122. Nietzsche hat Wittgenstein gelesen

Jedes Wort des Librettos stammt von Nietzsche, aber der Text ist von Wolfgang Rihm, und bei ihm hat Nietzsche auch Wittgenstein gelesen. Einer älteren Äußerung nach hielt Rihm Nietzsches Texte einst für unvertonbar, aber die Bedenken haben sich erledigt. Seine Musik beweist eher, dass es keine unvertonbaren Texte gibt, während das Bühnenbild von Jonathan Meese und die Regie von Pierre Audi nicht durchgängig beweisen können, dass Rihms „Dionysos“ auf der Bühne schlüssig darstellbar ist. / Hans-Jürgen Linke, FR 28.7.

121. Cumali Zengin, Dichter

Bücher lesen? Nö, lieber kicken gehen. Rechtschreibung? Geh mir fort! Der Deutsch-Türke Cumali Zengin, 18, hatte ganz andere Interessen, als sich Gedanken über Sprache zu machen. Doch dann schrieb er Liebeslyrik und ist heute ein preisgekrönter Dichter – mit einer miserablen Deutschnote. / Spiegel

(Eine Gedichtstunde mit Walle Sayer brachte ihn darauf. In einem Lyrikwettbewerb der Mörike-Gesellschaft für Schüler zum Thema „Enttäuschte Liebe“ gewann er einen Preis.)

120. Stimmen der Völker in Liedern/Voices of the World in Song

Der Bernstein-Verlag bereitet die Eröffnung einer trilingualen Weltpoesie-Reihe unter dem Titel »Stimmen der Völker in Liedern/Voices of the World in Song« vor, in der jeweils national-literarische Kostbarkeiten versammelt werden. In der Originalsprache und einer englischen sowie deutschen Übersetzung, nach Möglichkeit auch mit einer Audio-CD der in allen drei Sprachen rezitierten Verse versehen, präsentieren die Bände »Welt-Poesie« – auch und in bewusster Anlehnung an Herders »Stimmen der Völker in Liedern«. Herausgeber der Reihe sind Katharina Mommsen (Palo Alto, Kalifornien) und Martin Bidney (Binghamton, New York). Den Auftakt des Unternehmens werden drei Bände bilden: Adam Mickiewicz, André Bjerke und Alexander Pushkin. / BernsteinBlog

119. Poetree

Sie wollte immer ein Apfelbaum sein
Nicht weil Äpfel gut schmecken! Nein
Nur damit jemand kommt und sagt, Da bist du

Nehal Fekri Ershad (iranischer Maler und Dichter)

In diesem Gedicht spricht Nehal über die Freiheit des Ausdrucks in Iran, wo jeder Probleme bekommt, der eine eigene Identität anstrebt. Den Rest von „Apfelbaum“, „Haus meiner Ahnen“ der Dichterin Salma und acht weitere Gedichte von Schülern des Loyola College in Chennai (früher Madras, Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu) kann man an den Zweigen des „Poetree“ (Gedichtbaums) im College lesen. Die Dichter Nehal und Salma weihten den Poetree am Dienstag ein. / Times of India 27.7.

Gedichte von Salma bei Poetry International Web (darunter auch „MY ANCESTRAL HOUSE“)

118. Die Poesie der jungen Sarah Kirsch

Sarah Kirsch war schon in ihren frühen Jahren eine berühmte, jedenfalls in der DDR anerkannte Dichterin: Sie wurde 1935 im Harz geboren, sie ging 1977 in die Bundesrepublik. Sie lebte einsam in Schleswig-Holstein und wurde dann, im Westen, offensichtlich unterschätzt.

Die Poesie der jungen Sarah Kirsch, das ist vor allem Lyrik – Lyrik der großen Gefühle und der mächtigen Leidenschaften, des hochgespannten Tons und des dramatischen, wenn auch nicht hochdramatischen Gestus. Daher schwanken diese Verse zwischen den Extremen, zwischen strahlendem Licht und düsterer Nacht. …

Nicht der Klassenkampf zog die junge Sarah Kirsch an, wohl aber die gemeinsame Aktion, nicht marxistische Gedanken faszinierten sie, wohl aber die menschlichen Beziehungen im Zeichen einer nationalen Aufgabe und einer übernationalen Idee. Die Abwendung von der DDR erinnert an den Abbruch einer langjährigen Liebesbeziehung. / Marcel Reich-Ranicki, Faz.net 27.7.

