Veröffentlicht am 28. Oktober 2011 von lyrikzeitung
Seit dem Wintersemester 2011/12 werden alle Studierenden der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH) auf Spanisch begrüßt, denn der Preisträger des Alice Salomon Poetik Preises 2011, Eugen Gomringer, stellte sein Gedicht „avenidas“ für die Gestaltung der südlichen Außenwand der Hellersdorfer Hochschule bereit. Als Begründer der Konkreten Poesie und zugleich einer ihrer prominentesten Vertreter zählt Eugen Gomringer zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. „Wir freuen uns sehr über diese bleibende Erinnerung an unseren Poetikpreisträger Eugen Gomringer und sind uns sicher, dass die Strahlkraft des Kunstwerkes weit über unsere Hochschule und den Bezirk Hellersdorf hinausgeht“, so Prof. Dr. Theda Borde, Rektorin der ASH Berlin. Mit einer Fläche von 15 Metern Höhe mal 14 Metern Breite zählt das Kunstwerk zu den größten Gedichten an öffentlicher Wand.
In Anlehnung an die Konkrete Kunst prägte Eugen Gomringer in den 50er Jahren den Begriff Konkrete Poesie – eine Dichtkunst, die das „Sprachmaterial“ in den Vordergrund stellt. Durch besondere Anordnungen der Buchstaben und Wörter wird eine eigene künstlerische Realität erschaffen und Bedeutungsinhalte werden visualisiert. Gomringer spielt mit Wiederholungen und Wechsel der Wörter und schafft so neue Zusammenhänge zwischen ihnen. So wiederholt auch sein Werk „avenidas“ mehrmals die Schlüsselwörter „avenidas“ (Straßen), „flores“ (Blumen) und „mujeres“ (Frauen) und findet dann seinen Höhepunkt in dem plötzlich und nur einmal auftauchenden „admirador“ (Bewunderer).
Foto: Barbara Halstenberg
Quelle: informationsdienst wissenschaft
Veröffentlicht am 28. Oktober 2011 von lyrikzeitung
Der kärntnerisch-slowenische Schriftsteller und Kämpfer für Minderheitenrechte hinterlässt ein umfangreiches Werk. 2002 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst.
„Du sprichst eine Sprache, die in meinen Ohren fremd klingt“, schreibt Janko Messner im Gedicht „Lieder für Ivo“. „Aber jede Sprache ist Musik in offenen Ohren und offenen Herzen.“ Der Kärntner-Slowene, 1921 in Aich nahe Bleiburg geboren, war neben seiner literarischen Arbeit auch politisch aktiv. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Schwarzweiße Geschichten“ (1995) und das „Kärntner Heimatbuch“ (1980). 2002 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Vier Jahre später schickte er es an Bundespräsident Heinz Fischer zurück, weil der ORF seinen Film „Vrnitev/Die Rückkehr“ nicht ausstrahlte. Darin geht es um die Vertreibung hunderter Kärntner Slowenen durch die Nazis im April 1942. Das Ereignis wurde in Kärnten jahrzehntelang totgeschwiegen. / Die Presse 28.10.
