75. Rrrevolución ohne „R“

Mit Spannung erwartet wurde der Auftritt von Silvio Rodríguez, den internationale Medien in den vergangenen Wochen gegen die Revolution in Stellung zu bringen versuchten. So hatten unter anderem der Spiegel und die Frankfurter Allgemeine Zeitung behauptet, Rodríguez habe »Castro die Gefolgschaft« gekündigt. Das »Nachrichtenmagazin« schrieb, Rodríguez habe »in Anwesenheit von Kulturminister Abel Prieto während der Vorstellung seiner neuen CD« erklärt, das »›R‹ im Wort ›Revolution‹ müsse ›überwunden werden‹«. Tatsächlich stammen diese Zeilen aus Rodríguez’ neuem Lied »Sea señora«, das Bestandteil dieser problemlos in Kuba veröffentlichten CD ist. Bei der Vorstellung der CD von einer Besucherin auf diese Liedzeilen angesprochen, antwortete Rodríguez: »Ich glaube, daß dies ein Augenblick ist, an dem die Revolution, das nationale Leben, das Land, lautstark eine Überprüfung vieler Dinge einfordern, angefangen bei Konzepten, bis hin zu Institutionen«. / André Scheer, junge Welt 13.4.

74. Gesamtkunstwerk

Martina Werner war erfolgreiche Lyrikerin, ihre Gedichte erschienen im Suhrkamp-Verlag. Dann genügten ihr die Worte nicht mehr. In den Siebzigerjahren begann ihre Auseinandersetzung mit den Bildenden Künsten, 1979 legte sie den Grundstein für das Gesamtkunstwerk „Señor Mendoza und der C-Stamm“, in dem ein fiktives, „künstlerisch reges Volk aus grauer Vorzeit“ von einem ebenso fiktiven Ethnologen erforscht wird. Parallel: eine neue Folge der Videokunstreihe „screen spirit_ continued“ mit „1000 Waves“ von Mai Yamashita und Naoto Kobayashi. / taz Bremen

Samstag, 19 Uhr, Städtische Galerie, Bremen

73. „Das Lied der Flöte“, Gedichte von Maulana Jalaladdin Rumi

Donnerstag, 15. April, 19h30
Akademie für gesprochenes Wort
Richard-Wagner-Straße 16
Stuttgart


Maulana Dschalaldin Rumi ist der bedeutendste Dichter der persischislamischen Mystik. Er starb mit 65 Jahren im Jahre 1273. Abgesehen vom Koran hat sein Werk, welches die Sehnsucht nach der Wiedervereinigung mit Gott thematisiert, wie kein anderes die Literatur der Persisch, Türkisch und Urdu sprechenden Völker bis in die Gegenwart beeinflusst. Rumi ist der Begründer des islamischen Ordens der Maulawi (tanzende Derwische).

Reza Maschajechi wurde 1943 im Iran geboren. Er lebt seit 46 Jahren in Deutschland und verbindet die persische und deutsche Kultur durch seine Liebe zur persischen und deutschen Sprache und durch seine Achtung gleichermaßen vor dem Islam und dem Christentum.

Rezitation: Reza Maschajechi, Caroline Wispler
Musik: Vokal, Instrumental: Alev N. Kowalzik
Ausstellung Persische Kalligraphie: Meisam Mashayekhi

Eintritt: 10,- € / Studierende und Mitglieder 5,- €, Reservierung unter 0711 – 22 10 12

72. Handy-Haikus

Bendel hofft also auf eine Renaissance der Lyrik via Mobiltelefon. Zumindest bei der Vermarktung seiner Haikus hat das neue Medium Bendel schon geholfen. „Um Lyrik reißen sich die Verlage ja nicht gerade“, weiß Bendel. „Man muss seine Gedichte anbieten wie Sauerbier.“ Oft genug müssen sich die Autoren auch noch an den Druckkosten beteiligen. „Seriös sind solche Verlage nicht“, sagt Bendel. Im Falle seiner Handy-Haikus war das ganz anders: „Schon meine erste Anfrage war ein Treffer. Offensichtlich habe ich da eine offene Tür eingerannt, und ich habe einen richtigen Vertrag mit Tantiemen bekommen“, sagt Bendel. / Südwest-Presse

