56. Petr Halmay

Die Gedichte des Tschechen Petr Halmay wirken auf den ersten Blick einfach. Strandszenen, eine Arbeitspause am Vormittag, die tiefe Stille einer Julinacht: Oft sind es Momentaufnahmen, die in ihrer atmosphärischen Dichte etwas vom Vergehen der Zeit und von der Erinnerung erzählen. Doch je genauer man hinsieht, desto deutlicher werden Risse und kleine Verschiebungen in den Versen sichtbar. / NZZ 8.7.

Petr Halmay: Schlusslichter. Gedichte. Aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier. Edition Korrespondenzen, Wien 2009. 78 S., Fr. 31.50.

55. George als Gesamtkunstwerk

Die George-Konjunktur hält an. Nach Thomas Karlaufs grosser Biografie (2007) und Ulrich Raulffs preisgekrönter Studie zur Wirkungsgeschichte des Kreises (2009) ist nun das dritte George-Buch erschienen, das sich an ein breiteres Publikum wendet. Der Berliner Germanist Ernst Osterkamp bezieht sich eingangs auch gleich auf «die gegenwärtige Wiederentdeckung Georges». Sein Buch will jedoch die zuletzt gebahnten Forschungswege nicht weitergehen. Osterkamp fordert nicht weniger als eine Kehrtwende: weg von der Konzentration auf Georges Wirkung, sein vielumrätseltes «Charisma». Hin zu den Gedichten, die doch der eigentliche Grund für die ungeheure Ausstrahlung des Meisters gewesen sein müssen. «Dass die Wirkungen des Dichters primär auf seiner Poesie beruhen und sich deshalb auch erst aus seiner Poesie erschliessen», ist die leitende Prämisse der Untersuchung.

Das klingt gut in den Ohren von Philologen und Lyrikliebhabern. Das Problem ist nur, dass Osterkamp diese Potenz der Dichtung ausgerechnet an Georges schwächstem Gedichtband aufweisen will. «Das Neue Reich» erschien 1928 und wurde von Georges Anhängern pflichtgemäss als «neue» Offenbarung bejubelt, obwohl alle wussten, dass es sich vor allem um eine Zusammenstellung alter Texte handelte. …

Das Gedicht als autonomes ästhetisches Gebilde hatte ausgedient; spätestens seit dem «Siebten Ring» (1907) waren die Verse des Meisters nur mehr Bestandteil einer umfassenden Inszenierung des Phänomens «George und sein Kreis». Der kürzlich verstorbene Gert Mattenklott hat 1970 in dem wohl originellsten George-Buch der ersten Nachkriegsjahrzehnte die Techniken dieser Inszenierung aufgezeigt. Dazu gehörten die George-Fotografien, die das knochige Dichterhaupt – gewaltige Stirnpartie, muskulöser Kiefer, trotzig vorgeschobenes Kinn – dem Betrachter so vor Augen stellen, dass ihn der bannende Blick des Meisters markerschütternd trifft. Dazu gehörten die weihevollen Lesungen, die Typografie, die Initiationsriten für neue Adepten, überhaupt die ganze Herrschafts- und Unterwerfungsliturgik des Kreises. Der späte George war demnach eher ein Gesamtkunstwerk, ein Ensemble von Verzauberungsmitteln, unter denen das Element Lyrik gewiss eine Rolle spielte, aber wohl nicht einmal die wichtigste. / Manfred Koch, NZZ 10.7.

Ernst Osterkamp: Poesie der leeren Mitte. Stefan Georges Neues Reich. Carl-Hanser-Verlag, München 2010. 292 S., Fr. 34.50.

54. Ubergeeks

Denn das in der Regel seines Umlauts beraubte Wort „über“ hat sich als immer beliebtere Modebezeichnung für „super“, „ultra“ oder „hyper“ in die Alltagssprache eingeschlichen. Als Ersatz leistet „uber“ den längst eingebürgerten Lehnwörtern wie Angst, Blitz, Doppelganger (sic), Kindergarten, Leitmotiv, Realpolitik, Schadenfreude, Urtext, Weltschmerz oder Zeitgeist Gesellschaft. So wird mit ubercheap Preisen geworben oder von ubergeeks gesprochen. Klatschzeitschriften beschäftigen sich mit uberbabes oder uberdivas. / Gina Thomas, FAZ 11.7.

