Veröffentlicht am 1. Juni 2023 von lyrikzeitung
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Salamanca ist nicht die Großstadt in Spanien, sondern ein Städtchen im US-Staat New York, und Seneca nicht der römische Philosoph, sondern ein Stamm der Irokesen: die Seneca Nation, die heute in einem „Reservat“ in ihrem eigenen Land lebt.
In »A Seneca Journal«, diesem Klassiker von 1978, knüpft der Dichter Jerome Rothenberg nahtlos an seinen Band »Poland/1931« an, in dem er den ethno-poetischen Blick auf die Geschichte der eigenen jüdischen Vorfahren gerichtet hatte. Schauplatz ist nun das kleine Eisenbahnstädtchen Salamanca im Allegany Reservat im Westen des Staates New York. Das Ehepaar Rothenberg war für ethnologische und poetische Studien hergezogen und in die Gemeinschaft der Seneca, eines der sechs Stämme der Irokesenliga, aufgenommen worden. In den Mythen und Erzählungen über Vernichtung und Vertreibung ihres Volkes erkennt Rothenberg die Schicksale der eigenen aus Osteuropa stammenden Familie wieder. Die Begegnung lasst ihn eine gemeinsame Vorstellungswelt entdecken, in der amerikanische Ureinwohner und jüdische Einwanderer zu Geschwistern werden.
Wie der in den Gedichten auftretende Baal Schem ist der vom Biber-Clan der Seneca adoptierte Rothenberg ein Wandelnder zwischen den Welten. Seine Gedichte beweisen die Lebendigkeit und das utopische Potential der Imagination.
Klappentext von Jerome Rothenberg: Seneca Journal (Moloko 2022)
Jerome Rothenberg
SALAMANCA EINE PROPHEZEIUNG
(1)
eine Stadt auf
dem Rücken einer Schildkröte
ein Langhaus
/
war wie Jerusalem
deren Tempel ruhte
auf einem Wal
(2)
ausgeschlossen aus allem eines
zusammenzufügen
Seneca Nation
Salamanca, New York
21.2.74
SALAMANCA A PROPHECY
(1)
a city on
a turtle's back
a longhouse
/
was like Jerusalem
's temple resting
on a whale
(2)
impossible to bring it all
together
Seneca Nation
Salamanca, New York
21.ii.74
Aus: A Seneca Journal (1978). Ein Seneca-Journal. Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Felicitas Tax und Norbert Lange. Berlin: Moloko Print 128/2022
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SALAMANCA EINE PROPHEZEIUNG//(1)/eine Stadt auf /dem Rücken einer Schildkröte/ein Langhaus/ //war wie Jerusalem/deren Tempel ruhte /auf einem Wal//(2)/ausgeschlossen aus allem eines/zusammenzufügen//Seneca Nation/Salamanca, New York/21.2.74////
SALAMANCA A PROPHECY//(1)/a city on /a turtle’s back /a longhouse/ //was like Jerusalem/’s temple resting /on a whale//(2)/impossible to bring it all /together//Seneca Nation/Salamanca, New York/21.ii.74//
Veröffentlicht am 31. Mai 2023 von lyrikzeitung
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Heute vor 250 Jahren wurde Ludwig Tieck geboren. Zum Anlass ein Zitat über den „König der Romantik“ und ein Scherz- (oder Schimpf-?)sonett aus dem Zyklus „Die Kunst der Sonette“.
