Penelope, angfressen

Elfriede Gerstl (16. Juni 1932 – 9. April 2009) zum 91. Geburtstag!

Gefunden bei Facebook (Danke, Petra Paul!): Penelope, angfressen – geschrieben mit der Hermes-Baby-Schreibmaschine, mit händischen Korrekturen.

Blies wer Oboe

Karel Hlaváček 

(* 29. August 1874 in Prag; † 15. Juni 1898, heute vor 125 Jahren, ebenda)

Blies wer Oboe ...

Blies wer Oboe, blies nun schon seit Tagen, blies 
zu Abend immer und das gleiche weiche Lied, 
und nicht einmal ein Licht, kein Licht sein Ufer wies, 
weil jedes Feuer, heißts, hier fortschwimmt und verglüht.

Blies die Oboe lang, am Ufer Dunkelheit, 
am Ufer endlos, wo noch niemand ging an Land:
Blies er aus Gleichmut, blies er nicht aus Angst vielleicht?
War er ein stiller Hirt? Ein König, der verbannt?

Blies die Oboe trüb. Aus Seufzertiefen schwang 
die Luft von seinem Lied, dem zagen, weichen Lied ...
Und wieder wasserher ihm die Oboe klang:
Schein sind die Feuer, Schein, der fortschwimmt und verglüht.

Deutsch von Paul Wiens, aus: Die Glasträne. Tschechische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Berlin: Volk und Welt, 1966, S. 28

Hrál kdosi na hoboj ...

Hrál kdosi na hoboj, a hrál již kolik dní,
hrál vždycky navečer touž píseň mollovou
a ani nerozžal si oheň pobřežní,
neb všecky ohně prý tu zhasnou, uplovou.

Hrál dlouze na hoboj, v tmách na pobřeží, v tmách,
na plochém pobřeží, kde nikdo nepřistál:
Hrál pro svou Lhostejnost, či hrál spíš pro svůj Strach?
Byl tichý Pastevec, či vyděděný Král?

Hrál smutně na hoboj. Vzduch zhluboka se chvěl
pod písní váhavou a jemnou, mollovou…
A od vod teskně zpět mu na hoboj vlhkem zněl:
Jsou ohně marny, jsou, vždy zhasnou, uplovou.

Du hast uns angelegt Freiheit dein Zaumzeug aus Sand

René Char 

(geboren 14. Juni 1907 in L’Isle-sur-la-Sorgue, Département Vaucluse; gestorben 19. Februar 1988 in Paris)

Meine Liebe ist traurig ...

Meine Liebe ist traurig
Denn sie ist treu
Sie kümmert sich nicht darum daß die andern vergessen 
Sie fällt nicht aus dem Munde wie aus der Tasche die Zeitung 
Sie ist nicht gesellig inmitten der all durchwirbelnden Angst
Sie sucht nicht die Einsamkeit auf den Inselklippen um Pessimismus zu heucheln
Meine Liebe ist traurig
Denn es liegt im ruhelosen Wesen der Liebe traurig zu sein
So auch ist traurig das Licht
Traurig das Glück

Du hast uns angelegt Freiheit dein Zaumzeug aus Sand.

Aus dem Französischen von Johannes Hübner und Lothar Klünner, aus: René Char: Und der Schatten der Sanduhr begräbt die Nacht. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1988, S. 16f

Mon amour est triste

Mon amour est triste
Parce qu'il est fidèle
Il n'interpelle pas l'oubli des autres
Il ne tombe pas de la bouche comme un journal de la poche 
Il n'est pas liant parmi l'angoisse qui tourbillone en commun 
Il ne s'isole pas sur les brisants de la presqu'ile pour simuler le pessimisme
Mon amour est triste
Parce qu'il est dans la nature troublée de l'amour d'être triste
Comme la lumière est triste
Le bonheur triste

Tu nous as passé liberté tes courroies de sable.

Ungewaschen der Himmel

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Leicht sind Gespräche

Christoph Meckel 

(* 12. Juni 1935 in Berlin; † 29. Januar 2020 in Freiburg im Breisgau)

Leicht sind Gespräche über den neuen Minister,
die Partei, das Programm, die zweifelhaften Geschäfte
                                                       weniger leicht
vom Traum zu sprechen und von den Sachen der Liebe, 
unmißverständlich vom Glück
                               und der Nacht in den Bergen.
Lang schon ist mir das Selbstverständliche 
nicht mehr beantwortet worden und ich bin
   glaubwürdig nur für mich selbst, ohne Diskutanten.

