25. Nach jung offen. Entdeckungen neuester Literatur.

Das Texttonlabel KOOK präsentiert:
Nach jung offen. Entdeckungen neuester Literatur.

Das Texttonlabel KOOK präsentiert im November in der Lettrétage in Berlin ein Panorama jüngster deutschsprachiger Literatur in Einzelbildern. An vier Abenden werden die Autoren Thomas Pletzinger, Rabea Edel, Ulrike Almut Sandig und Ulf Stolterfoht einige der aktuell vielsprechendsten jungen Autoren vorstellen: Paula Fürstenberg, Yevgeniy Breyger, Lena Reinhold und Tristan Marquardt.

Berlin ist Keimzelle und Labor des literarischen Nachwuchses. KOOK möchte ihm eine Bühne geben. Das Prinzip ist einfach: Vier bekannte Berliner Autoren kuratieren jüngste Literatur und stellen sie der literarischen Öffentlichkeit vor. Jenseits von Wettbewerben und Marktzwängen gilt es, in entspannten Lesungen mit Werkgesprächen literarische Entdeckungen zu machen.

Rabea Edel, Thomas Pletzinger, Ulrike Almut Sandig und Ulf Stolterfoht lesen dazu eigene, teils unveröffentlichte Texte. So entsteht ein spannendes Panorama neuester deutschsprachiger Literatur. 

Thomas Pletzinger, geboren 1975, lebt in Berlin, wo er als Autor und Übersetzer im Literaturatelier adler & söhne arbeitet. Zudem ist er Gastprofessor an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Für seinen Debütroman „Bestattung eines Hundes“ erhielt er diverse Auszeichnungen. „Gentlemen, wir leben am Abgrund“, Pletzingers Sachbuch über die Welt des Profibasketballs, erscheint im November 2011 bei Kiepenheuer & Witsch.

Paula Fürstenberg, geboren 1987, studierte bis 2011 am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Ihre Texte wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Hattinger Förderpreis 2011. Sie veröffentlichte in Zeitschriften und Anthologien, zuletzt in um[laut] und Du. Fürstenberg arbeitet an ihrem ersten Roman und lebt in Berlin.

Rabea Edel geboren 1982, Studium der Italianistik/Germanistik in Berlin und Siena, lebt als Autorin und Übersetzerin in Berlin. Ihr Debütroman „Das Wasser, in dem wir schlafen“ erschien 2006, der Roman „Ein dunkler Moment“ 2011, beide bei Luchterhand. Edel veröffentlichte Essays, Erzählungen und Reisereportagen in Anthologien und Zeitschriften und gibt Schreibworkshops für Schüler. Auszeichnungen: u.a. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin 2004, Nicolas-Born-Förderpreis 2007, Stipendiatin in der Casa Baldi 2009.

Yevgeniy Breyger, geboren 1989 in Charkow (Ukraine), lebt seit 1999 in Deutschland. Er studiert seit 2010 Kreatives Schreiben / Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Neben diversen Stipendien Teilnehmer beim Treffen Junger Autoren 2010, beim Literaturfestival Prosanova 2011 und beim Internationalen Literaturfestival Berlin 2011. Breyger hat in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht, u.a. in Bella triste und poet.

Ulrike Almut Sandig, geboren 1979, lebt in Berlin. Sie studierte Religionswissenschaft und Indologie sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und gab 2007 bis 2009 die Literaturzeitschrift EDIT heraus. Veröffentlichungen: u.a. die Gedichtbände „zunder“ (2005), „streumen“ (2007) und „dickicht“ (2011), sowie verschiedene Hörspiele und den Prosaband „flamingos“ (2010, Schöffling & Co). Ihre Texte wurden vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Leonce-und-Lena-Preis 2009, dem Silberschweinpreis der lit.COLOGNE und dem Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage 2010.

Lena Reinhold, geboren 1982 in Darmstadt, aufgewachsen in Konstanz, studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft und Philosophie in Berlin. Seit 2007 arbeitet sie vermehrt als Regieassistentin und vor allem als Schauspielerin. Als Autorin debütierte sie 2011 in der Literaturzeitschrift EDIT – Papier für neue Texte.

