Veröffentlicht am 13. Juni 2010 von lyrikzeitung
Hundert Gedichte sollten es werden, so hat es sich der 1964 geborene Autor für seinen vierten Gedichtband vorgenommen, und diese kühne Programmatik hat ihm nicht geschadet. Sprachbewusst und schön kontrolliert erkundet „Offene Unruh“ den Liebesschmerz in allen Varianten. Dabei erzählen die Gedichte nicht bestimmte Situationen nach. Statt zur Identifikation einzuladen, spielen sie mit dem Liebesdiskurs, so als könnte man die Worte, die sich um die Liebe ranken, wie einen Rosenkranz dahersagen, ohne dass sich je der lästige Eindruck des Gebetsmühlenhaften einstellt. Alles geschieht mit souveräner Nebensächlichkeit. Das Material bleibt kalt. Wir werden nicht zum Voyeur eines leidenden Ich. Erfahrungspartikel geistern durch diese Gedichte wie etwas Objektives, als hätten sie sich tatsächlich in der Sprache abgelagert und könnten ganz nach Bedarf aktiviert werden. …
Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ und Roland Barthes’ „Fragmente einer Sprache der Liebe“ sind, so scheint es, die Paten dieses Bandes. Vom einen nimmt sich Lentz den systematischen Zugriff auf die Codes, mit deren Hilfe wir von Liebe sprechen, vom anderen die emphatische Evokation. Nach seinem Roman „Liebeserklärung“ hat er mit „Offene Unruh“ ein weiteres Mal bewiesen, wie gut sich die Sprachartistik mit der Liebe verträgt. Auch sie ist eine Form und beileibe nicht nur ein Gefühl, das ganz von selbst den richtigen Ausdruck findet. / Meike Fessmann, Tagesspiegel
Michael Lentz:
Offene Unruh.
100 Liebesgedichte.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2010. 167 Seiten, 16,95 €.
Veröffentlicht am 13. Juni 2010 von lyrikzeitung
Ein Lyriker war er am laufenden Fließband. Ein Einmischer in linke Parteiungen jederzeit. Allüberall Übersetzer aller Shakespeare-Szenen. Jetzt wird der Schriftsteller Erich Fried vorgestellt als unermüdlicher Briefsteller. Postalisches Pathos, epistelisches Ethos, eingeschriebener Eros; flächendeckend Moral und Moralin, Empathie und Sympathie, spediert in Poetik & Politik mit Poetik & Politik. Lieb gehabt wollte er werden, und Lieb-Haber war er, mit Honig, Schmäh und Schmalz; sogar vor seiner dritten Ehefrau protzt er altherrlich in einem Love-Letter mit seiner Vielweiberei: „My flaunted polygamy“.
Ein Büchlein für Friedianer, die in seiner Schreibmaschine sitzen, in seinen Tagebüchern stibitzen und eben Kibitz sein mögen beim Dichterers zuhaus. Interesse bedient! Mit unfreiwilligem Selbstporträt als Psychogramm. Die Kontur eines Kommunikators, die Agenden eines Agitators, die Botschaften des Brambassierens und des Belehrens, das Profil eines Poetasters, der hyperaktiv und ruhelos redet, redet, redet, selbst wenn er schreibt. Aus den Kuverts dieser Korrespondenz heraus entlarven sich seine Gedichte zukünftig auch als bloße Sprech-Sprache, die nach schnellem Dialog mit dem Leser ruft. Mundkost, Ohrenschmaus. Gedichte bei Gelegenheit von Geschichte/n. (…)
Bitterer Höhepunkt der Kollektion ist der Konflikt, den Verleger Wagenbach seinem Autor und Freund aufgezwungen hat. Fried wurde zutiefst verletzt vom rüden Jargon der Linkssoldateska, mit der sein Lektor seine Lyrik zusammenrüffelt. Fassungslos. Aber er setzt sich zur Wehr gegen Wagenbachs „bornierte Selbstsicherheit, Schulmeisterei, Engstirnigkeit, Überheblichkeit, gegen seine politischen Irrsinnserscheinungen aus der unerträglich vergifteten Atmosphäre des Post-ApO-Berlins, die auch Ulrike Meinhof in die RAF getrieben habe.“ Fazit: „Es wäre nicht praktisch, nach der Revolution dort Schriftsteller zu sein, wo du tonangebend bist!“ / Peter Roos, Die Presse 12.6.
