Martin Zingg schreibt in der NZZ vom 19.6. enthuastisch über neue Lyrik:
Virtuose Aufbrüche
Neue deutschsprachige Lyrik von jüngeren Autoren und Autorinnen: Seit einigen Jahren erlebt die deutschsprachige Lyrik eine kleine Renaissance. Das hat einerseits mit dem Wagemut mancher Verlage (auch Kleinverlage) zu tun; es hängt aber auch zusammen mit der Wiederentdeckung lyrischer Formen durch jüngere Autorinnen und Autoren.
Vier Auszüge:
1
In den vergangenen Jahren waren da und dort Gedichte von ihr zu lesen, die jedes Mal aufhorchen liessen. Nun legt Nadja Küchenmeister ihren ersten Gedichtband vor: «Alle Lichter». Das sorgfältig komponierte Début ist eine angenehme Überraschung; es präsentiert eine Lyrikerin, die mit genauen Beobachtungen und einer melodischen, sehr präzisen Sprache arbeitet.
2
Winkler mag die starken Bilder, das jäh Aufblitzende, Überraschende, das Paradoxe. In seinen Gedichten verwendet er gerne sprachliches Material aus der Sphäre der Naturwissenschaften oder der Philosophie. Dabei nimmt er zusammen mit den einschlägigen Vokabeln den Gestus des scheinbar Genauen, Nicht-Hintergehbaren gleich mit hinein ins Gedicht – und konfrontiert und amalgamiert es dort mit alltäglicher Sprache und durchaus bekannten Situationen. Das führt oft zu seltsamen und durchaus witzigen Kollisionen.
3
Hendrik Rost bewegt sich nahe am Alltag, aber stets distanziert genug, dass seine Gedichte alltägliche Erfahrungen wie durch ein Brennglas hindurch sehen und – anders sehen, anders kenntlich machen, in neue Erkenntnisse verlängern. «Fraktur» handelt auf eindrückliche Weise von einer lebensbedrohlichen Erfahrung und der allmählichen Rückeroberung existenzieller Gewissheiten. «Forscherdrang» bearbeitet die Erinnerung an einen Sommer, in dem das lyrische Ich am Löschwasserteich einer Fabrik arbeitete; ausgehend von den im Teich schwimmenden Aalen, gerät das Gedicht unversehens in eine Fülle von disparaten Gedankengängen.
4
Die gegenwärtige deutschsprachige Lyrik ist von einer ungeahnten Produktivität und Vielfalt. In den letzten Jahren haben sich unzählige neue Stimmen gemeldet, mit sehr unterschiedlichen Ansätzen und nicht selten in einer intensiven Auseinandersetzung mit der lyrischen Überlieferung. Das dokumentiert auch «Gegenstrophe», ein neues Jahrbuch zur Lyrik, das im Zusammenhang mit dem 2008 erstmals in Hannover vergebenen Hölty-Preis für Lyrik entstanden ist. Der Band präsentiert neue Gedichte von Kerstin Preiwuss, Claudia Gabler, Andre Rudolph, Nora Bossong, Dorothea Grünzweig, Norbert Hummelt, Norbert Lange und Uljana Wolf. Dazu gibt es zahlreiche Kommentare und einen informativen Essay von Michael Braun sowie die Dankesrede des Hölty-Preis-Trägers Thomas Rosenlöcher. Das Jahrbuch dürfte bald unentbehrlich werden.
Nadja Küchenmeister: Alle Lichter. Gedichte. Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 2010. 104 S., Fr. 29.50.Ron Winkler: Frenetische Stille. Gedichte. Berlin-Verlag, Berlin 2010. 96 S., Fr. 30.50.Hendrik Rost: Der Pilot in der Libelle. Gedichte. Wallstein-Verlag, Göttingen 2010. 111 S., Fr. 30.50.Steffen Jacobs: Die Liebe im September. Gedichte. Wallstein-Verlag, Göttingen 2010. 96 S., Fr. 30.50.Gegenprobe. Blätter zur Lyrik 1. Hrsg. von Michael Braun, Kathrin Dittmer und Martin Rector. Wehrhahn-Verlag, Hannover 2009. 112 S., € 12.80.
Der Dichter Geoffrey Hill wurde am Freitag mit großer Mehrheit zum Oxford Professor of Poetry gewählt. Es war zugleich sein 78. Geburtstag. Unter den unterlegenen Kandidaten war der Beat poet Michael Horovitz, der Oxforder Performancepoet Steve Larkin und der Südafrikaner Chris Mann.
