Wolfgang Rihm über ‚Dionysos‘, seine neue Oper nach Friedrich Nietzsche, die die Salzburger Festspiele eröffnet
Rihm, Jahrgang 1952, gleicht einem kreativen Vulkan, der beständig neue Stücke in die Welt setzt, der altes immer wieder neu fasst, der mit seinen Opern ständig neue Herausforderungen an die Regisseure vorlegt. Für ‚Dionysos‘ hat Rihm auf Friedrich Nietzsches ‚Dionysos-Dithyramben‘ zurückgegriffen, Texte, die den Komponisten schon seit Jahrzehnten begleiten.
SZ: War die Vertonung von Antonin Artauds ‚Séraphin‘ die Voraussetzung, dass ‚Dionysos‘ entstehen konnte?
Rihm: Nein. Oder: alles ist Voraussetzung. Die Grundlage sind die ‚Dionysos-Dithyramben‘ von Nietzsche, in die ich sozusagen einen Text hineinlese – aus denen ich einen Text herauslese. Ich drücke es so aus: Das Libretto ist von mir, jedes einzelne Wort ist von Nietzsche.
SZ: Aber der Zuschauer weiß davon nichts. Was kann er, der in Stoff und Text nicht vorbereitet ist, verstehen?
Rihm: (ungeduldig werdend) Man muss nichts erklären, ich will nichts erklären. Sobald man damit anfängt, ist man bei dieser Oberlehrerhaltung, bei diesem ständigen Hinweisen und Besserwissen. Ich mache Kunst, ich weiß nichts besser . . . Anscheinend haben Generationen von Komponisten ein Bild in die Öffentlichkeit gestellt: des mit erhobenem Zeigefinger vorm Publikum Stehenden, der alles besser weiß. Ich bin jemand, der es nicht besser weiß, und deswegen mache ich Kunst. Ich mache nicht Kunst, weil ich“s weiß, sondern weil ich“s eben nicht weiß. Und dieses heilige Nicht-Wissen, das ist meine Begabung. Ich bin nicht geschlagen mit einem Nicht-Wissen, ich bin begabt mit dem Nicht-Wissen-Können.
SZ: Kehren wir noch einmal zu den Texten zurück.
Rihm: Die ‚Dionysos-Dithyramben‘ sind Texte, die mich mein ganzes schöpferisches Leben begleiten. Nicht weil sie vollendet sind, sondern weil sie im Moment des Entstehens, des Gesprochenwerdens, Plötzlich-Gesagt-Seins, des inspirierten Aussprechens stehen. Es sind Texte, die nicht den Anspruch einer absolut hermetischen, dichterisch festgezurrten Oberfläche haben, eine Tiefenstruktur, die vollkommen in sich aufgeht, sondern ich erlebe das als die Äußerung eines konzeptuellen, eines entwerfenden dichterischen Wollens. Es ist ein dichterischer Text, der von jemandem stammt, der für sich das Dichterische wünscht – der ahnt, dass er es nicht ganz realisiert, aber der weit darüber hinausgeht. Der entwirft seinen Entwurf. Wir können ihn auffangen.
Interview: Wolfgang Schreiber und Bettina Ehrhardt
/ Süddeutsche Zeitung 13.7.
ist u.a. der Schriftsteller Lutz Seiler, melden die Agenturen am 13.7.
