Am meisten an diesem Buch traut man den Bildern.
[So beginnt eine Rezension zu Raoul Schrotts Übersetzung altägyptischer Gedichte; eigentlich nichts Gutes über die Texte verheißend, denkt man. Und irrt!]
Das ist ganz wunderbar. Der goldrote Fisch macht kein Hehl daraus, dass er ein phallisches Symbol ist; ebenso aber bedeutet er den Geliebten überhaupt und dazu das eigene klopfende Herz der Sprecherin. Denn hier kommt, was in der europäischen Liebesdichtung der nächsten Jahrtausende nur selten geschieht, die Frau zu Wort. Der Rhythmus ist frei, ohne je ins Haltlose zu verfallen, die Sprache schlicht und lebendig, trotz des hohen Alters des Originals einem Heutigen mühelos verständlich. Raoul Schrott, der viel Übung in diesen Dingen besitzt, hat ein Kunstwerk der Vergegenwärtigung geschaffen. …
Es mag ungewöhnlich sein, eine Rezension mit einer Bitte zu schließen. Hier sei es trotzdem getan: Herr Schrott, wenn dieses Buch, was ihm sehr zu wünschen wäre, weitere Auflagen erlebt, dann fügen Sie doch noch drei, vier Seiten hinzu, die den weiten Weg ausleuchten, der von einer Hieroglyphenkette zu spätneuhochdeutschen Versen wie diesen führt: ‚willst du jetzt etwa aufstehen und bier trinken gehen/wo ich dir meine brüste darbiete?/Sie geben dir was du brauchst: ein tag in meinem bett/macht reicher als zehntausend felder!‘ / BURKHARD MÜLLER, SZ 1.6.
DIE BLÜTE DES NACKTEN KÖRPERS. Liebesgedichte aus dem Alten Ägypten. Übertragen, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Raoul Schrott. Carl Hanser Verlag, München 2010. 96 Seiten, 16,90 Euro.
Mit dem Gedichtband „Herzschlag“ wurden 2008 seine Liebesgedichte von 1958 bis 2007 vereint und chronologisch abgedruckt. Er lädt zum Verweilen im Augenblick ein, „damit die Zeit / eine Pause hat“: Die ersten Strahlen der Sonne an einem reglosen Tagesbeginn, wenn sich die Sommersonne einem „schwebenden, / leichten Feuer“ gleich über den Horizont schiebt, wärmen in seinen Gedichten. …
Fritz operiert mit wenigen Wörtern, doch diese überreden, inne zu halten: „August, / der die Minuten verschmilzt / und sie überredet / zu bleiben“. Hierzu braucht er keine wilden Neologismen und zieht keine hektischen Fratzen sinnloser Verfremdung. Leise Töne und heiter-elegische Gefühle werden in lakonische Wörter und genau gesetzte, zielsichere Kollokationen verwandelt – ohne falsche Erhöhung oder künstliche Verschleierung. Fritz experimentiert nicht. Wie lächelnd erklärt er: „Es ist die Linie deines Gesichts, / sie ist da, / ich muß sie nicht erfinden.“ Doch es ist mehr als die Linie des Gesichts der Geliebten, die in den Gedichten skizziert wird. Die Stärke der Gedichte ist die präzise Weltwahrnehmung.
Fritz sieht seine Frau, rote Strümpfe, Erdbeeren, das Lachen, die Schönheit, „die Fortdauer des Glücks“. So entstand mit der Sammlung von Liebesgedichten aus mehreren Jahrzehnten das wohl diskreteste Credo für eine Beziehung von Mann und Frau, „deren Liebe die Jahre zusammenhält“, das sich erdenken lässt. …
Kußmann hat es geschafft, zu beweisen, dass Fritz über fünf Jahrzehnte seinen Tonfall unabhängig von jeder literarischen Mode bewahrt hat. Die Schönheit der immer wiederkehrenden Meeresmetaphorik, der mediterranen Landschaften, der Beobachtungen, der zeitlosen Liebe – diese schlichte Eindringlichkeit der Gedichte ist ergreifend. Michael Krüger erhebt den Gedichtband gar zum „Lehrbuch über die Liebe, eines der schönsten, das sich denken lässt.“ Fritz ist ein bedeutender deutscher Lyriker, der das Überzeitliche, die stille Liebe, im Beiläufigen findet. / Thorsten Schulte, literaturkritik.de
Walter Helmut Fritz: Herzschlag. Die Liebesgedichte.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2008.