„Den Dichterischen war er zu kritisch, den Kritischen zu dichterisch, den Protestanten zu katholisch, den Katholiken zu protestantisch, den Aufgeklärten seiner Jugend zu religiös, den Frommen seines Alters zu aufgeklärt, den Liberalen galt er für servil, den Legitimen für einen Oppositionsmann.“
Rudolf Köpke
Ludwig Tieck
(* 31. Mai 1773 in Berlin; † 28. April 1853 ebenda)
[Ein nett honett Sonett so nett zu drechseln] Ein nett honett Sonett so nett zu drechseln Ist nicht so leicht, ihr Kinderchen, das wett' ich, Ihr nennt's Sonett, doch klingt es nicht sonettig, Statt Haber füttert ihr den Gaul mit Hexeln. Dergleichen Dinge muß man nicht verwechseln; Ein Unterschied ist zwischen einen Rettig, Und ritt' ich, rutsch' ich, rumpl' ich, oder rett' ich, Auch Dichten, Dünnen, Singen, Krähen, Krächzeln. Drum liegt im Hafen stille doch ein Weilchen, Und lasset hier das kranke Schiff ausbessern, Es zeigt mehr Leck' als Schiff in seiner Fläche: Noch lecker wird es, ihr bezahlt die Zeche, Doch dünkt uns lecker nicht ein einzig Zeilchen; Nach lauem Wasser kann kein Mund je wässern.
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Ein nett honett Sonett so nett zu drechseln /Ist nicht so leicht, ihr Kinderchen, das wett‘ ich, /Ihr nennt’s Sonett, doch klingt es nicht sonettig, /Statt Haber füttert ihr den Gaul mit Hexeln. //Dergleichen Dinge muß man nicht verwechseln; /Ein Unterschied ist zwischen einen Rettig, /Und ritt‘ ich, rutsch‘ ich, rumpl‘ ich, oder rett‘ ich, /Auch Dichten, Dünnen, Singen, Krähen, Krächzeln. //Drum liegt im Hafen stille doch ein Weilchen, /Und lasset hier das kranke Schiff ausbessern, /Es zeigt mehr Leck‘ als Schiff in seiner Fläche: //Noch lecker wird es, ihr bezahlt die Zeche, /Doch dünkt uns lecker nicht ein einzig Zeilchen; /Nach lauem Wasser kann kein Mund je wässern.
Veröffentlicht am 30. Mai 2023 von lyrikzeitung
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Veröffentlicht am 29. Mai 2023 von lyrikzeitung
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das existiert bald nur noch in uns – der Wunsch nach einem Zeitalter von Elefant:n ihrem Ritual – sich um ein sterbendes Herdenmitglied zu versammeln es mit Rüsseln anstupsen im Versuch, das Wesen aufzurichten wie ein Drehkreuz, Achse eines Planeten den Leichnam schließlich mit Zweigen bedecken um wiederkehren zu können an diesen Punkt – womöglich mit einer Jenseitsvorstellung * waren die Meilen, die du gereist bist, ein fairer Handel? hast du dem Boden gegeben, was du ihm nahmst?
Aus: Rike Scheffler: Lava. Rituale. Berlin: kookbooks, 2023, S. 37
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das existiert bald nur noch /in uns – der Wunsch//nach einem Zeitalter von Elefant:n/ihrem Ritual –//sich um ein sterbendes Herdenmitglied zu versammeln/es mit Rüsseln anstupsen//im Versuch, das Wesen aufzurichten /wie ein Drehkreuz, Achse eines Planeten//den Leichnam schließlich mit Zweigen bedecken /um wiederkehren zu können an diesen Punkt –//womöglich mit einer Jenseitsvorstellung//*//waren die Meilen, die du gereist bist, ein fairer Handel?/hast du dem Boden gegeben, was du ihm nahmst?//
Veröffentlicht am 28. Mai 2023 von lyrikzeitung
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Veröffentlicht am 27. Mai 2023 von lyrikzeitung
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Das Wessobrunner Gebet Das erfragt ich im volke als frühestes wunder. Daß erde nicht war noch oben himmel Noch baum irgend noch berg nicht war Noch vom süden sonne nicht schien Noch mond nicht leuchtte noch der meer-see. Da nichts war an enden noch wenden. Und da war der eine allmächtige Gott. Der männer mildester. und da waren auch manche mit ihm. Gute geister. und Gott, der heilige.
