111. Stimme

Das ist wohl der Traum eines jeden unbekannten Poeten: Die eigenen Verse mal von einer allseits bekannten Stimme gesprochen zu hören. Von einer Stimme, die man auch noch blind erkennt. Diesen Traum hat sich der hallesche Dichter Marschel Schöne gerade erfüllt. Dem 34-Jährigen ist nämlich das Kunststück gelungen, mit Rolf Hoppe einen der wenigen wirklich berühmten ostdeutschen Schauspieler für sein CD-Projekt „Frühlingslieder“ zu gewinnen.

Und das ist nicht das einzige Kunststück an der Sache. Die Gedichte selbst sind – jedes für sich – auch eins. Sonst hätte Hoppe ihnen wohl auch kaum seine Stimme geliehen. Wunderbar aus der Zeit gefallen wirkt, was Schöne da zu Papier gebracht hat. / DETLEF FÄRBER UND WENDELIN STEINKÜHLER, Mitteldeutsche Zeitung

(Nun ja, so klingen die Verse: „Der junge Trieb / er fragt nicht was er soll und kann / sprießt unverzagt ins Blau hinein“)

110. Wort

Nur ein Wort:

„Jeder fungierte für die anderen als Lyrik-Polizei“, erinnert sich Ben Harper an die Sessions, die Anfang des Jahres stattfanden. / Hamburger Morgenpost

109. Nur nicht die Poesie

In seinem angestammten Haus in der im damaligen Vatikanstaat gelegenen Stadt Recanti, hoch über der Adria, schrieb der italienische Dichter Giacomo Leopardi, der größte, den sein Land nach Dante hervorgebracht hat, etwas, das sich jeder Lyrikleser einprägen sollte: „Alles seit Homer ist besser geworden, nur nicht die Poesie.“

Der kanadische Kritiker Michael Lista in einem Artikel über die fünf besten Lyrikbände des Jahres, von denen nur eins von einem Kanadier stammt und eins eben die neue Übersetzung Leopardis ist. Hier die Liste:

  • Canti by Giacomo Leopardi, translated by Jonathan Galassi (FSG)
  • Maggot by Paul Muldoon (FSG)
  • Rain by Don Paterson (Faber and Faber)
  • Every Riven Thing by Christian Wiman (FSG)
  • All This Could Be Yours by Joshua Trotter (Biblioasis)


/ National Post 29.12.

 

108. Ernste Themen, hartes Brot

„Die meisten unserer Mitglieder befassen sich mit ernsten Themen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Martin von Arndt aus Markgröningen im Kreis Ludwigsburg. Das ist die baden-württembergische Besonderheit im Unterschied zu den anderen Regionalverbänden des Schriftstellerverbands. Der Schwabe ist wohl ein ernster Mensch, und seine prominentesten ernsten Literaten sind Martin Walser und Rolf Hochhuth, zumindest unter den Lebenden. Der Verband hat 300 Mitglieder, und vielleicht gibt es noch einmal 200 nicht organisierte Schriftsteller in der Gegend. Sie teilen eines: ein hartes Brot. „Man braucht eine ganz, ganz, hohe Frustrationstoleranz, um mit den Absagen von Agenten und Verlagen klarzukommen“, sagt Martin von Arndt. Pro Buch sind es im Schnitt 50. / Stuttgarter Nachrichten

107. Projektiver Vers

Als Charles Olson 1966 von seinem Übersetzer Klaus Reichert im Literarischen Colloquium Berlin vorgestellt wurde, war dies bereits der zweite Versuch einer deutschen Eingemeindung. 15 Jahre vorher hatte nämlich der junge Freiburger Rainer Maria Gerhardt mit dem Amerikaner einen kleinen Briefwechsel unterhalten. Es ging seinerzeit vor allem darum, im Nachkriegsdeutschland die Stichworte der Moderne, einer zeitgenössischen Literatur, aufzunehmen. Und die entscheidende Programmschrift, eben die Theorie des Projektiven Verses, hatte Olson bereits 1950 in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht. / Gerd Schäfer, DLR

106. Gesunde!

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …« Wie stand es damit bei den ersten zehn Jahren des neuen Jahrhunderts? Auch da fehlte es an Zauber nicht. Geblieben ist wenig. Worüber wir uns mehr wundern und sorgen als Hermann Hesse. Aus dessen Gedicht »Stufen« wird zwar gern die Zauber-Zeile zitiert. Doch er beendet sein Gedicht auf einer anderen Note: »Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde/uns neuen Räumen jung entgegen senden,/ des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …/Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!« / Reiner Oschmann, ND 29.12.

