40. Fusseln

„Was ist das eigentlich, was Du schreibst?“ haben wir Wolfram Lotz gefragt, nachdem wir seinen Text das erste Mal gelesen hatten. Es ist in einem Zwischenbereich von Lyrik und Prosa angesiedelt und trägt jetzt den UntertitelListe, der am treffendsten beschreibt, was der Wahl-Leipziger macht. Eine Liste der Dinge, Worte, Bilder, die irgendwie scheinbar nutzlos wie Fusseln an der Gegenwart haften. / Parasitenpresse

39. Griechenlands Blüte und Krise

In der griechischen Literatur der 1950er-Jahre war es fast ein Verbrechen, über Bäume zu reden oder Liebesromane zu schreiben. Beides war bei der Kritik verpönt. Es gab aber eine kleine, engagierte Leserschaft, die eifrig alles las, was die Verlage publizierten, vor allem Lyrik. Bis in die 1970er-Jahre erlebte sie ihre Blütezeit. Auch diejenigen, die sie nicht lasen, konnten sie anhören, nicht vorgetragen, sondern vertont von Komponisten wie Mikis Theodorakis oder Stavros Xarchakos. Die Gedichte der Nobelpreisträger Jorgos Seferis und Odysseas Elytis, die von Jiannis Ritsos und Nikos Gatsos wurden überall gesungen. Vielleicht, weil die Bäume fehlten. Es es gab fast keine mehr nach dem Bürgerkrieg. Die meisten waren niedergebrannt worden, was übrig blieb, wurde als Brennholz verwendet. …

Griechenland war nach dem Bürgerkrieg ein armes Land mit einem hohen kulturellen Niveau. Es waren nicht nur die großen Namen der griechischen Literatur – darunter Nikos Kazantzakis, Andreas Frangias und Jiannis Maris -, auch Theaterleute wie Karolos Koun, Filmemacher wie Theo Angelopoulos und Maler wie Alekos Fassianos und Jiannis Tsarouchis gehörten zur Elite. Griechenland war ein armes Land, das aber „die Kultur der Armut“ sehr gut beherrschte.  / Petros Markaris, Die Presse

38. Lufthansa & Underground

Die literarischen Undergroundstars dieser Republik lassen sich an einer Hand abzählen: Da gab’s den fesselnden Storyteller Jörg Fauser, den rücksichtslosen Rolf Dieter Brinkmann, den zum Islam konvertierten Kommune-1-Bewohner Hadayatullah Hübsch, den Bukowski-Übersetzer Carl Weißner und den Rockpoeten Wolf Wondratschek. Dann ist da noch der 1935 geborene Jürgen Ploog; im Berufsleben war er 33 Jahre Linienpilot der Lufthansa, literarisch ambitioniert und von dandyhafter Erscheinung.

Befeuert von und befreundet mit William S. Burroughs, der amerikanischen Beat-Generation-Legende, experimentiert Ploog ebenso wie sein berühmter Kollege mit der Cut-up-Technik; dabei werden Textfragmente über Zufall- oder andere Prinzipien mehr oder weniger rücksichtslos zusammengestellt, so dass sie als ein geschlossener Text erscheinen. Nicht selten zerfällt dieser vermeintlich geschlossene Text beim Lesen wieder in seine Einzelteile. Im „Kino der Wahrnehmung“ vermischen sich ständig Erinnerungen, Erlebnisse, Träume, Phantasien. / Arne Rautenberg, Saarbrücker Zeitung 5.11.

Jürgen Ploog: Unterwegssein ist alles. Tagebuch Berlin-New York, SIC-Literaturverlag, 152 S., 19 €

37. Was ist dann ein Gedicht?

Und was ist dann ein Gedicht, wenn es keine Lautdichtung gibt? Ist die Lautdichtung von der Zeit abgestempelt? Wer bestimmt die Zeit? Die Armeen der tüchtig schreibenden konventionellen Lyriker?

Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus. Mit einem Nachwort von Michael Lentz. Berlin: Matthes & Seitz 2011, S. 150f.

Die Lautpoesie ist die einzige Alternative zur visuellen Poesie.

Und umgekehrt.

Ebd. S. 144.