53. Meine Anthologie 53: Carl Michael Bellman, Epistel 82

Epistel Nr. 82
oder
unerwarteter Abschied von ULLA WINBLAD, mitgeteilt auf einem sommerlichen Frühstück im Grünen

Liebste, an dieser Quelle
ist unser Frühstück gleich zur Stelle.
Rotwein mit Pimpinelle
und Schnepfen sind der erste Gang …
ULLA, komm, laß uns trinken!
In unserm Korb die Flaschen winken.
Leer sie im Moos versinken
an diesem dufterfüllten Hang.
Dein Zaubertrank
macht uns auf alle Fälle
die Augen blank.
Liebste, an dieser Stelle
hör jetzt des Waldhorns süßen Klang/
des Waldhorns süßen Klang.

Lieblich wie auf Idyllen
im Grund der Wiese: Roß und Füllen.
Bald hört den Stier man brüllen,
bald einen Hund im Dorf wauwaun.
Gockel stelzt auf den Stiegen,
und alle Hühner möchten fliegen.
Schwalben ihr Köpfchen wiegen,
und eine Elster schwätzt im Zaun.
Stern aller Fraun! den Kessel komm nun füllen
und Kaffee braun…
Lieblich wie auf Idyllen
ist diese Szene anzuschaun/
die Szene anzuschaun.

Herrlich, schau in die Runde!
wie jetzt das Grün vom Wiesengrunde
eben, um diese Stunde,
steht vor der dunklen Tannenwand;
wie in der Bäume Schatten
gleich Laubengängen, dämmrig satten,
Wege durch helle Matten
sich winden in das Hügelland! …
Füll bis zum Rand
dies Glas und führ’s zum Munde,
mein Herzenspfand!
Herrlich, schau in die Runde!
umschlingt uns FLORAS buntes Band/
uns FLORAS buntes Band.

Sehet sich ULLA rühren,
beginnt das große Schnabulieren!
Keine kann so servieren
Olive und gekochtes Ei.
Seht sie den Löffel schwingen,
uns Rahm und Mandeltorte bringen;
sehet – vor allen Dingen -:
Ihr Busen hüpft so schön dabei!
Ein Huhn – zwei, drei –
es so geschickt tranchieren,
kann kein Lakei.
Sehet sich ULLA rühren
und schwitzen für die Schlemmerei/
für unsre Schlemmerei!

Blast jetzt, ihr Musikanten!
tobt wie die Windsbraut in den Wanten!
Tut eure Pflicht, Bacchanten,
laßt alte Tanten schrein und spein!
ULLA, prost! auf dein Feuer …
Die Hälfte, leider! schluckt die Steuer.
Kellner, der Spaß wird teuer
-schreib an und sack heut abend ein…
Dies Glas: uns zwein!
Und dies den Adoranten
der Wonnen dein!
Schmettert, ihr Musikanten,
ein Prost dem Ewig-durstig-sein/
dem Ewig-durstig-sein!

ULLA, hier unter Föhren,
mit Instrumenten und mit Chören,
sollst du es von mir hören:
Fahrwell! zum allerletzten Mal.
FREDMAN, dem rinnt die Zähre,
als wenn sein Tod beschlossen wäre.
Schon schnipselt KLOTHOS Schere
ihm einen Knopf vom Futteral …
Mein Herzgemahl,
laß kränzen dich in Ehren
zum Bacchanal!
ULLA, sei unter Föhren
Geliebte nun zum letzten Mal/
zum allerletzten Mal!
Deutsch von Fritz Graßhoff in: Bellman auf Deutsch. Fredmans Episteln. Potsdam: Verlag für Berlin-Brandenburg 1995, S. 245-247.

MP3-Datei dieses Liedes, gesungen von Dieter Süverkrüp, aus: Süverkrüp singt Graßhoffs Bellman. (gibts nicht mehr, 2010!) Südwestfunk. Conträr Musik Lübeck 1996 (Conträr fünf 4305-2) (5:50´, ca 5 MB)
Bestellmöglichkeit und Realplayer-Kostprobe auf der Seite von Conträr

(In den 70er Jahren als Studenten in Rostock hörten wir Bellman gesungen von Manfred Krug. Zitate daraus, wie: „Prost, Ulla!“ [Prost, Ulla!] oder „Ausgenippet, umgekippet“ , wurden uns sprichwörtliche Redensarten. Die zugehörige Buchausgabe: Carl Michael Bellman, Fredmans Episteln an diese und jene, aber hauptsächlich an Ulla Winblad. Leipzig: Reclam 1978.  (Kein Taschenbuch, sondern ein bibliophiler Band, ausgestattet von Werner Klemke). Die Übersetzungen stammten von Hartmut Lange, Heinz Kahlau, Peter Hacks und Hubert Witt. Dieses, die berühmte Epistel Nr. 82, von Hacks. „Epistel 82“, das ist sogutwie „Sonett 66“ – Kenner wissen, was ich meine.

