Christoph Meckel
Höllen zählen
Er hat aufgehört, seine Höllen zu zählen
seit immer andere sich auftun, die vorhandenen
ihn durchbuchstabieren und flammen auf.
Keine Geduld zu forschen, und was in ihnen
oo verschwand, zu beschwören oder zu suchen.
Kein Rückruf. Er sucht nicht. Was verschwand
soll unauffindbar sein. Solang ein Schmerz ihn
dreht und wendet, ist nicht Zeit für
oooooooooooooooooooooo Forschung, Sprache.
aus: Christoph Meckel: Gottgewimmer. Gedichte. Hanser 2010, S. 27
Das wahre schöne Eine? Das sofort als solches ermessbare unermesslich reichhaltige Buch, zentrales Zirkulat unter periphereren Bänden? Das poetische Über-Du des letzten Jahres? Die Monstranz, die sowohl den Fatalisten befriedigt als auch den Schwirrformensemantiker? Die die Gier des Ironiker stillt, wie auch den an der Einheit von Klangschönheit und Gedankenwundersamkeiten sich stillenden Romantiker erleuchtet? Gibt es das?
Gibt es das irgendwie? Den Band, den man liest und sagt: ich brauch keinen andren nicht? Den Volker Braun Christensen Falb, den rinckschen Jeffrey McDaniel? Einen Paulus Böhmer in der Manier Jan Wagners?
Wohin trägt einen so eine papenfüßige Frage? / Leicht variiert aus einer Antwort Ron Winklers auf eine Frage von lyrikkritik.de
Eine arabische Dichterin zu sein ist eine „unmögliche“ Identität, man kann sich nicht daran festhalten. Warum? Ganz einfach: Über das oben Erwähnte hinaus ist meinesgleichen mit katastrophalen Leserzahlen geschlagen. Ich lasse die Zahlen im Folgenden für sich selbst sprechen.
Aktuellen Umfragen zufolge lebe ich in einer Weltgegend, in der weniger als 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung von 270 Millionen Menschen überhaupt lesen; einer Weltgegend, in der von diesen zutiefst deprimierenden, schäbigen 0,1 Prozent schlappe 40 Prozent überhaupt Bücher lesen; ich lebe in einer Weltgegend schließlich, in der nur neun Prozent von diesen 40 Prozent der vorgenannten 0,1 Prozent überhaupt Gedichte lesen …
Wollen Sie mitrechnen? Meinen zwar bescheidenen, aber doch einigermaßen zuverlässigen Rechenkünsten zufolge macht das, alles in allem, 9720 Menschen, die überhaupt Gedichte lesen – und das in dieser großen arabischen Welt, die sich rühmt (rühmt!), mehr als 20 000 Dichter zu ihren Einwohnern zu zählen. Was, wenn nicht das, wäre eine Ironie? Und hier noch ein paar mehr fatale Zahlen: „Jeder Araber liest im Jahr eine Viertelseite.“ „Weltweit ist nur eines von 53 verkauften Büchern ein Gedichtband.“ „Es sind in der Regel vor allem alte Leute, die Gedichte lesen.“ / Joumana Haddad, Die Welt
Charles Baudelaire
Correspondances
La Nature est un temple où de vivants piliers
Laissent parfois sortir de confuses paroles;
L’homme y passe à travers des forêts de symboles
Qui l’observent avec des regards familiers.
Comme de longs échos qui de loin se confondent
Dans une ténébreuse et profonde unité,
Vaste comme la nuit et comme la clarté,
Les parfums, les couleurs et les sons se répondent.
II est des parfums frais comme des chairs d’enfants,
Doux comme les hautbois, verts comme les prairies,
— Et d’autres, corrompus, riches et triomphants,
Ayant l’expansion des choses infinies,
Comme l’ambre, le musc, le benjoin et l’encens,
Qui chantent les transports de l’esprit et des sens.
Aus: Les Fleurs du Mal (1857)
In einem programmatischen Brief vom 21. Januar 1856 an Alphonse Toussenel heißt es-»Seit langem schon sage ich: der Dichter ist von höchster Intelligenz, er ist die Intelligenz par excellence, – und die Imagination ist von allen Vermögen des Menschen das wissenschaftlichste, weil sie allein die universale Analogie begreift, oder das, was eine mystische Religion die Korrespondenz nennt.« (Corr/PI 1, 336)
Auf Deutsch heißt der Titel „Einklänge“ (Stefan George) oder „Entsprechungen“ (Friedhelm Kemp),
EINKLÄNGE
Aus der natur belebten tempelbaun
Oft unverständlich wirre worte weichen ·
Dort geht der mensch durch einen wald von zeichen
Die mit vertrauten blicken ihn beschaun.
