Der mit 26.000 Euro dotierte Kurt-Wolff-Preis 2012 geht an den Verlag Das Wunderhorn in Heidelberg. Dieser habe seit seiner Gründung 1978 die internationale Orientierung und die lokale Verwurzelung seines Programms erfolgreich ausbalanciert, heißt es in der Pressemitteilung der Kurt-Wolff-Stiftung.
Ebenfalls ausgezeichnet wird die in Hildesheim erscheinende Zeitschrift BELLA triste. Sie erhält den mit 5.000 Euro dotierten Kurt-Wolff-Förderpreis. Die Zeitschrift biete der jungen Gegenwartsliteratur seit gut einem Jahrzehnt eine Plattform, auf der sie in die Welt schaue und über sich selbst reflektiere, so die Mitteilung.
Die Preisverleihung findet am Freitag, dem 16. März 2012, um 13.00 Uhr im Berliner Zimmer auf der Leipziger Buchmesse (15. bis 18. März 2012) statt.
Thórdarson ist unter den verkrachten Geistesaristokraten ein König. Seit sein Gedicht «Nacht» in einer Literaturzeitschrift gedruckt wurde, hält der weltfremde Gymnasiast sich für ein Genie. In der Liebe ist er dagegen noch ein Anfänger, der für seine angebetete Hulda nur platonisch zu schwärmen wagt.
Der Träumer kehrt ernüchtert aus Akureyri zurück: Sehnsucht ist ohnmächtiges Selbstmitleid, das Gerede von reiner Liebe weinerliches Dichtergewäsch. Die Weiber, so lernt er, wollen, wenn sie im Dunkeln zittern, keine Gedichte hören, sondern im Nacken gestreichelt oder noch ganz anders angefasst werden. / Martin Halter, baz
Thórbergur Thórdarson, «Islands Adel», Fischer 2011. ISBN: 978-3-10-078023-2, ca. 35 Franken.
Sandra Trojan sprach mit der Westfalenpost nach dem Münchner Lyrikpreis:
Welche Bedeutung hat nun dieser Lyrikpreis für Sie?
Trojan: Nach dem Erscheinen meines Debüts hatte ich mir viel Zeit genommen um zu überlegen, wie ich meine Arbeit weiterentwickeln möchte. Die Gedichte, mit denen ich mich für den Preis beworben hatte, gehören zu diesen neuen Texten. Und die Tatsache, dass eine fachkundige Jury von ihnen überzeugt war, ist für mich eine Bestätigung, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Außerdem ist so eine Veranstaltung auch sehr spannend und transparent: Bei vielen Stipendien oder Preisen schickt man eine Bewerbung mit Arbeitsproben ab und erhält irgendwann einen Brief, meist eine Absage. In München gab es neben der Jury, die jeden Kandidaten nach seiner Lesung kommentierte, auch ein Publikum, das mitdiskutierte und -fieberte. Die Preisvergabe fand also in einer Öffentlichkeit statt, nicht hinter verschlossenen Türen.
Die letzten beiden roughbooks für 2011 sind:
Wer ab roughbook 017 oder 018 Abonnent wird, bekommt Keller oder Stolterfoht als Jahresgabe umsonst – wie alle andern Abonnenten, die die roughbooks unter Dampf halten.
Natürlich kann auch jedes Buch einzeln bestellt werden.
In diesem Jahr sind ausserdem erschienen:
Diese Bücher gibt es nur hier:
Die Serviceleistung des luxbooks Verlags besteht nicht aus einer Vokabelstütze für die Leserschaft von „Ein weltgewandtes Land“. Sondern vielmehr aus einer Gegen- und Nebeneinanderstellung von Optionen, die diskutabel sind, von poetologischen Ansätzen der Übersetzung, die in einer verwertbaren Form geliefert werden. Wer also aus der Vielzahl an Übertragungen oder besser aus ihrer Schnittmenge die Essenz von Ashberys Gedichten destilliert haben möchte kann nur enttäuscht werden. Letztlich bricht sich in den Spannungsfeldern der deutschen Interpretationen – denn von solchen darf man hier getrost sprechen – die sowieso schon farbenfrohe Welt des US-Amerikaners noch weiter auf. Eine quasi-Anthologie, die als Prisma nicht nur neue Lesarten eines großartigen Gedichtbands ermöglicht, sondern ohne in verstockte Reflexivität zu verfallen viel zum Thema Übersetzung sagt. / Kristoffer Cornils, fixpoetry
Ein weltgewandtes Land. John Ashbery. 340 Seiten. 24,00 Euro. Luxbooks, Wiesbaden 2010
Für die Übersetzung wurden viele der wichtigsten deutschen Lyriker und Übersetzer gewonnen. Dichter wie Gerhard Falkner, Matthias Göritz, Alexander Gumz, Norbert Lange, Tobias Amslinger, Léonce W. Lupette, Jan Volker Röhnert, Hendrik Rost, Andre Rudolph, Daniela Seel, Ron Winkler, Jan Wagner, Uljana Wolf, die renommierten Ashbery-Übersetzer Erwin Einziger und Joachim Sartorius wie auch weitere angesehene Übersetzer anglo-amerikanischer Lyrik wie Iain Galbraith, Margitt Lehbert und Lars Vollert haben jeder für sich Gedichte ausgewählt und übersetzt.