Veröffentlicht am 13. Juni 2010 von lyrikzeitung
Am Freitag, 11. Juni, um 19 Uhr eröffnet Kargl mit einem Vortrag eine von ihr kuratierte Ausstellung über die „bayerischen Jahre der Dichterin Regina Ullmann (1884-1961)“ im Café Zam in Kirchseeon. Denn hier in Eglharting verbrachte die Dichterin ihre letzten Lebensjahre. Neben Vita und Werk zeigt die Schau faksimilierte Briefe von und an Regina Ullmann. Die Enkelin Helene Kahl wird über ihre Erinnerungen an die Großmutter sprechen (Termin wird noch bekannt gegeben).
1884 als Kind jüdischer Eltern in der Schweiz geboren, kam Regina als junge Frau nach München, wo sie Anschluss an die Schwabinger Bohème fand. Das „zurückgebliebene Kind“, wie der Germanist Peter Hamm schreibt, fasziniert von Anfang an durch eine unergründliche Art: Langsam wie eine „verschämte Bäuerin“, so beschreibt sie Kargl – andererseits eine geradezu eruptive Erzählerin. Ihr großer Förderer war Rainer Maria Rilke, der für die Veröffentlichung ihrer Erzählungen und Gedichte sorgte. Ihre „langsam knetende Prosa“ hatte es auch Kollegen wie Hermann Hesse angetan. / Süddeutsche
Veröffentlicht am 13. Juni 2010 von lyrikzeitung
Es war der 24. September 1975. Die Metallarbeiterhalle in Vancouver war voller Gewerkschaftsmitglieder, die gekommen waren, um junge Dichter zu hören. Drei von ihnen, David Day, Pete Trower und Patrick Lane, gingen im Foyer auf und ab. Sie hörten die Unruhe im Publikum, die Geräusche der Metallsitze, aber sie bestanden darauf, auf den vierten zu warten. Es war Pat Lowther. Am Vortag hatte sie zu Patrick Lane gesagt, daß sie kommen würde, obwohl ihr Ehemann Roy sie bedroht hatte. Er sei der Dichter, hatte er gebrüllt. Er müßte vor den Arbeitern lesen, nicht sie. Patrick rief im Haus der Lowthers an, aber keiner meldete sich. Nach 10 Minuten begann die Lesung ohne die Pat.
Pat Lowther tauchte nie wieder auf. In der Nacht vor der Lesung hatte ihr Ehemann sie mit dem Hammer erschlagen und die Leiche verscharrt. Christine Wiesenthal schrieb in der Einleitung zu ihren Gesammelten Werken: „Das abrupte Ende von Pat Lowthers erfülltem und kreativem Leben, ermordet von ihrem Ehemann im September 1975, bleibt eins der traurigsten Ereignisse unserer jüngeren Literaturgeschichte.“ / Lorna Crozier, Globe and Mail 11.6.
The Collected Poems of Pat Lowther, edited by Christine Wiesenthal, NeWest Press, 333 pages, $24.95
Lorna Crozier gewann zwei Pat Lowther Awards für den besten Gedichtband einer kanadischen Autorin. Sie lebt auf der Vancouver Island mit dem Dichter Patrick Lane zusammen.
Veröffentlicht am 13. Juni 2010 von lyrikzeitung
Nur als Fußnote geistert sie durch Literaturgeschichten des Expressionismus. Im Jahr 2004 stieß die Berliner Literaturwissenschaftlerin Gesine Bey auf einen bis dahin unbekannten Brief Bertolt Brechts, geschrieben am 29. Mai 1941 an den russischen Schriftsteller Konstantin Fedin. Brecht empfahl darin die Ärztin und Autorin Angela Rohr der Aufmerksamkeit Fedins. Vier Wochen später wurden sie und ihr Mann unter Spionageverdacht – weil sie deutschsprachige Emigranten waren – verhaftet. Nach wenigen Nächten in der Lubjanka verlegte man sie ins Butyrki-Gefängnis, dann kam sie über Saratow, wo Wilhelm Rohr starb, nach Sibirien. Dank ihre Medizinkenntnisse vermochte sie als Lagerärztin zu überleben.
