Viele Sprachen

Bei Dao

(chinesisch 北岛, Pinyin Běidǎo; * 2. August 1949 in Peking)

SPRACHE

Viele Sprachen
sind in der Welt unterwegs
Beim Zusammenstoß entstehen Funken 
mal Haß, 
mal Liebe

Das hohe Haus der Vernunft 
bricht gerade stumm in sich zusammen 
Ein Korb, geflochten aus Gedanken 
flach wie Bambussplitter 
ist vollgestopft mit blinden Giftpilzen

Vierfüßler auf der Felswand 
huschen über Blumen
Ein Löwenzahn wächst heimlich 
in irgendeinem Winkel
Der Wind hat seinen Samen fortgetragen

Viele Sprachen
sind in der Welt unterwegs
Ihre Produkte
machen das stille Leid der Menschheit 
weder leichter noch schwerer

Aus dem Chinesischen von Wolfgang Kubin, aus: L•U•F•T•F•R•A•C•H•T. Internationale Poesie 1940 bis 1990. Ausgewählt von Harald Hartung. Frankfurt am Main: Eichborn, 1991, S. 347

Himmlische Phänomene

Noch ein Text von Keith Waldrop aus „Potential Random“, übersetzt von Tim Holland und Barbara Tax. Etwas über Himmelskörper.

Potential Random X

        Kein Zählen der 
        Toten und derer, 
        die sterben werden.

Kant dachte, die Erde hätte einmal wie Saturn einen Ring gehabt. Dieser hätte aus wässrigen Schwaden bestanden und umkreiste die Erde in einer Schönheit, die von den Bewohnern der Erde betrachtet und bewundert wurde.

Verloren ging damit für die Überlebenden, das heißt für uns, der Anblick dieses Rings in der höheren Atmosphäre, und damit das allerschönste Bild, vom Boden des Paradieses oder von einem jungen Planeten aus gesehen. Was geblieben ist, ist der Regenbogen – eine matte Erinnerung an den verlorenen Glanz.

Im Lauf der Zeit, durch die Bewegung eines Kometen oder aus einem anderen Grund, lösten sich die Wasser des Rings und stürzten zur Erde. In dieser Sintflut ging der größere Teil der sündigen Menschheit unter.

        Im Mittelpunkt von jedem 
        System steht ein brennender
        Körper.

        Helle Sonne zwischen
        Weinstock und Feigenbaum.

        Zufällig haben
        Sonne und Mond
        genau die gleiche Größe.

        Himmlische Phänomene – es gibt 
        so viele Sterne – verschmelzen entlang 
        meiner Blickachse.

        Direkt vor meinen Augen lässt sich 
        eine Spinne herunter – langsam, total 
        weit weg, bis runter auf Augenhöhe.

        Die Erde dreht sich im
        Kranz der Sonne.

        Hochebenen im 
        Staub, und auch 
        Elefanten, ach.

        Hundert Meilen Umbra
        über unzähligen
        Flächen Tundra.

        Ich versuche, mir einen 
        Reim zu machen, in dem dahinter 
        nicht hinterrücks ist.

        Es deutet auf die 
        Idee eines Vogels hin.

        Monströse Farben 
        bestimmter Dinge.

        Monströse Dinge 
        unbestimmter Farbe.

        Man muss sich entscheiden zwischen 
        dem Leben
        und dem, was das Leben birgt.

        Sonnenflecken gefrieren auf der Stelle.

        Einen Strom entlang reisen, 
        die Straße unberechenbar.

        Prassern und Henkern
        geht es gut in der eroberten 
        Stadt.

        Was wollte ich nur immer 
        sagen, aber 
        wie, in diesem Moment.

Potential Random X

        No counting the
        number of the dead, the number 
        of those who will die.

Kant thought Earth had at one time, like Saturn, a ring. Composed of watery vapors, it encircled the world in beauty, to be regarded and appreciated by Earth’s inhabitants.

In the course of time, from the action of a comet or other cause, the waters composing that ring were loosed and fell upon Earth and in that deluge the greater part of a sinful mankind perished.

Lost thereby, for the survivors, which is to say, for us: the sight of that ring in the upper air, the most exquisite view from the surface of Paradise or a young planet – our rainbow a faint reminder of the glory lost.