71. „Die reinen Lyriker bleiben auf der Strecke“

Der dünne „Welt“-Beitrag über Lyrik (#66. “Das ist das Problem der Lyriker”)

geht also auf eine Agenturmeldung zurück. Heute eine ausführlichere Fassung bei der Badischen Zeitung, die so beginnt:

Die Lyrik fristet im Buchhandel ein Nischendasein; ihre Auflagen sind wirtschaftlich kaum von Bedeutung. Oft seien es bekannte Prosaautoren, denen ein Verlag einen Gedichtband zugestehe, sagt Anton Leitner, Herausgeber der Zeitschrift „Das Gedicht“ (München). „Die reinen Lyriker bleiben auf der Strecke“, so der Philosoph und Autor.

70. „Natalie Merchant rettet alte Gedichte“

Die New Yorkerin wurde einst mit der Folkrockrand 10.000 Maniacs berühmt, von der sie sich 1993 trennte, um eigene Wege zu gehen. Auf ihrem neuen Soloalbum hat sie uralte englische Lyrik vertont, die sie auch gerne mal mit modernem Reggae mixt. „Jamaica gehörte früher zum britischen Empire“, begründet Merchant den ungewöhnlichen Mix. / kulturnews.de

Genaueres bei rollingstone.de

69. Randzeichnungen

Modernen Autoren fällt das Schreiben gewöhnlich schwerer als mittelalterlichen Kopisten, schwerer auch – wie Thomas Mann einmal festhielt – als anderen Menschen. Deshalb sind sie die meiste Zeit ihres Wirkens gar nicht mit Schreiben, sondern mit Nicht-Schreiben befasst. Für die Nachwelt blieben davon neben ausgerissenen Haaren keine bedeutenden Zeugnisse zurück, legten die zu beschriftenden Blätter selbst nicht oftmals selbst Zeugnis ab vom dramatischen Ringen um Einfälle und deren sprachliche Formung. Mit diesen Randgeschehnissen des Schreibens, unter denen sich die begrenzte Oberfläche des zu beschriftenden Papiers in einen schier unbegrenzten Raum der Phantasie – oder auch der Phantasielosigkeit – zurückverwandelt, befasst sich eine launige Marbacher Ausstellung. Erstaunlich, gerade im Vergleich mit den Zeugnissen mittelalterlicher Vorgänger, über welch begrenzte und stereotype Zeichen- wie Formenvorräte die dort ausgestellten Autoren verfügen und wie selten semantische Bezüge zwischen dem an den Rand eines Blatts Gekritzelten und dem in seinem Zentrum Geschriebenen erkennbar sind. …

Auch der kritzelnden Hand Paul Celans ist gut über die Blätter zu folgen, wenn drei Ansichten eines gezeichneten Frauenkopfs – eines mit einer geschwärzten Zone um das rechte Auge – das Manuskript des Gedichts „Von Dunkel zu Dunkel“ flankieren. Hier ist nichts Tiefsinniges über die wörtliche Bedeutung eines Verses hinaus zu enträtseln, man braucht nur dem schwarzen Tintenstrich zu folgen: „Du schlugst die Augen auf – ich seh mein Dunkel leben.“

Dokumente eines randständigen Surrealismus avant le lettre aus den Klebealben des mit scharfem Papiermesser und mit Schere bewaffneten schwäbischen Schriftstellers und Arztes Justinus Kerner, der den Bildnissen seiner Hausgäste auch gerne mal Hörner aufsetzte, beschließen den Kreis. / VOLKER BREIDECKER, SZ 8.4.

„Randzeichnungen“. Bis 18. April. Deutsches Literaturarchiv / Literaturmuseum der Moderne, Marbach am Neckar. Begleitend zur Ausstellung sind drei „Marbacher Magazine“ zum Preis von je 9 bzw. 10 Euro erschienen. Info: www.dla-marbach.de

68. Eleanor Ross Taylor Awarded 2010 Ruth Lilly Poetry Prize

Award recognizes lifetime accomplishment with $100,000 prize

CHICAGO — The Poetry Foundation is pleased to announce that poet Eleanor Ross Taylor has won the 2010 Ruth Lilly Poetry Prize.

