113. Tennisdichter

Matt Harvey ist der Hofdichter von Wimbledon oder „The Championship´s Poet“, wie sein Titel offiziell heißt. Er ist der Erste in der 133-jährigen Geschichte des All England Lawn Tennis & Croquet Clubs, der eine Einladung erhielt, von diesem Montag an, wenn die Bälle übers Netz fliegen, über das Turnier zu schreiben. 14 Tage lang, bis zum Finale, verfasst er täglich ein Gedicht. …

Der All England Club hatte schon in der Vergangenheit für die Dauer des Turniers Maler und Künstler engagiert, ohne damit allerdings für Schlagzeilen zu sorgen. Harvey ist der fünfte „Artist in Residence“ – aber der Erste, der twittert und seine Werke täglich ins Internet stellt.

Es gab keine Ausschreibung für den Job. Der Klub, der auf seiner Anlage an der Church Road ein Museum unterhält, wandte sich bei der Suche nach geeigneten Kandidaten vielmehr an eine Dichtervereinigung, den Poetry Trust. Ein paar Namen wurden vorgeschlagen, dann hörte eine Museumsmitarbeiterin zufällig Matt Harvey im Radio: Er ist Kabarettist, fantasiereicher Fabulierer und Wort-Jongleur und tritt als solcher regelmäßig in einer BBC-Kultursendung auf, in der er quasi aus dem Stegreif Lyrik komponiert. / BARBARA KLIMKE, FR 21.6.

112. American Life in Poetry: Column 274

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Alicia Suskin Ostriker is one of our country’s finest poets. She lives in Princeton, New Jersey. I thought that today you might like to have us offer you a poem full of blessings.

The Blessing of the Old Woman, the Tulip, and the Dog

To be blessed
said the old woman
is to live and work
so hard
God’s love
washes right through you
like milk through a cow

To be blessed
said the dark red tulip
is to knock their eyes out
with the slug of lust
implied by
your up-ended skirt

To be blessed
said the dog
is to have a pinch
of God
inside you
and all the other
dogs can smell it

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. “The Blessing of the Old Woman, the Tulip, and the Dog” from The Book of Seventy, by Alicia Suskin Ostriker, © 2009. All rights are controlled by the University of Pittsburgh Press, Pittsburgh, PA 15260. Used by permission of the University of Pittsburgh Press. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

111. Danmarks nationalsang

In der Serie WM-Hymnen im Tagesspiegel am Freitag: Dänemark

Urlaubsidyll in der ersten Strophe, in der zweiten jugendfreie Raubeinigkeit a là Obelix. Die dänische Hymne, „Der er et yndigt land“ ist ein Auszug aus dem Gedicht „Vaterlandslied“, das Adam Oehlenschläger 1819 schrieb.

„Es liegt ein lieblich Land / Im Schatten breiter Buchen / Am salz’gen Ostseestrand / An Hügelwellen träumt’s, im Tal / Alt-Dänemark, so heißt es, / Und ist der Freja Saal.

Dort saßen in der Vorzeit / Die behelmten Kämpfer / Und ruhten sich vom Streite aus / Dann wehrten sie die Feinde ab, / Nun ruhet ihr Gebein / Drüben bei dem Hügelgrab.“

Komplett dänisch und deutsch hier

110. Besonderheit

Eine andere Besonderheit dieser Rezension (#109), die sich nur durch Hamms BRD-Hintergrund erklärt, mithin seine Gewißheit, über den rechten Kanon zu verfügen, was ihn befähigt, Linkskurven haarscharf zu erkennen, zeigt sich im Zitat:

Eine andere Besonderheit dieser Anthologie, die sich nur durch Kirstens DDR-Hintergrund, mithin seine antifaschistische Grundhaltung, und durch seine eigene Herkunft verstehen lässt, ist der grosse und berechtigte Respekt, den er proletarischen oder dem Kampf des Proletariats ergebenen Autoren wie Hans Marchwitza, Hans Lorbeer, Wilhelm Tkaczyk oder Kurt Huhn entgegenbringt, die sich meist aus dem «Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller» oder aus dem KZ kannten.