Veröffentlicht am 27. Oktober 2011 von lyrikzeitung
„Läßt die Literaturkritik an unseren Schriftstellern, wie sie in den Zeitungen A..bladid* und Morgunbladid* zu lesen ist, wirklich so viel zu wünschen übrig, wie einige meinen?“
„Sie ist amüsant und nicht so unsinnig, wie manch einer glaubt. In dieser ganzen Diskussion um die Qualität dichterischen Schaffens stellt jedoch der Kritiker selbst mit seiner Besprechung den Gipfel dar. Wer als Dichter mit seinem Werk darüber nicht hinausgelangt, der wird erlöst.“
/ „Die traditionelle Gedichtform ist nun endlich tot…“ Interview mit dem Dichter Steinn Steinarr. In: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik 56 (242) 2011, S. 197. Original erschienen in: Tímarit Líf og List 7/1950 (Aus dem Isländischen von Dirk Gerdes)
(Das Islandheft der Zeitschrift mit dem Schwerpunkt: Islands „Atomdichter“)
* Die diakritischen Zeichen vereinfacht oder weggelassen
Veröffentlicht am 27. Oktober 2011 von lyrikzeitung
Lyrik ist wohl eher Frauensache. Diesen Eindruck konnte man leicht bei dem Herbstlese-Abend mit dem Weimarer Dichter Wulf Kirsten und dem Weimarer SchauspielerThomas Thieme im Erfurter Café Nerly gewinnen. Das Altersspektrum des überwiegend weiblichen Publikums reichte von der hippen Bionade-Trinkerin bis zur Wein- und Lyrik-Liebhaberin älteren Semesters. / Thüringer Allgemeine
Veröffentlicht am 27. Oktober 2011 von lyrikzeitung
Do 27.10. um 20:00 Poesiegespräch: Manfred Peter Hein
In Lesung und Gespräch: Manfred Peter Hein(Helsinki) Moderation: Nico Bleutge (Autor und Literaturkritiker, Berlin)
Manfred Peter Hein ist der große Fremde der deutschen Dichtung. Er veröffentlicht seit über einem halben Jahrhundert Gedichte – auf 15 Bände beläuft sich das Oeuvre –, und fast ebenso lange lebt er als ein »deutscher Dichter in Finnland« (Bobrowski). Vielleicht ist diese Entfernung an die Peripherie des Literaturbetriebs die Ursache dafür, dass Hein ein Geheimtipp für Eingeweihte ist. Sein Werk, das in der Traditionslinie Celans, Huchels, Arendts und Bobrowskis steht, ist in Deutschland immer noch zu entdecken.
Anlässlich seines 80. Geburtstages am 25. Mai 2011 veröffentlichte der Wallstein-Verlag dem Band »Weltrandhin« mit Gedichten aus den Jahren 2008–2010. Über diesen Band und ein Leben als Dichter, Beobachter, Übersetzer, Fährtensucher und Fährmann der Literaturen soll an diesem Abend gesprochen werden – und aus diesem Band wird Hein lesen.
»Im Grunde arbeitet Hein in jedem Gedicht an dem Paradox, mit der Sprache gegen das Nichts anzutreten, dort Verse zu setzen, wo eigentlich Schweigen und Stille herrschen.« (Nico Bleutge)
Manfred Peter Hein (*1931 Darkehmen/Ostpreußen) studierte Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Finnougristik in Marburg, München, Helsinki und Göttingen. Er lebt seit den fünfziger Jahren in Finnland. Er hat zahlreiche Gedichtbände, Prosa, Essays publiziert, er ist Übersetzer und Herausgeber. Für seine Gedichte und Übersetzungen wurde er mit renommierten deutschen und internationalen Literaturpreisen geehrt, darunter 1984 mit dem Peter-Huchel-Preis; zuletzt 2006 mit dem Rainer-Malkowski-Preis.
Poesiegespräche bieten die Möglichkeit eines tiefen Einblicks in Schreibstätten und Konzepte von Dichtern, zumal wenn es um deren neuestes Buch geht. Nico Bleutge, selbst Dichter, wird als kritisch begleitender Gesprächspartner auch diese Veranstaltung der Reihe moderieren.
Mit freundlicher Unterstützung des Finnland-Institut in Deutschland und FILI Finnish Literature Exchange
Veröffentlicht am 27. Oktober 2011 von lyrikzeitung
First Fig
My candle burns at both ends;
It will not last the night;
But ah, my foes, and oh, my friends —
It gives a lovely light!
——————————————————————–
Aus: Millay, Edna St. Vincent. 1920. A Few Figs From Thistles – Dieses Gedicht kam am 10. April 2002 im täglichen Lyriknewsletter von http://www.daytips.com in mein Postfach. (Wie immer mit Kommentar)
Erste Feige
Meine Kerze brennt an beiden Enden;
Sie wird nicht die ganze Nacht reichen;
Doch ah, ihr Feinde, und oh, ihr Freunde –
Sie gibt ein herrliches Licht!
