Ein von serbischen Politikern jahrelang gerne zitiertes Gedicht des Belgrader Dichters Matija Beckovic – „Kosovo ist das teuerste serbische Wort“ – scheint im ganz konkreten Sinn zur Realität geworden zu sein. Wie Belgrader Medien am Dienstag berichteten, gibt Serbien derzeit für „seine Provinz“ – wie der Kosovo von Belgrad nach wie vor gesehen wird – im Schnitt 960 Euro pro Minute aus. In den vergangenen zwölf Jahren stieg die Summe auf 6,2 Milliarden Euro an, errechnete bereits im Frühjahr des Belgrader Zentrum für praktische Politik. / Standard
Der Abgemahnte hatte das Gedicht über einen Zeitraum von vier Monaten ohne Zustimmung der Autorin auf der werbefinanzierten Internetseite veröffentlicht. Die Autorin hatte außergerichtlich Unterlassung und 606,75 Euro Schadensersatz sowie 546,69 Euro Abmahnkosten gefordert. Gezahlt worden waren aber nur 150,00 Euro. Darauf klagte die Autorin auf die restlichen 1.003,44 € – das Amtsgericht Düsseldorf gab der Klage statt. / anwalt24.de
Nicht nur beim Jazz, auch bei der Lyrik springt der Funke über. Kurt Drechsel liest aus „Rebus“, Enzensbergers aktuellem Gedichtband von 2009. „Eigentlich ist ‚Rebus‘ ein Bilderrätsel. Die ganze Welt kommt Enzensberger wie ein Rätsel vor.
“Anfangs skurril anmutende Themen wie „Gleichgewichtsstörung“ oder „Erste Person Plural“ behandeln doch nichts anderes als das Leben: „Da tickt etwas unter unserer Hirnschale, das als ein Ich registriert wird, aber seine eigene Wirtschaft führt“, fasst Drechsel Enzensbergers Gedicht „Unter der Hirnschale“ treffend in eigene Worte. Mancher Schluss lässt schmunzeln, war man doch auf der falschen Fährte. „Ja, diese ewige Nörglerin geht mir oft auf die Nerven. … Unzertrennlich sind wir, bis dass der Tod uns scheide, meine Psyche und mich.“ Gedichte über die Psyche oder die eng mit Michael Jacksons Tod zusammenhängende chemische Verbindung C12H18O zu schreiben oder gar der Frage nachzugehen, „Wo sich Pilatus die Hände wusch“, erscheinen cool und verrückt zugleich. Dabei klingen selbst unanständige Worte, mit vorgehaltener Hand ausgesprochen, bei Drechsel charmant. / ANDREA BÜCHNER, Südkurier
Die Lyrikerin Mariquita Mullan starb am 4.12. im Alter von 99 Jahren. Sie war die Tochter eines irischen Dichters. 1998 veröffentlichte sie das Büchlein “Rules for Living”, Lebensregeln. Ihre Gedichte erschienen in Anthologien und in Zeitschriften wie „America“ und „Christian Science Monitor“. / Washington Post
Zur Meldung über den mallorquinischen „Inseldichter“ Guillem d’Efak hat Àxel Sanjosé für uns eins seiner Gedichte übersetzt (ich hols aus dem Kommentar).
Guillem d’Efak
AL∙LOT DE FONA
Som fill de foners i maneig la fona;
no hi ha rei com jo si no du corona
Surran de clapers a mi me suraren,
clapers de gegant que els avis alçaren.
Despenj un ocell amb una pedrada,
faig botir un ull a més de cent passes.
Mat, amb un sol tret, les bèsties salvatges.
Bassetja a la mà tenc mals arrambatges.
Me peixà mu mare amb llet i formatge,
amb mel i brossat i amb conill de caça.
Amb so primer bel me donà la fona.
No hi ha rei com jo si no du corona.
Si me veis venir voleiant la bassetja
arraconau-vos a esquerra o a dreta
o amb un cop de roc us faré sa clenxa.