Ulf Stolterfoht, geboren 1963, lebt als Lyriker und Übersetzerin Berlin. Nach mehreren Gedichtbänden bei Urs Engeler Editior erschien von ihm zuletzt „ammengespräche“ (roughbooks 2010) und die Übersetzung von Tom Raworth‘ Gedichten „Logbuch“ (Wunderhorn 2011). Stolterfoht ist Mitglied der Lyrikknappschaft Schöneberg und des Kollektivs Das Weibchen. Außerdem betreibt er im Internet das System BRUETERICH (http://ulfstolterfoht.wordpress.com). Er wurde u.a. mit dem Heimrad-Bäcker-Preis 2011, dem Peter-Huchel-Preis 2008 und dem Anna-Seghers-Preis 2005 ausgezeichnet.

Tristan Marquardt, geboren 1987 in Göttingen, lebt in München und Zürich und ist Mitglied des Berliner Lyrikzirkels G13 (http://gdreizehn.wordpress.com), dessen Mitgründer er 2009 war. 2009/2010 Teilnahme an den open poems der Literaturwerkstatt Berlin. 2010 Einladung zum poesiefestival berlin und zum Festival Localize in Potsdam, 2011 zum Festival Ars Poetica in Bratislava und Košice (Slowakei). Publikationen in Zeitschriften.

Eine Lesereihe des Texttonlabel KOOK. Gefördert durch: Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten.

Termine

  • Mittwoch, 09.11.: Thomas Pletzinger präsentiert Paula Fürstenberg
  • Mittwoch, 16.11.:  Rabea Edel präsentiert Yevgeniy Breyger
  • Mittwoch, 23.11.:  Ulrike Almut Sandig präsentiert Lena Reinhold
  • Donnerstag, 01.12.: Ulf Stolterfoht präsentiert Tristan Marquardt

jeweils 19.30 Uhr
Eintritt 5,- EUR / ermäßigt 3,- EUR

Ort

Lettrétage
Methfesselstraße 23-25
10965 Berlin
Eintritt 5,- EUR / ermäßigt 3,- EUR

Informationen unter www.kook-label.de

24. Istanbul-Stipendium

Die Künstlerstipendien der Stadt Köln in Istanbul 2012 gehen an die Schriftstellerin Andrea Karimé, den Schriftsteller Gerrit Wustmann sowie die Künstlerin Jana Debus. Andrea Karimé und Gerrit Wustmann werden sich das Stipendium für das 1. Halbjahr teilen und für jeweils drei Monate im „Atelier Galata“ leben und arbeiten. Jana Debus wird für sechs Monate in das Atelierhaus ziehen.

Der Auswahljury gehören Dr. Brigitte Franzen vom Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Dr. Lilian Haberer vom Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln, Insa Wilke vom Literaturhaus Köln, Mischa Kuball von der Kunsthochschule für Medien Köln, die letztmalige Stipendiatin beziehungsweise der letztmalige Stipendiat sowie Barbara Foerster als zuständige Referentin im Kulturamt an.

Im Juli 2009 eröffnete die Stadt gemeinsam mit der Kunststiftung NRW und der Hochschule der Bildenden Künste Braunschweig die Künstlerresidenz „Atelier Galata“ im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu. Das von der Stadt geförderte Stipendium umfasst die kostenlose Nutzung eines Wohnateliers im „Atelier Galata“, eine monatliche Unterstützung von 1.000 Euro sowie einmalig bis zu 600 Euro für An- und Abreise. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten sollen die Entwicklung der Kunstszene in Istanbul kennen lernen, internationale Kontakte knüpfen oder intensivieren. Nach der Rückkehr stellen sie ihre Projekte aus Istanbul in Köln vor und bringen so neue Impulse in die hiesige Kunstszene ein.

Andrea Karimé wurde 1963 in Kassel geboren, studierte Kunst- und Musikerziehung an der Universität Gesamthochschule Kassel und absolvierte eine Ausbildung am Institut für Kreatives Schreiben in Berlin. Seit 2007 ist sie freie Autorin und veröffentlichte bislang sechs Kinderbücher, vier Romane und einen Lyrikband. Ihre Kinderbücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und erhielten zahlreiche Auszeichnungen, alleine zweimal wurde sie in die Kollektion zum Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis aufgenommen.