Aus der Serie über das „ekstatisch-empirisch-esoterische mOMent der Direkten Dichtung“ – diesmal: Direkte Mobilfotografie mit Gedicht für ehemaligen Tempelhofer Flughafen
„es war daher nur eine frage der zeit, bis einige tapfere junge leute den tempel stürmten und flugblätter mit antitouristischen manifesten verteilten. da diese unterste untergrundbewegung dank rein telepathischer vernetzung unbemerkt über jahrhunderte gewachsen war, gab es keinerlei staatlichen widerstand. an den obersten positionen des militärs saßen nämlich inzwischen heimliche lochisten und sogar der präsident hatte schon einmal das marmorne tempelloch unerkannt incognito durchschritten und dabei dessen vermögen gespürt, den menschen in die TOTALE GEGENWART als seine offene mitte heimzuholen. und so wurde mit etwas verspätung zu guter letzt doch noch das ziel erreicht, die ganze menschheit nach und nach an die kosmische unendlichkeit zu gewöhnen, um in familiärem frieden miteinander zu leben und weder kunst noch personenkulte als ersatzdroge zu benötigen. die löcher in den seitdem weltweit errichteten tempeln entfalten nun endlich ihre ganze undogmatische wirkung.“
De Toys, 3.-6.1.2005 @ www.TRANSRELIGIOSITAET.de :
Auszug aus „DAS POSTHUME EIGENLEBEN (DIE INSZENIERUNG UND INSTRUMENTALISIERUNG DES NACHRUHMS ZU LEBZEITEN)“ als Filmdrehbuch-Entwurf für „DAS LÖCHERNE ZEITALTER“
G&GN-INSTITUT BERLIN-NEUKÖLLN / Tom de Toys knipst schon seit Kölner Zeiten für sein Leben gern brüchigen Asphalt. Köln war (oder ist noch immer? was sagt stan lafleur?) voller Stellen auf den Straßen, wo die Pflastersteine der alten Fahrbahn wie offene Wunden durch Abnutzung der modernen Asphaltdecke erscheinen. Was ihm Anfang der Neunziger aufgrund seines Faibles für vorsätzlich „schlechte“ und „billige“ Technologie (aus Trotz gegen inhaltslose Perfektion) die Pocketkamera war, ist für ihn heutzutage in Neukölln das „verpixelte“ Mobiltelefon: Mit einem Nokia-Handy fotografierte er im Februar und März 2008 drei Sonnenuntergänge am damals noch mit Stacheldrahtzaun geschützten Tempelhofer Flugplatz, als er dank seines Jobs im Schillerpalais sowieso täglich gleich um die Ecke weilte. Jetzt zeigt er in einem brandneuen Online-Foto-Album neben den drei bereits „historisch“ zu wertenden Fotos (SPIEGELTEMPEL, FRONTSONNE und LiCHTBAHN) über 30 topaktuelle Aufnahmen vom „TEMPELHOFER FELD“ (so der offizielle Name des Parks), das von vielen Bürgern geliebt und genutzt – oder um es toysianisch zu sagen: „angenOMmen“ wird, denn so lautet die Domain seiner Dokumentation: www.angenOMmene.de . Den vorläufigen Abschluß der Fotostrecke bildet in Anlehnung an die frühere Copy-Art-Technik der Prä-Computer-Ära (man erinnere sich an die vielen Underground-Egozines von über 600 jungen Dichtern im deutschsprachigen Raum: eine subversive Front aus Scheren, Klebstoff und stinkenden Kopierern) eine digitale Montage jenes Gedichts, das mitten im Flugfeld entstand, auf einer Nahaufnahme der ehemaligen Rollpiste:
http://www.myspace.com/tomdetoys/photos/17001023
Tom de Toys, 15.7.2010
© POEMiE™ @ www.angenOMmene.de
KYBERNETISCHE ALCHEMIE
tempel ohne dach und wände
ultraviolettes licht
von horizont zu horizont
die erde entpuppt sich
als multidimensionale matrix
einander durchdringender
feinstaubschichten
aus plastik und gold
deines nervenlabyrinthes
im offenen feld
sonne satt
wind weht gnadenlos
für die freien seelen
hat alles sinn
WEIL ES IST
und im besten fall
liebe erlaubt
wie ein wunder
der pfeil zeigt
in alle richtungen
wir heben nach unten ab
das raumschiff kreuzt
einige unsichtbare bahnen
von geschwistern
in parallelen welten
bis sich das gewählte
schlupfloch zwischen
den pupillen der planeten
als bewohnbar erweist
so schwarz wie lichtlos
dampfende kristalle
ohne oberfläche
dunkles glühen
der unendlichkeit
Gedicht entnommen aus dem myspace-Album mit bisher 36 Abbildungen:
„TEMPEL OHNE DACH UND WÄNDE“ @ www.angenOMmene.de =
http://www.myspace.com/tomdetoys/photos/albums/tempel-ohne-dach-und-w-nde/1262456
Paralleles Asphalt-Fotoprojekt (incl. englischem Gedicht!) seit 2008:
„BROKEN BIKES (Modern Middle Ages)“ @ www.NEUROSMOG.de =
http://www.myspace.com/tomdetoys/photos/albums/broken-bikes-modern-middle-ages/825797
Weitere ausgewählte digitale Poemie-Collagen @ www.wOManticum.de
Die Organisation Reporter ohne Grenzen zählt Tunesien zu den zehn größten Feinden der Pressefreiheit: Journalisten werden mit Gefängnisstrafen zum Schweigen gebracht – auch wenn sie sterbenskrank sind.
