70. Lyrikerin + Mentor = Showbiz

Schon die Überschrift:

Hans Magnus Enzensberger in New York
Dichtung ist die höchste Form des Showbusiness

Da kommt die FAZ ins Singen:

Ein Mentor, dessen Glanz alle Schützlinge überstrahlt: Hans Magnus Enzensberger beweist bei einem ungewöhnlichen Auftritt in New York, dass Poesie reine Musik sein kann.

Schützlingin ist die 39jährige amerikanische Lyrikerin Tracy K. Smith. Mentor ist atürlich unser aller Hans Magnus. Im Auftrag der Firma Rolex hat er sie ein Jahr lang mentoriert, und jetzt sind sie zum Rolex Arts Weekend in New York zusammen mit anderen Meister-Schüler-Paaren zusammengetroffen.

Bestimmt hat sich die Mühe gelohnt, denn:

Trotz Harvard, Columbia, Stanford und Princeton, versichert er ihr, brauche sie sich nicht als college poet zu fühlen: „Du gehörst nicht nach Princeton.“ Nicht mit einer solchen Stimme. Und ob jemand eine literarische Stimme habe oder nicht, das höre er sofort. Ihrem New Yorker Publikum aber bietet Smith nur ein paar Töne, nur ein kurzes Gedicht, eine Art Liebesgedicht über einen, vielleicht ihren Psychiater, der schließlich einen Kieselstein von ihrer Zunge hebt. In der sehr romantischen, sehr gefühlig aufrauschenden Vertonung des jungen Komponisten Gregory Spears, der selbst den Klavierpart übernommen hat, gibt es das Gedicht dann ein zweites Mal in Mezzosopranlage zu hören.

Ach wer da mitsingen könnte, ach was, auch die FAZ singt da mit:

Da ist längst der Schatten des mächtigen Mentors über die gesamte Veranstaltung gefallen. Hans Magnus Enzensberger bemüht sich aufrichtig, der ihm anvertrauten Lyrikerin den Vortritt zu lassen, aber es hilft nichts. Er sitzt im hellsten Glanz des Scheinwerferlichts, er zieht es an, offenbar magnetisch, ob er es nun will oder nicht. …

Jedenfalls nimmt Enzensberger die Gelegenheit wahr, althergebrachte Grenzen des Dichters und der Dichtung in Frage zu stellen und die Grenzüberschreitung zum Showbusiness hin nicht von vornherein auszuschließen. Als Fan von Cole Porter gibt er sich zu erkennen, diesem Genie sui generis. Er empfinde da keinerlei Verachtung, im Gegenteil, es sei ein große Gabe. Allerdings, leider: „It’s not my talent!“

Nicht seine Begabung? Das Publikum lacht, aber eigentlich hätte es laut protestieren müssen. Der Dichter, der Intellektuelle als Entertainer, hier ward’s Ereignis. Gedankenflüge über exklusive Zonen schriftstellerischer Ästhetik werden mit eingängiger, geradezu ansteckender Verve absolviert. Später, als Enzensberger das Scheinwerferlicht wieder abgeschüttelt hat, beteuert er, dass er nicht gern aufs Podium steige. Aber einmal oben, gibt er dem Publikum, was ihm gebührt. Es soll nicht enttäuscht werden. Schon gar nicht in New York. In der Heimat des Showbiz hat der Dichter sich als dessen poetischer Meister erwiesen.

69. Einfach laut lachen zu dürfen

Die Verse von Ulla Hahn sind leicht zugänglich. Während sich viele junge Poeten der Gegenwart in blumiger Wortgewalt üben und nicht selten sich und den Leser schwindlig schreiben, bleiben Ulla Hahns Gedichte nüchtern. Das „anständige Sonett“, das seit seiner Erstveröffentlichung 1981 längst den Weg in Oberstufenunterricht und Schulhefte gefunden hat und in dem Hahn wohl von der Form, nicht aber vom Inhalt dem strengen Anspruch des Sonetts entspricht, wird in seiner wortwitzelnden Schönheit noch einmal abgedruckt. Der Liebesakt ist das Thema, und seine Wiederholung im Kehrreim ist überaus deutlich beschrieben, die lyrischen Bilder und ihre Kraft treiben den Leser im Enjambement durch die Zeilen („küss / mich wo’s gut tut.“).