118 Seiten, 17,95 EUR.
ISBN-13: 9783455401370
„Walter Helmut Fritz gilt als Lyriker der Stille“, schreibt Thorsten Schulte bei literaturkritik.de. Womit wir wieder bei Eva Strittmatter wären. „Ich mach ein Lied aus Stille“ hieß ihr erster Gedichtband von 1973. Im Jahr darauf erschien ein Gedichtband von Adolf Endler, „der erste gute“ wohl, Titel „Das Sandkorn“, sein Durchbruch zu „Phantastischen Erzählungen in Versen“, die ersten noch vergleichsweise milden Beispiele jener – das Wort ist schon da – „aggressiven Fratzenhaftigkeit“, die sein Markenzeichen werden sollte. Er polemisiert gegen eine Lyrik, „die man für geschmackvolle Reiseprospekte verwenden könnte“ und entschuldigt seinen Pendelausschlag: „Mag sein, daß ich im Haß auf diese heftig popularisierte, sehr bequeme Lyrik oft übers Maß hinaus schrill und höhnisch werde. Aber um mit Hölderlin zu sprechen: «An einem schönen Tage läßt sich ja fast jede Sangart hören…», warum nicht die der Krähe?“
Dieser auf Sommer 73 datierte Text Endlers, der den „Waschzettel“ ziert, endet mit dem Satz: „Diese Lieder sind nicht aus Stille gemacht.“
Und Walter Helmut Fritz? Nun, Stille ist nicht gleich Stille. Nichts von dem, was ich bei Eva Strittmatter sehe, ist bei ihm zu finden, nirgends.
Der russische Dichter Andrej Wosnessenski starb heute im Alter von 77 Jahren in Moskau. Er war einer der bekanntesten russischen Dichter, einer aus einer Gruppe mutiger Schriftsteller, die die russische Literatur nach Stalins Tod aus dogmatischer Ängstlichkeit und Dienstbarkeit befreien halfen. Seine Lyrik drückte die Rückschläge, Erfolge und Hoffnungen der poststalinistischen Ära aus. Dichter wie Wosnessenski, Jewgeni Jewtuschenko, Bella Achmadulina und Robert Roshdestwenski eroberten die Bühne im kulturellen Tauwetter nach dem Tod des Diktators und erlangten Kultstatus in den 60er Jahren, wo sie Stadien füllten und weltweite Aufmerksamkeit errangen durch ihre kraftvollen Verse und als Sinnbilder jugendlichen Trotzes. (Ausführlicher Nachruf auf nytimes.com folgt) / New York Times Blog, RAYMOND H. ANDERSON
Vgl. L&Poe 2009 Jul 18. Aufregung in der russischen Lyrik
Höchst anregend ist, was Eisenreich zur Entstehung einiger Gedichte berichtet, etwa zu „Benedicta“. Als sie Celan eine gerade erstandene Schallplatte mit jiddischen Volksliedern vorspielte, blieb die Nadel hängen, so dass sich der Satz „´s mus asoj sajn“ immerfort wiederholte. Dieser Satz war die Antwort auf die im Lied an Gott im Himmel gestellte Frage: Darf das so sein? Celan lag auf dem Sofa und lauschte.
„Benedicta“ ist die Frage vorangestellt: „Zu ken men aroifgejn in himel arajn / Un fregn baj got zu´s darf asoj sajn?“ Die dritte Strophe lautet: „Du, die du´s hörtest, da ich die Augen schloss, wie / die Stimme nicht weitersang nach: / ´s mus asoj sajn“.
