93. Libero

Als 1996 der damals 70-jährige Lokalbesitzer Libero Laganis vor seiner Triestiner Osteria niedergestochen wurde, war der Überfall – der Täter hatte es auf die Tageslosung abgesehen – dem Corriere della Sera einen größeren Artikel wert. Beim Opfer, so der Corriere, handle es sich um den weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten „Wirt von Claudio Magris“, wobei der „Professore“ und Literaturwissenschafter nur einer der vielen prominenten Gäste der Osteria in der Via della Risorta war.

Doch der „sagenumwobene Libero“ (Magris) war mehr als ein Szenewirt, er war ein Original, das zu erzählen, aber auch zuzuhören verstand, und er war einer, bei dem es schon mal vorkommen konnte, dass er Gäste, die ihm unsympathisch waren, des Lokals verwies – und andere, die kein Geld hatten, gratis verköstigte.

Nun hat sich der 1964 in Triest geborene Lyriker Gaetano Longo – als Honorarkonsul Kolumbiens für die Region Friaul-Julisch-Venetien und Organisator des Lyrikpreises Triest eine nicht minder schillernde Figur als Laganis – in Libero. Geschichten aus einer Triestiner Osteria (Wieser Verlag) der Lebensgeschichte des Wirtes angenommen, die er sich von ihm erzählen ließ. / Stefan Gmünder, DER STANDARD 21.12.

92. Vor 125 Jahren wurde Albert Ehrenstein geboren

Karl Kraus ist es zu danken, dass Albert Ehrenstein in die Literaturszene kam. Der Guru der österreichischen Moderne veröffentlichte 1910 in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ ein Gedicht des Kollegen, das den Titel „Wanderers Lied“ trug und bald zu den Programmtexten des Expressionismus zählte. In der letzten Strophe schlug Ehrenstein jene Themen an, die seine Poesie prägten, nämlich Pessimismus, Verzweiflung und Lebensekel: „,Töte dich’ spricht mein Messer zu mir! / Im Kote liege ich; / Hoch über mir, in Karossen befahren / Meine Feinde den Mondregenbogen.“ / Ulf Heise, Märkische Allgemeine 23.12.

Wanderers Lied

Albert Ehrenstein

Meine Freunde sind schwank wie Rohr,
Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz,
Keuschheit kennen sie nicht;
Tanzen möchte ich auf ihren Häuptern.

Mädchen, das ich liebe,
Seele der Seelen du,
Auserwählte, Lichtgeschaffene,
Nie sahst du mich an,
Dein Schoß war nicht bereit,
Zu Asche brannte mein Herz.

Ich kenne die Zähne der Hunde,
In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich,
Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte,
Schimmel freut sich an den Wänden,
Gute Ritzen sind für den Regen da.

„Töte dich!“ spricht mein Messer zu mir.
Im Kote liege ich;
Hoch über mir, in Karossen befahren
Meine Feinde den Mondregenbogen.

 

Rolf Bulang: Albert Ehrenstein – zum Abschluß der Werkausgabe

Autoren wie Albert Ehrenstein haben es schwer im literarischen Betrieb. Zu Lebzeiten bereits unter dem Schlagwort ģExpressionismusĢ abgelegt, das ihrem langjährigen Schreiben und vielfältigem Werk so wenig gerecht wird wie nur je ein Schlagwort es wurde, kommen sie bis heute nicht aus dieser Schublade heraus. Dabei ist das Etikett nicht einmal ganz falsch – auf eine Reihe Gedichte, ein Gutteil der erzählenden Prosa Ehrensteins trifft es mehr oder weniger zu; und diese Charakterisierung hat während der Wiederentdeckung des Expressionismus in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch dazu geführt, daß einige von ihnen in der ein oder anderen Auswahl nachgedruckt und so immerhin der Furie gänzlichen Verschwindens entrissen worden sind. Aber gerecht wurde all das Ehrenstein nicht, den man schließlich ebenso gut als jüdischen Autor deutscher Sprache hätte wiederentdecken, wie man in ihm auch in erster Linie den heimatlosen Exilanten hätte sehen können, der elend und verarmt in der Emigration starb. In Ansätzen hat eine fleißige Literaturwissenschaft schließlich  all das auch versucht, von der Betonung der spezifisch österreichischen Spielart dieser Gesichtspunkte einmal ganz abgesehen.