117. Gelungen

Besser gelang der Auftritt des Lyrikers Hendrik Rost, der sich gar nicht erst auf das angebotene Lesestühlchen setzte, sondern stehend seine kurzweiligen Gedichte vortrug. Ja, Gedichte über das Millerntor, über MySpace, das geht. Überhaupt versteht es Rost, profanen Alltag listig in Szene zu setzen: „Die Mülltonne auf rissigem Pflaster/ im Hof,/ die nach oben offene Mülltonne/ auf Rädern,/ fast ein Anblick, den ich mögen könnte,/ wäre da nicht/ der Müll.“ / Frank Keil, Die Welt

116. „Weitgehend unbekannt“

Lob von höchster Stelle ist er gewohnt. Literaturnobelpreisträger Günter Grass gefiel die „ungewöhnliche Art“ seiner Gedichte, der Kölner Autor Hans Bender schrieb ihm: „Ich bewundere Ihre Intelligenz, die Leichtigkeit, Klarheit Ihrer Formen, Ihrer Sprache.“ Doch in Hürth, wo er seit fast 40 Jahren lebt, ist der Autor Norbert Rosowsky weitgehend unbekannt.

Jetzt hat der 82-Jährige ein neues Buch vorgelegt: Nach einem Band mit Gedichten und einem mit Kurzprosa nun etwas längere Prosastücke mit dem Titel „Unzulängliche Beschreibung einer halben Ewigkeit“. / Kölner Stadt-Anzeiger

115. Nachruf

Mit ihrem Debüt „Wie kommt das Salz ins Meer“ hatte sie 1977 einen Gipfel erklommen, von dem aus es nur noch bergab ging: Jetzt wurde die österreichische Schriftstellerin Brigitte Schwaiger tot in der Donau gefunden. / Faz.net 27.7.

114. Sächsisch geholfen

Nur dann wird der Arme wahrgenommen, wenn man glaubt, ihm auch sein Allerletztes aus der Tasche holen zu können. Denen, die so denken und handeln, sollte „sächsisch geholfen“ werden: „Mer wallen ich halfen!“, das heißt: „Wir wollen es euch schon zeigen!“ Satirische Gedichte sind nicht schön, weil sie unschöne Seiten unserer Wirklichkeit aufzeigen. Sie können aber gerade dadurch zu einem bewussteren Umgang mit der Welt, in der wir leben, führen.

Hanni Markel und Bernddieter Schobel, Siebenbürgische Zeitung, über Hellmut Seiler

Hier eins von zwei Mundartgedichten Seilers, die die Zeitung bringt:

Afrika

Dor wil ech uch iest! Gedärer
mät afgerässene Mellern stohn
un der Stroß; wonn em se frocht,
schnappe se za; riëde kenne

se net, awer villecht mät dem Hieft näcken:
mhm! Und Oaer bekitt em do, net wohr?
De Pursche gohn un Iestern de Medcher
besprätzen, dun beku se farwich Oaer!

De Omi hot do en Ruin, dä rijelt
se änj feest za, denn de Polizoa
äs sihr gefehrlich und stillt alles.
Kendj warde gestuehlen, datt se äm Geeld

bärrlen, net wohr? Und de Legt wällen
änt Gefingnes. Se erleichtre sich äm Stohn
end flachen derbä. Zefleddert Schenj
brähn än der Noocht zwäschen ären Zonjden.

Net wohr?

113. HG Adler

Den Einzelheiten trauen, die letzten Wörter
Wagen ins Gedächtnis sich hinaus. Ein junger
Tag erwartet, was wir anzubieten haben, jetzt.

HG Adler, aus: Einsamkeit, Gedicht, 1985

Gefunden in einer Besprechung von Katja Schickel zu

Hans G. Adler: Die Dichtung der Prager Schule.
Arco Verlag, Wuppertal 2010.
40 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783938375365

112. „Ein Rassist als moderner Lyriker“

„Gottfried Benn, geboren 1886 und aufgewachsen in Dörfern der Provinz Brandenburg. Belangloser Entwicklungsgang, belangloses Dasein als Arzt in Berlin“. Mit diesen drei Zeilen stellte sich der Dichter 1919 in in der berühmt gewordenen Lyrikanthologie „Menschheitsdämmerung“ vor. Mit diesen Zeilen beginnt auch Joachim Dycks kompetente Einführung in Leben und Werk Gottfried Benns, die vor allem eines deutlich macht, dass weder Leben noch Werk des Dichters belanglos waren – im Gegensatz zu denen anderer seiner schreibenden Zeitgenossen.

Gleichwohl sei sein Leben bestimmt gewesen durch den „primären Drang nach Abgrenzung“. Vielleicht habe sich deshalb die um 1968 einsetzende Forschung besonders für Benns Verhalten im Jahr 1933 interessiert, vermutet sein Biograf Joachim Dyck. Manche, die sich über Benn geäußert haben, wie jüngst Christian Schärff, meinen sogar, Benn habe sich in den Netzen der Nazis verfangen.