Die Jury hat Andrea Karimé als Stipendiatin (Januar bis März 2012) ausgewählt, weil es ihren Kinderbüchern gelingt, das Thema Integration in ein fremdes Land, Rassismus, Krieg und Flucht in fantasievolle Geschichten einzubetten. Sie bedient sich einer leichten Sprache ohne in Klischees zu verfallen. Ihre Projektskizze für Istanbul hat die Jury überzeugt. Karimé will der Frage nach Sprachidentität in einer Stadt der Migration nachgehen.

Gerrit Wustmann, 1982 in Köln geboren, studierte Orientalistik, Politologie und Geschichte an den Universitäten Köln und Bonn. Seit 2006 arbeitet er freiberuflich als Journalist und Redakteur. Er hat bislang fünf Bücher als Autor und Herausgeber veröffentlicht; seine Gedichte wurden unter anderem ins Türkische und Persische übersetzt.

Die Jury hat Gerrit Wustmann als Stipendiaten (April bis Juni 2012) ausgewählt, da die Gedichte in seinem Band „Beyoğlu Blues“ (Fixpoetry Verlag 2011) den Geist von Istanbul schon längst hintergründig und besonnen erfasst haben. Als Netzwerker, der bei Projekten gerne mit Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeitet, hat er sich bereits mit der türkischen Literatur und Autoren wie Perihan Mağden, Sait Faik oder Nazim Hikmet bekannt gemacht. Die Jury ist neugierig auf seine deutsch-türkischen Lyrik-Kooperationen.

Jana Debus, 1976 in Rosche bei Uelzen geboren, studierte an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Seit 2003 dreht sie Filme, zuvor arbeitete sie sechs Jahre in London als Assistentin für mehrere Fotografen. Ihre Arbeiten wurden international auf Ausstellungen und Festivals gezeigt wie bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen, der Videonale 11 oder dem Filmfestival Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken. Ihr Film „Gregor Alexis“ 2009 wurde mit dem Grand Prix des 25FPS Zagreb sowie dem 1. Preis VG-Bild-Kunst Förderpreis für experimentellen Film in Köln ausgezeichnet. 2011 erhielt sie den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen.

Das Auswahlgremium hat Jana Debus als Stipendiatin für das 2. Halbjahr (Juli bis Dezember) ausgewählt, weil ihre Filme Selbstporträts von außergewöhnlichen Menschen sind, in denen die Menschen sich so inszenieren, wie sie wollen, und doch so viel darüber hinaus von sich preisgeben. Dies gelingt Jana Debus nicht durch ungehemmten Voyeurismus, sondern durch eine Bild- und Ton-Gestaltung, die auf Weglassen, Aussparen, Andeuten und auf leise Brüche setzt.

Stadt Köln – Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Nicole Trum

23. Die Gewinner des 19. open mike stehen fest

Die Juroren des 19. open mike haben entschieden: Die Preise für Prosa gingen an Christina Böhm (Wien) für den Text „Platzanweisung“ und an Joseph Felix Ernst (Nürnberg) für den Text „Dora Diamant“. Der Lyrikpreis des open mike ging an Sebastian Unger (Berlin). Lobend erwähnt wurden Tristan Marquardt, Stefan Köglberger und Charlotte Warsen. Den Preis der taz-Publikumsjury erhielt ebenfalls Christina Böhm für den Text „Platzanweisung“.

Der open mike wird von der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation ausgelobt und ist mit insgesamt 7500,- EURO dotiert.

Aus den über 700 eingegangenen gültigen Bewerbungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum wählten sechs Lektoren aus renommierten Verlagen die 23 Autoren und Autorinnen aus, die am 5. und 6. November 2011 beim Finale in der Wabe in Berlin ihre Texte vortrugen. Die Juroren Felicitas Hoppe, Tilman Rammstedt und Kathrin Schmidt kürten die Gewinner.

Der open mike hat sich, seitdem er 1993 zum ersten Mal verliehen wurde, zum wichtigsten deutschsprachigen Literatur-Nachwuchswettbewerb entwickelt und ist Karrieresprungbrett für junge Autoren. Gewonnen haben ihn u.a. Karen Duve, Kathrin Röggla, Jochen Schmidt, Terézia Mora, Tilman Rammstedt, Rabea Edel, Jörg Albrecht und Judith Zander.

