Karel Hlaváček
(* 29. August 1874 in Prag; † 15. Juni 1898, heute vor 125 Jahren, ebenda)
Blies wer Oboe ... Blies wer Oboe, blies nun schon seit Tagen, blies zu Abend immer und das gleiche weiche Lied, und nicht einmal ein Licht, kein Licht sein Ufer wies, weil jedes Feuer, heißts, hier fortschwimmt und verglüht. Blies die Oboe lang, am Ufer Dunkelheit, am Ufer endlos, wo noch niemand ging an Land: Blies er aus Gleichmut, blies er nicht aus Angst vielleicht? War er ein stiller Hirt? Ein König, der verbannt? Blies die Oboe trüb. Aus Seufzertiefen schwang die Luft von seinem Lied, dem zagen, weichen Lied ... Und wieder wasserher ihm die Oboe klang: Schein sind die Feuer, Schein, der fortschwimmt und verglüht.
Deutsch von Paul Wiens, aus: Die Glasträne. Tschechische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Berlin: Volk und Welt, 1966, S. 28
Hrál kdosi na hoboj ... Hrál kdosi na hoboj, a hrál již kolik dní, hrál vždycky navečer touž píseň mollovou a ani nerozžal si oheň pobřežní, neb všecky ohně prý tu zhasnou, uplovou. Hrál dlouze na hoboj, v tmách na pobřeží, v tmách, na plochém pobřeží, kde nikdo nepřistál: Hrál pro svou Lhostejnost, či hrál spíš pro svůj Strach? Byl tichý Pastevec, či vyděděný Král? Hrál smutně na hoboj. Vzduch zhluboka se chvěl pod písní váhavou a jemnou, mollovou… A od vod teskně zpět mu na hoboj vlhkem zněl: Jsou ohně marny, jsou, vždy zhasnou, uplovou.
René Char
(geboren 14. Juni 1907 in L’Isle-sur-la-Sorgue, Département Vaucluse; gestorben 19. Februar 1988 in Paris)
Meine Liebe ist traurig ... Meine Liebe ist traurig Denn sie ist treu Sie kümmert sich nicht darum daß die andern vergessen Sie fällt nicht aus dem Munde wie aus der Tasche die Zeitung Sie ist nicht gesellig inmitten der all durchwirbelnden Angst Sie sucht nicht die Einsamkeit auf den Inselklippen um Pessimismus zu heucheln Meine Liebe ist traurig Denn es liegt im ruhelosen Wesen der Liebe traurig zu sein So auch ist traurig das Licht Traurig das Glück Du hast uns angelegt Freiheit dein Zaumzeug aus Sand.
Aus dem Französischen von Johannes Hübner und Lothar Klünner, aus: René Char: Und der Schatten der Sanduhr begräbt die Nacht. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1988, S. 16f
Mon amour est triste Mon amour est triste Parce qu'il est fidèle Il n'interpelle pas l'oubli des autres Il ne tombe pas de la bouche comme un journal de la poche Il n'est pas liant parmi l'angoisse qui tourbillone en commun Il ne s'isole pas sur les brisants de la presqu'ile pour simuler le pessimisme Mon amour est triste Parce qu'il est dans la nature troublée de l'amour d'être triste Comme la lumière est triste Le bonheur triste Tu nous as passé liberté tes courroies de sable.
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Christoph Meckel
(* 12. Juni 1935 in Berlin; † 29. Januar 2020 in Freiburg im Breisgau)
Leicht sind Gespräche über den neuen Minister,
die Partei, das Programm, die zweifelhaften Geschäfte
weniger leicht
vom Traum zu sprechen und von den Sachen der Liebe,
unmißverständlich vom Glück
und der Nacht in den Bergen.
Lang schon ist mir das Selbstverständliche
nicht mehr beantwortet worden und ich bin
glaubwürdig nur für mich selbst, ohne Diskutanten.