Die Universität hofft, daß die Wahl eines so hochgeschätzten Dichters helfen wird, die Schatten zu zerstreuen, die die gescheiterte Wahl im Vorjahr mit sich gebracht hat. Damals trat die gewählte Bewerberin Ruth Padell zurück, nachdem bekannt wurde, daß sie Material über Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen ihren stärksten Mitbewerber Derek Walcott verbreitet hatte.
Auch dieses Jahr verlief die Wahl nicht ganz ohne Mißtöne. Vorige Woche zog sich die einzige Frau unter den Bewerbern, Paula Claire, zurück, weil Hill bevorzugt werde. Vor ein paar Tagen warf Horovitz seinem Mitbewerber Roger Lewis „pseudointellektuelle Chuzpe“ vor. …
Hill wird oft als der größte lebende Dichter in englischer Sprache beschrieben, so auch in der Kandidatenerklärung für das Oxforder Amt, in dem ihn seine Unterstützer als „Riesen“ beschreiben, „ein Dichter von außerordentlicher Leidenschaft und Kreativität“.
/ Guardian 18.6.
Der portugiesische Schriftsteller und Nobelpreisträger José Saramago starb im Alter von 87 Jahren, berichtet die New York Times.
In L&Poe:
2005 Jan #56. Wortlos fehlende Verbindung
2005 Jun #1. Saramago bilingual
2007 Jan #104. Iranisches Künstlerforum ehrt Mahmud Darwisch
2007 Nov #140. Ches Gedichte
(Serbow dobyća)
Von Johann Woko in Kotten
Die Serben ziehn gegen die Deutschen ins Feld,
Verstehen kein einziges Wörtlein deutsch. Verstehen kein einziges Wörtlein deutsch.
Sie sammeln die Goldfüchse allesammt sich,
Sie legen die klirrenden Sporen sich an. :,:
Sie gürten die blitzenden Schwerter sich um,
Versammeln sich alle im ebenen Feld. :,:
Ziehn gegen die Deutschen zum ersten Mal.
Erringen, erringen dort grossen Sieg. :,:
Als dieses erfahren der König und Fürst,
So lässt er sie allzumal kommen vor sich, :,:
Gibt jedem ein neues, ein prächtiges Kleid,
Verpflichtet sie alle zum Dienste des Kriegs. :,:
Zum andern Mal ziehen die Serben ins Feld,
Erringen dort wieder sehr grossen Sieg. :,:
Als dieses erfahren der König und Fürst,
So lässt er sie allzumal kommen vor sich, :,:
Er lässt sie bekleiden mit lauter Sammt,
Er kleidet sie alle in Scharlach roth. :,:
Zum dritten Mal ziehen die Serben ins Feld,
Erringen zum dritten Mal grossen Sieg. :,:
Als dieses erfahren der König und Fürst,
So lässt er sie allzumal kommen vor sich, :,:
So lässt er sie allzumal kommen vor sich,
Und gibt einen Goldfuchs dort jeglichem Mann. :,:
Er gibt einen Goldfuchs dort jeglichem Mann,
Dazu noch zum Schmucke das blitzende Schwert. :,:
Aus: Volkslieder der Sorben in der Ober- und Nieder-Lausitz. Hrsg. v. Leopold Haupt und Johann Ernst Schmaler. [Grimma 1841]. Anastatischer Neudruck. Berlin (Ost): Akademie-Verlag 1953. S. 32
Die Anfangszeile lautet im Original: „Serbjo so do Njemcow hotowachu“.
(Vorsorglich füge ich hinzu, daß ich im Text keinen Buchstaben verändert habe)
So lautet das Fazit von Tobias Roth, Berliner Literaturkritik 18.6.
… man denkt zu oft: „Er begattete sie auf irgendeine altfränkische gottvergessene Methode.“ (Schmidt).
FISCHER, ANDREAS (Hg.) u.a.: Einmal eins ist eins, steck dein Ding in meins. Volkserotische Lyrik. Walde+Graf, Zürich 2010. 260 Seiten, 19,95 €.
Nach „Wie Romane entstehen“ (zusammen mit Hanns-Josef Ortheil) hat der Verlagslektor Klaus Siblewski nun, gemeinsam mit dem Lyriker Norbert Hummelt, in der Sammlung Luchterhand das Bändchen „Wie Gedichte entstehen“ publiziert. Die Entstehung von Gedichten wird hier gleich doppelt beleuchtet: aus der Sicht des Lyrikers und aus der Sicht des Lektors. Beschrieben wird, wie aus einem Einfall ein Gedicht und aus vielen Gedichten ein Buch wird. …
Das Machen des Gedichts ist der Schritt von der Plötzlichkeit des Einfalls zur Bewusstheit der Konstruktion: „Irgendetwas in Ihnen schleudert ein paar Verse hervor, irgendetwas anderes in Ihnen nimmt diese Verse sofort in die Hand, legt sie in eine Art Beobachtungsapparat, ein Mikroskop, prüft sie, färbt sie, sucht nach pathologischen Stellen. Ist das erste vielleicht naiv, ist das zweite etwas ganz anderes: raffiniert und skeptisch“.