Die zweite Strophe heißt bei Hacks:

Lustig ist anzuschauen
Der alte Eber bei den Sauen,
Hör nur die Katz miauen
Und wie vergnügt der Hofhund bellt.
Gockelhahn will mit Schreien
Uns schönen Abend prophezeihen,
Rings tiriliert in Reihen
Die allerliebste Vogelwelt.
00Wenns dir gefällt,
Jetzt den Kaffee zu brauen,
00Topf aufgestellt!
Lustig sind anzuschauen
Die Tierlein all in Wald und Feld,
Die Tierlein in Wald und Feld.

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52. American Life in Poetry: Column 277

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Here’s hoping that very few of our readers have to go through cardiac rehab, which Thomas Reiter of New Jersey captures in this poem, but if they do, here’s hoping that they come through it feeling wildly alive and singing at the tops of their lungs.

Rehab

We wear harnesses like crossing guards.
In a pouch over the heart,
over stent and bypass, a black
box with leads pressed onto metal
nipples. We pedal and tread and row
while our signals are picked up
by antennas on the ceiling, X’s
like the eyes cartoonists give the dead.

Angels of telemetry with vials of nitro
watch over us. We beam to their monitors
now a barn dance, now a moonwalk.
They cuff us and pump and we keep on
so tomorrow will live off today. Nurse,
we won’t forget the animated
video of our cholesterol highway
where LDL, black-hatted scowling
donut holes on wheels, blocked traffic.

But with muscles like gutta-percha,
can we leave time’s gurney in the dust?
By now only the dead know more about
gravity than we do. In reply, a tape
of Little Richard or Jerry Lee comes on
and we’re singing, aloud or not, all
pale infarcted pedalers, rowers, treadmillers,
and our hearts are rising in the east.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Thomas Reiter, whose most recent book of poems is Catchment, Louisiana State University Press, 2009. Poem reprinted from The Hudson Review, Vol. LXII, no. 2, 2009, by permission of Thomas Reiter and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

51. Kimerioni

Neue Webseite «Kimerioni» über georgische Literatur geht online. Dort werden Artikel und Übersetzungen über vorgestellt, ebenso Gedichte von Dimitri Kimeridze in Original und deren Übersetzungen.

«Kimerioni» steht in Verbindung mit Kunst und Literatur. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Tbilissi ein Künstler-Café. Dieses wurde auf Initiative der bekannten Dichter-Gruppe «Blauhörner» eröffnet. Dort fanden literarische Veranstaltungen statt, auf denen Dichter und Schriftsteller ihre neuen Werke vorstellten, ebenso Sänger und Tänzer auftraten. Das war der Höhepunkt des literarischen und künstlerischen Lebens in Tbilissi. / georgien-nachrichten.de

50. Hebel der Alemanne

Bei lalsace.fr schreibt Jean-Christophe Meyer über eine neu erschienene zweisprachige Ausgabe der Alemannischen Gedichte von Johann Peter Hebel (Alemannisch-Französisch). In dreijähriger Arbeit hat der Straßburger Professor Raymond Matzen die Gedichte übersetzt. Alemannisch wird im Dreiländereck Baden, Schweiz und Elsaß gesprochen.


LIRE Alemannische Gedichte. Für Freunde ländlicher Natur und Sitten. Poésies alémaniques. Pour les amis de la nature et des mœurs rurales. Édition bilingue. Traduction de l’alémanique par Raymond Matzen. Morstadt Verlag Kehl.