105. Meine Anthologie 67: Aqil ´Ali, An Kurt Schwitters

An Kurt Schwitters

„lch frage nach Anna Blume“

 

Anna Blume du, Dichterin, deren Zähne schwarz
geworden sind von den Geheimnissen der Wörter…
Schlamm, der den Saum der Schlafröcke beschmutzte…
Glieder, die am Konfetti der Liebe hängen.

Anne Blume geht gemächlich auf dem Speichel der Leidenschaft umher
und es wiegt sie das Brüllen der Ruhe, das sich die Glieder leckt
Anna Blume kommt… Anna Blume
mit der Feuchtigkeit deiner Klitoris näßt du die Kleider der Jungfraun.
Füge der Schwäche des Herzens den Wohlgeruch der Unzucht hinzu.

Anna Blume
dort ist ein Feld aus Vögeln, das sich mit den Schuppen seiner Überreste vergnügt
Anna Blume.

Aus: Khalid Al-Maaly (Hg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Berlin: Das arabische Buch 2000, S. S. 305
Aqil ´Ali wurde 1949 in Nasseriah (Südirak) geboren, besuchte die Volksschule und arbeitet in seinem Heimatort als Bäcker

104. Doppelagenten

Sabina Kienlechner skizziert in „Sinn und Form“ zunächst die Geschichte der „Aktionsgruppe Banat“, die sich 1972 als widerständiger Dichterkreis formiert hatte, um den Hofdichtern des Ceausescu-Regimes und den Heimatkitsch-Autoren im Banat und Siebenbürgen eine Poetik der radikalen Moderne entgegenzusetzen. Als spiritus rector dieser damals noch sehr jungen Dichter agierte Richard Wagner, der wie seine Kollegen davon träumte, dass die Dichter als „sanfte Guerilleros“ agieren, im Rückgriff auf einen undogmatischen Marxismus. Drei Jahre lang konnte die „Aktionsgruppe Banat“ ihre kritische und experimentelle Poetik entwickeln, bis die Securitate 1975 daran ging, durch Einschüchterungen, Drohungen, Verhaftungen und Spaltungs­versuche die Gruppe zu zerschlagen.

Die zerstörerische Arbeit des Geheimdienstes konnte aber nur Erfolg haben, so kann Kienlechners „Sinn und Form“-Aufsatz belegen, mit Hilfe literarischer Doppelagenten, die ihre eigenen Kollegen ans Messer lieferten. Unter massiver Bespit­zelung hatten vor allem die Dichter Gerhard Ortinau und William Totok zu leiden, die von ihren falschen Freunden denunziert und in die Falle gelockt wurden. Als besonders gefährlich erschien den Securitate-Spitzeln ein Gedicht von Gerhard Ortinau, das sich vordergründig als Sprachspiel über Eigenschaften grammatischer Wortarten maskiert, hinter dem sich dann eine subtile Diagnose der rumänischen Diktatur verbirgt. Ortinaus Gedicht beginnt so:
„ein pronomen ist verhaftet worden / das numerale wird beauftragt die lücke auszufüllen / das substantiv wechselt seinen besitzer / das verb wird mit sach­kenntnis in die falle gelockt / das adverb wird aus der zeitung gestrichen …“ Solche Gedichte genügten, um den ganzen Überwachungsapparat der Securitate in Bewegung zu setzen, der schließlich eine Kampagne gegen Ortinau startete, die fast zur physischen Vernichtung des Dichters führte. Nach seiner Ausreise litt Ortinau jahrelang unter schweren Depressionen, sein Kollege Rolf Bossert, der poetisch begabteste Kopf unter den rumäniendeutschen Dissidenten, nahm sich 1986 das Leben. Sabina Kienlechner scheut sich in ihrem „Sinn und Form“-Aufsatz auch nicht, die literarischen Doppelagenten namentlich zu benennen, die sich nach ihrer Ansicht mit besonderem Übereifer der Securitate andienten. Sie verweist auf den Lyriker Werner Söllner und vor allem auf die Schriftsteller Peter Grosz und Franz Thomas Schleich, die sich offenbar in besonders denunziatorischer Weise als Berichterstatter betätigt haben. / Michael Braun, Zeitschriftenlese Dezember 2010, Poetenladen

