Wiktorija Amelina
(ukrainisch Вікторія Юріївна Амеліна; * 1. Januar 1986 in Lwiw; † 1. Juli 2023 in Dnipro)
Sirenen Luftalarm für das ganze Land Es fühlt sich an, als müssten jetzt alle raus Zu ihrer Hinrichtung Aber treffen wird es nur eine Person Gewöhnlich die ganz am Rande Dieses Mal bist du es nicht; Entwarnung 5. April 2022
Nach Anatoly Kudryavitskys englischer Fassung ins Deutsche übertragen von Michael Augustin.
Die 37jährige ukrainische Schriftstellerin Wiktorija Jurijiwna Amelina aus Lwiw starb am vergangenen Sonnabend im Mechnikov-Krankenhaus von Dnipro an ihren schweren Verletzungen, die sie bei dem russischen Angriff auf ein Restaurant in Kramatorsk am 27. Juni erlitten hatte. Sie ist das 13. Todesopfer des Angriffs, bei dem auch der kolumbianische Schriftsteller Hector Abad Faciolince sowie der ehemalige Friedensbeauftragte des Landes, Sergio Jaramillo, verwundet wurden.
Auf der Seite des ukrainischen PEN habe ich den Originaltext gefunden:
Тривога Повітряна тривога по всій країні Так наче щоразу ведуть на розстріл Усіх А цілять лише в одного Переважно в того, хто скраю Сьогодні не ти, відбій 5 квітня 2022
Sie nannte sich eine «Kriegsverbrechen-Forscherin», doch nun ist die ukrainische Schriftstellerin Wiktoria Amelina selbst Opfer eines Kriegsverbrechens geworden. In Kramatorsk zerstörten die Russen ein Restaurant, wo sich gerne auch Intellektuelle und Journalisten trafen. (…) Erste Analysen deuten darauf hin, dass die russischen Streitkräfte höchstwahrscheinlich eine Iskander-Rakete für den Angriff verwendet haben. Diese besitze eine hohe Treffsicherheit – die Russen wussten also genau, was sie treffen wollten. / Neue Zürcher Zeitung, https://www.nzz.ch/feuilleton/gezielter-raketenangriff-auf-intellektuellen-lokal-in-kramatorsk-ld.1745190

Nachruf in der FAZ / im Deutschlandfunk (Audio) / im Spiegel / beim ukrainischen PEN-Club (engl.)
Ihre Facebookseite mit vielen Texten (auch Gedichten) und Fotos.

In dieser Ausgabe: EDITORIAL | NEUE TEXTE (Lange) | ALTER TEXT | DOSSIER: (EXPERIMENTELLES) ÜBERSETZEN (Lange) | BETRACHTUNG UND KRITIK (Ames/Spyra, Ames, Engelhardt) | TABU
Journal #03 ist eröffnet und wird in den nächsten Monaten in Einzelbeiträgen in loser Folge erscheinen. Es gibt neue und alte Texte, die Rubrik TABU wird weitergeführt, nicht nur und nicht zuletzt mit dem LESETABU Ulysses. Ein Dossier zu experimenteller Übersetzung begann mit einem Text von Norbert Lange. L&Poe Journal bildet die dritte Säule der Lyrikzeitung neben dem Archiv aus 20 Jahren Lyrikzeitung und dem Gedicht des Tages, wie immer (fast) täglich um 6 Uhr in der Früh. L&Poe Journal freut sich auf neugierige Leserinnen und Leser. Mehr
Ich Sternegroß zieh gerne Sterne groß. Die Bienen säuseln: Trottel,
werd’s dir zeigen, da! Auf deine Denkerstätte knall ich dir eine,
dass nicht mehr gradestehest du – wohl verschluckt an einer Gräte, uff!