Presented annually to a living U.S. poet whose lifetime accomplishments warrant extraordinary recognition, the Ruth Lilly Poetry Prize is one of the most prestigious awards given to American poets. At $100,000, it is also one of the nation’s largest literary prizes. Established in 1986, the prize is sponsored and administered by the Poetry Foundation, publisher of Poetry magazine. Over the last 25 years, the Lilly Prize has awarded more than $1,800,000. The prize will be presented at the Pegasus Awards ceremony at the Arts Club of Chicago on Tuesday, May 18.

In making the announcement, Christian Wiman, editor of Poetrymagazine, cited the strong reserve in Taylor’s poems and praised their “sober and clear-eyed serenity” and authority.

“We live in a time when poetic styles seem to become more antic and frantic by the day, and Taylor’s voice has been muted from the start. Muted, not quiet,” said Wiman. “You can’t read these poems without feeling the pent-up energy in them, the focused, even frustrated compression, and then the occasional clear lyric fury. And yet you can’t read them without feeling, as well, a bracing sense of spiritual largesse and some great inner liberty.”

A portfolio of 10 of Taylor’s poems will be featured in the May issue of Poetry. In introducing the selection, Wiman writes:

The winner of this year’s Ruth Lilly Prize is Eleanor Ross Taylor. I suspect the name will be unfamiliar to a number of our readers, the work to even more. Until the excellent selected poems,Captive Voices, was published by LSU Press last year, virtually all of Taylor’s work was out of print. Her slow production (six books in 50 years), dislike of poetry readings (“It seems to me that it’s all for the person and not the poetry”), and unfashionable fidelity to narrative and clarity haven’t helped matters. And yet, as is so often the case, what’s been bad for the career has been good for the poems. With their intricately odd designs and careful, off-kilter music, their vital characters and volatile silences, the poems have a hard-won, homemade fatedness to them. You can feel their future.

The awards ceremony will also celebrate the life of the Poetry Foundation’s late benefactor, Ruth Lilly, who died in December at age 94, with readings by Catherine Bowman, Ruth Lilly Professor of Poetry at Indiana University, and 2001 Ruth Lilly Poetry Fellow Ilya Kaminsky. In addition, Eleanor Ross Taylor’s editors Jean Valentine and Dave Smith—also poets and friends of hers—will be featured as part of the event.

“Poetry has had no greater friend than Ruth Lilly,” said Poetry Foundation president John Barr. “On this occasion, the 25th anniversary of the awarding of the prize bearing her name, we honor a life of extraordinary generosity and dedication to the art form.”

In 1985, Lilly endowed the Ruth Lilly Professorship in Poetry at Indiana University. In 1989 she created Ruth Lilly Poetry Fellowships of $15,000 each, awarded annually by the Poetry Foundation to undergraduate or graduate students selected through a national competition. In 2008, the Foundation increased the number of Lilly Fellowships awarded each year from two to five.

In 2002 Lilly’s lifetime engagement with poetry culminated in a magnificent bequest that will enable the Poetry Foundation to promote, in perpetuity, a vigorous presence for poetry in our culture.

Eleanor Ross Taylor has published six collections of poetry:Wilderness of Ladies (1960), Welcome Eumenides (1972), New and Selected Poems (1983), Days Going/Days Coming Back(1991), Late Leisure (1999), and Captive Voices: New and Selected Poems (2009).

A mother of four grown children and a grandmother, Taylor now resides in Charlottesville, Virginia. She has received the Poetry Society of America’s Shelley Memorial Prize (1997–98), a fellowship from the American Academy of Arts and Letters (1998), the Library of Virginia’s Literary Award for Poetry (2000), and the Aiken Taylor Award for Modern Poetry (2001). She was elected to the Fellowship of Southern Writers in 2009.

Previous recipients of the Ruth Lilly Poetry Prize are Adrienne Rich, Philip Levine, Anthony Hecht, Mona Van Duyn, Hayden Carruth, David Wagoner, John Ashbery, Charles Wright, Donald Hall, A.R. Ammons, Gerald Stern, William Matthews, W.S. Merwin, Maxine Kumin, Carl Dennis, Yusef Komunyakaa, Lisel Mueller, Linda Pastan, Kay Ryan, C.K. Williams, Richard Wilbur, Lucille Clifton, Gary Snyder, and Fanny Howe.