Übersetzung Hans Litten. Aus: Sinn und Form 1978/2, S. 228
Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista Dat ero ni uuas noh ufhimil noh paum noh pereg ni uuas ni [...] nohheinig noh sunna ni scein noh mano ni liuhta noh der mareo seo Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo enti do uuas der eino almahtico cot manno miltisto enti dar uuarun auh manake mit inan cootlihhe geista enti cot heilac
Hans Achim Litten (* 19. Juni 1903 in Halle (Saale); † 5. Februar 1938 im KZ Dachau) war ein deutscher Rechtsanwalt und Strafverteidiger. Insbesondere als Gegner des NS-Regimes und „Anwalt des Proletariats“ machte sich Hans Litten einen Namen. Er wurde 1933 verhaftet und starb 1938 im KZ Dachau. (Wikipedia)
Hans Litten schickte diese Übersetzung mit einem Kommentar in einem Brief aus dem KZ Lichtenburg an seine Mutter. Hier ein Teil des Kommentars.
„Ich halte das Wessobrunner Gebet nicht für die Bearbeitung eines Psalmes und überhaupt nicht für christlich, sondern für ein heidnisches Schöpfungsgedicht (was allerdings dem Aufzeichner nicht mehr bewußt war, der es als Einleitung eines in Prosa gehaltenen wirklichen Gebets in christlichem Sinne aufzeichnete).
Beweis: Die Zeile «Daß erde nicht war noch oben himmel» findet sich fast wörtlich in dem gegen 1000 auf Island aufgezeichneten Edda-Gedicht «Volusspa» (Der Seherin Schau) wieder. Das Wessobrunner Gebet ist um 800 aufgezeichnet, gegenseitige Beeinflussung also ausgeschlossen. Beide müssen also auf gemeinsamer Vorlage beruhen, die schon existiert haben muß, als zwischen Nord- und Westgermanen noch Sprachgemeinschaft bestand, also spätestens 400 nach Christus. Die Wendung «der eine allmächtige Gott» braucht nicht christlich gedeutet zu werden, sondern kann sich auf einen obersten Gott (im Gegensatz zu anderen weniger mächtigen) beziehen, und die Bezeichnung «der männer mildester» ist für den christlichen Gott undenkbar.“
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Das erfragt ich im volke als frühestes wunder. Daß erde nicht war noch oben himmel Noch baum irgend noch berg nicht war Noch vom süden sonne nicht schien Noch mond nicht leuchtte noch der meer-see. Da nichts war an enden noch wenden. Und da war der eine allmächtige Gott. Der männer mildester. und da waren auch manche mit ihm. Gute geister. und Gott, der heilige.
Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista Dat ero ni uuas noh ufhimil noh paum noh pereg ni uuas ni […] nohheinig noh sunna ni scein noh mano ni liuhta noh der mareo seo Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo enti do uuas der eino almahtico cot manno miltisto enti dar uuarun auh manake mit inan cootlihhe geista enti cot heilac
Veröffentlicht am 26. Mai 2023 von lyrikzeitung
Konstantin Ames
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weiß die Zähne blitzen der Senatorin für Justiz im Scheinwerferlicht boomt der Autofahrerpop Anfang fang du doch an … wie stolz sie ist auf ihren Warnwesternstaat us quo nix da außer Plakate Warnweste Kleber für Proteste Anfangsverdacht auf … upsi … das sind echte unangespitzte Zähne keine Prothesen fies Proseminaristen chicanieren 67 style kleine Versingung total bescheuert Kaufleutekanzler total bescheuert kein Gesinnungsstrafrecht eine Strafrechtsgesinnung ärgerliche Leute werden abgeschaltet Zensur findet statt Anfangsverdacht eines inkrementellen Staatsbackups hüten möchte man diese jungen Leute aber auch vor dem politliterarischen Schulblick z.B. dieses privilegierten Poems
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weiß die Zähne blitzen der Senatorin für Justiz/im Scheinwerferlicht boomt der Autofahrerpop//Anfang fang du doch an …//wie stolz sie ist auf ihren Warnwesternstaat us quo/nix da außer Plakate Warnweste Kleber für Proteste//Anfangsverdacht auf … upsi …//das sind echte unangespitzte Zähne keine Prothesen fies/Proseminaristen chicanieren 67 style kleine Versingung//total bescheuert Kaufleutekanzler total bescheuert/kein Gesinnungsstrafrecht eine Strafrechtsgesinnung//ärgerliche Leute werden abgeschaltet Zensur findet statt/Anfangsverdacht eines inkrementellen Staatsbackups//hüten möchte man diese jungen Leute aber auch vor dem/politliterarischen Schulblick z.B. dieses privilegierten Poems//
Veröffentlicht am 25. Mai 2023 von lyrikzeitung
Thomas Böhme
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Einmal zogen wir zu den schwarzen Teichen, wo wir geflügelte Frösche zu fangen hofften. Sie waren aber schon ausgestorben, die Teiche vertrocknet. Man sah nur den Abdruck eines sehr schlanken, gefiederten Menschen. Er mußte lange auf uns gewartet haben, nun war kein Stäubchen mehr von ihm da. Für einen Moment konnten wir seine Trauer erahnen. Wohl, weil niemand nach ihm gesucht hatte, war er dünner und dünner geworden. Sein stolzes Federkleid brachte ihm nichts als den quakenden Spott der geflügelten Frösche.