Durch Brechts Empfehlungsschreiben neugierig geworden, suchte Gesine Bey weiter und fand im Nachlass Fedins die Erstschriften von zwei Erzählungen Angela Rohrs: ‚Der Vogel‘ und ‚Die Zeit‘. Sie wurden nun zum ersten Mal gedruckt, ergänzt um Prosastücke, die Angela Rohr Franz Pfemfert für seine legendäre Zeitschrift ‚Die Aktion‘ überlassen hatte: Reportagen, in denen sie den Lesern der Frankfurter Zeitung zwischen 1928 und 1937 aus Sowjetrussland berichtete; sowie zwei Texte, die Johannes R. Becher 1941 in die Zeitschrift Internationale Literatur / Deutsche Blätter aufnahm.
Wer in dem Band blättert, stolpert über viele berühmte Namen. Dada-Freunde haben ebenso ihren Auftritt wie Rainer Maria Rilke, Lenin kommt ebenso vor wie Karl Abraham, an dessen Berliner Psychoanalytischem Institut Angela Rohr studierte, bevor sie mit ihrem dritten Mann, einem von Kommunismus und Psychoanalyse Überzeugten, nach Moskau ging. / JENS BISKY, SZ 4.6.
ANGELA ROHR: Der Vogel. Gesammelte Erzählungen und Reportagen. Herausgegeben von Gesine Bey. Basisdruck Verlag, Berlin 2010. 200 Seiten, 18 Euro.
Veröffentlicht am 12. Juni 2010 von lyrikzeitung
Am 27.5. erhielt der Dichter John Ridland den diesjährigen Balint-Balassi-Gedächtnis-Preis für seine Übersetzung des ungarischen Volksepos*) János Vitez (Held János) bei einer Feier in Los Angeles. Der Preis hat die Form eines gravierten Schwertes. Ridland sprach mit dem Santa Barbara Independent.
*) Folk Epos sagt die Zeitung. Gemeint ist das Versepos des ungarischen Nationaldichters Sándor Petöfi.
Veröffentlicht am 12. Juni 2010 von lyrikzeitung
Was im Golf von Mexiko eine Ausnahme darstellt, ist im Golf von Guinea Alltag. Nigerias Ölgebiete im Nigerflussdelta halten den Weltrekord in Verschmutzung und Unfällen mit Ölaustritt: 13 Millionen Barrel „verlorenes“ Öl seit Förderbeginn vor gut fünfzig Jahren – das ist eine komplette Exxon-Valdez-Ladung Rohöl pro Jahr, die direkt in den Mangrovenwäldern und Sümpfen des dicht besiedelten Nigerdeltas landet statt in Pipelines und auf Tankern. Felder und Flussläufe sind heute chronisch verseucht, es gibt Gegenden, in denen das Grundwasser schwarz ist, und andere, wo aufgrund des Abfackelns des bei der Ölförderung austretenden Erdgases seit Jahrzehnten kein Sternenhimmel mehr zu sehen ist.
Wegen dieser Zustände stand der Ölmulti Shell vor 15 Jahren ähnlich als globaler Buhmann da wie heute BP. Als nigerianische Umweltschützer mit friedlichen Mitteln gegen die menschenunwürdigen Lebensbedingungen im Nigerdelta und gegen die Kumpanei zwischen dem Ölkonzern und Nigerias damaliger Militärdiktatur protestierten, wurde ihr Anführer Ken Saro-Wiwa samt seinen Mitstreitern im Jahr 1995 erhängt. Nigeria wurde mit internationalen Sanktionen belegt, Shell wurde Ziel globaler Boykottkampagnen, und die Unzufriedenen im Nigerdelta griffen zu den Waffen. / Dominic Johnson, taz 10.6.
