So friedfertig, wie sie vorgaben, waren viele Gaza-Aktivisten nicht. Die türkische Hilfsorganisation IHH hatte ganz eigene Ziele, schreiben DORIS AKRAP UND PHILIPP GESSLER, taz 1.7.
Auf dem Schiff wurde auch gesungen („wo man singt….“):
Wie der arabische Sender al-Dschasira zeigte, wurde die „Mavi Marmara“ am 23. Mai in Istanbul mit antisemitischen Gesängen verabschiedet. Dabei wurde ein Lied über den jüdischen Ort Chaibar gesungen, der als angeblich letzte jüdisches Oase auf der Arabischen Halbinsel im Jahr 629 von dem Propheten Mohammed erobert wurde. Im Lied heißt es: „Oh Juden, erinnert euch an Chaibar, Chaibar! Die Armee Mohammeds wird zurückkehren!“ Nach einem Video, das israelische Behörden von einem der Gaza-Aktivisten konfisziert haben, wurde dieses Lied auch auf der „Mavi Marmara“ gesungen. Bei Verabschiedung der „Mavi Marmara“ wurden zudem Fahnen der Hamas geschwenkt. Al-Dschasira interviewte eine Aktivistin, die sagte, für sie wäre auch der Märtyrertod ein Erfolg. Ein Video, das die israelische Armee von einem Aktivisten beschlagnahmte, zeigt einen Passagier, der vor dem Entern der „Mavi Marmara“ verkündete, er wünsche sich, als Märtyrer zu sterben.
Das Örtchen Fuente Vaqueros, in dem der Lyriker Federico Garcia Lorca 1898 geboren wurde, liegt etwa 15 Kilometer westlich von Granada. Heute befindet sich dort die „Casa Museo Lorca“, in der man neben Gegenständen aus Lorcas Besitz auch das 1968 von Hans-Jürgen Heise verfasste Gedicht „Fuente Vaqueros“ bestaunen kann – als Dauerexponat.
Den Weg, auf dem es in Lorcas Geburtshaus fand, muss man sich ungefähr so vorstellen. Ein 1930 im pommerschen Bublitz, dem heute polnischen Bobolice geborener Mann aus bescheidenen Verhältnissen, liest, was ihm zwischen die Finger kommt. Nach dem Krieg besucht er regelmäßig die Bibliothek des Berliner Amerikahauses. Ein Versuch, beim Tagesspiegel unterzukommen, für den er heute gelegentlich schreibt, schlägt fehl. 1949, da ist er gerade 19, druckt „Die Neue Zeitung“ erstmals ein Gedicht von ihm. Heise wird Volontär in der Redaktion des Ostberliner „Sonntag“. Im Nachkriegsberlin ist er kurze Zeit später einer der jüngsten Feuilletonjournalisten.
Irgendwann im Lauf seiner Lektüren muss er dann mit den Werken des andalusischen Dichters García Lorca Bekanntschaft geschlossen haben – wie er im deutschen Sprachraum auch immer ein wichtiger Anwalt für andere Schlüsselfiguren der spanischen Moderne wie Rafael Albert wurde. Das Interesse war erwacht, lange bevor er selbst seinen Fuß auf spanischen Boden setzte und, zusammen mit seiner zweiten Frau, der Dichterin Annemarie Zornack, Fuente Vaqueros, Granada und die Gebirgsdörfer Viznar und Alfacar besuchen konnte. 1968 war das, damals ist auch das erwähnte Gedicht entstanden. / Volker Sielaff, Tagesspiegel
Zuletzt erschienen im Verlag Ralf Liebe, Weilerswist: Luftwurzeln. Ausgewählte Gedichte aus sechs Jahrzehnten. 240 Seiten, 20 €. – Ein Sommertag extra. Achtzig Short Cuts. 118 Seiten, 15,45 €. – Federico Garcia Lorca: El canto quiere ser luz / Das Lied will Licht sein. Gedichte zweisprachig. 184 Seiten, 20 €. Außerdem: Brieftauben im Internet. Neue Gedichte. 40 Seiten, 6,90. Verlag im Proberaum, Klingenberg.