„Ich saß in einem uralten Gefängnis an der Grenze zu Algerien, mitten im Nichts, unter fürchterlichen Bedingungen. Und alles nur, weil ich in einem früheren Knastaufenthalt ein Gedicht geschrieben habe, das heute überall in der Welt bekannt ist“, berichtet Ben Brik. Mit dem Gedicht „Der Poet und der Tyrann“ geißelte der Journalist das Machtgebaren von Tunesiens Dauerpräsident Ben Ali. Doch die Verse waren nur Tropfen, die das Faß zum Überlaufen gebracht haben. Für seine jahrelangen Attacken gegen Ben Ali hat der Journalist und Schriftsteller nun einen hohen Preis bezahlt. Bespitzelung, Hausarrest, Zensur, Schauprozesse, Haftstrafen: Das ist das Schicksal all jener, die die Missachtung der Menschenrechte in Tunesien kritisieren – und sich mit dem Präsidenten anlegen. Gespräche mit ausländischen Medien werden abgehört und meistens im Keim erstickt. / Deutsche Welle
Wer auf die »Fatrasien« stößt, traut seinen Augen nicht. Wie kann es sein, dass diese surrealistisch anmutenden, erstaunlich modern wirkenden kurzen Sprachspektakel im fernen Mittelalter entstanden sind? Eine tollkühne Fantasie hat hier Dinge zusammengebracht, die nie und nimmer zusammengehören. …
Die Fatrasie ist ein kurzes Gedicht mit elf Versen. Die Zahl Elf bedeutet mehr als zwei Handvoll und weniger als ein Dutzend. Sie symbolisiert ein Zuviel und Zuwenig. Sie ist ein Signal für Verrücktheit und närrisches Treiben…
Fünfundfünfzig anonyme Stücke – natürlich ist die Zashl durch elf teilbar – kommen aus der nordfranzösischen Stadt Arras. … Die Stadt war früh eine experimentierende Metropole der Dichtkunst, die sich neben Paris nicht zu schämen brauchte. …
In ihrer frühen, entfesselten Radikalität stehen diese französischen Gedichte einzigartig da. In siebenhundert Jahren wurden sie noch nie ins Deutsche übersetzt. Es geschieht hier zum ersten Mal, als Versuch, eine bislang unbeachtete Wurzel der modernen Poesie und der absurden Literatur freizulegen. … Letztlich ist die Fatrasie der offenbarte Spieltrieb der Sprache, die sich selbst mit allen Mitteln zum Jubeln bringt. / Ralph Dutli, FAZ 17.7. (der ganzseitige Artikel enthält zeitgenössische Abbildungen und – unverständlicherweise – 10 und nicht 11 Proben dieser Dichtung).
Hier als Probe die Fatrasie 23:
Der Furz einer Käsemade
wollte in seinem Käppchen
Rom davontragen.
Ein Ei aus Baumwolle
nahm den Schrei
eines Ehrenmannes beim Kinn.
Der Gedanke eines Spitzbuben
hätte ihn schließlich fast verprügelt,
als ein Apfelkern
ganz laut ausrief:
„Woher kommst du? Wohin geht’s? Welcome!“
Dutli, Ralph
Fatrasien
Absurde Poesie des Mittelalters
Einleitung von Dutli, Ralph
Verlag : Wallstein
ISBN : 978-3-8353-0774-2
Einband : gebunden
Preisinfo : ca. 19,00 Eur[D] / ca. 19,60 Eur[A] / 31,90 CHF UVP
Seiten/Umfang : ca. 144 S.
Produktform : B: Einband – fest (Hardcover)
Erscheinungsdatum : 08.2010
Eins der im FAZ-Artikel enthaltenen Proben hier alt- und neufranzösisch:
Uns ours emplumés Un ours emplumé
Fist semer uns bles Fit semer du blé
De Douvre a Wissent. De Douvre’ à Wissant.