Die Gewinner:

Christina Böhm, fünfunddreißig Jahre alt, studierte Rechtswissenschaften in Wien und Los Angeles und war unter anderem bei Gericht, in einer Drehbuchagentur, als Regieassistentin und in der Landesverwaltung tätig. Sie schreibt Prosa, mit und ohne historischem Hintergrund, aber auch szenische Texte und hin und wieder das, was man früher Fantastik nannte.

Joseph Felix Ernst, 1989 in Burghausen an der Salzach geboren, studiert seit 2009 Germanistik und Buchwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er schreibt (und malt) seit vielen Jahren – und arbeitet gerade an seinem ersten Roman. Beim 23. Literaturpreis der Nürnberger Kulturläden 2011 erreichte er den zweiten Platz.

Sebastian Unger, 1978 in Berlin geboren, studiert Kulturwissenschaften in Frankfurt/Oder (Master) und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Die Gewinner des open mike gehen direkt im Anschluss auf Lesereise, Termine:
Mi, 9.11., 20 Uhr Literaturhaus Zürich, www.literaturhaus.ch
Do, 10.11., 19 Uhr Literaturhaus Wien, www.literaturhaus.at
Fr, 11.11., 20 Uhr orange peel, Frankfurt, www.orange-peel.de

Die Wettbewerbstexte sind als Anthologie im Allitera Verlag (www.allitera.de) erschienen und dort oder im Buchhandel erhältlich.
Am 13.11.2011 um 0:05 Uhr sendet Deutschlandradio Kultur die Reportage „19. open mike“.

Der open mike ist eine Gemeinschaftsveranstaltung der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation in Zusammenarbeit mit der WABE und dem Allitera Verlag.

22. open mike

Die ersten Facebookkabel vermelden: Sebastian Unger hat den Preis für Lyrik gewonnen, zwei Preise für Prosa gehen an Christina Böhm und Joseph Felix Ernst.

21. Generalverteidigung des Meisters

Es gehört ebenso zu den Eigenheiten Georges, dass seine von Bild und Klang und strenger Form geprägten Gedichte immer wieder den Weg zu Lesern finden, die sich von politischen Verdächtigungen nicht abhalten lassen. Zu ihnen gehört der junge Autor und Germanist Christophe Fricker, der mit seinem Buch sogar noch einen Schritt weiter geht: Er unternimmt er eine Generalverteidigung des Dichters, die nicht nur, wie Adorno, in einem dialektischen Einerseits-Andererseits für einzelne Gedichte wirbt, sondern mit dem poetischen Werk auch die Lehre Georges als Angebot für ein freies Leben im Zeichen der Freundschaft ernst nimmt.

Das lässt aufhorchen und wenn man auch nicht an jeder Stelle folgen kann, so ist Frickers George-Lektüre doch ein engagiertes und frisch geschriebenes Plädoyer gegen eingerastete Sichtweisen und wartet zumeist mit einer klugen und umsichtigen Argumentation auf. Einsichtig ist zunächst, wie Fricker die Poetik Georges im Spannungsfeld zwischen der lyrischen Tradition des 19. Jahrhunderts und den Bewegungen des Naturalismus und der von Mallarmé angeregten Avantgarde verortet.

(…) Die Castrum-Peregrini-Leute sind wiederum für Ulrich Raulff unten durch, weil sie ihm für sein Kreisbuch keine Einsicht in von ihnen verwahrte Dokumente gewährten. Raulff rächte sich, indem er die verdiente Zeitschrift totschwieg, zur Strafe taucht er nun ebenso wie Karlauf bei Fricker nur in Fußnoten auf.

Die literaturpolitischen Manöver müssen einem Leser entgehen, der sich mit Frickers Buch eine erste Annäherung an Gedichte Georges erhofft, aber schaden muss das nichts. Georges Gedichte, das hebt Fricker zu Recht hervor, sind vieldeutig und lassen sich nicht von einer Seite vereinnahmen. Jeder liest sie auf eigene Gefahr, zu eigener Erkenntnis und mit eigener Lust. Ein interesseloses Wohlgefallen, so wie Kant sich das dachte, ist ohnehin nicht möglich. /Norbert Hummelt, Tagesspiegel

Christophe Fricker: Stefan George. Gedichte für Dich. Matthes & Seitz, Berlin 2011. 383 S., 29,90 €.