109. Dichter … und Minderdichter

Rezensent Peter Hamm hat einen empfindlicheren Magen als Anthologist Wulf Kirsten, ist aber tolerant:

Dass Kirsten «Stimmenvielfalt» wichtiger war als «Auslese», dokumentiert bereits der riesige Umfang seines Unternehmens: Auf 1120 Seiten werden fast 1000 Gedichte von 363 Dichtern präsentiert! Bedenkt man die wenigen lyrischen Höchstleistungen, die uns vom gesamten 19. Jahrhundert geblieben sind, scheint das des Guten (und oft auch nur Gutgemeinten) entschieden zu viel. Nimmt man Kirstens Anthologie aber als das, was sie primär sein will, ein poetischer Spiegel der Zeitgeschichte, leuchtet solche Üppigkeit schon eher ein. Wie brutal die Geschichte in dem von Kirsten abgesteckten Zeitraum nicht nur viele Gedichte dominiert (und deformiert), sondern auch die Lebensschicksale ihrer Dichter bestimmt hat, belegt bereits die erschütternde Tatsache, dass fast ein Drittel von ihnen (103) aus dem deutschen Sprachraum vertrieben und fast ein halbes Hundert in einem deutschen KZ ermordet oder in den Selbstmord getrieben wurden.

Und hebt Kirstens Entdeckerlust hervor:

Kirsten ist ein passionierter Ausgräber und Wiederentdecker, und was an seiner Anthologie als Erstes auffällt, sind die vielen völlig unbekannten oder nur noch schattenhaft vorhandenen Dichternamen, denen man hier begegnet. Fabelhafte Funde macht Kirsten bei den sogenannten Minderdichtern, denen manchmal nur mit einem einzigen Gedicht gelang, ihre poetischen Grenzen zu sprengen, ob das nun der in die USA emigrierte und dort als Kabelbote arbeitende Wiener Fritz Brainin ist («Letzte Fahrt eines Weinfuhrmanns») oder der als Invalide aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrte Hannoveraner Zeitungsausträger und Dachdecker Franz Johannes Weinrich («An die Schneider von Paris»), ob der Tabakhändler Karl Schloss aus Alzey, der schon 1905 prophetisch sein Auschwitz-Schicksal beschwor («Die Blumen werden in Rauch aufgehn»), oder Carl Friedrich Wiegand, ehemaliger Prinzenerzieher im Hause Hessen und späterer Mitbegründer der Zürcher Volkshochschule, der in einem grellen Totentanz das riesige Heer der sinnlos Gefallenen aufmarschieren lässt («Die Ehrenlegion»).

Verblüffend auch manche Gelegenheitsgedichte von Autoren, die nur durch ihre Prosa oder sogar nur durch ausserliterarische Aktivitäten bekannt wurden, darunter etwa ein «Sieh mich gebeugt» überschriebenes Gedicht von Otto Weininger, in dem der 1903 dreiundzwanzigjährig aus dem Leben geschiedene Verfasser von «Geschlecht und Charakter» kaum verklausuliert seine Furcht vor der Syphilis artikuliert, oder ein Gedicht auf Kafkas «Prozess» des Religionsphilosophen Gershom Scholem, das dieser einem Brief an seinen Freund Walter Benjamin beilegte.

Und lobt:

Mit Wulf Kirstens Anthologie «Beständig ist das leicht Verletzliche», der man prophezeien kann, dass sie sich bald als der grosse Kirsten unentbehrlich machen wird, hat Egon Ammann am Ende seiner grossartigen Verlegerlaufbahn allen deutschsprachigen Lyrikfreunden ein generöses Abschiedsgeschenk gemacht, für das ihm Anerkennung und Dank gebührt.

«Beständig ist das leicht Verletzliche». Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan. Hrsg. von Wulf Kirsten. Ammann-Verlag, Zürich 2010. 1120 S., Fr. 129.–.

