Veröffentlicht am 4. Januar 2011 von lyrikzeitung
Er veröffentlichte in Taiwan den autobiographischen ‚Monolog eines Menschen, der den Untergang überlebte‘, auf dessen Umschlag der Satz prangt: ‚China, alles, was du hast, sind Lügen.‘ Und er publizierte zu jedem Jahrestag des Massakers Texte, die so scharf, so unerbittlich mit sich selbst, mit der Regierung und mit all den prahlend selbstgefälligen Demonstrationsveteranen ins Gericht gingen, dass er sich zum einen in der Dissidentenszene viele Feinde machte und zum anderen zu drei Jahren Umerziehungslager verurteilt wurde: Bohnensortieren, Tag für Tag, bei möglichst schlechtem Licht, um seine Augen zu zerstören. Abend für Abend schrieb er in diesem Lager für seine Frau Gedichte, die wohl zum Erhabensten gehören würden, was es in der chinesischen Literatur gibt, hätte nicht die Staatssicherheit die meisten dieser Texte vernichtet. Ein Dreizeiler, der überlebt hat, lautet: ‚Bevor deine Asche im Grab versinkt, / schreib mir damit einen Brief und / vergiss deine Anschrift im Jenseits nicht.‘ / ALEX RÜHLE, SZ 29.12.
BEI LING: Der Freiheit geopfert. Aus dem Chinesischen von Martin Winter, Yin Yan und Günther Klotz. Riva Verlag, München 2010. 384 Seiten, 19,95 Euro.
„Abgesehen von einer Lüge besitze ich nichts“: Der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo schreibt in einem Gedicht über seine Gefangenschaft. SZ 10.12.
Essay von Liu Xiaobo „Es gibt Hoffnung auf ein freies China“, SZ 11.10. 2010
Veröffentlicht am 3. Januar 2011 von lyrikzeitung
Janine Pommy Vega, Lyrikerin und Vertraute von Größen der Beat Generation wie Allen Ginsberg und Peter Orlovsky, die es in den 60er Jahren auf der Suche nach Transzendenz nach San Francisco und in den 80ern auf Pilgerfahrt zu Stätten neusteinzeitlicher Göttinnenverehrung verschlug, starb am 23.12. in ihrem Haus in Willow, N.Y. Sie wurde 68 Jahre alt.
Nachdem sie einen Artikel über die Beats gelesen hatte, eilte sie mit einer Schulfreundin in die Cedar Tavern in Greenwich Village, wo sie den Dichter Gregory Corso kennenlernte und über ihn Ginsberg und Orlovsky. Am Tag nach ihrem High School-Abschluß teilte sie ihrer Mutter mit, daß sie mit Ginsberg und Orlovsky in Greenwich Village leben wolle.
In den 70er Jahren begann sie in Gedichtworkshops in New Yorker Gefängnissen zu unterrichten. 1987 wurde sie Direktorin des Programms Incisions/Arts. Bis zu ihrem Tod arbeitete sie in den Gefängnissen in Napanoch und Woodbourne.
Bei Black Sparrow erschienen ihre letzten Gedichtbände, “Mad Dogs of Trieste” (2000) und “The Green Piano” (2005). / WILLIAM GRIMES, New York Times 3.1.
Veröffentlicht am 3. Januar 2011 von lyrikzeitung
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
In Iowa in the 1950’s, when we at last heard about pizza, my mother decided to make one for us. She rolled out bread dough, put catsup on it, and baked it. Voila! Pizza! And inexpensive, too. Here’s Grace Cavalieri, a poet and playwright who lives in Maryland, serving something similar and undoubtedly better.
Tomato Pies, 25 Cents
Tomato pies are what we called them, those days,
before Pizza came in,
at my Grandmother’s restaurant,
in Trenton New Jersey.
My grandfather is rolling meatballs
in the back. He studied to be a priest in Sicily but
saved his sister Maggie from marrying a bad guy
by coming to America.
Uncle Joey is rolling dough and spooning sauce.
Uncle Joey, is always scrubbed clean,
sobered up, in a white starched shirt, after
cops delivered him home just hours before.
The waitresses are helping
themselves to handfuls of cash out of the drawer,
playing the numbers with Moon Mullin
and Shad, sent in from Broad Street. 1942,
tomato pies with cheese, 25 cents.
With anchovies, large, 50 cents.
A whole dinner is 60 cents (before 6 pm).