(Rohübersetzung)
Zur Überschrift vgl. den Titel ihres Gedichtbandes
Edna St. Vincent Millay
Love is not all
Gedichte Amerikanisch und Deutsch
übersetzt von Günter Plessow
Sammlung Urs Engeler Editor, Band 69
ISBN 978-3-938767-52-8
Gebunden, mit Schutzumschlag
18,5 x 12 cm, 232 Seiten
Euro 19.- / sFr. 36.-
August 2008
Veröffentlicht am 26. Oktober 2011 von lyrikzeitung
Makedonien, vormals südlicher, an Griechenland und Bulgarien grenzender Teil Jugoslawiens, ist hierzulande weitgehend unbekannt. Noch unbekannter dürfte die Lyrik dieses Landes sein. Ihr Beginn wird mit den Werken der Brüder Konstantin und Dimitar Miladinov auf den Beginn des 19. Jahrhunderts datiert. Seit den 1960er-Jahren findet alljährlich in Struga, dem Geburtsort der Brüder, ein internationales Poesiefestival statt, und der wichtigste Literaturpreis des Landes ist nach ihnen benannt. 2007 erhielt ihn der 1973 geborene Lyriker, Essayist und Übersetzer Nikola Madzirov für einen Gedichtband, der nun unter dem Titel „Versetzter Stein“ auch auf Deutsch erschienen ist.
Der Name Madzirov leitet sich ab von „Madziri“, einem arabischen Wort. Es bezeichnete ursprünglich die Anhänger Mohammeds, die ihm von Mekka nach Medina folgten und bedeutet heute: Menschen ohne Zuhause. So wurden die Vorfahren des Autors bezeichnet, die infolge früherer Balkankriege ihre Heimat verlassen mussten, als diese an Griechenland fiel. / Carsten Hueck, DLR
Nikola Madzirov: Versetzter Stein
Aus dem Makedonischen von Alexander Sitzmann
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2011
61 Seiten, 14,90 Euro
Veröffentlicht am 26. Oktober 2011 von lyrikzeitung
Google News meldet:
Misere des zeitgenössischen Gedichts
Cineastentreff
Brôcan spielt auf einzelne Kritikerkollegen an, die nicht müde würden, permanent zu verkünden, dass die Lyrikbranche „boome“, dann aber Autoren als Boomer ausgäben, deren Lyrik „nicht selten einem Laborversuch“ gleiche, „dessen Ergebnisse dem Publikum …
Alles zu diesem Thema ansehen »
Allmählich wird die Sache undurchdringlich. Hier mal eine Biblio- bzw. Netographie der laufenden Lyrikdebatte:
65. Hohle Nüsse und Saftbetrieb
Ein Kommentar von Axel Kutsch
Lyrikzeitung 15. Oktober (52 Kommentare)
Hohle Nüsse und junge Milde. Axel Kutsch zum Preiskarussell im deutschen Lyrikbetrieb
Erstellt am 16. Oktober 2011 von Anton G. Leitner
VIEL SAFT UND WENIG WÜRZE
Ein Gastbeitrag von Axel Kutsch zum Preiskarussell im deutschen Lyrikbetrieb
Erstellt am 16. Oktober 2011 von Anton G. Leitner
Götterschöner Freudefunken: Die 19. Folge der Zeitschrift DAS GEDICHT ist erschienen. Arne Rautenberg und Anton G. Leitner haben sie ediert.
Erstellt am 24. Oktober 2011 von Anton G. Leitner
107. Aufgescheuchte Kinder
Auszug aus dem vorigen Beitrag von Anton G. Leitner
Lyrikzeitung 24. Oktober (16 Kommentare)
Misere des zeitgenössischen Gedichts
Von Anton G. Leitner
Cineastentreff 25.10.