/ Peter Hamm, NZZ 19.6.

108. Auch kurz…

ist Michael Lentz in der gleichen Ausgabe der Welt, Rubrik:

WENN SIE MEINE BÜCHER MÖGEN, WERDEN SIE DIESE HIER LIEBEN

Auszüge:

Rainer Maria Rilke: Die Gedichte (Insel, Berlin). Rilke ist der große Denker unter den Dichtern, der für seine oft paradoxen, existenziellen Denkfiguren Sprachbilder von überragender Schönheit und Unausweichlichkeit gefunden hat. Seine Gedichte begleiten ein Leben lang, weil sie immer wieder neu zu entdecken sind. Sie sind überraschend, aufwühlend, nicht auszulesen, stets zeitgenössisch. Sie lassen den Leser einfach nicht in Ruhe. Machen die Abgründe seiner Versfindungen oft erschrecken, so rührt seine Poesie nicht minder oft an – und auch zu Tränen. Abseits seiner weltberühmten Gedichte gilt es, den unbekannteren Rilke zu entdecken.

Helga M. Novak: Solange noch Liebesbriefe eintreffen (Schöffling, Frankfurt/M.). Die Gedichte von Helga M. Novak gehören zum Grundbestand deutschsprachiger Lyrik. (…)

Uwe Dick: Des Blickes Tagnacht (Residenz, Salzburg). In diesem Gedichtband findet man einige der schönsten, traurigsten und gedanklich tiefsten Gedichte, die hierzulande in den vergangenen zwanzig Jahren geschrieben worden sind. Uwe Dick ist ein Sprachradikaler, dessen poetischer Horizont die bloß eurozentrische Perspektive von Anfang an hinter sich gelassen hat. (…)

Oskar Pastior: Werkausgabe 3: „Minze Minze flaumiran Schpektrum“ (Hanser, München). Was für eine poetische Alchemie! Was für eine buchstäbliche Arbeit! Ein Genie von eigenen Gnaden. (…) Leute, lest mehr Pastior, dann werdet ihr froher. Und ausgeglichener. Und mutiger. Und versteht endlich mehr von der Welt.

Hans Carl Artmann: Sämtliche Gedichte (Jung und Jung, Salzburg). (…) Ohne Artmann wäre es dunkel. Mit H. C. Artmann ist es ungeheuer.

107. Kurz besprochen

GwendolynMacEwen: Die T. E. Lawrence Gedichte (Edition Rugerup, Hörby. 160 S., 19,90 Euro). Eine der größten Dichterinnen Kanadas schlüpft in die Rolle des berühmten Lawrence of Arabia. Ihr Zyklus besticht durch fulminante Imagination, unerwartete Bilder, Gespür für Rhythmus und Struktur.

Kathrin Schmidt: Blinde Bienen (Kiepenheuer & Witsch, Köln. 96 S., 17, 50 Euro). Ein Feuerwerk an sprachlichen Erfindungen, phonetischen Beglückungen und mal aggressivem, mal tänzerischem Sound. Der Leser tritt sofort in den Großwirkungsraum des Gedichts, wird von seinem Schall gefangen. Eine einzige Wortwollust.

/ Joachim Sartorius, Die Welt 20.6.

Dort auch über:

Pier Paolo Pasolini: Dunckler Enthusiasmo (Urs Engeler Editor, Basel. 322 S., 28 Euro).

Inger Christensen: graes/gras (Kleinheinrich, Münster. 128 S., 25 Euro).

106. Schlager

Der Schlager handelt große Themen nonchalant in Herz-Schmerz-Lyrik ab: Liebe, Fernweh, Heimat. Der Schlager ist harmlos.

Oder nicht? Er treibe, giftete der deutsche Schriftsteller Rolf Schneider, seine Konsumenten in ein intellektuelles Kümmerdasein, „das sich selbst als unpolitisch begreift, und doch massive politische Folgen hat“.