How the soldiers, bussed in from Fort Dix,
would stand outside all the way down Warren Street,
waiting for this new taste treat,
young guys in uniform,
lined up and laughing, learning Italian,
before being shipped out to fight the last great war.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Grace Cavalieri from her most recent book of poetry, Sounds Like Something I Would Say, Goss 183 Casa Menendez, 2010. Reprinted by permission of Grace Cavalieri and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Veröffentlicht am 2. Januar 2011 von lyrikzeitung
Saad bin Hammed bin Maged gewann den Lyrikwettbewerb auf der zu Jemen gehörigen Insel Sokotra, der in der letzten Dezemberwoche unter der Schirmherrschaft des Ministers für Wasser und Umwelt stattfand. Neun lokale Dichter trugen ihre Verse in der traditionellen Sokotri-Sprache vor. Der Wettbewerb hat das Ziel, die bedrohten sokotrischen Traditionen zu bewahren. / Yemen Post
Veröffentlicht am 2. Januar 2011 von lyrikzeitung
Allein der Auftakt zur schließlich publizierten 100-Seiten-Schrumpffassung aus Braschs Monsterprojekt ‚Mädchenmörder Bruhnke‘ hat eine exzentrische poetische Dichte, nach der man in der Gegenwartsliteratur suchen kann: ‚Als falle eine Zeit, die mir schon für immer vergangen schien, plötzlich wieder über mich her, wie ein großes Lachen aus einem längst zerfallenen Haus. Wie eine riesige Faust, aus einem unbekannten Wasser auftauchend und nach mir greifend, als wolle sie mich in die Tiefe und ins Weite ziehen, wo du mich lehren wirst, was ich immer lernen wollte, das Lieben und das Lassen.‘
Das klingt, wenn überhaupt, nach T. S.Eliot oder nach einer herben Antwort auf Rilkes ‚Malte Laurids Brigge‘, aber nie nach ‚DDR-Literatur‘.*) / HANS-PETER KUNISCH, SZ 27.12.
*) Ja, aber vielleicht ist das „DDR-Literatur“, und die Noll, Sakowski, Görlich etc. nur der Bodensatz, den alle Zeiten haben? Man beurteilt die Literatur um 1900 doch auch nicht nach dem Gusto Kaiser Wilhelms.
Veröffentlicht am 2. Januar 2011 von lyrikzeitung
Die 41 Gedichte in Leopardis gesammelten „Canti“ sind charakteristisch und schön darin, daß sie sich auf der Grenze zwischen Gefühl und Gedanken bewegen, zwischen Gegenwärtigkeit und Abwesenheit. Wie kein anderer Dichter fängt Leopardi die feinsten Gefühlsregungen kurz bevor sie erlöschen. Es ist seine Sprache, die dieses Erlöschen bewirkt: sie präsentiert den ganzen Reichtum der Antike – die er sich durch jahrelanges Versenken in Horaz und Vergil erwarb – noch da, wo Töne von Bitterkeit und Skepsis an dieser Fülle zu nagen beginnen.
Jonathan Galassis Übersetzung ist groß, weil sie diese zarte Bewegung zwischen Gedanke und Gefühl spürt und überträgt. / PETER CAMPION, New York Times 17.12.
Als Probe der Anfang des Liebesgedichts „Aspasia“ im Original, in Galassis englischer und Helmut Endrulats deutscher Fassung:
Sometimes your image comes to mind again,
Aspasia. Either it shines fleetingly
in lived-in places, in other faces;
or in the empty fields, on a clear day,
under the silent stars,
as if evoked by gentle harmony,
that exalted vision reappears
in a soul still verging on dismay.
Torna dinanzi al mio pensier talora
Il tuo sembiante, Aspasia. O fuggitivo
Per abitati lochi a me lampeggia
In altri volti; o per deserti campi,
Al dì sereno, alle tacenti stelle,
Da soave armonia quasi ridesta,
Nell’alma a sgomentarsi ancor vicina
Quella superba vision risorge.
Wiederkehrt in die Erinnerung mir bisweilen
dein schönes Antlitz, Aspasia. Sei es, daß flüchtig
auf bevölkerten Plätzen dein Lächeln leuchtet
in fremden Gesichtern, sei’s, daß auf einsamen Feldern
am lichten Tag oder unter schweigenden Sternen,
wie von süßem Gesange wiedererweckt,
mir in der Seele, noch immer bestürzend nahe,
plötzlich jene stolze Erscheinung auftaucht.