Sinn und Form: H. 6/2010  externer Link
Postfach 210250, 10502 Berlin. 146 Seiten, 9 Euro

Außerdem über:

Volltext: 6/2010   externer Link
Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien. 48 S., 2,90 Euro

Park 64
Tile-Wardenberg-Str. 18, 10555 Berlin. 100 Seiten, 7 Euro

BELLA triste. Nr. 28  externer Link
Bahrfeldtstr. 1, 31135 Hildesheim, 96 S., 5,35 Euro

103. Breuers Lese-Jahr 2010

Auch in diesem Jahr veröffentlicht Theo Breuer einen seiner umfang-, kenntnis- und façettenreichen Überblicksessays über sein Lese-Jahr. (Poetenladen). 3 Auszüge:

1

… indem ich in der Antwort Friederike Mayröckers Gedichtbuch dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif benannte, das alle anderen Lyrikbücher des guten Jahrgangs 2009 dermaßen überragt, daß der Peter-Huchel-Preis fast schon wieder zu klein ist für dieses große, lebendige Buch. Ich beglück wünsche alle Menschen, die mehr oder weniger, erkannt und unerkannt an diesem Preis beteiligt sind, zu dieser Ent­scheidung. Nach dem Literaturnobelpreis 2009 für Herta Müller und Atemschaukel sowie dem deutschen Buchpreis 2009 für Kathrin Schmidt und Du stirbst nicht ist dies eine weitere Wahl, die mich beglückt und bei der ich mir in diesen Minuten das Gefühl gestatte, gleichsam mitgewirkt zu haben.

Weitaus wesentlicher ist allerdings der Wunsch:

den hyperbolischen raum
oder das innere des gedichts
erreichen

Silke Peters

  • Friederike Mayröcker, dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif, 356 Seiten, Hardcover mit Schutz umschlag, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009.
  • Herta Müller, Atemschaukel, Roman, 303 Seiten, Hardcover mit Schutz umschlag, Hanser, München 2009.
  • Silke Peters, Parnassia, Gedichte, 42 Seiten, Broschur, Wiecker Bote 22, Greifswald 2009.
  • Kathrin Schmidt, Du stirbst nicht, Roman, 348 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009.

2

Nach etlichen Wochen der eben angedeuteten, im Juni einsetzenden nahezu absoluten Leseunfähigkeit, die mich seit einigen Jahren immer wieder überfällt – da bin ich froh, am Abend eine oder zwei Seiten zu lesen, nachdem ich den ganzen Tag lang um die Bücher herumgeschlichen bin, mich ihnen versucht habe zu nähern und es nicht einmal schaffe, eins in die Hand zu nehmen und zu öffnen – lese ich seit knapp zwei Wochen wieder einigermaßen in der Art, wie ich immer gelesen habe, seit ich lesen kann, ein Buch zieht das nächste unmittelbar nach sich, und so lese ich vor wenigen Tagen mit großer Anteilnahme Ernst Wiecherts Roman Das einfache Leben, nun lese ich, während es draußen wunderbar regnet (die wenigstens Menschen, die ich kenne, mögen den Regen, ich liebe ihn, fühle mich ihm nah, gehe oft in ihn hinein, auch mitten in der Nacht, Anfang Juli blicke ich im Gewitter hinauf in den Himmel, und dort erscheint ein Feuerball, ein Blitz direkt über mir, wie ich ihn noch nie gesehn, der unmittelbare Donner reißt mir beinahe die Füße unterm Körper weg, und ich flüchte um die Hausecke), Friederike Mayröckers ich bin in der Anstalt und bin glücklich, vollkommen nackt in diesem Wörtermeer, in dem ich dann und wann Swantje Lichtenstein begegne, zu schwimmen, in die Wörter hinein zu tauchen, mal mit weit geöffneten Augen, mal mit geschlos senen, und die Wort kaskaden prickeln auf der Haut, so auf Seite 60: Wenn ich nicht verbrenne beim Schreiben eines Gedichtes, ist es kein gutes Gedicht und wird den Leser kalt lassen. Ich lasse mich hierhin und dorthin treiben, von Wellen wegtragen, die wasserklaren Wörter strömen über mich hinweg und durch mich hindurch, und es tobte in mir aber ich konnte es nicht unter drücken und mein herz wallte und mein Blut druck war in die Höhe geschnellt und meine Hand zitterte dasz ich meine Notizen nicht mehr ent ziffern konnte, und die Finger spitzen in der Butterdose und der Suppenlöffel im Honigglas, und die Walze des Kopierapparates griff nicht mehr nach dem eingelegten Papier und die letzten Mai Tage waren kalt und es war 1 kalte Sonne und 1 wütender Wind und 1 Übelkeit hatte mich befallen. Heute ist der 30. August, 8°, es regnet und stürmt, usw., und so muß es, wieder einmal, immer weiter und weiter gehen mit den Wörtern, ich greife nach Mara Genschels Tonbrand Schlaf und finde schon wieder Wörter: Arabesken · Blechgesang · Cello (Cellophan) · [Droste] · Eckzahn · Flatterzunge · Georgewitter · Herzverzerrung · Iro · Johannis beer gezanke · Kornstimme · Luftröhrenast · Murmeln · Nesseln · Osterglockentopf · Presslufthammer-Blau · Quart · Reflexe · Stirngraben · Tonbrand · Und · Vollbart · Windsplitter · Zahnbeats – usw.

