Gottfried Benn
(* 02.05.1886, Mansfeld, † 07.07.1956, Berlin)
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KOMMT Kommt, reden wir zusammen wer redet, ist nicht tot, es züngeln doch die Flammen schon sehr um unsere Not. Kommt, sagen wir: die Blauen, kommt, sagen wir: das Rot, wir hören, lauschen, schauen wer redet, ist nicht tot. Allein in deiner Wüste, in deinem Gobigraun – du einsamst, keine Büste, kein Zwiespruch, keine Fraun, und schon so nah den Klippen, du kennst dein schwaches Boot – kommt, öffnet doch die Lippen, wer redet, ist nicht tot.
Aus: Gottfried Benn, Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1988, S. 467
Bei Lyrikline kann man das Gedicht vom Autor gelesen hören.
Hier noch einmal der Text des Gedichts im normalen Textformat:
KOMMT
Kommt, reden wir zusammen
wer redet, ist nicht tot,
es züngeln doch die Flammen
schon sehr um unsere Not.
Kommt, sagen wir: die Blauen,
kommt, sagen wir: das Rot,
wir hören, lauschen, schauen
wer redet, ist nicht tot.
Allein in deiner Wüste,
in deinem Gobigraun –
du einsamst, keine Büste,
kein Zwiespruch, keine Fraun,
und schon so nah den Klippen,
du kennst dein schwaches Boot –
kommt, öffnet doch die Lippen,
wer redet, ist nicht tot.
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Margret Kreidl
Es reißt nicht, zerreißt nicht, zerspringt nicht, es schmilzt nicht, es filzt nicht, es ist flauschig, flauschig und rastlos, es zischt und wischt durch die Nacht, es spielt mit dem Feuer, es knallt, der Knall ist aus Baumwolle, ein Baumwoll-Vorfall, ein Baumwollknäuel, das auf Waffendepots und Munitionslager fällt, es setzt alles in Brand, es ist klein, ein Fitzchen, ein Witzchen, es macht aus dem Feind ein Feindlein, das Baumwollstilzchen, ukrainisch: Bavovnyatko. Die ukrainische Künstlerin Svitlana Olsevska hat ein Fabelwesen geschaffen, das russische Militärinfrastruktur angreift.
Aus: Margret Kreidl: Mehr Frauen als Antworten. Gedichte mit Fußnoten. Wien: Edition Korresondenzen, 2023, S. 29
Hinweis: Da die Ursache der Textverluste, die seit ein paar Tagen beim Mailversand der täglichen Gedichte auftreten, offenbar die (wordpresseigene) Formatierung der Gedichte als Vers statt als normaler Textabsatz ist, folgt hier noch einmal der Gedichttext in „normaler“ Formatierung für alle, die es betrifft.
Es reißt nicht, zerreißt nicht, zerspringt nicht,
es schmilzt nicht, es filzt nicht, es ist
flauschig, flauschig und rastlos, es zischt und
wischt durch die Nacht, es spielt mit dem
Feuer, es knallt, der Knall ist aus Baumwolle,
ein Baumwoll-Vorfall, ein Baumwollknäuel, das
auf Waffendepots und Munitionslager fällt, es
setzt alles in Brand, es ist klein, ein Fitzchen,
ein Witzchen, es macht aus dem Feind ein
Feindlein, das Baumwollstilzchen, ukrainisch:
Bavovnyatko.
Die ukrainische Künstlerin Svitlana Olsevska hat ein Fabelwesen geschaffen, das russische Militärinfrastruktur angreift.
Mirela Ivanova
(Мирела Иванова, geboren am 11. Mai 1962 in Sofia)
Nein – Immer mehr wird die Vernunft zur Erdbebenzone, die Risse im Denken sind keine Metapher. – Du übertreibst. – Die Haut reißt auf in gräßlichen Schrunden, wenn die Verzweiflung keinen anderen Ausweg findet. – Was jammerst du! – Ausgeschlossen vom Leben – das ist die Wahrheit – erschlagen wir einander um ein Stückchen Brot. – Hör auf. Ruf die Wahrheit nicht zum Zeugen an. Begreif doch – sie mag die Lebendigen nicht.
Aus dem Bulgarischen von Norbert Randow, aus: Mirela Ivanova: Einsames Spiel. Gedichte. Heidelberg: Wunderhorn, 2000, S. 13.