Deutsch in: Giacomo Leopardi: Canti e Frammenti. Gesänge und Fragmente. Italienisch/ Deutsch. Stuttgart: Reclam 1990, S. 193
Veröffentlicht am 2. Januar 2011 von àxel sanjosé
heute mache ich von meiner posterlaubnis für eine herzensangelegenheit gebrauch:
lieber michael gratz,
herzliche gratulation zum zehnten jahrestag der lyrikzeitung
einfach großartig. bitte fortsetzen.
im namen vieler
/àxel sanjosé
Veröffentlicht am 1. Januar 2011 von lyrikzeitung
Liedertafel mit Konstantin Ames und Harald Muenz
Dienstag, 25. Januar 2011, 21 Uhr
Villa Elisabeth, Invalidenstr. 3, Berlin
“Vom Haartausend was mir gefällt: da muss was faul sein.” Konstantin Ames, “ein saarländisch-verschmitzter Fein-, Feuer- und lyrischer Poltergeist“ (DRadio), stellt seine vom Hören und Verhören, von kleinsten Lautverschiebungen und größten Sprechgesten geprägten “politischen fürdichte” vor, die soeben unter dem Titel “Alsohäute” bei “roughbooks” erschienen sind.
Während der in Berlin lebende Dichter Ames gesprochene Sprache in Text- und Schriftprozesse transformiert, arbeitet der Kölner Komponist Harald Muenz an einer “ästhetischen Phonetik”, die musikalische Vorgänge der Sprache freilegt und neu ordnet. In einer “Performance Lecture” erläutert er seine Sprechkompositionen, die zuletzt u.a. bei den Donaueschinger Musiktagen zur Aufführung kamen. Im Anschluß widmet sich ein Round Table der Rolle einer ästhetischen Phonetik für die Neue Musik und die zeitgenössische Lyrik.
Das Programm:
Leier Leier weh-weh-weh! (2011)
Sprechkanon von Bo Wiget / Konstantin Ames
Cum publicum
Alsohäute (2010)
Lesung mit Konstantin Ames
Aethelfrith sieht iffy und danny zu
u. haut die dann wie wenn (2010)
Diatriebe sic für 2 Stimmen und 1 erstmal abwesenden Mordskerl
Sprecher: Monika Rinck, Christian Filips, Konstantin Ames
deChiffrAGE (1993)
für blattlesenden Sprecher mit zufallsgesteuertem Live-Texttransformator
(Laptop) – Komposition: Harald Muenz
Ästhetische Phonetik / Sprach- und Sprechkomposition
Performance Lecture von Harald Muenz
ab 22.15 Uhr
Offenes Round-Table-Gespräch mit Wein und Käse
“Alsohäute”, Konstantin Ames, roughbooks 2011
Veröffentlicht am 1. Januar 2011 von lyrikzeitung
Im Alter von 65 Jahren starb die Aktivistin, Verlegerin und feministische Lyrikerin Susan Bright aus Austin, Texas. /Austin American Statesman 30.12.
In Neuseeland starb der Autor und Philosoph Denis Dutton (66), Gründer des Webportals Arts and Letters Daily. / Los Angeles Times
Veröffentlicht am 1. Januar 2011 von lyrikzeitung
Er war einer der bekanntesten und wohl auch meistgelesenen Autoren seiner Zeit. Die Nationalsozialisten haben seine Bücher, seine Lyrik, die Chansons, Romane und Theaterstücke verboten. Sie löschten die Erinnerung an ihn und sein überbordendes Œuvre gründlich aus.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Klabunds Heimatstadt, „nebelhaft in Tau gebettet / An der Grenze Schlesiens und der Mark“, wie er in der „Ode an Crossen“ gedichtet hatte, dem Erdboden nahezu gleich gemacht. Mit ihr sein Grab auf dem Friedhof auf der Anhöhe über dem Fluss. Am 9. September 1928 hatte Gottfried Benn hier die Totenrede gehalten, erinnert an den jungen Freund, der am 14. August, im schweizerischen Davos an den Folgen einer Tuberkulose gestorben war.