  • Alexej Krutschonych: Phonetik des Theaters. Herausgegeben von Valeri Scherstjanoi. Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2011, 120 Seiten, 10 Euro. ISBN 978-3-9813470-5-0
  • Valeri Scherstjanoi: Mein Futurismus, 160 S., 14,90 Euro. Matthes & Seitz Berlin, Mai 2011, ISBN 978-3882216189

36. Videolesung

Nachtrag zu #33:

VIDEOLESUNG

Friedrich Achleitner liest aus „iwahaubbd“ / Zeit online

35. Gestorben

Der spanische Dichter Tomás Segovia, der 1940 nach Mexiko auswanderte, starb am Montag im Alter von 84 Jahren an Krebs. Der Freund des Dichters und Poeten Octavio Paz war eine bedeutende Figur im Kulturleben Mexikos. Zu seinen bekanntesten Werken zählen La luz (1950), Apariciones (1957), Cuaderno del nómada (1978), Cantata a solas (1985), Lapso (1986), Noticia natural (1992), Fiel imagen (1996) und Sonetos votivos (2007). /  Europe1.fr avec AFP

34. Catull beim Rockkonzert

Der gebürtige Kärntner, der in Innsbruck lebt, beschreibt sein eigenes Schreiben als Schabearbeit: Wie ein Bildhauer klopft er Verse aus der Sprachmasse. …

Nach „die mobilität des wassers müsste man mieten können“ (2001) und „fontanalia.fragmente“ (2003) folgt – nach einem Zwischenspiel mit zwei Romanen – nun „mein lieben mein hassen mein mittendrin du“. Christoph W. Bauer schickt in 37 Gedichten eine Liebe in all ihre Stationen vom Ver- über das Entlieben bis zu „so circa fünf frauen nach dir“.

Und er hat sich dafür meisterhaft eine Folie zu Eigen gemacht: Basis, Inspiration und die Fäden, die weitergesponnen werden liefern die Gedichte des Dichters Catull (ca. 85-55 v. Chr.), das Nachwort lieferte denn auch der Universitätsprofessor und Altphilologe Niklas Holzberg.

Der Bezug auf Catull ist schon am Titel zu erkennen: Odi et amo/Ich hasse und ich liebe heißt es in dessen Gedicht Nr. 85. Nur, dass der antike Poet sich nun auf ein Rockkonzert verirrt hat: Das Ich begegnet dem Du bei einem Konzert „Toten Hosen“ (siehe Leseprobe). / MARIANNE FISCHER, Kleine Zeitung

33. Was reimt auf Braissn?

Eine Inspirationsquelle für Achleitner ist das Schnadahüpfel oder Gstanzl. Seine normierte Form lädt zum Spielen ein. Bekanntlich hat Artmann, offenbar von solchen Formexperimenten fasziniert, Edward Lears Limmericks [auf Limerick reimt sic, MG] übersetzt. Im Schnadahüpfel und im Gstanzl treffen, wie im Limmerick, anarchische und regulative Elemente auf einander. Sie öffnen sich dem Nonsens, der ja als solcher nur empfunden wird, weil er unseren Erfahrungen widerspricht, und werden – durch ihre Form und durch die gesungene Melodie – zum Ritual. Hinzu kommt die Vorliebe der Gattung fürs Fäkalische. Bei Achleitner klingt das so: „jo, jo dö braissn / dö frössn und schaissn / dö boan kinnans aa / owa aonö draraa“.

Den Band, der Arbeiten seit 1955 vereint, schließt eine „innviaddla liddanai“ ab, die über 55 Seiten hinweg dem Muster einer Gstanzl-Variante folgt, in der jeder zweite Vers „sagt er“ (bei Achleitner: „sogd a“) lautet. Eine Kostprobe: „mid dö schuach / sogd a / kaosd guad lauffm / sogd a / owa zeaschd / sogd a / muas das kauffm / sogd a“.

Man sieht: Avantgarde kann höchst amüsant sein. Kinder sind mit ihren Abzählreimen ganz nah dran an diesem spielerischen Umgang mit Sprache, ehe er ihnen zugunsten eines scheinbaren Tiefsinns ausgetrieben wird. Sie könnten zur Erkenntnis gelangen, dass Achleitners gesammelte Dialektgedichte zu den wichtigsten heimischen Neuerscheinungen des Jahres gehören. / Thomas Rothschild, Die Presse 5.11.

Friedrich Achleitners Band „Iwahaubbd“ versammelt Achleitners Dialektpoeme seit 1955.

32. Nicht mehr so laut

Die indische Zeitung Deccan Chronicle sprach mit dem Malayalam-Dichter K. Satchidanandan, der Anfang Oktober in britischen Wettbüros als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt wurde:

Sie gehörten zu denen, die die Moderne in der Malayalamlyrik ausriefen. Wie sehen Sie das heute?

