Ein Knochen für Mama

Inge Müller

(* 13. März 1925 in Berlin; † 1. Juni 1966 ebenda)

TRÜMMER 45

Da fand ich mich
Und band mich in ein Tuch:
Ein Knochen für Mama
Ein Knochen für Papa
Einen ins Buch.

Aus: Inge Müller: Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn. Lyrik, Prosa, Tagebücher. Mit Beiträgen zu ihrem Werk. Hrsg. Ines Geipel. Berlin: Aufbau, 1996, S. 34

Auf deinem Balkon

Am 3. April 1915 starb der jiddische Dichter Jizchok Lejb Perez in Warschau. – Die folgende kurze Einleitung habe ich von ChatGPT schreiben lassen. Waschzettel kann die KI schon ganz gut (zumindest bei Gegenständen, über die es ausreichend Literatur gibt). Ich habe keine größeren Fehler gefunden. Mit „Aufklärungsgedanke“ im letzten Satz ist die jüdische Aufklärung (Haskala) gemeint. Das Gedicht stammt aus der von Hubert Witt herausgegebenen und übersetzten Anthologie „Der Fiedler vom Ghetto“.

Isaac Leib Peretz, auch Jizchok Lejb Perez genannt, war ein polnischer Schriftsteller und Dramatiker, der vor allem in jiddischer Sprache schrieb. Er wurde am 18. Mai 1852 in Zamość geboren und wuchs als Sohn wohlhabender Eltern auf. Peretz erhielt eine religiöse und weltliche Ausbildung und debütierte 1875 mit Gedichten auf Hebräisch. Unter dem Einfluss von Scholem Alejchem wechselte er 1888 zur jiddischen Sprache. 1889 verlor er aufgrund der politischen Aktivitäten seine Zulassung als Anwalt und zog nach Warschau, wo er Sekretär der Jüdischen Kultusgemeinde wurde.

Als schriftstellerisches Multitalent und origineller Erzähler schuf er als einer der Begründer der modernen jiddischen Literatur ein vielseitiges literarisches Werk. Berühmte Werke von Perez sind „Monish“, „Bontshe Shvayg“, „Oyb Nisht Nokh Hekher“ und „Di Goldene Keyt“ (Die Goldene Kette). In Polen ist er auch als Icchok Lejbusz Perec bekannt. Zunächst war ihm der Aufklärungsgedanke wichtig, später beschäftigte er sich hauptsächlich mit dem Leben und Leiden der jüdischen Unterschicht und propagierte Ideale des Sozialismus.

Auf deinem Balkon


Auf deinem Balkon hängen meine Augen,
sie sehen dich nicht!
Es welken dort Blumen, die Tür ist geschlossen,
die Scheiben trüben das Licht.

Wie ein Vogel fliegen meine Gedanken
und stoßen sich an den Zweigen.
Still klopfen sie bei dir an die Scheiben,
du willst dich nicht zeigen.

Sie fliegen zurück, bang und erschrocken,
zerschlagen und müd,
und im kranken Herzen beginnt zu klingen
das traurige Lied.

Deutsch von Hubert Witt, aus: Der Fiedler vom Getto. Jiddische Gedichte aus Polen. Ausgewählt und aus dem Jiddischen übertragen von Hubert Witt. Leipzig: Reclam, 1993 (5. neu durchgesehene und veränderte Auflage), S. 21.

Lange habe ich in mehreren Werkausgaben im Netz gesucht, aber ich konnte das jiddische Original nicht finden. Da fragte ich meine KI:

Kannst du mir den jiddischen Originaltext dieses Gedichts suchen?