Uns oingnons pelez Un oignon pelé
Estoit aprestés S’était apprêté
De chanter devant. A chanter avant.
Qant sor un rouge olifant Quand sur un rouge éléphant
Vint uns limeçons armés Vint un limaçon armé
Qui lor aloit escriant : Qui marchait en leur criant :
« Fil a putain, sa venez ! « Fils de putain, approchez !
Je versefie en dormant. » Je versifie en dormant. »
« Fatras et fatrasie » sur le site oulipien Fatrazie
Der israelische Historiker Shlomo Sand hat mit „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ einen Verkaufsschlager geschrieben, der in Israel monatelang auf den Bestsellerlisten stand. In seiner Heimat löste das Buch ebenso heftige Debatten aus wie in Frankreich, England oder den USA. Seine Kritiker beschimpften ihn als „Israelhasser“. Von linken Intellektuellen wie Eric Hobsbawm, Tony Judt oder Terry Eagleton wurde die Dekonstruktion des Zionismus heftig bejubelt.
Schon das Motto der 500-seitigen, ziemlich flüssig geschriebenen Abhandlung birgt Sprengstoff: „In Erinnerung an alle Flüchtlinge, die dieses Land erreichten, und an all jene, die es verlassen mussten.“ Damit ist auch die Biografie des Verfassers angesprochen: Shlomo Sand wurde 1946 als Kind polnischer Juden in einem Flüchtlingslager bei Linz geboren, die Familie wanderte im Jahr der Gründung des Staates nach Israel aus. In einem kommunistisch geprägten Elternhaus und in Jaffa in arabisch-jüdischer Umgebung aufgewachsen, gehört zu Sands Freunden auch der palästinensische Dichter Mahmud Darwisch, der ihm anlässlich des Sechstagekrieges sein berühmtes Gedicht „A Soldier Dreams of White Lilies“ widmet. Nach Studium und Universitätskarriere in Frankreich lehrt Shlomo Sand heute Geschichte in Tel Aviv – er bezeichnet sich als „Postzionist“ und tritt für Gleichberechtigung und „vollwertige Autonomie“ der Palästinenser ein; eine Rückkehr der nach dem Unabhängigkeitskrieg Vertriebenen hält er realistischerweise für ausgeschlossen. / Erich Klein in Falter : Wien 29/2010 vom 21.7.2010 (Seite 18)
Nach dem Tod Walt Whitmans (1892) wollte die US-amerikanische Lyrik lange Zeit nicht mehr bekennen. »Ich feiere mich selbst, ich singe mich selbst« – das sollte für mehrere Jahrzehnte nicht mehr möglich sein. Aber es ist auffällig, wie von Whitman völlig unterschieden der Begriff »Bekenntnis« von T. S. Eliot, Ezra Pound oder Charles Olson aufgefasst worden ist. In einem Essay postuliert Eliot: »Dichtung ist nicht das Freisetzen von Gefühl, sondern eine Flucht vor dem Gefühl; sie ist nicht der Ausdruck von Persönlichkeit, sondern die Flucht vor der Persönlichkeit. Aber selbstverständlich können nur diejenigen, die Persönlichkeit und Gefühle haben, wissen, was es bedeutet, vor diesen zu fliehen.« …
Es ist die große Kunst des »Song of Myself«, dass sich hier zwar eine ganz besondere Persönlichkeit ausspricht, die auch im Gedicht selbst Walt Whitman heißt, ein entschiedener Demokrat und Freigeist ist, 37 Jahre alt, Männer liebt, einen entlaufenen Sklaven beherbergt hat usw., aber jedem »Der und der bin ich« ein »Der und der und der könnte ich auch sein« folgt. Wie auf den Fotoporträts von August Sander ziehen sämtliche Gewerke und Typen der Vereinigten Staaten vorüber, und von all diesen singt dieses Lied, denn »Ich bin riesig, ich umfasse Mengen« (I am large, I contain multitudes). »Walt Whitman, ein Kosmos«. …
Berryman hat sich zwar für Whitmans Persönlichkeit und gegen Eliots Unpersönlichkeit erklärt, jedoch hinzugefügt, im Gedicht spreche niemals der tatsächliche Autor, »mit Adresse, einer Sozialversicherungsnummer, Schulden, Vorlieben, Erinnerungen, Erwartungen«. Allerdings heißt es in seinen »Antitheses« von 1971: »Ich wohne in der Arthur Ave., S.E., Nr. 33 / &schreibe meist von hier.//Mein Schaukelstuhl ist dunkelblau, steht in einer Ecke / &wackelt, während meine Gedanken dahintreiben. / Der teurere Schaukelstuhl meiner Frau, mit Flickendecke, / steht fünf Fuß entfernt&wackelt nicht.« In demselben Gedicht enthüllt er auch, welche Bücher von Victor Hugo er schätzt und dass W.H. Auden, als er ihn zum ersten Mal traf, zwei unterschiedliche Socken trug. Es fehlen also nur noch die Sozialversicherungsnummer und der Kontostand.
