96. Pomerania non cantat,

Pommern singt nicht, sagte man. Als das romantische Deutschland sang, malten die Pommern, schrieb der Pommernflüchtling Hans Werner Richter.

Bei pomlit finden Sie ein gutes Gedicht des pommerschen Malers Philipp Otto Runge, einen Text von Walter G. Goes über Kurt Tucholsky und eine Einführung in das essayistische Werk der in Vorpommern lebenden Künstlerin und Autorin Angelika Janz.

95. Ibadan

John Pepper Clark ist ein führender nigerianischer Lyriker, Dramatiker, Essayist und Erzähler. Er ist auch bekannt für seinen philosophischen Essay „Das Beispiel Shakespeares“ und seinen vehementen Einspruch gegen den Rassismus in seinem Buch „Amerika ihr Amerika“. Er lebt zurückgezogen und engagiert sich für die Allgemeinheit, ein Rebell, der die harte Wahrheit verficht, indem er sie hinter harmlosen Anspielungen und ködernden Metaphern verbirgt. Seine poetische Schlichtheit ist nur eine Camouflage der brutalen Wahrheit.

In Clarks poetischer Welt lebt der Mensch nicht in romantischer, idyllischer Isolation. Er befindet sich in der Natur, die für ihn zugleich seine (morbide) Physiologie und Umwelt ist. Sein Gedicht „Ibadan“ zum Beispiel handelt zuerst von der Schönheit einer demokratischen Landschaft, wo Moderne und Antike in Nachbarschaft leben, Verfall und Erneuerung Schulter an Schulter existieren; wo die Reichen und die Armen miteinander kuscheln, Rost und Gold.

Musa Idris Okpanachi, allafrica.com

Musa Idris Okpanachi, Ph.D. is a poet and senior Lecturer, at the English Linguistics at the Department of English, University of Maiduguri .

94. General und Dichter

William Haines Lytle, Anwalt, Dichter, General im amerikanischen Bürgerkrieg, fiel 1866 in der Schlacht bei Chickamauga. Er war einer der bekanntesten Dichter des Landes zu einer Zeit, als die Dichtung populär war und die meisten Amerikaner Gedichte lasen und auswendig lernten. Viele konnten sein bekanntestes Gedicht, „Antonius und Cleopatra“, mit ironischen Anspielungen auf einen im Gefecht getöteten Soldaten, aufsagen. Auch die Konföderierten schätzten den Dichter und bewachten den Leichnam, bis er von Unionssoldaten abgeholt wurde. / cincinnati.com

Letzte Strophe von „Antony and Cleopatra „:

I am dying, Egypt, dying!
Hark! the insulting foeman’s cry;
They are coming—quick, my falchion!
Let me front them ere I die.
Ah, no more amid the battle 45
Shall my heart exulting swell;
Isis and Osiris guard thee—
Cleopatra—Rome—farewell!

 

93. Republik des Buches

Dass es eigentlich nicht gut um die Kultur des Lesens in dem Land steht, das vier Nobelpreisträger für Literatur hervorgebracht hat, ergab eine Umfrage: Demnach haben nur 38 Prozent der Polen, die älter als 15 Jahre sind, im vergangenen Jahr ein Buch gelesen. Die Hauptstadt gab nun ein Pilotprojekt mit dem Namen ‚Republik des Buches‘ bekannt: Aus den verstaubten Bibliotheken sollen Orte der Begegnung werden, die auch für junge Leute interessant sind. / THOMAS URBAN, Süddeutsche Zeitung 11.12.

 

92. Rosen

Die späten Rosen welkten noch nicht ganz, und überhaupt erfrieren sie eher. Diese, Heiligabend fotografierten, stehen seit 5 Stunden vor dem Wintereinbruch im November auf meinem Tisch - aus dem Vorgarten gerettet.