20. Fundamentaler Schriftsteller

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Luzi aus dieser hermetischen Isolation heraus. Er suchte und fand den Anschluss an die Moderne, etwa an T. S. Eliots „Waste Land“. Wichtige Gedichte dieser Zeit bündelte 1960 der Band „Il giusto della vita“. In ihm sucht die Poesie die Gnade, hier zu sein, „im Rechten des Lebens, im Werk der Welt“. Doch die veristische Idylle verdunkelte sich. Die Überschwemmung von Florenz (1966) wurde für Luzi zum Symbol der drohenden Apokalypse. Er projizierte Dantes Inferno auf Rimbauds „Saison à l’Enfer“ (Eine Zeit in der Hölle) – auf die Moderne und ihr Prinzip der Zerstörung. Als Gegenmacht beschwor er jenes verborgene Reich, das „auf unsichtbarem Grund“ errichtet ist.

Mit dem Band „Su fondamenti invisibili“ von 1971 setzt die Auswahl ein, die Guido Schmidlin für die Edition Akzente übersetzt hat. „Auf unsichtbarem Grunde“ reicht mit etwa hundert Gedichten in Luzis Spätwerk. Schmidlin war lange mit Luzi befreundet, und so ist dieser Band ein Vermächtnis beider. Mario Luzi war kein Heiliger, sondern ein weltzugewandter Dichter. Doch seine Absage an Gewalt, an Konvention und Mode war absolut. Er hasste die Gewalttätigkeit des modernen Staates und der modernen Zivilisation und hielt den Markt für etwas, das alles zu nichts entwertet. Er spottete in den Sechzigern über die kaugummikauenden Genossen, die ihn vor die Alternative „rette Dich“ oder „gehe unter“ stellen wollten. Er setzte auf den fundamentalen Schriftsteller, „der vielleicht das ganze Leben darauf verwendet, ein Buch zu schreiben“. Luzi war selbst solch ein Autor, ein Poet im Sinne Mallarmés. / Harald Hartung, FAZ 2.11.

(dort auch eine Rezension von Nico Bleutge)

Mario Luzi: „Auf unsichtbarem Grunde“. Gedichte.
Italienisch/Deutsch. Auswahl, Übersetzung und Nachwort von Guido Schmidlin. Hanser Verlag, München 2010. 328 S., geb., 19,10 [Euro].

19. Elytis‘ Menschheitsbuch

Auf Paros schreibt Odysseas Elytis im Sommer 1954 den grössten Teil seines epochalen Werkes «To Axion Esti» (Gepriesen sei), ein Hauptwerk, das auch wieder Theodorakis vertonte, der es die «Bibel Griechenlands» genannt hat. Die hymnische Komposition ist bis in die kleinste Einzelheit durchdacht: Die prologische «Genesis», voller alttestamentarischer (Be-)Züge. Ein anderes, zeitloses Selbst erteilt dem schaumgeborenen Dichter, «der mit den Lippen im Urschlamm die Dinge der Welt schmeckt», Aufträge, wie: Sieh, hör, lies! Dem ersten Teil folgt die Passion, der «Sitz der Geschichte», die im 20. Jahrhundert fast ausnahmslos grausam über das Land hinwegfegte: nach der kleinasiatischen Katastrophe und vor dem Bürgerkrieg die Besetzung durch die faschistischen Achsenmächte. Und hier ist es, wo Elytis zum einzigen Mal auf die Bukolik anspielt, allerdings ohne alles Idyllische: «Es kamen / verkleidet wie Freunde / meine Feinde / traten auf uraltes Land und brachten die uralten Geschenke. Von den Schafen hörte man keinen Laut, nur den Wehlaut, wenn sie der Dolch traf.»

«To Axion Esti» endet mit dem apotheotischen «Gepriesen sei», das den Menschen aus dem Reich des Leidens ins Reich der Freiheit entrückt. Gemeint ist die Rückkehr zur Reinheit der Genesis in der Form der Verklärung. Der Dichter schreibt seinem Volk eine Mission zu, als deren Sprecher, man muss schon sagen «Künder» er selbst auftritt. Elytis, wie auch andere griechische Nationaldichter, entgeht damit der Gefahr der Mystifizierung der Geschichte nicht, er sagt es selbst: «Welch imaginärem Geschlecht war ich entsprossen.» Elytis‘ «To Axion Esti» ist Kunst in einem hohen dichterischen Pathos, wie es innerhalb Europas so wohl nur noch in Griechenland möglich ist. Aber mit seinen unendlichen Bezügen zu Natur und Geschichte, Kosmos und Antike, Befreiungskampf und Weltkrieg ist es mehr als nur ein moderner Mythos Griechenlands – es ist ein Menschheitsbuch. / Manuel Gogos, NZZ 5.11.