67. Keine neue Form in Sicht?

Gestern abend bei Arte (ich kannte mal einen, Professor, der sagte ganz unironisch, er habe noch nie was bei Arte gesehen) John Neumeyer über Nijinsky. Darin (aus dem Gedächtnis zitiert) dies:

Eine neue Form der Lyrik zu erfinden, die nicht von der Lyrik des 19. Jahrhunderts borgt…

Was auch immer er sonst noch sagen wollte: er hat recht. (Und mir fällt ein, daß es bei und nach Nijinsky im Tanz wohl tatsächlich gelungen ist – während die expressionistischen Lyriker und noch fast alle Modernen (die dezidiert Nichtmodernen ohnehin) seit 100 Jahren beim vorvorigen Jahrhunderts borgen. Die beim Symbolismus, die bei der Romantik, Klassik eingeschlossen, und die beim Naturalismus. Die Lyrik des 20. und, soweit zu sehen, 21. Jahrhunderts, eine Erfindung des 19.*).

*) oder wahlweise: eine Kette gescheiterter Aufstände. Wohin führen die derzeitigen? Aufstände der Verstörten, Verstörer und Revolteabordnungen.

66. „Das ist das Problem der Lyriker“

Wann habe ich zuletzt „Die Welt“ gelesen? Gerade eben, im World weit weg. Da schreibt ein Anonymus:

Wann haben Sie ihren letzten Lyrik-Band gekauft? Tja, ist wohl schon länger her. Das ist das Problem der Lyriker. Ihre Bücher gehen schlecht. Der renommierte Schweizer Verleger Urs Engeler musste 2009 bereits aufgeben.

Gut, bei mir ist es mit Sicherheit viel weniger lang her als die letzte Papier-Welt. (Komisch, sie schreiben immer über die Sachen, als wären sie es nicht.) Aber der Welt-Autor, wenn er nur all das kaufen, lesen und vielleicht noch drüber nachdenken wollte, was bei Engeler seit Sommer 2009 alles erschien, hätte eine Weile zu tun. Und Verleger und Autoren könnten sich auch freuen.

Welt online 13.4.: „Lyrik hat wohl nur noch im Internet eine Chance“. Die journalistische Güte ist allerdings bestreitbar:

Die literarische Güte dessen, was dort geboten wird, ist allerdings umstritten. Im „poetenladen“ gibt es neben Gedichten Reflexionen und Rezensionen. Oft sind aber vom metrischen Handwerk völlig unberührt gebliebene Zeilen zu lesen: ein buntes, meist gefühlsbeladenes Sammelsurium.

Ah ja!

65. Einladung

Werte freundliche Beobachter, Mithelfer, Autoren, Leser von luxbooks,

Rae Armantrout (*1947) erhält dieses Jahr den Pulitzer Prize for Poetry für ihren Band „Versed“, der zuvor bereits für den National Book Award nominiert war. Sie war letztes Jahr in Deutschland zu Gast und hat mit Matthias Göritz im Literaturhaus Frankfurt und in Darmstadt aus dem 2009 bei luxbooks erschienenen Auswahlband „Narrativ“ gelesen. „Narrativ“, das auch Gedichte aus „Versed“ enthält, wurde übersetzt von Matthias Göritz und Uda Strätling. Der Band präsentiert Gedichte aus allen veröffentlichten Bänden Rae Armantrouts und ist mit einem Nachwort von Marjorie Perloff versehen. Die Auswahl stand im Dezember 2009 auf der SWR Bestenliste auf Platz 2. Rezensiert wurde sie bisher in der NZZ von Thomas Leuchtenmüller, über die Lesung im Literaturhaus Frankfurt berichtete Florian Balke in der FAZ.

Wir laden erneut ein, diese großartige Stimme der Gegenwartslyrik (in der nun 3. Auflage) zu entdecken!
http://www.luxbooks.de/narrativ.html

Leseprobe hier (darin, in Original und Übersetzung wie zwischen beiden, eine schöne Etüde über „zungensprachliche Liebesabenteuer“, wie sie vor sehr kurzem hier westen)*

*) Peng, schmeißt es sich in meine Anthologie. Ich muß den Verleger fragen.