Meine erste Begegnung mit den Gedichten Anne Sextons löste damals einen inneren Erdrutsch aus, wie das selten, bei der Entdeckung einer Dichtung oder anderer Ausdrucksformen der Kunst geschieht. Sextons Texte hatten eine erschreckende Offenheit, Nacktheit. Ihre sprachliche Bilderflut war wie eine übersüße, starke, oder zu scharfe Kost. Etwas Hochprozentiges. Ich las und spürte: hier ging es ans Eingemachte.
Sexton war, wie Sylvia Plath, Vertreterin der Confessional Poetry; einer Poesieströmung, die im Amerika der 50’er / 60’er Jahre durch ihren intimen Charakter, der eng an die Biographie der DichterInnen gekoppelt war, Aufsehen erregte. Sexton war in erster Linie aus Selbstrettungsgründen Dichterin geworden. Ihre Texte changieren zwischen zerbrechlicher Zartheit und unerbittlicher Sezierung. Bildpralle Verse bohren sich mit psychoanalytisch forschendem Blick in Intimsphären vor der Kulisse des gesellschaftspolitischen Hintergrundes. Dem amerikanisch bürgerlichen Familienbild mit seinen starren Regeln und Beschränkungen, vermochte Sexton nie zu entsprechen. / Kerstin Becker, fixpoetry
Anne Sexton. Verwandlungen. Hrsg. u. Vorw. v. Elisabeth Bronfen. Aus d. Amerikan. v. Silvia Morawetz. S.Fischer, Frankfurt am Main 1995
»ich schreibe keine weihnachtsgedichte, keine liebesgedichte // und ich halte menschen keine vorträge, wie sehr ich sie // mag oder verabscheue // (…) mir hängt das innerste nicht termingetreu aus dem hals heraus. generell nicht und nicht jetzt.«
Simone Kornappel verbietet nicht nur Cocooning oder emotionale Vereinnahmung durch andere. Sie fragt danach, inwieweit ein Weihnachtsgedicht inhaltlich auf die allgemein bekannten Requisiten des Festes rekurrieren muss, eben, indem sie selbst diese Requisiten ausspart. Dass sich dieser Ansatz nicht nur auf Weihnachtsgedichte, sondern auf das Mobiliar von Gedichten generell bezieht, ist klar. Auch der Titel ceci n’est pas un poème verweist darauf.