Weil sich der Selbstmord Carl Einsteins, eines der wenigen Europäer – denn ein Deutscher war er ja nicht –, die im letzten Jahrhundert interessant über Kunst geschrieben haben, zum 70. Male jährt, erlaubt sich die Frankfurter Rundschau ein wenig Ironie:
„Bei Kurt Tucholsky fand sich eine freche Bemerkung. 1931 zitierte er aus einer Rezension Einsteins – offenbar zu Gedichten Gottfried Benns – einen peinlich pompösen Satz. Dessen einziger Sinn, so Tucholsky, bestehe offenbar darin, auszuloten, was einer Redaktion alles zuzumuten sei. Tucholskys Methode ist fies, aber leider funktioniert sie stets, wie die Blattkritik täglich beweist. In diesem Fall kann man daraus aber einen versöhnlichen Schluss ziehen: Ein Schriftsteller muss kein guter Journalist sein und eine Zeitungskolumne keine Literatur.“
Der Satz, den Tucholsky für unzumutbar und die Rundschau für „peinlich pompös“ hält, lautet:
„Nach den beschreibenden Gedichten der Jugend bemerkt man im Gedicht ‚Karyatide‘ das Eindringen eines stärker dynamisierenden Wortvorgangs; das Motiv schwindet, zerrinnt fast in den zeitflutenden Verben; das zeithaltige funktionsreiche Ich läßt das Motiv vibrieren und aktiviert den Dingzustand im Prozeß; nun lebt das Motiv stärker, doch nur in der Zentrierung in das Ich; die Bedingtheit der Welt durch das lyrische Ich wird gewiesen.“
Er ist Teil einer klar sehenden Kritik.* Aber es geht gar nicht um einen Satz. Tucholsky hatte Einstein und die moderne Kunst schon Jahre zuvor auf dem Kieker. In dem von Einstein und Paul Westheim herausgegebenen „Europa-Almanach“ von 1925, in dem neben vielen anderen Werke von Alexander Blok, Constantin Brancusi, Georges Braque, Bertolt Brecht, Blaise Cendrars, Le Corbusier, Otto Dix, James Ensor, Lionel Feininger, André Gide, Juan Gris, Sergej Jessenin, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Else Lasker-Schüler, Fernand Léger, El Lissitzky, Wladimir Majakowski, Kasimir Malewitsch, Amedeo Modigliani, Benjamin Péret, Pablo Picasso, Pierre Reverdy, Arthur Rimbaud, Erik Satie, Tatlin und Melchior Vischer erschienen sind, wollte Tucholsky einzig und allein ein Berliner Icke-Gedicht („Ick sitze da un esse Klops“) und ein paar Zeichnungen von George Grosz gelten lassen. / STEFAN RIPPLINGER, Jungle World
* C.E., „Gottfried Benns ‚Gesammelte Gedichte‘“ in Die Neue Rundschau, Oktober 1927, S. 446f., erneut in ders., „Werke“, Bd. 2, hg. v. Marion Schmid, Berlin 1981, S. 369-372. Die Besprechung endet mit „Vor Leistung ist Lob töricht; ich stelle meine Bewunderung fest“. Die „Abneigung gegen die teleologische Dynamik des Entwicklungs- und Kausalitätsnepps“ versteht sich aus der Ästhetik des jungen Einstein von selbst, die Bewunderung von Benns „objektentbundenem Subjektivismus“, seinen „zerebralen Halluzinationen” und seiner „autistischen Beschwörung“ wird von Einsteins posthumer Schrift „Die Fabrikation der Fiktionen“ widerrufen. Aber dass er so glasklar diagnostiziert hat, was seiner späteren Kritik verfallen musste, ist nur ein weiterer Beweis für die Stärke seiner Analyse.