/ Marburger Forum

 

Albert Ehrenstein von Ernst Weiß

Albert Ehrenstein, einer der stärksten und eigenartigsten Geister unserer Zeit: diese Stärke ist unverkennbar, aber sie ruht wie Simsons Stärke zuletzt in einem Geheimnis, das für Menschen nie ganz ergründbar ist. Und doch ist an dieser dichterischen Gestalt alles. Form wie Inhalt, und schon vom ersten Werk an, fest umrissen; nur ist es schwer, fast unmöglich, diese einzigartige Linie nachzuzeichnen bis ins Selbstverständliche.

Schon bei dem ersten Werk, das 1910 erschien, bei „Tubutsch“ war es klar, daß jüdischer Geist sich hier mit griechischem Geist vereinigen wollte: der jüdische Geist des alten Testaments, müde gewandert, in Wien gelandet, in staubigen, kleinen, halb rührenden, halb komischen Worten, Räumen, Szenen, Stimmen, auferstehend, todesmüde, wie er war, und doch dem Leben im tiefsten zugewandt, nach rückwärts gewandt, nach den alten Behausungen der vielgewanderten Seele. Der griechische Geist, das Dasein, das tausendtorige Leben in stark umfangenden Armen umklammernd, Ahasver, der ruhelose, auf griechischer Insel, erstaunt über das Groteske der Welt, ewig hungrig nach dem wirklichen Getriebe, nach dem ungeheuren, rettenden Schwung, nach dem großen, endlich beruhigenden, stillenden, und, sei es selbst tötenden Zauberwort.  / mehr

Todrot

Albert Ehrenstein –
Eine Auswahl an Gedichten.
46 Seiten, Broschur – 6 € –
Erstdruck 04/09 – Derzeitige Exemplare 230
ISBN: 978-3-9812619-3-6

91. Aller Anfang

Für Neues Deutschland interviewt Hans-Dieter Schütt den Pfarrer und Dichter Christian Lehnert:

nd: Christian Lehnert, es gibt ein Gedicht von Günter Kunert, darin beschreibt er das Schicksal des Dichters: Er suche nach dem ersten, dem gültigen Wort – finde aber stets nur das zweite, schwächere.

Lehnert: Aller Anfang – das ist jetzt nicht nur dichtungsbezogen, sondern theologisch gedacht – entzieht sich uns ins Mythische, ins Metaphorische. Den Anfang haben wir nicht. Wenn wir über ihn nachdenken, oder auch über das Ende, dann treffen wir auf einen blinden Fleck.

Der Dichter hofft dennoch, das gültige Wort zu finden.

Damit begibt sich ein Gedicht, begibt sich Sprache an den Rand des Möglichen, wo sie gewissermaßen aufzuhören droht. Schreiben ist Zuflucht in der Bewegung, an diesen besagten Rand vorzudringen – und nach dem zu greifen, was man nicht fassen kann.

Was verbindet den Pfarrer mit dem Dichter?

In meiner Religiosität habe ich es ebenfalls mit Metaphern zu tun, mit Bildern, die für etwas stehen, was nicht im Wortsinn existent ist, und doch da, und erfahren wird. Ein Paradox. Die biblischen Geschichten sind stets auch der Ausdruck für den Versuch, einer Erwartung oder einem Vermissen Gestalt zu geben.