Doch werden diese Offenbarungen so faktisch und feststellend gegeben, dass man dieses Gedicht mit einem von Reznikoff oder Williams verwechseln könnte. Auch stellt sich die Frage, ob der »Walt Whitman«, der in Whitmans Gedicht vorkommt, mit dem Autor identisch sein kann, und ob der Leser eines so anspielungsreichen Gedichts wie »Antitheses« bei »Arthur Ave.« lediglich an eine Straße in Minneapolis und nicht auch an den König der Artus-Sage denkt. Es stellt sich also die Frage, was einer autobiografischen Information widerfährt, wenn sie in ein Gedicht, nicht nur ein bekennendes, eingeht. …
»Niemand hört der Dichtung zu«, heißt es in einem Gedicht Spicers; ein Vers, den nur verstehen kann, wer ihm genau zuhört. Je stärker das Gedicht, umso weniger berichtet es, umso weniger verpflichtet es. Es verpflichtet nicht nur nicht zu einer Reaktion, es führt sie ad absurdum. Das Bekenntnisgedicht skandalisiert diesen Umstand, denn es ruht nicht in sich, sondern schreit ins Leere oder hustet in den Wind. Die Bekenntnisse Berrymans sind kein lyrischer Ersatz für Beichten und Bitten, sondern klangvolle Manifestationen ihres Verstummens.
Insofern sind sie von den »dead letters« oder unzustellbaren Briefen der Gedichte Spicers gar nicht so weit entfernt, auch wenn diese Briefe ohne Absender abgeschickt worden sind. Spicer hat zum Vergnügen seines sehr kleinen Publikums stets behauptet, seine Gedichte stammten gar nicht von ihm selbst, sondern seien ihm von Marsianern diktiert worden. Zwar träten die Aliens in sein Zimmer ein, ließen sich in seinem Mobiliar, nämlich seinen Wörtern, nieder, drückten deshalb ihre Botschaften in seinem Stil aus, aber er selbst beschränke sich als Dichter darauf, Empfänger, Briefkasten, Radio zu sein. / Stefan Ripplinger, Jungle World
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
Peter Everwine is a California poet whose work I have admired for almost as long as I have been writing. Here he beautifully captures a quiet moment of reflection.
Rain
Toward evening, as the light failed
and the pear tree at my window darkened,
I put down my book and stood at the open door,
the first raindrops gusting in the eaves,
a smell of wet clay in the wind.
Sixty years ago, lying beside my father,
half asleep, on a bed of pine boughs as rain
drummed against our tent, I heard
for the first time a loon’s sudden wail
drifting across that remote lake—
a loneliness like no other,
though what I heard as inconsolable
may have been only the sound of something
untamed and nameless
singing itself to the wilderness around it
and to us until we slept. And thinking of my father
and of good companions gone
into oblivion, I heard the steady sound of rain
and the soft lapping of water, and did not know
whether it was grief or joy or something other
that surged against my heart
and held me listening there so long and late.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Peter Everwine, whose most recent book of poems is From the Meadow: Selected and New Poems, Pitt Poetry Series, Univ. of Pittsburgh Press, 2004. Reprinted from Ploughshares, Vol. 34, no. 1, Spring 2008, by permission of Peter Everwine and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Münchner Reden zur Poesie IX
Kurt Flasch:
„Warum hat Dante Odysseus
in die Hölle versetzt?
