Ein „Fest für Ernst Jandl“ hatte Jutta Skokan, die Intendantin der Festwochen Gmunden, versprochen, und ein Fest ist es geworden. Vier Tage währten die „Feierlichkeiten“, klug und abwechslungsreich zusammengesetzt aus Vorträgen, Lesungen, Gesprächen, Performances, Ton- und Bilddokumenten. …
In der Nacht zum 1. August stieß man im Buffet des Gmundener Stadttheaters pünktlich um 0 Uhr auf Ernst Jandls 85. Geburtstag an und beklagte gleichzeitig, dass der im Jahr 2000 verstorbene Jubilar selbst nicht mitfeiern konnte. Umso erfreulicher war es, dass Friederike Mayröcker, Jandls Lebensmensch für Jahrzehnte, das Fest für Ernst mit einer berührenden Lesung bereicherte. …
Der Dramatiker Ernst Jandl wurde durch Hörspiele und durch eine Leseaufführung der Sprechoper „Aus der Fremde“ gewürdigt. Emmy Werner, Erich Langwiesner und Franz Schuh verzichteten auf den von Jandl vorgesehenen Sprechgesang, vertrauten zur Gänze auf die Verfremdung durch Sprache und bewiesen, dass auch dies eine Möglichkeit ist, Jandls dunkelhumoriges Drama über den Alltag eines Schriftstellerpaares überzeugend zu inszenieren. / Oberösterreichische Nachrichten
«Um zu bleiben / braucht man hier / (. . .) / zwei schatten / für eine sonne.» Solche Doppelungen und Spaltungen gehören zur Grundbefindlichkeit des Exilierten, und das Gedicht, dem die Zeilen entnommen sind, wirft denn auch selbst sozusagen einen doppelten Schatten: Es erscheint in Saids neuem Lyrikband «Ruf zurück die Vögel» so gut wie in der Prosasammlung «Das Niemandsland ist unseres». Der 1947 in Teheran geborene Autor ging bereits zu Zeiten des Schah-Regimes ins Exil und hat mittlerweile mehr als zwei Drittel seines Lebens in Deutschland verbracht; dass das Verhältnis zur alten wie zur neuen Heimat aber auch nach so langer Zeit noch ein prekäres ist, deutet sich im zweitgenannten Buchtitel an. …
2009 verliess Said vorübergehend sein «Niemandsland» und errichtete im Dialog mit dem israelischen Lyriker Asher Reich «Das Haus, das uns bewohnt». Der so betitelte Band enthält Gedichte, die der in einem orthodoxen Jerusalemer Quartier aufgewachsene Reich auf Saids Einladung hin an den deutsch-iranischen Kollegen sandte, damit dieser den Texten eigene Dichtungen zur Seite stellen konnte. Diskursiver und fester in der eigenen Herkunft verortet als Saids karge Wortbilder, bietet Reichs Dichtung nicht zuletzt auch eine Art Ankerpunkt beim Versuch, in der Zwiesprache dieser zwar unterschiedlichen, doch einander nicht fremden lyrischen Temperamente den gemeinsamen Nenner zu finden. Eine inspirierende interpretatorische Herausforderung, die dem Leser gleichsam zwei Sonnen – nämlich den eigenen Blick und den poetischen Reflex, durch den die Texte sich gegenseitig beleuchten – für die Jagd nach dem schattenhaften Sinn des Gedichts beschert. / Angela Schader, NZZ 3.8.
Said: Das Niemandsland ist unseres. West-östliche Betrachtungen. Diederichs-Verlag, München 2010. 111 S., Fr. 27.50. Said: Ruf zurück die Vögel. Gedichte. Verlag C. H. Beck, München 2010. 109 S., Fr. 26.50. Asher Reich / Said: Das Haus, das uns bewohnt. Ein israelisch-iranisches Poetengespräch. Stiftung Lyrik-Kabinett München, 2009. 94 S., Fr. 28.20.
„Im sonnigen Glanz, bei des Mondlichtes Schein / Die Stadt ist ein lebend Gedicht / Auf dunkler Flut fahren Schiffe darein; / Venedig ist schöner nicht“, schwärmte der Dichter und Journalist Albert Wiek 1915 über Danzig.