90. Doppelt so lang?

Sensation
Stille Nacht: Neue Strophen aufgetaucht
Das berühmteste Weihnachts-Lied der Welt hat jetzt 6 Strophen.

melden die Ösis (Oe24.at). Bevor ich das weitergebe, schau ich lieber mal nach (wär ich Journalist, würd ich sagen: ich recherchiere). Und mein Gedächtnis trübt nicht. Hat schon immer 6 Strophen. Nur die meisten Gesangbücher – katholische wie evangelische – drucken davon fast stets nur die 1., 2. und 6. (Die beiden letzteren auch noch in umgekehrter Reihenfolge). Merkwürdig, denn offenbar haben sie sonst keine Probleme mit vielstrophigen Liedern.

Ösileser unlocker meint:

große Sensation… im Gebetsbuch meiner Mutter stehen auch noch alle 6 Strophen.

Kleiner Tip für die nächstjährige Weihnachtsnummer: Wikipedia hat alle 6 Strophen und daneben die verkürzte Fassung der Gesangbücher.

– Besser gelingt der Ösi-Kulturredaktion die Berichterstattung über eine neue Aufführung der Dreigroschenoper im Wiener Volkstheater. Zwar schreiben sie Brechts Vornamen falsch und verwenden einen recht aufgeblähten Stil:

Zurückhaltendes München, weltoffenes Wien

Während die Münchner, dort feierte das Stück am 22. Jänner unter der Regie von Christian Stückl Premiere, sich mit dem Thema Nacktheit zurückhaltend zeigten – dort blitzte ein Plastikbusen, präsentiert sich Wien ab 16. 12 mehr als freizügig. Schottenberg setzt auf hemmungslose Nacktheit und zeigt die Schauspielerinnen völling entblößt im Eva-Kostüm.

Doch dafür bebildern sie ihren Bericht fast völling erschöpfend mit  14 Farbfotos.

89. Weihnachtstips

In der Süddeutschen vom 21. empfehlen Autoren auf 2 Seiten Bücher zum Fest. Tiefschürfen ist da nicht zu erwarten. Kurt Flasch empfiehlt Thea Dorns und Richard Wagners Buch ‚Die deutsche Seele‘ (Knaus, 2011) als „gescheit und kritisch, die deutsche Seele wird zwischen Abendbrot und Strandkorb ohne Gejammer erforscht, immer an meist zusammengesetzten Substantiven entlang. Zum Glück nicht gar zu ‚tief‘, dafür mit schönen Bildern.“ Alles klar? Dann ist es auch gleich, ob mans kauft oder nicht, die deutsche Seele wird halt zwischen Auschwitz und Strandkorb ohne Gejammer erforscht. Schöne Bilder auch. Frohes Fest!

Roger Willemsen empfiehlt Liao Yiwu in 2 Sätzen, der zweite lautet: „Eine qualvoll errungene Formulierung von Moderne.“ Herta Müller braucht dafür 8 Sätze auf gleichem Raum und überzeugt schon eher. Peter Handke empfiehlt „Bostjans Flug“ von Florjan Lipuš.

Neben dem zweifach bedachten Chinesen ist nur ein Gedichtband dabei, empfohlen von Uwe Tellkamp:

Christian Lehnert, Aufkommender Atem (Suhrkamp, 2011). Geistliche Lyrik, formstreng und traditionsbewusst, dennoch deutlich von einer heutigen Stimme gesprochen, ohne Frömmelei und Pfarrerskitsch, anrührend und einfach, nie simpel. Klarheit und Ruhe.

Nehm’sen Chinesen, oder kaufen Sie was von Lux-, Kooks-, Rugerups & Co., empfiehlt L&Poe. Lange immer noch anwachsende Listen hier.

88. Sprachzensur

Große Aufregung um Wörter aus dem Wörterbuch „Österreichisch-Deutsch“, die auf Glastafeln gedruckt am Wiener Flughafen Schwechat die Besucher begrüßen sollen.