In seinen Darlegungen zu den „Theorien der Eingebung“ nimmt Hummelt neben Jandl und Benn auch Bezug auf Platon, Rilke und Hölderlin, auf Poe, T. S. Eliot und John Keats; in diesen ideengeschichtlichen Rekursen erhält seine eigene kleine Poetologie des Gedichts Kontur. / Katja Hachenberg-Voss, literaturkritik.de
Norbert Hummelt / Klaus Siblewski: Wie Gedichte entstehen.
Luchterhand Literaturverlag, München 2009.
270 Seiten, 9,00 EUR.
ISBN-13: 9783630621661
Monatelang hat er gesammelt, die Zahl 2010 locker und zeitgerecht erreicht, jetzt geht’s an die Umsetzung: Roy Kifts Gedicht-Marathon zur Kulturhauptstadt 2010 wird seit gestern nun endlich sichtbar im Straßenbild der Europastadt.
Punkt 8 Uhr ging’s im Stadtgarten los. Ein Vierer-Trupp des EUV, bestückt mit grünen Blumenbindestreifen und DIN-A-4-Blättern, auf denen jeweils eins der eingereichten oder selbst geschriebenen Gedichte aufgedruckt ist, nimmt sich Baum für Baum der prächtigen, schattenspendenden Allee zwischen Parkbad Süd und Seniorendomizil vor. Jeweils im Duett werden die laminierten Zettel an den Baumstämmen und Laternenpfählen befestigt. / derwesten.de
Der kubanische Schriftsteller Carlos Valerino am Donnerstag erhielt in der Augenklinik des Helios-Klinikums Erfurt das Augenlicht zurück – kostenlos.
Vermittelt über die Schriftstellervereinigung PEN, wurde Valerino Gast des Vereins „Stadt der Zuflucht Weimar“. Der Verein kümmert sich seit zehn Jahren um verfolgte und bedrohte Schriftsteller, Künstler, Journalisten, er sammelt Gelder, organisiert für mehrere Monate Wohnung und Betreuung. / Thüringer Allgemeine
Spätestens seit ihrem ruhr-russischen „Schwarzweißroman“ ist Marion Poschmann ein Fixstern im literarischen Kosmos der Republik. Und so poetisch ihre Prosa daherkommt, so prosaisch ist der Gestus ihrer Gedichte. Und anders als es der Titel ihres neuen Bandes „Geistersehen“ suggeriert (dessen Gedichte diese Zeitung zum Teil schon gedruckt hat), ist ihre Lyrik von einer selten gewordenen Präzision: Genau registrierte Oberflächen werden hier zum Sprungbrett für Tiefenforschung in den Abgründen zwischen Ich und Jetzt. In Terrassenfugen und auf Kühlschranktüren finden sich Bilder von einer Welt, in der „alles da“ ist und nichts so recht zusammenpasst. / Jens Dirksen, westen.de
Giuliano Mesa
(Auszug)
Aus dem Italienischen übersetzt von Elisabetta Mengaldo und Angela Sanmann
6.
1.
[apri, sperduto]
darti non più che un non andare
stare che non rimane
[stessa radice sterrata,
stessa come la tua,
senza pietà
del non restare mai]
[öffne, verloren]
dir nicht mehr geben als ein Nicht-Fortgehen,
ein Bleiben, das sich nicht hält
[die gleiche entwurzelte Wurzel,
die gleiche wie deine,
unbarmherzig
im Niemals-Bleiben]
2.
così, attraversando
[così
guardandoti lontano, da lontano,
come ti guarderebbe chi allontana –
la vita che ti finisce,
accanto, dentro]
auf diese Weise, beim Durchqueren
[auf diese Weise,
dich in der Ferne betrachten, aus der Ferne,
als ob dich jemand anschauen würde, der Distanz hält –
das Leben, das dir zu Ende geht,
nebenan, im Innern]
3.