18. Meine Anthologie 83: Bertram Reinecke, Die Eingeweihten

Bertram Reinecke

 

Die Eingeweihten
die – Oh! sich auf den Straßen
wenn sie sich heimlich auf den Straßen begegnen
raunen sich auf den Straßen
ungewohnt raunen
– sie werfen sich ihre Papierschiffchen –
oulipo (unbewohnt!)
oulipo zu.

 

Aus: Bertram Reinecke: An langen Brotleinen. Gedichte. Greifswald: Wiecker Bote 2000

17. Prix Apollinaire für Jean-Claude Pirotte

Der Prix Apollinaire ist mit 70 Jahren der älteste unter den Lyrikpreisen, er wurde lange als „Goncourt der Lyrik“ angesehen. Tatsächlich arbeiten mehrere Mitglieder der Académie Goncourt in seiner Jury mit, Francis Carco, Hervé Bazin, Robert Sabatier oder Tahar Ben Jelloun.

In diesem Jahr geht der Preis an Jean-Claude Pirotte für zwei Bände, Cette âme perdue (Castor astral) und Autres séjours (éditions Le Temps qu’il fait). Der Preis wird am 16.11. vergeben.

Der Maler und Schriftsteller Jean-Claude Pirotte wurde 1939 in Namur geboren. [Bis hierher ähnelt seine Biografie deutschen Preisträgern, aber:] Jahrelang lebte er versteckt auf der Flucht in Frankreich, Katalonien und im Aostatal, nachdem er wegen einer falschen Anschuldigung verurteilt worden war. Bis zur Aufhebung der Sprache im Jahr 1981 lebte er ein Vagabundenleben. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze und arbeitete auch als Illustrator. / Cecile Mazin, ActueLitté 4.11.

16. Notizen eines Lesers

Im Poetenladen-Essay schreibt Theo Breuer, was Michael Lentz wirklich gesagt hat in puncto hohle Nüsse, und auch sonst vieles schöne und nützliche, ich empfehle den ganzen Text zu lesen, hier ein Ausschnitt:

Wiederholt in den Textfluß eingestreut: Lentz-Schlenzer, die, kurz und herzlos, sitzen – zack: Nennen wir noch, jenseits der Ismen, Rolf Dieter Brinkmann. Kaum ist der Satz gelesen, lodert hinter dem Namen die blaue Flamme auf, die Geist und Seele seit Jahrzehnten befeuert. Und drum sehe ich es, in diesem Augenblick des Lesens, wie jedes Mal, wieder: Das · ist · ein anderes Blau.

Lentzscher Imperativ: Wer Dichter sein will (und nicht etwa Spitzen­klöppler, denke ich hinzu) und sich nicht mit Gedichten von Charles Baudelaire · Gunnar Ekelöf · Stefan George · Robinson Jeffers · Sergej Jessenin · Philip Larkin · Wladimir Majakowski · Cesare Pavese · Sylvia Plath · Ezra Pound · Reinhard Priessnitz · Arthur Rimbaud befaßt hat (die Auf­zählung suggeriert, natur­gemäß, das Mayröcker­sche „usw.“), der kriegt vom Spielleiter, nein, da kennt der Wilde keine Milde, nicht die gelbe, nein, … (ohne Gnade. Schade!) die rote Karte vor staunende Augen gehalten: Der Dichter muss sich ganz auskennen, […] wer bei August Stramm glaubt, sich verhört zu haben, ist für die Poesie verloren […] und wer nie seinen Jesse Thoor mit Tränen las, […] hat keine Ahnung, wie schwer das auf­scheinend Einfache ist …