Seit der Jugend hatte Alfred Henschke die Krankheit in sich getragen. Vielleicht schrieb er deshalb wie ein Besessener. Mit seinem ersten von sage und schreibe 76 Büchern, dem Lyrikband „Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!“, und einigen erotischen wie „gotteslästerlichen“ Gedichten in Alfred Kerrs Zeitschrift „Pan“ war er 1913 auf einen Schlag bekannt geworden. / Martin Stefke, Märkische Allgemeine
Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin-Mitte. Bis 9. Januar, täglich 10-22 Uhr.
Veröffentlicht am 1. Januar 2011 von lyrikzeitung
Lyrikgedanken zwischen den Jahren
Von Theo Breuer
Ich habe vorhin in der Lyrikzeitung den Olson-Hinweis gesehen und anschließend den Aufsatz gelesen. Nun habe ich die Gedichte von Charles Olson aus dem Lyrikschrank genommen – und auch Echos von Robert Creeley, um wieder einmal in beiden Büchern zu lesen. Sie gehören zu jenen Gedichtbänden, in denen man nicht oft genug lesen kann. Ich hab’s längere Zeit nicht getan. Manchmal genügt ein kleiner Anstoß, um den Hunger auf diesen oder jenen Autor wieder zu wecken.
Axel Kutsch ∙ E-Mail vom 30.12.2010
Während ich an Weihnachten 2010 und den von so vielen Menschen als denkmerkwürdig empfundenen Tagen ›zwischen den Jahren‹ die von Oskar Pastior und Ernest Wichner aus dem Rumänischen übertragenen Gedichte Gellu Naums in dem über 800 Seiten starken, 2006 bei Urs Engeler Editor erschienenen Sammelband Pohesie lese – Gleich hinter dem Pfosten beginnt das große Flimmern –, frage ich mich heute, am 31. Dezember 2010, wie ich bislang ohne diese mich urgewaltig in die Zange nehmenden Gedichte haben leben können. Oder war dies bislang eben gar kein ›richtiges‹ Leben? Warum fiel dieses wuchtige Buch mir bislang nicht auf?
Ich will es nicht begreifen und denke gleichzeitig an Klaus Iseles Frage während eines langen Telefonats im November: »Wie viele Lyriktitel erscheinen Ihrer Einschätzung nach im Schnitt pro Jahr im deutschen Sprachraum nach 2000?« In den Büchern und Essays, die ich in diesem nun rasant zu Ende gehenden Jahrzehnt zu Themen der Lyrik verfaßt habe, gehe ich regelmäßig, ausführlich, differenziert und immer wieder verschiedene Zahlen in den Raum stellend auf diese Frage ein und gebe deshalb hier und heute, übrigens auch abweichend von dem, was ich am Telefon zum Verleger der Edition Isele aus Eggingen am Bodensee sagte, einfach bloß die lakonische Antwort: zu viele.
Denn Mut zur Lücke habe ich, wenn es um Bücher geht, nur sehr bedingt. Aus diesem Grunde versuche ich verzweifelt, die ›Lücken‹ fortlaufend zu schließen, seit Jahrzehnten wissend, daß sich mit jedem erfolgreichen Fang (oder Fund?) neue ›Löcher‹ auftun. In Matthias Kehles Lyrikblog lese ich als Reaktion auf Im Jahr des Buches 2010, ich hätte wohl alle relevanten Gedichtbände des Jahres 2010 gelesen. Habe ich das? Ist das überhaupt – relevant? (2010 las ich, nebenbei gesagt, deutlich mehr Prosa als Lyrik, ging dabei den meisten der im Feuilleton hervorgehobenen Prosatitel aus dem Weg, las etliche englische bzw. amerikanische Romane verschiedener Jahrgänge, nachdem ich mich im vergangenen Jahr insbesondere mit Romanen, die im Zusammenhang zum deutschen Buchpreis 2009 standen, befaßte.)
Gleichsam selbstquälerisch von mir als solche empfundene Lücken schließen, zu dieser Schwäche stehe ich genauso gern wie zu Single Malt und holländischem Lakritz (meine Freunde Bensch und Kraus wissen ein Lied davon zu singen), aber doch nicht, um sagen zu können, ich hätte den Überblick über das ›Relevante‹.
Ich habe k(l)einen Überblick. Ich will keinen anderen Überblick. Eher schon will ich den fortgesetzten Augenblick des Lesens, um zwischen Buchdeckeln gute Wörter aufzufinden.