Bescheuerte Pläne bescheuerter Sphingen zitternder Stimmen
hirnverbrannter Stämme, schütterer Schwall von vergehend-sauverkehltem Stuss! / Mehr
Wie gut, dass nicht jeder ein Spindoctor ist. Wenn jeder aber als Interessenvertreter der eigenen Sprachenverwirrung auftritt, muss man sich die Frage stellen, was Verstehen dann noch ist? Welchen Sinn hätte die Information einer Mitteilung noch, außer den, von allen nicht verstanden zu werden, doch verstanden werden zu wollen? Es ist ein naiver Gedanke, weil der Vorrang von Affekten vor Fakten schon mal in einen Verstehensfuror entgleiten und zum Verlangen eskalieren kann, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Später werden Kapitole gestürmt und Menschen auf öffentlichen Plätzen eingepfercht. Wenn Verstehen darin gipfelt, sich gegenseitig für verrückt zu erklären und aufeinander loszugehen, müsste man nicht denken, dass Aussagen weniger Gewicht haben als die Handlungsweisen, zu denen sie führen? Man bräuchte auf jeden Fall eher psychologisch als übersetzerisch geschultes Personal, um die Interessenlage umzukehren und begreiflich zu machen, dass es bei einer Differenz weniger darauf ankommt, verstanden zu werden, als verstehen zu wollen. / Mehr
Ein Mailwechsel (Teil 2)
Ja, jetzt hat dieser Briefwechsel tatsächlich was Knackiges, find ich und auch persönlich. Das macht mir Freude und vielleicht kommen wir hier doch noch auf eine Lösung, die mehr ist als: „Man muss einfach sein Ding machen und die Arschgeigen geigen lassen.“ / Mehr
Die Idee eines Schreibens, das das Denken aufzeichnet – statt nur gediegene Resultate abzubilden – war bereits vor hundert Jahren dem mittlerweile wieder als Skandalkünstler geltenden Hugo Ball einen Eintrag wert in sein später unter dem Titel ‘Sturz aus der Zeit’ publizierten Diarium, nämlich als „Kunst und den Kunstgesetzen untergeordnet zu sein: falls man seine Aufmerksamkeit dahin lenkt, gewisse Gedanken und Gedankenreihen aufzuschneiden; Grenzen zu ziehen; nur gewissen Wahrnehmungen Raum und Stoff zu geben, andere zu vermeiden.“ (Eintrag vom 7. September 1917)
Vom Stadtrand Zürichs aus setzt Elisabeth Wandeler-Deck diese Überzeugung Balls um. / Mehr
von Elke Engelhardt zur Klagenfurter Rede zur Literatur 2023 von Tanja Maljartschuk
Denn das Schlimmste ist, dass die Sprache, die Geschichten und die Poesie scheinbar immer den bösen Mächten der Wirklichkeit unterlegen sind. Lange Jahre hat Maljartschuk zu einem verheerenden Massaker in ihrem Heimatort geforscht. Dort wurden jüdische Menschen zusammengetrieben und verbrannt. In einem Feuer, das acht Stunden lang brannte. Es gab lediglich einen einzigen Überlebenden. Und es gab das völlige Schweigen über diese Tat. Mehr
Günter Bruno Fuchs
(* 3. Juli 1928 in Berlin; † 19. April 1977 ebenda)
Anfrage des Gryphius
Hier braucht niemand zu suchen? Nicht Erde
gabs, Wasser nicht, Fische? Gabs Ufer nicht, Kinder
die Blumen? Nicht Sonne, Regen und Wolken
machten das Jahr? Und Nächte wie Tage? Nicht Mütter
schöne Gesichter beim frühen Schrei ihrer
Kinder? Und Frühling, Sommer, Herbst, Winter, viel
Hoffnung, Ernte, viel Schlaf, die schönen Gesichter?
Kriege,
der letzte zerschlug sie? Kinder die Blumen? Schönen
Gesichter? Leises Gespräch? Alle Gedichte?