Wenn Sie diesen Text nicht vollständig lesen können, bitte Nachricht an info@michaelgratz.de. Seit gestern erreichen mich Berichte, dass die Mail an Abonnenten dieser Seite nur aus einer oder zwei Zeilen besteht. Ich muss dazu sagen, dass ich das nicht sehen kann und auch nicht wissen kann, wen und wie viele es betrifft. Ich verschicke keine Mails. Ich schreibe nur die täglichen Nachrichten auf http://lyrikzeitung.com, und das System, also WordPress, verschickt die automatisch an Abonnenten. Abonnementanfragen gingen nicht an mich, sondern direkt an WordPress, ich kenne die Mailadressen nicht. WordPress sagt mir nur, dass 2573 Personen diese Seite abonniert haben. Alle Nachrichten gehen außerdem automatisch an Twitter (@gratz13) und theoretisch an die Lyrikzeitungseite bei Facebook. Letzteres funktioniert seit mindestens einem halben Jahr nicht mehr, obwohl ich täglich die Meldung erhalte, der Link sei an Twitter und Facebook gesendet worden. Sieht für mich so aus, als stecke eine Politik von WordPress dahinter, aber welche? Wollen sie ihre Kunden vergraulen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Reichweite der Lyrikzeitung durch diese kafkaesk unsichtbaren Maßnahmen (oder irgendwelche technischen Änderungen) drastisch eingeschränkt wird. – Bis heute habe ich keine Nachricht erhalten, ob sie irgendwelche neuen Bezahlmodelle anbieten wollen oder die technischen Bedingungen ändern. Es wäre hilfreich, wenn alle, die es betrifft und die weiterhin ein tägliches Gedicht per Mail erhalten wollen, mir das per Mail anzeigen.
Edmond Jabès
(* 14. April 1912 in Kairo; † 2. Januar 1991 in Paris)
Mit beiden Händen
IV
Der liebkoste Leib läßt die Hand
erblühn. Der Faust fehlt die Kosung; fehlt auch
die Feder.
– Die Feder lockert die Hand.
Die Hand öffnet sich der Vokabel, öffnet
sich der Distanz.
V
Die Feder ist der Dolch. Die Hand läßt
bluten;
blutet.
Schreibt man mit dem Blut der Vokabel, das
mit dem eignen vermengt ist?
Aus: Edmond Jabès, Das Gedächtnis und die Hand. Aus dem Französischen von Felix Philipp Ingold. Münster: Kleinheinrich, 1992 (unpag.)
Edmond Jabès wurde 1912 in einer frankophonen jüdischen Familie in Kairo geboren. Er studierte in Paris und kehrte nach Ägypten zurück. 1956 wurde er während der Suezkrise als Jude aus seinem heimischen Ägypten ausgewiesen und ging nach Frankreich. 1987 wurde er mit Frankreichs Grand Prix national de la poésie ausgezeichnet.
Alexandra Bernhardt
maelstrom geh dein selbst dich tragen auf dein boot die planken bespringe die bohlen trage die rahen fasse die winde fange zieh ein dich ins gestern den alten nimmerfisch zieh ein an land die gedärme nimm aus dich nimm ein das werg verfüg dich kalfater dich matt verhol und vertäu dich dann kreuz und schere die segel laß killen die kimm sich krümmen bis auf sich neigt die welt am abschott
Aus: Alexandra Bernhardt, Schwellenzeit. Von Honig und Mohn. Wien: Edition Melos, 2022, S. 71
Richard Pietraß
Hundewiese Tag um Tag gehe ich mit meinen Hunden, den Gedichten. An loser Leine tragen sie den pendelnden Maulkorb Den ich ihnen verpasse, erlasse, jagen sich im aufgewirbelten Staub. Reiten, streiten um Liebesknochen. Versuche ich Mein Sinnsüppchen zu kochen, wedeln sie mit den Endreimen. Vers bei Fuß, halte ich sie auf dem Zeilensprung. Sie lecken Mir den Wurstmund, betteln um jeden Bissen. Heben sie Nicht gerade das Bein, graben sie mir Löcher in den Bauch Parieren aufs Wort.