Auf das Anständige verzichtet die Dichterin nun ganz und stellt „Ein ständiges Sonett“ gegenüber, es wird „gegeben“ und (sich gegenseitig) „genommen“. Mit Leichtigkeit und einer gehörigen Portion Humor entledigt Hahn sich so des drohenden, aufkommenden Spießbürgerlichkeitsmuffs. In „Bildlich gesprochen“ findet das lyrische Ich eine Blume und gräbt sie – Goethes „Gefunden“ eingedenk – „mit allen Wurzeln aus“. Das reicht aber nicht: „und wärst du ein Stern ich knallte / dich vom Himmel ab.“ Hahn steigert die Bildsprache und nimmt es wörtlich: „Ich herze dich / ich lunge dich / ich haute haare / pore dich“. Und sie kommentiert ihre Zeilen des „Wachliedes“ – zwischen singender, wunderbarer Welt und Zauberworten – mit: „Die Ersten googeln schon den Eichendorff“. Es ist so angenehm, einfach laut lachen zu dürfen!

Das lyrische Werk der 1946 geborenen promovierten Germanistin Ulla Hahn ist bereits mehrfach und unter anderem mit dem Hölderlin-Preis ausgezeichnet worden. Bemerkenswert ist, dass den Gedichtbänden stets auch der kommerzielle Erfolg nicht versagt blieb. Dies liegt ohne Zweifel an der nachdenklichen Lebensfreude ihrer Texte. Auch das lyrische Selbstgespräch von Ulla Hahn besticht durch schwermütige Leichtigkeit.

Thorsten Schulte, literaturkritik.de

68. Shakesbiermann und der Comandante

Wer, wenn nicht Biermann, hätte den Zorn des 66. Sonetts so nachempfinden können: „Und Kunst seh ich geknebelt von der Obrigkeit/ Und simple Wahrheit, die man simpel Einfalt schilt/ Und Güte, die in Ketten unterm Stiefel schreit.“ Wer hätte den Hass des 121. Sonetts auf das nicht totzukriegende Spießertum besser nachdichten können: „Nein – ich bin, der ich bin. Moralapostel, die/ Mit Fingern auf mich zeigen, zeigen nichts als sich/ Dem Schwein ist alles Schwein. Verlogne Prüderie! So krumm, wie die sind, grad so geradeaus bin ich.“ So gegenwärtig war Shakespeare nie, und wenn dabei aus Shakespeare der Shakesbiermann wird, sei’s drum.

Biermann, der brutalstmögliche Selbstkritiker, betreibt keine Geschichtsklitterung in eigener Sache. So enthält die Sammlung auch seine Übersetzung des peinlichen Liedes „Comandante Che Guevara“ von Carlos Puebla: „Der rote Stern an der Jacke/ Im schwarzen Bart die Zigarre/ Jesus Christus mit der Knarre“. / Alan Posener, Die Welt 15.11.

(Dem einen ist es peinlich…; wieso eigentlich, er wird es doch nicht gesungen haben, der Autor von Welt?!)

67. Geschwister-Scholl-Preis für Liao Yiwu

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu hat den Geschwister-Scholl-Preis erhalten. Die Auszeichnung bekam er für sein Buch Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen. „Liao Yiwus Buch ist auch ein Buch über Beziehungen. Die Beziehung zu seinem Land, das man Heimat nennen möchte und nicht kann“, sagte Laudatorin und Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Liao Yiwu sei „ein großer Künstler und ein mutiger Chronist zugleich“, hieß es in der Jury-Begründung. / Zeit

66. Wortbedeutungen laufen um ihr Leben

„Wortbedeutungen laufen um ihr Leben“, heißt es in einem Gedicht von Maricela Guerrero aus Mexiko. Natürlich denkt man da sofort auch an Menschen, die um ihr Leben laufen – Poesie weckt Assoziationen. „Da man mir keine andere Wahl lässt, spreche ich“, formuliert stolz der Poet Martin Gambarotta aus Argentinien. Beide Dichter waren jetzt zu Gast im Heine-Institut Düsseldorf, zum Poesiefestival Latinale, das außerdem Lesungen nach Wuppertal, Bochum, Köln, Bonn und Berlin bietet. / WERNER SCHWERTER, Rheinische Post

65. Der große Bruder Franz Villon

Manche mögen nur den einen und verachten den andern, oder umgekehrt. Manche hassen beide. Ich liebe beide, so wie beide Brecht und Villon liebten. Wie auch sonst. Biermann, Villon und Degenhardt müssen es mit mir aushalten. Der eine ist gestern gestorben, der andere feierte heute seinen 75. Geburtstag. Hier ihrer beider Villon.