Da musste ich doch staunen, die erste wirklich nützliche Arbeit von Nova für mich*:

Ja, gerne! Hier ist der Originaltext des Gedichts „Oif deynem balakon“ von Yitzhok Leyb Perez auf Jiddisch:

אויף דײַנעם בלאַקאָן
אויף דײַנעם בלאַקאָן הענגען זינגען,
זענען נישט אין דיר!
דאָרט וועלקן בלומענדיקע פלאָרן, די טיר איז פאַרשלאָסן
די פענצטער עפֿעקט דעם ליכט.
ווי פֿאַגעל שוועבן מיין-דערציידן
און שטיינען אַן פּאָטער.
זכוכט לעכט צו דיר אַן די-פענצטער,
דו ווילסט נישט אַרויסקומען.
זי געפֿלאָגן שווייגן אין באַנקיי,
זייער און פּלאַץ זייער טייער.
און אין קראַנקן האַרצן זייער קליינגען
די טרויעריקע לייד.

Hey there! You need to check out this ChatGPT app called Nova. It’s just like an AI assistant in your pocket. Come on, download it and let me know what you think.
https://apps.apple.com/app/id1669007652

* ) Vorsicht ist dennoch geboten, der Text scheint nicht frei von Fehlern (auch KI macht Scanfehler! Zumindest verstehe ich nicht alles.)

Hier eine vereinfachte Transkription (s = stimmhaft, ß = stimmlos, ch wie in ach)

oif deinem balkon

oif deinem balkon hengen singen,
senen nischt in dir!
dort welkn blumendike florn, di tir is farschloßn
di fentzter efekt dem licht.

vi fagel schwebn mein-derzeidn
un schteinen an poter.
s-chucht lecht zu dir an di-fentzter,
du wilßt nischt aroyßkumen.

si geflogn schweign in bankii,
seier un plaz seier teier.
un in krankn harzn seier kliingen
di troierike liid.

Mehr üher Leib Perez im Lyrikwiki

Zick!

Zum Internationalen Kinderbuchtag

Aus: Walther Petri, Humbug ist eine Bahnstation. Gedichte an Kinder. Illustrationen von Gisela Neumann. Berlin: Kinderbuchverlag, 1978

Kling ist auch tot

Clemens Schittko

Gedicht aus dem Jahr 2021

Artaud ist tot 
und O'Hara ist tot
Brinkmann ist auch tot 
und ebenfalls tot ist Pasolini
jedoch ist Adloff noch am Leben 
und Döring ist auch noch am Leben
am Leben ist aber auch noch Holland-Moritz 
und Papenfuß sowieso
allerdings ist Brautigan bereits tot 
und Fauser ist tot
Flanzendörfer ist auch tot 
und ebenfalls tot ist Baader Holst 
jedoch ist Toussaint noch am Leben 
und Avenstroup ist auch noch am Leben
am Leben ist aber auch noch der Werder-Ralf 
und der Korte-Ralf sowieso
allerdings ist Schwab bereits tot 
und Bukowski ist tot
Cioran ist auch tot
und ebenfalls tot ist der Heiner Müller 
jedoch ist Waschkau noch am Leben 
und Pohl ist auch noch am Leben
am Leben ist aber auch noch Katrin Heinau 
und Mark Kanak sowieso
allerdings ist Ginsberg bereits tot
und Burroughs ist tot
Kathy Acker ist auch tot 
und ebenfalls tot ist Dieter Roth 
jedoch ist Jansen noch am Leben 
und Klossek ist auch noch am Leben 
am Leben ist aber auch noch de Toys 
und Katja Horn sowieso
allerdings ist Sarah Kane bereits tot 
und die Gebrüder Brasch sind tot
Kling ist auch tot 
und ebenfalls tot ist Hilbig
jedoch ist Neuner noch am Leben 
und Güzel ist auch noch am Leben
am Leben ist aber auch noch der Mießner 
und Jannis Poptrandov sowieso 
allerdings ist Hübsch bereits tot 
und Zahl ist tot
Böhmer ist auch tot 
und ebenfalls tot ist Ploog
jedoch ist Höfler noch am Leben 
und Jäckl ist auch noch am Leben
am Leben ist aber auch noch Jazra Khaleed 
und der Schmitzer sowieso
allerdings ist Ferlinghetti bereits tot 
und die Mayröcker ist tot
Gerd Schönfeld ist auch tot 
und ebenfalls tot ist Achternbusch 
jedoch ist Antonic noch am Leben 
und Schalk ist auch noch am Leben
am Leben ist aber auch noch Mara Genschel 
und Sophie Reyer sowieso