Lentz, dynamisch-sanguini­scher poeta doctus, homo ludens et musicus, läßt mich im Anschluß an ins Detail von Rhetorik, Linguistik, Inter­textua­lität „usw.“ gehenden Werk­besich­ti­gungen teilhaben, die mir die beWUNDErte Wortkunst von Carlfriedrich Claus · Uwe Dick · Bodo Hell · Friederike Mayröcker · Oskar Pastior (inkl. Herta Müllers Atem­schaukel) · Josef Anton Riedl · Gerhard Rühm · Valerie Scherstjanoi fabel- und wesen­haft vor meine nach immer mehr gierenden Augen führen, während im nachfolgenden Kapitel Andere: Reverenzen erwiesen werden – und wieder flackern Flämmchen beim Lesen allein schon von Namen: Hartmut Geerken (in Michael Lentz‘ ureigener – faksimi­lierter – Hand­schrift – ›Hand­schrift‹: ein Stichwort, mit dem ich das nächste Faß aufmache, ohne nun weiter daraus zu zapfen) · Thomas Kling (who the fuck is eigent­lich dieser kling, fragt ein Leser am 15. Oktober 2011 in der Lyrikzeitung, in Textleben gibt Lentz vielseitig Antwort – u.a. mit dem Gedichtzitat Über das Bildfinden II: aber die sprache, / aber die sprache, / aber die sprache: / dies ständige, ständige, / vollständige fragment) · Thomas Mann · Helga M. Novak · Joachim Ringelnatz · Robert Walser.

Im Kapitel Alte: Größe trifft der Leser auf umfängliche Essays zu Gottfried Benn (ein irdisches Vergnügen in B.) sowie Rainer Maria Rilke und hier auf die hohlen Nüsse, notabene weit weg von den knackigen Aus­sagen über zeitgenössische Lyriker (wohin sie der FAZ-Mitarbeiter in der Textleben-Besprechung verlegt*), von denen mir Ich finde Stolter­foht ganz ausge­zeichnet besonders im Gedächtnis haften bleibt:

Es gehört unter anderem zum guten Ton – der nicht immer der beste sein muss –, Rilkes Texten Kitsch vorzuwerfen. Aber abge­sehen davon, daß der Ruf, ›kitschig‹ zu sein‹, nicht der schlech­teste sein muß und manche Autoren im Unter­schied zu Rilke so ent­täu­schend hohle Nüsse sind, dass sie keinerlei Vorwürfe produ­zieren, kontert Rilke den Vorwurf selbst: indem er gelesen wird. Lesend lernt man einen Dichter kennen, der wie kein anderer unter­schiedliche stilis­tische und rheto­rische Register zu ziehen wusste, dabei mit seiner Dich­tung immer erst unter­wegs war zu einer ›anderen‹ Sprache, zu einer utopi­schen Auf­hebung der Differenz von Ding und Wort.

 *) Axel Kutsch hat seine Aussage über die hohlen Nüsse, wie er sagt, aus der FAZ übernommen, bevor er das Buch selber las. – Der von Theo Breuer, dem so begeisterungsfähigen wie gründlichen Leser, zitierte Satz über who-the-fuck-was-kling war zwar meiner Meinung nach eher sarkastische Reaktion auf Kutschs und anderer Lyrikschelte; aber Lentz‘ von Breuer zitierte lange Liste von must-reads ist keine schlechte Arbeitsbasis; meine ich. Danke, Theo!

Michael Lentz
Textleben
Über Literatur, woraus sie gemacht ist, was ihr vorausgeht und was aus ihr folgt
Herausgegeben sowie mit Vor- und Nachwort versehen von Hubert Winkels
576 Seiten
S. Fischer 2011

15. Fremdartig

Friedrich Hölderlins Gedichte gelten als ein Höhepunkt deutscher und europäischer Literatur, doch der in Lauffen am Neckar 1770 geborene Dichter schuf für heutige Ohren fremdartig klingende gereimte Werke. / Stuttgarter Nachrichten

14. Meine Anthologie 82: Ich am of Irlaunde

 

The Irish Dancer


ICH am of Irlaunde,
Ant of the holy londe
Of Irlande.
Gode sire, pray ich the,
For of saynte charité,
Come ant daunce wyth me
In Irlaunde.


um 1300

 

Ich bin aus Irlande
Und aus dem heiligen Lande
Aus Irlande
Guter Herre, bitt ich dich,
Nur aus frommer Nächstenlieb,
Komm zu mir und tanz mit mir
In Irlande.

heilig war Irland, weil dort das Christentum die Wirren der Völkerwanderung überdauerte. Irische Mönche brachten es später zum Festland.