Auch Joseph von Eichendorff beschwor schon 1842 den Mond über den nächtlichen Straßen. Man lobte allgemein die Schönheit der Stadt und ihr kulturelles Leben in den zahlreichen Cafés und auf der Pferderennbahn. 100 Jahre später war der Glanz vergangen und Pablo Neruda nannte das zerstörte Danzig eine „irrzerfetzte Rose“, eine Stadt „kugeldurchsiebt vom Krieg“. / Undine Zimmer, Potsdamer Neueste Nachrichten
Peter Oliver Loew: Literarischer Reiseführer Danzig. Acht Spaziergänge. Potsdam 2009, Deutsches Kulturforum östliches Europa, 408 Seiten mit zahlreichen farbigen und Schwarz-Weiß-Abbildungen, Kurzbiografien, Zeittafel, umfangreichen Registern und zweisprachigen Karten, 19,80 Euro
Balestrini, Initiator der Lyrikergruppe ‚I Novissimi‘, lustvoller und lautstarker Wortführer der italienischen Neoavantgarde, die mit den bürgerlichen Vorstellungen eines Subjektes kurzen Prozess machte, richtete sich bewusst gegen all“ die Langweiler, die eine Handlung erwarteten und ein wieder erkennbares Personal. Ein erzählendes Ich, was für ein Unsinn! Unter den arrivierten Schriftstellern entfachte dieses Getöse des literarischen Nachwuchses großen Zorn.
Pasolini wandte sich wutschnaubend von den Novissimi ab, der Lyriker Andrea Zanzotto, Vertreter der Hermetik und großer Erbe Montales, bezeichnete die Gedichte der Neoavantgardisten als ‚blödsinnige Protokolle von Nervenzusammenbrüchen‘. Denn Zanzotto, Pasolini und Carlo Emilio Gadda waren trotz ihres experimentellen Ansatzes von der ethischen Aufgabe der Literatur überzeugt. Die ‚Novissimi‘, zu denen auch der kürzlich verstorbene Edoardo Sanguineti und Elio Pagliarini gehörten, machten es sich in ihren Augen zu leicht – man könne nicht einfach nur die tradierten Formen zu Brei zerstampfen.
Aber die neuen Lyriker hatten Erfolg. 1963 bildete sich in Anlehnung an die Gruppe 47 der gruppo 63, ein loser Zusammenschluss von Schriftstellern und Wissenschaftlern, die sich die Erneuerung der italienischen Kultur auf die Fahnen geschrieben hatten. Hier waren auch Leute wie Giorgio Manganelli, Luigi Malerba und Umberto Eco mit von der Partie. Ecos Theorie vom ‚offenen Kunstwerk‘ entstand in diesem Rahmen. / MAIKE ALBATH, SZ 27.7.
NANNI BALESTRINI: Tristano N· 7860 von 109 027 350 432 000 möglichen Romanen. Mit einem Vorwort von Umberto Eco. Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort versehen von Peter O. Chotjewitz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 138 Seiten, 15 Euro.
Nietzsche ist eine der beiden Portalfiguren, die der Dichter Wulf Kirsten an den Beginn seiner großen Anthologie zur deutschen Lyrik zwischen 1880 und 1945 gestellt hat. Und ohne Zweifel wird hier ein neuer Ton angeschlagen. Aber das Instrument ist die in der klassischen Literatur der Deutschen gebildete Sprache, daran erinnert das Echo des vorangestellten Genetivs. Die andere Portalfigur ist Detlev von Liliencron, der als Rezitator mit seinen Gedichten durch die Vortragssäle zog und hier vor allem in den reimlosen Versen des Gedichts ‚Auf einem Bahnhof‘ (1890) den Blick auf die technisch-industrielle Moderne freigibt, in der die ästhetische Moderne als ihr Ausdruck und Widerpart groß wurde: ‚Der neue Mond schob wie ein Komma sich / just zwischen zwei bepackte Güterwagen.‘
Das Komma ist gut gesehen, es lässt den alten Begleiter, den bewährten Gedankenfreund der deutschen Poesie, den Mond, auf die Welt der Büros und Kanzleien scheinen, und kontrastiert seinen Lauf mit der verwaltungsgestützten Beschleunigung des modernen Lebenstempos: ‚Ein Bahnbeamter mit knallroter Mütze / schoß mir vorbei mit Eilgutformularen.‘ Man muss, hat man die beiden Portalfiguren passiert, ein wenig innehalten und zurücktreten, um das Riesengebäude dieser Anthologie ins Auge zu fassen, ehe man es betritt. / LOTHAR MÜLLER, SZ 26.7.