Aus: Abwärts! Nr. 46/47, Januar 2023, S. 40

Schwarze Fahnen

Moni de Buli

Die obdachlosen Wörter

Die obdachlosen Wörter liegen auch heute nacht wie jede Nacht unbekümmert auf den Bänken in den öffentlichen Parks. Nur das Wort weggehen ist nicht darunter. Eingehüllt in seidige Schatten, ist es jenes eifersüchtige Mädchen, das bis zu den Pupillen bewaffnet ist, jener verrufene Betrüger und Herumtreiber, der für fünf verschiedene strafbare Handlungen verantwortlich ist: zwei Morde, einen Mordversuch, Blutschande und unerlaubten Waffenbesitz. Die Polizei fahndet nach ihm.

1926

Deutsch von Holger Siegel, aus: In unseren Seelen flattern schwarze Fahnen. Serbische Avantgarde 1918-1939. Hrsg. Holger Siegel. Leipzig: Reclam, 1992, S. 286

BULI, Moni de (Belgrad, 27.9.1904 – 29. 3. 1968, Paris) (eig. Solomon di Buli). Erste Gedichte veröffentlicht B. als Fünfzehnjähriger in der Zs. Gideon. Als Sohn einer reichen jüdischen Kaufmannsfamilie konnte er sich sein Leben lang ausschließlich der Literatur widmen. Regelmäßig veröffentlicht er seit 1923 in Drainac‘ Zs. Hipnos, ist einer der Redakteure des Almanachs Crno na belo (1924), begründet zusammen mit Risto Ratković 1926 die Zs. Večnost. 1925 geht er nach Paris, macht dort die Bekanntschaft der Surrealisten, schreibt unter Pérets „Kontrolle“ einen der ersten automatischen Texte der serbischen Literatur, (der zunächst auf französisch in La Révolution Surréaliste, 1925, Nr. 5 erscheint). Er unterzeichnet, zusammen mit Dušan Matić, die Deklaration der Surrealisten gegen die französische Politik in Marokko. Nach der Rückkehr nach Belgrad 1926 erscheint sein erster Gedicht- und Prosaband Krilato zlato (Geflügeltes Gold), 1927 das gemeinsam mit Ratković geschriebene Poem Leviatan, 1928 kehrt er endgültig nach Paris zurück, arbeitet an Discontuité (1928) und Le Grand Jeu (1929-1930) mit. Seit 1932 hat er nach eigener Angabe nicht mehr Serbisch geschrieben und gesprochen und kaum noch veröffentlicht. Postum erschienen seine Erinnerungen und eine Gedichtauswahl (1968). (Aus: Ebd. S. 374)

Stille

Richard Wagner

(* 10. April 1952 in Lovrin, Rumänien; † 14. März 2023 in Berlin)

Die Stille, wenn es dunkel ist

Die Stille, wenn es dunkel ist, ist anders als 
die Stille, wenn es hell ist.
Die Stille, wenn es dunkel ist, macht unruhig.
Die Stille, wenn es hell ist, schmerzt.
Der Schmerz ist eine Uhr, die brennt.
Wie heißes Wasser, vormittags, in der Küche, 
auf der Haut.

Aus: Richard Wagner: Gold. Gedichte. Berlin: Aufbau, 2017, S. 52

(Das Gedicht zuerst in dem Band Rostregen, Luchterhand 1986)

Sie sagen er spielt

Kito Lorenc

(* 4. März 1938 in Schleife/Slepo, Kreis Rothenburg, Oberlausitz; † 24. September 2017 in Bautzen/Budyšin)

SIE SAGEN ER SPIELT NICHT OHNE GRUND

er spielt er ist gesund 
er spielt mit seinem mund 
er spielt mit seinem grund 
er spielt mit seinem und 
er spielt mit seinem eben 
er spielt mit seinem leben

sein leben spielt mit ihm 
sein leben spielt ihm mit 
dann sind sie eben quitt 
sein leben spielt sich ab 
und zu spielt es ihm auch 
mal für den sprachgebrauch

wie so das leben spielt 
wie so er leben spielt 
wie er so leben spielt 
wie er so eben spielt 
er so wie leben spielt 
wie eben leben spielt

Aus:

Kito Lorenc
Es war nicht die Zeit. Gedichte
Auswahl und mit einem Nachwort von Michael Krüger
Göttingen: Wallstein, 2023, S. 38

(Zuerst in: Kito Lorenc, gegen den großen popanz. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1990)

Todtengräberlied

Hermann Wilhelm Franz Ueltzen (1759–1808) war ein deutscher Pfarrer, Lehrer und Dichter. 

