76. Best of

Der Boston Globe fragte 3 Experten nach den besten Gedichtbänden 2011. Jeder nennt 10 Titel ohne eine einzige Überschneidung (was mich freut). Hier die Gesamtliste:

  1. “A Hundred Doors’’ by Michael Longley (Wake Forest University)
  2. “Ardency: A Chronicle of the Amistad Rebels’’ by Kevin Young (Knopf)
  3. “Black Blossoms’’ by Rigoberto González (Four Way)
  4. “Destroyer and Preserver’’ by Matthew Rohrer (Wave)
  5. “Double Shadow’’ by Carl Phillips (Farrar, Straus and Giroux)
  6. “Fall Higher’’ by Dean Young (Copper Canyon)
  7. “Found Poems’’ by Bern Porter (Nightboat)
  8. “Ghost in a Red Hat’’ by Rosanna Warren (Norton)
  9. “Head Off & Split’’ by Nikky Finney (Triquarterly)
  10. “Human Chain’’ by Seamus Heaney (Farrar, Straus and Giroux)
  11. “I Want to Make You Safe’’ by Amy King (Litmus)
  12. “I Was The Jukebox’’ by Sandra Beasley (Norton)
  13. “Kindertotenwald: Prose Poems’’ by Franz Wright (Knopf)
  14. “Master of Disguises’’ by Charles Simic (Houghton Mifflin Harcourt)
  15. “Memorial’’ by Alice Oswald (Faber and Faber)
  16. “Moving Day’’ by Ish Klein (Canarium)
  17. “New Collected Poems’’ by Iain Crichton Smith (Carcanet)
  18. “One Thousand Nights and Counting: Selected Poems’’ by Glyn Maxwell (Farrar, Straus and Giroux)
  19. “Poems’’ by Elizabeth Bishop (Farrar, Straus and Giroux)
  20. “Red Clay Weather’’ by Reginald Shepherd (University of Pittsburgh)
  21. “Selected Poems’’ by Mary Ruefle (Wave)
  22. “Space, in Chains’’ by Laura Kasischke (Copper Canyon Press)
  23. “Spring and All’’ by William Carlos Williams (New Directions Pearls)
  24. “The Blue Tower’’ by Tomaz Salamun, translated from the Slovenian, by Michael Biggins (Houghton Mifflin Harcourt)
  25. “The Chameleon Couch’’ by Yusef Komunyakaa (Farrar, Straus and Giroux)
  26. “The Double Truth’’ by Chard deNiord (University of Pittsburgh)
  27. “The Hermit’’ by Laura Solomon (Ugly Duckling)
  28. “The Illustrated Edge’’ by Marsha Pomerantz (Biblioasis)
  29. “Threshold Songs’’ by Peter Gizzi (Wesleyan)
  30. “Well Then There Now’’ by Juliana Spahr (Black Sparrow)

75. Gestorben

Am 14.12. starb der französische Schriftsteller und Schauspieler Roland Dubillard im Alter von 88 Jahren. Er wurde in den 50er Jahren mit radiophonen Sketches unter dem Titel „Grégoire et Amédée“ bekannt, die man häufig als absurd rubrizierte und die es auch sind, absurd à la Dubillard. Man kommt aus seinen Texten mit einem Lächeln auf den Lippen, aber auch irgendwie beunruhigt: Was wenn Dubillard, ohne es sich anmerken zu lassen, einfach alles von allem gewußt hätte?* / Gilles Heuré, telerama.fr 14.12.

* Wenn jemand eine treffendere Übersetzung weiß:  „et si Dubillard, mine de rien, avait tout compris de tout?“

74. Politologen-Blick

Schluss mit dem Politologen-Blick auf Stefan George, fordern Christophe Fricker und Die Welt:

Fricker teilt Georges skeptischen Blick auf die Moderne, schätzt seinen Versuch, auf moderne Weise antimodern zu sein, sich einem Senkblei gleich in die Gegenwart hinabzulassen, um sich gegen deren Zumutungen zu wappnen, gegen Machbarkeitsglauben, entgrenzten Individualismus und die heute wieder so aufgeputzte Rede vom vermeintlich Alternativlosen. Zudem nimmt er George ganz als Dichter wahr. Nur die Gedichte entschieden schließlich darüber, was George uns Heutigen zu sagen hat. Frickers Sicht belebt und erfrischt.