« Die Wiese »
Anfang der Idylle « Die Wiese »

[51] Wo der Denglegeist in mitternächtige Stunde
uffeme silberne Gschir si goldeni Sägese denglet,
(Todtnau’s Chnabe wüsse ’s wohl) am waldige Feldberg,
wo mit liebligem Gsicht us tief verborgene Chlüfte
d’Wiese luegt, und check go Todtnau aben ins Tal springt,
schwebt mi muntere Blick, und schwebe mini Gidanke.
Feldbergs liebligi Tochter, o Wiese, bis mer Gottwilche!
Los, i will di jez mit mine Liederen ehre,
und mit Gsang bigleiten uf dine freudige Wege!
Im verschwiegene Schoß der Felse heimli gibore,
an de Wulke gsäugt, mit Duft und himmlischem Rege,
schlofsch e Bütschelichind in dim verborgene Stübli
heimli, wohlverwahrt. No nie hen menschligi Auge
güggele dörfen und seh, wie schön mi Meiddeli do lit
im christalene Ghalt und in der silberne Wagle,
und ’s het no kei menschlig Ohr si Otmen erlustert,
oder si Stimmli ghört, si heimli Lächlen und Briegge.
Numme stilli Geister, sie göhn uf verborgene Pfade
us und i, sie ziehn di uf, und lehre di laufe,
gen der e freudige Sinn, und zeige der nützligi Sache,
und ’s isch au kei Wort verlore, was sie der sage.

49. Walkman

Hier eine Aufnahme der Uraufführung von „Walkman“ von Mathias Monrad Møller nach einem Text von Bertram Reinecke am 5.7.  an der Musikhochschule Frankfurt

Text des Gedichts mit einer Anmerkung beim Poetenladen

(Vgl. L&Poe 2010 Jul #12. Musikalische Poetik)

48. Stella Rotenberg

Als der „Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil“ im Jahr 2001 erstmals verliehen wurde, ging er an die in England lebende Lyrikerin Stella Rotenberg. In diesem Jahr feiert die Autorin ihren 95. Geburtstag.

Sie wurde 1915 in Wien geboren; 1938 musste sie wegen ihrer jüdischen Herkunft ihr Medizinstudium an der Universität Wien abbrechen und über die Niederlande nach Großbritannien flüchten. Im Exil begann sie 1940 Gedichte zu schreiben, später auch Prosa, die sie in den Bänden „Gedichte“ (Tel Aviv 1972), „Die wir übrig sind“ (Darmstadt 1978), „Scherben sind endlicher Hort“ (Wien 1991), „Ungewissen Ursprungs“ (Wien 1997) veröffentlichte.

Obwohl ihre Gedichte in ihrer Auseinandersetzung mit der Shoah und ihren Folgen von höchster Aktualität sind, blieb sie in ihrem Herkunftsland Österreich lange Zeit weitgehend unbeachtet. / ORF

In L&Poe:

2001 Apr # Theodor-Kramer-Preis an Stella Rotenberg

47. Morphome des Wissens

Kölner Kongress gibt Einblick in neue Erkenntnisse über antike Weltkarten, Stadtpläne und topografisches Urwissen

Ob alte Wandmalereien der türkischen Siedlung Çatal Hüyük, Hinweise in namibischer Dichtung oder die präzise Beschreibung der Schiffsflotten bei der Eroberung Trojas in Homers „Ilias“ – vielerlei Funde verraten etwas über ihren geographischen Ort.

Wissenschaftler verschiedener Universitäten aus dem In- und Ausland haben ihre neuesten Erkenntnisse zu ihren Funden zusammengetragen und stellen diese nun bei einem Kongress an der Universität zu Köln vor. Das Internationale Kolleg “Morphomata: Genese, Dynamik und Medialität kultureller Figurationen” veranstaltet den Kongress vom 15. bis 17. Juli unter dem Titel „Morphome des Wissens: Geographische Kenntnisse und ihre konkreten Ausformungen“. Ob Ethnologen, Archäologen, Japanologen, Althistoriker oder Altphilologen, der Kongress versammelt Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen unter einem Dach und ist so auch ein Ort der Begegnung für den wissenschaftlichen Austausch. / Informationsdienst Wissenschaft

46. Die 158. Ausgabe der Literaturzeitschrift „Wespennest“

Immer, wenn man die Zeitschrift Wespennest aufschlägt, staunt man über das breite Themenspektrum, die Qualität der Texte (der abgedruckten Lyrik auch, diesmal beispielsweise Hagaar Peeters) und die Radikalität, mit der die Zeitschrift ihren eigenen hohen Ansprüchen treu geblieben ist – auch in der 158. Nummer.