Sind die Bücher, die ich anschließend benenne, ›Lücken‹ in der Sammlung? (Enthält ein Gedichtbuch auch nur ein »unerhörtes« Wort, so möchte ich es lieber nicht verpassen.) Ich wähle 20 in diesem Jahr erschienene Lyrikbände aus, die ich aus sehr unterschiedlichen Gründen bis heute nicht gelesen habe – was ich im Fall von Christian Enzensberger, Martina Hefter, Gert Jonke, Georg Kreisler und Horst Peisker, von denen ich bislang noch keine Gedichtbücher, nur einzelne Gedichte kenne, ab morgen bis irgendwann demnächst nachholen will:
Von den anderen Autorinnen und Autoren habe ich mindestens einen, wenn nicht (fast) alle Bücher gelesen. In diesen Fällen überlege ich seit einigen Jahren sehr genau, ob ich das neue Gedichtbuch lesen will (oder muß). Da ist zum einen die allezeit dräuende und seit etlichen Jahren bereits höchst unbequeme Platzfrage, zum anderen das ›Gefühl‹, einen Autor und sein Werk ›zur Genüge zu kennen‹ (eine naturgemäß blödsinnige Vorstellung), und schließlich, als wäre das nicht schon genug des Drucks, drängt sich schleichend und unerbittlich die garstige Alternative in den Vordergrund, das Werk eines Autors nicht mehr so sehr zu schätzen, wie es über einen mehr oder weniger langen Zeitraum wie selbstverständlich der Fall war. Gegen diese Problemtrias ist im Augenblick kein Kraut gewachsen. Ich wende mich also erquicklicheren Dingen zu.
Aus den drei ganz unterschiedlich ergrübelten Buchlisten 2010, angelegt in schwachen Momenten als bresthafte Formen des ›Überschauenwollens‹ einer längst unüberschaubaren literarischen Welt, die ich anläßlich der Niederschrift der Essays Marginalie zum Gedicht in drei Schritten. Lyrik im deutschen Sprachraum 2010, Lyrikgetwitter, Im Jahr des Buches 2010 · kribbelt und wibbelt es weiter (alle nachzulesen im Poetenladen) sowie dem in den letzten Tagen des Jahres entstandenen Aufsatz In der Nußschale · mit Zsuzsanna Gahse · Donauwürfel verfertigte, geselle ich den oben genannten 20 nicht von mir gelesenen Titeln eine Auswahl von 30 gelesenen Gedichtbüchern des Jahrgangs 2010 bei. So taucht für den Augenblick des Niederschreibens eine Eisbergspitze aus 50 Titeln auf, eine gleichsam permeabel konzipierte Skulptur mit Drehtür (jeder Lyrikleser ist eingeladen, eigene Modulationen vorzunehmen, so möchte ich, beispielsweise, gern noch Michael Basses skype connected, Jörg Neugebauers Die Stille bricht aus den Wolken, Bernhard Saupes Viersäftelehre oder Sylvia Steiners eine andere geografie einfügen, welche Titel aber dafür herausnehmen?), in der sich unendlich viele brillcharmfulminante Wort-, Vers-, Strophen-, Gedicht- und eine Reihe exzellenter Buchfunde machen lassen:
Im guten Lyrikjahrgang 2010 gab es, bekanntermaßen wegen des Verlagswechsels von S. Fischer zur DVA, keine Ausgabe vom Jahrbuch der Lyrik – das viele Autorinnen und Autoren durchaus kritisch sehen, in das trotzdem (fast) alle hineinwollen. (Im März 2011 erscheint das 28. Jahrbuch der Lyrik, diesmal herausgegeben von Christoph Buchwald und Kathrin Schmidt.) Sammelbände, deren Eigenarten ich so gern in einem Leserausch von A bis Z erlebe, erschienen 2010 dennoch reichlich, und jede einzelne der hier ausgewählten 10 Anthologien hat es buchstäblich wortsmäßig in sich, zeugt von der wibbelnden, kribbelnden Vitalität, die die Lyrik im deutschen Sprachraum nach 2000 weiterhin auszeichnet. Davon legt ebenfalls – sehr, sehr beredt – Zeugnis ab der eine Sammelband mit der 2011 im Impressum, der die Liste mit dem Ehrenwort Es gibt eine andere Welt anführt – – – was für ein Ausblick:
Veröffentlicht am 31. Dezember 2010 von lyrikzeitung
Eine Meldung, die ich nicht unkommentiert durchlassen mag, und es im kurzen Jahrrest nicht mehr schaffe: der Deutschlandfunk stellt den Lyrikkalender ein. Das ist für sich traurig, aber sie tuns auch noch mit der dümmsten aller Begründungen. Nach 5 Jahren und 1800 Gedichten müsse man aufhören, wenn man den Qualitätsstandard halten will: es gebe einfach nicht mehr genug gute Gedichte, die man in 1 Minute vorlesen könne. Peng! aus! die schließen nicht nur ihren Kalender, sondern die deutsche Lyrik gleich mit! Darüber reden wir noch; ich auch.