Der Legende nach wurde der Begriff Schlager in den 1860er-Jahren von einer Wiener Zeitung erfunden, die ihn erstmals auf Strauß‘ „Donauwalzer“ anwendete. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts trat der Schlager – das populäre Lieder? das kommerziell erfolgreiche Lied? – seinen Siegeszug an. Hand in Hand mit dem technischen Fortschritt, der die weite Verbreitung einzelner (nicht Volks-) Lieder erst ermöglichte. …

Meyer-Landruts Hit „Satellite“ ist Herz-Schmerz-Lyrik auf Englisch und par excellence. / Anna Gasteiger, Kurier

105. Gegenstrophen

Martin Zingg schreibt in der NZZ vom 19.6. enthuastisch über neue Lyrik:

Virtuose Aufbrüche

Neue deutschsprachige Lyrik von jüngeren Autoren und Autorinnen: Seit einigen Jahren erlebt die deutschsprachige Lyrik eine kleine Renaissance. Das hat einerseits mit dem Wagemut mancher Verlage (auch Kleinverlage) zu tun; es hängt aber auch zusammen mit der Wiederentdeckung lyrischer Formen durch jüngere Autorinnen und Autoren.

Vier Auszüge:

1

In den vergangenen Jahren waren da und dort Gedichte von ihr zu lesen, die jedes Mal aufhorchen liessen. Nun legt Nadja Küchenmeister ihren ersten Gedichtband vor: «Alle Lichter». Das sorgfältig komponierte Début ist eine angenehme Überraschung; es präsentiert eine Lyrikerin, die mit genauen Beobachtungen und einer melodischen, sehr präzisen Sprache arbeitet.

2

Winkler mag die starken Bilder, das jäh Aufblitzende, Überraschende, das Paradoxe. In seinen Gedichten verwendet er gerne sprachliches Material aus der Sphäre der Naturwissenschaften oder der Philosophie. Dabei nimmt er zusammen mit den einschlägigen Vokabeln den Gestus des scheinbar Genauen, Nicht-Hintergehbaren gleich mit hinein ins Gedicht – und konfrontiert und amalgamiert es dort mit alltäglicher Sprache und durchaus bekannten Situationen. Das führt oft zu seltsamen und durchaus witzigen Kollisionen.

3

Hendrik Rost bewegt sich nahe am Alltag, aber stets distanziert genug, dass seine Gedichte alltägliche Erfahrungen wie durch ein Brennglas hindurch sehen und – anders sehen, anders kenntlich machen, in neue Erkenntnisse verlängern. «Fraktur» handelt auf eindrückliche Weise von einer lebensbedrohlichen Erfahrung und der allmählichen Rückeroberung existenzieller Gewissheiten. «Forscherdrang» bearbeitet die Erinnerung an einen Sommer, in dem das lyrische Ich am Löschwasserteich einer Fabrik arbeitete; ausgehend von den im Teich schwimmenden Aalen, gerät das Gedicht unversehens in eine Fülle von disparaten Gedankengängen.

4

Die gegenwärtige deutschsprachige Lyrik ist von einer ungeahnten Produktivität und Vielfalt. In den letzten Jahren haben sich unzählige neue Stimmen gemeldet, mit sehr unterschiedlichen Ansätzen und nicht selten in einer intensiven Auseinandersetzung mit der lyrischen Überlieferung. Das dokumentiert auch «Gegenstrophe», ein neues Jahrbuch zur Lyrik, das im Zusammenhang mit dem 2008 erstmals in Hannover vergebenen Hölty-Preis für Lyrik entstanden ist. Der Band präsentiert neue Gedichte von Kerstin Preiwuss, Claudia Gabler, Andre Rudolph, Nora Bossong, Dorothea Grünzweig, Norbert Hummelt, Norbert Lange und Uljana Wolf. Dazu gibt es zahlreiche Kommentare und einen informativen Essay von Michael Braun sowie die Dankesrede des Hölty-Preis-Trägers Thomas Rosenlöcher. Das Jahrbuch dürfte bald unentbehrlich werden.