  • Mara Genschel, Tonbrand Schlaf, 75 Seiten, Klappbroschur, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2008.
  • Swantje Lichtenstein, Entlang der lebendigen LinieSexophismen. Ein lyrischer Zyklus, 79 Seiten, Passagen Verlag, Wien 2010.
  • Friederike Mayröcker, ich bin in der AnstaltFusznoten zu einem ungeschriebenen Werk. 190 Seiten, Hardcover mit Schutz umschlag, Suhrkamp, Berlin 2010.


3

24 mal 17 mal 4,6 cm: Maße, die bibelähnlichen Charakter haben. Ein großzügig wirkendes, sehr schönes, in apfelsinenfarbenes Leinen (in das ein maschen draht­ähn liches Bild, in dessen Mitte vier auf einander gerichtete Pfeile zueinander finden, grün imprägniert ist) gehülltes und mit grünen Lesebändchen versehenes Buch ist Oswald Eggers Die ganze Zeit, das die einen als Lyrikband, die anderen als Roman bezeichnen. Wie so oft liegt bei polarisierenden Phänomenen die Wahrheit, die es nicht gibt, im luftleeren Raum dazwischen. Denn Die ganze Zeit ist, naturgemäß, weder das eine noch das andere. Die ganze Zeit ist ein Unikatbuch, ein Künst­lerbuch gleichsam, das sich jeder gattungsspezifischen Einordnung entzieht.
Nun ist es eine Sache, ein Buch als Objekt über den grünen Klee zu loben, eine andere, das Buch auch tatsächlich zu lesen. Viele Bücher, die ins Haus kommen, lese ich umgehend, die aktuelle Lektüre dafür auch gelegentlich hintanstellend. Das ist bei Die ganze Zeit ein wenig anders.
Natürlich packe ich das Buch rasch aus, erfreue mich sogleich an der Gestaltung, wiege es in der Hand, in der das leinengebundene Werk trotz seines Umfangs angenehm leicht liegt, und lese unverzüglich die ersten Seiten, die sogleich eine Überraschung darstellen. Das erste Wort: BEKENNTNISSE. Und tatsächlich, die spontane Vermutung trifft zu: Hier stehen neue Übertragungen der CONFESSIONES des Augustinus, dessen eine – eingebrannt wie ein Tattoo – mich lebenslang begleitet, seit ich sie von frühester Kindheit an während jeder Messe vom katholischen Dorfpfarrer in Bürvenich gesprochen hörte: Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir, o Herr. / Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te, Domine, unpaginiert und im Wechsel mit ringförmigen Zeichnungen des Autors über ein Dutzend Seiten das voluminöse Buch einleitend – und mit einer Seite Boethius am Ende das über 700 Seiten starke, auf vier Säulen – Zeichnung, Übertragung, Blocksatz-Gedicht in lyrischer Prosa, die von vielen Vierzeilern (in nihilum albumfinden sich 3.650 von diesen Ameisengedichten) eingerahmt werden, die am Ende von Kapiteln die Herrschaft über eine ganze Seite übernehmen – stehende Werk beschließend. Anschließend lese ich den Klappentext:

Was tue ich eigentlich die ganze Zeit, während ich denke, dass ich spreche? Soll (will und kann) ich die Dinge mit den Augen derer sehen, die sie selber nicht mehr sehen oder noch nicht? Die elfunddreißig Ichs, welche in Oswald Eggers lyrischem Roman wie augenblicklich umgehende Schelmwesen toben, verflüchtigen sich in etwas, was seit Augustinus die ganze Zeit verheißt: Aufmerksamkeit, Erwartung und Erinnerung in einem. Die Jetzt-Sätze der Erzählung springen feixend ineinander: Gnome, Habergeißen und anderes Wolkengetier erringen fabelhaftes Eigenleben und hüpfen von der Maskenbühne tolldreist ins Parterre der Ungereimtheit. Sie führen dort ungeheure, verblichene, oft schroffe Szenerien einer bald abenteuerlichen, bald wilden Jagd nach Vergeblichem auf, wobei gilt: Zeit ist Welt.

Auf den Baustein Die ganze Zeit wollte ich, wie schon auf Tag und Nacht sind zwei Jahre, im Gebäude der Büchersammlung um keinen Preis mehr verzichten.

Mein Leben
War eine Feuer-
Lilie, die
auf Heu blüht.

In einer späten Septembernacht beginne ich die Lektüre. Im Nu spüre ich die Wörter in der Brust pochen (geht das überhaupt?), fühle einen pulsie renden Druck, und ich sage nach einigen Seiten laut vor mich hin: Wahnsinn, das ist der helle Wahnsinn, und lese weiter und weiter und weiter.

  • Oswald Egger, Die ganze Zeit, 741 Seiten, Leinen, Lesebändchen, Suhrkamp, Berlin 2010.
  • Oswald Egger, nihilum albumLieder & Gedichte, 150 Seiten, Hardcover mit Schutz­umschlag, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.
  • Oswald Egger, Tag und Nacht sind zwei JahreKalendergedichte, 36 Seiten, handfadengebundene Broschur, Verlag Ulrich Keicher, Leonberg 2007.


102. „Lyrik-Bibel“

„Nächtliches Schreiben führt in Lyrik-Bibel“, titelt die Lokalseite Lengerich, Kreis Steinfurt, der Münsterländischen Volkszeitung:

Diese „Liebe“ wird wohl die Zeiten überdauern. [N.N.] hat gewollt, dass es jeder erfährt. Insgeheim hat die 23-Jährige befürchtet, dass ihre „Liebe“ nicht gut genug ist. Doch die Fachwelt hat entschieden – und für die Arzthelferin ist ein Traum in Erfüllung gegangen: Ihr Gedicht ist in das legendäre „Frankfurter Bibliothek Jahrbuch für das neue Gedicht“ aufgenommen worden.

Mit Verlaub, wenn Journalismus darin besteht, schlecht recherchiert über Sachen zu schreiben, von denen man nichts versteht, ist das ein Musterbeispiel von Journalismus.

„Lyrik-Bibel“: wenn man das Format meint, stimmt es ja. Und Fachwelt, nunja: vielleicht hatte die junge Frau mehr Recht mit ihrem Selbstzweifel. Die Herausgeber jener „legendären“ Anthologien lassen so viele schlechte, oft unfreiwillig komische Texte in ihr dickes Buch, die sind vielleicht Fachleute für Verkaufen, aber gewiß nicht für Lyrik. Kein Lektor, kein Kritiker wird diese Bücher lesen, und wer weiterschreibt und sich vielleicht trotz verfrühtem falschem Lob weiterentwickelt und ein Manuskript bei einem Verlag oder einer Zeitschrift einreicht, sollte nicht erwähnen, daß er „sogar schon in die ‚Nationalbibliothek‘ oder wie das heißt, oder die ‚Frankfurter Bibliothek'“ aufgenommen wurde. Erwähnen Sie das auf keinen Fall, es führt unweigerlich dazu, daß die Sendung ohne weitere Prüfung im Orkus landet. Nur die Verwandtschaft und die lokale Presse kann man damit beeindrucken.