Aus: Christoph Meckel: Souterrain. Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1987, S. 45 (zuvor Hanser 1984)
Rainer René Mueller
(* 1. Januar 1949 in Würzburg)
Lieddeutsch
Gesang auf der Kelle
inmitten des Herbstpsalms
des einhundertdritten und Walthers
Kreuzlied
Würzburgtrümmer, beflogen
Schneewittchenvogel, der Eisschaber
das Märchen Ewigkeit
Mutter wieviel Schritte
darf ich
spielt das bleiche Kind herum
gehn und spielen, das Knöchellied
das Spiel aus Draht
und Tagbleiche, dem Bildverschnitt
wir legen uns Selbstmördernamen zu
wir decken sie zu
und tanzen
alle kommen sie her und saufen das aus
sie dreschen die Trommel, das Maul
: sie lassen marschieren
Aus: Rainer René Mueller, POÈMES – POËTRA. Ausgewählte Gedichte 1981-2013. Ausgewählt von Rainer René Mueller, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Dieter M. Gräf. roughbook 34. Harbouey, Heidelberg, Berlin, Ludwigshafen am Rhein, Beijing, Solothurn und Schupfart, November 2015, S. 12.
Nur wenige Dichter haben der deutschen Sprache so viel zugemutet wie Rainer René Mueller, es ist offensichtlich, dass er dies nicht aus reiner Experimentierlust tat, sondern der Not gehorchend. Wer nach Auschwitz Gedichte schreibt, sollte nicht nur zeigen, dass er das weiß und spürt, es muss doch auch die Wohlklangplatte vom Teller, jedenfalls muss etwas damit geschehen, sofern man der Meinung ist, Dichtung solle ein Instrument der Wahrheitsfindung sein und nicht eines des Vertuschens.
Dieter M. Gräf, ebd. S. 104
Die Zeitschrift „Sinn und Form“ teilt mit:
Liebe Leserinnen und Leser,
https://sinn-und-form.de/dokumentation-der-juristischen-auseinandersetzungen-um-sinn-und-form/1-202-1
aufgrund eines Urteils des Berliner Landgerichts vom 23. Februar 2023 konnte SINN UND FORM in den letzten Monaten nicht wie gewohnt erscheinen. Die Akademie der Künste hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Um Sie, liebe Leserinnen und Leser, jedoch nicht länger auf den Ausgang eines – sich möglicherweise noch länger hinziehenden – Rechtsstreits warten zu lassen, hat die Akademie der Künste die formalen Hindernisse, die das Gericht gesehen hat, überwunden. Und wir sind froh, SINN UND FORM nun wieder herausgeben zu können.
Sinn und Form Heft 2 wurde gestern ausgeliefert. Darin von Thomas Böhme
DIE WINDHOSE Steine wirbeln, Luft stürzt ab. Himmel & Erde haben die Kleider vertauscht wie Raum & Zeit ihre Badetücher. Ein grinsender Schirm treibt vorbei. Gesprenkelt mit kosmischen Sommersprossen. Aus hohem Gewölk regnen Plastikflaschen. Der Geigenschüler mit den mageren Beinen hält sein Instrument vors Gemächt. Wie soll er jemals sein Solo zu Ende bringen? Diese vertrackte Partita d-Moll für die er gern seine Jugend geopfert hätte. Jetzt fliegt ihm der Lorbeer um die glühenden Ohren. Zum Geläut eines gotischen Domes jaulen Hunde mit eingekniffenen Schwänzen. Eine Schwanenfeder setzt die Sonne in Brand. Gotisch sind auch die gekenterten Boote. Spitzwinklig ragen sie über den Horizont hinein in die angeschlagene Himmelsrosette. Schon jagen die ersten Schwimmer ihren Schirmen & Handtüchern nach. Das Schilf befeuert ihren vergeblichen Eifer. Dann verebben jäh die Geräusche. Aus der Asche ist eine neue Sonne geschlüpft. Im Geigenkasten nisten die Schwäne.
Aus: Sinn und Form 2/2023, S. 164
Gerhard Falkner
dieser wie auf frischen erdbeeren anbrechende
morgen, diese mit süßem frühjahr verbackene
luft
was hat die abgefuckte welt denn
ihresgleichen, da wir dies jahrzehnt
durchschreiten, in luxus verstrickt, in
klangharte diagramme unter zutotnahme der
regel, autistisch, zu einsamkeit ergrimmt
bis in die fingerspitzen, erblindet wie krüge
am staub enträtselter nachtlager
dem digitalen grün sehr nah, seit sie, die
rabenmutter natur, uns allesamt vor die tür
ihrer wälder gesetzt
Aus: Gerhard Falkner: so beginnen am körper die tage. gedichte und aufzeichnungen aus einem kalten vierteljahr. darmstadt und neuwied: luchterhand, 1981, S. 40
Friedrich Hölderlin
(* 20. März 1770 in Lauffen am Neckar, Württemberg; † 7. Juni 1843, heute vor 180 Jahren, in Tübingen)
Handschrift der „Kurzode“ bzw. epigrammatischen Strophe vom April 1798:
Lebenslauf.
Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog
Schön ihn nieder; das Laid beugt ihn gewaltiger,
So durchlauf ich des Lebens
Bogen und kehre, woher ich kam.
Hölderlin
Gedruckt möglicherweise erst im November 1799 in Neuffers Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung, auf das Jahr 1799.
Neufassung und Entwurf von 4 weiteren Strophen, April 1800:
Lebenslauf. 1-4 Hohem nahte sein Geist, aber aus Liebe mußt Er hernieder und bald hatte der Abgrund ihn. So durchflog er des Lebens Bahn, und kehrte woher er kam. 5-8 Aufwärts oder hinab! wehet in lezter Nacht Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt, Weht ein lebender Othem Nicht im untersten Orkus auch? 9-12 Diß erfuhr ich, denn oft wenn die Begegnungen Meiner Lieben mich einst, deine Gesänge mich In den Lüften des Maitags Rührten liebendes Bild 13.14 Wenn der Pfeile des Schiksaals Einer brennend mich traff sah ich den Gott oft nah 17-20 Nicht wie Meister auf Erden führen des ebnen Pfads Erziehen daß für alles danken lerne der Daß er lerne die Freiheit Aufzubrechen, wohin er will.
Textfassung in der Stuttgarter Ausgabe:
Lebenslauf
Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
Doch es kehret umsonst nicht
Unser Bogen, woher er kommt.
Aufwärts oder hinab! herrschet in heilger Nacht,
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
Herrscht im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?
Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Daß ich wüßte, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfads geführt.
Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern',
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.
Vorige Textstufen (Auswahl) nach der Frankfurter Ausgabe, Stroemfeld / Roter Stern, Bd. 20, 2008. Die Überschrift dieses Beitrags ist nicht wörtlich, sondern nur metaphorisch wahr.
Margret Kreidl
Gedichte werden wieder gelesen, hört man: ein Gewitterhauch, Flügelschlag eines Schmetterlings. Das Publikum hustet und hustet, lacht. In sieben Zeilen wird sich die Welt verändern. Coca Cola oder Red Bull, eins, null, eins. Hebung, Senkung, Hebung: Auf, jetzt, ihr Tänzer im Schacht, schreit: Gute Nacht!
Aus: Margret Kreidl, Schlüssel zum Offenen. Gedichte. Wien: Edition Korrespondenzen, 2021, S. 9
Federico García Lorca
(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 19. August 1936 in Víznar nahe Granada)
Zum heutigen 125. Geburtstag des andalusischen Dichters Federico García Lorca ein Gedicht Lorcas samt zwei der „Einschreibungen und Irritationen“ des deutschen Dichters andalusischer Herkunft José F.A. Oliver.
EL SILENCIO Oye, hijo mío, el silencio. Es un silencio ondulado, un silencio, donde resbalan valles y ecos y que inclina las frentes hacia el suelo.
DIE STILLE horch, mein sohn, die stille schweigt in wellen fort ein verinnern plötzlich in der tal und echo fallen und die jedes aufbegehren zu boden stürzt
DER STILLE hör, mein sohn, die stille stranden sie verraunt ist wellenkünftig ein verstummen aus dem hall und täler stürzen und das sich gesichter beugt der erde zugeborgen
Aus: Federico García Lorca: Sorpresa, unverhofft. Ausgewählte Gedichte 1918-1921. Einschreibungen und Irritationen von José F.A. Oliver. hochroth Berlin 2015, S. 14f.