Wie lange echo fern zusammenrauschen
In tiefer finsterer geselligkeit ·
Weit wie die nacht und wie die helligkeit
Parfüme farben töne rede tauschen.
Parfüme gibt es frisch wie kinderwangen
Süss wie hoboen grün wie eine alm –
Und andre die verderbt und siegreich prangen
Mit einem hauch von unbegrenzten dingen ·
Wie ambra moschus und geweihter qualm
Die die verzückung unsrer seelen singen.
(Stefan George)
Das FAZ führt eine Wulff-Sarrazin-Hübsch-Kelek-Debatte. So stehts in Rot auf S. 28, FAZ vom 13.1. Neuster Beitrag von dem Literaturwissenschaftler Jürgen Link, Auszug:
Damit stimmte Goethe überein: Die These von den „drei Betrügern“ (Moses, Jesus, Mohammed) war in der deutschen „Leitkultur“ um 1800 längst überholt. Es bedurfte des meistverkauften Sachbuchs seit 1945 und seiner Verteidiger, um sie wieder aufzuwärmen. Ein chinesisches Sprichwort sagt von gewissen Toren: „Sie haben einen schweren Stein hochgehoben, der ihnen auf die Füße gefallen ist.“ Goethes angebliche „Islamophobie“, die sich dann als eine Art von „Islamophilie“ erweist, ist ein solcher schwerer Stein. Am Beispiel Goethe zeigt sich, dass auch der Islam – nach Sarrazin angeblich das Fremdkulturelle schlechthin – im Kern der deutschen Leitkultur schon drinsteckt.
Ein Gutes hat das Steineheben: Höhere Aufklärung heißt, positive Religionen symbolisch aufzufassen – sie werden dadurch notwendigerweise auch pluralisiert und entdogmatisiert, das heißt entfanatisiert. Paradoxerweise stimmen die Fundamentalisten und die aktuellen Vulgäraufklärer in einer buchstäblichen Lektüre überein. Goethe hingegen scheint zu sagen: Lest alle Heiligen Schriften symbolisch, gerade auch die Bibel – und warum nicht den Koran?
Unter diesem Titel äußert sich der Übersetzer Jürgen Buchmann zu Bertrands „Gaspard de la Nuit“.
Mehr als vierzig Jahre hat der Gaspard de la Nuit von Aloysius Bertrand (1807-1841) mich begleitet. Mit dem Buch ist es mir ähnlich ergangen wie vielen seiner Leser seit Baudelaire: Ich hatte den Eindruck, einem Geheimnis zu begegnen, einem Leuchten, das ebenso suggestiv wie unerklärlich war.
Einen der Texte des Gaspard de la Nuit schätzte der Autor so sehr, dass er die Gewohnheit hatte, das ganze Buch danach zu nennen. Es ist der Maurer aus dem Ersten Buch, das Die Flämische Schule betitelt ist. Auch wenn es im Gaspard de la Nuit Texte gibt, die ich persönlich bevorzuge, zeigt der Maurer doch Merkmale, die geeignet sind, einen ersten Eindruck des Werks zu vermitteln.
Auf bemerkenswerte Weise tritt der Autor hinter seinem Text zurück. Kommentarlos wird Bild an Bild gereiht; Bertrand verweigert eine Deutung des Geschehens, das damit etwas Letztes und Endgültiges erhält. Gegenüber der subjektiven Konfession, die als ein Wesensmerkmal romantischen Dichtens erscheint, stellt dieses Schweigen eine bemerkenswerte Neuerung des Gaspard de la Nuit dar.
Dem Zurücktreten des Subjekts entspricht die Herausbildung einer eigenmächtigen Objektwelt. Wie der Maurer unseres Textes ist das Subjekt im Gaspard gleichsam nur Zeuge der Welt, nicht ihr Schöpfer. Bertrand bezieht hier eine bemerkenswerte Gegenposition zur Ideologie der postrevolutionären Gesellschaft seiner Zeit, die vom Pathos der Freiheit und des Subjekts zehrt. Die Herrschaft des Objekts im Gaspard de la Nuit ist unberechenbar.
Die weitere Einführung zum Text „Der Maurer“ auf Fixpoetry
DER MAURER
Seht diese Flanken, diese Strebepfeiler:
Sie stehn wie für die Ewigkeit gebaut.