Quan jo prenc el dret no vaig de punyetes
que el meu caminar sol fer retxa dreta
davant de cavalls, davant de sagetes.
La tropa romana o cartaginesa
o lloguen o tasten la meva destresa.
Qui em cerca me troba en molt poca estona
i se’n pot anar a penedir Roma.
Som fill de foners i maneig la fona,
no hi ha rei com jo si no du corona.
Schleuder-Bursche
Ich bin Sohn von Schleudrern und werf mit der Schleuder,
keinen König gibt’s wie mich, trägt er keine Krone.
Bei den Steinhaufen am Feldrand wurd ich großgezogen
bei den Riesensteinen dort, die die Ahnen türmten.
Hol mit einem Steinwurf einen Vogel runter,
lass ein Auge springen aus hundert Schritt Entfernung.
Mit nur einem Schuss töte ich wilde Tiere.
Mit der Schleuder in der Hand ist mit mir kein Spaßen.
Meine Mutter fütterte mich mit Milch und Käse,
mit Honig und Quark und wilden Kaninchen.
Mit dem ersten Schrei gab sie mir die Schleuder.
Keinen König gibt’s wie mich, trägt er keine Krone.
Seht ihr mich schon kommen mit schwingender Schleuder,
dann geht schnell nach links oder rechts in Deckung,
zieh euch sonst den Scheitel mit ‘nem Felsenbrocken.
Nehm ich mir das Recht, fackle ich nicht lange,
wohin ich auch geh, ist die Spur gerade
ganz gleich ob vor Pferden oder ob vor Pfeilen.
Die römischen Truppen und die aus Karthago,
die heuern mein Können oder müssen’s spüren.
Wer mich sucht, der findet mich nach kurzer Weile
und kann dann bis Rom es bereuen gehen.
Ich bin Sohn von Schleudrern und werf mit der Schleuder,
keinen König gibt’s wie mich, trägt er keine Krone.
Aus: El regne enmig del mar [Das Königreich mitten im Meer], 1980
[hab versucht, ein wenig vom originalmetrum (regelmäßige elfsilber, paarreim teils rein, teils assonant, durchgehend weibl. kadenz) durch freie handhabung herüberklingen zu lassen, ohne es – hoffentlich – allzusehr in die form zu zwängen]
Es wird Zeit, dass wir den großen Schriftsteller Andreas Reimann endlich wieder entdecken, schreibt Clemens Meyer in der Welt:
Die Bitternis im Leben des Dichters Andreas Reimann. Geboren 1946. Leipzig. Und dessen Werk (Das ja zum Glück noch in Progress ist) jetzt gesammelt bei der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erscheint. Beginnend mit „Die Weisheit des Fleisches“, das, erstmals veröffentlicht 1974 im Mitteldeutschen Verlag, eines von zwei Büchern war, die von Reimann in der DDR erscheinen durften. Nach 1979 schien er zu schweigen, weil er schweigen musste, weiterdichtend, nicht mehr gedruckt. Und nein, der Dichter entschwand nicht. Er ist da, und war immer da und schrieb und harrte aus. Kunstvoll in ihrer Form und weich in ihrer Strenge sind seine Dichtungen. Immer wieder das Sonett, Elegien, Oden, oft eine Trauer in seinen Versen und oft ein bitterer Witz.