Aus der Nachbemerkung Olivers:
Mit den hier vorgelegten Variationen will ich Öl ins Feuer gießen. Lorca sprach auch vom Feuer als er schrieb: „Yo tengo el fuego en mis manos. Yo lo entiendo y trabajo con él perfectamente, pero no puedo hablar de él sin literatura.“ Ich habe das Feuer in meinen Händen. Ich verstehe es und arbeite auf eine perfekte Art und Weise mit ihm, aber ich kann nichts darüber sagen – ohne Literatur. Diese Sätze Federicos greifen in meine: Das gesungene Wort hört nicht (immer) auf die Flamencogitarre, aber die Finger des Gitarrenspielers sehr wohl auf die Brüche derjenigen, die singen.
Ich weiß, eines Tages werde ich diese Einschreibungen erneut variieren.
A.a.O. S. 41
Günter Bruno Fuchs
(* 3. Juli 1928 in Berlin; † 19. April 1977 ebenda)
Sechszeilengedicht oder Nachwort des Herausgebers der Nonsens-Anthologie Die Meisengeige Dies ist die erste Zeile. Mit der zweiten beginnt mein Gedicht zu wachsen. Wenn ich so weitermache, komme ich bald an den Schluß. Die vierte Zeile hilft mir dabei. (Schönen Dank, vierte Zeile!) Der Gerichtsvollzieher, sage ich noch, trägt seine Eier ins Kuckucksnest. So, ich habe meine Arbeit getan und lege mich schlafen.
Aus: Günter Bruno Fuchs, Gedichte und kleine Prosa. München, Wien: Hanser, 1992, S. 294. Erstdruck in: Neues bilderreiches Poetarium, Nr. 1, Frankfurt/Main 1963. Die Anthologie Die Meisengeige erschien 1964.
Dmitri Strozew
(Geboren 1963 in Minsk)
wer auf kiews hügeln steht durch die lauten höfe geht wer trennt vögeln gleich die nähte reißt aus himmeln blank die angst näht die hoffnung wie ein schneider donnerkluft gewitterkleider wer trennt vögeln gleich die nähte näht ein kleid im wilden wind 27.06.2016
Aus dem Russischen von Andreas Weihe, aus: wespennest 183 / 2022, S. 5
Aufmerksamkeit ist heute keine Kardinaltugend. Warum aufmerksam sein, wenn sowieso alles überall und jederzeit verfügbar ist? Und wenn es nicht gefunden wird, beweist das nicht, dass es die Aufmerksamkeit nicht wert war? Ich google mich, also bin ich.
Seit Anfang des Jahres wird die Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ auf Betreiben einer anderen Zeitschrift nicht mehr ausgeliefert bzw. produziert. Inzwischen wäre das dritte Heft des Jahrgangs erschienen. Mit Entsetzen las ich damals, wie einige Dichterfreunde über Dinge wie Wettbewerbsrecht schwadronierten. Es interessiert sie einfach nicht, dachte ich, es ist ihnen egal. Man kann ja nicht alles lesen, eine weniger, was solls. Jemand sagte zu mir etwas über die Benachteiligung der Bayrischen Akademie. Sinn und Form ist die Zeitschrift der Berliner Akademie, ursprünglich der Akademie der Künste der DDR. Gegründet von Johannes R. Becher, der seine Genossen kannte und sich ein relativ unabhängiges Organ wünschte. Er bestellte Peter Huchel zum Chefredakteur. Nach Bechers Tod schlugen die Feldwebel der SED bald zu und setzten Huchel ab. Aber die Zeitschrift ging nicht unter. Menschenskind, denkt ihr, man könnte einfach eine Zeitschrift gründen, in München oder Dresden, und sie wird eine international beachtete Institution? Kaputtmachen ist einfacher. Denen sie am A…llerwertesten vorbeigeht, werden sie nicht vermissen.
Ich greife irgendeine Ausgabe aus dem Archiv auf der Suche nach einem Gedicht des Tages und werde auf Anhieb fündig. Im ersten Heft des Jahrgangs 1977 Gedichte von Agostinho Neto (mit einem Beitrag von Jorge Amado über den Autor) und Wilhelm Tkaczyk. Daneben Elias Canetti und Wolfgang Koeppen. Ich bleibe aber an einem anderen Text hängen. Jürgen Rennert schreibt über den 100. Jahrestag des Bukarester Jüdischen Staatstheaters und eröffnet den Beitrag mit einem Gedicht des jiddischen Dichters Israil Bercovici.