WULF KIRSTEN (Hrsg.): ‚Beständig ist das leicht Verletzliche‘. Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan. Ammann Verlag, Zürich 2010. 1120 Seiten, 79,95 Euro.
Work from the series Text Drawings. Hardesty’s work with text drawings is a conceptually compelling look at the content of photographs and how one reads an image.
„I make seemingly simple drawings on paper that address ambiguous and contradictory aspects of our cultural landscape. By focusing viewers’ attention primarily through the use of text, my drawings work both as a concrete reality created on the page and as a changing series of interpretations as each viewer “reads” the text differently. I want the process of making art – the act of imagination – to be both visible and entertaining. Using only language to describe what the viewer is experiencing, the drawings inhabit a space somewhere between text, image and the mind’s eye.“
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Keine Lesart nirgends, Bilder vor allem. Vielleicht merkt man an alldem, daß in Kiarostami auch ein Dichter steckt. Die Lyrik, so hat er einmal gesagt, sei ihm wichtiger als alle seine Filme. Es sind nur wenige Zeilen, die die Gedichte des Abbas Kiarostami ausmachen:
„Hundert ausgetrocknete Quellen / Hundert durstige Schafe / Ein alter Schäfer.“ Oder: „Wie trostlos / Den Vollmond / Allein / Zu betrachten.“
Schnelle Schnitte gibt es nicht bei diesem Kino-Poeten. Alles bleibt offen, manches ungesagt. Die Leerstellen sirren und klingen bei ihm, in den Filmen ebenso wie in den Gedichten.
„In Begleitung des Windes“ heißt dieser schöne Band, der, mit einem Nachwort von Peter Handke versehen, einen ersten Einblick in das lyrische Oeuvre Kiarostamis gewährt. / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten, 28.7.
Abbas Kiarostami: In Begleitung des Windes. Suhrkamp-Verlag, Berlin.
In ihrem ersten Gedichtband teilt Nadja Küchenmeister viel mit, aber plaudert nicht. Die Intensität, mit der sie der Stille, der Dunkelheit oder einer nur sekundenlang anhaltenden Bewegung nachspürt, erfordert bedächtiges Lesen.
Den vollständigen Artikel erreichen Sie im Internet unter der URL
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1237192/
Carola Wiemers
Deutschlandradio Kultur
2.8.2010
Zwischen Erinnerung und Jetzt
Nadja Küchenmeister: „Alle Lichter“, Schöffling, Frankfurt am Main 2010, 104 Seiten
Das Burns Monument Centre in Kilmarnock – „phantastisch“ sagen die einen, „eine Tragödie“ die anderen – ist auf einer Shortlist für den „Carbuncle Cup“, der die ärgste architektonische Monstrosität Großbritanniens „auszeichnet“. Es wurde im vergangenen Jahr neu eröffnet, nachdem ein Feuer 2004 das ursprüngliche Gebäude vernichtet hatte. / Scotsman
„Any explanations poets may give about what they do primarily serve the preservation of a secret. Vague as this secret may be, all poets, in their own individual ways, will hold on to it and barricade themselves behind it.“ —Durs Grünbein, The Poem and Its Secret
The Poem and Its Secret
by Durs Grünbein
from The Bars of Atlantis: Selected Essays,
edited by Michael Eskin; translated by John Crutchfield, Michael Hofmann and Andrew Shields
Michael Angele sorgt sich um die Lyrik (und bespricht die Anthologie der „Ostseegedichte“) im Freitag. Zu einem Bericht im pomlit-Blog schreibt ein Leser:
Passt gut zu Herrn Angele, der den ehemals reichen Kulturteil des Freitag mittlerweile fast lyrikfrei gemacht hat. Oder täuscht mich mein Eindruck?