Eine weitere Ebene bei Kornappel, aber auch bei Daniela Seel, ist die interessante Frage, was »das Innerste« überhaupt sei, wann und ob dieser Begriff zur Floskel wird, längst geworden ist: Menschen sitzen um »die alte funzel hier. abflusslicht, dritter aufguss. kaum, dass // sich noch einer dran stieße. kaum, dass noch einer.« Und überall nur »so ein sitzen«, immer alles »bitteschön unverbindlich.« / Peggy Neidel, titel
Tom Bresemann (Hg.): Im Heiligkeitsgedränge – Neue Weihnachtsgedichte
Berlin: Lettrétage 2011. 32 Seiten. 8,00 Euro
Herausgeberin ist die Historikerin Martina Moede, die den Leser auf einen langen, interessanten Spaziergang durch die literarische Geschichte der Hansestadt mitnimmt, die ihre Künstler nicht unbedingt liebte, ebensowenig die Juden, weshalb Heinrich Heine dichtete: „Ausländer, Fremde, sind es meist, Die unter uns gesät den Geist Der Rebellion. Dergleichen Sünder, Gottlob! sind selten Landeskinder.“ / Welt am Sonntag
Martina Moede (Hg.): „Hamburg Gedichte“
446 Seiten
Wachholtz; Auflage: 1., Aufl. (10. Oktober 2011)
ISBN-10: 3529023728
EUR 24,80
Frauen sind schwierig. Und Gedichte? Natürlich ist der Mob zum Kotzen. Aber auch der Mob hatn Recht, ne Frau, pardon, n Gedicht zu verstehen. Hören Sie Florian Günther im Interview
NEUE AUSGABE DES DRECKSACK 10.12.2011
facebook.com/drecksackberlin
Ich sortier mal die Pros und Contras in Wustmanns übersichtlich gegliedertem Text:
| Pro | Contra |
| Clemens Schittko ist ein bissiger Zeitgenosse, | zumindest in seiner Lyrik. |
| Er teilt gerne aus, | gegen den alltäglichen bundesdeutschen Politirrsinn, |
| gegen das, was sich Literaturbetrieb schimpft, | |
| ja sogar gegen die Lyrik selbst, die heute in der Masse so dröge und langweilig ist. | |
| Wenn auch Schittko längst nicht dessen Qualität erreicht, | |
| so ist man von der Grundhaltung doch an Bukowski erinnert, der einmal in einem Lyrikseminar saß und auf die Frage des Dozenten, warum er denn so still sei, antwortete: | „Ich habe hier bisher nur Stuss gehört.“ |
| Schittkos Stil ist simpel, seine Strukturen versuchen gar nicht erst, undurchschaubar zu sein. Das macht ihn sympathisch. Er schwimmt gegen den Strom | des zwanghaften Verkomplizierens. |
| … man könnte meinen, er wäre mit einer Zeitmaschine direkt aus den 70ern gekommen, in denen der Alltagsduktus der Lyrik ein mitunter beachtliches Publikum bescherte. | |
| Schittkos Lyrik ist immer auch böse Realsatire an der Grenze zur Anklage und manchmal darüber hinaus | (stellenweise etwas zu plakativ, zu starrsinnig links, |
| aber das mag man diesen Versen verzeihen – es ist ein Austeilen, das Spaß macht, | weil nur wenige es sich trauen). |
| … Diesen Vers kann man als Anspielung | auf den Komplexitäts- und Verschlüsselungswahn sehen. |
| Und treffender als in diesem | kann man die aktuelle deutsche Lyrikszene kaum aufs Korn nehmen: „Lyrik, die ihre Abnehmer mit ihren Anbietern verwechselt.“ |
| Und auch der hier ist nett: | „Lyrik, die nur noch als kopflastiger Spam-Mail-Text die Chance hat, / von der Literaturwissenschaft kanonisiert zu werden.“ |
| Einen großen Nachteil allerdings hat dieses Langgedicht „Eine neue Lyrik“: Es richtet sich über weite Strecken an die Lyrikszene. Wer sich mit dieser nicht befasst bzw. die immer wieder aufkochenden Debatten nicht verfolgt, wird zu vielen der | |
| herrlichen Frotzeleien | kaum einen Zugang finden. |
| Ob das ironische Absicht ist | ? |
Gerrit Wustmann, cineastentreff
Ich würd manchen Akzent anders setzen, klar. (Es gibt auch zwanghaftes Versimpeln). Aber wär ich der Autor, würd ich den Kritiker ohrfeigen, der diese Verse nett findet (oder mit Fried und Bukowski vergleicht). Als ich: lob ich das starrsinnig Linke an Schittkos Gedicht, weil und obwohl es satirische Verse sind.
Clemens Schittko: Und ginge es demokratisch zu. sUkUltUr Verlag. 1 €*
*) Meine Erfahrung: Wenn man 10 Stück nimmt und weiterteilt, besorgt es auch die gute Buchhandlung.
Die Schriftstellerin verzaubert mit ihrer Lyrik, die sich allerdings oftmals nur schwer erschließen lässt. Zum Verstehen ihrer verschlungenen Bildersprache sind Muße und Aufgeschlossenheit für Poesie gefordert. / brikada
Friederike Mayröcker: „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogels Greif“ – Gedichte 2004-2009, gebunden, 342 Seiten, 22,80 Euro, ISBN: 978-3-518-42106-2, erschienen 2009 im Suhrkamp Verlag, Berlin.