Franz Josef Degenhardt: Große Schimpflitanei

Wolf Biermann: Ballade auf den Dichter François Villon

Weiterlesen

64. Meine Anthologie: Villons berühmtester Vierzeiler

XIII. [Quatrain]
Le Quatrain que feist Villon quand il fut jugé à mourir

Je suis Francoys, dont il me poise,
Ne de Paris empres Pontoise,
Et de la corde d’une toise
Scaura mon col que mon cul poise.

Vermutlich November 1462

François (sein Vorname) und Français (Franzose) wurden zu seiner Zeit gleich ausgesprochen, so daß der Anfang doppeldeutig ist: Ich bin François und Ich bin Franzose…

Ich bin Franzose, was mich bitter kränkt,
geboren in Paris, das bei Pontoise liegt,
an einen klafterlangen Strick gehenkt,
und spür am Hals, wie schwer mein Hintern wiegt.

Deutsch von K.L. Ammer, in: Die sehr respektlosen Lieder des François Villon. Leipzig: Reclam 1968, S. 21

Vierzeiler, den Villon nach der Verkündung seines Todesurteils schrieb 

Ich bin Franzose, was mir gar nicht passt,
geboren zu Paris, das jetzt tief unten liegt;
ich hänge nämlich meterlang an einem Ulmenast
und spür am Hals, wie schwer mein Arsch hier wiegt.

Deutsch von Paul Zech, in: Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon. München: dtv 1986, S. 105

Vierzeiler
den Villon verfaßte, als er zum Tode verurteilt worden war

Ich bin Franzose, nicht zum Glücke,
Und aus Paris nach dem Geschicke.
Es fühlt am klafterlangen Stricke,
Wie schwer mein Hintern, mein Genicke.

Deutsch von Martin Löpelmann, in: François Villon: Dichtungen. München: Callwey, o.J. [1937], S. 199

Grabschrift

Ich bin Franzose und empfinde das als Last.
Geboren in Paris, das dicht bei Pontoise liegt.
Bald wird mein Hals, von einer Schlinge sanft umfaßt,
Belehrt, wie schwer mein Hintern wiegt.

Deutsch von Ernst Stimmel, in: François Villon: Balladen. Mit Federzeichnungen von A. Paul Weber. Hamburg: Hauswedell & Co., o.J. [1939], S. 52

Vierzeiler

Franzose bin ich – nicht zum Spaße! -,
Stamm aus Paris, nah bei Pontoise,
Werd ich am Galgen hochgezogen,
Weiß ich, wie schwer mein Arsch gewogen.

Deutsch von Martin Remané, in: Die Lebensbeichte des François Villon. Berlin: Rütten & Loening 1964, S. 328

XIII. Als Villon fürchtete, gehängt zu werden

Franz, bin ich, gram drum dem Geschicke,
Geboren in Paris, nah bei Oisebrücke,
Und wissen wird, am ellenlangen Stricke,
Wie schwer mein Hintern wiegt, bald mein Genicke. 

Deutsch von Walther Küchler, in: François Villon. Sämtliche Dichtungen. Französisch und Deutsch. Heidelberg: Lambert Schneider, 1956, S. 251

Vierzeiler

Der Franz-os ich, ein Mißgeschick,
bin aus Paris bei Oisebrück,
bald merkt mein Hals am langen Strick:
mein Hintern bricht mir das Genick.

Deutsch von Carl Fischer, in: François Villon: Sämtliche Werke. Zweisprachige Ausgabe. München: dtv, 2. revidierte Auflage, 2002, S. 231

AMID too much courtly verse-turning of the 14th-16th centuries, the unattainable dames, later the sportive nymphs and shepherds, one voice speaks to the modern ear like clanging metal amid tinsel:

Surname? Villon, just my luck. 
Born? In Paris, near Pontoise.
You wonder what my backside weighs?
Ask my neck when they string me up.