[chiudere, racchiudere]
fosse solerte,
caterva del racchiudere
[chiuso nel chiuso,
ripieno, ricolmo]
frange, fessure, no –
crepe, crepitanti
[refoli, raffiche –
tutto quel vuoto vento,
intorno]
[schließen, umschließen]
wäre er eifrig,
eine Anhäufung des Umschließens
[eingeschlossen im Verschlossenen,
übervoll, überströmend]
Fransen, Schlitze, nein –
Risse, knisternd
[Böen, Stöße –
all diese leeren Winde
ringsum]
4.
acredine,
crespa, s’increspa
[come, non come]
[ogni parola non taciuta]
Bissigkeit
ein Kräuseln, kräuselt sich
[wie, nicht wie]
[jedes nicht verschwiegene Wort]
5.
[avviene, s’avventa]
sì,
così
[tronco, ritorto,
raschio di ruggine]
[es fällt an, überfällt]
ja,
genau so
[Stamm, gekrümmter,
ein Abblättern durch Rost]
6.
se ci sarà un silenzio nero
[portami cieco, cieca]
albe del non attendere,
più
mai più parole vere
[ti porterò del cibo, dei liquori,
per riscaldare il corpo]
sollte es ein schwarzes Schweigen geben
[führe mich blind, Blinde]
dämmerndes Nicht-Warten,
mehr
nie mehr wahre Worte
[ich werde dir zu essen bringen und Schnaps,
um den Körper zu wärmen]
7.
1.
[non tornerà,
né col silenzio
né con le parole]
[non hai vissuto,
non l’hai vissuto tu]
[er wird nicht wiederkommen,
weder im Schweigen,
noch mit Worten]
[du hast nicht gelebt,
nicht du hast es erlebt]
2.
[che cosa rimarrà
senza parole condivise?
[tatá, tatá,
jusqu’à semer,
tatá]
[was wird bleiben
ohne geteilte Worte?]
[tatá, tatá,
jusqu’à semer,
tatá]
3.
[tracce]
tacciando il tempo
di farsi livido
come se tutto il tempo, dopo,
a vendicare,
a ribattere i colpi,
uno a uno
[tá – tá,
tátá]
[Spuren]
die Zeit anklagen,
die vergeht, bläulich, blass
als gelte es die ganze Zeit, danach,
Rache zu üben
Schläge zu erwidern
einen nach dem anderen
[tá – tá,
tatá]
4.
[nega la negazione,
e basta –
no,
e no]
[er verneint die Verneinung,
und Schluss –
nein,
und nein]
5.
[batti e ribatti,
mentre non batte più,
la sfilza di parole]
[fa solo finta,
fa solo effetto d’ombra,
in ombra]
[en esta hora, ahora,
en esta sombra fría,
sin sembrar]
[schlage und schlag wieder zu,
während er nicht mehr schlägt,
die Reihe aus Wörtern]
[er tut nur so als ob,
täuscht Schatten vor
im Schatten]
[en esta hora, ahora,
en esta sombra fría,
sin sembrar]
6.
ta croûte crevée, enfin,
sans la blesser, encore –
blessure brûlée de bruit,
qui sera le froid de la foi perdue
[herida helada, ahora,
y nada, nada]
7.
[siamo soltanto
grumi di non pensiero,
strenuamente incapaci di pietà]
[wir sind nurmehr
Klumpen aus lauter Nicht-Gedanken,
unermüdlich in der Unfähigkeit mitzuleiden]
Ausgewählt haben die Preisträger die bewährten Petrarca-Juroren Peter Handke, Peter Hamm. Alfred Kolleritsch und Michael Krüger. »Es ist der schönste Tag des Jahres«, gesteht Hubert Burda, »wenn wir uns treffen, lesen und über Literatur diskutieren.«
Das Fest der Poesie, das auf Einladung Prinz Bernhards von Baden auf Schloss Salem gefeiert wurde, spiegelte den Enthusiasmus dieser literarischen Reisegruppe, die seit 35 Jahren unterwegs ist, wider. »Was uns treibt«, so Burda, »ist die Neugierde, neue Literatur kennenzulernen, über den deutschen Sprachraum hinaus.« So wurde der mit 5000 Euro dotierte Hubert-Burda-Preis für osteuropäische Poesie an die Slowenin Lucija Stupica vergeben. »Sie zu übersetzen ist wie ein beschwingter Tanz, sie zu lesen nicht minder«, lobt Stupicas Übersetzer Fabjan Hafner.
Die Stipendiaten der Hermann-und-Hanne-Lenz-Stiftung wurden mit je 7500 Euro belohnt: Nadja Küchenmeister für ihren Gedichtband »Alle Lichter« (Schöffling & Co) und Mirja Leena Klein für ihren Roman Schonung (Berlin University Press). / Ute Dahmen, Mittelbadische Presse 17.6.