Aus: Ort der Augen. Blätter für Literatur aus Sachsen-Anhalt. Oschersleben: Ziethen, 1/2006, S. 18
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Einmal zogen wir zu den schwarzen Teichen, /wo wir geflügelte Frösche zu fangen hofften./Sie waren aber schon ausgestorben, die Teiche /vertrocknet. Man sah nur den Abdruck /eines sehr schlanken, gefiederten Menschen./Er mußte lange auf uns gewartet haben, /nun war kein Stäubchen mehr von ihm da./Für einen Moment konnten wir seine Trauer erahnen./Wohl, weil niemand nach ihm gesucht hatte, /war er dünner und dünner geworden./Sein stolzes Federkleid brachte ihm nichts /als den quakenden Spott der geflügelten Frösche./
Veröffentlicht am 24. Mai 2023 von lyrikzeitung
Roland Erb
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ELEGIE Ich hab getrunken, getrunken, getrunken den Tau deines Haars an dem rauchigen, endlosen Tag, als die Nacht kam am Mittag, als kein Morgen mehr kam. Ich hab verschlungen, verschlungen, als ob es kein Aufhören gäb, deinen Blick so finster leuchtend unter den Brauen. Ich hab mir genommen, ihn nicht zu verfehlen, verlieren, vergessen, den Schritt deiner Knie unermüdlich, schmal. Da brannte ein Feuer im Herd, und alle lachten mit dir und schöpften im Brunnen. Wenn alles stirbt um dich, alles erloschen, vergessen scheint, wenn alles stirbt, das Feuer verglommen, das Schöpfrad still, ich selbst wohl erkaltet, unser Baum gefällt, aber dein Bild (ein fließendes, brennendes) steht mir im Sinn – bin ich dann unabänderlich starr und erloschen, tot?
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ELEGIE// Ich hab getrunken, getrunken, getrunken den Tau/deines Haars an dem rauchigen, endlosen Tag,/als die Nacht kam am Mittag, als kein Morgen mehr kam./Ich hab verschlungen, verschlungen, als ob es kein Aufhören gäb,/deinen Blick so finster leuchtend unter den Brauen./Ich hab mir genommen, ihn nicht zu verfehlen, verlieren, vergessen,/den Schritt deiner Knie unermüdlich, schmal./Da brannte ein Feuer im Herd,/und alle lachten mit dir und schöpften im Brunnen./Wenn alles stirbt um dich, alles erloschen, vergessen scheint,/wenn alles stirbt,/das Feuer verglommen, das Schöpfrad still,/ich selbst wohl erkaltet, unser Baum gefällt,/aber dein Bild (ein fließendes, brennendes) steht mir im Sinn –/bin ich dann unabänderlich starr und erloschen, tot?//
Veröffentlicht am 23. Mai 2023 von lyrikzeitung
Franz Seraphicus Grillparzer
(* 15. Januar 1791 in Wien, † 21. Januar 1872 in Wien)
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Zwischen nichts wissen und Nichts wissen – In diese zwei Teile ist die Menschheit zerrissen. Aber Nichts wissen Ist fruchtlos bis zum Tode beflissen, Indeß nichts wissen Ein gottgefälliges Ruhekissen.