91. Meine Anthologie 66: Mubarak Wassat, Das Morgengrauen bricht an

Das Morgengrauen bricht an 

Endlich bricht verwundet das Morgengrauen an, nachdem es seine Flügel aus den Ketten des Mythos befreit hat. In dieser Zeit fließt tiefrot die Freude aus unseren Nasen, die uns nicht mehr erkennen.
Wir sind nicht die einzigen Ratlosen!

 

Aus: Khalid Al-Maaly (Hg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Berlin: Das arabische Buch 2000, S. 373.
Mubarak Wassat wurde 1954 in Marokko geboren. Er arbeitet als Lehrer und Übersetzer (u.a. Mallarmé und Breton).

90. Lyrieeleison

Wenn Gedichte nicht besprochen werden, muß man es selbst machen. Klaus Grunenberg (wenn ich die Verwandtschaftsbeziehungen richtig interpretiere) tut das, bzw. läßt es die Kritiker Ed Moercke und Mark Beil-Ritzi tun. Am Heiligabend schon zum 100. Mal. Moercke beginnt so:

Wieder so ein Gedicht, wo wir meinen, einiges zu verstehen. Und trotzdem, wenn ein Bild dabei wäre, könnten wir mehr erkennen. Hier nun ist ein Bild vorhanden. Es zeigt einen einsamen Judenfriedhof und sogleich erkennen wir die Zusammenhänge im Gedicht besser.

 

89. Arnstadts Dichter

1

Völlig irritiert nahm Ludwig Bechstein 1821 sein erstes Honorar als Lyriker entgegen. Während seiner Apothekerlehre in Arnstadt hatte er erste literarische Versuche unternommen und auch drei Gedichte an die „D’olzische Jugendzeitung“ geschickt, aber keineswegs mit einem Obulus für die Veröffentlichung gerechnet. Kurz darauf erschien sein erstes Buch, „Thüringische Volksmährchen“, und obwohl Bechstein in den folgenden Jahrzehnten weiterhin viele Gedichte, Romane und Erzählungen veröffentlichte, verbinden wir seinen Namen heute doch zuallererst mit den großen Sagen- und Märchensammlungen.

2

Als sich ein Gehörleiden verschlimmert, wendet sie sich verstärkt der Lyrik zu und beschließt mit ihrer Rückkehr nach Arnstadt, Schriftstellerin zu werden. Unter dem Pseudonym „Marlitt“ veröffentlicht sie 13 Romane und wird zur gefragtesten Autorin der Zeitschrift „Gartenlaube“.

3

Große Beliebtheit genoss auch der Theologe, Philologe und Pädagoge Wilhelm Hey (1789-1854), der 1932 als Superintendent nach Ichtershausen bei Arnstadt berufen wurde. Aus seiner Feder stammen die Kinderlieder „Weißt du, wieviel Sterne stehen“ und „Alle Jahre wieder“, und er gilt, neben Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Friedrich Güll, als Begründer des Genres.

/ Franziska Nössig, Ostthüringer Zeitung 23.12.

Da Weihnachten ist, hier noch ein Gedicht der Marlitt:

Eugenie Marlitt

Schneesturm.

Droben schwarze Wolken jagen
Pfeilgeschwind,
Seine schaurig wilden Klagen
Stöhnt der Wind.
Durch verfall’ner Mauer Spalten
Wirbelt Schnee,
Wie von finst’rer Macht gehalten
Starrt der See.
Und kein goldnes Sterngewimmel
Leuchtet mild,
Wie verschlossen dräut der Himmel
Schwarz und wild…
Da zerreißt der Sturm die mächt’ge
Wolkenschicht
Und ein lichter Stern das nächt’ge
Graus durchbricht!
Strahl ins Herz mir, gold’ner Schimmer,
Lind und sacht. –
Seine Sterne leuchten immer –
Drin ist Nacht!

88. Verschlüsselte Liebeserklärung

„Klage der Ceres“ sei die Antwort auf Goethes „Alexis und Dora“ gewesen, ein Poem, das als Liebesgedicht an Schiller gelesen wird.