        At the center of every 
        system is a flaming 
        body.

        Bright sun between 
        grapevine and fig tree.

        By coincidence, 
        sun and moon
        are exactly the same size.

        Celestial phenomena – there are 
        so many stars – merge along 
        my line of sight.

        Directly before my eye descends 
        a spider – slowly, a ways 
        away, just down to eye-level.

        Earth spins in the 
        sun's corona.

        High countries in the 
        dust, and also 
        elephants, alas.

        A hundred miles of 
        umbra over un-
        counted acres of tundra.

        I try to find some 
        sense in which behind is 
        not in back of.

        It suggests the 
        idea of a bird.

        Monstrous colors on 
        certain things.

        Monstrous things in 
        uncertain colors.

        One has to choose between 
        life
        and what life contains.

        Sunspots freeze in place.

        Traveling some current, the 
        road imponderable.

        Wastrel and hangman 
        thrive in the conquered 
        city.

        What have I ever wanted to 
        say, but
        how at this moment.

Aus: keith waldrop: gravitationen 2. ausgewählte gedichte (2000-2009). herausgegeben von david frühauf und jan kuhlbrodt. Frankfurt/Main: gutleut, 2018, S. 24ff

Zum Tod von Keith Waldrop

Ich blättere lange im zweiten Band der Gedichtauswahl „Gravitationen“ des amerikanischen Dichters Keith Waldrop, der am 27. Juli gestorben ist. Ich müsste das Buch abschreiben. Kompromiss: wenigstens 3 Texte. Heute ein kurzer.

Potential Random XV

Three lists remain: The first 
is a list of the living,

who are now dead. The second records 
the saints and martyrs, those

who laid down their lives to 
be with Jesus. They fly to Him,

to miss the long repose.
The third list

is a list of the dead.
Potential Random XV

Drei Listen bleiben: Die erste 
ist eine Liste der Lebenden,

die jetzt tot sind. Auf der zweiten Liste: 
die Heiligen und die Märtyrer, die

ihr Leben hingaben, um mit 
Jesus zu sein. Sie steigen zu ihm auf,

um der langen Grabesruhe zu entgehen.
Die dritte Liste

ist eine Liste der Toten.

Der Zyklus „Potential Random“ wurde von Tim Holland und Barbara Tax übersetzt. Aus: keith waldrop: gravitationen 2. ausgewählte gedichte (2000-2009). herausgegeben von david frühauf und jan kuhlbrodt. Frankfurt/Main: gutleut, 2018.

Alba, Loschwitz

L&Poe featuring Versnetze. Heute:

Bertram Reinecke

Alba, Loschwitz

Vereinzelt schwimmen Lichter von den Hängen 
Wie Weinstein der sich setzt in trüben Flaschen
Erstorben sind die hektischen und raschen 
Bewegungen der Stadt, nur Nebel drängen

Man ahnt mehr als man sieht, paar Armeslängen
Entfernt die Äste anskizziert mit laschen 
Pinseln, selbst die Vögel sind verwaschen 
Nur gries getupfte Reste von Gesängen.

Ein fremder Àther hat die Stadt gefressen
Von drunten wälzt sich stumm der große Fluss
Als Nebel hoch und höher unermessen.

Hier blieb ich gerne, nicht bloß mit Verdruss 
Wüsst ich nicht heimlich ebenso indessen 
Dass solche Pracht auch wieder schwinden muss.

Aus: Versnetze_zehn. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2017. S. 27

das Einhorn in seinem Garten

Silke Peters

Das Einhorn

das Einhorn in seinem Garten / wir sind eingestiegen / 
eingebrochen / die lockeren Ziegel fallen / unter der Mauer / 
der Efeu an ihren Händen / die Wirbel / die Stimme rutscht aus 
/ dies ist kein leck geschlagenes Beisammensein / und du 
zahlst Dieter / diesmal nehmen wir den Rest / der Regen 
rauscht glatt durch / wie geschmiert / messerscharfes Klirren
/ der eingelegte Guppy ist das Typusexemplar / er hat sich 
entfärbt / das leichte Aufleuchten wenn sie sich in ihrem Glas 
drehen / die reinste Teleskopage ist das / dann gilt alles als 
ein Blatt in der Heraldik / es gibt Chancen / die du dir von 
der anderen Seite aus ansehen kannst / wie nachträgliche
Satzzeichen

Aus: Versnetze fünf. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Herausgegeben von Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2012, S. 47

Er war betrunken

Hans Ehrenbaum-Degele 

(* 24. Juli 1889 in Berlin; † 28. Juli 1915 „gefallen“ am Narew)

Der Dichter

Es neigte sich die Schar der jungen Knechte
Dem wirren Haar und dem zerschlißnen Rock.
Die Straße weiter taperte die Rechte, 
Die Linke hielt sich krampfig fest am Stock.