Aus: Günter Bruno Fuchs: Gedichte und kleine Prosa. München, Wien: Hanser, 1992, S. 172
Wisława Szymborska
(* 2. Juli 1923 in Prowent; † 1. Februar 2012 in Krakau)
Vokabeln
La Pologne? La Pologne? Dort ist es bitterkalt, nicht wahr? fragte sie mich und seufzte erleichtert auf. Denn dermaßen viele Länder gibt es inzwischen, daß harmlosester Gesprächsgegenstand heute das Wetter ist.
O Madame, möchte ich ihr entgegnen, in meinem Land schreiben die Dichter behandschuht. Ich behaupte nicht, daß sie die Handschuhe nie ausziehen; wenn sie der Mond wärmt, dann tun sies. In Strophen, zusammengesetzt aus großem Gelärm, denn nur dieses Getöse durchdringt das Heulen des Sturmwinds, singen sie einfaches Sein, Seehundhirtendasein. Klassiker wühlen mit Tintenfederspeer in eingestampfter Verwehung aus Sand. Die restlichen nämlich, die Dekadenten, beweinen das Schicksal des Schneesterns. Wer sich ertränken will, braucht die Axt, um ein Eisloch zu schlagen. O Madame, hochverehrte Madame.
So will ich parieren der Dame, aber ich habe vergessen, wie Seehund französisch heißt, und ich bin mir des Eislochs ebensowenig sicher wie der Eignung des Tintenfederspeers.
La Pologne? La Pologne? Dort ist es bitterkalt, habe ich recht?
Pas du tout, sage ich eisig.
Aus dem Polnischen von Jutta Janke, aus: Wisława Szymborska: Vokabeln. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1979, S. 33
Słówka
La Pologne? La Pologne? Tam strasznie zimno, prawda? spytała mnie i odetchnęła z ulgą. Bo porobiło się tych krajów tyle, że najpewniejszy jest w rozmowie klimat.
O pani – chcę jej odpowiedzieć – poeci mego kraju piszą w rękawiczkach. Nie twierdzę, że ich wcale nie zdejmują; jeżeli księżyc przygrzeje, to tak. W strofach złożonych z gromkich pohukiwań, bo tylko to przedziera się przez ryk wichury, śpiewają prosty byt pasterzy fok. Klasycy ryją soplem atramentu na przytupanych zaspach. Reszta, dekadenci, płaczą nad losem gwiazdkami ze śniegu. Kto chce się topić, musi mieć siekierę do zrobienia przerębli. O pani, o moja droga pani.
Tak chcę jej odpowiedzieć. Ale zapomniałam, jak będzie foka po francusku. Nie jestem pewna sopla i przerębli.
La Pologne? La Pologne? Tam strasznie zimno, prawda?
Pas du tout odpowiadam lodowato.
Liao Yiwu
WORTE
Ich sage, lass die Finger von diesen Gedichten, den Steinen, der Sonne, dem Wasser, den erfundenen Himmeln, ich sage, kümmere dich um die zaghaften Hände. In ihnen ist jedes Schriftzeichen gewachsene Haut, sie stellen sich selbst zusammen, vollenden einen schönen Menschen, ein unerreichtes Meisterwerk, aber bevor sie Mensch und Meisterwerk vollenden, sind sie alt, schwach, hauchdünn.
Als werde Seide zerrissen, sprichst du schweigend einen Vers, als werde ein Stück Haut verletzt, du wirst sehen, wie die Wunde anschwillt, rot, wie sie eitert, größer wird, am Ende verfault dein Idol bei lebendigem Leibe. Das Schöne ist dünn, immer, hauchdünn wie gut klingende Worte, Papier etwa, Schnee, Federn, Seide, Blütenblätter, Wei Li und Fei Fei. Was du besitzen willst, lässt sich nicht besitzen. Hinter der zerstreuten Schönheit Leere, endlose, schweigende Leere, Schönheit ist Leere, blendende Leere.
Ich sage, kümmere dich um die zaghaften Hände!
Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann, aus: Liao Yiwu, Massaker. Frühe Gedichte. hochroth Berlin, 2011, S. 4.
Das chinesische Original erschien zuerst 1993 in Sichuan unter dem Titel „Postobskure Dichtung“.
Liao Yiwu 2023
Liao Yiwu (chinesisch 廖亦武, Pinyin Liào Yìwǔ, * 4. August 1958 in Yanting, Sichuan)
Wegen eines Gedichts über das Massaker auf den Tian’anmen-Platz in Peking im Juni 1989 wurden er und seine schwangere Frau verhaftet, Liao wurde wegen „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe“ zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. 2011 konnte er über Vietnam nach Deutschland fliehen, wo er seitdem im Exil lebt.
„Matthias“ BAADER Holst
(* 17. Mai 1962 in Quedlinburg; † 30. Juni 1990 in Berlin)

Aus: „Matthias“ BAADER Holst, hinter mauern lauern wir auf uns. Drei Textsammlungen und verstreute Texte aus den inoffiziellen und offiziellen Publikationen bis 1990. Neu herausgegeben von Tom Riebe. Halle/Saale: Hasenverlag, 2010, S. 37
Vor dem ersten Buch: Sasha Petruk
Aufkunft Als ich einmal zum ersten Male meiner Haut entsprang und Meine Felle spreizte wie ein Gefieder der Vogel der fern in mir sich verbarg Willst du sprachst du oder zwing ich dich einfach wie ich gezwungen worden bin Ich weiß es nicht Kywitt sang es in mir und will es auch hinfort Nicht wissen ist eine feste Burg sie stehet weil sie stehet
Stanislav Kostka Neumann
(* 5. Juni 1875 in Prag; † 28. Juni 1947 ebenda)
ERDE Welche Wonne, Erde, einzusenken Hand und Finger feucht in deinen Lehm, (wenn sie auch des Schoßes nackter Fraun gedenken, jedem ihrer Winkel angenehm). In der Scholle wallt geheimes Leben um die Finger, die vergraben sind, wie wenn frei die braune Brust du geben Liebste, Mutter, wolltest, mir: dem Mann, dem Kind. Und ich zittre, wie ein Weib im Stillen, da der Mann es reißt an seine Brust; und ich liebe dich nach deinem Willen: sehend, fühlend, atmend und mit Sinnenlust.
Aus dem Tschechischen von Rudolf Fuchs, aus: Jüngste tschechische Lyrik. Eine Anthologie. Hg. Pfemfert, Franz. Berlin-Wilmersdorf: Die Aktion, 1916, S. 78
Mikhl Likht
(Jidd. מיכל ליכט, deutsch auch: Michel Licht; * 30. Juni 1893 im Dorf Plisk, Distrikt Kremenits, Wolhynien; † 10. Juni 1953, New York)
(A) Wie viel Frühlinge wurden schon besungen (mit Schick!) Von unseren Dichtern – wo nicht? Überall: Ein Lied – ein Fünfrubelstück, ein Lied – ein Fünfdollarstück Ein Lied ohne Honorar in einem »jungen« Journal.
(A) Vifl frilings bazungen shoyn zenen (mit shik!) Fun undzere dikhter – vu nit? Iberal: A lid – a finfrublshtik, a lid – a finfdolershtik, A lid honorarloz in a »yungn« zhurnal.
Aus: Mikhl Likht_ Prozession fünf. Protsesye finf. Aus dem Jiddischen transkribiert und übersetzt von Ildi Kovács, Maimon Maor und Hans Thill. Epilog von Julian Levinson. hochroth Heidelberg 2022, S. 20f
Ein Gewisser wusste alle religiösen Bücher auswendig, hatte aber wenig Geist. Bei seinem Tode sang ein Gelehrter folgendes Trauerlied:
Ach, armer Korb, voll von Büchern, dahin! Megilla 28 b.