Ein mechanischer Zwischenfall wie dieser, so erklärte ihr Celan, sei für ihn ein geheimes Zeichen. Der Vorgang zeigt anschaulich, wie unmittelbar dichterisches Gespür der „gelebten Wirklichkeit“ die treffende „poetische Wendung“ zu entnehmen vermag.
In seiner großartigen Celan-Biographie widmet John Felstiner diesem Gedicht fast drei Seiten. Er fragt: Wer ist das „du“ darin? Hans Mayer, so Felstiner, habe vermutet, dass es sich um ein Liebesgedicht handele. / RENATE WIGGERSHAUS, FR 29.5.
Brigitta Eisenreich: Celans Kreidestern. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 266 Seiten, 22,80 Euro.
Aus Anlaß der Herausgabe seiner sämtlichen Gedichte in Italien, eines langen Gedichts in Frankreich und eines Dossiers in der Zeitschrift Europe liest Carlo Bordini im Juni dreimal in Paris. Luca Sossella, der Verleger von Marco Baliani, Carmelo Bene und in jüngerer Zeit des legendären Roberto Roversi, veröffentlicht in diesem Monat das lyrische Gesamtwerk Carlo Bordinis, den manche für den wichtigsten zeitgenössischen Dichter halten, in einem Band. / Olivier Favier, L’Italie à Paris
Présentations à Paris en juin: le 16 juin 2010 à partir de 20h sur le marché de la Poésie place Saint-Sulpice, le 17 à 19h à la Librairie L’Odeur du book, 13 rue Ramey, Paris (métro Château Rouge), le 22 à 18h pour la semaine italienne à Paris (Place d’Italie face à la Mairie du treizième arrondissement Métro Place d’Italie lignes 5, 6 et 7)
Danger / Pericolo, Évian, Alidades, 2010.
Olivier Favier, Francesco Pontorno, « Haute Simplicité, entretien avec Carlo Bordini, suivi d’une prose et de sept poèmes », Europe Juin/ Juillet 2010.
Poussière / Polvere, Évian, Alidades, 2007. Suivi d’un essai sur Luigi Ghirri.
Olivier Favier, « La poésie narrative italienne, suivi d’un choix de poèmes de Carlo Bordini, Mauro Fabi et Andrea di Consoli », Décharge n° 139, septembre 2008.
Olivier Favier, « Une douce lucidité, parcours dans l’œuvre en prose de Carlo Bordini », Siècle 21 n° 13, automne-hiver 2008.
En italien:
Carlo Bordini, I costruttori di vulcani, Tutte le poesie 1975-2010, Luca Sossella editore, Bologna,
496 pagine
ISBN 978-88-89829-77-6
Prezzo € 20,00
Der Juni gehört traditionsgemäß dem Poesiefestival. Schon zum elften Mal findet es dieses Jahr statt – vom 4. bis zum 12. in der Akademie der Künste (Hanseatenweg 10) – und widmet sich dieses Mal dem Mittelmeer. Wunderbares Festival, wunderbares Thema! In über 50 Veranstaltungen stellen 170 Dichter aus allen Anrainerstaaten ihre Arbeiten vor, „schaffen Querverbindungen, legen Bezüge und Brüche offen“, wie es im umfangreichen Programmheft heißt. …
Und am Montag eröffnet in der Griechischen Kulturstiftung (Wittenbergplatz 3a, 17 Uhr) eine Ausstellung zum Leben des griechischen Literaturnobelpreisträgers Giorgos Seferis, der in seinen Gedichten immer wieder das Meer und die ihm zugehörigen Gegenstände aufgerufen hat: den Hafen, das Schiff, die Insel, das Haus.