MUSIKDAMPFER
Das ist erstaunlich
diese Träume
dies Bild
dies Ende
Gips an den Augenrändern
Sinter, Schaum: Sieben Tage geleichtert die Woche
vor einem herrenlosen Brett
mitten im ultramarinblauen Meer
das in Visionen spielt:
Schmetterlingen wie Bücher
Steinen wie Kreise
Häusern wie Fenster und Türen
wo die Schwedin zu ihrem Deutschen sagt:
Und wieder geht ein schöner Tag…
Und er: Meine Liebe Mon amour
Wo ist der Sinn der nicht Unsinn verbreitet
und hat es Sinn danach zu fragen
Warum eine Woche mit sieben Köpfen aus Gischt, Gips
warum nicht das Meer
warm ist das Meer eine schlechte Vokabel
Mit schäumenden Augenrändern Warum?
Die letzte Pier meiner traumverlorenen Kindheit heißt
Wabern Zennern Fritzlar
Ungedanken Wega
Bad Wildungen Böhne
sinnlos und ohne Zusammenhang
wie sieben Köpfe aus Gips
wie eine Woche auf einem Dampfer aus Musik
im ultramarinblauen…
Dies Bild ist erstaunlich
dies Bild ohne Ende:
Tango ein Käse aus Dänemark
Alice kommt kommt ata-neu
bestimmt für die Sonnenstunden des Lebens
Und soviel wieviel Frauen!
Und eins und zwei mein Freund kommt mit
Euer Sandmann wünscht euch
eine recht gute Nacht!
Diese Dunkel Rote Flamme
Im Zeichen des roten Oktober
trifft die Flamme der Revolution ein
Dies Bild
diese Träume
dies Ende
Wieder ein schöner Tag…
Mon amour
mitten im ultramarinblauen…
die Häuser wie Fenster und Türen
die Steine wie Kreise
die Schmetterlinge wie Bücher
Ultramarin- Ultramarin-
Blaue Kosmische Senkrechtsonde
Aus: Manfred Peter Hein, Ausgewählte Gedichte 1956-1986. Zürich: Ammann-Verlag 1993, S. 66-69.
Zusatz 2010:
Zuletzt erschien:
Manfred Peter Hein: Im Dunkel unter den Brauen. Gedichte aus der Sammlung Weltrandhin. Mit einem Holzschnitt von Hubert Scheibe. Erstveröffentlichung. Meran: Offizin S, 2009 (Lyrik aus der Offizin S, Heft 12)
Hein in L&Poe:
Heute in der Lettrétage
Montag, 5. Juli 2010, 19:30 Uhr, Eintritt 5,-•
Glühende Verse
Matthew Zapruder und Ron Winkler lesen Gedichte und präsentieren die Graphic Novel Der Pyjamaist von Martina Hoffmann
Mit einem freundlichen Augenzwinkern durchstreift der 1967 geborene Matthew Zapruder eine durch die Grausamkeit der Conditio Humana häufig trostlos wirkende Welt. Seine Gedichte sind nie statisch, sie sind auf dem Weg „fortwohin“. Ron Winkler, einer der wichtigsten Vermittler US-amerikanischer Gegenwartsdichtung, hat seine Gedichte übersetzt. Die beiden lesen aus dem bei luxbooks erscheinenden Band ausgewählter Gedichte und präsentieren gemeinsam die auf einem Prosagedicht Zapruders basierende Graphic Novel Der Pyjamaist von Martina Hoffmann.
Matthew Zapruder (*1967) hat bisher die beiden Gedichtbände American Linden (2003) und The Pajamaist (2006) veröffentlicht. Er studierte in Amherst und Berkeley und lehrt heute in Amherst. 2007 wurde er für The Pajamaist mit dem William Carlos Williams Award ausgezeichnet. Er ist Mitgründer und Cheflektor des Independent Verlags Wave Books, der sich auf Lyrik spezialisiert hat, und unter anderem James Tate, Arielle Greenberg und Rachel Zucker verlegt.
