6. Hybris des Schmerzes

Doch selbst Paul Celan wurde Sachs‘ Leidens-Gestus irgendwann unheimlich. Ende der fünfziger Jahre hatte er brieflich Kontakt zu ihr aufgenommen, bei ihrem Besuch in der Schweiz 1960 holte er sie dann gemeinsam mit Ingeborg Bachmann vom Flughafen ab, lud sie schließlich nach Paris ein und besuchte seine „Schwester“ später in Stockholm. Hier musste er dann allerdings feststellen, dass die ihm angetragene geschwisterliche Anrede aus einem Mund kam, „dem es nichts galt“.

Sachs war umgeben von „Schwestern“ und nicht besonders erpicht auf Celans Besuche. Celan selbst kam dieser Umstand gleichwohl ganz gelegen. Er hatte in Stockholm eine Affäre mit einer bildhübschen Regisseurin begonnen und die vermeintliche Dichterfreundschaft ließ sich gegenüber seiner Frau ganz hervorragend als Alibi benutzen.

Celan also sprach von Sachs‘ „Hybris des Schmerzes“. „In Stockholm hörte ich sie sagen“, schreibt er, „,Die in Auschwitz litten nicht das, was ich leide'“. Celan empfand das – und damit drückt er es wohl noch recht milde aus – als „Vermessenheit“. Zu Sachs‘ Entschuldigung mag man vorbringen, dass sie zu diesem Zeitpunkt schwer psychisch krank war. Sie litt sogar unter Verfolgungswahn: Eine „Nazi-Spiritisten-Liga“ meinte sie, würde ihre Wohnung mit Mikrofonen belauschen und überhaupt an ihr Rache nehmen für die Entführung Adolf Eichmanns nach Israel. / TOBIAS LEHMKUHL, SZ 25.3.

5. «a curious and lawless collection of poems»

Der populistisch hohe Ton dieser Sätze wirkte ähnlich befremdlich wie die implizit arrogante Gelassenheit der Erscheinung. Die Abbildung erlaube, fand der Bostoner Bildungsbürger, Harvardprofessor und Feuilletonist Charles E. Norton, eine genauere Einschätzung des Autors, der sich über Kleidungsvorschriften ebenso hinwegsetzte wie über Rhythmus, Reim und angemessenen Sprachgebrauch – «a curious and lawless collection of poems» nannte er die Sammlung, in der hingegen Ralph W. Emerson einen sicheren dichterischen Impuls erkannte. In London wunderte sich George Eliot, dass die «transatlantic critics» in derart ungeschliffenen Gedichten den Beginn einer neuen lyrischen Tradition sahen. …

Statt mit «Grashalme» hat Jürgen Brôcan den Titel wortgetreu mit «Grasblätter» übersetzt und so etwas von der poetischen Verfremdung des Originals herübergerettet. Auch sonst bleibt Brôcan, dem man schon Übersetzungen von Robinson Jeffers und Marianne Moore verdankt, nahe am Original und findet einen sprachlichen Mittelweg zwischen Ernüchterung und Pathos, zwischen banalen und gehobenen Ausdrücken, zwischen modernem und archaischem Vokabular, so dass er den komplexen Registerwechsel und den besonderen Rhythmus des Englischen erhält und dennoch eine geschmeidige deutsche Fassung gestaltet. / Stefana Sabin, NZZ 20.3.

Walt Whitman: Grasblätter. Übersetzt von Jürgen Brôcan. C.-Hanser-Verlag, München 2009. 880 S., Fr. 65.–.

4. Eine Revolution? Zweifellos.

Amazon stellt seit kurzem eine Plattform zur Verfügung, auf der Autoren ihre Bücher selbst veröffentlichen können – und zwar auch ohne Verlag. Man will dabei die Autoren mit 70 Prozent am Erlös beteiligen (zum Vergleich: An den Buchhandel gehen bis anhin um die 50 Prozent). Auch Apple verhandelt momentan mit den sechs grössten amerikanischen Verlagsgruppen über ähnliche Konditionen. Eine Revolution? Zweifellos. Nur in Europa versucht man die Sache zu verschlafen. Auch die Autoren schlummern fest. Sie sollten vielleicht einfach einmal nachrechnen: 70 Prozent von 3 Euro oder 10 Prozent von 20 Euro oder 6 Prozent von 9 Euro? Ach? Genau. / Cora Stephan, NZZ 1.4.