Aus: Ostragehege. Zeitschrift für Literatur und Kunst. Heft 100 (II/2021), S. 79
Richard Anders
(* 25. April 1928 in Ortelsburg, Ostpreußen; † 24. Juni 2012 in Berlin)
Illusion Das Martinshorn bringt mir die Straße ins Zimmer Ich halte mitten in der Zeile an und lasse Blaulicht an meiner Poesie vorbei So nähre ich die Illusion sie nütze etwas wenn es irgendwo brennt
Aus: Richard Anders, Über der Stadtautobahn und andere Gedichte. Berlin: Oberbaum, 1985, S. 9
Wer kennt Karl Lappe? Schiller hat ihn gedruckt, wer kennt Schiller? – Der erfolglose Dichter fällt nach seinem Tode in die Gegend seiner Herkunft zurück. Das gilt sogar für so manchen, der in den Metropolen Erfolg hatte und schnell vergessen wurde. Wie viel mehr noch für den, der die heimische Gegend gar nicht erst verlassen hat.
Karl Gottlieb Lappe wurde am 24. April 1773 in Wusterhusen bei Greifswald geboren, er studierte in Greifswald, lebte in Pütte bei Stralsund und starb am 28. Oktober 1843 in Stralsund. Ein pommerscher Heimatdichter. Zum Vierteljahrtausend habe ich ein paar Stückchen aus den Prosagedichten ausgesucht.
Was ich singe und nicht singe.
(Frei nach Baggesen.)
Ich singe nicht von Kampf und Krieg, nicht von den Heldenthaten des Schlachtfeldes. Meine Muse wird leichenblaß und verkriecht sich vor Schwert und Schild. Wann der Säbel klirrt und die Lanze pfeift, wann der Tod über zerstörtem Leben wandelt, dann schweig‘ ich.
(…)
Ich singe nicht den Preis der Monarchen. Auf meinem niedrigen Standpunkte kenn‘ ich sie kaum, kann über ihren hohen Beruf keines Urtheils mich erdreisten. Ihre Weisheit und Güte wird des Ruhmes nicht ermangeln; meines Weihrauchs begehren sie nicht, darum schweig‘ ich.
(Karl Lappes sämmtliche poetische Werke. Fünfter Theil. Rostock: Oeberg, 1836, S. 67/69)
Für das Vaterland
(…)
Für das Vaterland leben, ist auch Verdienst; doch ist es dunkel und schwer, ein langer bitterer Kampf: täglich und stündlich will der Kelch getrunken sein. Mühe dich ab in herber Pflicht, Tag aus, Tag ein, wie das knechtische Uhrwerk; nimm, was am Lichte dich mühte, mit in die Träume der Nacht; strebe mit redlichem Eifer, fruchtlos, verkannt, verspottet, vergessen. – Wenn dann das Ruhmgeschrei dich umwirbelt, das dankbare Vaterland seine Helden vergöttert, seine großen Männer belohnt: Da lege ruhig die Hand auf dein Herz, und stimme neidlos mit ein, in reiner Liebe deines Vaterlandes.
(Karl Lappes sämmtliche poetische Werke. Vierter Theil. Rostock: Oeberg, 1840, S. 59)
David Martin
(Australischer Schriftsteller, geboren am 22. Dezember 1915 als Lajos oder Ludwig Detsinyi in einer jüdischen Familie in Budapest, gestorben am 1. Juli 1997 in Beechworth, Victoria)
TO A CRITIC You love to play God, To toy or to praise, To brandish your rod, To destroy and to raise. But the Lord took the dust And made it a man, While you earn your crust By the opposite plan.
AN EINEN KRITIKER Du spielst gerne Gott, Du tändelst, du lobst, Du schwingst deinen Stock, Du erhebst oder tobst. Doch Gott nahm den Staub Und macht' ihn zum Mann. Aber du, mit Verlaub, Machst's umgekehrt dann.
Deutsch von Curt und Maria Prerauer aus: Zeitgenössische australische Lyrik. Englisch-Deutsch. München: Hueber, 1961, S. 128.
(Ich habe mir erlaubt, in der letzten Zeile „Machest’s“ zu „Machst’s“ zu verkürzen.)
David Martin war ein australischer Romanautor, Dichter, Dramatiker, Journalist, Herausgeber, Literaturkritiker und Dozent. Er benutzte auch die Namen Louis Adam und Louis Destiny und nahm nach seinem Umzug nach England den Namen David Martin an.
Martin wurde in Budapest geboren, erhielt seine Ausbildung aber in Deutschland. Er verließ Deutschland 1934 und verbrachte einige Zeit in den Niederlanden, Ungarn und Palästina. Im Jahr 1937 reiste er nach Spanien, wo er während des Spanischen Bürgerkriegs als Freiwilliger im Sanitätsdienst der Internationalen Brigaden der Spanischen Republikanischen Armee diente.