„Hier legten wir mit den Schiffen an um die abgebrochenen/ Ruder zu flicken,/ um Wasser zu trinken und zu schlafen. Das Meer, das uns verbittert hat, ist tief und nicht zu ergründen …“, heißt es in „Flasche im Meer“. Was Christian Enzensberger in einem Nachwort einmal über Seferis’ Gedichte schrieb, gilt wohl auch für andere Dichter des Meeres. Es scheint ganz einfach. In ihren Gedichten hat sich ein „allererstes Schema“ bewahrt: „Die Dinge sind, die Menschen tun.“ (Gesamtes Programm unter: www.literaturwerkstatt.org) / Tagessspiegel
Als Martin Gardner 1960 seinen Lewis Carroll-Kommentar ‚The Annotated Alice‘ herausbrachte, machte er gleich die erste Fußnote zu einem Rattenschwanz nicht enden wollender Zitate. Er heftete den Rattenschwanz an die erste Zeile des Gedichtes, mit dem ‚Alice in Wonderland‘ beginnt (‚All in the golden afternoon…‘), datierte diesen goldenen Nachmittag unwiderleglich auf Freitag, den 4. Juli 1862, referierte sodann sämtliche Quellen, die über den Themse-Ausflug Lewis Carrolls mit den Liddell Schwestern einschließlich der zehn Jahre alten Alice Auskunft gaben, vergaß nicht, die Bemerkung W. H. Audens zu erwähnen, dass durch diesen goldenen Nachmittag der 4. Juli in der Literaturgeschichte eine ähnlich herausragende Bedeutung erlangt habe wie der ebenfalls auf den 4. Juli fallende Unabhängigkeitstag in der amerikanischen Geschichte, nur um am Ende mit der betrüblichen Mitteilung aufzuwarten, eine Überprüfung beim Amt für meteorologische Daten in London habe ergeben, der 4. Juli 1862 sei ein kühler und ziemlich nasser Tag gewesen.
Der Rattenschwanz war die Parodie eines positivistischen Philologen-Kommentars, und er war eine Visitenkarte von Martin Gardner. …
Am vergangenen Samstag ist Martin Gardner im Alter von 95 Jahren in Norman, Oklahoma gestorben. / LOTHAR MÜLLER, SZ 26.5.
Neu bei fixpoetry.com:
„kreide“
visuelle poesie
Dort außerdem von der Autorin: Autorenbuch, Gedichte
Prosa: Barackenleben
In den Barackenwintern der Nachwende –
brandiger Kaffeeduft in überheizten Räumen,
mit einer Handvoll Menschen aus dem Nichts der Statistik-
beginnt, eiskalt, brühwarm, die Schule des Erinnerns –
vor der statischen Kulisse
aneinandergerückter Fernen junger Geschichte.
Ferdinandshof im Nov. 1996
Der Burscheider Dichter und Lyriker Georg Pawlak und sein musikalischer Partner, Gitarrist Tobias Schaaf, konnten einen erfolgreichen Abend auf der RÜ-Bühne in Essen gestalten. Im Rahmen der Literatur- und Kleinkunstprogramme zur Kulturhauptstadt Europas präsentierte Georg Pawlak im Rahmen einer szenischen Lesung sein neues Programm „Autopsie – Das Innere offen gelegt.“ / Lokale Informationen
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Barnyard chickens, which are little more than reptiles with feathers, can be counted on to kill those among them who are malformed or diseased, but we humans, advanced animals that we think we are, are far more likely to just turn away from people who bear the scars of misfortune. Here’s a poem by Ned Balbo, who lives and teaches in Maryland.