Kampagne? Networking? Trotz der vielen Titel handelt es sich nur um 2 Texte, einen von Axel Kutsch, den er am 15.10. an die Lyrikzeitung schickte, und einen von Leitner auf seinem Blog vom 24.10., der gestern abend unter signifikant anderem Titel bei Cineastentreff wieder erschien und von mehreren Google-Newslettern gestern und heute gestreut wurde. Eine Fundgrube für philologische, sprachkritische, sozio- und psychologische, logische usw. Untersuchungen. Auch ich werde mich aus ihr bedienen und versichere: erfreulich wird es vielleicht nicht, aber genau hinsehen lohnt immer.
Veröffentlicht am 25. Oktober 2011 von lyrikzeitung
Ein neu erworbenes Buch sendet bereits Signale aus, bevor man es aufschlägt. Die vierte Luchterhand-Ausgabe von Norbert Hummelt ist diesmal ein Hardcover-Band mit Umschlag. Im Vergleich mit den beiden ersten Sammlungen („Zeichen im Schnee“ 2001 und „Stille Quellen“ 2004), deren Äußeres mit dem umlaufenden Textzeilen-Band betont nüchtern wirkte, hat er eine fast erlesene Aura: der grau schattierte Titel auf zartfarbigem Schilfblätter-Hintergrund scheint auf einer Wasserfläche leicht zu schwanken, ebenso das Zitat auf der Rückseite „u. jeder/ von uns /träumt u. treibt/dahin.“ Das erweckt die Assoziation des träumerisch Verschwommenen, naturhaft Gefühligen – aber so kennen wir Norbert Hummelt gerade nicht. Er verwebt doch sonst allerhand handfeste Alltagserfahrungen in seine lyrischen Teppiche, mit Ortsnamen und konkreten Szenerien bis hin zu den kleinen Peinlichkeiten des bürgerlichen Lebens. Oder erwartet uns ein panischer Schrecken, wird der Ziegennasige, Bocksfüßige in der stillen Mittagsstunde mit seinem Schrei hervorbrechen? Hat er sich vielleicht resigniert, aber pfiffig, nachdem ihm die schöne Syrinx entwischt ist, aufs Flöteblasen verlegt? Jedenfalls, wer eine Gedichtsammlung „pans stunde“ nennt, gibt sich nicht postmodern, sondern deutet einen Zusammenhang mit unserem abendländischen Bildungshintergrund an. / Christa Wißkirchen, fixpoetry
Norbert Hummelt: Pans Stunde. Gedichte. Luchterhand Verlag, München 2011.
Veröffentlicht am 25. Oktober 2011 von lyrikzeitung
Anlässlich dieses wunderbaren Jubiläums am 3. November 2011, 18 Uhr, im Musikgymnasium Belvedere Weimar, freuen wir uns besonders, so außergewöhnliche und vielfältige lyrische Stimmen präsentieren zu können. Neben Jayne-Ann Igel, Marlen Pelny, Steffen Popp und Olaf Weber können wir auch den diesjährigen Thüringen-Preisträger Jürgen Becker begrüßen. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller, verbrachte seine Jugend in Erfurt, immer wieder schöpfen seine unverwechselbaren Gedichte Motive aus dieser wiederentdeckten Landschaft. Seine Gedichte sind beispielhaft für die Präzision des Wahrnehmens und die Intensität des Erinnerns.
Auch dem gebürtigen Greifswalder Steffen Popp darf man gratulieren, er erhielt u.a. in diesem Jahr den Leonce-und-Lena-Preis. Er widmet sich – mit metaphorischer Kühnheit – der klassischen Gattung der Landschaftsgedichte und entwirft in ihnen ein aufgeklärtes, zeitgenössisches Antiidyll. Die Gedichte der Dresdener Lyrikerin Jayne-Ann Igels hingegen zeichnen sich durch ein mäanderndes, sensibles Textgewebe aus: Der literarische Urstoff dieser Dichterin ist der Traum, eine Materie, die keine Begrenzungen kennt, eine Materie auch, mit der die Poeten seit Novalis’ Hymnen an die Nacht an „den Schlaf der Welt rühren“ wollen. Durchaus musikalisch, von großer Leichtigkeit, mit einem Gespür für den Zauber des Alltäglichen, sind die Gedichte der in Nordhausen geborenen Musikerin und Dichterin Marlen Pelny. Dass es für die Entdeckung eines lyrischen Talents kein Alter gibt, beweist der Weimarer Prof. Olaf Weber. Seine Gedichte feiern die Freude am Absurden, dem akrobatischen Wortwitz, der nichts zu ernst verstanden wissen will. Doch gerade zu diesem Jubiläum soll besonders Gisela Kraft, der leidenschaftlichen Initiatoren und großen Weimarer Dichterin gedacht werden, aus diesem Grund werden nicht nur die Schüler und Schülerinnen des Musikgymnasiums den Abend musikalisch begleiten, ihnen zur Seite steht auch die Musikerin Reinhild Cleff, die mit ihrem Kollegen Frank Fiedler, eine musikalische Improvisation auf ihrer Schwester Gisela Kraft aufführen wird.*) Es moderiert: Nancy Hünger.