(The Economist 23.12. 1999 http://www.economist.com/node/347514?Story_ID=347514)

Quatrain

Francis I am, which weighs me down
born in Paris near Pontoise town
and with a stretch of rope my pate
wil learn for once my arse’s weight.

FRANCOIS VILLON – SELECTED POEMS
TRANSLATED BY PETER DALE – PENGUIN POETRY

63. Wie es dazu kam

Wolf Biermann im Gespräch mit dpa aus Anlaß seines 75. Geburtstages, Berliner Kurier:

Wie konnte es eigentlich überhaupt so weit kommen? Immerhin waren Sie Regieassistent am renommierten Berliner Ensemble und hatten prominente Förderer.

Das „Unglück“ in den Augen der Politbürokraten begann 1962 mit einer von Hermlin initiierten Lesung junger und noch weitgehend unbekannter Lyriker wie Volker Braun und Sarah Kirsch, zu denen ich auch gehörte, in der Ost-Berliner Akademie der Künste. Sie endete mit einem Eklat, als ich naiv und völlig ahnungslos mein doch gut gemeintes neues Gedicht „An die alten Genossen“ vortrug. Darin heißt es: „Seht mich an Genossen, mit euren müden Augen, den verhärteten. Seht mich unzufrieden mit der Zeit, die ihr mir übergebt… Setzt eurem Werk ein gutes Ende indem ihr uns den neuen Anfang lasst!“ Und plötzlich war von ‚Konterrevolution‘ die Rede und Hermlin verlor seinen Posten in der Akademie. (1976 war Hermlin dann aber auch der Initiator der Protestresolution zahlreicher DDR-Künstler und Schriftsteller gegen die Ausbürgerung Biermanns).

62. Zeitzeuge

„In ihrem Alter habe ich immer Angst gehabt, dass die mich verhaften“, gab Sicha offen zu, der heute im tschechischen Außenministerium tätig ist. Als Jugendlicher habe er seine Gedichte und Texte von Heizern und Pförtnern redigieren lassen, die vor dem Prager Frühling bei elitären Zeitschriften gearbeitet hatten und später mit einem Berufsverbot belegt wurden. / Hannes Harthun, Volksstimme

61. Franz Josef Degenhardt gestorben

Der Liedermacher und Schriftsteller Franz Josef Degenhardt ist am Montag im Alter von 79 Jahren am Wohnort der Familie in Quickborn (Schleswig-Holstein) gestorben. Dies bestätigte seine Familie am Montagabend mehreren Nachrichtenagenturen. …

Degenhardt etablierte sich in der Folge zu einem der bekanntesten Liedermacher der linken Bewegung in der alten Bundesrepublik. Zu Degenhardts Vorbildern zählten François Villon, Georges Brassens, Kurt Tucholsky und Bertolt Brecht. Der Künstler publizierte rund 30 Alben und mehrere Textbücher. Außerdem verfasste er sieben Romane, darunter die 1975 erschienenen „Brandstellen“. / FAZ

60. Tschechische Volkslieder

Geschichte des tschechischen Volkslieds (Teil 1): von den ältesten Nachweisen bis ins 19. Jahrhundert

12-11-2011 02:01 | Jitka Mládková, Radio Prag

An Staatsfeiertagen wie am Tag der Heiligen Kyril und Method, am Jan-Hus-Tag oder am St. Wenzelstag, genauso wie bei weiteren offiziellen Veranstaltungen werden in Tschechien alte geistliche Lieder gesungen. Das geschieht vor allem in Kirchen, aber nicht nur. Nur noch Musikwissenschaftler wissen heute aber wohl noch, dass in manchem dieser Lieder die Melodie eines vielleicht noch älteren Volksliedes versteckt ist. Dabei sind es die ältesten überlieferten Spuren dieses Kulturguts. …

Zu den ältesten tschechischen Liedern, die aus dem Mittelalter bekannt sind, gehört ´Hospodine pomiluj ny´, in dem der Herrgott um Gnade gebeten wird, oder „Svatý Václave“, eine Hymne an den böhmischen Landespatron, den Heiligen Wenzel. Es wird angenommen, dass es in derselben Zeit auch simple Volkssongs, eine Art Gassenhauer gab. Mit diesem Genre hat sich allerdings niemand seriös befasst. Und so mag es heutzutage überraschend sein zu erfahren, dass in alten geistlichen Liedern alte volkstümliche Melodien anklingen. …