Diesen und ähnlichen Klischees versucht der Germanist Joachim Dyck, bekannt geworden als ausgewiesener Benn-Kenner – immerhin ist er Vorsitzender der Gottfried-Benn-Gesellschaft und Herausgeber des Benn-Forums – energisch zu widerlegen und zeigt sich redlich bemüht, Benns Werk im Zusammenhang mit der jeweiligen Zeitgeschichte zu erläutern. Dabei zeigt sich, wie Dyck gleich eingangs hervorhebt, dass die Dramatik von Benns Leben ebenso in der Radikalität seiner gesellschaftlichen Isolierung wie in der Radikalität seiner Ansichten liegt, die der Dichter oft mit ungewöhnlicher gedanklicher Schärfe und sprachlicher Virtuosität zum Ausdruck gebracht hat. / Ursula Homann, literaturkritik.de

Joachim Dyck: Gottfried Benn. Einführung in Leben und Werk.
Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2008.
200 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783110196399

111. ,Das Gezeichnete Ich‘

So einfach kann es gehen. Der Name stammt aus dem Gedicht «Nur zwei Dinge» von Gottfried Benn. «Das Gedicht ist wunderschön. Es beschäftigt sich mit der Frage, warum wir hier auf der Welt sind, und was das Leben überhaupt für einen Sinn ergibt. ,Das Gezeichnete Ich‘ ist für mich ein natürlicher Mensch, ein Mensch mit Mitgefühl. Unserer berechenbaren, kalten Welt versuche ich ein Bollwerk der Empathie entgegenzusetzen.» Als Jugendlicher verbrachte Henri viel Zeit mit den Werken Friedrich Nietzsches, was seine Begeisterung für Philosophie erklärt. «Ich habe mit 16 echt gedacht, ich ticke genau wie Nietzsche. Heute lasse ich mich aber auch gern beeinflussen von ,Intouch‘ oder ,OK‘. Ich finde solche Zeitschriften sehr kurzweilig und schön.» / Frankfurter Neue Presse

110. American Life in Poetry: Column 279

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Rhyming has a way of brightening a poem, and a depressing subject can become quite a bit lighter with well-chosen rhymes. Here’s a sonnet by Mary Meriam, who lives in Missouri. Are there readers among you who have felt like this?

The Romance of Middle Age

Now that I’m fifty, let me take my showers
at night, no light, eyes closed. And let me swim
in cover-ups. My skin’s tattooed with hours
and days and decades, head to foot, and slim
is just a faded photograph. It’s strange
how people look away who once would look.
I didn’t know I’d undergo this change
and be the unseen cover of a book
whose plot, though swift, just keeps on getting thicker.
One reaches for the pleasures of the mind
and heart to counteract the loss of quicker
knowledge. One feels old urgencies unwind,
although I still pluck chin hairs with a tweezer,
in case I might attract another geezer.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Mary Meriam, whose most recent book of poetry is The Countess of Flatbroke, (afterword by Lillian Faderman), Modern Metrics/Exot Books, 2006. Poem reprinted from Rattle, Vol. 15, no. 2, Winter 2009, by permission of Mary Meriam and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

109. Eichendorff vertont

Eichendorffs poetischer Rang bleibt unbestritten, die Figur aber ist ambivalent. Einerseits: ‚Eichendorff‘, sagt Killmayer, ‚will sein Glück über die Welt, die Erde mitteilen, die von Gott geschaffen worden ist . . . Er ist glücklich in der Natur und in seinem Glauben.‘ Andererseits: Einem ganz und gar düsteren späten Eichendorff-Text haben sich die Komponisten Wolfgang Rihm und Manfred Trojahn verschrieben. ‚Klang um Klang‘ heißt das Gedicht, es geht um böse Jägerrufe in der Natur, einen Schuss, um verwirrende Stimmen: ‚Hüt dich zu dieser Stunde, / mein Herz ist mir so schwer!‘ Trojahn verwandelt das in eine brütende Traumepisode zweier Frauenstimmen, Rihm lässt einen Tenor in fließender Melodik anheben, ehe er diesen in verwunschene Tonräume schickt. …

Freilich, schon die neuere Germanistik sah den Romantiker Eichendorff durch die Widersprüche zwischen einem Ideal und der allmählich technifizierten Lebensrealität wie entzaubert dastehen: ‚Während sich die Wirklichkeit rasant verändert, steht in den Gedichten Eichendorffs die Zeit gleichsam still.‘ Schreibt Matthias Kruse in ‚Tänzer, Sänger, Spielmann‘ (Verlag Olms). ‚Durch Formeln, Klischees, „fast vorgestanzt wirkende Naturschilderungen“‚, mache es sich Eichendorff zum Anliegen, ‚die Zeit vor dem Verfall retten‘ zu wollen. / Wolfgang Schreiber, Süddeutsche 20.7.

108. Das Tagebuch des José Saramago

Heute erscheint das Tagebuch des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers, der vor gut einem Monat im Alter von 87 Jahren gestorben ist. Geschrieben wurden die Texte als Blog fürs Internet – darunter poetische Betrachtungen wie auch antisemitische Hasstiraden. / Rheinische Post