3. Nietzsches Handschriften

Die Erfahrung von textueller Authentizität ist für den Nietzsche-Leser schon deswegen von Wert, weil die Geschichte des Nietzsche-Nachlasses mit den geradezu gespenstischen Fälschungen der Schwester begann. Dies war für die Wirkungsgeschichte ein verhängnisvoller und ideologisch schwer lastender Skandal, der bis zur Werkausgabe von Colli/Montinari niemals wirklich behoben wurde. Wie vielleicht nur bei Hölderlin ist die Frage der Text-Authentizität einer der sensibelsten Punkte der Nietzsche-Philologie. Darum ist es für jeden Nietzsche-Leser nicht nur ein Genuss, sondern eine entschieden vertrauensbildende Erfahrung, dem Original der Texte so nah zu rücken wie hier – und sich dabei von der Sorgfalt heutiger Editoren überzeugen zu können.

Gewiss erheben sich hier Fragen, die weit über diesen Prachtband für Nietzsche-Freunde hinausgehen. Der kategorische Imperativ heutiger Editions-Philologie – zurück zu den Handschriften, und damit vorwärts zu Darstellungsverfahren, die keinen Aufwand in der Rekonstruktion der Textgenese als zu groß erachten -, führt immer wieder zu einer überkomplexen typographischen Darstellungsform, die nur noch durch eine exzessive Überkommentierung in den Schatten gestellt wird. Diese Tendenz haben die Herausgeber in unserem Fall glücklich vermieden und danach gestrebt, den philologischen Apparat und die Kommentierung auf das Wesentliche zu beschränken. …

In den vielen Bild-Miniaturen, die er gibt, erfahren wir etwas vom „Unwiderlegbaren“ der Person selber. Und, angesichts jenes ungeheuerlichen „Wahnsinnszettels“ von 1889: Wir erkennen auch das Widerlegbare der Person, wenn ihre großen Antriebe, die Musik und die Schrift, hier in ein dissoziiertes graphisches Gebilde auseinanderbrechen, das im Rätsel seiner selbst an Bilder von Cy Twombly erinnern mag. / HARTMUT BÖHME, SZ 25.3.

FRIEDRICH NIETZSCHE : Handschriften, Erstausgaben und Widmungsexemplare. Die Sammlung Rosenthal-Levy im Nietzsche-Haus in Sils Maria. Herausgegeben von Julia Rosenthal, Peter André Bloch und David Marc Hoffmann. Schwabe Verlag, Basel 2009. 274 Seiten, 89,60 Euro.

2. Gedichte in der Art des Eremitendichters Han-shan

Der Lyriker James Lenfestey stieß 1974 auf ein Buch  „Cold Mountain: 100 Poems of the T’ang Dynasty Poet Han-shan.“  (Kalter Berg. 100 Gedichte des Tang-Dichters Han-shan). 33 Jahre später veröffentlicht er seine Antwort, inspiriert von der Form und der Sinnlichkeit des vor 1200 Jahren lebenden chinesischen Eremitendichters. Lenfesteys Sammlung ist aber auch geprägt von seinem höchsteigenen Humor. / University of Minnesota News

Am 6.4. stellt er seinen Band und einen Film in der Universitätsbibliothek der Universität von Minnesota vor.

James Lenfestey
A Cartload of Scrolls: 100 Poems in the Manner of the T’ang Dynasty Hermit Poet Han-Shan

1. Achilles/Beckham

Carol Ann Duffy, Poet Laureate des Vereinigten Köngreichs, hat anlässlich der Verletzung des englischen Fußballspielers David Beckham das folgende Gedicht verfasst:

Achilles

Myth’s river – where his mother
dipped him, fished him, a
slippery golden boy flowed on,
his name on its lips.

Without him, it was prophesied,
they would not take Troy.