Fire Victim
Once, boarding the train to New York City,
The aisle crowded and all seats filled, I glimpsed
An open space—more pushing, stuck in place—
And then saw why: a man, face peeled away,
Sewn back in haste, skin grafts that smeared like wax
Spattered and frozen, one eye flesh-filled, smooth,
One cold eye toward the window. Cramped, shoved hard,
I, too, passed up the seat, the place, and fought on
Through to the next car, and the next, but now
I wonder why the fire that could have killed him
Spared him, burns scarred over; if a life
Is what he calls this space through which he moves,
Dark space we dared not enter, and what fire
Burns in him when he sees us move away.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2005 by Ned Balbo, whose most recent book of poetry is Something Must Happen, Finishing Line Press, 2009. Poem reprinted from Lives of the Sleepers, University of Notre Dame Press, 2005, by permission of Ned Balbo and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Sie schaut demonstrativ nach vorne. Und spricht erst einmal über das, was sie in der bayerischen Landeshauptstadt erwartet. Die 40.000 Bände große Bibliothek im Lyrik Kabinett München zum Beispiel, dessen Führung Maria Gazzetti Ende des Jahres übernimmt. Seit ihr Abschied von Frankfurt am 30. Juni feststeht, hat sich die langjährige Leiterin des Frankfurter Literaturhauses öffentlich eine Formel zurechtgelegt, um den Wechsel zu begründen: „Konzentration auf die Kunst“ sei nun angesagt. Auf die Lyrik, auch auf Buch-Publikationen, die in München zum Profil des Hauses gehören. / Claus-Jürgen Göpfert,, FR 31.5.
(vgl. L&Poe #146. Beton)
Ach Tom, darauf kann man nicht rasch antworten. Du fragst, warum ich Eva Strittmatter nicht großartig finde? Wärst du hier, holte ich den Stapel Bücher vor und würde mit dem Finger HIER und DORT zeigen, was ich meine. Viele HIERS und DORTS.
So schreibe ich ein paar schnelle Beobachtungen hin.
Ob es nur eine Geschmackssache ist oder ob ich es „als Germanist“ beweisen kann? Ach beweisen… Daran glaube ich nicht wirklich, aber bloße Geschmackssache ist es meiner Meinung nach auch nicht. (Wer sie verehrt, wird es sich von mir nicht ausreden lassen, und wozu auch?)
Was ich sehe. Zu viele falsche Töne. Zuviel Vermischung von Konkretem und Abstrakten. „Mein Grundbedürfnis geht nach Liebe“. Naja, und die Kunst geht nach Brot, ich geh nach Haus und die Uhr geht nach. Das irritiert mich schon. Ich schrieb, daß mir einzelne Zeilen und Gedichte haftengeblieben sind. Aber immer wieder daneben Dinge, die mir als Ausrutscher erscheinen, oder als Abstürze.
Zuviel Hoffnung. Zuviel Seele. Zähl mal, wie oft die Worte vorkommen. Und wie. Die Seele erbebt. Sonne die Seelen entfaltet. Viel zuviel Dualismus für meinen Geschmack. Nie, oder selten, sind die Dinge durch sich selber, meist in der Beleuchtung einer fühlenden Seele. „September ist der Sehnsuchtsmonat“ . So beginnt „September II“. Schon in der ersten Zeile ist die Fühligkeit das eigentliche Zentrum. Tolle Septembergedichte, von Mörike, von Huchel, geben dem Sichtbaren viel mehr Raum. Sie versucht das auch, schafft es manchmal. Ahnte sie das, als sie schrieb: „Es wäre für die Welt viel besser,/ Ich käme in meinen Werken nicht vor.“ („Van Gogh, die anderen und ich“). Davon abgesehen, daß das auch gleich falsch ist, oder komisch. Der Welt wärs egal, es sei denn, man hält das lesende Publikum für die Welt. Da les ich lieber Ringelnatz: „Was geht mich Friedrich der Große an?“
Und Tom, du sprachst neulich vom perpetuum mobile. Sieh mal das Gedicht „Bewegung“ (aus: „Die eine Rose überwältigt alles“). Seele reimt sich da auf „ das „Lied aus meiner Kehle“ („Leibseele“). In der letzten Strophe erfindet sie es: das Geheimnis ist in den Worten: „Man kann sie so sagen, daß die Schwerkraft der Seele in ihnen bebt.“ Dieses Vertrauen in Worte, ach. „Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen!“
Überhaupt enden die meisten Gedichte mit einer Art Pointe. Wäre ich Kritiker, würde ich der Autorin zu bedenken geben, was Ulf Stolterfoht über Pointenzwang schrieb (in der Nachbemerkung zum Jahrbuch der Lyrik 2008). Wenn man vom Gedicht „diese Sensation der Ungeläufigkeit“ erwartet, dann wird man bald verstimmt, wenn zu oft das Erwartbare kommt. Schlimmer noch: das von dieser Autorin Erwartbare. Das sind oft, allzu oft pathetische Leerformeln an Gedichtschlüssen:
Die Graugänse „führen die Hoffnung mit sich im Flug“.