„Vor allem zwei der vier ältesten tschechischen Kirchenlieder, und zwar ´Buoh všemohúcí´ – auf Deutsch ´Gott der Allmächtige´ – und ´Jezu Kriste ščedrý kněže´ – Jesus Christus, du Großzügiger Priester´ – hatten ihre Pendants im deutschen geistlichen Lied. Ein anderes Beispiel: Im 14. Jahrhundert hat sich der böhmische Kirchenreformator Jan Hus um die Entstehung tschechisch gesungener Kirchenlieder verdient gemacht. Einige hat er offenbar aus dem deutschen Liedgut übernommen.“ 

59. Zentralantiquariat

… familiäre Devotionalien wie das „schlampig geführte Reichsarbeitsbuch des Großvaters“ ebenso wie die eigene Person betreffende Unterlagen und „Mitgliedsausweise verschiedener Massenorganisationen“ – der „Ausweis der Freien Deutschen Jugend“, der „Ausweis der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ und andere, jeweils ohne das herausgerissene Passbild, das für den jeweils nächsten Ausweis benötigt wurde …

/ Stefan Heuer, cineastentreff, über

Jan Kuhlbrodt: Zentralantiquariat. Gedichte (parasitenpresse)

58. Ausgezeichnet

Der sächsische Lyriker Andreas Altmann erhält heute [Sonnabend] um 19 Uhr in Weimar die mit 5000 Euro dotierte Manfred-Jahrmarkt-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung. Altmann beschreibe Natur und Landschaften in magischen und eigensinnigen Bildern, so die Begründung der Jury. Seine Gedichte ermöglichten einen anderen Blick auf scheinbar Vertrautes. / Bild

57. Verfolgt

Nach Angaben des Writers-in-Prison-Komitees im internationalen Schriftstellerverband PEN wurden im ersten Halbjahr 2011 weltweit 647 Autoren getötet, misshandelt oder eingesperrt.

69 von ihnen warten hinter Gittern auf ihr Urteil, weitere 107 verbüßen eine oft mehrjährige Haftstrafe, andere sind wieder auf freiem Fuß. / dpa/ news.de

5 von ihnen werden in der Agenturmeldung genannt, darunter:

NGUYEN XUAN NGHIA: Der vietnamesische Schriftsteller veröffentlichte Gedichte und Kurzgeschichten im Internet. Darin kritisierte er auch Hanois kommunistische Machthaber und setzte sich für eine Demokratisierung in Vietnam ein. Im September 2008 wurde er wegen Propaganda gegen die Regierung zu sechs Jahren Haft in einem Arbeitslager verurteilt.

 

56. Keine Gedichte mehr

Goethe taucht an den Schulen kaum noch auf, aber auch Reiners ewiger Brunnen ist den meisten Kindern unbekannt. Sie kennen die Gedichte der klassischen deutschen Literatur nicht mehr, nicht im Herbst und nicht in anderen Jahreszeiten. Sie kennen keinen Rilke mehr („Herr, es ist Zeit…“), keinen Mörike („Ich sah des Sommers letzte Rose stehn…“), keinen Storm („Der Nebel steigt, es fällt das Laub…“), keinen Brecht („Am Grunde der Moldau …“), keinen Schiller, keinen Brentano, keinen Uhland, keinen Heine, keinen Novalis, keinen Nietzsche.

Wann haben die Schulen Abschied genommen von der großen Literatur und warum? Es hat keine Begründung gegeben, man hat sich über diese Frage nicht gestritten. Man hat nicht gesagt: Wir wollen keinen Goethe mehr und keinen Brecht. Es war eher eine ganz große kulturelle Schlamperei, ein zufälliges Vergessen. Keiner hat es gemerkt, die Lehrer nicht, die Erziehungswissenschaftler, die Schulräte und die Eltern nicht.

Jetzt kommt die Adventszeit und die Kinder werden in den Schulen singen: „In der Weihnachtsbäckerei gibt es manche Leckerei…“ Ein schönes Lied. Aber warum singen sie nicht auch: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“? / Gunnar Schupelius, B.Z.