Israil Bercovici
(20. Dezember 1921 in Botoșani; gest. 15. Februar 1988 in Bukarest)
Schmerz
Ach, mich brannten schon im Leben
alle Arten Schmerz und Leid:
Schmerz verwehrter Zweisamkeit,
Schmerz, zu sehn, wie die von dir
geglaubte und verehrte
Wahrheit sich vor dir ins Gegenteil
verkehrte.
Schmerz, in einer Sprache, die erlosch, zu
sagen und zu meinen
und dem liebsten Menschen dennoch
unverständlich zu erscheinen.
Schmerz, der Wunsch, Gewichtiges zu tun
für die Welt und lichtre Zeiten
und doch ganz vernommen sein
mit dem Wust von Nichtigkeiten.
Alle Arten Schmerz und Leid,
aber eine übertrifft sie,
macht mich weinen, rührt ans Wesen:
ein Gedicht zu schreiben, ohne
wen zu haben, es zu lesen.
Aus dem Jiddischen von Jürgen Rennert, in: Sinn und Form 1/1977, S. 196. Rennert liefert auch eine phonetische Umschrift des Originaltexts und einen Kommentar.
Wejtik
Ch'hob ojssgewejtikt schojn in lebn
ale wejtikn und wejn:
fin sejn alejn, wen ss'wilt sich sejn in
zwejen,
fin glojbn in an emess mitn gantzn lejb
un lebn
un sen wi er in scheker wert farwandlt
bej dejn lebn.
Fin weln rejdn in a schprach, a
nischt-faranener
und blejbn far dem libsstn mentsch a
nischt farschtanener,
fin weln tin epess asojnss zu brengen
far der welt a lug a lichtikn
un misn sein fartun gur
mit an injon a nischt wichtikn.
Nor gresser fin di wejtikn di ale
is di wejtik,
wuss imschtand is mich zi machn wejnen,
fin onschreibn a lid
un ess nischt hobn wemen forzilejenen.*
Ebd. S. 206f.
*) forzilejenen: vorzulesen
Aus Rennerts Beitrag:
Aufmerksamkeit tut not und lohnt sich für beide Seiten, die aufeinander mehr angewiesen sind, als es abgetragene oder unabtragbar erscheinende Hypotheken vermuten lassen. Wenn in Bukarest, Warschau, Vilnius, Tschernowzy, Birobidshan heute noch in Jiddisch Theater gespielt wird, sollten wir es von hier aus nicht mit einer traditionspllegenden Touristenattraktion verwechseln.
Denn jene Theater spielen für ein lebendes, oft genug das Schlimmste überlebt habendes, jedoch nicht überlebtes Publikum. Salomo Birnbaum formulierte in seiner Studie «Die jiddische Sprache», was unter dem Aspekt jeder scheinbar zum Untergang verurteilten Sprache und Kultur größte Beachtung verdient: «Selbst wenn Jiddisch nur noch zwei oder drei Generationen zu leben hätte, so wäre das kein Grund, es weniger zu pflegen als wenn es hundert Generationen vor sich hätte, denn die Einzelmenschen der wenigen Generationen haben die gleichen Rechte wie die der vielen Generationen. Man vernachlässigt ein Gerät nicht, weil es in absehbarer Zeit ja doch gebrauchsunfähig sein wird.»
Vielleicht erklärt das bisher Gesagte, was mich an dem eingangs zitierten, von mir im Bemühen um größte inhaltliche Genauigkeit nachgedichteten Text Israil Bercovicis reizt und berührt. Und ich denke, es ist Zeit, der Nachdichtung eine – wenn auch unzulängliche – phonetische Umschrift des Originals nachzuschicken. Möge sie ahnen lassen, was das Jiddische vermag. Ihr kritischer Vergleich mit der Nachdichtung macht möglicherweise sichtbar, daß eine wortwörtliche Übertragung der kürzeste Weg gewesen wäre, um am Wesen der Sache, der Sprache, des Textes vorbeizureden und vorbeizuhören.
Israil Bercovici (1921-1988), jiddischer Dichter, Dramatiker und Kulturhistoriker. Langjähriger Chefdramaturg des Bukarester Jüdischen Staatstheaters. Mehrere Gedichtbände. 1976 „Hundert Jor jidisch Teater in Rumenie“. Starb vor Vollendung seines Hauptwerks – einer Universalgeschichte des Jiddischen Theaters.
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