„Und nur in der Schatulle/ Erinnrung verwahrt man sie, / Da wächst und wächst ein Reichtum,/ Und der entwertet nie.“ („Nähe“). [„entwertet nie“!]
1 Seite davor: „Und manches mal sind wir ganz dicht daneben/ und gehen doch vorbei am Glück.“ [Peng! Absturz!]
Noch 1 Seite davor: „Doch wird die Weisheit nur genossen,/ wenn man den Hunger nicht vergißt.“ Ach ach ach.
„Es mag mir ruhig Schaden geschehen./ Geschieht nur dem Geist der Wahrheit kein Leid.“ Bloß nicht! Oi oi oi.
So viele billige Schlüsse: „Das geb ich ganz und geb mein Leben“. (Originalhervorhebungen) – „Daß wir auf Paradiesvögel warten,/ Läßt uns über alle Zweifel obsiegen.“ Obsiegen! Benn nannte das zu Recht den „seraphischen Ton“
„Wieder ist Morgen! Ich breche singend [o Gott ich auch, aber nicht singend!] / Tränendes Herz und weiß nichts von Leid“.
„Die meisten leben für ein Haus/ Doch manche für ein Lied“. Ja ja.
Und klingt es nicht manchmal wie Friederike Kempner (bloß weniger komisch?):
„So ging ich hin, vergaß alle Pflicht / und lebte mein Leben. Da war es Gedicht.“
Bei Kempner ist das schöner: „O wißt ihr, was ich denke? / O nein, ihr wißt es nicht! / Wenn ich mich ganz versenke, / Dann denk ich ein Gedicht!“
Strittmatter: „Und fügen die Worte sich gar zum Gedicht [gar zum Gedicht!]/ Lassen selbst mich sie am Ende erbeben.“ Gar zum Gedicht, selbst mich sie, selbst sie mich… Immer zum Gedicht hochblickend: zum eigenen!
Und das Gedicht „Frage“ („Die eine Rose…“), könnte es nicht von Friederike sein? Vielleicht ist das ein Lob. Sieh es dir selber an.
Noch eins. „Wer hat den Drang mir eingezwungen/ Die Welt in Worten nachzubauen? / Wer hat in mich hineingesungen/ Beim allerersten Morgengrauen?“ (Strittmatter)
Kempner: „Tröstend senkt die Poesie / Sich auf meine Seele.“
Ein Kempneresker Schluß zum Schluß: „Umlärmt von Parteiung und Fehdegeschrei/ Singe ich stumm mein menschliches Lied.“ (Eva Strittmatter)
Ach Tom, das kannst du nicht meinen?!
Wäre ich Kritiker, schrieb ich. Ach, warum auf den Kritiker hören! Den Teufel wird sie. Einmal bemühte sie Puschkin zum stolzen Vergleich. Auch bei dem irrten die Kritiker. Die Nachwelt, die Nachwelt geht oft dem Dichter „zugunst“! (Wörtlich aus dem Gedächtnis zitiert).