Nächstes Jahr. Dann wird die Lyrikzeitung 10 Jahr alt. Genau gesagt morgen.
Ich wünsche allen Lesern eine gute Feier ins Neue und viele unerhörte Gedichte 2011!
Veröffentlicht am 31. Dezember 2010 von lyrikzeitung
Heute wird der Dichter Rolf Haufs 75 Jahre alt und schenkt uns zum Geburtstag eine „Tanzstunde auf See“. …
Er hält bis heute seine Gedichte frei von Effekten, Pointen und, zumal, von Botschaften und Meinungen. Seine Gedichte, auch und gerade die neuen „Tanzstunde auf See“ lassen stets ihre autobiografische Grundierung erkennen, dazu oft einen surrealistischen Einschlag. „Nebel kommt sagt Sandburg / Auf Katzenfüßen“. Er ist vielleicht der große Unbekannte unter unseren gegenwärtigen Dichter, aber sicher einer der bedeutendsten.
Bei Haufs wird das Leben zur Literatur und das Ich zu einem Spiegel, in dem sich die gegenwärtige Welt reflektiert. Manchmal sogar in einem, allerdings nur scheinbar unmittelbarem Verständnis. Wenn er zum Beispiel seine Freundin einfach auf die Straße schickt: „Kerstin Hensel läuft über die Schönhauser Allee“, dann wird auch in solchen Versen der Stoff, die private Begebenheit transformiert. Frau Hensel erkundigt sich nach der „Jahreszeit“, die „Leute“ lachen über „französische Dessous“, trinken „einen Kaffee“ und die Allee öffnet sich zu einem (kleinen) Universum. / Martin Lüdke, FR 31.12.
Rolf Haufs: Tanzstunde auf See. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 2010, 96 S., 14,90 Euro.
Veröffentlicht am 30. Dezember 2010 von lyrikzeitung
Ein Berliner Fachblatt berichtet unter der Überschrift „LOVE-NEWS GEDICHTE ÜBER NUTTEN ++ OHNE RAT VON OMA ++ FRAUEN WOLLEN’S ÖFTER“:
Der Berliner Autor Peter Wiese hat einen Lyrik-Roman geschrieben, in dem er aus dem Leben von Prostituierten erzählt. Schwermütige Geschichten in lockeren Versen. „Die Töpferin“ ist im Frieling-Verlag erschienen, Preis: 15,90 Euro.
Veröffentlicht am 30. Dezember 2010 von lyrikzeitung
Der Lyriker Wulf Kirsten fühlte sich schon früh vom schwäbischen Parnass angezogen. Er durfte bereits zu DDR-Zeiten aus Weimar an den Neckar reisen, um dort über Hölderlin zu forschen. Den damaligen Bibliotheksleiter Paul Raabe habe er sehr geschätzt, erinnert sich Kirsten, und schon damals sei der Gedanke aufgekommen, „auch meine eigene Sammlung einmal dorthin zu geben“.
Inzwischen ist dieser Wunsch durch einen Vorvertrag Realität geworden. Kisten mit handschriftlichen Gedichtentwürfen und Korrespondenzen stehen in der Weimarer Wohnung zur Abholung bereit – natürlich für ein „angemessenes Honorar“, wie Kirsten nicht zu erwähnen vergisst. …
Im Deutschen Literaturarchiv befinden sich seit geraumer Zeit auch Manuskripte des Frankfurter Schriftstellers Martin Mosebach und des erst 48-jährigen Büchnerpreisträgers Durs Grünbein.
Grünbein sei „ein Freund des Hauses“, betont Ulrich Raulff, so habe sich dieser kleine Vorlass (er besteht aus dem Manuskript „Aroma“ und einer Art Collage-Tagebuch mit dem Titel „Buch der Reflexe“) fast von selbst ergeben. Man gehe gewöhnlich auf Autoren zu, deren Archive man haben wolle. / Heimo Schwilk, Die Welt
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