Christophe Fricker: Stefan George – Gedichte für dich. Matthes & Seitz, Berlin. 384 S., 29,90 Euro.

73. Timber

Ulf Stolterfoht, Urs Allemann, Monika Rinck, Barbara Köhler

Diskussion

Dienstag, 10.01.12, 20.00 uhr

Unter dem Titel TIMBER! Eine kollektive Poetologie hatte Ulf Stolterfoht im vergangenen Jahr elf Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen, auf der gleichnamigen Internet-Seite einen Aufsatz zu veröffentlichen, der sich im weitesten Sinn mit dem Verhältnis von Poesie und Politik beschäftigt. Nachdem im Dezember ein Abschlusssymposion mit allen Beteiligten im Berliner Literaturhaus stattgefunden hat, versuchen nun Urs Allemann, Barbara Köhler, Monika Rinck und Ulf Stolterfoht im Rahmen einer Diskussion die Fragen noch einmal zu stellen: Wie Poesie politisch sein kann, ohne dabei hinter ihre Möglichkeiten zurückzufallen? Ob schon die Entscheidung, heute Lyrik zu schreiben, einen politischen Akt darstellt? Ob das Schielen aufs gesellschaftlich Wirksame nicht vielmehr die Ursünde der Literatur darstelllt? Und viele andere mehr. Abschließende Antworten sind gleichwohl nicht zu befürchten. Urs Allemann lebt in Reigoldswil bei Basel, zuletzt erschien der Lyrikband im kinde schwirren die ahnen (Urs Engeler Editor 2008). Barbara Köhler lebt in Duisburg, 2007 erschien im Suhrkamp-Verlag der Band Niemands Frau. Gesänge mit einer CD. Monika Rinck veröffentlicht u.a. bei kookbooks, zuletzt die Bände zum fernbleiben der umarmung (2007) und helle verwirrung (2009), sie lebt in Berlin. Von Ulf Stolterfoht ist zurzeit im Literaturhaus die Ausstellung handapparat heslach zu sehen, unter dem gleichen Titel erschien bei roughbooks vor zwei Monaten ein kleines Begleitbuch. / Literaturhaus Stuttgart

Bisher sind 8 Essays im Netz – Texte von Urs Allemann, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Ferdinand Schmatz, Ulf Stolterfoht, Uljana Wolf.

72. Zu Klavki

Von Bertram Reinecke

Siehe L&Poe 2011 Dez #57. Wolkenhändler

Wenn hier mein Name in die Nähe des typischen ignoranten Klavkilesers gerückt wird, dann möchte ich wenigstens, keineswegs ein Klavkikenner, aus meiner Sicht meine Lesehindernisse benennen, die Frage „Was macht, dass er anders liest als ich“ beantworten: „außerdem verbiete ich Menschen vor mir Worte wie ‚Mehlschwitze‘ zu verwenden“ heißt es bei Klavki, und so klingen Klavkis Texte für mich. Oft scheint mir bei Klavki ein untriviales Leben abgegrenzt von einem trivialen, das andere Leute führen. Offensichtlich kann man ihm zu Gute halten, dass er dieses Leben auch authentisch zu verkörpern vermochte, oder besser gesagt: Es gelang ihm, glaubt man seinen Fans, eine konsistente Selbstinszinierung in diese Richtung herzustellen.