Aus: Das Buch der jüdischen Weisheit. Parabeln, Legenden und Gedanken aus Talmud und Midrasch. Gesammelt von Giuseppe Levi. Aus dem Urtext übersetzt von Ludwig Seligmann. Wiesbaden: Fourier, o.J. (Dreieich: Abi Melzer Productions, 1980. Nachdruck der 3. Auflage), S. 318
Carla Cerda
ich hab mir da so ein Gedicht zurechtgelegt, als Reservoir für den Fall einer Nichtdeckung meiner biodiversity credits d.h. ich pflanze eine Platane, sodass jede einzelne Art ihr Äquivalent an anderer Stelle findet. z.B. eingefroren im Text oder innerhalb der mit diesem Text bedruckten Äquatorzone der Himmelskugel also hier oder «hier». im Krater. an den Polkappen. im Hippocampus. Hyperchaos. ich werde dieses Verfahren «grammatische Kompensation» nennen und patentieren lassen. ich werde dieses Verfahren auf alle öffentlichen Grünanlagen Leipzigs anwenden. ich werde die Platane Roberto nennen und die α-Biodiversität auf dieser sogenannten Ausgleichsfläche wird somit direkt vor meinem Balkon über mehrere Zeilen hinweg konstant bleiben. 15 Mio Jahre stagnieren. doch keine Sorge: dieses Gedicht ist eine Übung und irgendwelche Heldìnnen brechen Nacht für Nacht die Zäune auf.
Aus: Carla Cerda, Ausgleichsflächen. Hrsg. Christian Filips. Leipzig, Berlin u. Schupfart: roughbooks, 2023 (roughbook 061), S. 20
Heute vor 100 Jahren starb Edith Södergran, die finnische Dichterin, die in Russland geboren wurde und starb und auf Schwedisch schrieb.
Edith Södergran
(* 4. April 1892 in Sankt Petersburg; † 24. Juni 1923 in Raivola/Karelien, heute Russland)
Tantalus, füll deinen Becher Sind das Gedichte? Nein, es sind Fetzen, Flicken, Schnipsel des Alltags. Tantalus, füll deinen Becher. Unmöglichkeit, Unmöglichkeit. Sterbend einst werf ich den Kranz von meinen Locken in deine ewige Leere.
Deutsch von Brigitte Struzyk, aus: Edith Södergran: Klauenspur. Gedichte und Briefe. Hrsg. Richard Pietraß. Leipzig: Reclam Leipzig, 1990, S. 64.
Tantalus, fyll din bägare Är detta dikter? Nej, det är trasor, smulor, vardagens papperslappar. Tantalus, fyll din bägare. Omöjlighet, omöjlighet, döende kastar jag en gång kransen från mina lockar i din eviga tomhet.
Daß meine Dichtung Poesie ist, kann niemand bestreiten. Daß es Verse sind, will ich nicht behaupten. Ich habe versucht, gewisse widerspenstige Gedichte zu rhythmisieren, und dabei herausgefunden, daß ich die Macht des Wortes und des Bildes nur bei voller Freiheit, das heißt auf Kosten des Rhythmus, besitze. Man nehme meine Gedichte als flüchtige Handzeichnungen. Was den Inhalt betrifft, so lasse ich meinen Instinkt aufbauen, was mein Intellekt abwartend betrachtet. Meine Selbstsicherheit beruht darauf, daß ich meine Dimensionen entdeckt habe. Es steht mir nicht zu, mich kleiner zu machen als ich bin.
Ebd. S. 33
Anne Carson
Was haben wir hier 9 Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, dass ein gewisser sogenannter Perugino die Jahre 1483 bis 1486 damit zubrachte, jenen Teil der Sixtinischen Kapelle mit Fresken zu bedecken, der heute durch Michelangelos Jüngstes Gericht unsterblich ist, und dass dessen Mühen, schonungslos ausgelöscht, Platz machen musste für das kolossalere Genie seines Nachfolgers.