Englische Kurzgedichte aus dieser Zeit (vgl. auch Meine Anthologie Nummer 68 )  „convey strong emotions in a few lines“ (Britannica) – sind also „lyrisch“ im modernen Sinn

13. Elbquer

Ja, es gibt ein literarisches Leben außerhalb Berlins! Für diejenigen, die es nicht glauben mögen, treten die Autoren Volker Sielaff und Patrick Beck den Beweis an, dass auch Dresden eine lebendige Literaturszene hat. Ein wichtiges Zentrum derselben ist das Literaturforum Dresden, welches 2008 von Sielaff, Beck und anderen gegründet wurde und die Fahne der qualitätvollen zeitgenössischen Literatur hochhält. Im Rahmen unserer Veranstaltung Elbquer begegnen die beiden Dresdner den Berlinern Tom Bresemann und Simone Kornappel, alle vier lesen aus ihren aktuellen Büchern und loten aus, was Schreiben in den jeweiligen Kontexten bedeutet und welche Vorteile es hat, sich als Autor dem schmutzigen literarischen Schneeball Berlin zu entziehen.

Übrigens: Wer die Veranstaltung verpasst, hat noch einmal am 8.11. um 19:30 Uhr die Gelegenheit, die Autor/inn/en in gleicher Konstellation zu erleben. Er/sie muss dann allerdings die Reise nach Dresden auf sich nehmen: Die Lesung findet an Deck des Herbergschiffes „Die Koje“, Leipziger Str. 15 in Dresden statt.

Mehr zu allen Veranstaltungen unter www.lettretage.de.

Samstag, 5. November 2011, 19:30 Uhr
Elbquer – Autorenbegegnung Dresden – Berlin
Mit Volker Sielaff, Patrick Beck, Simone Kornappel und Tom Bresemann
Eintritt 5,-/4,-€

12. Ferment

Er gehörte zu einer kleinen, aber feinen Schar von DDR-Kreativen, die mit ihrem streitbaren Ernst und ihrer fortdauernden Unzufriedenheit ein ungeheuer wichtiges Ferment der westdeutschen Kultur der 80er Jahre bildeten. Bis nach dem Mauerfall alles ganz anders wurde. Oder zu sehr dasselbe blieb? 2001, kaum 56 Jahre alt, ist Thomas Brasch einen unglücklichen und viel zu frühen Tod gestorben.

Christoph Rüter hat Brasch bei gemeinsamen Theaterarbeiten noch selbst kennengelernt. Für seinen Dokumentarfilm montiert er Archivaufnahmen – wie Braschs berühmten Skandalauftritt anlässlich der Verleihung des bayrischen Filmpreis 1981 -, Filmausschnitte und Videotagebücher, die Brasch selbst gedreht hat, aneinander und nennt dazu aus dem Off knapp die wichtigsten Lebens- und Werkdaten. An vielen Stellen zitiert er aus Braschs Gedichten, die mit schmerzlicher Prägnanz Auskunft über ein Leben in existenzieller Unbehaustheit geben. Es treten keine Zeitzeugen auf, es werden keine Deutungen gemacht. Rüter handelt damit im Sinne von Brasch, der es hasste, „beschrieben“ zu werden. „Du bist ein leeres Blatt / Du wirst nur noch beschrieben / Geh unter oder schwimm“, heißt es an einer Stelle. Rüter gelingt es, Brasch als schwierigen, schönen und widersprüchlichen Menschen in Erinnerung zu rufen, dem man sich gerne genähert hätte. Man begreift aber auch, dass der das nie zugelassen hätte. / Barbara Schweizerhof, Berliner Morgenpost

Dokumentation D 2011 , 92 Min., von Christoph Rüter

11. Gegen den Zeitgeist

An den Mauern der ausgebauten Rustici hängen eingerahmte Gedichte von Eva Maria Ott. Sehr feine und schöne Gebilde seien ihr gelungen, schrieb der Verleger Egon Ammann einst in einem Brief. Den Ammann-Verlag gibt es nicht mehr, und Lyrik wird heute in der Schweiz kaum mehr in Buchform publiziert. Entgegen dem Zeitgeist, so könnte man sagen, hat Michi Schaub nun einen Band mit Otts Gedichten herausgegeben. / Patrik Maillard, WOZ