Überlegungen zu Canto XXVI des Inferno“
Eine Reihe des Lyrik Kabinetts
unter der Leitung von: Frieder von Ammon
Am Montag, dem 19. Juli 2010
um 20:00 Uhr
Amalienstrasse 83 / Rückgebäude
(U3/U6 Haltestelle Universität)
Eintritt: €7,00 / €5,00
Mitglieder Lyrik Kabinett: frei
gehört zu jenen Schreibenden, deren Worte ins kollektive Gedächtnis übergegangen sind, ohne dass wir sagen könnten, wann das genau geschehen ist.
Leider gehört diese Schriftstellerin, trotz des ihr 1966 gewährten Literaturnobelpreises und ihrem festen Platz im deutschsprachigen Literaturkanon, fast ein wenig zu den vergessenen Stimmen deutscher Sprache.
Ein Widerspruch liegt darin, aber auch ein wichtiger Hinweis – der schwedische Autor und Übersetzer Aris Fioretos hat ihn im Auftrag des Suhrkamp Verlages aufgegriffen und eine längst überfällige Werkausgabe vorgelegt, die nun dankbar von den offenbar über Jahrzehnte hinweg wartenden Lesern wahrgenommen wird. …
Der Suhrkamp Verlag hat mit dieser Werkausgabe eines seiner großen, wertvollen Projekte begonnen und damit vierzig Jahre nach dem Tod von Nelly Sachs ihrer Stimme zum Bleiben verholfen.
/ Marica Bodrozic, ORF 18.7.
Nelly Sachs, „Werke Band 1. Gedichte 1940-1950“ und „Werke Band 2. Gedichte 1951-1970“ Suhrkamp Verlag
„San Diegos explosivste Poetin“ schreibt die Voice of San Diego über die Dichterin Rae Armantrout. Für ihren Band „Versed“, der gerade als Taschenbuch erschienen ist, erhielt sie dieses Jahr den Pulitzerpreis für Lyrik. Im Interview mit Randy Dotinga sagt sie der Zeitung über ihre Gedichte:
Ich stelle gern die Dinge, Bilder oder Diskurse auf überraschende Art nebeneinander. Ich mag Gedichte, die sich schnell bewegen – ich hoffe, meine tun es – und mit den Gedanken mithalten.
Ich schreibe darüber, was mir begegnet und wie ich darüber denke. Was meine Gedichte ausmacht, ist die Art, wie ich die Dinge verbinde.
Gedichteschreiben schützt einen irgendwie vor Depressionen. Als ich klein war, las mir meine Mutter Gedichte vor, und der Klang gefiel mir. Fast als ob man vor sich hinsingt.
Wenn ich ein Gedicht schreibe, spreche ich es mir immer wieder vor. Auch wenn ich kaum in Reim und Metrum schreibe, achte ich auf den Klang. Es ist vielleicht eine Art Selbstbeschwichtigung. Musik beruhigt, und auch in freien Versen ist Musik – sollte zumindest.
Die Leute haben Angst vor Poesie, weil sie sie nicht genug kennen. Sie glauben, daß sie sie nicht verstehen, und sie glauben, sie müssen alles verstehen, um den Test zu bestehen. Sie können nicht einfach so drauf reagieren. Das ist ein Fehler, aber wahrscheinlich vom Schulsystem genährt.
Und Leute, die ein wenig mit Lyrik vertraut sind, denken mitunter, daß sie Trost und moralische Erbauung stiftet. Das Leben ist aber interessanter, und auch die Lyrik kann interessanter sein.
Rae Armantrout: „Narrativ“. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling und Matthias Göritz. Mit einem Nachwort von Marjorie Perloff und Fotografien. Lux Verlag, Wiesbaden 2009.
Er veröffentlichte nicht viel – nur fünf Bände und eine Handvoll Pamphlete in 40 Jahren –, aber Pete Morgans Gedichte wurden von Carol Ann Duffy,Ted Hughes, George Mackay Brown und anderen geschätzt für Raffinesse, Humor und Schärfe. Morgan starb im Alter von 71 Jahren. / Miles Salter, Guardian 15.7.