Scham schlug ihm rot empor: er war betrunken 
Und rang mit seinem Weg; und jäh erblaßt 
War er im Rinnstein stolpernd hingesunken 
Und raffte sich empor in wirrer Hast.

Da kam's, daß er den Blick nach innen schlug, 
Wo er, buntwechselnd wie Geleucht der Meere,
Wuchernder Blumen Fülle in sich trug.
Und atemraubend gab der süße, schwere

Duft seinem Sinn, der wie ein großer Falter 
In ihre tiefen Rätselkelche sank, 
Seltsamen Traum und schuf ihn zum Gestalter, 
Der Lust und Qual in seine Lieder zwang.

So ging er, in sein Fühlen tief versunken, 
Betäubt von Fiebern, Künder schwüler Nächte.
Man wich ihm schonend aus: er war betrunken.
Es neigte sich die Schar der jungen Knechte.

Aus: Versensporn 33: Hans Ehrenbaum-Degele. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2018, S. 10

O Gedankenspiel

Heute vor 150 Jahren starb der russische Dichter Fjodor Tjutschew.

Fjodor Tjutschew

(russisch Фёдор Иванович Тютчев, wiss. Transliteration Fëdor Ivanovič Tjutčev, * 23. Novemberjul. / 5. Dezember 1803greg. in Owstug im Gouvernement Orjol; † 15. Julijul. / 27. Juli 1873greg. in Zarskoje Selo) 

Der Brunnen

Sieh, wie der lichte Strahl sich ballt, 
Sich zur leibhaften Wolke rundet;
Sich, wie sein feines Sprühen, kalt 
Entflammt, im Sonnenschein verdunstet.
Sieh, die Fontäne steigt und steigt, 
Sie rührt ans Höchste, ans Ersehnte 
Und sinkt dann doch als Staub ganz leicht 
Herab – hienieden muß sie enden.

O menschliches Gedankenspiel –
Fontäne, niemals zu erschöpfen!
Was spannt, was beugt dich, welches Ziel 
Ist dir bestimmt vom unerkannten Schöpfer?
Mit welcher Lust drängst du nach oben!..
Doch des Schicksals unsichtbare Hand
Biegt deinen strammen Strahl zum Bogen, 
In Spritzern sinkst du auf den Brunnenrand.

1836

Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-Deutsch. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 313

Ф. И. Тютчев

Фонтан

Смотри, как облаком живым
Фонтан сияющий клубится;
Как пламенеет, как дробится
Его на солнце влажный дым.
Лучом поднявшись к небу, он
Коснулся высоты заветной –
И снова пылью огнецветной
Ниспасть на землю осужден.

О смертной мысли водомет,
О водомет неистощимый!
Какой закон непостижимый
Тебя стремит, тебя мятет?
Как жадно к небу рвешься ты!..
Но длань незримо-роковая
Твой луч упорный, преломляя,
Свергает в брызгах с высоты.

Und die Seelen?

Irena Habalik

Wenn Tausende ertrinken

Wer zählt sie? Eine Zählmaschine?
Wer vergießt die Tränen? Das Meer?
Wer besingt sie? Die Wellen?
Wer erzählt ihr Leben? Die Fische?
Wo liegen die Leichen? Am Grund? Tief, tiefer?
Wer zündet die Kerzen an? Die Herzen?
Der Gestrandeten? Der Ohnmächtigen?
Und die Seelen? Liegen sie flach, dicht 
am Kadaver geklebt?
Erheben sie sich nachts? Fliegen sie weg?
Zu den anderen Planeten? Mars, Venus?
Wir sehen sie fliehen, flimmern, uns zurufen, 
wir verstehen kein Wort
staunen was soll der Fleck in unseren Augen
Und wer sind wir auf der anderen Seite des Ufers?