Aus: Christoph Meckel: Souterrain. Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1987, S. 45 (zuvor Hanser 1984)

Lieddeutsch

Rainer René Mueller 

(* 1. Januar 1949 in Würzburg) 

Lieddeutsch

Gesang auf der Kelle 
inmitten des Herbstpsalms 
des einhundertdritten und Walthers
    Kreuzlied

Würzburgtrümmer, beflogen
Schneewittchenvogel, der Eisschaber
    das Märchen Ewigkeit

Mutter wieviel Schritte
darf ich

    spielt das bleiche Kind herum 
gehn und spielen, das Knöchellied 
das Spiel aus Draht
    und Tagbleiche, dem Bildverschnitt 

wir legen uns Selbstmördernamen zu 
wir decken sie zu 
    und tanzen

alle kommen sie her und saufen das aus 
sie dreschen die Trommel, das Maul
    : sie lassen marschieren

Aus: Rainer René Mueller, POÈMES – POËTRA. Ausgewählte Gedichte 1981-2013. Ausgewählt von Rainer René Mueller, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Dieter M. Gräf. roughbook 34. Harbouey, Heidelberg, Berlin, Ludwigshafen am Rhein, Beijing, Solothurn und Schupfart, November 2015, S. 12.

Nur wenige Dichter haben der deutschen Sprache so viel zugemutet wie Rainer René Mueller, es ist offensichtlich, dass er dies nicht aus reiner Experimentierlust tat, sondern der Not gehorchend. Wer nach Auschwitz Gedichte schreibt, sollte nicht nur zeigen, dass er das weiß und spürt, es muss doch auch die Wohlklangplatte vom Teller, jedenfalls muss etwas damit geschehen, sofern man der Meinung ist, Dichtung solle ein Instrument der Wahrheitsfindung sein und nicht eines des Vertuschens.

Dieter M. Gräf, ebd. S. 104

Im Geigenkasten nisten die Schwäne

Die Zeitschrift „Sinn und Form“ teilt mit:

Liebe Leserinnen und Leser,
aufgrund eines Urteils des Berliner Landgerichts vom 23. Februar 2023 konnte SINN UND FORM in den letzten Monaten nicht wie gewohnt erscheinen. Die Akademie der Künste hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Um Sie, liebe Leserinnen und Leser, jedoch nicht länger auf den Ausgang eines – sich möglicherweise noch länger hinziehenden – Rechtsstreits warten zu lassen, hat die Akademie der Künste die formalen Hindernisse, die das Gericht gesehen hat, überwunden. Und wir sind froh, SINN UND FORM nun wieder herausgeben zu können.

https://sinn-und-form.de/dokumentation-der-juristischen-auseinandersetzungen-um-sinn-und-form/1-202-1

Sinn und Form Heft 2 wurde gestern ausgeliefert. Darin von Thomas Böhme

DIE WINDHOSE

Steine wirbeln, Luft stürzt ab.
Himmel & Erde haben die Kleider vertauscht 
wie Raum & Zeit ihre Badetücher.

Ein grinsender Schirm treibt vorbei.
Gesprenkelt mit kosmischen Sommersprossen.
Aus hohem Gewölk regnen Plastikflaschen.

Der Geigenschüler mit den mageren Beinen 
hält sein Instrument vors Gemächt.
Wie soll er jemals sein Solo zu Ende bringen?

Diese vertrackte Partita d-Moll
für die er gern seine Jugend geopfert hätte.
Jetzt fliegt ihm der Lorbeer um die glühenden Ohren.

Zum Geläut eines gotischen Domes
jaulen Hunde mit eingekniffenen Schwänzen.
Eine Schwanenfeder setzt die Sonne in Brand.

Gotisch sind auch die gekenterten Boote.
Spitzwinklig ragen sie über den Horizont 
hinein in die angeschlagene Himmelsrosette.

Schon jagen die ersten Schwimmer 
ihren Schirmen & Handtüchern nach.
Das Schilf befeuert ihren vergeblichen Eifer.

Dann verebben jäh die Geräusche.
Aus der Asche ist eine neue Sonne geschlüpft.
Im Geigenkasten nisten die Schwäne.