SCHILLER, Wilhelm Tell
MIT einem Lied schwingt der Maurer Abraham Knüpfer die Kelle, so hoch auf seinem Gerüst, dass er, die gotische Inschrift der Glocke vor Augen, zu Füßen zugleich die Kirche mit ihren dreißig Strebebögen und die Stadt mit ihren dreißig Kirchen hat.
Er sieht die steinernen Ungeheuer den Regen von den Schieferdächern in die Tiefe speien, einen verworrenen Abgrund von Galerien, Fenstern, Gewölbezwickeln, Dachreitern, Fialen, Dachwerk und Gebälk, den die gekrümmte, regungslose Schwinge eines Falken mit einer grauen Flocke tupft.
Er sieht die Festungswerke sternförmig gebreitet, die Zitadelle, stolz wie ein Gockel auf dem Mist, die Höfe der Paläste, wo die Sonne die Springbrunnen ausdörrt, und die Kreuzgänge der Klöster, wo der Schatten um die Pfeiler wandert.
Die Kaiserlichen liegen in der Vorstadt; und jetzt rührt ein Be-rittener dort unten die Trommel. Abraham Knüpfer erkennt seinen Dreispitz, seine Achselschnüre aus roter Wolle, seine Kokarde, über die eine Kordel läuft, und seinen Zopf, um den ein Bändchen geknüpft ist.
Was er noch sieht, sind ein paar Veteranen, die unter den mächtigen Kronen des Schlossparks auf dem weiten, smaragdgrünen Rasen mit Büchsenschüssen einen hölzernen Vogel auf einem Maibaum zerlöchern.
*
Und gegen Abend, als das ruhevolle Schiff der Kathedrale mit gekreuzten Armen in Schlaf sank, gewahrte er von der Leiter einen Weiler am Horizont, von Kriegsvolk in Brand gesteckt, der am Himmel glühte wie ein Komet.
(Aus Buch I: Die Flämische Schule)
Und hier zwei weitere Prosagedichte Bertrands:
DIE FÜNF FINGER DER HAND
Ein honette Familie: bis dato kein Bankrotteur und kein Gehenkter.
DIE SIPPSCHAFTEN DES HANS JEDERMANN
DER Daumen ist ein flämischer Kneipenwirt, ein Dickwanst voller anzüglicher Späße, der in seiner Tür steht und pafft, während über ihm das Aushänge-schild zum Märzenbier einlädt.
Der Zeigefinger einer Frau, ein Mannweib dürr wie ein Stockfisch, die schon frühmorgens die Dienstmagd kuranzt, auf die sie eifersüchtig ist, und die Flasche tätschelt, in die sie verliebt ist.
Der Mittelfinger ihr Sohn, ein Kerl wie mit der Axt behauen, der Reuter wär, wär er nicht Schankwirt, und Kutschgaul, wär er nicht Mensch.
Der Ringfinger ihre Tochter, ein flinkes und schnippisches Frauenzimmer, die den Damen ihre Spitze, nicht aber den Herren ihr Lächeln verkauft.
Und der kleine Finger ist der Benjamin der Familie, ein weinerlicher verzogener Affe, der beständig am Schürzenband seiner Mutter hängt wie ein Kind am Haken des Ogers.
Die fünf Finger der Hand sind das sonderbarste Fingerkraut, das jemals die Gärten der wohledlen Stadt Haarlem verzierte.
(Aus Buch I: Die Flämische Schule)
SCARBO
Gewähre mir, Herr, wenn mein Stündlein schlägt, den Beistand eines Priesters, ein leinern Leichentuch, einen Sarg aus Tannenholz und ein trockenes Plätzchen.
DIE GEBETE DES HERRN MARSCHALL
„OB du in Frieden stirbst oder Verdammnis“, raunte in dieser Nacht Scarbo in mein Ohr, „dein Leichentuch soll ein Spinnweb sein, und ich will dich mit der Spinne verscharren!“
„So lass mich doch“, gab ich zur Antwort, die Augen vom Weinen gerötet, „so lass mich doch nur das Blatt einer Espe zum Leichentuch haben und mich wiegen im Atem des Sees!“
„Nicht doch!“ spottete hämisch der Zwerg, „der Käfer würde dich fressen, der abends die Mücken jagt, wenn sie geblendet sind von der sinkenden Sonne!“
„So willst du denn lieber“, erwiderte ich, noch immer in Tränen, „so willst du denn lieber, dass die Tarantel mit ihrem Elefanten-rüssel mich aussaugt?“
„Nun denn“, sprach er zuletzt, „sei getrost! Dein Leichentuch sollen die goldgefleckten Streifen einer Vipernhaut sein, in die ich dich wickeln werde wie eine Mumie.