Die Autorin benutzt den Begriff der Erlebnisdichtung wieder völlig unbefangen und kann sich dafür auf Goethes Selbstverständnis als Lyriker berufen. Vor zwanzig Jahren, auf dem Höhepunkt der postrukturalistischen Intertextualitätsdebatte, wäre sie damit auf wenig Verständnis bei den germanistischen Kollegen gestoßen, inzwischen jedoch hat sich die Einstellung zur biografischen Forschung mit ihrer Konturierung von Erlebnishintergründen wieder entspannt. Goethe habe mit seinem Gedicht „Nähe des Geliebten“ Schiller (und keineswegs einer Frau aus seinem Bekanntenkreis) seine Verehrung signalisieren wollen. Da stehen die bekannten Zeilen, die man früher nicht mit Schiller in Verbindung gebracht hat: „Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,/ Du bist mir nah!“ Nach außen hin hätten die beiden Autoren Distanz gewahrt, sich auch im – für die Nachwelt bestimmten – Briefwechsel zu keinen Gefühlsergüssen hinreißen lassen, doch in der Tarnungssprache der Lyrik sei es ihnen gelungen, verschlüsselte Botschaften der Freundschaft und Liebe zu übermitteln. / Paul Michael Lützeler, Die Welt

Katharina Mommsen: Kein Rettungsmittel als die Liebe. Schillers und Goethes Bündnis im Spiegel ihrer Dichtungen. Wallstein, Göttingen. 379 S., 28 Euro.

87. Glücksfall

Wie kaum ein zweiter Lyriker der Gegenwart kommt Wagner einem Ideal von Dichtung nahe, nach welchem Gehalt sich nicht diskursiv durch das Wort vermittelt, sondern evokativ in und mit dem Wort.

Ein Glücksfall sind Wagners Gedichte aber auch darin, dass diese Lyrik sich nicht im Elfenbeinturm von Dichtung als in sich kreisender, selbstgenügsamer Formübung einschließt – sowenig wie im Palastbau preziös verrätselter Innerlichkeit wie so häufig in zeitgenössischer Lyrik. Mit allen Sinnen öffnet die seine sich zur Welt. So nah bei den Dingen, so gesättigt mit Wirklichkeit ist Lyrik selten – ohne dass diese Gedichte sich in Formfragen auch nur im Geringsten etwas vergäben, im Gegenteil: Der Versvirtuose Jan Wagner ist ein Formkünstler erster Güte. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 24.12.

Jan Wagner: Australien. Gedichte, Berlin Verlag, Berlin 2010, 106 Seiten, 18 Euro.

86. Versöhnlich

Diese Lyrik ist auf Verständnis aus – und im Grundton versöhnlich. Ungezwungen reimt Fels, Jg. 1946, Herz auf Schmerz, beschwört die Liebe, ruft Gott und die Engel an und freut sich über das Leben. / Kirstin Breitenfellner, Falter 22.12.

Egal wo das Ende der Welt liegt
Ludwig Fels
2010 | Jung und Jung, Salzburg
136 Seiten
EUR 20,00

85. Uljana Wolf auswärts

Uljana Wolf las zusammen mit den Autoren Maggie Nelson, Guy Bennett and Stephen Motika aus Los Angeles in der Villa Aurora in Venice/ Cal. in einer Veranstaltungsserie, die lokale Autoren und Musiker mit internationaler und Avantgardekunst vereint. Uljana Wolf war im Herbst Poet in Residence im Haus. Ihr jüngster Gedichtband  Falsche Freunde erscheint 2011 bei der Ugly Duckling Press unter dem Titel DICHTionary (Übersetzung Susan Bernofsky). / Goetheinstitut New York

 