1938 ging Martin zu seinem Vater nach London und arbeitete in dessen Bekleidungsfabrik, bevor er 1941 nach Glasgow zog, wo er als Korrespondent für den Daily Express arbeitete. Im Jahr 1941 heiratete Martin Elizabeth Richenda Powell, Urenkelin der Quäkerin Elizabeth Fry. Sie bekamen einen Sohn, Jan. Martin kehrte nach London zurück und arbeitete bis 1944 für die BBC. Von 1945 bis 1947 war er Literaturredakteur von Reynold’s News. Im Jahr 1948 reiste er als britischer Korrespondent für den Daily Express nach Indien.
Ab 1950 ließen sich Martin und seine Familie in Australien nieder, in Melbourne, wo er als freier Journalist und Redakteur der Australian Jewish News zu arbeiten begann. Er trat 1951 der Kommunistischen Partei bei, war bis 1956 aktiv und blieb bis 1959 Mitglied, als er aufgefordert wurde, auszutreten. Er hatte wöchentliche Kolumnen zu aktuellen Themen in der Free Press (1951-52) und dem Sunday Observer (1969-71) und war Auslandskorrespondent für die indische Zeitung Hindu (ca. 1946-67) und für die kanadische Zeitung Montreal Star (ca. 1966-69). Darüber hinaus verfasste er eine Vielzahl von Artikeln, Kurzgeschichten und Rezensionen für Zeitungen und Zeitschriften, darunter Overland, Meanjin, Southerly und Quadrant, die ein breites Spektrum von Themen abdeckten.
1988 wurde Martin für seine Verdienste um die australische Literatur zum Mitglied des Order of Australia ernannt. 1991 wurde er mit dem Patrick White Award ausgezeichnet und 1996 erhielt er den Emeritus Award des Literature Fund of the Australia Council.
Einer seiner Enkel, Toby Martin, ist der Gitarrist und Frontmann der Rockband Youth Group.
Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator aus der englischsprachigen Wikipedia.
Ursula Maria Wartmann
In Stellung Wohin ist der Krieg gegangen fragt das Kind der Himmel schäumt seit Tagen in ruhigem milchigem Weiß und das Kind schaut über das blühende Feld legt den Armstumpf über die Stirn zum Schutz vor hellem Himmel kneift es die Augen zu Schlitzen zu so ruhig sagt das Kind aber wo ist er der Krieg liegt im Graben in Stellung die Stiefel gewichst die Bajonette geschärft doch das sagt niemand dem Kind hat genug gesehen und erlebt soll nun glücklich sein.
Aus: Ursula Maria Wartmann: Am Ende der Sichtachse. Gedichte. Dortmund: edition offenes feld, 2021, S. 88
William Totok
(* 21. April 1951 in Comloșu Mare, deutsch Groß-Komlosch, Rumänien)
notizen zu einem eventuellen gedicht heuduftend liegen die felder vor uns und atmen wind darauf wachsen blumen in den tag lange zeit hinkten die beispiele nach dann wurden wir durch das immer täglicher werdende brot mehr und mehr vergewaltigt späte stimmen reisen durch junge wunden unsere ideen sind pure geometrie
Aus: die bewegung der antillen unter der schädeldecke. junge rumäniendeutsche lyrik zwischen 1975 und 1980. Eine (historische) Anthologie herausgegeben von Walter Fromm. Erweiterte, kritische Neuauflage 2022 mit einem einleitenden Essay von Prof. Dr. Waldemar Fromm und einer soziokulturellen Kontextualisierung von Prof. Dr. Anton Sterbling. Ludwigsburg: Pop, 2022, S. 113
William Totok war Gründungsmitglied der „Aktionsgruppe Banat“ (1972–1975). Wegen „Verbreitung staatsfeindlicher Gedichte“ war er 1975 bis 1976 inhaftiert. Seit 1987 lebt er in Berlin.
Er galt in der DDR als Klassiker, wurde rezitiert in Schulen und Festsälen. Aber der größte Teil seines Werks wurde vor der Gründung der zwei deutschen Staaten geschrieben. Es ist ein Stück nach 1945 auf zwei Staaten aufgeteilte Geschichte. Heute vor 70 Jahren ist Erich Weinert gestorben.