Aus: Versnetze_zehn. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Frank Liebe, 2017, S. 302

Aber man kriegt damit den Tag rum

Thorsten Nesch

Gedichte sind nur Platzverschwendung

Mario meint
Gedichte seien nur Platzverschwendung
Mag sein
Aber man kriegt damit den Tag rum 
Ich stelle mich öfter vor den Computer
Auch wenn gerade nichts Besonderes anliegt 
Denn mir fällt vieles erst beim Schreiben ein
So dass ich mich zu den Standpunkt hingerissen fühle
»Mein Computer ist kreativer als ich«
So beginne ich zwischendurch
Ein paar Telefonate mit Olli, Ingo, Markus, Conny
Und eine Besoffene hat sich verwählt
Sie will ein Taxi es wäre nett
Wenn ich ihr die richtige Nummer geben könnte
Dann bräuchte sie nicht noch bei der überteuerten Auskunft anzurufen
Solidarität hat einen Körper: meinen
Ich such ihr die Nummer von Thelemann-Mietwagen raus 
Und sie antwortet mit denen fahre sie grundsätzlich nicht
Ein nächster Versuch 
Und ich habe Glück
Meike meint ich wäre so lieb sie würde mich lieben
Sie hätte noch gerne meine Telefonnummer
Tut mir leid ich 
Hab noch was vor
Watt machse n grad?
Gedichte schreiben
Ich lege auf
Und gehe zurück zum Computer
Und bei einem Gedicht weiß ich immer
Wo ich stehen geblieben war

Aus: Kaltland Beat. Neue deutsche Szene. Hrsg. Boris Kerenski & Sergiu Stefanescu mit einem Vorwort von Peter O. Chotjewitz. Ithaka Verlag, 1999, S. 279

Haus am Rande der Sprache

Olaf Trunschke

Und wer sie so hört, die verwitweten Wörter, der könnte wirklich glauben, es gäbe all das noch, was doch nur durch sie, die verwitweten Wörter, eine Weile noch fortwährt, mitten in den Sätzen.

Aus: Es gibt eine andere Welt. Neue Gedichte. Eine Anthologie aus Sachsen. Hrsg. Andreas Altmann und Axel Helbig. Leipzig: Poetenladen, 2011, S. 343.

Verwandtschaft

Noch einmal eins der Gedichte aus dem Deutschen von Felix Philipp Ingold. Die Gedichte dieses Büchleins (aus dem legendären Rainer Verlag) sind Umdichtungen, Parodien oder Übersetzungen von deutschen Gedichten aus dem klassischen und modernen Kanon jener Jahre aus dem Deutschen ins Deutsche. Wem das bekannt vorkommt, kann gerne hier kommentieren. Wenn nicht, auch gut, folgt am Abend die „Auflösung“.

Felix Philipp Ingold

Kaum Sympathie 
Für jenen Fisch
Mit dem die Fut
Verwandtschaft übt.

Der Slip schon feucht 
Wie schwarz vom Blut
Nicht einmal taugt 
Der Hunger trügt.

Sein Monogramm im Falz
Von bloßer Hand
Beweis
Er kann's.

Und er war da
Wer daran rührt
Bekommt die Schrift
Auf Stein diktiert.

Aus: Felix Philipp Ingold, Fremdsprache. Gedichte aus dem Deutschen. Berlin: Rainer, 1984, S. 23

Kai Agthe, Wolfgang Koeppen, ein Gemälde Friedrichs betrachtend, bedichtend

Kai Agthe

Wolfgang Koeppen ein Gemälde
Caspar David Friedrichs betrachtend

Die Erinnerung Eldena verbindet des 
Malers fehlende Figuren. Alter Mann, 
endlich heimkehrend in das Gemälde, in

dem er seit langem schon erwartet wurde.
Versunken in einer spröden Landschaft, 
die Pommern heißt und fern nun liegt.

Ein Blick zurück in beider Kindheit, auf 
das baltische Meer, wo der Butt gerufen 
wurde, als das Wünschen noch half.