(Ja, viel kürzer kann man es nicht sagen: ohne Muße und Aufgeschlossenheit gehts nimmer. Daß das Verzaubern schon ein Wert an sich ist, haben sie nicht gelernt in der Schule. Und ihre Vaterlandsgesänge lähmen, wie Zauberer, oder so ähnlich.)
Wenn wir gerade heraus kundtun, was wir unter Bildung verstehen, können wir jenen nicht widersprechen, die uns für arrogant halten. Der Mensch fängt dort an, wo er sich nicht nach jedem Zehner bückt. Wann haben Sie zum letzten Mal ein Gedicht gelesen? Warum ist es so lange her? Hat es Ihnen nicht gefallen? Warum haben Sie nicht nach einem gesucht, das Ihnen mehr entspricht? Warum haben Sie nicht versucht, selbst ein Gedicht zu schreiben? Ich mach mir ja auch ein Spiegelei, wenn ich Hunger habe. Sie versäumen das Beste, wenn Sie auf Dinge verzichten, die Sie nicht brauchen können.
Wir haben einen Wissenschaftsminister, der ist Altphilologe. Also ist Hopfen und Malz noch nicht verloren!
/ Michael Köhlmeier, Die Presse 5.12.
Ruth Stone, die amerikanische Dichterin, „deren bittersüße Stimme ihres Humors und Pathos wegen in Erinnerung blieb“, starb im Alter von 96 Jahren. Zitat aus dem Nachruf von Chard deNiord, Guardian 27.11.:
After the failure of her first marriage, she married Walter Stone in 1945. In addition to their busy family life of raising three daughters, and Walter’s responsibilities as an English professor at Vassar College, the couple wrote poetry and fiction, critiquing each other’s work and achieving early success with publication in the New Yorker and the Kenyon Review.
Stone published her first book of poetry, In An Iridescent Time, in 1958, shortly after buying her lifelong home in Goshen with the money she received for the Bess Hokin prize for poetry. The young couple seemed poised to make a meteoric rise in the literary world at the onset of the 60s when, on sabbatical leave in London, Walter hanged himself from the coat hook on the door of his study, leaving no note. For the rest of her life, Stone wrote with both searing realism and deep pathos about the loss, describing his death in her poem March 15, 1998:
Tied a silk cord around his meat neck
and hung his meat body, loved though it was,
in order to insure absolute quiet,
on the back of a rented door in Soho.
When recalling her love for Walter, she found more tender language in Tenacity (1971):
I sit for hours at the window
Preparing a letter; you are coming toward me,
We are balanced like dancers in memory,
I feel your coat, I smell your clothes,
Your tobacco, you almost touch me.
DUBAI: In einer einzigartigen Würdigung des 40. Nationalfeiertags der Vereinigten Arabischen Emirate freut sich das Medienamt von Dubai die Herausgabe eines neuen Gedichtbandes (Diwan) mit dem Titel „40 Gedichte aus der Wüste“ aus der Hand des Vizepräsidenten der VAE und Premierministers und Herrschers von Dubai, seiner Hoheit Scheich Mohammed Bin Rashid Al Maktoums bekanntgeben zu dürfen. / The Gulf Today
Die Dichtung ist das beste an Russland. Ihr Gründer: Der 1711 im hohen Norden Russlands in dem kleinen Dorf Mischaninskaja geborene Bergbaustudent Michail Wassiljewitsch Lomonossow mit seiner Ode an die Eroberung der Festung Chotyn. …
Der in Deutschland auf Staatskosten Bergbau studierende 28-jährige Michail Lomonossow hatte der Akademie eine Ode an die Eroberung der Festung Chotyn geschickt. Die Ode war in bis dahin für die Russen völlig unbekannten Versen geschrieben: Jambus, syllabotonisch. Bisher hatte man in Russland nur Syllaben gezählt, das heißt Silben – nach polnischer Art. Die syllabotonische Versifikation, bei der nicht allein Silben gezählt werden, sondern auch Betonungen, bezauberte die Russen sofort. Die Lomonossow-Ode, die in der Tat ein wunderbares Gedicht ist und seinerzeit auch mit einem Brief versehen war, der die Vorzüge des neuen Versbaus erläuterte, war der erste Lebensschrei der russischen Poesie, wie wir sie heute kennen. / Oleg Jurjew, Tagesspiegel
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