Die Mitteldeutsche Lyriknacht ist eine gemeinsame Veranstaltung der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V., des Lesezeichen e.V., der Stadt Weimar und dem Musikgymnasium Belvedere. / stadt.weimar.de
*) hier geht was schief, M.G.
Veröffentlicht am 25. Oktober 2011 von lyrikzeitung
(Originaleintrag von 2001. Nachträge 2011 vielleicht später)
| Selbstvergessenheit Der Strom – floss, Der Mond vergoss, Der Mond vergaß sein Licht – und ich vergaß Mich selbst, als ich so saß Beim Weine. Die Vögel waren weit, das Leid war weit, und Menschen gab es keine. Li Bai (Li Tai Bo), deutsche Fassung von Klabund , in: Klabund. Chinesische Gedichte. Nachdichtungen. Stuttgart Zürich Salzburg: Europäischer Buchklub, ca., 1958 (S. 53) (ursprünglich Phaidon Verlag Zürich). (Eigentlich ein Gedicht von Klabund nach einem Motiv von Li Bai.) |
Selbstvergessenheit Ich saß und trank und gab nicht acht auf das Dunkeln, Bis Blütenblätter sich häuften in meines Gewandes Falten. Trunken ging ich zum Strom und sah in des Mondlichts Funkeln – Kein Vogel regte sich mehr, und am Ufer glitten nur wenig Gestalten. (Franziska Meister aus dem Englischen des Arthur Waley) Ist das dasselbe Gedicht? Man muß schon ein wenig grübeln und schauen. |
Self-Abandonment I sat drinking and did not notice the dusk, Till falling petals filled the folds of my dress. Drunken I rose and walked to the moonlit stream; The birds were gone, and men also few. (Englisch von Arthur Waley) Nach einem Kommentar hier |
| Selbstvergessen Vor mir der Wein. Ich spürte kaum das Nahn der Dunkelheit. Von niederfallendem Blütenflaum war mein Gewand beschneit. Das stand ich auf und stieg den Bach entlang in Trunkenheit. Der Mond… – kein Vogel war mehr wach; die Menschen waren weit. (Günther Debon) |
Verlassenheit Trinkend saß ich und achtete nicht, Wie das Dunkel der Nacht mich umhüllte. Blütenblätter rieselten dicht, Daß des Mantels Falte sich füllte. Ich erhob mich trunken und wanderte schwer, Und der Mondstrahl wies mir die Straße. – Die Felder dehnten sich menschenleer, Die Vögel schliefen im Grase. (Vincenz Hundhausen) |
|
| Gedichte von Li Bai kann man Chinesisch hören (und Chinesisch und Englisch lesen) auf dieser Seite: http://www.chinapage.com/libai/libai2e.html – aber wohl nicht dieses. |
Veröffentlicht am 24. Oktober 2011 von lyrikzeitung
Often caused by the conflict between Word Of God vs Word Of Dante. At its most extreme, it leads to Death Of The Author. / tvtropes.org
Veröffentlicht am 24. Oktober 2011 von lyrikzeitung
Endlich kommt Niveau in der Debatte:
Axel Kutsch hielt sich in seinem zornigen Kommentar bewusst mit der Nennung von Namen zurück. Sein kleiner Kunstgriff erwies sich als wahrer Kunstkniff, da sich etliche vermeintlich Betroffene – die ersten von ihnen schon wenige Minuten nach der Publizierung des Beitrags – erbost im Internet zu Wort meldeten. So begannen ausgerechnet viele geförderte Autoren und Kleinverleger, darüber wilde Spekulationen anzustellen, wen Kutsch mit seiner Attacke wohl gemeint