Ausschreibung/Aufruf
Eine Veranstaltung des Literaturbüros Ruhr e.V. und der Autorinnenvereinigung e.V.
mit dem Frauenkulturbüro NRW e.V. am 16.Oktober 2010 in der Kulturfabrik Heeder Virchowstrasse 130, 47805 Krefeld
11 – 17 Uhr Werkstätten: Neue Arbeitsgebiete, Chancen und Vermarktungen für Autorinnen
18 – 20 Uhr: Sprachexperimente – auf der Probebühne der „Kulisse“ in der Fabrik Heeder – Gedichte, Musik, Klang, Film (öffentliche Veranstaltung)
Die Veranstaltung „Poetische Experimente und Erfahrungsaustausch“ richtet sich an Autorinnen, die Wege suchen, um
Autorinnen sind herzlich eingeladen, sich mit biografischen Angaben und einer Projektskizze mit Textprobe (insgesamt 2 Normseiten) zu bewerben.
Anmeldungen :
Literaturbüro Ruhr
Elisabeth.roters-ullrich@stadt-gladbeck.de
www.literaturbuero-ruhr.de
LiteraturBüro Ruhr e. V.
Friedrich-Ebert-Str. 8
45956 Gladbeck
02043 / 99 – 2646
Das Literaturbüro Ruhr sammelt diese Skizzen und baut sie so in die „Sprachexperimente“ ein, dass jede teilnehmende Autorin sich präsentieren kann (Probebühne) und auf einen „literarischen Coach“ trifft (Werkstätten).
Die Referentinnen suchen aus den eingegangenen Projektskizzen jene aus, mit denen sie an diesem Tag professionell arbeiten wollen. Der Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit ist aber, die gemeinsame Suche nach Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten. Beispielsweise wird Manja Präkels zeigen, wie Texte zum Klingen zu bringen sind, was geschieht, wenn Wörter sich mit Klang und Tönen verbinden. J. Monika Walther wird über die Situation im Hörspiel-, Hörbuch- und Featurebereich referieren. Sie erörtert die Möglichkeiten, sich in diesem Markt zu positionieren und sich mit Studios und Kolleginnen zu vernetzen.
Die Werkstätten finden nacheinander statt, um allen Autorinnen die Teilnahme zu ermöglichen.
Im „Sprachlaboratorium“ – eine öffentliche Veranstaltung – werden im Anschluß verschiedene Projekte vorgestellt.
Außerdem werden die Arbeitsergebnisse auf den Internetseiten von Autorinnenvereinigung und Literaturbüro Ruhr veröffentlicht. Ein Kostenbeitrag/Eintritt wird nicht erhoben.
Eine Jury aus Literaturbüro Ruhr und Referentinnen wählt die 30 Teilnehmerinnen aus.
In einer Welt, die ihr zuwider war, versuchte Else Lasker-Schüler sich unsichtbar zu machen. In Deutschland kam man ihr darin entgegen. 1933 floh sie vor Hitler, bis 1939 führte sie ein mühseliges Emigrantendasein in der Schweiz, die Nazis löschten ihren Namen aus – und als sie nach 1945 wieder ins deutsche Bewusstsein zurückkehrte, gab es nichts mehr, woran man sich erinnern konnte.
An die Stelle der historischen Tatsachen traten Mythen. Zunächst ihre eigenen – sie hatte sich als „Prinz Jussuf“ gesehen, als Joseph, den seine Brüder nach Ägypten verkauften -, und später kamen andere hinzu. Die „größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, begeisterte Gottfried Benn sich 1952, als es nicht mehr gefährlich war, und klang dabei so wenig überzeugend wie schon 1933, als er sich den Nazis angebiedert hatte. Im Nachkriegsdeutschland herrschte die Verdrängung und verstellte den historischen Blick. …
Der letzte, jetzt vorliegende Band enthält 680 Briefe, die sie 1941-1945 in Jerusalem geschrieben hat. Zweimal, 1934 und 1937, war sie aus der Schweiz nach Palästina gereist. Als sie 1939 ein drittes Mal fuhr, überraschte sie der Zweite Weltkrieg und verhinderte ihre Rückreise. / Jakob Hessing, Die Welt 17.7.
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