Aus: Sinn und Form 2/2023, S. 164

dieser wie auf frischen erdbeeren anbrechende

Gerhard Falkner

dieser wie auf frischen erdbeeren anbrechende 
morgen, diese mit süßem frühjahr verbackene
luft
      was hat die abgefuckte welt denn 
ihresgleichen, da wir dies jahrzehnt 
durchschreiten, in luxus verstrickt, in 
klangharte diagramme unter zutotnahme der 
regel, autistisch, zu einsamkeit ergrimmt 
bis in die fingerspitzen, erblindet wie krüge 
am staub enträtselter nachtlager 
dem digitalen grün sehr nah, seit sie, die 
rabenmutter natur, uns allesamt vor die tür 
ihrer wälder gesetzt

Aus: Gerhard Falkner: so beginnen am körper die tage. gedichte und aufzeichnungen aus einem kalten vierteljahr. darmstadt und neuwied: luchterhand, 1981, S. 40

in achtfacher Centokraft

Etwas für oder an Ulf Stolterfoht also:

Konstantin Ames

Lebenslauf, erste, zweite, fünfte Fassung

Friedrich Hölderlin

(* 20. März 1770 in Lauffen am Neckar, Württemberg; † 7. Juni 1843, heute vor 180 Jahren, in Tübingen)

Handschrift der „Kurzode“ bzw. epigrammatischen Strophe vom April 1798:

Lebenslauf.

Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog
    Schön ihn nieder; das Laid beugt ihn gewaltiger,
          So durchlauf ich des Lebens
                Bogen und kehre, woher ich kam.

Hölderlin

Gedruckt möglicherweise erst im November 1799 in Neuffers Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung, auf das Jahr 1799.

Neufassung und Entwurf von 4 weiteren Strophen, April 1800:

Lebenslauf.
1-4 Hohem nahte sein Geist, aber aus Liebe mußt 
Er hernieder und bald hatte der Abgrund ihn. 
So durchflog er des Lebens 
Bahn, und kehrte woher er kam.

5-8 Aufwärts oder hinab! wehet in lezter Nacht 
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt, 
Weht ein lebender Othem 
Nicht im untersten Orkus auch?

9-12 Diß erfuhr ich, denn oft wenn die Begegnungen 
Meiner Lieben mich einst, deine Gesänge mich  
In den Lüften des Maitags 
Rührten liebendes Bild

13.14 Wenn der Pfeile des Schiksaals 
Einer brennend mich traff sah ich den Gott oft nah

17-20 Nicht wie Meister auf Erden führen des ebnen Pfads 
Erziehen
daß für
alles danken lerne der 
Daß er lerne die Freiheit 
Aufzubrechen, wohin er will.

Textfassung in der Stuttgarter Ausgabe:

Lebenslauf

Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
    All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
          Doch es kehret umsonst nicht
                Unser Bogen, woher er kommt.

Aufwärts oder hinab! herrschet in heilger Nacht,
    Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
          Herrscht im schiefesten Orkus
                Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?

Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
    Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
          Daß ich wüßte, mit Vorsicht
                Mich des ebenen Pfads geführt.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern',
          Und verstehe die Freiheit,
                Aufzubrechen, wohin er will.

Vorige Textstufen (Auswahl) nach der Frankfurter Ausgabe, Stroemfeld / Roter Stern, Bd. 20, 2008. Die Überschrift dieses Beitrags ist nicht wörtlich, sondern nur metaphorisch wahr.

Gedichte werden wieder gelesen, hört man

Margret Kreidl

Gedichte werden wieder gelesen, hört man: 
ein Gewitterhauch, Flügelschlag eines Schmetterlings.
Das Publikum hustet und hustet, lacht.
In sieben Zeilen wird sich die Welt verändern.
Coca Cola oder Red Bull, eins, null, eins.
Hebung, Senkung, Hebung: Auf, jetzt, ihr 
Tänzer im Schacht, schreit: Gute Nacht!

Aus: Margret Kreidl, Schlüssel zum Offenen. Gedichte. Wien: Edition Korrespondenzen, 2021, S. 9

El Silencio

Federico García Lorca

(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 19. August 1936 in Víznar nahe Granada)

Zum heutigen 125. Geburtstag des andalusischen Dichters Federico García Lorca ein Gedicht Lorcas samt zwei der „Einschreibungen und Irritationen“ des deutschen Dichters andalusischer Herkunft José F.A. Oliver.

EL SILENCIO

Oye, hijo mío, el silencio.
Es un silencio ondulado, 
un silencio,
donde resbalan valles y ecos 
y que inclina las frentes 
hacia el suelo.
DIE STILLE

horch, mein sohn, die stille 
schweigt in wellen fort 
ein verinnern plötzlich 
in der tal und echo fallen 
und die jedes aufbegehren 
zu boden stürzt
DER STILLE

hör, mein sohn, die stille stranden 
sie verraunt ist wellenkünftig 
ein verstummen
aus dem hall und täler stürzen 
und das sich gesichter beugt 
der erde zugeborgen

Aus: Federico García Lorca: Sorpresa, unverhofft. Ausgewählte Gedichte 1918-1921. Einschreibungen und Irritationen von José F.A. Oliver. hochroth Berlin 2015, S. 14f.