Auf den vor Wochen installierten Tafeln befinden sich Wörter wie „Futlapperl“ Schamlippe oder „wischerln“, was soviel wie urinieren bedeutet.

Die unangebrachten Wörter sollen nun durch „Willkommen-Schriftzüge“ ersetzt werden.

http://noe.orf.at/news/stories/2512659/

Dazu ein Kommentar von Christian Ide Hintze:

2. Wer immer die Idee hatte, diese Wörter dem von Astrid Wintersberger unter beratender Mitarbeit von H.C. Artmann herausgegebenen Wörterbuch zu entnehmen: vor den Vorhang! Das Hosen- und Handtaschenbuch mit dem roten Einband ist weder „für“ noch „gegen“ etwas, es propagiert nichts und bekämpft auch nichts, es zählt lediglich einige Wörter auf, gibt ihnen eine literarische, eine augenzwinkernde Note und eignet sich als Türöffner für labyrinthische Sprachspiele jeglicher Art. (…)

4. Wer immer die Idee hatte, die Wörter „Futlapperl“ und „wischerln“ zu zensurieren, mit Packpapier zu verhängen und damit besonders hervorzuheben: vor den Vorhang! Die beiden Wörter sind geradezu prädestiniert für Phantasien über etymologische oder lautmalerische Zusammenhänge.

5. Wer immer die Idee hatte, die Zensurmaßnahme mit dem Argument, es sei „unerlässlich, dafür Sorge zu tragen, dass Passagieren keine potenziell fremdenfeindlichen, diskriminierenden, frauenfeindlichen oder religiöse Gefühle verletzenden Inhalte aufgezwungen werden“ , zu rechtfertigen: runter von der Bühne! Bierernst trifft die Sache ebenso wenig wie die Verwechslung von lexikalischen Begriffen mit Inhaltsangaben oder Botschaften. …

6. Wer immer die Genehmigung zur Aufstellung dieser Wörter gegeben, dann wieder zurückgezogen bzw. beschränkt hat, muss irgendwann einmal – vielleicht zum allerersten Mal überhaupt – angefangen haben, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

7. Ich ziehe meinen Hut vor Artmanns Fähigkeit, über seinen Tod hinaus das p.t. Publikum, auch das pressesprecherische, mit Fragen zur Sprache zu beschäftigen.

/ DER STANDARD – Printausgabe, 14. Dezember 2011

87. $ 50.000 für ein Gedicht

„Per Vers bekomm ich 1000 Eier“, prahlte einst Robert Gernhardt. Ein australischer Dichter hat es wirklich geschafft. Mark Tredennick gewann den erstmals ausgeschriebenen Internationalen Lyrikpreis von Montreal, mit 50.000 Dollar (37.000 Euro) wohl der höchstdotierte Preis für ein Einzelgedicht. 3200 Gedichte wurden von Lyrikern aus 59 Ländern eingesandt. Der frühere britische Poet laureate Andrew Motion wählte den Gewinner aus einer Shortlist von 44 Gedichten aus. Die Gedichte der shortlist waren anonymisiert. Der Preis wird durch Spenden finanziert und von Freiwilligen organisiert.

Tredennick schrieb das Gedicht kurz nach dem Tsunami in Japan bei einem Spaziergang am Columbiafluß in den Vereinigten Staaten.

Mit dem Preisgeld werde er Schulden begleichen („Dichter leben mit Schulden“), sich Ruhe zum Schreiben erkaufen und vielleicht einen Füllhalter, ein Jackett, einen Laptop für die Tochter, eine Reise zu einem japanischen Tempel zum 50. Geburtstag und die Rückkehr nach Columbia.

Der Text des Gedichts kann auf der Website des Preises nachgelesen werden.