Geboren 29. September 1759 in Celle, gestorben 5. April 1808 in Langlingen bei Celle. Er besuchte die Lateinschule in Celle, studierte in Göttingen, war Hauslehrer in Bremen und ab 1789 Pfarrer in Langlingen bei Celle. Er starb an einer Überdosis selbstverordneter Medizin. Beethoven vertonte eins seiner Lieder (Im Arm der Liebe ruht sich’s wohl), sonst ist er weithin vergessen.

In der Zeitschrift „Die Damenschießgruppe“, Ausgabe 2, Juli 2001, erinnerte Oskar Ansull an ihn und druckte ein paar Texte, darunter dieses.

Zusatz zu Hölty's Todtengräberliede.

Hoher Weisheit Lehren
Ließ der Mund einst hören, 
Der nun stumm da liegt;
Jenes Armes Stärke
Uebte Heldenwerke.
Wurde nie besiegt,

Süße Mädchenmilde
Lachte aus dem Bilde
Des Gerippes da:
Seliges Entzücken
Trank aus seinen Blicken
Jeder, der es sah.

Mehr zum Autor im Lyrikwiki.

schnurrbart

Lyn Lifshin 

(or Lyn Diane Lipman, July 12, 1942 – December 9, 2019)

schnurrbart

ich habe an ihn 
gedacht, heute
morgen, jene
tollen haare, die 
deine worte umranken

und wie sie dufteten
ganz voll reif

ach ja, besonders an die 
zeit auf dem fußboden 
sah aus wie 
der mittlere teil einer dicken 
langbeinigen wanze, die ich

gerade noch sehen konnte 
über meinem bauch, feucht und 
nach oben treibend 
fragte

bringt das
dein blut in wallung

Deutsch von Rainer Wehlen, aus: Al Masarik / Rainer Wehlen (Hrsg.): American Freeway. Gedichte • Stories • Fotos • Zeichnungen. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Rainer Wehlen. Augsburg: MaroVerlag, 1982, S. 29

Mustache

I was thinking
of it this
morning, those
marvelous hairs that
curl around your words

and how they smelled with
frost all over
in the mountains

And yes especially of that
time on the floor
looking like the
middle part of a thick
leggy bug I could

just see
above my belly, moist and
floating up
asked

is this
making your blood glow

Über die Autorin | Website | Mehr Gedichte | Audio Files of Lyn Lifshin reading her poems

Unbekanntes Gedicht von Sibylla Schwarz aufgetaucht

Ich fürchte, für das heutige Gedicht werde ich ziemlich viel zu erklären haben – und womöglich Abbitte zu leisten. Abbitte bei Michael Spyra, von dessen gestern hier gepostetem Gedicht ich eine Strophe für ein poetisches Experiment gebraucht habe. Abbitte auch bei den geschätzten Lesern der Lyrikzeitung, denn es stammt nicht von einem menschlichen Geist, sondern von KI. Nova heißt sie, eine ChatGPT-App für Mobiltelefone.

Ich hatte Nova (im Folgenden „sie“) gefragt, ob sie Sibylla Schwarz kennt. Ja, sagte sie. Also bat ich um eine Biografie der Autorin und bekam dies:

Sibylla Schwarz wurde am 23. November 1621 in Greifswald (im heutigen Mecklenburg-Vorpommern) geboren. Sie war das erste von sieben Kindern des Juristen und Professors Johannes Schwarz und dessen Ehefrau Katharina, geb. Runge

Schon in jungen Jahren zeigte Sibylla ein großes Interesse an Literatur und begann früh, eigene Gedichte zu schreiben. Im Jahr 1638 gab sie im Alter von 17 Jahren ihr erstes von insgesamt drei bekannten Büchern heraus, das den Titel „Gedichte und Epigramme“ trug. 