«Das zweite Meer» spricht von den alten grossen Themen der Lyrik. Es hält die Erfahrung einer besonderen Landschaft fest (die Halbinsel Fischland-Darss-Zingst zwischen dem doppelten Wasser der Ostsee und des Bodden-Küstengewässers), und es besingt die Liebe in vorsichtigen Versuchen zwischen Nähe und Distanz: «kein wort fehlt dem schweigen, / hast du gesagt und mich angesehen // mit dem geruch deines lächelns, den ich mir an den händen bewahre, // und das gesicht in sie halte, wenn ich mir fremd bin.» Entstanden sind wunderbare, synästhetisch flirrende Wort-Aquarelle aus den Zwischenbereichen von Echo, Spiegel und Memoria. / NZZ 17.6.
Andreas Altmann: Das zweite Meer. Gedichte. Poetenladen, Leipzig 2010. 96 S., Fr. 26.90.
War der Petrarca-Preis in seiner ersten Auflage, einer Neigung des Stifters folgend, der Lyrik vorbehalten ( Burda: „Das sprunghafte Assoziieren der Lyrik entspricht mehr meiner Natur als der erzählerische Diskurs eines Romans“), soll im zweiten Anlauf jetzt auch europäische Prosa von Rang prämiert werden. Der Stifter sprach in Salem von einem „neuen Rahmen des europäischen Dialogs“. Dafür stehen Henri Michon und Erri de Luca in jeweils sehr besonderer Weise ein: Michon mit einem unsentimentalen, präzisen, schlackenlosen Stil, de Luca mit der Poesie lakonischer Schlichtheit. / Badische Zeitung
Vom Internet-Scherz zum Plattenvertrag in weniger als einer Woche: Die neue WM-Hymne «Schland O Schland» kommt aus dem Nichts. / Main-Echo
Freiligrath findet sich in jedem bürgerlichen Bücherschrank – zuerst bin ich ihm allerdings nebenan, bei Karl May, begegnet. In dessen Kolportageschmöker «Die Liebe des Ulanen», der seinen Stoff aus der deutsch-französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts bezieht, aber auch Nordafrika als Schauplatz kennt, wird beschrieben, wie in einem algerischen Kaffeehaus ein Märchenerzähler seinen Zuhörern orientalische Szenen vor Augen führt. Er tut dies – zugegebenermassen wenig glaubwürdig – ausgerechnet mit Versen von Freiligrath, er zitiert den berühmten «Löwenritt». Über den Beleg von Freiligraths enormer Popularität hinaus verrät das Zitat auch eine unbestreitbare Verwandtschaft zwischen den beiden Autoren.
Ist also Karl May der eine Bezugspunkt für eine Beschreibung von Freiligraths Eigenart als Dichter, so ist Karl Marx der andere. / Helmuth Mojem, NZZ 17.6.
Man liebte ihn gleich. 1834 gab es die erste Bekanntschaft: Gustav Schwab und Chamisso druckten in ihrem »Deutschen Musenalmanach« Gedichte von ihm. 1838 dann der Debütband. Die Resonanz war gewaltig. »Seit dieser zu singen begonnen hat«, erklärte Chamisso begeistert, »sind wir anderen Spatzen«. Plötzlich war ein neuer, unerhörter Ton in der Lyrik. Nichts Fades, nichts Seichtes war in diesen Versen, der modische und glatte Emanuel Geibel ins Abseits gestellt, die Poesie lebte wieder, sie strahlte, sie lockte mit starken Bildern und kühner Rhetorik in eine bunte, exotische, romantisch ausstaffierte Welt. …
»Den deutschen Traditionshütern«, sagt Martin Walser, »ist dieser Dichter der kleinbürgerlichen Revolution heute nichts mehr wert.« Sein Urteil ist über dreißig Jahre alt. Überholt ist es nicht. / Klaus Bellin, ND 17.6.
Eine unerwartete Renaissance erlebte Ferdinand Freiligrath 1989 in der DDR, wo man sich seiner als Revolutionär erinnerte. 1848 hatte er das Gedicht „Trotz alledem“ verfasst, das als Lied zum Repertoire sowohl Wolf Biermanns als auch Hannes Waders gehörte. Darin heißt es: „Wir sind das Volk, die Menschheit wir. Sind ewig drum, trotz alledem!“ Es wurde zum Schlachtruf der Wende. / Südwestpresse
Mehr: DLR / Wiesbadener Kurier /
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