Wenn ich in einer weniger günstigen Position nur als Leser nach Signaturen für Glaubwürdigkeit suche, dann werde ich nicht recht fündig. (Wohlgemerkt: Diese Glaubwürdigkeit ist wie das Verbot, Leben in wichtige und unwichtige einzuteilen, zunächst mein Wert und auch eher ein moralpolitischer als ein literarischer.) Der Eindruck von Tiefe und Bedeutsamkeit scheint mir bei Klavki durch Auswahloperationen zu Stande zu kommen: Bedeutende oder in sich bereits interessante Gegenstände werden mit entsprechendem Schmuck behandelt. (Ähnliches kritisiert Czernin auch an Grünbein 1995 im Schreibheft.) Ein resonantes Vokabular tritt hinzu. Das ganze ist oft zugespitzt zu allgemeinen, weitere Gegenstandsbereiche umgreifenden Sentenzen. Die klingen tief. Man kann ihnen zustimmen, aber man weiß noch nicht genau was sie heißen. Wer sie bestritte, ihnen also eine konkrete Interpretation verliehe, würde etwas kleinkariert wirken. Derjenige, der nicht zustimmt, hat keine Möglichkeit sein Befremden in einem Argument zu artikulieren. Das ganze ist in einem Ton vorgetragen, der vom Parlando die Gewohnheit übernimmt, Themenwechsel oder Verrückungen zuzulassen. Eine allgemeine Aussage als Setzung, um zu schauen, wohin man von dort aus kommt, interessiert mich. Hier folgt stattdessen bald die nächste Setzung, die das Feld schon wieder neu definiert. (Etwa im Gegensatz zu den Texten Sven Regeners, wo auch oft allgemeine Sentenzen Schlag auf Schlag folgen, aus diesen Sentenzen sich aber bspw. eine Geschichte erzählt wird, die als Klammer fungiert.) Wenn die Thesen loser verbunden sind, lässt sich mit wenig rhetorischem Aufwand leicht auch etwas behaupten, was dem Gegenteil nahekommt. (Ist vielleicht das die Intention von Ann Cottens Paraphrasen?) Natürlich behält der Text die gleiche Gestimmtheit und sicher ist in einem unkonventionelleren Sinne genau dies die Klavkische Botschaft. Die Texte wollen nicht bedeuten, sondern eine Lebensform ausdrücken.

Durch diese Intensitätsrhetorik fühle ich mich eher überwältigt als überzeugt, auch wenn unter den Erfindungen Klavkis im Einzelnen zahlreiche zu finden sind, die viel Esprit haben. Wenn man seine Lebensform teilt, dann spürt man in dieser Gestimmtheit vielleicht eine Gemeinsamkeit und eine Klammer, die das Ganze dann vielleicht doch unbeliebiger macht als ich es sehe. Nur wundere ich mich dann ein wenig: Von den soziologischen Papierdaten gehöre ich ja zu Klavkis Generation, habe ein ähnliches Umfeld, Studium usw. Warum trägt sein Gemeinschaftsangebot nicht einmal bis zu mir? Richtet es sich sozusagen nur an Katholiken, die noch katholischer werden sollen?

Klavki, das gehört für mich absolut zu den Dingen die Esprit haben, weiß um die Problematik der Tatsache, dass sich mit seinem rhetorischen Material ebensogut dieses wie mit wenigen, fast unmerklichen Veränderungen auch etwas anderes sagen lässt. Und er sagt es offenbar auch noch einen Charakter zitierend, der so völlig anders gestimmt ist: Arno Schmidt. (Im Klavkischen Kontext könnte allerdings etwas passieren, was bei Schmidt nahezu ausgeschlossen ist: Man könnte die Klavkistelle als Affront gegen theoretisches Ressentiment begrüßen.) Ganz ohne Unbehagen kann ich diese Stelle dennoch nicht annehmen, insofern solche Metareflektionen immer auch etwas Absicherndes haben könnten, dem Kritiker das Werkzeug aus der Hand nehmen. Und da entsteht dann eine Fallhöhe: Ich habe den Raum, mich öffentlich darzustellen, und dir wird er versagt. (Siehe oben.) Dieser Spalt, der sich da auftut, kann dann eben von einem halbwegs geschickten Autor mit mit allem möglichen Weiteren aufgefüllt werden: Ich habe den Überblick, ein Schicksal, die Kunst … usw. Das schreckt mich. (Füllungen mittels dieses Momentes der Würde erreichen offensichtlich ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. So wird Benns Vortrag „Soll die Kunst das Leben bessern“ noch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod von Literaturdozenten affirmativ zitiert.)

Insofern mir dieser Aspekt der Fallhöhe immer wieder in die Argumentation gerät, kann dieser Text nicht beanspruchen eine kritische Würdigung zu sein, sondern es handelt sich eher um eine Dokumentation meines Ressentiments.