Ron Winkler lebt und arbeitet als Lyriker, Übersetzer und Herausgeber in Berlin. Er wurde 1973 in Jena geboren und studierte Gemanistik und Geschichte. Mit seinen Gedichtbänden vereinzelt Passanten (kookbooks, 2004), Fragmentierte Gewässer (Berlin Verlag, 2007) und Frenetische Stille (Berlin Verlag, 2010) sowie durch seine zahlreichen Herausgeberschaften (Schwerkraft, Jung und Jung, 2007; Hermetisch offen, Verlagshaus J. Frank, 2008; Neubuch, yedermann, 2008) hat er sich als einer der wichtigsten Vertreter der jüngeren deutschen Lyrik ausgewiesen und ist mit Jan Wagner einer der bedeutendsten Vermittler zeitgenössischer deutscher und amerikanischer Lyrik. Zu seinen Auszeichnungen gehören der Leonce-und-Lena-Preis (2005) und der Mondseer Lyrikpreis (2006).
Martina Hoffmann lebt und arbeitet als freie Graphikerin und Illustratorin in Berlin. Ihre wundervollen Bilderwelten zieren Magazine, Plakate und Platten-Cover. Seit 2005 kreiiert sie Jahr für Jahr den beliebten Mädchenkalender. Ihr Animationsfilm Lotta und der Zauber in der Nacht ist als Buch mit dazugehöriger DVD bei luxbooks 2008 erschienen.
Hier war gelegentlich von Körpertexten die Rede. Hier ein Zufallsfund, der die Körperteile einer gewissen Minette betrifft, von Kopf bis Leber (zugleich ein Kommentar zur Abstimmung in Bayern gestern, oder wars Polen? Ach!)
Les aventures de Minette Accentiévitch du serbe Vladan Matijevic, premier roman érotique publié chez Les Allusifs en 2007 Mehr
Egger schreibt ganz im Sinne Queneaus und Pastiors, wenn er in seinem neuen und üppig ausgestatteten Buch „Die ganze Zeit” auf 740 Seiten wenig Literatur im herkömmlichen Sinn, dafür aber Übungen zum Gebrauch von Literatur liefert. Es ist der Leser, der wie ein Hauer im Buchbergwerk „elfunddreißig Ichs” und Stabreime aufspüren muss. Es ist harte Arbeit, dieses lesende Stolpern: „Kolosse fiebern und schockern über die holprigen Bodenwellen.”
Musikalischer Rhythmus hilft wieder auf die Beine. „Ich wittere Blut, warmes Fleisch verheißt es. Zum ersten Mal aber tauchten Windgespenster auf, die hier, in üppigen Matten, zu Tausenden die Luft beeggten, Wespen: so langsam steifen die Branten vor.” Als Kommentar steht am Seitenrand: „Harter Regen / und Schneefall, / und der Weg / war klebrig.” Auch das ist Lesestoff für 190258751 Jahre, „die ganze Zeit” eben. / Peter Angerer, tt.com
Oswald Egger. Die ganze Zeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2010. 740 Seiten, 46,10 Euro.
Wilhelm Fink schreibt:
Die Geschichte, der Text, die story, ist immer besser als jede Notiz, als jeder Brief, jeder Essay. In der Erzählung lebt ein Stück Welt, in der story bleibt ein Stück von dir. Proust bemerkte sogar, dass er sich selbst gar nicht mehr unmittelbar erlebte, sondern dass „es“ ihm aus seiner Literatur entgegentrat.
Karl Kraus: Künstler ist einer, der aus einer Lösung ein Rätsel macht. – – Belächelte Realität: Das Wirkliche wirkt ja überhaupt immer leicht aufdringlich. Robert Walser.
Unterbewußtes, Träume: Hellsichtig spürte Jean Paul, dass die Beiligung des Ich an Träumen stärker ist als an Wachuzuständen. Dem Traum-Denken räumt er entscheidende Bedeutung ein. Weg vom Realismus: Die Poesie soll überhaupt nicht den Frühling mühsam aus Scholllen und Stämmen hervorpressen. – – Wirklich ist das Erinnerte: Die Erinnerung erzeugt das wesentlich Wirkliche. Der Traum führt auch zur Kindheit zurück. Alles kann nur von neuem erlebt werden durch die Sensibiltät der Person, die wir damals waren. Schriftsteller sind Kinder und Träumer mit dem magischen Weltbesitz. Poesie als letztes Mundstück: – – Die Sprache ist als Poesie erfunden worden, zusammen und mit den Schritten, den Schwüngen und Sprüngen des Tanzes.