Aus: Anne Carson, Irdischer Durst. Aus dem kanadischen Englisch von Marie Luise Knott. Berlin: Matthes & Seitz, 2020, S. 61.
It is perhaps not widely known that a certain so-called Perugino spent the years 1483 to 1486 covering with frescoes that part of the Sistine Chapel now immortalized by Michelangelo’s Last Judgment, which efforts were ruthlessly effaced to make space for his successor’s more colossal genius.
Aus: Anne Carson, Plainwater. Essays and Poetry. New York: Vintage Books, 2000
Ich bleibe noch beim Gelehrtenstand. Auf indische Philosophen und chinesische Gelehrte folgen österreichische Professoren.
Jura Soyfer
(* 8. Dezember 1912 in Charkow, Russisches Kaiserreich; † 16. Februar 1939 im KZ Buchenwald)
An alte Professoren Ihr wißt ja nicht, ihr strengen, starren, Ihr würdigen, ihr weisen Narren, Ihr wißt ja nie, wie weh ihr tut. Ihr kennt nicht unsre stumme Wut, Ihr hört nicht unsre Zähne knirschen – Stolz, steif unter dem schimmelgrünen Doktorhut. Ihr ahnt nicht, wieviel Knabenträume Sich schwingen aus den dumpfen Räumen Zur himmelblauen Freiheit auf – Und wie ihr kalt und dumm den Jubellauf Zurückreißt in methodenöden Alltag Und schmiert sarkastisch kluge Worte drauf. Ihr habt doch alle längst die Zeit vergessen, Da ihr noch selbst in eurer Bank gesessen, Da euch noch lockten weite, blaue Fernen, Da ihr noch aufwärts wolltet zu den Sternen, Da ihr noch Mädelnamen in die Bank gekratzt Und aufs Katheder streutet Apfelsinenkerne. Wir wissen wohl, das ist für euch vorüber, Wir wissen wohl, die Zeiten wurden trüber. Ganz fern und neblig, schon sehr weit, Ihr alten Herrn, ist eure Jugendzeit. Darum könnt ihr die unsre nicht begreifen, Die gegenwärtige Vergangenheit. Nur manchmal – es sind seltne Augenblicke, Da ruhn durch Brillen eure Blicke Auf uns so eigentümlich: anderswo und starr, Als wenn ein wilder Ruf, ein flatternd Haar In euch was Fernes, Zartes rühre, Das lange, lange her schon war –
Aus: Versensporn 54. Jura Soyfer. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2023, S. 3
An einem langen Tag* kann man wohl auch mal zwei Gedichte lesen. Hier das Zweitgedicht, passend zum Tag. Es ist nicht ohne Härte im Abgang, aber das ist die Natur.
Juni Die Sonne steht nicht still über den Tälern, Gruben. Die Sonne. Die Elster wartet wirr neben den Tonnen, Urnen. Die Elster. Die Zombies laufen flink zwischen den Hecken, Brunnen. Die Zombies. Die Nächte werden wieder länger.
Aus: Àxel Sanjosé, Das fünfte Nichts. Gedichte. Aachen: Rimbaud, 2021, S. 18.
Der morgige Tag hat schon 3 Sekunden weniger, bis Anfang Juli summiert es sich auf eine Minute. Noch bis 1. August dauert** die schon seit Mai anhaltende Phase ohne astronomische Dämmerung (während der die Sonne selbst um Mitternacht weniger als 18 Grad unter dem Horizont steht, so dass man immer noch ein kleines Leuchten im Norden sieht).
*) In Greifswald 17 Stunden, 10 Minuten und 9 Sekunden, in Köln 16 Stunden, 32 Minuten und 17 Sekunden und in München nur 16 Stunden, 4 Minuten und 10 Sekunden, mehr als eine Stunde weniger als im privilegierten Norden.
**) in Greifswald. Die Münchner können nicht mal davon träumen. So grausam ist die Natur. (Aber die Münchner zieht es dann eh in den Süden, wo die Tage noch kürzer sind.)
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