Was die verwendeten Zitiertechniken betrifft, fasse ich auch diese bei Klavki eher als rhetorische Mittel auf, und es gelingt mir nicht eine Eigendynamik darin zu entdecken. Wenn man paraphrasiert, lassen sich Zitate ja leichter zu eigenen Zwecken einhäkeln. Auch wird man ein kürzeres Zitat auch mal unwillkürlicher treffen („Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ in Paraphrase leichter als den kategorischen Imperativ wortwörtlich.)

Diese gröberen Mittel, die schnell kommunizieren, leicht riesige Sinnreiche erschließen, lassen auf den ersten Blick den Eindruck entstehen, Klavki habe für einen Vielleser keinen sonderlich erlesenen Geschmack. Man kann es aber eben auch funktionell verstehen: In einen schwierigen Kontext, (Lesebühne: Ablenkung, Zwischengequatsche, tw. nicht literaturinteressiertes Publikum usw.) trug Klavki literarische Verfahren und Themen hinein, ohne dass es sonderlich viele Beispiele gab, an denen man das seinerzeit lernen konnte.

(NB durch Klicken auf die Schlagworte am oberen Rand gelangt man zu anderen Artikeln mit gleichem Schlagwort)

71. Hoprich Redivivus

Am 25. November ist in Leipzig eine Auswahl der Gedichte von Georg Hoprich herausgekommen. Am Erscheinungstag waren es noch just vier Wochen bis zum 73. Geburtstag des Dichters (29.12.1938 – 9.4.1969) aus Thalheim/Daia bei Hermannstadt/Sibiu. Nach der unauffällig scheinenden, allerdings fulminanten Gedichtsammlung von Stefan Sienerth (Kriterion Verlag Bukarest 1983, 169 S. 11 Lei) ist diese Auswahl nun die zweite Edition des hinterlassenen Werkes.

Sie stammt von Bertram Reinecke (Jg. 1974). Sein Name steht mit für den Verlag in Leipzig, dazu ebenso für nachhaltiges und sachte wachsendes Interesse an Thalheims Sohn. Der Hermannstädter Literaturkreis hatte ihm 2010 öffentlichkeitswirksam eine Sitzung gewidmet (ADZ berichtete am 24.4. 2010 und 5.5.2010). …

Eine emotionale Reduktion der Texte auf „ein Dokument der poststalinistischen Zwangsverhältnisse“ wäre ebenfalls nicht angemessen. Kann alles stimmen und wird gewiss doch zuerst noch einmal diskutiert werden. Aber gerade deswegen ist diese aktuelle Möglichkeit zu unvoreingenommener Lektüre für eine neue Generation ermutigend und erhellend. Diese neue Generation kann sich von Reineckes höchst professionellem Nachwort und den Verweisen auf Textvarianten im Vergleich zum Buch von 1983 und durch sein Studium auch der handschriftlichen Quellen informieren lassen, mit Entdeckerfreude selbst Streichungen von Hoprichs Hand in beigefügten Faksimiles wahrnehmen, bewegen wird sie die Stimme eines jungen Siebenbürger Sachsen aus Thalheim, die Zuwendung und Liebe, Anerkennung und Gerechtigkeit in eigener Tonlage anspricht und zuspricht.

Hoprich kann uns ebenso an eine vergessene Wahrheit erinnern: Ohne Verklärung, auch wir landlosen Städter kommen alle vom Dorf, und dort ist auch Welt. Da sinken einige Rezeptionshindernisse  hin. Eines beseitigt der Herausgeber sogar gleich selbst, indem er für zwei Mundartgedichte hochdeutsche Übertragungen von Klaus F. Schneider beibringt.