haben könnte. Manche Kommentare lesen sich fast so, als wären sie von aufgescheuchten Kindern gepostet worden, denen zuvor ihre Eltern bzw. Vater Staat mit Taschengeld-Entzug gedroht hätten. Einige Kommentierungen wirken seltsam naiv und geradezu entwaffnend ehrlich. So wundert sich ein vielfach preisgekrönter Lyriker selbst darüber, von seiner „Lyrik leben zu können“ und vermutet, er würde aus sozialen Gründen gefördert: „Ich glaube, daß manche Leute, die in Jurys sitzen, denken, daß jemand, der drei Kinder hat und die Art von Lyrik schreibt, vielleicht mal wieder was vertragen könnte“. Was er – wie die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen – übersieht, ist, dass ihn nicht die Lyrik, also seine Leserschaft, ernährt, sondern Subventionen und Preisgelder, die größtenteils aus Steuergeldern stammen.
Veröffentlicht am 24. Oktober 2011 von lyrikzeitung
Burkhard Meyer-Sickendiek
Lyrisches Gespür.
Vom geheimen Sensorium moderner Poesie
(Inhaltsverzeichnis siehe unten)
Burkhard Meyer-Sickendiek ist Privatdozent am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der FU Berlin. Das Buch erscheint Ende dieser Woche im Fink-Verlag.
Hier als Leseprobe das Vorwort
Das vorliegende Buch entstand in den Jahren 2010 und 2011 auf der Basis eines Heisenberg-Stipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Es verdankt seine stark interdisziplinäre Perspektive zudem den intensiven Gesprächen, welche ich als Mitglied des Exzellenz-Clusters Languages of emotion an der Freien Universität Berlin führen konnte. Eine der zentralen Fragen, die mich im Rahmen dieses Clusters interessierten, war diejenige nach dem kultur- bzw. literaturwissenschaftlichen Emotionswissen: Gibt es eine Thematik innerhalb des Emotionalen, die sich bevorzugt, ja vielleicht ausschließlich aus der Sicht der humanities erschließt? Insbesondere die in der Emotionsforschung stets erwähnten, aber niemals wirklich eigens untersuchten „background emotions“ Damasios schienen mir diesbezüglich einschlägig: Sie sind als Atmosphären, Stimmungen oder aber stimmungsvolle Situationen die eigentlichen Themenfelder der hier vorgelegten Lyriktheorie. Danken möchte ich in eben diesem Zusammenhang einer ganzen Reihe von Forschern, die sich in ähnlicher Weise wieder dem Begriff und Phänomen der Stimmung zuwendeten: Allen voran natürlich Hermann Schmitz, dem ich in zwei wunderbaren Gesprächen viele wertvolle Einsichten in diese Thematik verdanke. Auch die am Cluster unter der Aufsicht von Winfried Menninghaus erforschten Zusammenhänge zwischen „ästhetischen Emotionen“ und lyrischen Prosodien sind an dieser Stelle zu nennen: Wertvolle Anregungen kamen in diesem Zusammenhang von Jana Lüdtke, Lars Korten, Julian Hanich und Dietmar Till, die auf je unterschiedliche Art und Weise inspirierend auf die hier verfolgte Theorie eines „lyrischen Gespürs“ einwirkten. Weitere wertvolle Hinweise ergaben sich zudem aus Gesprächen mit David Wellbery, Friederike Reents, Sandra Poppe, Thomas Anz, Stefan Willer und Claude Haas.