In: Antianthologie. Gedichte in deutscher Sprache nach der Zahl ihrer Wörter geordnet von Franz Mohn und Helmut Heißenbüttel. München: Hanser, 1973, S. 8
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Zwischen nichts wissen und Nichts wissen – /In diese zwei Teile ist die Menschheit zerrissen. /Aber Nichts wissen /Ist fruchtlos bis zum Tode beflissen, /Indeß nichts wissen /Ein gottgefälliges Ruhekissen.
Veröffentlicht am 22. Mai 2023 von lyrikzeitung
Carlfriedrich Claus
(* 4. August 1930 in Annaberg; † 22. Mai 1998 in Chemnitz)
Zum 25. Todestag des Chemnitzer Bild-, Ton- und Sprachkünstlers Carlfriedrich Claus poetologische Notate, ein Sprachblatt und ein (auch poetologisches) Gedicht. Vielleicht schwere Kost. Vielleicht auch mal leichtnehmen?
Aus: Blatt-Tendenzen. Blatt-Werk
Raumgewordene Zeit. Das Raum-Gebilde, aus autonomen Flächen-Momenten entstanden, kann wieder aufgelöst werden. Zeitwerdender Raum.
+
Neukonstellierung. Funktionswechsel der Elemente.
+
Offenheit.
+
Und schließlich, auf anderer Ebene, doch in Arbeit:
Transparente Räume bildende, bildend durch sie schwebende Gedanken auf Glas.
Glasgegliederte Leere, in der Sprache agiert.
Aus Sprungprozeß, vertikal schwebend : Tiefe.
Die dritte Dimension.
Anders.
+
Utopische Konjunktionen: mit Fels etwa, Lichen, Elfenbein, Gewölk, Stadt. Tendenzbewußtes, vorversuchendes Experimentieren an Aufhebung der Entfremdung dazwischen. Dialektik. Schreib-Expansionen auf Körperlichkeit. Diese figurierend; verändernd. Plastik. Architektur. Utopisch aufgeschlagene Landschaft.
+
Ohne aber je die Mikro-Strukturen aus dem Bewußtsein zu verlieren. Hier ja bildet sich primär Prozeß-Materie. Hier, in dem Mikro-Spannungsfeld zwischen Innen und Außen, das zugleich Triebkeimreich ist, der Ursprung jeder Weiterung. Das eigentliche, das blutbildende Knochenmark der Experimente da : in der Mikro-Dramatik der Existenz.


Aus: Carlfriedrich Claus: Notizen zwischen der experimentellen Arbeit – zu ihr. Hrsg. von der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Frankfurt/Main: Typos, 1964, S. 29 / Abb. 12 / S. 32.
Veröffentlicht am 21. Mai 2023 von lyrikzeitung
Robert Creeley
(* 21. Mai 1926 in Arlington, Massachusetts; † 30. März 2005 in Odessa, Texas)
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Das Geschenk
Hinunter reicht
er das geschenk
wie aus einer großen
höhe, sein
kostbares
verständnis gehüllt
in himmlische
unerschütterlichkeit. Dies
ist die gabe
der jahrhunderte, alles
trägt in sich selbst
den lohn.
Doch die dame –
voll verach-
tung, ganz
in weiß aus
diesem anlaß – schreit
verdrießlich, ist
das alles, ist
das alles.