Bertram Reinecke sei Dank! Eine künftige Gesamtausgabe des überschaubaren Werkes von Hoprich bleibt ein Wunsch, der gerade angesichts dieses Dankes ausgesprochen werden soll, weil mit der neuen Edition ein vielleicht entscheidender Impuls vorliegt für die gegenwärtige und künftige Wirkung des Thalheimers. / Jens Langer, Allgemeine Deutsche Zeitung

Georg Hoprich: „Bäuchlings legt sich der Himmel“. 
Gedichte, Verlag Reinecke & Voß Leipzig
2011, 101 S., 10 Euro, .ISBN 978-3-942901-00-0

70. Mehr als ein gutes Dutzend. Lyrik 2011 (7)

Anthologie ∙ Einzeltitel ∙ Essayband ∙ Zeitschrift

Zusammengelesen von Theo Breuer, Mitarbeit Michael Gratz

Letzte Folge. Nachträge der Leser sind durchaus erwünscht und erbeten und können hier als Kommentar eingetragen werden.  (Bitte unter dem jeweiligen Buchstaben eintragen). – Die ergänzten Titel werden in die Liste übernommen, in den Kommentaren können Sie nachlesen, was unserm geballten Sachverstand entgangen war, M.G.)

  1. Rainer Wedler ∙ Unter der Hitze des Ziegeldachs, mit zwölf Zeichnungen von Ferdinand Wedler, 136 Sei­ten, Broschur, POP Verlag, Ludwigsburg 2011.
  2. A.J. Weigoni · Haimo Hieronymus · Prægnarien. Verdichtet von A. J. Weigoni. Transformiert durch Haimo Hierony­mus, Künstlerbuch in der Kunstschachtel, 29 numerierte und signierte Exemplare, 24 plus 3 Blätter, Edition Das Labor und Haimo-Presse, Neheim 2011.
  3. Norbert Weiß (Hg.) ∙ Signum. Blätter für Literatur und Kritik, 12. Jahrgang, Heft 2, 168 Seiten, Broschur, mit Gedichten von Andreas Altmann · Jürgen Israel · Kornelia Koepsell · Vesna Lubina · SAID · André Schinkel · Rüdiger Stüwe · Eva Taylor u.a., Dresden 2011.
  4. Heinke Wunderlich (Hg.): Blumen auf den Weg gestreut. Gedichte. Reclam. 192 Seiten.
  5. Gerrit Wustmann ∙ Beyoğlu Blues, deutsch – türkisch, ins Türkische übertragen von Miray Ath, 33 Seiten, Broschur, fixpoetry.Verlag, Hamburg 2011.
  6. Gerrit Wustmann (Hg.), Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum, mit Gedichten von Pegah Ahmadi, Mirza Agha Asgari (Mani), Mahmood Falaki, Abbas Maroufi, SAID, Mikal Numa Shayegi, Sanaz Zaresani, Ali Ghazanfari u.v.a., 250 Seiten, Klappbroschur, Sujet Verlag, Bremen 2011.
  7. Andrea Wüstner (Hg.): Das Schönste, was es gibt auf der Welt. Gedichte über Freundschaft. Reclam. 92 Seiten.
  8. Judith Zander ∙ oder tau, 97 Seiten, Klappenbroschur, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010.
  9. Matthew Zapruder, Glühend. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Ron Winkler, illustriert von Chris Uphues. luxbooks, Wiesbaden, 2011.
  10. Ulrich Zieger · Aufwartungen im Gehäus, 139 Seiten, Klappbroschur, Edition Rugerup, Berlin · S-Hörby 2011.
  11. Michael Zoch: Kometen vom Fass. Gedichte. Mit einem Vorwort von Johannes Witek. Pop Verlag. 88 Seiten.
  12. Gerald Zschorsch · Es war einmal eine Frau, Nachwort von Ingo Schulze, 136 Seiten, Hardcover, Berlin Verlag, Berlin 2011.
  13. Joachim Zünder · Rauchgeister, 94 Seiten, Hardcover, Kaamos Press, Berlin 2011.
  14. Helmut Zwanger und Karl-Josef Kuschel (Hg.) · Gottesgedichte. Ein Lesebuch zur deutschen Lyrik nach 1945, Vorwort von Helmut Zwanger, mit Gedichten von Ilse Aichinger · Matthias Buth · Franz Josef Czernin · Werner Dürrson · Günter Eich · Günter Bruno Fuchs · Elfriede Gerstl · Mi­chael Hamburger · Ernst Jandl · Werner Kraft · Christine Lavant · Kurt Marti · Johannes Poethen · Friederike Roth · Christian Saalberg · Jesse Thoor · Christian Uetz · Immanuel Weißglas · Carl Zuckmayer u.v.a., 232 Seiten, Hardcover mit Schutzum­schlag, Lesebändchen, Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2011.
  15. Marina Zwetajewa: Mit diesem Unmaß im Maß der Welt. Gedichte 1913-1939. Aus dem Russischen von Erich Ahrndt. Leipziger Literaturverlag. 230 Seiten.