/ nach Susan Wyndham, Sydney Morning Herald

86. Biermanns Schatzkiste

Beim Kramen in seiner Schatzkiste sind traurig-schöne Entdeckungen zu machen. Die von dem Südkoreaner Kim Min’Gi verfasste Hymne der Opposition gegen die Militär-Diktatur mit dem melancholischen Titel „Morgentau“, das Gedicht eines jüdischen Knaben (Franta Bass), der vierzehnjährig in Auschwitz ermordet wurde oder Jiří Suchýs Schlager „Student mit den roten Ohren“, den dieser einst für seine „Leibsoubrette“ Hanna Hegerová schrieb.

Es gibt aber auch Wiederbegegnungen mit bekannten Dichtern wie Shakespeare und seinem berühmten 66. Sonett, das Biermann seit jeher eine Herzensangelegenheit ist, mit Sergej Jessenin und Bulat Okudžava, Bob Dylan oder mit Louis Aragons Gedicht „Glückliche Liebe“, dem Biermann in einer Hass-Liebe verfallen ist. /  Carola Wiemers, DLR

Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn – Nachdichtungen und Adaptionen
Hoffmann & Campe, Hamburg 2011 
526 Seiten, 26 Euro

85. Übersetzung mit Flow

Aber auch bei diesen Schach­spielern gibt es einen Moment, in dem das Verfah­ren beinahe ad absurdum geführt wird und ein Humor auf den Plan tritt, der die metarealen Verbindungen noch glaub­würdiger macht:

Schach – weißer Schacht, in dem du abwärtssaust.
Aufs schwarze Quadrat plumpst eine Fledermaus.

Dieser Gedichtband wird seinem Anspruch gerecht, seinen Autor dem deutschen Publikum vorzu­stellen und gleich­zeitig ein Stück Lite­ratur­geschichte zu präsen­tieren. Diese Lite­ratur­geschichte wird in den Über­setzungen Hendrik Jacksons lebendig und macht Freude. Und schließlich ist da auch tatsäch­lich etwas Russisches in den Texten, das durchaus auch mit dem deut­schen, romanti­schen Russland-Bild von langen Bahn­reisen korres­pondiert. – Russisch­kenner werden viel von der Zwei­sprachigkeit haben und bisweilen auch Abwei­chungen vom Ori­ginal feststellen. Die Genauig­keit von Hendrik Jacksons Über­setzungen liegt im Flow, der einen förmlich durch die Texte treibt. Und wer kein Russisch kann: Warum sollte man sich nicht über den über­schau­baren Umfang freuen und die Gelegen­heit nutzen auf Tuch­fühlung mit dem Kyril­lischen zu gehen. Das Ganze präsentiert sich in der üblichen, opulenten Aus­stattung des Kookbooks-Verlags. Viel Spaß damit! / Tillmann Severin, Poetenladen

Alexej Parschtschikow
Erdöl
Gedichte
Übersetzung: Hendrik Jackson
kookbooks 2011
EUR 19,90

84. Teuer

Ein von serbischen Politikern jahrelang gerne zitiertes Gedicht des Belgrader Dichters Matija Beckovic – „Kosovo ist das teuerste serbische Wort“ – scheint im ganz konkreten Sinn zur Realität geworden zu sein. Wie Belgrader Medien am Dienstag berichteten, gibt Serbien derzeit für „seine Provinz“ – wie der Kosovo von Belgrad nach wie vor gesehen wird – im Schnitt 960 Euro pro Minute aus. In den vergangenen zwölf Jahren stieg die Summe auf 6,2 Milliarden Euro an, errechnete bereits im Frühjahr des Belgrader Zentrum für praktische Politik. / Standard

83. 1000 Eier für Adventsgedicht

Der Abgemahnte hatte das Gedicht über einen Zeitraum von vier Monaten ohne Zustimmung der Autorin auf der werbefinanzierten Internetseite veröffentlicht. Die Autorin hatte außergerichtlich Unterlassung und 606,75 Euro Schadensersatz sowie 546,69 Euro Abmahnkosten gefordert. Gezahlt worden waren aber nur 150,00 Euro. Darauf klagte die Autorin auf die restlichen 1.003,44 € – das Amtsgericht Düsseldorf gab der Klage statt. / anwalt24.de

82. Jazz und Enzensberger

Nicht nur beim Jazz, auch bei der Lyrik springt der Funke über. Kurt Drechsel liest aus „Rebus“, Enzensbergers aktuellem Gedichtband von 2009. „Eigentlich ist ‚Rebus‘ ein Bilderrätsel. Die ganze Welt kommt Enzensberger wie ein Rätsel vor.