Women hid him, concealed him
in girls’ sarongs; days of
sweetmeats, spices, silver songs …

But when Odysseus came, with an
athlete’s build, a sword and a shield,
he followed him to the battlefield,
the crowd’s roar,

And it was sport, not war,
his charmed foot on the ball …

But then his heel, his heel, his heel …

Quelle: BBC News online vom 16. März http://news.bbc.co.uk/2/hi/8570282.stm

Zahlreiche Kommentare im Netz und in den Medien. Die SZ titelte: „Achilles-Verse“

151. Nichts entdeckt

In Griechenland, auf Reisen mit ihrer Freundin Irene Anfang der 1960er Jahre, notiert die nunmehr 28-jährige Susan Sontag: „Heute Abend (als sie am Hafen war) habe ich eine Stunde damit verbracht, zu masturbieren + mit einem Spiegel meine Möse zu betrachten. Als sie zurückkam, habe ich es ihr erzählt. ,Und, hast du irgendwas entdeckt?“, hat sie gefragt. ,Nein“, habe ich geantwortet.“ / SZ 20.3.

150. Neue Gedichte von Gerald Zschorsch

„Schönheit ohne Sinnlichkeit gleicht einer Brust, der die Brustwarze fehlt“ – so lautet das Motto, welches Gerald Zschorsch für seinen neuen Gedichtband gewählt hat. Es stammt von Ernst Jünger. Ludwig Reiners in seiner wohlanständigen Stilfibel fand diesen Vergleich „hart an der Grenze des Erträglichen“, aber gerade das mag Zschorsch bewogen haben, den Aphorismus für sich zu beanspruchen. Am Schluss kommt Ernst Jünger wieder zu Wort: „Schönheit, die Folge einer Verletzung. Im Absoluten gibt es sie nicht. Man würde in die Metaphysik des Schmerzes eintreten.“ Mit seinen neuen Gedichten bewegt sich der Dichter oft ganz hart an der Grenze dazu. …

„Wehweh / Ist eine Sprache von Kindern, / die noch nicht mündig sind. / Kleines Kind; großes Kind. / Wehweh ist auch ein Bild / von Versehrtheit. Ein Bild / kurz vorm Tod. / Wer wehweh sagt und hat, / ist in Not.“ / HANS-HERBERT RÄKEL, SZ 24.3.

GERALD ZSCHORSCH: Zur elften Stunde. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 69 Seiten, 20,40 Euro.

149. Wie Goethe

Außerdem hat sich sido auch des, zugegeben sehr naheliegenden Vergleiches, von Rappern mit Dichtern bedient. Aufgrund der Popularität der jeweils verbreiteten Lyrik seien Rapper heute  im Prinzip in einer ähnlicher Position wie damals ein Goethe.

Goethe war ein Star zu seiner Zeit, weil es keinen anderen gab. Welcher Lyriker ist denn heute ein Star? Welche Lyriker werden für ihre Texte so starmäßig angesehen? Das sind wir. Hör dir mal die Texte von Samy Deluxe an! Die sind krass, das ist poetisch, das ist Lyrik. Und bei mir ist es dasselbe.

/ rap.de

148. „Wechselstuben der Begierde“

Es sind wenige Grundwörter, „Schatten“, „Wind“, „Licht“ oder „Sonne“, die Chiellino wieder und wieder verwendet. Genitivmetaphern wie die „Wellen der Fremde“ oder die „Wechselstuben der Begierde“ stehen neben Sentenzen und bedeutungsheischenden Strophen, die wahllos Konkretes und Abstraktes vermischen: „Bereinigt von Erwartungen und Geboten, / Loyalitäten und Einbildungen, / unfähig zu lieben, zu urteilen, zu handeln / erschaudert der Kern, der mich ausmacht“. Bei so vielen Pathosformeln wollen die wenigen gelungenen Zeilen nicht recht trösten. Wie würde es der Autor selbst sagen: „Im Schatten deines warnenden Schauders / ernähre ich mich von Zweifeln“. NICO BLEUTGE, SZ 24.3.

GINO CHIELLINO: Landschaft aus Menschen und Tagen. Gedichte. Mit einer Selbstbetrachtung des Autors. Hanser Verlag, München 2010. 80 Seiten, 14,90 Euro.

147. La grande Lalula

Das Nasobem, von dem Morgenstern noch mit Recht dichtete: „Es steht noch nicht im Meyer und auch im Brockhaus nicht, es trat aus meiner Leyer zum ersten Mal ans Licht“, schaffte es bereits 1935 in die großen Lexika und wird als Erfindung des Dichters sogar bei Wikipedia gewürdigt.