Ken Saro-Wiwa in L&Poe:
2002 Mrz # New Nigerian Poetry
2006 Mrz #115. Nigerianische Dichter-Barden huldigen ihren Vorbildern
2006 Jul #79. „Jäger und Sänger sind meine Vorbilder“ – Akeem Lasisi
(im Archiv)
Veröffentlicht am 12. Juni 2010 von lyrikzeitung
Ich will Kunst als Poesie. Poesie! Kunst ist Poesie! Menschen brauchen Poesie. Das war von Anfang an so. Belehren tut die Theologie oder die Philosophie oder die Ethik. Aber nicht die Kunst. Kunst war immer Poesie. Und die besten Künstler waren immer Poeten – alle anderen waren Handwerker. …
Es geht darum, das Unmittelbare zu sehen und es in Verbindung zu bringen mit anderen Sichtweisen, mit solchen, die eine emotionale Aufgeladenheit besitzen. Man muss nichts erfinden: Es geht darum, uns die Welt so vor Augen zu führen, wie wir sie potenziell in uns tragen – aber nicht sehen können, weil wir an unseren Gewohnheiten hängen. Das ist das Poetische. / Der Ausstellungsmacher Jean-Christophe Ammann im Gespräch mit der NZZ, 12..6.
Veröffentlicht am 12. Juni 2010 von lyrikzeitung
In der Badischen Zeitung gratuliert Hartmut Buchholz:
Meckel hat seinem Vater Eberhard Meckel 1980 ein in seiner Radikalität einzigartiges „Suchbild“ gewidmet, dem 2002 ein „Suchbild“ der Mutter folgte, das mit dem unerhörten Satz einsetzt: „Ich habe meine Mutter nicht geliebt“. Diese Suchbilder dokumentieren private Erschütterung, wenn nicht Entsetzen und Fassungslosigkeit, in ihnen werden die Lebenslügen deutscher Bürgerlichkeit im 20. Jahrhundert entlarvt, Mitläufertum und humanistischer Dünkel attackiert, Gefühlsverkrüppelung und Charakterpanzerung beklagt. Im Binnenraum der eigenen Familie entdeckt Meckel eine spezifisch deutsche Misere – und damit ist der Fall, sein Fall, nicht länger privat.
„Das Gedicht ist nicht der Ort, wo die Schönheit gepflegt wird. … Das Gedicht ist der Ort der zu Tode verwundeten Wahrheit.“
Über ein halbes Jahrhundert kontinuierlicher lyrischer Produktion: In seinen Gedichten, von denen einige durchaus die Schönheit pflegen, ist Meckel auf eine Wahrheit aus, die nur hier, in diesen Versen, in diesem lyrischen Sprechen zur Kenntlichkeit gebracht, in Reim und Strophe, Laut und Klang, Rhythmus und Melodie fixiert werden kann. Ein gelungenes, ein haltbares Gedicht wäre in diesem Sinn ein Gedicht, dessen Verse wahr sind auf nur einmal mögliche Weise. In „Nachricht für Baratynski“ (1981), auch ein Suchbild wie die grandiose Erzählung „Licht“ (1978), notiert Meckel: „Was soll ein Vers, der keine Zumutung ist. Er ist eine Zumutung oder er ist Parfüm. Ein Steinschlag, oder Dünger fürs Feuilleton.“
Das Feuilleton hat ihn offenbar vergessen. Mit Wichtigerem beschäftigt. Nicht wichtig. Die Leser gratulieren.
Christoph Meckel in L&Poe:
2001 Apr # Kurz gemeldet
2002 Sep # Kurz gemeldet
2005 Mai #41. Schiller-Ring
2005 Jun #40. Christoph Meckel 70
2006 Okt #43. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
2007 Mrz #74. Veranstaltungen zur Leipziger Buchmesse (3): 22.3.
2007 Mai #89. Hellsichtiger Träumer
2007 Dez #113. Blick zurück nach vorn
2008 Dez #72. Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz
2009 Feb #21. Prosa
2009 Mai #2. Meckel über Kaschnitz
2009 Jun #77. Melancholische Hommage(alle im Archiv erreichbar)
Neuere seit Sommer 2009 hier
Ich kenne einen leidenschaftlichen Leser, der Meckel lesend erkannt hat, hier seine Ehrentafel:
KELLY, BRAUTIGAN, TAMMUZ, LANDOLFI,
Koeppen, Buber, Brodsky, Eigner, Barnes,
Cheever, Kristof, Bove, Guibert, Onetti,
Herhaus, Hilbig, Meckel, Coetzee, Charms.Faulkner, Vesper, Frisch, Eich, Schmidt, Vian,
Babel, Barthes, Bataille, Albert-Birot,
Hofmannsthal, Koltes und Maupassant,
Pynchon, Bernhard, Cortazar, Blanchot.Neumann, Nooteboom und Kennedy,
Fauser, Brinkmann, Strauß, Linhartova,
Inoue, Rougemont, Zürn, Robbe-GrilletHandke, Tschechow, Selby, Ferenczi,
Kafka, Murakami, Baudrillard,
Pavel, Bloch, Roussel und Depardieu./ Thomas Kunst
Veröffentlicht am 12. Juni 2010 von lyrikzeitung
Kein Sprachenstreit ist zu erwarten, wenn am 23. Juni die Übersetzerwerkstatt „Poesie der Nachbarn: Belgien“ im Künstlerhaus Edenkoben ihre Arbeit beginnt. Philologisch begleitet von Beate Thill (Französisch) und Stefan Wieczorek (Niederländisch) werden bis zum 28. Juni deutschsprachige Lyriker ihre flämischen und wallonischen Kollegen ins Deutsche übersetzen. Die Erfahrung zeigt, dass neben den 3 Schriftsprachen noch viele weitere Idiome ihren Einsatz finden werden, ein schönes Babylon im gemeinsamen Bemühen zur Erstellung von Nachdichtungen herausragender Autoren Belgiens: Dirk van Bastelaere, Eric Brogniet, Karel Logist, Els Moors, Erik Spinoy, Liliane Wouters werden übersetzt von Gerhard Falkner, Zsuzsanna Gahse, Norbert Lange, Michael Speier, Ulrike Almut Sandig, Hans Thill (der auch die Leitung innehat). Das Projekt „Poesie der Nachbarn“ geht nunmehr ins 23. Jahr, es wurde von Gregor Laschen begründet und wird von Ingo Wilhelm organisatorisch betreut. Erste Ergebnisse der Werkstatt werden bei einer dreisprachigen Lesung am Sonntag in Edenkoben (Künstlerhaus 11 Uhr) und am Montag in Mainz (Villa Musica 19 Uhr) präsentiert. Im März 2011 wird eine Anthologie im Verlag Das Wunderhorn erscheinen.
Interviews sind bereits ab 21. Juni möglich, Anreise der belgischen Gäste 23. Juni.
Bitte wenden Sie sich an 0049 (0)6323.2325 (Künstlerhaus Edenkoben)
buero@kuenstlerhaus-edenkoben.de
www.kuenstlerhaus-edenkoben.de
www.wunderhorn.de/wunderhorn/content/buecher/literarische_reihen/poesie_der_nachbarn/index_ger.html
Veröffentlicht am 12. Juni 2010 von lyrikzeitung
In der gleichen Ausgabe der Wiener Zeitung bespricht Hermann Schlösser drei Lyriker aus Österreich mit neuen Gedichtbänden:
Im Sommer 1975 reiste der damals zwanzigjährige Bernhard Widder durch Großbritannien. Unterwegs schrieb er Gedichte in englischer Sprache, die er damals allerdings nicht veröffentlichen konnte. In den späten achtziger Jahren übertrug er sie ins Deutsche, wobei er sie grundlegend überarbeitete und durch neue Texte ergänzte. Unter dem Titel „Handgerede“ erschienen diese Gedichte 1991 in Buchform. Widder hat sie später noch einmal revidiert, und jetzt ist sein „Handgerede / Slang of hands“ zum ersten Mal zweisprachig erschienen. Das ist dem risikofreudigen Mitter Verlag in Wels zu verdanken, der sich durch anspruchsvolle Editionen empfiehlt. …