“Anfangs skurril anmutende Themen wie „Gleichgewichtsstörung“ oder „Erste Person Plural“ behandeln doch nichts anderes als das Leben: „Da tickt etwas unter unserer Hirnschale, das als ein Ich registriert wird, aber seine eigene Wirtschaft führt“, fasst Drechsel Enzensbergers Gedicht „Unter der Hirnschale“ treffend in eigene Worte. Mancher Schluss lässt schmunzeln, war man doch auf der falschen Fährte. „Ja, diese ewige Nörglerin geht mir oft auf die Nerven. … Unzertrennlich sind wir, bis dass der Tod uns scheide, meine Psyche und mich.“ Gedichte über die Psyche oder die eng mit Michael Jacksons Tod zusammenhängende chemische Verbindung C12H18O zu schreiben oder gar der Frage nachzugehen, „Wo sich Pilatus die Hände wusch“, erscheinen cool und verrückt zugleich. Dabei klingen selbst unanständige Worte, mit vorgehaltener Hand ausgesprochen, bei Drechsel charmant. / ANDREA BÜCHNER, Südkurier

81. Gestorben

Die Lyrikerin Mariquita Mullan starb am 4.12. im Alter von 99 Jahren. Sie war die Tochter eines irischen Dichters. 1998 veröffentlichte sie das Büchlein “Rules for Living”, Lebensregeln. Ihre Gedichte erschienen in Anthologien und in Zeitschriften wie „America“ und „Christian Science Monitor“. / Washington Post

80. Schleuder-Bursche

Zur Meldung über den mallorquinischen „Inseldichter“ Guillem d’Efak hat Àxel Sanjosé für uns eins seiner Gedichte übersetzt (ich hols aus dem Kommentar).

Guillem d’Efak

AL∙LOT DE FONA

Som fill de foners i maneig la fona;
no hi ha rei com jo si no du corona
Surran de clapers a mi me suraren,
clapers de gegant que els avis alçaren.
Despenj un ocell amb una pedrada,
faig botir un ull a més de cent passes.
Mat, amb un sol tret, les bèsties salvatges.
Bassetja a la mà tenc mals arrambatges.
Me peixà mu mare amb llet i formatge,
amb mel i brossat i amb conill de caça.
Amb so primer bel me donà la fona.
No hi ha rei com jo si no du corona.
Si me veis venir voleiant la bassetja
arraconau-vos a esquerra o a dreta
o amb un cop de roc us faré sa clenxa.
Quan jo prenc el dret no vaig de punyetes
que el meu caminar sol fer retxa dreta
davant de cavalls, davant de sagetes.
La tropa romana o cartaginesa
o lloguen o tasten la meva destresa.
Qui em cerca me troba en molt poca estona
i se’n pot anar a penedir Roma.
Som fill de foners i maneig la fona,
no hi ha rei com jo si no du corona.