Berlin, im Juni 2011 Burkhard Meyer-Sickendiek
Einleitung
Wer sich die Schönheiten des Terenz, Virgils, Horaz und Juvenals, bekannt und geläufig gemacht hat, wer den Boileau, Racine, Corneille und Moliere mit Verstande gelesen, und ihre natürliche Schönheit der Gedanken kennen gelernet; wer endlich den Longin vom Erhabenen, den Bouhours von der Art in den sinnreichen Schriften wohl zu denken, den Werenfels, (de meteoris orationis) des Pope Art of Criticism, den Harleqium-Horace, und den deutschen Antilongin mit Bedacht gelesen hat; der wird gewiß unmöglich auf eine so seltsame Art des poetischen Ausdrucks verfallen: gesetzt, daß er noch so erhaben zu schreiben gesonnen wäre.1
Spätestens seit dieser Kritik Johann Christoph Gottscheds am „Schwulst“ der Lyrik Klopstocks gibt es in der Theorie der „Dichtkunst“ das Problem der Diskrepanz. Wie reagieren am historisch-klassizistischen Paradigma entwickelte Poetiken auf den Tonfall der zu ihrer Zeit aktuellen Dichtung, wie sehr sind sie in der Lage, diesen Tonfall in ihr an der Tradition gewonnenes Dichungsverständnis zu integrieren? Gottsched gelang dies offensichtlich nicht, denn seine enge und normative Orientierung am französischen Klassizismus führte bekanntlich dazu, zwei große Werke des 18. Jahrhunderts – Hallers Alpen und Klopstocks Messias – in ihrem Wert zu unterschätzen bzw. als barocken „Schwulst“ zu verkennen. Man könnte vermuten, dass Lyriktheorien seit diesem berühmten Beispiel einer regelpoetischen Fixierung sensibilisiert wären für die Notwendigkeit, sich von allzu klassizistischen Gattungskriterien stets aufs Neue zu lösen, um so der Dichtung ihrer Zeit gerecht zu werden. Dass dem nicht so ist, verdeutlicht das Beispiel Wilhelm Dilthey, der zwar 1906 in Das Erlebnis und die Dichtung betonte, wie sehr „diese Grundrichtung unserer Literatur, wie sie in Klopstock kulminierte, in ihrem Recht gegenüber den gelehrten Experimenten der Leipziger Schule“2 gewesen sei. Wenngleich Dilthey jedoch die Loslösung der Lyrik Klopstocks und später Goethes von den strengen Vorgaben der Gottschedschen Regelpoetik begrüßte und bekanntlich in seinem Begriff des „Erlebnisses“ bzw. der „Erlebnislyrik“ theoretisch zu fassen suchte, so hinderte ihn dieses Wissen dennoch nicht daran, in die nämliche Falle zu tappen, also erneut im Namen der „zeit- und raumlosen Ideale“ der goethezeitlichen Ästhetik die „Bevorzugung der anomalen Seelenzustände und des Seelisch-Complexen“ in der naturalistischen Literatur seiner Zeit scharf zu kritisieren.3
So sehr sich daher der Diltheysche Dichtungsbegriff in den Lyriktheorien etwa Emil Staigers, Max Kommerells oder Käte Hamburgers verfestigte, so erwartbar war die Wiederholung dieser Problematik in der Lyriktheorie des 20. Jahrhunderts. Denn gegen eben diesen von Dilthey entwickelten Begriff der Erlebnislyrik, bezogen auf die mit Klopstock einsetzende Lyrik der Goethezeit bzw. der Romantik, richtete sich die Kritik Hugo Friedrichs, der 1956 in Die Struktur der modernen Lyrik betonte, das moderne Gedicht sehe „ab von der Humanität im herkömmlichen Sinne, vom ‚Erlebnis’, vom Sentiment, ja vielfach sogar vom persönlichen Ich des Dichters.“4 Mit Autoren wie Baudelaire, Rimbaud oder Mallarmé habe sich in der Lyrik der Moderne die „radikalste Abkehr von der Erlebnis- und Bekenntnislyrik“5 vollzogen, also von eben jenen von Dilthey geprägten Kategorien.