Deutsch von Klaus Reichert, aus: Schon mal gelebt? Amerikanische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Hans-Jürgen Heise und Annemarie Zornack. Kiel: Neuer Malik, 1991, S. 102
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Das Geschenk// Hinunter reicht /er das geschenk /wie aus einer großen /höhe, sein//kostbares/verständnis gehüllt /in himmlische /unerschütterlichkeit. Dies//ist die gabe /der jahrhunderte, alles /trägt in sich selbst /den lohn.//Doch die dame –/voll verach-/tung, ganz /in weiß aus//diesem anlaß – schreit/verdrießlich, ist /das alles, ist /das alles./
Veröffentlicht am 20. Mai 2023 von lyrikzeitung
Odile Kennel
aus: einmal so richtig danebenhaun [ ] dies ist ein Gedicht, bei dem ich einmal so richtig daneben haue, nein, mehrfach und gerne. Ein Gedicht, das die Tasten nicht richtig erfasst, sich im Halbton vergreift, dafür aus dem vollen Fingerspiel schöpft. Worauf stehen die Zeichen? Unsicherer Boden. Scheinen am Ende mehr als sie sind oder springen im Dreieck, wissen nicht ein noch aus zwischen Darstellung und Stellung Zufall und Traum in dem sie Mücken sind und aus der Ferne Meergänse auf Schnee
Aus: Odile Kennel: oder wie heißt diese interplanetare Luft. Gedichte. München: dtv, 2013 , S. 106
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aus: einmal so richtig danebenhaun /[ ] // dies ist ein Gedicht, bei dem ich einmal / so richtig daneben haue, nein, mehrfach / und gerne. Ein Gedicht, das die Tasten / nicht richtig erfasst, sich im Halbton / vergreift, dafür aus dem vollen / Fingerspiel schöpft. Worauf stehen / die Zeichen? Unsicherer Boden. / Scheinen am Ende / mehr als sie sind oder springen / im Dreieck, wissen nicht / ein noch aus zwischen / Darstellung und Stellung / Zufall und Traum / in dem sie Mücken sind / und aus der Ferne / Meergänse auf Schnee /
Veröffentlicht am 19. Mai 2023 von lyrikzeitung
Gleich noch eine Probe aus dem literarischen Bestiarium des Andreas Koziol. Was für ein fulminanter und quasi enzyklopädischer Rundumblick auf die Lyrikszene Ost vor 1990. Leider zu wenig beachtet, wie so vieles halt.
Andreas Koziol
Der Volkerbraun
Der Volkerbraun ist nach hippomorphen Erkenntnissen ein Schimmel, der darunter gelitten haben soll, nicht auf zwei Beinen gehen zu können. Mit der Klage über dieses nicht unzweifelhafte Handicap (die mitunter allerdings sogar fünf- und mehrfüßig ,daherkam‘) setzte er sich vormals kategorisch über die Hürden des abgesteckten Alltags hinweg, ohne den revolutionären Zweifel, der ihn geritten haben soll, aus dem Sattel zu werfen. Jener sprang dem Anschein nach irgendwann von selber ab, um seiner Nachfolgerin, der revolutionären Verzweiflung, Platz zu machen. Diese übernahm mit den Zügeln auch die Pflicht, die revolutionäre Langeweile am Aufsitzen zu hindern. Ein paar Hufeisen diente als Steigbügel – eine der nicht ganz einwandfrei funktionierenden Folgen des volkerbraun’schen Aufbegehrens gegen die Vier- und Bierhebigkeit der Kreatur. Denn so oft sich die jeweils anspornende Kategorie aus dem Sattel erheben wollte, fehlte ihr der nötige Widerstand, die Querverstrebung zwischen den Enden der Eisen. Wir nehmen an, daß eine gewisse Beklemmtheit den gebeutelten Kategorien somit bereits beschieden war, noch ehe sie sich zu Jambus, Blankvers u.ä. behob. Ursprünglich eingespannt für die Idee einer kommunistischen Gesellschaft, zog der Volkerbraun eine Weile ziemlich toll, indem er sich nicht vor die Parteikarre spannen ließ und vor den Toren seiner Genossenschaft so tat, als würde er jeden Augenblick durchgehen. (Es war die Zeit der Wesensspaltung – entweder man schob oder man deichselte ,die Sache des Volkes‘. Beides vergaloppierte sich, und dazwischen gab es nichts als bald nur Steckenpferde.)
Aus: Andreas Koziol: Bestiarium Literaricum. Übermalungen C[ornelia] M. P. Schleime. Berlin: Galrev, 2000, S. 62
Veröffentlicht am 18. Mai 2023 von lyrikzeitung
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