Und in der düsteren Krypta von Sankt Benignus, wo ich dich aufrecht an einer Mauer bestatten will, wirst du in Muße die kleinen Kinder in der Vorhölle schreien hören.“
(Aus Buch III: Die Phantasmagorien der Nacht)
Bernd Jentzsch
Korrespondenzen
Ich seh, daß du mich siehst.
Ich seh dich im Spiegel.
Ich seh dich im Spiegel des Herzens.
Den Brief in der Hand.
Die Hand auf dem Tisch.
Der Tisch vor dem Fenster.
Du siehst, daß ich dich seh.
Du siehst mich im Spiegel.
Ich seh, daß du siehst, daß ich dich seh.
Du siehst, daß ich seh, daß du mich siehst.
Du siehst mich mit deinem Herzen.
Vor dem Fenster der Tisch.
Auf dem Tisch die Hand.
In der Hand den Brief.
In einer Überblicksausstellung präsentiert der Kunstverein München das vielschichtige Werk der israelischen, in Berlin lebenden Künstlerin Keren Cytter (geb. 1977 in Tel Aviv). „The Hottest Day of the Year“ versammelt Videos, Spielfilme und Tanzperformances ebenso wie von Keren Cytter verfasste Romane und Lyrik.
… In ihren literarischen Werken erforscht Cytter anhand extrem fragmentierter Narrationen die Selbstwahrnehmung post-moderner Individuen in unserer zeitgenössischen Gesellschaft. / art-in.de
Wer war Hedwig Lachmann (1865-1918)? Sie war Deutsche, Jüdin, Großmutter des amerikanischen Filmregisseurs Mike Nichols, enge Freundin von Richard Dehmel, dem Ehemann der Bingerin Ida Coblenz Dehmel. Als Dichterin widmete sie sich fast ausschließlich der Lyrik.
Als Übersetzerin hat sie lyrische, dramatische und essayistische Werke aus dem Englischen, Französischen und Ungarischen übertragen, so zum Beispiel Oscar Wilde. Ihre Salomé-Übersetzung wurde von Richard Strauss verwendet und hat heute noch Bestand. Aber auch Werke von Edgar Allan Poe, Rabindranath Tagore oder Honoré de Balzac wurden von ihr übersetzt. / Allgemeine Zeitung (Bingen)
Das Hamburger Literaturfestival vereint deutschsprachige Literatur und Musik unter einem Dach. 15 Autoren präsentieren ihre Texte: Vom Roman über Erzählungen bis hin zur experimentellen Lyrik ist alles vertreten.
Mit: Markus Berges, Alexander Gumz, Jennifer Heinrich, Lars Henken, Hannes Köhler, Svenja Leiber, Mariana Leky, Marcel Maas, Peggy Mädler, Thomas Pletzinger, Andre Rudolph, Jochen Schmidt, Katrin Seddig, Ron Winkler, Felicia Zeller, Nils Koppruch
Thomas Kling
Das brennende Archiv
Unveröffentlichte Gedichte, Briefe, Handschriften und Photos aus dem Nachlaß
sowie zu Lebzeiten entlegen publizierte Gedichte, Essays und Gespräche
Zusammengestellt von Norbert Wehr und Ute Langanky
erscheint Ende Februar 2011
in Schreibheft, Zeitschrift für Literatur, 76
Einer dieser wunderbaren Verlage, die machen, was es ohne sie nicht gäbe. Lese bei Ivan Blatný. In einem Gedicht begegnet er seinem Namen im Schaufenster einer kleinen Pariser Buchhandlung – oder irgendwo daneben. Darin auch der des Dichters Vítězslav Nezval (S. 107). Ich lese hin und her, finde Entsprechungen. Freunde:
Ludwig der Sechzehnte wurde hingerichtet
Wer aber war Ludwig der Erste?
War das nicht Ludvík Kundera?