64. Metropolitan

Auszug aus der Rezension des Bandes „Frenetische Stille“ durch Tom Schulz, Poetenladen 24.3.:

Seitdem hat sich sein Blick fokussiert auf metropolitane Dichtung. Fanden sich in Fragmentierte Gewässer (Berlin Verlag, 2007) deutliche Spuren von Rudimenten des Naturgedichts, die Winkler in hohem Maße ironisch-süffisant verabschiedet hat, so sind im neuen Werk Kühe und andere (halb) tierische Freaks Großstädtebewohner geworden. Freaks wie „die verschiedenen obdachlosen Sloterdijks“, die man sich vor dem Cartier- oder Appleladen vorstellen muss. Konzessionslose Fruchtfleischdesigner, die der Dichter in Urbanitätsreservaten gescoutet hat für das Gegenwartsgedicht. Denn schließlich geht es an die Blutbank- und Liegewiesenreserven. Ron Winkler weiß das: „bitte tank noch einmal leer. vom Trost, / den der Leser braucht.“ Allenthalben sind Winklers Gedichte für Fünfsternelyrik-Leser tröstlich in dem Sinn, dass sie auch „zungensprachliche Liebesabenteuer“ sind. Ihre Berücktheit entspringt dem unbedingten Willen zu gedanklicher Luzidität. Sie erhellen sich und den Leser ohne kassenärztliche Zahnbrücken. Sie kommen ganz ohne geistige Stützstrümpfe und Einlagen aus.

Technischer Nachtrag:

Schon mehrfach fiel mir auf, daß Beiträge beim Poetenladen in meinem Programm einen interessanten, sozusagen, Zusatzeffekt erzeugen. Irgendwelche Zeichen, vermutlich bedingte Trennstriche aus einem Schreibprogramm, verwandeln sich automatisch in Leerzeichen, die man manuell herausnehmen muß. Oder stehenlassen, was so aussähe:

Seitdem hat sich sein Blick fokussiert auf metropolitane Dichtung. Fanden sich in Frag mentierte Gewässer (Berlin Verlag, 2007) deutliche Spuren von Rudi menten des Natur gedichts, die Winkler in hohem Maße ironisch-süffisant verab schiedet hat, so sind im neuen Werk Kühe und andere (halb) tierische Freaks Groß städte bewohner geworden.

63. Grundlegende Verstörung (und hier und da gebündelte Revolteabordnungen)

Bei Textem führt Carsten Klook ein Gespräch mit Ron Winkler über seine neuen Gedichte. Zwei Ausschnitte:

Eine der Ideen für die neuen Gedichte war die der Kontamination. Einer Kontamination mit Interessen und Sprechweisen des eigenen Oeuvres, vor allem aber einer Kontamination mit jener grundlegenden Verstörung, die uns umgibt und erfasst und die voller struktureller, aber auch individueller Absurditäten ist.

Zudem hat mich die Vorstellung abgeschreckt, ein spezielles Label zu repräsentieren. Repräsentieren zu müssen. Spätestens nach „Fragmentierte Gewässer“ gab es den zementenen Anwurf, ein Naturlyriker zu sein. In dieser Enge wollte ich nicht leben. Das bedingte hier und da eine Art Selbstabkehr. Auch um mich selbst zu überraschen. Mit Surrealismen und anderen Formen. Formwandlerisch zu operieren, schien mir immer schon mehr als nur reizvoll. Es gibt die tollsten Autoren, die jedoch in prächtiger Zombiehaftigkeit verharren. Sie sind schön, aber irgendwie tot.

Was bleibt, ist der Wunsch, für besonderes Wahrnehmen zu sensibilisieren. Die Sprache zu elektrisieren, wenn auch da und dort mit einem sehr kalten Strom.

(…)

Carsten Klook: Was wünschen Sie sich für die Literaturszene, speziell für die Dichtung im deutschsprachigen Raum?

Ron Winkler: Für die Lyrik gesprochen: Dass der derzeitige Facettenreichtum erhalten bleibt. Keine Schulen, keine Dogmen. Wenngleich gebündelte Revolteabordnungen hier und da nichts Schlechtes wären. Und immer wieder neue chimärische Schreibweisen. Sinnlichkeit, Dekonstruktion und Gärung.