Aber mal seriös: Manchmal ahnt sie das schon. Im Brief an einen jugoslawischen Dichter, den sie verehrt, schreibt sie: „Ihre Poesie ist wie aus Elementarteilchen gemacht. Das ist etwas, was ich mir von Anfang an beim Schreiben gewünscht habe. Alles andere lockt mich nicht. Trotzdem weiß ich wohl, wie fern meine Gedichte den Ihren sind: ein anderes Leben und noch dazu das einer Frau, die vielleicht nie etwas anderes schreiben wird als Damenlyrik, wenn sie sich auch einbildet, nichts damit zu schaffen zu haben.“ (ihre Hervorhebung, aus: Eva Strittmatter, Briefe aus Schulzenhof. Berlin und Weimar: Aufbau 1977, S. 260f)
Eva Strittmatter in L&Poe
Friederike Kempner in L&Poe
Als Joseph Brodsky im Jahr 1977 seine erste englische Schreibmaschine kaufte – ein Exemplar der Marke ‚Lettera‘ – geschah dies, weil er, wie er sagte, W. H. Auden ’näherkommen‘ wollte. Denn Brodskys Verhältnis zur englischen Sprache war einfach und kompliziert zugleich. Einfach, weil er sie liebte, kompliziert, weil diese Liebe nicht ganz auf Gegenseitigkeit beruhte. ‚In seinen Englischkenntnissen herrschte ein ziemliches Durcheinander‘, meinte Susan Sontag, ‚während er die Sprache gleichzeitig verehrte.‘
… Brodsky hat als Kind ein wenig Englisch gelernt, doch als Zensur lediglich ein ‚mangelhaft‘ erhalten. Sein Interesse an dieser Sprache entstand erst, als er Ende der fünfziger Jahre zu dichten begann. Anfang 1963 schrieb er die ‚Große Elegie an John Donne‘, ein Gedicht, das den Eindruck einer tiefen Vertrautheit mit dem englischen Poeten und dessen Dichtung erweckt. Tatsächlich wusste Brodsky zu dieser Zeit ‚unerhört wenig über John Donne‘, wie er später bekannte, ‚praktisch nichts‘, nur ‚ein paar Fragmente aus seinen Predigten und einige Gedichte, die in Anthologien gedruckt sind‘. Geweckt worden war sein Interesse durch das Motto in Ernest Hemingways Roman ‚Wem die Stunde schlägt‘: ‚Kein Mensch ist eine Insel, in sich selbst vollständig; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinentes, ein Teil des Festlands; …und darum verlange nie zu wissen, wem die Glocke schlägt; sie schlägt dir. ‚ …
Insgesamt schrieb Brodsky ungefähr dreißig Gedichte auf Englisch, denen ungefähr neunhundert russische Gedichte gegenüberstehen. Doch umfasst Brodskys englische Produktion auch diejenigen russischen Gedichte, die er selbst (manchmal in Zusammenarbeit mit anderen) ins Englische übertrug. Das sind noch einmal etwa 120 Gedichte. / Bengt Jangfeldt, SZ 22.5.
Ganze zwei Gedichte hatte Juwatschow, der sich (er hatte viele Pseudonyme) als Dichter meistens Charms nannte, zu Lebzeiten veröffentlicht. 1905 geboren, Mitte der Zwanziger zum verrückten Star der russischen Literatur aufgestiegen, verboten, verfolgt, verhaftet, verhungert 1942 in der Gefängnispsychiatrie des belagerten Leningrad. Nach und nach wurden die Schätze aus seinem Nachlass gehoben, nach und nach fügte sich das literarische Bild. Gudrun Lehmann fügt alles zusammen. Die Spuren seines Lebens und die Analysen seines Werkes. Mehr muss man nicht wissen über Daniil Charms. Bleibt nur noch lesen. Das sollte man allerdings unbedingt. Und dazu wird es auch von Herbst an mit einigen Neuausgaben noch mehr Gelegenheit geben. / WIELAND FREUND;ELMAR KREKELER, Die Welt
Daniil Charms – Leben und Werk. Von Gudrun Lehmann. Arco, Wuppertal. 736 S., 39,90 Euro.
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