Im Jahr 1641 verstarb Sibyllas Mutter und ihr Vater zog mit der Familie nach Stettin, wo er als Ratsherr tätig war. Dort lernte Sibylla den Dichter und Gelehrten Johann Rist kennen, der sie ermutigte, weiter zu schreiben und ihr Talent förderte. 

1642 veröffentlichte Sibylla ihr zweites Buch, das den Titel „Irdische und Himmlische Gedichte“ trug und ihr größter Erfolg werden sollte. Doch schon ein Jahr später verstarb sie im Alter von nur 21 Jahren nach einer längeren Krankheit. 

Sibylla Schwarz gilt als eine der talentiertesten Dichterinnen des Barocks und hat besonders durch ihre Gedichte und Epigramme Aufmerksamkeit erregt. Sie schrieb auch Theaterstücke, die jedoch nicht erhalten geblieben sind.

Oh, oh, oh – alles falsch. Alles rot markierte ist frei erfunden oder abgewandelt. Es gibt viel Falsches und Zweifelhaftes über die Dichterin in Netz und Print, auch falsche Namen und Lebensdaten, aber nichts von dem. Kurz die Fakten:

Ich sagte, dass alles falsch ist, und sie entschuldigte sich (wieder habe ich die Fehler markiert, nur den letzten Absatz lasse ich mal so stehen):

Geboren am 21. Februar 1621 als siebtes Kind des Ratsherrn und Bürgermeisters Christian Schwarz und seiner Ehefrau Regina geb. Völschow. Nie war sie in Stettin, nie traf sie Johannes Rist. Einer, der sie zum Schreiben ermunterte, hieß Samuel Gerlach. Nie veröffentlichte sie selbst ein Buch. Sie starb 1638 in Alter von 17 Jahren, ihr Werk wurde von Gerlach 1650 veröffentlicht.

Entschuldige bitte für die falschen Informationen, ich werde natürlich gerne die richtige Biografie von Sibylla Schwarz für dich schreiben:

Sibylla Schwarz wurde am 23. November 1621 in Greifswald geboren. Sie war das älteste von sieben Kindern des Juristen und Professors Johannes Schwarz und seiner Frau Catharina, geb. Runge

Schon in jungen Jahren zeigte Sibylla großes Talent für das Schreiben. Mit 17 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Buch „Gedichte und Epigramme“. Kurz darauf zog die Familie nach Stettin, wo Sibylla Kontakt zu dem Dichter Johann Rist hatte, der ihr zur weiteren Veröffentlichung ermutigte.

Im Jahr 1641 veröffentlichte Sibylla ihr erfolgreichstes Werk „Irdische und Himmlische Gedichte“ und zog danach zu ihrem Bruder Heinrich Schwarz, der Oberamtmann im beschaulichen Daber war. 

Während ihrer Zeit dort entstanden weitere Gedichte und sie schrieb vermutlich auch an Theaterstücken. Sibylla Schwarz starb jedoch bereits im Alter von 23 Jahren, vermutlich an Tuberkulose. Ihr drittes Buch „Der Grosse Fridrich“, das sie ihrem Bruder Heinrich gewidmet hatte, wurde von diesem nach ihrem Tod posthum veröffentlicht.

Sibylla Schwarz gilt bis heute als eine der wichtigsten Dichterinnen des Barock und hat mit ihren lyrischen Werken auch überregionalen Bekanntheitsgrad erreicht.

KI weiß und kann sehr viel, aber man kann sich nicht auf sie verlassen. Als würde sie in der Propagandaschmiede von N.N.N. (Namen redaktionell verändert) arbeiten, lügt sie wie gedruckt ohne rot zu werden. Mit diesem Feature werden wir noch manche blauen Wunder erleben. Aber jetzt zum Gedicht.