Thomas Mann an der Ostsee: „Ich ließ mich bereden, meine Schreiberei an den Strand zu verlegen. Ich rückte den Sitzkorb nah an den Saum des Wassers, das voll von Badenden war, und so, auf den den Knien kritzelnd, den offenen Horizont vor Augen, der immerfort von Wandelnden überschnitten wurde, mitten unter genießenden Menschen, besucht von nackten Kindern, die nach meinen Bleistiften griffen, ließ ich es geschehen, dass mir aus der Anekdote die Fabel, aus dem Privaten das Ethisch-Symbolische unversehens erwuchs, – während immerfort ein glückliches Staunen darüber mich erfüllte, wie doch das Meer jede menschliche Störung zu absorbieren und in seine geliebte Ungeheuerlichkeit aufzulösen vermag.“
Die Leute, die den Ton angeben, sie wollen uns heiter haben. Aber die Ursachen, heiter und aufgeweckt zu sein, wollen sie uns nicht gestatten. (Robert Walser)
Spiegel verzerren sich, Gesichter verschwimmen, und ganze Welten zerfasern, sobald die Wahrnehmung der Halluzination weicht. Fragil und detailverliebt schildert Marion Poschmann in ihrem neuen Lyrikband „Geistersehen“, wie das Sichtbare in Vorstellung übergeht und die Ränder unserer Wirklichkeit verschwimmen. Wahrheit und Vernunft werden relativ, verblassen im Unkenntlichen. Mal ist es die Autobahnraststätte, ein andermal das Schwimmbecken – all ihre Bilder entführen den Leser in einer geradezu funkelnden und verzaubernden Sprachmelodie vom ursprünglich Gegenständlichen hin zu den Grenzen der Erkenntnis. / Björn Hayer, Die Welt
Marion Poschmann: Geistersehen. Suhrkamp, Berlin. 126 S., 17,80 Euro.
Kulturstaatsminister Bernd Neumann vergab die renommierten Stipendien für Aufenthalte in der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo und Casa Baldi sowie für das Deutsche Studienzentrum in Venedig für das Jahr 2011.
Für einen einjährigen Aufenthalt in der Villa Massimo wählte die Villa Massimo-Jury, die sich zusammensetzt aus Fachleuten der Sparten Bildende Kunst, Architektur, Literatur und Musik (Komposition), als Stipendiaten u.a. aus:
Lutz Seiler, Michendorf, Jan Wagner, Berlin
Für einen dreimonatigen Studienaufenthalt in der Deutschen Akademie Rom Casa Baldi wurden ausgewählt:
Susanne Heinrich, Berlin, Julia Schoch, Potsdam
Weiter wählte die Villa Massimo-Jury auch die Künstlerstipendiaten des Deutschen Studienzentrums in Venedig für einen zweimonatigen Aufenthalt aus:
Thorsten Palzhoff, Berlin, Ron Winkler, Berlin
Mehr: art-in-berlin
Von der Kritik wurde der Berliner Autor, der in Jena Germanistik und Geschichte studiert hat, bisher wenig beachtet, dabei ist er einer der sprachlich kreativsten Jungautoren. Das Tempo, mit dem er scheinbar unvereinbare Begriffe aus Alltag, Naturwissenschaft, digitaler Technik und Naturphilosophie mit einer Vielzahl origineller Wortschöpfungen nahtlos verbindet, verschlägt manchem die Sprache. Wir sind ja so träge. Was der Leser etwa bei Inger Christensen aus Gewohnheit akzeptiert – die „Geheimnis“-Räume, die Allianz von alltäglicher Beobachtung und Sprachphilosophie, das Mit- und Ineinander gegensätzlicher Bedeutungen und Empfindungen – befremdet bei dem 1973 geborenen Ron Winkler. Dabei bewegt sich sein lyrisches Universum doch nur auf der Höhe der Zeit. Nicht minder als Inger Christensens „Alphabet“ bändelt Winkler mit der Mathematik an. Wo die Dänin aber ein ganzes System wie die Fibonacci-Folge in sprachliche Strukturen umzusetzen sucht, schleudert Winkler eine Fülle mathematischer und geometrischer Begriffe durch die Strudel seiner Verse: „Herbst minus zwei Türme“, „Sinusseite der Gegenwart“, „das Doppelte von Digital“. Scheinbar Unvereinbares setzt Winkler hart und unmittelbar nebeneinander.