Soweit so gut oder schlecht. (Denn schlecht, böse ist es schon, daß Schreibende durch falsches Lob verführt werden. Jeder hat das Recht auf Kritik, wie sonst sollte man lernen?) Kriminell in meinen Augen aber wird die Fortsetzung der Geschichte:

Dieses Buch möchte sie veröffentlichen, sucht zurzeit einen Verlag, der es drucken will. „Die Sichtungsphase läuft noch“, beschreibt sie den aktuellen Stand der Dinge. Selbst bei erfolgreichem Abschluss muss sie in Vorleistung treten. „Als Autorin müsste ich die erste Auflage finanzieren“, hat sie ermittelt. Der Betrag: rund 10 000 Euro.

Wer sagt der jungen Frau, daß sie nicht auf diese Geschäftemacher hereinfallen soll? Nie, in keinem einzigen Fall ist so etwas seriös. Niemals führt von da ein Weg in die Literatur. Ich verstehe nicht, daß zwar jemand, der einer Oma ein Abonnement verkauft, von der Polizei verfolgt wird, was ja richtig ist, aber wer einem hoffnungsvollen Adepten 5.000 oder 10.000 Euro entlockt, damit durchkommt.*)

Vgl. https://lyrikzeitung.com/tag/frankfurter-bibliothek/

*) Es gibt durchaus Möglichkeiten, selbstgeschriebene Bücher über „Book on demand“ zu drucken – für einen Bruchteil der Kosten und mit mindestens dem gleichen Erfolg!

101. Minze Minze / flaumiran / Schpektrum

Die Verse ‚Minze Minze / flaumiran / Schpektrum‘ aus Oskar Pastiors Gedichtband ‚Der krimgotische Fächer‘ von 1978 waren Herta Müller schon in den Jahren ihrer Arbeit als Übersetzerin technischer Bedienungsanleitungen in einer rumänischen Maschinenfabrik vertraut. Sie zog das Büchlein immer dann aus ihrer Schreibtischschublade, wenn sie in schwierigen Situationen einen Halt suchte, ‚zum Aufatmen und wieder Anfangen‘. Den fand sie in jener magischen, die immunisierende Kraft der Minze beschwörenden Formel, deren Vers sie sich mit ‚… bau mir ein / Spektrum… also: eine Perspektive, einen Ausweg‘ übersetzte. Was ihr der Zauberspruch bedeutete, schilderte Herta Müller aus Anlass des siebzigsten Geburtstags ihres Dichterfreundes. Mit ihm teilte sie auch das Schicksal, den bedrückenden Verhältnissen ihrer rumänischen Heimatprovinzen Banat und Siebenbürgen entkommen zu sein. / VOLKER BREIDECKER, SZ 21.12.

Minze Minze flaumiran Schpektrum. Herta Müller und Oskar Pastior. Literaturhaus Stuttgart bis 31. März 2011. Info: 0711-220 217 3.

100. Thien Tran (31) gestorben

 

Mitteilung des Verlagshauses J. Frank

Am 16. Dezember 2010 ist der Autor Thien Tran in Paris verstorben.

Wir trauern um einen Autoren, der dabei war, sich einen Namen in der Literaturwelt zu machen. Gemeinsam mit den Autoren, die sich ihm verbunden fühlten, möchten wir seiner Familie unser Mitgefühl ausdrücken.

Thien Tran wurde 1979 in Ho Chi Minh-Stadt in Südvietnam geboren und lebte seit 1982 in Deutschland. Nach dem Abitur studierte er Germanistik, Philosophie und klassische Literaturwissenschaft in Köln. 2008 gewann er den Open Mike-Wettbewerb; 2009 erhielt er das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln. Im Sommer 2010 wurde ihm das Aufenthaltsstipendium des Literarischen Kolloquiums Berlin zugesprochen.
Thien Trans Gedichte sind in vielen Zeitschriften veröffentlicht worden. 2009 erschien sein Lyrikdebüt „fieldings“ im Verlagshaus J. Frank | Berlin.

Thien Tran wurde 31 Jahre alt.

 

In L&Poe

Thien Tran Gedichte ONE POEM FOR TWO INTELLIGENT MAN on fluxus 

Dateiformat: PDF/Adobe Acrobat – Schnellansicht
Thien Tran. Gedichte. ONE POEM. FOR TWO INTELLIGENT MAN

Three poems engl./dt.