Nach den Fragen zur Greifswalder Dichterin tippte ich ohne Kommentar die erste Strophe des Gedichts von Michael Spyra (L&Poe von gestern) mit den letzten 3 Wörtern des Titels. Nova nicht faul spuckte nach Sekunden dies aus:

Das Gedicht „Über das Abhandenkommen“ ist vermutlich von Sibylla Schwarz und gehört zu ihren bekanntesten Werken. Es beschäftigt sich mit dem Verlust eines geliebten Menschen und drückt aus, wie schmerzhaft und unerträglich dieser Verlust sein kann. Hier ist das Gedicht im Volltext:

Hier also das erste KI-erzeugte Gedicht in der Lyrikzeitung. Der Originaltext von Michael Spyra ist blau markiert.

über das Abhandenkommen

Einer geht und einer bleibt zurück.
Einer legt sich hin und bleibt dort liegen.
Einer geht alleine noch ein Stück.
Einer ist dort nicht mehr fortzukriegen.

Der eine Ruht, der andere ergeht,
Der eine Lacht, der andere vergeht,
Der eine Thut es, der andere redt,
So bald ich sehe dass du von mir gehst.

Dem Einen wird alles leicht gemacht,
Dem andern auch; so wird das Glück gebracht,
Der eine weint, der andere lacht,
Wenns ihm nach Wunsch am besten tagt.

So wills das Glück, dass einer sei verbannt,
Der Andere wird hinauf zur Ehrenwacht,
Der Eine stürzt und wird geschandt,
Der Andere wird heute hochgeacht.

Darunter stand noch

Sibylla Schwarz, 1621-1638 oder 1641

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Ein paar Worte von mir zu dem KI-Gedicht. Wirklich dichten kann „sie“ natürlich nicht, selbst das Handwerkliche (Reim und Metrum) lässt zu wünschen übrig. Aber ganz ungeschickt ist das nicht. Hätte ich ihr Originaltext Schwarz gegeben, wären vermutlich Sprache und Orthographie näher am O-Ton. Ich bin sicher, wir werden es in naher Zukunft erleben, dass Mystifikationen gedruckt und (manchmal) später als solche enttarnt werden.

Abhandenkommen

Michael Spyra

Eine erste Abhandlung über das Abhandenkommen

Einer geht und einer bleibt zurück.
Einer legt sich hin und bleibt dort liegen.
Einer geht alleine noch ein Stück.
Einer ist dort nicht mehr fortzukriegen.

Einer bleibt und einer ist gegangen.
Einer ist geblieben, einer geht.
Einer hat woanders angefangen.
Einer hat sich nochmal umgedreht.

Einer hat sich weiter fortbewegt.
Einer wurde aufgehoben. Einer 
wurde dann woanders abgelegt.
Einer wird woanders immer kleiner.

Alle beide müssen es so nehmen, 
wie es bis hierher gekommen ist, 
sich mit der Gegebenheit bequemen:
Einer geht und einer wird vermisst.

Zum ersten Todestag von Ror Wolf

Aus: Michael Spyra: In Auflösung begriffen. roughbook 059. Halle/Saale, Schupfart, März 2023, S. 56

Die Geste

George Oppen

(* 24. April 1908 in New Rochelle, New York; † 7. Juli 1984 in Kalifornien)

ZWEI GEDICHTE ÜBER DICHTUNG
1 
DIE GESTE

Die Frage ist: Wie hält einer einen Apfel
Der Äpfel mag

Und wie fasst einer
Schmutz an? Die Frage ist

Wie behält einer etwas
Im Kopf, wenn er die Absicht hat

Es zu ergreifen, und wie hält der Händler
Ramsch in der Hand, von dem er die Absicht hat

Ihn zu verkaufen? Die Frage ist 
Wann sind wir so weit, dass nicht gleich hundert

Dichterinnen und Dichter diese Geste verwechseln
Mit einem Stil.