Aus der Nachbemerkung Olivers:

Mit den hier vorgelegten Variationen will ich Öl ins Feuer gießen. Lorca sprach auch vom Feuer als er schrieb: „Yo tengo el fuego en mis manos. Yo lo entiendo y trabajo con él perfectamente, pero no puedo hablar de él sin literatura.“ Ich habe das Feuer in meinen Händen. Ich verstehe es und arbeite auf eine perfekte Art und Weise mit ihm, aber ich kann nichts darüber sagen – ohne Literatur. Diese Sätze Federicos greifen in meine: Das gesungene Wort hört nicht (immer) auf die Flamencogitarre, aber die Finger des Gitarrenspielers sehr wohl auf die Brüche derjenigen, die singen.

Ich weiß, eines Tages werde ich diese Einschreibungen erneut variieren.

A.a.O. S. 41

Sechszeilengedicht

Günter Bruno Fuchs 

(* 3. Juli 1928 in Berlin; † 19. April 1977 ebenda)

Sechszeilengedicht
oder Nachwort des Herausgebers 
der Nonsens-Anthologie Die Meisengeige

Dies ist die erste Zeile.
Mit der zweiten beginnt mein Gedicht zu wachsen.
Wenn ich so weitermache, komme ich bald an den Schluß.
Die vierte Zeile hilft mir dabei. (Schönen Dank, vierte Zeile!)
Der Gerichtsvollzieher, sage ich noch, trägt seine Eier ins Kuckucksnest.
So, ich habe meine Arbeit getan und lege mich schlafen.

Aus: Günter Bruno Fuchs, Gedichte und kleine Prosa. München, Wien: Hanser, 1992, S. 294. Erstdruck in: Neues bilderreiches Poetarium, Nr. 1, Frankfurt/Main 1963. Die Anthologie Die Meisengeige erschien 1964.

Kiew

Dmitri Strozew

(Geboren 1963 in Minsk)

wer auf kiews hügeln steht
durch die lauten höfe geht
wer trennt vögeln gleich die nähte
reißt aus himmeln blank die angst
näht die hoffnung wie ein schneider
donnerkluft gewitterkleider
wer trennt vögeln gleich die nähte
näht ein kleid im wilden wind

27.06.2016

Aus dem Russischen von Andreas Weihe, aus: wespennest 183 / 2022, S. 5

Für die Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit ist heute keine Kardinaltugend. Warum aufmerksam sein, wenn sowieso alles überall und jederzeit verfügbar ist? Und wenn es nicht gefunden wird, beweist das nicht, dass es die Aufmerksamkeit nicht wert war? Ich google mich, also bin ich.

Seit Anfang des Jahres wird die Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ auf Betreiben einer anderen Zeitschrift nicht mehr ausgeliefert bzw. produziert. Inzwischen wäre das dritte Heft des Jahrgangs erschienen. Mit Entsetzen las ich damals, wie einige Dichterfreunde über Dinge wie Wettbewerbsrecht schwadronierten. Es interessiert sie einfach nicht, dachte ich, es ist ihnen egal. Man kann ja nicht alles lesen, eine weniger, was solls. Jemand sagte zu mir etwas über die Benachteiligung der Bayrischen Akademie. Sinn und Form ist die Zeitschrift der Berliner Akademie, ursprünglich der Akademie der Künste der DDR. Gegründet von Johannes R. Becher, der seine Genossen kannte und sich ein relativ unabhängiges Organ wünschte. Er bestellte Peter Huchel zum Chefredakteur. Nach Bechers Tod schlugen die Feldwebel der SED bald zu und setzten Huchel ab. Aber die Zeitschrift ging nicht unter. Menschenskind, denkt ihr, man könnte einfach eine Zeitschrift gründen, in München oder Dresden, und sie wird eine international beachtete Institution? Kaputtmachen ist einfacher. Denen sie am A…llerwertesten vorbeigeht, werden sie nicht vermissen.

Ich greife irgendeine Ausgabe aus dem Archiv auf der Suche nach einem Gedicht des Tages und werde auf Anhieb fündig. Im ersten Heft des Jahrgangs 1977 Gedichte von Agostinho Neto (mit einem Beitrag von Jorge Amado über den Autor) und Wilhelm Tkaczyk. Daneben Elias Canetti und Wolfgang Koeppen. Ich bleibe aber an einem anderen Text hängen. Jürgen Rennert schreibt über den 100. Jahrestag des Bukarester Jüdischen Staatstheaters und eröffnet den Beitrag mit einem Gedicht des jiddischen Dichters Israil Bercovici.

