das 27.000 Briefe, Karten, Manuskripte und Notizen umfassende Hans-Bender-Archiv beherbergen, in die Tiefe gerissen wurde – womit auch der Verfasser von Wie es kommen wird nicht gerechnet hatte.
Bebend blätterte ich und stieß wie vom Blitz getroffen auf handgeschriebene Gedichte und Briefe von Wilhelm Lehmann. Ich verspürte sekundenlang eine starke ganzkörperliche vegetative Reaktion, begriff ich doch in jenem Augenblick erst, und das auf wahrhaft sinnliche Weise, was am 3. März 2009 in der Kölner Severinstraße geschehen war. Als ich es aus den Nachrichten erfuhr, galten meine Gedanken den beiden tödlich verunglückten jungen Menschen, das Archiv interessierte mich zunächst überhaupt nicht. Erst in den Wochen danach machte ich mir klar, was eigentlich passiert war, verfolgte regelmäßig die Bergungsarbeiten und hoffe, daß sich im Laufe der nächsten Jahre zeigen wird, daß der überwiegende Teil der unschätzbaren Sammlung gerettet wurde und nur das Wenigste unwiederbringlich verloren ist. Hier saß ich in der Taubengasse, ganz in der Nähe der Severinstraße, hielt das liebevoll arrangierte Dokument in Händen und konnte es einfach nicht fassen.
Respekt vor der Schöpfung, vor dem Daseienden, Genauigkeit des Sehens, die Empfindung, daß alles nur einmal vorhanden ist und nur in verwandelter Gestalt immer herrscht: das wäre gewissermaßen die Inhaltsangabe meiner Gedichte.
Das gelungene Gedicht versetzt Menschen wie Dinge aus einem ungenauen in einen genauen Zustand. Es betrügt ihn und sie gerade nicht um das Dasein, sondern verleiht es ihnen.
Wilhelm Lehmann
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