Erich Weinert
(* 4. August 1890 in Magdeburg; † 20. April 1953 in Ost-Berlin)
Ein Ochse meldet sich zum Wort Verehrte Anwesende, lassen Sie mich Ein bescheidenes Wort in die Waagschale werfen! Ich finde es unverantwortlich, Die Gegensätze im Volk zu verschärfen. Ich bin nicht von der modernen Art, Ich habe noch meinen deutschen Glauben Und schlichten Ochsenverstand bewahrt. Den kann man mir Gott sei Dank nicht rauben. Sie vertreten heute so radikal Umsturz und Auflehnung gegen das Schlachten. Ich meine, man sollte die Dinge mal Von einer höheren Warte betrachten. Den Schlächterstand und den Ochsenstand Gab es zu allen Zeiten auf Erden: Sie sind geschaffen, fürs Vaterland Zu schlachten und geschlachtet zu werden. Und wenn der Schlächter sein Banner entrollt, Dann müssen wir Ochsen zu sterben wissen! Das hat die Vorsehung so gewollt, Vor der auch wir Ochsen uns beugen müssen. Nur eine gottverlassene Partei Bezeichnet die heilige Sache mit Morden. Und außerdem ist die Schlächterei Doch heute wirklich human geworden. In dieser zivilisierten Zeit Hat jeder Schlächter seinen Betäuber. Was tun die nicht für die Ochsenheit! Und so was nennen Sie Mörder und Räuber? Nein, freiwillig gehen wir in den Tod! Sie treffen mich nicht mit Ihrem Gelächter. Ich bin ein Ochse von altem Schrot Und stehe in Treue zu meinem Schlächter! 1932
Aus: Poesiealbum 5. Erich Weinert. Berlin: Neues Leben, 1968, S. 4f
Alexandra Dust-Wiese
(* 15. April 1923 in Rostock, † 11.9.1995 in Wolfsburg)
Der Turm Zwei schmale Bäume winden sich zum Licht. Mit Gitteraugen starrt das Zellenhaus auf harten Kies, der durch den Asphalt bricht. Die Mauern löschen jeden Seufzer aus. Der Hof kennt keine Weite. Wolkenfetzen zerreißen in den Pfützen wie in Tränen. Sie gleichen armen Seelen, die sich hetzen, um zu verwehen. Matt, mit blassem Gähnen, hat sich die Sonne hinters Dach gelegt. Die Hoffnung stirbt wie ein zertretener Wurm. Da ragt aus Stein und Gittern, unbewegt von Sturm und Stille, strebend auf der Turm! Er hat Geheiß, hinauf ins Licht zu steigen und einen weiten Blick ins Land zu tun. Er macht sich alle Schwere ganz zu eigen, um dann erlöst in Klarheit auszuruhn. Auf Wolkenwacht weiht er dem Blitz sein Haupt, steil überragend Enge, Angst und Stein. Er ragt, wenn man ihn auch zerschmettert glaubt, denn er ward hingestellt, um Turm zu sein! Zuchthaus Hoheneck, Oktober 1950
Aus: Alexandra Dust-Wiese: … und schreie in den wind … Gedichte aus Hoheneck. Böblingen: Tykve, 1987, S. 7
Am 18. Oktober 1949 wurde Alexandra Wiese mit ihren zwei Brüdern im Zuge von Massenverhaftungen unter politischen Opponenten von den sowjetischen Besatzungsbehörden verhaftet. Am 1. April 1950 wurden sie und ihr Bruder Ottfried zu dreimal 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, ihr anderer Bruder Friedrich Franz zum Tode. Sie kam in das berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck im Erzgebirge. 1951 wurde ihre Mutter wegen »Spionagetätigkeit« verhaftet (sie hatte sich hartnäckig nach dem Verbleib ihrer drei Kinder erkundigt), sie wurde wie auch ihr von der Todesstrafe »begnadigter« Sohn Friedrich Franz für 25 Jahre nach Sibirien deportiert. Alexandras weitere Stationen waren die Zuchthäuser Brandenburg und Halle/Saale. Am 15. November 1956 wurde sie plötzlich auf Grundlage eines Präsidiumserlasses des Obersten Sowjets der UdSSR freigelassen. Auch die Mutter und die anderen Kinder kamen in der »Tauwetterperiode« zwischen Stalins Tod und der ungarischen Revolution vom Herbst 1956 frei. Im Januar 1957 durfte sie in die Bundesrepublik ausreisen. Erst am 25. Dezember 1995, drei Monate nach ihrem Tod, wurde sie von den nunmehr russländischen Behörden rehabilitiert.
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