Während Widder im Wesentlichen auf das Kunstmittel der Reduktion vertraut, macht Dine Petriks Gedichtband „wortreich.verschwiegen“ Gebrauch von Assoziationen, die sich nicht aus dem Sinn der Wörter ergeben, sondern aus deren Klang: „stark vom wermuts / hopfen / schwach von hoffmans / tropfen / aber ob hopp oder / drops / das genialste dann ist bald/ rian . . .“ …
Und was hat Christian Teissl Besonderes für sich? Am ehesten wohl die Schrift. Denn dieser Lyriker, der geschrieben hat „Vor mir schlägt ein Tag / seine Augen auf / hinter mir wird eine Schrift / als Geheimschrift erkannt“, versteht sich etwa auf das barocke Sprachspiel des Akrostichon , dessen Pointe sich einzig und allein im Schriftbild zeigt: Liest man die ersten Buchstaben der Verszeilen von oben nach unten, ergibt sich ein Wort, dessen Bedeutung sozusagen wie ein Wasserzeichen durch das Gedicht schimmert. In den neun Akrosticha, die in Teissl Gedichtband „Die Blumenuhr“ enthalten sind, heißt dieses Wort: „Silvana“ und manchmal auch „Anavlis“. (Und das ist ein „Palindrom“: Wer das Wort von rechts nach links liest, wird verstehen, wovon die Rede ist.)
Dine Petrik und Bernhard Widder gehören zu den Lyrikern, die am 24. Juni ab 19 Uhr in der Alten Schmiede in Wien das große „Dicht-Fest“ bestreiten. Mehr dazu unter http://www.alte-schmiede.at
Dine Petrik: wortreich. verschwiegen. Mit Fotografien von Gerald Zugmann. Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 2009, 87 Seiten, 20 Euro.
Bernhard Widder: Handgerede /slang of hands. Mitter Verlag, Wels 2009, 181 Seiten, 22 Euro.
Christian Teissl: Die Blumenuhr. Mitter Verlag, Wels 2010, 136 Seiten, 19,80 Euro.
Veröffentlicht am 12. Juni 2010 von lyrikzeitung
verkündet jemand: „Die Stelle des Festivaldirektors wird outgesourct und durch einen Vertreter der Avantgarde ersetzt, um im Volk das Feuer der Poesie zu entfachen.“
Veröffentlicht am 12. Juni 2010 von lyrikzeitung
… deutscher Lyriker bespricht Andreas Wirthensohn in der Wiener Zeitung vom 11.5.
Im einzelnen:
Vergnügt und wagemutig lässt Kathrin Schmidt ihrer Sprachphantasie freien Lauf. Vor allem vermag sie die Wortbildungsproduktivität des Deutschen eindrucksvoll zu nutzen: „sensenfräulein“, „urstromteller“, „körperklangpendel“, „schlupflungenklamm“, „gedachtschneckenspuren“, „wittchenschnee“. Das ist nur eine kleine Auswahl all der Neuschöpfungen und -bildungen, die Schmidts aktueller Gedichtband (es ist ihr fünfter) zu bieten hat. Zwar sind nicht alle auf Anhieb verständlich, aber darum geht es nicht. Gerade die nicht sofort dechiffrierbaren Wörter erzeugen das für die Lyrik so typische Bedeutungsflimmern, den viel dimensional „verdichteten“ Gedicht-raum, der aus der Mehrdeutigkeit eine Tugend macht. /
Kathrin Schmidt: Blinde Bienen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 90 Seiten, 17,50 Euro.
Ins Surreale hinüber lappen dagegen die Alltagsgedichte von Ron Winkler. Dieser Autor ist ganz hart an der neuesten technisch-digitalen Realität dran – „es muss am Downloadshop gewesen sein“, beginnt bei ihm ein Liebesgedicht –, entwickelt daraus aber höchst disparate lyrische Gebilde, die hemmungs- doch nie gedankenlos die unterschiedlichsten Sprachebenen miteinander verzahnen: „Meldungen aus der aleatorischen Zone“ strahlen etwas aus, was man durchaus als „Coolness“ bezeichnen kann.