Dass es es schwierig ist, die lautmalerischen Werke Morgensterns in andere Sprachen zu übersetzen, belegte Ihring mit dem Gruselett“, das auf Englisch zum „Scariboo“ wurde und dem „Mondschaf“, das auf Latein ein „Lunovis“ ist. Wenig zufrieden war der Vortragende mit der italienischen Version von „Das große Lalula“ bei dem sich die Übersetzungsleistung auf die Überschrift „La grande Lalula“ beschränke, im Übrigen den italienischen Lesern Buchstaben, wie K oder Ü zugemutet würden, die im Italienischen nicht vorkommen. / Klaus-J. Frahm, Gießener Anzeiger

146. Was ist Surrealismus?

In seiner Schrift „Was ist Surrealismus?“ hat Max Ernst seine Methode des radikalen Uminterpretierens von Bestehendem und Zufällig-Erzeugtem anschaulich erläutert: Es sind die Übergänge vom Bekannten ins Unbekannte und die Zwischenzustände zwischen dem Rätselhaften und dem Deutbaren, die ihn zum Weiterdenken und zum Gestalten animieren. In seinen kunstvollen Metamorphosen des Vorgefundenen sollen Bewusstes und Unbewusstes ineinander aufgehen. Die schönste poetische Metapher für diese Form des bildnerischen Transponierens hat wohl der Dichter René Crevel gefunden, als er Max Ernst den „Zauberer der kaum spürbaren Verrückungen“ nannte. / GOTTFRIED KNAPP, Süddeutsche Zeitung 20.3.

Max Ernst – „Albtraum und Befreiung“, in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall bis 2. Mai; im Museum der Moderne in Salzburg vom 12. Juni bis 3. Oktober. Info: 0791/946720. Der riesige Katalog (Swiridoff Verlag) kostet 45 Euro.

145. »Fahrtenschreiber«

»Fahrtenschreiber« – ein Wort, in dem viel Technik und wenig Poesie zu stecken scheint. Doch weit gefehlt: José F. A. Olivers neuer gleichnamiger Gedichtband spiegelt Eindrücke für alle Sinne von Reisen durch Deutschland und Osteuropa wider.

Behandelte der Hausacher Lyriker mit seiner vorherigen Sammlung »Unterschlupf« noch Rückzug, Heimat und Geborgenheit, so setzt José F. A. Oliver nun einen Kontrast. »Die Gedichte erzählen von Augenblicken, die mich auf Reisen in den vergangenen drei Jahren berührt haben«, beschreibt der Autor sein 14. Buch. So lädt er auf einen Streifzug durch das ukrainische Czernowitz ein, Geburtsort von Paul Celan und Rose Ausländer. / Alexander Gehringer, Schwarzwälder Bote

144. Kaskaden

Wie ich einem Kommentar entnehme, ist die erste Nummer der hier im Februar etwas skeptisch angekündigten Lyrikzeitschrift „Kaskaden“ nun erschienen und kann hier herunter geladen werden. Neben Unbekannten finden sich mit  Lutz Steinbrück, Peter Ettl oder Christian Kreis auch Leute in der ersten Nummer, die schon von sich reden gemacht haben.

143. Meine Anthologie 37: Tadeusz Różewicz, Poetik II

Poetik
II

Ich meinte
Worte seien leicht
wie Flaumfedern
glänzend wie Seide
rund wie die Knie von Mädchen
sorgenfrei wie Vogelgefieder
Ich meinte
gehorsam
folgten sie jedem Ruf
und man könnte Bilder aus ihnen bauen
deren Vieldeutigkeit
Reichtum in sich birgt

In meinem Leben gab es
Worte des Abschieds
und Worte des Hasses
und dann Worte der Liebe
Und dann sah ich
eingekratzt
in die Kerkermauer
Worte der Hoffnung
Alle waren sie
eindeutig

und zwischen ihnen weder
Symbol noch Metapher
nicht Periphrase noch Hyperbole
Aber in sich hatten sie
die Stärke des Urteils
und die Stärke des Wachstums
und sie besaßen die Stärke der Schöpfung. . .

Übertragen von Günter Kunert
In: Tadeusz Różewicz, Gesichter und Masken. Berlin: Volk und Welt 1969, S. 31f.