Hugo Friedrich meinte mit Blick auf Arthur Rimbaud vor allem „die abnorme Trennung des dichterischen Subjekts vom empirischen Ich“, weshalb er etwa davor warnte, „moderne Lyrik als biographische Aussage zu verstehen.“6 Nach der Goetheschen Erlebnislyrik verloren in der Folge jedoch auch die an der romantischen Lyrik etwa Eichendorffs und Brentanos gewonnenen Paradigmen ihre Gültigkeit. Dies verdeutlicht die Absage an den von Emil Staiger und Max Kommerell entwickelten Begriff der Stimmungslyrik, der wohl erstmals in Kurt Leonhards Studie über Moderne Lyrik theoretisch distanziert wurde. Demnach sei der Begriff „Moderne Lyrik“ nur dann gerechtfertigt, „wenn wir ‚Lyrik’ nicht auf ‚schöne Verse’ oder auf subjektive, passiv erlebten Stimmungen gehorchende Ergüsse beschränken.“7 Zwar hatte noch Clemens Heselhaus in seiner Studie über Deutsche Lyrik der Moderne von Nietzsche bis Yvan Goll mit Blick auf expressionistische Autoren wie etwa van Hoddis oder Lichtenstein weiterhin von deren „Stimmungsgedichten“ gesprochen.8 Dagegen vermerkte jedoch schon Jürgen Link, gerade die zeitgenössische Lyrik schärfe den Blick dafür, „dass Gedichte nicht aus ‚Stimmungen’ und ‚Gefühlen’ zusammengesetzt sind, sondern ganz konkret aus Worten, aus Sprache.“9 Ähnlich betonte Dieter Lamping mit Nachdruck, dass sich die Lyrik der Moderne von der „Erlebnis- und Stimmungslyrik“ des 18. und 19. Jahrhundert gelöst habe, indem sie „neuartige, zunächst betont nicht-realistische, verfremdende Darstellungsweisen“ verwende.10 Und Dieter Burdorf betonte eben deshalb, der Begriff der Stimmung gehöre wie der des Erlebnisses und des lyrischen Ichs zu den „problematischen Kategorien“.11
Zu den neuen und anderen Merkmalen der Lyrik des zwanzigsten Jahrhundert zählten stattdessen die „Diskontinuität“ sowie die „Simultanität“ der Wahrnehmung, das Spiel mit Paradoxie und Verfremdung, der A-mimetismus, sowie ein genereller Ich- bzw. Identitätsverlust.12 Mario Andreotti etwa bemerkte eine Verschiebung von festem Ich und kohärenter Gesamtsicht der Wirklichkeit hin zu Dissoziation in Einzelbilder, ein Vorgang, der in der modernen Lyrik anhand der „Entpersönlichung des lyrischen Ichs“ ersichtlich sei. Demnach sei moderne Lyrik „spezifisch gestisch“13: Nicht mehr der Bezug auf eine aussersprachliche Wirklichkeit, sondern die Sprache selbst als eigenständige Realität bzw. die Reduktion des Sprachzeichens „auf seine materiale Funktion“14 stehe im Zentrum, was Andreotti an Beispielen vom dadaistischen Montagegedicht bis zur Textcollage und konkreten Poesie gezeigt hat.15 Wie sehr diese Diskrepanz zwischen klassisch-romantischer und moderner Lyrik eine grundlegende Neuorientierung der Lyriktheorie notwendig erscheinen ließ, verdeutlicht etwa die These Dieter Lampings, nach welcher ein „Begriff des Lyrischen, der an klassischen und romantischen Gedichten gewonnen wurde,“ – das Beispiel ist hier die Lyrik-Theorie Emil Staigers – „für eine Beschreibung der modernen Lyrik kaum etwas hergibt.“16
Das vorliegende Buch bezweifelt diese These und will den Gegenbeweis antreten: Es behauptet, dass ein an klassischen und romantischen Gedichten gewonnener Begriff des Lyrischen sehr wohl etwas hergibt für die Beschreibung moderner und postmoderner Poesie. Zu diesem Zweck macht es den Vorschlag, den Begriff des Gespürs in die Lyriktheorie einzuführen.
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