Nadja Küchenmeister: Alle Lichter. Gedichte. Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 2010. 104 S., Fr. 29.50.Ron Winkler: Frenetische Stille. Gedichte. Berlin-Verlag, Berlin 2010. 96 S., Fr. 30.50.Hendrik Rost: Der Pilot in der Libelle. Gedichte. Wallstein-Verlag, Göttingen 2010. 111 S., Fr. 30.50.Steffen Jacobs: Die Liebe im September. Gedichte. Wallstein-Verlag, Göttingen 2010. 96 S., Fr. 30.50.Gegenprobe. Blätter zur Lyrik 1. Hrsg. von Michael Braun, Kathrin Dittmer und Martin Rector. Wehrhahn-Verlag, Hannover 2009. 112 S., € 12.80.

104. Geoffrey Hill neuer Oxford Professor of Poetry

Der Dichter Geoffrey Hill  wurde am Freitag mit großer Mehrheit zum Oxford Professor of Poetry gewählt. Es war zugleich sein 78. Geburtstag. Unter den unterlegenen Kandidaten war der Beat poet Michael Horovitz, der Oxforder Performancepoet Steve Larkin und der Südafrikaner Chris Mann.

Die Universität hofft, daß die Wahl eines so hochgeschätzten Dichters helfen wird, die Schatten zu zerstreuen, die die gescheiterte Wahl im Vorjahr mit sich gebracht hat. Damals trat die gewählte Bewerberin Ruth Padell zurück, nachdem bekannt wurde, daß sie Material über Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen ihren stärksten Mitbewerber Derek Walcott verbreitet hatte.

Auch dieses Jahr verlief die Wahl nicht ganz ohne Mißtöne. Vorige Woche zog sich die einzige Frau unter den Bewerbern, Paula Claire, zurück, weil Hill bevorzugt werde. Vor ein paar Tagen warf Horovitz seinem Mitbewerber Roger Lewis „pseudointellektuelle Chuzpe“ vor. …

Hill wird oft als der größte lebende Dichter in englischer Sprache beschrieben, so auch in der Kandidatenerklärung für das Oxforder Amt, in dem ihn seine Unterstützer als „Riesen“ beschreiben, „ein Dichter von außerordentlicher Leidenschaft und Kreativität“.

/ Guardian 18.6.

103. José Saramago gestorben

Der portugiesische Schriftsteller und Nobelpreisträger José Saramago starb im Alter von 87 Jahren, berichtet die New York Times.

Mehr: FR / Guardian /

In L&Poe:

2005     Jan     #56.     Wortlos fehlende Verbindung
2005     Jun     #1.     Saramago bilingual
2007     Jan     #104.     Iranisches Künstlerforum ehrt Mahmud Darwisch
2007            Nov            #140.            Ches Gedichte

102. Die Siege der Serben

(Serbow dobyća)

Von Johann Woko in Kotten

Die Serben ziehn gegen die Deutschen ins Feld,
Verstehen kein einziges Wörtlein deutsch. Verstehen kein einziges Wörtlein deutsch.

Sie sammeln die Goldfüchse allesammt sich,
Sie legen die klirrenden Sporen sich an. :,:

Sie gürten die blitzenden Schwerter sich um,
Versammeln sich alle im ebenen Feld. :,:

Ziehn gegen die Deutschen zum ersten Mal.
Erringen, erringen dort grossen Sieg. :,:

Als dieses erfahren der König und Fürst,
So lässt er sie allzumal kommen vor sich, :,:

Gibt jedem ein neues, ein prächtiges Kleid,
Verpflichtet sie alle zum Dienste des Kriegs. :,:

Zum andern Mal ziehen die Serben ins Feld,
Erringen dort wieder sehr grossen Sieg. :,:

Als dieses erfahren der König und Fürst,
So lässt er sie allzumal kommen vor sich, :,:

Er lässt sie bekleiden mit lauter Sammt,
Er kleidet sie alle in Scharlach roth. :,:

Zum dritten Mal ziehen die Serben ins Feld,
Erringen zum dritten Mal grossen Sieg. :,:

Als dieses erfahren der König und Fürst,
So lässt er sie allzumal kommen vor sich, :,:

So lässt er sie allzumal kommen vor sich,
Und gibt einen Goldfuchs dort jeglichem Mann. :,:

Er gibt einen Goldfuchs dort jeglichem Mann,
Dazu noch zum Schmucke das blitzende Schwert. :,:

Aus: Volkslieder der Sorben in der Ober- und Nieder-Lausitz. Hrsg. v. Leopold Haupt und Johann Ernst Schmaler. [Grimma 1841]. Anastatischer Neudruck. Berlin (Ost): Akademie-Verlag 1953. S. 32

Die Anfangszeile lautet im Original: „Serbjo so do Njemcow hotowachu“.

(Vorsorglich füge ich hinzu, daß ich im Text keinen Buchstaben verändert habe)

101. Philologie und Erotik mangelhaft

So lautet das Fazit von Tobias Roth, Berliner Literaturkritik 18.6.

… man denkt zu oft: „Er begattete sie auf irgendeine altfränkische gottvergessene Methode.“ (Schmidt).


FISCHER, ANDREAS (Hg.) u.a.: Einmal eins ist eins, steck dein Ding in meins. Volkserotische Lyrik. Walde+Graf, Zürich 2010. 260 Seiten, 19,95 €.

100. Wie Gedichte entstehen

Nach „Wie Romane entstehen“ (zusammen mit Hanns-Josef Ortheil) hat der Verlagslektor Klaus Siblewski nun, gemeinsam mit dem Lyriker Norbert Hummelt, in der Sammlung Luchterhand das Bändchen „Wie Gedichte entstehen“ publiziert. Die Entstehung von Gedichten wird hier gleich doppelt beleuchtet: aus der Sicht des Lyrikers und aus der Sicht des Lektors. Beschrieben wird, wie aus einem Einfall ein Gedicht und aus vielen Gedichten ein Buch wird. …

Das Machen des Gedichts ist der Schritt von der Plötzlichkeit des Einfalls zur Bewusstheit der Konstruktion: „Irgendetwas in Ihnen schleudert ein paar Verse hervor, irgendetwas anderes in Ihnen nimmt diese Verse sofort in die Hand, legt sie in eine Art Beobachtungsapparat, ein Mikroskop, prüft sie, färbt sie, sucht nach pathologischen Stellen. Ist das erste vielleicht naiv, ist das zweite etwas ganz anderes: raffiniert und skeptisch“.

In seinen Darlegungen zu den „Theorien der Eingebung“ nimmt Hummelt neben Jandl und Benn auch Bezug auf Platon, Rilke und Hölderlin, auf Poe, T. S. Eliot und John Keats; in diesen ideengeschichtlichen Rekursen erhält seine eigene kleine Poetologie des Gedichts Kontur. / Katja Hachenberg-Voss, literaturkritik.de

Norbert Hummelt / Klaus Siblewski: Wie Gedichte entstehen.
Luchterhand Literaturverlag, München 2009.
270 Seiten, 9,00 EUR.
ISBN-13: 9783630621661

99. Kulturhauptstadt-Gedicht-Marathon

Monatelang hat er gesammelt, die Zahl 2010 locker und zeitgerecht erreicht, jetzt geht’s an die Umsetzung: Roy Kifts Gedicht-Marathon zur Kulturhauptstadt 2010 wird seit gestern nun endlich sichtbar im Straßenbild der Europastadt.

Punkt 8 Uhr ging’s im Stadtgarten los. Ein Vierer-Trupp des EUV, bestückt mit grünen Blumenbindestreifen und DIN-A-4-Blättern, auf denen jeweils eins der eingereichten oder selbst geschriebenen Gedichte aufgedruckt ist, nimmt sich Baum für Baum der prächtigen, schattenspendenden Allee zwischen Parkbad Süd und Seniorendomizil vor. Jeweils im Duett werden die laminierten Zettel an den Baumstämmen und Laternenpfählen befestigt. / derwesten.de