Ihc habe immer noch das Gefühl, daß die 60er Jahre eine Zeit der Erneuerung waren, in der Lyrik wie in allen anderen Künsten. Es herrschte eine ungewöhnliche Brüderlichkeit zwischen den Künstlern, die alle auf der Suche nach etwas waren, dessen sie sich nicht sicher waren – einer Sprache der mondernen Erfahrung.

Selbst die progressiven Autoren hatten damals keine moderne Sprache. Sie waren progressive Romantiker, als andernorts Dichter wie Neruda eine völlig andere Sprache führten.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, daß die Moderne heute auf dem Rückzug ist?

Vielleicht der Einfluß des Marktes, karrieristisches Kalkül der Dichter.

Wie bewerten Sie die 70er Jahre als Zeit politischer Turbulenzen, als nach allgemeiner Ansicht die Malayalamlyrik eine Hochzeit hatte?

Lyrik und Revolution waren eins. Einige der modernen Autoren wurden politisiert. Wenn ich unfreundlich bin, kann ich sagen, die Brüderlichkeit war auf dem Rückzug.

Und heute?

Die absolute Zerrissenheit gibt es nicht mehr. Der Konkurrenzdruck unter den Dichtern verhindert jeden sinnvollen Diskurs. Die Dichter sehen mehr nach innen, sind subtiler geworden und nicht mehr so laut.

31. Vielleicht lesen sie zuviel, aber nett sind sie doch

Das Setting für die Lesungen ist hervorragend; das Bühnenlicht weich, das Publikum ist aufmerksam, klatscht sehr gerne und feiert – zu Recht – mehr Texte als es Preise gibt.

Ich war ziemlich lange nicht mehr bei solchen Wettbewerben und wundere mich darüber, dass es keine Dissonanzen zu geben scheint, keine Fraktionierungen, keine Ablehnung des Betriebs etwa seitens der Autoren; dass das Etwas-toll-Finden nicht wie früher so oft von der entschiedenen Ablehnung eines anderen begleitet wird. …

Thomas Wohlfahrt von der Literaturwerkstatt Berlin dachte mit Grauen an Veranstaltungen zurück, bei denen arrogante Dichter oft das Publikum beschimpft hätten, und freute sich, dass die Autoren nun netter geworden seien.

Felicitas Hoppe richtete am Ende als Stimme der Juroren das Wort an die Autoren und sagte, die Juroren seien sehr beeindruckt gewesen von dem Auftreten und Lesen der Autoren. Zugleich hätten sie beim Lesen aber gedacht, „vielleicht lesen Sie mehr, als dass sie schreiben. Und manchmal hätten wir uns gewünscht: Brüllen Sie doch das mal raus!“

Das Gleiche hört man oft auf Filmfestivals. Dem Publikum und auch mir hatte aber alles eigentlich ganz supergut gefallen. Es ist so superangenehm, mit vielen stillzusitzen und junge Autoren lesen zu hören! / Detlef Kuhlbrodt, taz

30. Hellwach

Die Poesie von Wallace Stevens („Hellwach, am Rande des Schlafs“) könnte von Matisse gemalt sein, sagte Durs Grünbein. Der Autor, seit 2006 Dozent an der Kunstakademie, baute in der Kunstsammlung NRW am Grabbeplatz ganz weit gespannte Brücken, nicht nur zwischen Formen der Phantasie und fernen Trauminseln, auch hin zu Modellen der Atomphysik. / Rheinische Post

29. Prix du Québec / Prix Athanase-David

Der Prix du Québec / Prix Athanase-David, der angesehenste Literaturpreis Québecs, geht an den Dichter, Psychiater und Essayisten Joël Des Rosiers für sein Gesamtwerk.

Der Preis wurde 1977 gestiftet. Er ist einer von 12 nationalen Preisen, die Québec jährlich für Leistungen für Kunst und Wissenschaft sowie die Förderung der französischen Sprache vergibt.

Die Journalistin Francine Bordeleau nennt Des Rosiers „einen aus der langen Reihe der Schriftsteller-Ärzte von Empedokles und Rabelais bis Arthur Conan Doyle, Louis-Ferdinand Céline, Gottfried Benn, Antonio Lobo Antunes oder André Breton, Maurice Blanchot, Jacques Stephen Alexis und Jacques Ferron.