Poetenladen

Bio/Biblio

Lyrikmail

luxbooks

literaturport.de

99. American Life in Poetry: Column 301

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Some of us are fortunate to find companions among the other creatures, and in this poem by T. Alan Broughton of Vermont, we sense a kind of friendship without dependency between our species and another.

Great Blue Heron

I drive past him each day in the swamp where he stands
on one leg, hunched as if dreaming of his own form
the surface reflects. Often I nearly forget to turn left,
buy fish and wine, be home in time to cook and chill.
Today the bird stays with me, as if I am moving through
the heron’s dream to share his sky or water—places
he will rise into on slow flapping wings or where
his long bill darts to catch unwary frogs. I’ve seen
his slate blue feathers lift him as dangling legs
fold back, I’ve seen him fly through the dying sun
and out again, entering night, entering my own sleep.
I only know this bird by a name we’ve wrapped him in,
and when I stand on my porch, fish in the broiler,
wine glass sweating against my palm, glint of sailboats
tacking home on dusky water, I try to imagine him
slowly descending to his nest, wise as he was
or ever will be, filling each moment with that moment’s
act or silence, and the evening folds itself around me.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by T. Alan Broughton from his most recent book of poetry, A World Remembered, Carnegie Mellon University Press, 2010. Reprinted by permission of T. Alan Broughton and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

 

98. Junge Lyrik

Jochen Kelter hat zwei Gedichtbände gelesen, und da die Autoren „jung“ sind, sind ihre Gedichte vielleicht nicht zuende gegart oder -goren? Letzteres behauptet die Überschrift des Südkurier: „Junge Lyriker, unausgegorene Gedichte“. Vielleicht liegts auch nicht (nur) am Alter, sondern an der Manier „jüngerer deutscher Lyrik“, die, hier urteilt das südbadische Blatt anders als die Kritiker der großstädtischen Blätter, „zur Diskreditierung der Lyrik beim Publikum beigetragen“ habe. So schreibt er über Roman Graf (32):

Mag sein, dass der Autor, ganz in der Tradition jüngerer deutscher Lyrik, den artistischen Anspruch so hoch schraubt, dass darüber die Verständlichkeit der Poeme, ihre Nachvollziehbarkeit für den Leser, die Leserin auf der Strecke bleiben. Diese neue Innerlichkeit, die den Leser als zu vernachlässigende Größe behandelt, hat neben anderen Faktoren zur Diskreditierung der Lyrik beim Publikum beigetragen.

Auch die sieben Stücke des Kapitels „Sappho – Labor“, die sich als Nachdichtungen der antiken Poetin verstehen, erschließen sich kaum. Parallelen finden sich allenfalls in der Fragmentierung der Gedichte, die im Fall der Sappho allerdings nicht gewollt ist, und in vokabularischen Anspielungen wie „Mond u. Plejaden“. Wenn der Kritiker der „Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag“ befindet, Graf verstehe sich „auf die Umsetzung kleinster Wahrnehmungen in eine dichte, poetische Sprache“, so soll das immerhin erwähnt sein. Gleichwohl bleibt mir der Eindruck, ein völlig anderes Buch in den Händen gehabt zu haben.

Sascha Garzetti: „Vom Heranwachsen der Sterne“. Wolfbach Verlag, Zürich. Preis?! (sic!)

Roman Graf: „Zur Irrfahrt verführt“. Limmat Verlag, Zürich, 87 Seiten, SFR 26,50

97. Es kommen härtere Tage

Ingeborg Bachmann veröffentlichte 1953 ein Gedicht, dessen erste Zeile lakonisch verkündet: „Es kommen härtere Tage“. Das Inferno des Krieges lag acht Jahre zurück. Im März ’53 starb Stalin. Am 17.Juni erhoben sich die Arbeiter gegen die DDR-Diktatur. In Korea herrschte ein fragiler Waffenstillstand. Im August ließ die Sowjetunion eine erste Wasserstoffbombe testen. Der Kalte Krieg tobte. Die Unsicherheit im frei gebliebenen Westeuropa war groß.

In diesem Aggregatzustand der Nachkriegsgesellschaft beendete Bachmann die erste Strophe ihres Gedichts mit den Zeilen: „Dein Blick spurt im Nebel: / die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont.“

Auch heute ist unter der Oberfläche des Business as usual die Unsicherheit mit Händen zu greifen. / Paul Schulmeister, Die Presse