69. Rimbaud als Kaufmann

Vor zwanzig Jahren war Mircea Dinescu der berühmteste lebende rumänische Dichter, innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen. Im Frühjahr 1989 hatte er der französischen Tageszeitung Liberation ein Interview gegeben, in dem er unverhohlen mit dem heimischen Regime abrechnete, was ihm postwendend Hausarrest eintrug. Mit seinem Aufruf zum Hungerstreik vom November 1989 stieß er bei seinen Schriftstellerkollegen zwar auf taube Ohren. Doch schließlich war er es, der am 22. Dezember `89, in selbstgestricktem Pullover auf den Fernsehschirmen der Nation erschien. Die Finger zum V-Zeichen erhoben, verkündete er den Sieg der Revolution, wobei seine Zahnlücke zum Vorschein kam, die nur das äußerliche Merkmal der Originalität dieses Dichters, wortgewaltigen Pamphletisten, temperamentvollen Redners, Volkstribunen, Epikureers und großen Jungen Mircea Dinescu ist. Über Nacht war er zum Helden der Nation geworden. …

Und nun geschieht das Eigenartige. Der Held der Nation verstummt als Dichter, und wird, wie weiland Rimbaud, dem er bereits 1984 einen Gedichtbandtitel gewidmet hatte (Rimbaud als Kaufmann) selbst zum Händler. Allerdings heißen Dinescus Waffen: Publizistik und Satire. Er gründet die erfolgreiche Wochenzeitung Academia Catavencu. Es folgt das Hochglanzmagazin Plai cu Boi (etwa: Land mit Ochsen), das nicht nur bereits im Titel auf den Playboy anspielt, sondern neben Essays zu aktuellen und historischen Themen, obszöne Karikaturen und Nacktfotos enthält. Das Konzept des listigen Spötters Dinescu lautet, er wolle die Rumänen so arm, natürlich und nackt zeigen, wie sie eben seien. Bald zieht Dinescu seine Anteile aus dem Satiremagazin Academia Catavencuzurück, um den alten Getreidehafen Port Cetate im Dreiländereck Serbien-Bulgarien-Rumänien am Donauufer zu kaufen und eine Stiftung ins Leben zu rufen, die es bildenden Künstlern gestattet, in den sanierten Hafengebäuden zu arbeiten. / Jan Koneffke, Getidan

68. Romantisch bedeutungslos

Politlyrik:

Zu dieser Bundesregierung passt, dass der Einheitsbericht am letzten Sitzungstag in der letzten Sitzungswoche vor Weihnachten abgefruehstueckt wird. Das ist das stille Eingestaendnis, sich laengst vom Aufbau Ost verabschiedet zu haben. Und wer ihr Maerchenbuch aufschlaegt, findet dort romantische Lyrik von einzigartiger Bedeutungslosigkeit. / SPD Bundestagsfraktion

67. Nackt

13 britische Dichter (männlich) ließen sich von Fotografinnen für einen Charitykalender nackt fotografieren, meldet die Presse. Okay, die 2 präsentierten Fotos zeigen nicht viel, aber da die Namen der Dichter drunterstehen, könnte man ihre Gedichte googeln.

Mehr im Guardian

Hier der Dichter Walt Whitman – nackt und mit Bart

66. Dichter zurückpfeifen

Die Bharatiya Janata Party (BJP) [eine rechtskonservative hindunationalistische Partei] im Bundesstaat Karnataka scheint nach Zensur zu schreien. Der Minister für Kultur und die Landessprache Kannada Govind Karjol sagte jetzt, Dichter sollten nicht das Recht haben, Politiker zu kritisieren. „Das Politikerbashing durch Literaten [„litterateurs“ steht im englischen Text] hat jedes Maß überschritten. Wir müssen sie zurückpfeifen. Sie tragen Gedichte vor und äußern abschätzige Kommentare gegen Gesetzgeber und Minister. Wir alle über Parteigrenzen hinweg sollten uns dessen  bewußt sein und etwas unternehmen.“