Frenetische Stille
Gedichte
Berlin Verlag 2010
ISBN 978-3-8270-0920-0
96 Seiten
Hardcover, Schutzumschlag
(unter Verwendung eines Bildes von Christopher Winter)
18,00 Euro

62. Leipziger Temperamente

Eine Position des Außerhalb, des kunstvollen, aber randständigen Schrei­bens nehmen oft auch die Autoren der nach wie vor besten deutschsprachigen Lyrik-Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ ein. In der aktuellen Nummer 31 von „Zwischen den Zeilen“ präsentieren sich einige Autorinnen und Autoren, die ihre literarische Sozialisation am Literaturinstitut in Leipzig durchlaufen haben. Aber welch unterschiedliche Temperamente sind da anzuzeigen! Der aus Völklingen stammende Konstantin Ames favorisiert ein sprachexperimentelles Schreiben, das auf die „Ironiefähigkeit“ und semantische Biegsamkeit des lyrischen Sprechens vertraut. Die in Mecklenburg aufgewachsene Kerstin Preiwuß entwickelt eine aus alptraum­haften Visionen und Schreckensmythen sich speisende „Rede“, in die sich existenzielle Elementarerfahrungen eingeschrieben haben. Der literatur­historisch versierte Bertram Reinecke schließlich schreibt lyrische Texte nach Quelltexten unterschiedlichster Art, als könne Dichtung nur noch entstehen durch die Anverwandlung und Überschreibung älterer Sprach­schichten. So wird von Reinecke eine Übersetzung des walisischen Dichters Dylan Thomas in vier verschiedenen, höchst kunstvollen Versionen durchgespielt oder ein altes Andreas Gryphius-Sonett auf das aktuelle Thema Finanzspekulation hin transformiert. …

Eine weitere eigensinnige Stimme aus Leipzig wird im neuen Heft, der Nummer 57 der Dresdner Zeitschrift „Ostragehege“ vorgestellt: die Dich­terin Mara Genschel, die in ihren Texten die musikalische Verwandtschaft der Poesie mit dem Gesang zu zelebrieren versteht. In einem Porträt Mara Genschels bescheinigt ihr Anja Utler eine „(volksliedverwandte) Direktheit“ und „Klangverläufe körperlichen Hierseins“ – wobei in den abgedruckten Texten Mara Genschels nicht recht deutlich wird, ob sich ihr Sprechen wirklich einer musikalischen Inspiration oder eher einer sprachgestischen Willkür verdankt.

/ Michael Braun    13.04. Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese April 2010, Poetenladen

Zwischen den Zeilen: H. 31, 2010
Urs Engeler, Postfach, CH-4718 Holderbank SO. 190 S., 10

Ostragehege: H. 57, 2010
c/o Axel Helbig, Birkenstr. 16, 01328 Dresden. 78 S., 4,90 €

poet: No 8, 2010
Poetenladen, Blumenstr. 25, 04155 Leipzig. 256 S., 8.80 €

Krachkultur: H. 13, 2010
Bunte Raben Verlag, Martin Brinkmann, Hollerallee 6, 28209 Bremen, 180 S., 10 €

Sinn und Form: H. 2/2010
Redaktion: Postfach 210250, 10502 Berlin. 140 S., 9 €

61. Liebeslyrik III

Fast zeitgleich mit dem von Felicitas von Lovenberg in der FAZ (vgl. Meldung Nr. 184 vom 27. Februar 2010) überschwenglich gelobten Band „Offene Unruh“ mit 100 Liebesgedichten und der von Raoul Schrott herausgegebenen Sammlung mit altägyptischer Liebeslyrik „Die Blüte des nackten Körpers“ (vgl. Meldung Nr. 17 vom 4. März 2010) ist im Verlag Ralf Liebe der Gedichtband „skype connected. Ein Liebesbrevier“ von Michael Basse erschienen.

Armin Steigenberger schreibt in seiner Besprechung in poetenladen.de: „Basse zeichnet die reife Liebe zweier Menschen, die sich am Morgen ihre Träume mitteilen, um so nachzuträumen, was der andere geträumt hat; zwei, die mitunter alles in Frage stellen, was man überhaupt in Frage stellen kann. Wer meint, Liebe sei etwas zwischen zwei Herzen und ginge allenfalls durch den Magen, der kann studieren, wie sehr Liebe hier auch durch den Geist geht.“

Heute wird „skype connected“ im Lyrik Kabinett  (20 Uhr, Amalienstraße 83/Rgb., München) vorgestellt. Michael Basse liest, Einführung von Katrin Schuster

Michael Basse: „skype connected. Ein Liebesbrevier“, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2010, 67 S., 15 Euro