Schleuder-Bursche

Ich bin Sohn von Schleudrern und werf mit der Schleuder,
keinen König gibt’s wie mich, trägt er keine Krone.
Bei den Steinhaufen am Feldrand wurd ich großgezogen
bei den Riesensteinen dort, die die Ahnen türmten.
Hol mit einem Steinwurf einen Vogel runter,
lass ein Auge springen aus hundert Schritt Entfernung.
Mit nur einem Schuss töte ich wilde Tiere.
Mit der Schleuder in der Hand ist mit mir kein Spaßen.
Meine Mutter fütterte mich mit Milch und Käse,
mit Honig und Quark und wilden Kaninchen.
Mit dem ersten Schrei gab sie mir die Schleuder.
Keinen König gibt’s wie mich, trägt er keine Krone.
Seht ihr mich schon kommen mit schwingender Schleuder,
dann geht schnell nach links oder rechts in Deckung,
zieh euch sonst den Scheitel mit ‘nem Felsenbrocken.
Nehm ich mir das Recht, fackle ich nicht lange,
wohin ich auch geh, ist die Spur gerade
ganz gleich ob vor Pferden oder ob vor Pfeilen.
Die römischen Truppen und die aus Karthago,
die heuern mein Können oder müssen’s spüren.
Wer mich sucht, der findet mich nach kurzer Weile
und kann dann bis Rom es bereuen gehen.
Ich bin Sohn von Schleudrern und werf mit der Schleuder,
keinen König gibt’s wie mich, trägt er keine Krone.

Aus: El regne enmig del mar [Das Königreich mitten im Meer], 1980

[hab versucht, ein wenig vom originalmetrum (regelmäßige elfsilber, paarreim teils rein, teils assonant, durchgehend weibl. kadenz) durch freie handhabung herüberklingen zu lassen, ohne es – hoffentlich – allzusehr in die form zu zwängen]

79. „am tag als neil armstrong“

Es wird Zeit, dass wir den großen Schriftsteller Andreas Reimann endlich wieder entdecken, schreibt Clemens Meyer in der Welt:

Die Bitternis im Leben des Dichters Andreas Reimann. Geboren 1946. Leipzig. Und dessen Werk (Das ja zum Glück noch in Progress ist) jetzt gesammelt bei der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erscheint. Beginnend mit „Die Weisheit des Fleisches“, das, erstmals veröffentlicht 1974 im Mitteldeutschen Verlag, eines von zwei Büchern war, die von Reimann in der DDR erscheinen durften. Nach 1979 schien er zu schweigen, weil er schweigen musste, weiterdichtend, nicht mehr gedruckt. Und nein, der Dichter entschwand nicht. Er ist da, und war immer da und schrieb und harrte aus. Kunstvoll in ihrer Form und weich in ihrer Strenge sind seine Dichtungen. Immer wieder das Sonett, Elegien, Oden, oft eine Trauer in seinen Versen und oft ein bitterer Witz.

„Es tropft in den städten der schnee. Bleib hier. / Die stricher suchen ein winterquartier: / erbärmliche streuner zwischen den gleisen, / die um sich beißen und dennoch den greisen / nachtappen ergeben: wen wärmt schon der stolz? / Bis märz ist geschlossen das unterholz.“ …

Vor Kurzem saß er auf einem Podium einer lokalen Zeitung, „bewohnbarer Stein“, und wirkte seltsam fremd und allein, während er seine Gedichte las:

„Weiß warn die wände, die betten warn weiß, / weiß warn die Laken, patienten und ärzte. / Aber im fernsehen die bilder: schwarz-weiß / am tag als neil armstrong den blässlichen mond / (louis, o wonderful world!) betrat, / während auf eiserner bettstatt / ein anderer häftling, dreifacher mörder, / in mir, dem verfahlten, sich wütend betrieb / und schauerlich zärtlich.“

Er erzählt wenig über diese zwei Jahre Ende der 60er, Anfang der 70er. Hat nie späte Gerechtigkeit eingefordert, öffentlich. Mit seiner Vergangenheit geschachert. Aber in einigen seiner besten Gedichte ist sie so kunstvoll gegenwärtig. Wütend, und schauerlich zärtlich. „Zwei Körper lang die zelle. Breit: drei schritte, / wenn einer kurz tritt. – In des hohlraums mitte / auf einem vielbesessnen schemel hockt / die nummer krumm verängstigt und verstockt.“