Ron Winkler: Frenetische Stille. Berlin Verlag, Berlin 2010. 96 Seiten, 16,90 Euro.
Ein Abenteurer des Alltags ist Hendrik Rost, der mit „Der Pilot in der Libelle“ schon seinen fünften Gedichtband vorlegt. Ob die „Brandschutzvorschriften / auf dem Pressspanschrank / in diesem Hotel“, ob eine „nervige Fliege“ auf dem Käse, ob die eigene Tochter oder der „Eiskremkopfschmerz“ – all das wird dem beobachtenden Ich dieser Gedichte zum Ausgangspunkt, um Erinnerungen wachzurufen, Wahrnehmungen und Assoziationen „driften“ zu lassen, das Flüchtige des Augenblicks in eine Form zu bannen, die über den Moment hinausreicht. „Ich setze nicht auf Ansichten / Neigung bleibt in Rufweite von Traurigkeit / Tradition läßt sich nur zahm vorstellen / Es geht um wunderschöne Zerstörung / Perlen wachsen um Lüge“.
Hendrik Rost: Der Pilot in der Libelle. Wallstein, Göttingen 2010. 111 Seiten, 18,50 Euro.
Am besten ist Jacobs dort, wo er mit den Traditionen spielt, etwa in „Parken verboten“, einer sehr hübschen Parodie auf Stefan Georges „komm in den totgesagten park“.
Steffen Jacobs: Die Liebe im September. Wallstein, Göttingen 2010. 88 Seiten, 18,50 Euro.
Das Faszinierende an Poschmanns Gedichten besteht nun aber gerade darin, dass sie das Geistersehen gleichsam auf den Kopf stellen: Sie versuchen nämlich hinter das Sichtbare der Dinge zu blicken, doch dort verliert der Blick sogleich radikal an Schärfe: „was uns die Sicht verbarg, / war das Sichtbare; und wir / kontemplierten das Ding aus Dunst“. Diese Poetik der Unschärfe zeigt sich schon an den Titeln der einzelnen Gedichtgruppen: „Testbilder“, „Störbilder“, „Spiegelungen“, „Trugbilder“ heißen einige. Das Ich dieser Gedichte, nicht selten auch ein Wir, sieht sich ständig mit dem Problem konfrontiert, dass die ganz realen Dinge umso ferner zurückschauen, je näher man sie anblickt.
Marion Poschmann: Geistersehen. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2010. 126 Seiten, 18,30 Euro.
Veröffentlicht am 11. Juni 2010 von lyrikzeitung
Das Ungeheuer hat viele Namen und keine feste Gestalt. Neun Jahre lang malträtiert es Sarah Manguso und zeigt ihr jedes Mal eine andere Fratze. Es lähmt ihr die Beine, verseucht ihr das Blut, fällt als Depression über sie her, schwemmt sie auf, fährt ihr als Katheter in die Brust und macht sie von Steroiden abhängig. Die Gravur ihres Notfallarmbands fasst das medizinische Schicksal der 1974 in der Nähe von Boston geborenen und heute in Los Angeles lebenden Dichterin im Begriff einer „chronisch idiopathischen demyelierenden Polyradikuloneuropathie“ (CIDP), einer schweren Schädigung des Immunsystems, die die Zerstörung der Nervenzellen zur Folge hat. Aber was anderes ist diese Wortreihe als eine weitere Chiffre für ein mysteriöses Geschehen, das beim Versuch, es in Schach zu halten, seinen eigenen Gesetzen folgt.