Aus: Versnetze. Das große Buch der neuen deutschen Lyrik. Weilerswist: Ralf Liebe, 2008, S. 33

Ja, da staunt ihr

Kornelia Koepsell

(Geboren 1955 in Gießen)

HER MIT DEM GELBFIEBER

Ich liebe schmächtige Archivare, 
ich liebe kachektische Mönche, 
ich liebe die Gelbfieberkranken.

Ja, da staunt ihr, ihr Wächter des Gebäudeschutts!
Ich meine, daß ich mich so freiweg erkläre.
Ich, die auf der Kommandobrücke nichts zu sagen hat.

Mir ist eben das Stammeln der Hinfälligen lieber 
als der Modegesang lallender Hüpfer.
Ich sage: Her mit dem Gelbfieber auf Kosten der Werkleitung.

Aus: Sinn und Form 3/2023, S. 329

Geschichte

Ich bleibe noch einmal bei der wunderbaren Sammlung luxbooks.americana (ohne die wir etliche Autorinnen und Autoren gar nicht auf Deutsch hätten und die auch Jahre nach der Geschäftsaufgabe des Verlags nicht nach Gebühr gewürdigt und vermisst wird).

Kevin Prufer

(geboren am 22. Oktober 1969 in Cleveland, Ohio)

History

They put a bottle in my neck
and threw me from the bridge into the river 
where I floated on my back then sank.

I slept for weeks beneath a log, then 
woke to the light flittering through cold water.

Chilled over, thick in the tongue and sweet⎯
I could not speak, so watched instead 
the bits of silt that fell like dead embers

over my eyes.
Geschichte

Man stieß mir eine Flasche in den Nacken 
und warf mich von der Brücke in den Fluss, 
wo ich eine Weile auf dem Rücken trieb, dann unterging.

Ich schlief für Wochen unter einem Holzstamm, dann 
weckte mich glitzerndes Licht durchs kalte Wasser.

Ausgekühlt, die Zunge schwer und süß⎯
ich konnte nicht sprechen, so sah ich stattdessen 
dem Schlick zu, der wie erloschene Glut

auf meine Augen fiel.

Aus: Kevin Prufer, Wir wollten Amerika finden. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Susanna Mewe und Norbert Lange. Wiesbaden: luxbooks, 2011 (luxbooks.americana), S. 104f

Dort––da drüben

Anna Rabinowitz

(Geboren am 28. Mai 1933 in Brooklyn)

Dort⎯da drüben⎯neben dem Eisenzaun,
Sich festhaltend, wartend,

Jede Zelle ihres Fleisches ein klarer Kristall,
In Erwartung eines Schnitts⎯was eine andere Facette
Der Erfahrung sein könnte in dem Leben, das noch vor ihr liegt⎯oder eines Risses⎯
Ein Makel in dem, was als nächstes kommt⎯oder eines Herausschneidens, obwohl sie
Jetzt noch nichts weiß über
Ausgänge⎯

Nicht weiß sie, dass Kusinen, Tanten, Onkel, Großeltern
Im alten Land in ein paar Jahren vergast sein werden⎯und sie wird
Nie mit ihnen gesprochen, sie nie berührt oder den Knoblauch in ihrem Atem
Gerochen haben. Während sie posiert weiß sie nicht, dass das Kamerageschick
Die Zukunft negiert und die Vergangenheit freispricht, dass ihr Spielplatz
Gelb wird während Steckrüben in entlegenen Kellern verrotten und aus außergewöhnlichen
Geschehnissen Gift sickert⎯gegen die Vernunft, gegen die Geschichte⎯Häuser, Felder
Himmelschreiend vom Feuer⎯und blaue Flammenklauen fremde Prämissen ersticken.
Endlösungen sind zu Hand während offizielle Verleugnungen die Radiowellen beflittern.

Liebes Kind auf dem in Brooklyn gemachten Schnappschuss⎯für immer am Platz,
Die Arme um Deine polnische Puppe geschlungen⎯

aus dem Da, das nirgendwo ist

Du, die danach brennt hinauszugehen⎯um die Welt zu verbrühen mit Gründen für das Sein.

Aus dem Amerikanischen von Barbara Felicitas Tax. Aus: Anna Rabinowitz, Darkling. Wiesbaden: luxbooks, 2012, S. 21f

http://www.annarabinowitz.com/poems.html