Franz Josef Czernin schreibt über ein Interview mit Wolfgang Schüssel und andere Populismen in österreichischen Qualitätsmedien, Jasmin Herold weist nach, warum Heidi Klum und die Feuchtgebietvermesserin Charlotte Roche Gesinnungsschwestern sind, Michael Hammerschmid stellt ein Dossier „ohne Titel“ mit Gedichten von Friederike Mayröcker und einem Essay von László F. Földény zusammen, und Ilija Trojanow schreibt über „Weltbürgertum heute“ . / steg,  DER STANDARD 10./11.7.

Wespennest, Heft 158, € 12,-. Erhältlich im Fachhandel und unter www.wespennest.at

45. Gegen Tempeldienst

Als Chemiestudent veröffentlichte Andreas Okopenko seine ersten Gedichte, und als Lyriker ist er einer kleinen Leserschaft auch zuerst bekannt geworden. In Bänden wie «Warum sind die Latrinen so traurig» griff er heiteren Sinnes Traditionen des Bänkelsanges, des Limericks, der Nonsens-Verse auf. In anderen Gedichten erprobte er alle möglichen Vers- und Reimformen, den Telegrammstil und das weit ausschwingende Langgedicht: So avantgardistisch diese Lyrik anmutete, Okopenko hat sich gegen den «Tempeldienst am leeren Wort» verwahrt und betont, dass sich seine Kunst immer auf die reale Welt bezog. / Karl-Markus Gauss, NZZ 29.6.

44. Ausgezeichnet

Als Anfang Juni die Preisträger des „Jokers-Lyrikpreis 2010“ bekannt gegeben wurden, war der bekennende „Quartalsliterat“ Jürgen Flenker hoch erfreut. Der umtriebige Autor aus Sprakel gewann den mit 1000 Euro dotierten ersten Preis. „Natürlich hat so ein Preis nicht den Stellenwert des Bachmann-Preises“, scherzt Flenker im Gespräch mit den WN. / Münsterländische Volkszeitung

43. Büchnerpreis für Reinhard Jirgl

Darüber freue ich mich sehr sehr sehr:

Der 57-jährige Berliner Schriftsteller Reinhard Jirgl bekommt den Georg-Büchner-Preis. Das teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Freitag (9.7.) in Darmstadt mit. Der mit 40.000 Euro dotierte Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland. / Die Berliner Literaturkritik 9.7.

Jirgl in L&Poe hier

42. Es lebe der Widerspruch

Volker Sielaff

Es lebe der Widerspruch
Über die polnische Lyrikerin Julia Hartwig
(aus Sprache im technischen Zeitalter Heft Nr. 194, S. 250-251)
Die 1921 in Lublin geborenen polnischen Lyrikerin Julia Hartwig, die in ihrem Heimatland in einem Atem mit Autoren wie Wislawa Szymborska, Czeslaw Milosz oder Tadeusz Rózewicz genannt wird, hierzulande aber noch nahezu unbekannt ist, hat viele Jahre ihres Lebens im Ausland verbracht. Von 1947 bis 1950 lebte sie als Stipendiatin in Paris, in den siebziger Jahren kam sie mehrmals in die USA, zuerst als Teilnehmerin an einem International Writing Program, dann als Gastprofessorin an der Drake University und schließlich auf Einladung des State Departments. Die Erlebnisse und Erfahrungen dieser Aufenthalte hat sie in ihrem Amerikanischen Tagebuch, aber immer wieder auch in Gedichten, etwa dem Zyklus „Americana“, verarbeitet.

In einem ihrer jüngsten Gedichte geht der Blick der Dichterin zu der Lücke, die der Anschlag auf die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers im Jahre 2001 gerissen hat, es ist ein Blick, der sich „mit der Leere nicht abfinden“ will. So arbeiten in der Imagination der Dichterin die Computer unverdrossen weiter und läuten die Telefone, doch die „vom Brand unversehrten Dokumente“ werden nicht von Menschenhand, sondern nur von „durchsichtigen Schatten“ weitergereicht, was der Szenerie etwas Schwebend-Irreales verleiht.

Außerdem im gerade erschienenen neuen Heft Nr. 194, Juni 2010:

Erst die Bankenkrise, dann die Schuldenkrise ganzer Staaten und eine Leitwährung, die ins Rutschen geraten ist: Sechs Krisenbegleittexte aus Russland, Litauen, Bulgarien, Island, Ungarn und Deutschland bilden den Schwerpunkt dieses Heftes (u.a. Eugenijus Ališanka, F.C. Delius)

Lyrik: Lutz Seiler und Serhij Zhadan