Außerdem dort: eine Karte der Ortsnamen in dieser Anthologie und, da wir beim Thema Ortsnamen sind, ein Gedicht von Bertram Reinecke zum Thema (Ortsnamen, Namen überhaupt)
Mit großer Begeisterung und mit internationalem Flair ist am Sonnabend im idyllischen Hof des Cottbuser Wendischen Museums das 32. Fest der sorbischen Poesie, zu dem der Sorbische Künstlerbund eingeladen hatte, eröffnet worden. …
Werner Meschkank, Kustos des Wendischen Museums und selbst Dichter, führte zweisprachig durch das bunte Programm. …
Die Eröffnungsveranstaltung des diesjährigen Festes zu Ehren des sorbischen Malers und Schriftstellers Martin Nowak-Njechornski (1900 – 1990) und der Volksdichterin Agnes Buder (1860 – 1937) gestalteten die sorbischen Literaten Dorothea Scholze, Jan Meschkank, Werner Meschkank, Tomasz Nawka, Bernd Pittkunings, Wora Wiazowa-Lehmann, Benedikt Dyrlich und Jurij Koch gemeinsam mit den tschechischen Dichtern Milan Hrabal (Varnsdorf) und Alica Prajzentová (Usti nad Labem). / Alfons Lehmann, Lausitzer Rundschau
Argentinien wird Gastland der Frankfurter Buchmesse.Die FAZ berichtet über die Literaturlandschaft des Landes, das neben Spanien führendes Buchland der spanischsprachigen Welt ist:
Es sind meist Einzelkämpfer oder kleine Gruppen von Gleichgesinnten, die die erstaunlichsten editorischen Leistungen vollbringen. In Rosario, der drittgrößten Stadt Argentiniens, hat der Germanist, Poet und Übersetzer Héctor Piccoli Gedichte aus allen Epochen der deutschen Literatur ins Spanische übertragen, angefangen beim Minnesang, mit deutlichen Schwerpunkten auf den Barockdichtern und der Zeit der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert. Kürzlich erst hat er einen zweisprachigen Band mit Gedichten des nach Buenos Aires ausgewanderten deutschen Dichters Paul Zech (1881 bis 1946) vorgelegt.
Eine Pionierleistung vollbrachte Piccoli mit der Herausgabe einer revidierten Fassung der spanischen Übersetzung von Sigmund Freuds Gesamtwerk als digitaler Ausgabe auf CD (“Freud total 2.0“). Später folgten der „Cherubinische Wandersmann“ von Angelus Silesius und das OEuvre der spanischen Barockdichter Cervantes und Góngora als digitale Ausgaben auf CD, die man zum Teil auch über das Internet herunterladen kann. Für die mit einer Fülle von Kommentaren, Daten und Illustrationen ausgestattete CD mit dem Gesamtwerk der mexikanischen Barockdichterin Sor Juana Inés de la Cruz erhielt der in Rosario ansässige kleine Verlag Nueva Hélade, der inzwischen auch E-Books produziert, einen Preis von Microsoft und der Complutense-Universität in Madrid.
Statt eines Stornitages haben wir fast eine Storniwoche. Ich habe das Gedicht von Alfonsina Storni in Prosa übersetzt, so wörtlich wie mir möglich. Dabei habe ich die Hinweise von Àxel Sanjosé berücksichtigt, gar von ihm gefundene Formulierungen eingebaut und meine Fassung nach seinen kritischen Anmerkungen noch einmal überarbeitet. Ich kenne das Gedicht erst seit zwei Tagen und hab es mir schwer erarbeitet. Jetzt steht es in meiner Anthologie. In der Prosa ist immer noch genug Kraft. Ich danke Àxel Sanjosé für die Hilfe, ohne die ich ein starkes Gedicht nicht so genau kennengelernt hätte.
Die Eumeniden von Buenos Aires
Mit dem Wind, der den Müll mitschleppt,
erreichen sie die Vorstadt und gleiten
gelb durch Abflußrohre
und stapeln sich in schwarzen Mündern[1].
Sie bringen Zeichen auf die Mauern
und hängen in den langen Alleen
von den niedrigen Bäumen, wie Spinnen,
und räkeln sich im Moos[2] der Brücke.
Pass auf! In Brachfeldern, auf Flussbänken,
wenn du sie überquerst, verfolgen sie dich im Morgengrauen
und bewegen den Knopf, der dir herabfällt.
Heb das Blech nicht auf! Sie sind geduckt
mit von grauen Augen durchkreuztem Gesicht
und es gibt eine, die durch dein Geschlecht schlüpft.
[1] Öffnungen, Mündungen
[2] auch: Schimmel, Grünspan
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