Israil Bercovici

(20. Dezember 1921 in Botoșani; gest. 15. Februar 1988 in Bukarest)

Schmerz

Ach, mich brannten schon im Leben 
alle Arten Schmerz und Leid:
Schmerz verwehrter Zweisamkeit, 
Schmerz, zu sehn, wie die von dir 
                  geglaubte und verehrte
Wahrheit sich vor dir ins Gegenteil 
                  verkehrte.
Schmerz, in einer Sprache, die erlosch, zu 
                 sagen und zu meinen
und dem liebsten Menschen dennoch 
                 unverständlich zu erscheinen.
Schmerz, der Wunsch, Gewichtiges zu tun 
für die Welt und lichtre Zeiten 
und doch ganz vernommen sein 
mit dem Wust von Nichtigkeiten.
Alle Arten Schmerz und Leid, 
aber eine übertrifft sie, 
macht mich weinen, rührt ans Wesen: 
ein Gedicht zu schreiben, ohne 
wen zu haben, es zu lesen.

Aus dem Jiddischen von Jürgen Rennert, in: Sinn und Form 1/1977, S. 196. Rennert liefert auch eine phonetische Umschrift des Originaltexts und einen Kommentar.

Wejtik

Ch'hob ojssgewejtikt schojn in lebn 
                    ale wejtikn und wejn:
fin sejn alejn, wen ss'wilt sich sejn in 
                    zwejen,
fin glojbn in an emess mitn gantzn lejb 
                    un lebn
un sen wi er in scheker wert farwandlt 
                    bej dejn lebn.
Fin weln rejdn in a schprach, a 
                    nischt-faranener
und blejbn far dem libsstn mentsch a
                    nischt farschtanener,
fin weln tin epess asojnss zu brengen
far der welt a lug a lichtikn 
un misn sein fartun gur 
mit an injon a nischt wichtikn.
Nor gresser fin di wejtikn di ale
                    is di wejtik,
wuss imschtand is mich zi machn wejnen, 
fin onschreibn a lid 
un ess nischt hobn wemen forzilejenen.*

Ebd. S. 206f.

*) forzilejenen: vorzulesen

Aus Rennerts Beitrag:

Aufmerksamkeit tut not und lohnt sich für beide Seiten, die aufeinander mehr angewiesen sind, als es abgetragene oder unabtragbar erscheinende Hypotheken vermuten lassen. Wenn in Bukarest, Warschau, Vilnius, Tschernowzy, Birobidshan heute noch in Jiddisch Theater gespielt wird, sollten wir es von hier aus nicht mit einer traditionspllegenden Touristenattraktion verwechseln.

Denn jene Theater spielen für ein lebendes, oft genug das Schlimmste überlebt habendes, jedoch nicht überlebtes Publikum. Salomo Birnbaum formulierte in seiner Studie «Die jiddische Sprache», was unter dem Aspekt jeder scheinbar zum Untergang verurteilten Sprache und Kultur größte Beachtung verdient: «Selbst wenn Jiddisch nur noch zwei oder drei Generationen zu leben hätte, so wäre das kein Grund, es weniger zu pflegen als wenn es hundert Generationen vor sich hätte, denn die Einzelmenschen der wenigen Generationen haben die gleichen Rechte wie die der vielen Generationen. Man vernachlässigt ein Gerät nicht, weil es in absehbarer Zeit ja doch gebrauchsunfähig sein wird.»

Vielleicht erklärt das bisher Gesagte, was mich an dem eingangs zitierten, von mir im Bemühen um größte inhaltliche Genauigkeit nachgedichteten Text Israil Bercovicis reizt und berührt. Und ich denke, es ist Zeit, der Nachdichtung eine – wenn auch unzulängliche – phonetische Umschrift des Originals nachzuschicken. Möge sie ahnen lassen, was das Jiddische vermag. Ihr kritischer Vergleich mit der Nachdichtung macht möglicherweise sichtbar, daß eine wortwörtliche Übertragung der kürzeste Weg gewesen wäre, um am Wesen der Sache, der Sprache, des Textes vorbeizureden und vorbeizuhören.

Israil Bercovici (1921-1988), jiddischer Dichter, Dramatiker und Kulturhistoriker. Langjähriger Chefdramaturg des Bukarester Jüdischen Staatstheaters. Mehrere Gedichtbände. 1976 „Hundert Jor jidisch Teater in Rumenie“. Starb vor Vollendung seines Hauptwerks – einer Universalgeschichte des Jiddischen Theaters.