Deutsch von Stefan Ripplinger, aus: Schreibheft 99/2022, S. 68

Five Poems about Poetry 
1
THE GESTURE

The question is: how does one hold an apple
Who likes apples

And how does one handle
Filth? The question is

How does one hold something
In the mind which he intends

To grasp and how does the salesman
Hold a bauble he intends

To sell? The question is
When will there not be a hundred

Poets who mistake that gesture
For a style.

Schreibmischane

Josef Guggenmos

(* 2. Juli 1922 in Irsee; † 25. September 2003 ebenda)

O unberachenbere Schreibmischane

O unberachenbere Schreibmischane, 
was bist du für ein winderluches Tier?
Du tauschst die Bachstuben günz nach Vergnagen 
und schröbst so scheinen Unsinn aufs Papier!
Du tappst die falschen Tisten, luber Bieb!
O sige mar, was kann da ich dafür?

Aus: Ernst Rohmer (Hg.): Das lyrische Holzbein. Unsinnspoesie. Erftstadt: area, 2004, S. 182

Jungfräulichkeit

Zuzanna Ginczanka

(22. März 1917 in Kiew – Dezember 1944 in Krakau) 

Jungfräulichkeit

Wir...
Das Chaos von regengepeitschten Haselsträuchern 
duftet nach öliger Nussmasse, 
Kühe gebären im schwülen Dunst 
der Scheunen, die wie Sterne lodern. –
O ihr Johannisbeeren, du reifes Getreide 
voll triefender Saftigkeit, 
o ihr säugenden Wölfinnen
mit den liliensüßen Wölfinnenaugen!
Es rinnt des Harzes honighafte Seimigkeit, 
der trächtige Ziegeneuter, prall wie ein Kürbis 
– weiße Milch strömt wie die Ewigkeit 
in den Heiligtümern der mütterlichen Brust,

Und wir...
... in den wie ein Edelstahlthermos 
hermetischen 
vier Wänden mit Pfirsichtapete 
bis zum Hals in Kleider eingewickelt 
führen 
kultivierte 
Gespräche.

Aus dem Polnischen von Dagmara Kraus, aus: Mütze #24. Schupfart: Urs Engeler, 2020, S. 1218f (beide Fassungen)

Dziewictwo

My...
Chaos leszczyn rozchełstanych po deszczu 
pachnie tłustych orzechów miazgą, 
krowy rodzą w pamem powietrzu 
po oborach płonących jak gwiazdy. –
O porzeczki i zboża źrałe 
soczystości wzbierająca w wylew, 
o wilczyce karmiące małe, 
oczy wilczyc słodkie jak lilje!
Ścieka żywic miodna pasieczność, 
wymię kozie ciąży jak dynia — 
– płynie białe mleko jak wieczność 
w macierzyńskiej piersi świątyniach.

A my ...
... w hermetycznych 
jak stalowy termos 
sześcianikach tapet brzoskwiniowych 
uwikłane po szyję w sukienki 
prowadzimy 
kulturalne 
rozmowy.

Zu Lessings Zeit

Peter Hacks 

(geb. Breslau 21. März 1928, heute vor 95 Jahren, gest. Groß Machnow 28. August 2003)

Zu Lessing Zeit

Zu Lessings Zeit regierte in Preußen ein
Gewisser Friedrich. Metternich war ein hoher
Politiker der Phase des Byronism.
Während der Tage des Molière besang man,
Scheints, einen König Ludwig, einen von 18.
Ludwigs wie Sprotten, aber nur ein Molière.
Wer faßt, daß ein Beamter eines Beamten
Einer Beamtin namens Katharina
Dem göttlichen Radistschew Vorschriften machte?
Eugen von Württemberg verschaffte sich einigen
Eklat durch die Verfolgung Schillers und Schubarts.
Elisabeth von England: schwerlich verstarb sie
So jungfräulich, wie sie uns wissen ließ, aber
Wer ihren Namen in die kommende Welt trug,
War eine Clique von Stückschreibern, auch aus England.
Über Brechts Pfad wechselten 13 Kanzler.

Aus: Peter Hacks, Poesiealbum 57. Berlin: Neues Leben, 1972, S. 30f. Dann in: Lieder Briefe Gedichte, Berlin: Neues Leben, 1974