84. Meine Anthologie 65: Silke Peters, Warten auf Hornissen

Warten auf Hornissen

(Tonabnehmer über dem Hirn)Ich mache mal wieder nichts. Die Fliegen sind da, es ist Sommer. Eigenartig, sie machen keine Töne. Sie fliegen unter der Lampe. Immer wieder stoßen zwei scheinbar zusammen, dann erweitert sich der Raum um weniges. Er ist ein Zylinder, tiefer als breit. Meine Nachbarin wird dreißig, übermorgen, sie ist gereizt. Sie hat Fliegengitter angebracht, und dabei die Fliegen eingesperrt. Wie lange leben Fliegen, sind ja keine Eintagsfliegen. Und sich dabei verletzt. Ich warte auf die Hornissen von gegenüber, die sind laut. Die verfliegen sich nachts mit einem Ton: urrr, so verfliegen die sich, daß ich immer an einen Besuch denken muß. Wenn ich davon meiner Nachbarin erzähle, macht die auch urr, durch den ganzen Körper geht der Ton, und dann schaut sie mich an wie ein unanständiges Präparat in einer Sammlung. Die Merian hätte sie auch mit diesem Ton angeschaut, denke ich mir. Urrgeziefer.  Aber die Hornissen gehören bestimmt nicht zu den Fliegen und Mücken, die sind so einzeln. Mein Großvater sagte: sieben erlegen ein Pferd. Um die Fliegen zu beobachten, darf ich mich nicht bewegen, da bin ich ein bewegungsloses Beobachtungsschiff. Manchmal bringe ich sie mit einem Gedanken an einen Fliegenfänger in Unordnung, auch ein Zylinder, ein Fangzylinder im Bewegungszylinder. Einmal habe ich einen Indianer gefragt, ob diese Fangmethode nicht grausam sei. Er fand nichts dabei. Besser als sie in einer geputzten Wohnung verhungern zu lassen. Jetzt umkreisen sie diesen imaginären Zylinder, oder umgekehrt, ich habs durcheinander gebracht. Und kann nur noch auf die Hornissen warten. Ihr alten Hornnasen, hoffentlich ist euch nichts passiert. Die alte Mauer steht noch. Die daneben ist abgerissen, Grundstücksgrenzbereinigung. Ach ja, es ist Sommer, fast hätte ich vergessen dies zu bekräftigen.

Für Dagmar zum Geburtstag, die sich mal ein Gedicht gewünscht hat, in dem sie vorkommt. Jetzt wird sie sich ärgern, und sagen so hätte sie sich das nicht gedacht…
Ich auch nicht und Danke fürs Korrekturlesen

83. H.-C.-Artmann-Preis für Erwin Einzinger

Der österreichische Schriftsteller Erwin Einzinger erhält den H.-C.-Artmann-Preis 2010. Einzingers Gedichte würden durch die Vielfalt der Töne, ihren Witz und die Breite ihrer Themen bestechen , urteilte die Jury. Die von der Stadt Wien im Zweijahresrhythmus vergebene Auszeichnung für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Lyrik ist mit 10 000 Euro dotiert. / NZZ 20.12.

82. Gehirntraining

Das Gehirn ist wie ein Muskel. Es bleibt nur fit, wenn man es beständig trainiert. Wichtig ist allerdings, dass man etwas Sinnvolles lernt – etwas, das einen erfüllt. Auch sollte man sich nicht zu hohe Ziele stecken. Denn Erfolgserlebnisse sind für den Lernprozess von grosser Bedeutung. Ich selber begeistere mich für Poesie und lerne daher Gedichte auswendig. Gedichte haben den grossen Vorteil, dass sie zentrale Menschheitsereignisse wiedergeben: Trauer, Freude, Tod, Lust und Liebe sind Themen, mit denen sich viele Dichter beschäftigt haben. Wenn ich ein Gedicht spreche, kann ich mich auf jemanden beziehen, der die gleichen Erlebnisse hatte wie ich. Das Gedicht war eine ungeheure Erfindung. Bevor es die grossen Schriften gab, wurde das ganze Menschheitswissen in gebundener Sprache überliefert.

/ Der Hirnforscher Ernst Pöppel, NZZ 18.12.