Joël Des Rosiers stammt aus einer alten Familie im Süden Haitis. Vom Vater hat er die Liebe zur Literatur (er las ihm unter anderem Baudelaires Gedicht « À une dame créole » vor), von der Mutter, die als Neuropsychologin arbeitete, das Interesse an der Erforschung der Psyche. Mit 10 Jahren verließ er mit seinen Eltern, die in Opposition zur Dikatator standen, er kam nach Chicago, New York und schließlich nach Montréal und damit zur französischen Sprache.

/ Robert Berrouet-Oriol, AlterPresse 7.11.

28. Panisches Licht

„Dichtung“, so hat es der 1962 in Neuss geborene Norbert Hummelt einmal formuliert, ist Lichttherapie, auch wenn sie dunkel ist.“ In einem anderen Zusammenhang hat sich Hummelt, der 1993 mit dem Band „Knackige Codes“ im Galrev Verlag debütierte, dazu bekannt, dass er das Wort „Licht“ für „besonders unwiderstehlich“ hält, besonders, „wenn es sich auf nicht reimt.“ Auch ohne Kenntnis dieser Aussagen wäre einem beim Lesen von Norbert Hummelts neuem Gedichtband „Pans Stunde“ aufgefallen, wie häufig und in wie vielen Bedeutungsvariationen das Wort „Licht“ in diesen Gedichten erhellende Verwendung findet.

Das einfallende, aufblitzende, fahle, gleißende oder auch grell scheinende Licht ist eine flüchtige Erscheinung. Lichtspiele sind Augenblickskonstellationen. Sie sind häufig nur von kurzer Dauer und unterliegen deshalb dem Diktat der Vergänglichkeit. Für den Dichter, der das „im Augenblick Gegenwärtige“ in Worte verwandeln will, um es „im Bewusstsein dauerhaft anwesend“ zu halten, stellt deshalb das Licht eine enorme Herausforderung dar. Zu jedem gelebten Augenblick gehört ein bestimmtes Licht. / Michael Opitz, DLR

Norbert Hummelt: Pans Stunde. Gedichte
Luchterhand Verlag, München 2011
90 Seiten, 16,99 Euro

26. „Erschreckende Professionalität“

Die Autoren-Jury, bestehend aus Felicitas Hoppe, Kathrin Schmidt und Tilmann Rammstedt, habe sich ganz bewusst für Werke entschieden, die nicht mit erschreckender Professionalität gemacht sind, um in den Rahmen allgemeiner Gefälligkeit zu passen, betonte Hoppe. Angesichts eines handwerklich starken Jahrgangs, der sich perfekt zu präsentieren wusste, warnte sie die Nachwuchs-Autoren davor, zu sehr für Wettbewerbe zu schreiben und auf Vermarktungschancen zu schielen.

„Das Formbewusstsein, das ist uns aufgefallen, das ist sehr groß. Die Perfektion in der Textperformance ist ganz erstaunlich. Und manchmal hätten wir uns gewünscht: Brechen Sie da ruhig mal aus!“

(…)

Tatsächlich wirkte der „Open Mike“ der Literaturwerkstatt Berlin in diesem Jahr wie eine gut geölte Maschinerie. Handwerklich erstaunlich reife Texte, die meist um schwergewichtige Themen kreisten: Betrachtungen eines einsamen Ichs, Krankheit und Tod der Eltern, traumatisierte Familien. Viel Innerlichkeit, wenig Politisches. (…)

Weil in früheren Jahren die Lyrik oft zu kurz kam, gibt es beim „Open Mike“ nun eine eigene Auszeichnung für die jungen Dichter. Sie ging diesmal an den schüchternen Blondschopf Sebastian Unger. Der Lyriker hat wie rund ein Drittel der Finalisten am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert. In seiner von Borges inspirierten Metaphorik verwischt er die Grenzen zwischen Tier und Pflanze.

Im Publikum drängten sich Lektoren, Literaturagenten und Talent-Scouts zu Dutzenden. Diejenigen, die ohne Preis nach Hause gehen mussten, können sich daher trotzdem zu den Gewinnern zählen. Im 19. Jahr seines Bestehens reicht oft schon die Teilnahme am „Open Mike“, um eine literarische Karriere zu beflügeln. / Vanja Budde, DLR

Lobend erwähnt wurden zudem Tristan Marquardt, Stefan Köglberger und Charlotte Warsen. Den Preis der taz-Publikumsjury erhielt ebenfalls Christina Böhm für ihren Text Platzanweisung./ buecher.at