Zur Erklärung von Mangusos einzigartiger Variante taugt CIDP ohnehin nur halb. Der Begriff „Landrys aufsteigende Paralyse“ ist überholt und das Guillain-Barré-Syndrom nicht mehr als verwandt. Warum das Ganze nicht gleich Mallarmé-Apollinaire-Syndrom nennen, wenn es wie ein undurchdringliches Stück Poesie entziffert werden will. CIDP, könnte man mit der Verwegenheit sagen, die Sarah Manguso beim Schreiben über ihre Schreckensjahre geleitet hat, ist nichts anderes als das pathologische Gegenstück zu Wallace Stevens’ berühmter Vision des Gedichts als eines Texts, der sich dem Verstand fast vollständig widersetzt: „The poem must resist the intelligence/Almost successfully.“ Denn ums Verstehen, so viel macht Manguso gleich zu Anfang klar, geht es nicht. Es geht ums Erinnern. / Gregor Dotzauer, Tagesspiegel 30.5.
Sarah Manguso: Zwei Arten von Verfall. Aus dem Amerikanischen von Annette Kühn und Ron Winkler. Luxbooks, Wiesbaden 2010. 241 S., 22,80 €.
Bei Luxbooks erschien von der Autorin auch der Lyrikband „Komm her o Klarheit„
Veröffentlicht am 11. Juni 2010 von lyrikzeitung
-AUSSER HAUS-
Di 15.6. 19:00
Mit Ludovic Bablon (Autor, Berlin)
Wiederverwenden, aufbereiten, umkrempeln – das Werk von Ludovic Bablon lässt sich schwer fassen: Seine Einflüsse reichen vom zeitgenössischen US-amerikanischen Roman über die moderne Philosophie hin zur japanischen Mediävistik. Seine Form findet er nicht nur im Gedicht, sondern auch im Roman oder feuilletonistischen Texten. Einerseits schreibt er seit 2002 an einem sechsbändigen Roman über das Leben Klaus Kinskis, andererseits sind seine Gedichte oft sehr kurze Texte skizzenhaften Charakters, kleine Aufnahmen des Moments.
Der Vortragsstil Bablons pendelt zwischen Spoken Word und Slam Poetry – also Lyrik zum Hören, weshalb man ihn live erleben sollte.
Diese Möglichkeit bietet sich im Institut français de Berlin, wo Ludovic Bablon im Rahmen der Ausstellung „Marianne Cresson – Envers singulier“, die in Kooperation mit der Literaturwerkstatt Berlin stattfindet, auftritt und eine poetische Performance darbietet.
Ludovic Bablon (*1977, Chaumont/Frankreich) hat bislang sechs Bücher veröffentlicht. Seine Arbeit wurde mit diversen Stipendien unterstützt. Gemeinsam mit dem Grafiker Julien Bach gründete er das „Atelier Überall“ in Kreuzberg, wo er auch wohnt. Das Atelier soll privater und öffentlicher Raum in einem sein und damit neue Möglichkeiten für die Rezeption und Produktion von Kunst schaffen.
Eintritt frei
Ort: Institut Français de Berlin, Kurfürstendamm 211, 10719 Berlin
Eine Veranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit dem Institut français de Berlin
Die Ausstellung „Marianne Cresson – Envers singulier“ wird am 9.6. eröffnet und ist bis 31.7. Mo 10:00–18:00, Di–Fr 10:00–19:00, Sa 11:00–15:00 zu sehen.
-AUSSER HAUS-
Di 29.6. 18:00
In Lesung und Gespräch: László Márton (Autor, Budapest)
Moderation: Thomas Wohlfahrt (Literaturwerkstatt Berlin)
„Europa literarisch“ präsentiert im Juni einen Dialog: Über Ungarn, Europa und die Verwunderung, die sich einstellt, wenn der Innenblick dem Blick von außen begegnet. László Márton und Yoko Tawada haben das schriftliche Gespräch geführt, das 2009 in der Edition Thanhäuser erschien: „Sonderzeichen Europa“. László Márton schreibt über Budapest, das Leben in dieser Stadt in den letzten Jahren und das Abflauen postsozialistischer Hoffnungen; Yoko Tawada reagiert darauf, setzt den melancholischen Tönen ihre bilinguale Lebendigkeit entgegen. Beständig wird darüber sinniert, wie ein Dialog zwischen verschiedenen Kulturen überhaupt zu führen sei … László Márton wird dieses Buch nun in Berlin vorstellen, Yoko Tawada wird der Lesung beiwohnen und als Diskussionspartnerin zur Verfügung stehen.
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