/ Dorothea von Törne, Die Welt 3.7.
Frenetische Stille.
Von Ron Winkler. Berlin Verlag, Berlin. 96 S., 16,80 Euro.
Einen größeren Gegensatz als den zwischen Ron Winkler und den bedachtsam von Wort zu Wort tastenden Gedichten des 1961 in Karlsruhe geborenen evangelischen Theologen Thomas Weiß kann man sich kaum vorstellen. Gemeinsam ist ihnen nur die Ignoranz durch die Literaturkritik. Natürlich geraten Verse eines praktizierenden Pfarrers aus dem badischen Gaggenau in den Verdacht, reine Verkündigungsliteratur zu sein. Doch von jeglichem Pathos entschlackt und nicht im Geringsten kuschelig nimmt das fünfte Buch des Thomas Weiß Skeptikern den Wind aus den Hohnsegeln. / Dorothea von Törne, Die Welt 3.7.
von weit.
Von Thomas Weiß. Klöpfer & Meyer, Tübingen. 210 S., 18,90 Euro.
Feature von Barbara Felsmann
„Bis heute weiß keiner so richtig, dass Eddi zumindest für dieses halbe Jahrhundert einer der fünf wichtigsten deutschsprachigen Autoren ist“, sagt Katja Lange-Müller über Adolf Endler. In Düsseldorf geboren und aufgewachsen, übersiedelt er 1955 in die DDR und macht sich als Lyriker, Kritiker, Nachdichter, Essayist und Prosaist einen Namen.
Regie: Beate Rosch
Darsteller: Astrid Meyerfeldt, Robert Gallinowski
Ton: Stephen Erickson
Produktion: Deutschlandradio Kultur 2005
Länge: 53’59
Das Geschenk zu seinem 80. Geburtstag am kommenden Dienstag hat sich Hans-Jürgen Heise sicherheitshalber selbst gemacht: Ein Buch mit 80 knappen Prosa-Texten. Ergänzt durch einen schmalen Band mit neuen Gedichten unter dem viel versprechenden Titel „Brieftauben im Internet“. Er schätze dünne Bücher, sagt der Jubilar, und von wenigen Ausnahmen ab gesehen hat er sich in 60 Dichterjahren an diesen Vorsatz gehalten.
Das Ergebnis ist ein Werk von zwar überschaubarem Umfang, aber ohne eine einzige überflüssige Zeile. Von welchem Literaten lässt sich Ähnliches behaupten? /Erich Maletzke, shz.de
Uraufführung von Mathias Monrad Møller „Walkman“ nach einem Text von Bertram Reinecke am 5.07. um 19.00 Uhr an der Musikhochschule Frankfurt
Am Folgetag Vortrag: „Literaturtheorie der Musik und musikalische Poetik“ Gerade für einen Lyriker kann es verführerisch sein, nach der Nachbarkunst zu schielen. Solch ein Blick birgt aber auch Gefahren: Oft erschöpft er sich in zu kurz greifenden Analogien. Eine andere Verführung besteht darin, ein philosophisches Konzept einfach mit Beispielen aus diesem Felde auszutuschen. Im Gegensatz dazu sollen hier nicht Theorien unterbreitet, sondern Konsequenzen aus der eigenen praktischen Arbeit mit Text, Musik und Musikern gezogen werden. Was tun wir beim Verfassen von Texten und Musik wirklich? Was beim Auffassen und Verstehen eines klanglichen Gebildes?
Datum: 6.7.2010, 18h
Gastvortrag von Bertram Reinecke im Rahmen des Kompositionskolloquiums an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt a. M,
Eschersheimer Landstraße 29-39 (U-Bahn Grüneburgweg),
Raum A 205
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