Aber weit gefehlt! Ein Politiker der JD(S)-Partei sagte: „Nur weil ihnen die Regierung Stipendien gibt, sollten sie uns loben? Man darf die Meinungsfreiheit nicht unterdrücken. Das ist das falsche Signal. Die Schriftsteller hüten unser Gewissen.“  / India Today

65. Ko what?

Erinnert man daran, dass der grosse Ko Un seit Jahren schon auf der Long- und Shortlist des Nobelpreiskomitees steht, so provoziert man in der Regel Erstaunen, wenn nicht gleich die launige Rückfrage: «Ko what?» Deutschsprachige Verlage, die auf koreanische Literatur spezialisiert sind (vor allem Pendragon und die Edition Peperkorn) oder sie zumindest immer wieder im Programm haben (Wallstein, DTV, Suhrkamp, Iudicium), laufen keine Gefahr, Bestseller zu lancieren. Die Subvention durch zumeist koreanische Sponsoren ist unabdingbar. Und die Verständnisschwellen sind weiterhin hoch. Deswegen ist es verdienstlich, dass der Iudicium-Verlag jetzt eine einführende Darstellung der koreanischen Literatur des 20. Jahrhunderts vorlegt, die informativ ist, die Orientierung durch ein Register erleichtert und aus der kaum überschaubaren koreanischen Lyrik zahlreiche Beispiele bietet. / NZZ 13.12.

Lee Namho et al.: Koreanische Literatur des 20. Jahrhunderts. Übersetzt von Jung Youngsun und Herbert Jaumann. Iudicium-Verlag, München 2011. 155 S., Fr. 25.90.

64. Wie eine Neonröhre

In seinen Versen macht der junge mazedonische Dichter eine Atmosphäre des Übergangs und des nicht Umgrenzten spürbar. Das Ich fühlt sich hier «wie ein Traum, ein Zwischengeschoss», wahlweise auch «wie eine Neonröhre, die in einem leeren / Hausflur flackert». / NZZ 13.12.

Nikola Madzirov: Versetzter Stein. Gedichte. Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann. Verlag Carl Hanser, München 2011. 64 S. Fr. 21.90.

63. Keine Visionen

Visionen böten allerdings auch keine Antwort, wie der Fall des jahrzehntelang vor allem in Europa hoch bewunderten Ernesto Cardenal zeigt, der – im Grund ein Pablo-Neruda-Epigone – hier ein brüderliches Basis-Christentum predigte und daheim auf der Insel Solentiname seinen eigenen Clan räuberisch schalten und walten liess, derweil er jetzt Ortega des «Verrats» und Machtmissbrauchs zeiht und auf ein unbeflecktes «Vorbild» hinweist – Fidel Castro. / Marko Martin, NZZ 8.12.

62. Büchlein ohne Schwanz

Einer der grössten literarischen Küsser, die die Sprache je hervorgebracht hat, scheint jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Als Dichter, Maler und Bildhauer verkörperte er das Renaissance-Ideal eines uomo universale und sorgte mit einem Gedichtzyklus für einen Klassiker der erotischen Literatur des 16. Jahrhunderts: Johannes Secundus. In diesem Jahr wird sein 500. Geburtstag gefeiert. …

Jede Erschütterung des Ichs zeichnet er auf, wechselt gemäss der Anzahl der Gedichte neunzehn Mal kunstvoll das Metrum. Dadurch lädt er seine Verse mit ungeheurer Lebendigkeit auf, die modern anmutet – und unverhofft für Aktualität sorgt. In einem der Gedichte erklärt Secundus seine «Basia» kurzerhand zu Keuschgebieten: Nur ums Küssen gehe es ihm, also verschwindet, ihr Unanständigen, ruft er seinem Publikum zu und preist einen Atemzug weiter die Sittsamkeit seiner Geliebten, «die ganz sicher ein Büchlein ohne Schwanz lieber will als einen Dichter ohne Schwanz». So leicht ist der Voyeurismus des Publikums enttarnt. Darauf verstand sich schon Catull, Secundus steht dem Römer in nichts nach. / Christoph W. Bauer, NZZ