Mähren! heißt der Titel eines Gedichts in der deutschen Fassung (S. 171). Merkwürdigerweise im Original ohne das Ausrufezeichen: „Moravo“. Einmal war ich in Mähren! Mährischer Karst, Bier und Pandurengulasch. Ich hatte eine von Kundera herausgegebene Anthologie tschechischer Lyrik dabei. Aber ich traute mich nicht, in Kunštat nach dem Dichter Kundera zu fragen. Was hätte ich ihm sagen sollen? In seiner Sammlung fehlte Blatný, aber nicht Nezval. Von dem besaß ich mehrere Bücher, in einem die Autogramme von Kundera und Fühmann (dem Nachdichter). In einem Gedicht erklärt er, „warum ich Surrealist bin“:
Wegen der Labsal im Aug aller übrigen Surrealisten
Wegen der langen Nächte meiner Prager Freunde
Wegen der klassenlosen Gesellschaft
Wegen der Schönheit die „verkrampft entweder oder gar nicht sein wird“ (106)
„Nezval“ heißt auch ein unvergeßliches Gedicht Blatnýs:
Nezval
Tehdy ještě žil Marcel Proust
a dadaisté měli sjezdy
lepší než ministr Kopecký
Co dělá jeho syn Ivan?
Setkali jsme se v Reprezentačním domě
Nezval
Marcel Proust hat damals noch gelebt
und die Dadaisten hatten Kongresse
bessere als Minister Kopecký
Was macht sein Sohn Ivan?
Wir sind uns im Repräsentationshaus begegnet
Den Brünner Mädchen begegne ich bei Klaus Merz wieder:
Die Brünner Mädchen
Aus den Alben geschnitten
liegt die Kindheit verstreut
auf dem Stubentisch. Zum
Unvergessenen gesellt sich
das stete Entgleiten.
Aufgehoben in Ivan Blatnýs
späten Gedichten fahren wir
mit ihm zum Friedhof hinaus
die Brünner Mädchen winken
wir grüssen zurück:
Der Schwermut sich beugen
und leicht werden dabei.
Ivan Blatný: Alte Wohnsitze. Gedichte
Wien: Edition Korrespondenzen 2005
Vítězslav Nezval: Auf Trapezen. Gedichte
Leipzig: Reclam 1978
Klaus Merz: Aus dem Staub. Gedichte
Innsbruck, Wien: Haymon Verlag 201o
14.01.2011 – randnummer
Die Hamburger Literaturzeitschrift ist ein weiteres Mal Gast in der Lettrétage. Die Herausgeber und Autoren werden die nunmehr dritte Ausgabe präsentieren und ausgewählte Texte lesen. Zivilcollage mit Nicolai Kobus, Hendrik Jackson, Richard Duraj und Manuel Stallbaumer.
lettrétage, methfesselstraße 23 – 25, 10965 berlin
19: 30 Uhr, Eintritt 5 Euro
16.01.2011 – björk binär
im rahmen der lesebühne „parlando park“ an diesem abend videos zu aktuellen humanoiden robotern aus korea (eveR-) und japan (hrp-4c) // ausgesuchte maschinen- und databaselyrik verschiedener autoren // dazu auszüge aus ulf stolterfohts „ammengespräche*“ (roughbooks) // gast & gedichte „zwischen den nullen und einsen“: philip maroldt // im anschluss offene köpfe, diskussion
20.oo Uhr // soupanova
stargarder straße 24 (prenzlauer berg), berlin
*) korrigiert, s. Anm.
Martina Hefter
Kranich
Meine Freunde, Tänzchen, ihr lieben Verschwender
von Geld, Gefüge, Gelenk, verehrte,
grünschillernd, Verbieger,
habe lang nachgedacht,
ob ich schlecht denke von euch.
Tanzende denken kein Denken,
und Kraniche können nicht tanzen, o Lord.
Ich denke mir lieber das Denken als Fluss,
im Ufergestrüpp ein »darum« tanzender Kranich.
Nehmt, Tänze, was euch gehört,
mein Wiegen, den Binsenschwung,
die Schilfähnlichkeit,
wenn zwischen Stoppelgrasufern
und Halmengrab das Denken in Einsamkeit schlingert.
Platon sagte, Tanz ahme menschliches Sprechen nur nach.
Wer nicht gut sprach, tanzte sich eben den Kranich.
Anmerkung aus dem Buch:
Theseus entkommt aus dem kretischen Labyrinth und tötet Minotaurus, was zum antiken Brauch der Labyrinth-Tänze führt. Deren bestimmender Tanzschritt ist der Geranos, Kranich-Schritt, ältester pas der Welt. | Platon läßt die Athener feststellen, dass Nachahmung einer gesprochenen Handlung durch Körperhaltungen den Tanz überhaupt erst habe entstehen lassen. Siehe: Ästhetik der Antike, Berlin u. Weimar 1989
Martina Hefter: Nach den Diskotheken. Gedichte.
Kookbooks 2010
(Auch eine schöne Stelle: „Ich wusste, dass Elfen Gedichte sind, mit Muskeln, / nur schöner“. S. 58)
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