„Es tropft in den städten der schnee. Bleib hier. / Die stricher suchen ein winterquartier: / erbärmliche streuner zwischen den gleisen, / die um sich beißen und dennoch den greisen / nachtappen ergeben: wen wärmt schon der stolz? / Bis märz ist geschlossen das unterholz.“ …
Vor Kurzem saß er auf einem Podium einer lokalen Zeitung, „bewohnbarer Stein“, und wirkte seltsam fremd und allein, während er seine Gedichte las:
„Weiß warn die wände, die betten warn weiß, / weiß warn die Laken, patienten und ärzte. / Aber im fernsehen die bilder: schwarz-weiß / am tag als neil armstrong den blässlichen mond / (louis, o wonderful world!) betrat, / während auf eiserner bettstatt / ein anderer häftling, dreifacher mörder, / in mir, dem verfahlten, sich wütend betrieb / und schauerlich zärtlich.“
Er erzählt wenig über diese zwei Jahre Ende der 60er, Anfang der 70er. Hat nie späte Gerechtigkeit eingefordert, öffentlich. Mit seiner Vergangenheit geschachert. Aber in einigen seiner besten Gedichte ist sie so kunstvoll gegenwärtig. Wütend, und schauerlich zärtlich. „Zwei Körper lang die zelle. Breit: drei schritte, / wenn einer kurz tritt. – In des hohlraums mitte / auf einem vielbesessnen schemel hockt / die nummer krumm verängstigt und verstockt.“
Viel wurde in den letzten Jahren über Popliteratur geschrieben. Ein weithin unbeachteter Aspekt ist dabei, daß maßgebliche Impulse für die Entstehung einer Popliteratur vom Rheinland ausgingen. Am Anfang standen die Autoren und Übersetzer Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla, die ab Mitte der 1960er Jahre in Köln lebten und von hier aus der amerikanischen Beat- und Untergrund-Literatur deutschlandweite Aufmerksamkeit verschafften.
In Düsseldorf betrieben A. J. Weigoni und Frank Michaelis im Akademie-Umfeld mit der Literatur eine multimediale Hörspielerei zwischen Performance, Theater und Lesung. Bereits 1991 legte dieses Duo die zum Schlagwort gewordenen »Literaturclips« vor. Den Hörbuchpionieren kommt damit das Verdienst zu, die Lyrik nach 400 Jahren babylonischer Gefangenschaft aus dem Buch befreit zu haben.
Diese Literaturclips mögen heiße Luft sein, sind aber angereichert mit purem Sauerstoff. Sauerstoffhappen, eher Häppchen, die den Ohrganismus am Überleben halten. Das frühzeitige Erkennen, daß in der Kürze der einzelnen Beiträge der Erfolg zum langen Atem liegt – beim Produzenten vielleicht, beim Zuhörer gewiss – ist sehr hoch anzurechnen. Mit der Kürze entsteht eine Konzentration auf das Elementare.
Beinahe verschwörerisch rezitiert Weigoni den »Schwebebahn«-Text. Michaelis bläst ein Saxophon, dessen bewußt blecherne Schwüle leicht eine ganze New Yorker U–Bahn–Station unterhalten könnte. Wahrscheinlich haben sich die Artisten deshalb beim Dreh in Wuppertal so heimisch gefühlt.
http://www.vordenker.de/weigoni/schwebebahn.htm
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Fachkraft für Guerillia-Marketing:
http://www.kulturnotizen.de
Da sah ich sie also, Rücken an Rücken gestellt, eng beieinander im Keller. Die alphabetische Ordnung hatte es so gefügt. Nach dem B mit den Bücherbeständen Gottfried Benns kam der Buchstabe C mit der bibliophilen Hinterlassenschaft Celans. Der Unterschied hätte nicht grösser sein können: Es war der von Monokultur und Vielsprachigkeit. Während der eine die Weltliteratur und darunter auch die moderne Dichtung Europas und Amerikas (etwa den stolz auf Augenhöhe beobachteten T. S. Eliot) ausschliesslich in Übersetzungen las, gab es für den anderen nicht nur die eine Dichtersprache. Ein Drittel seines Werkes bestand aus Übersetzungen. Es fanden sich dort die Originalausgaben der Valéry, Ungaretti und Jessenin und mit den Anstreichungen von Celans Hand – für Benn, wie für die meisten von uns, sprachliches Ausland. / Durs Grünbein, NZZ 17.12
Der Boston Globe fragte 3 Experten nach den besten Gedichtbänden 2011. Jeder nennt 10 Titel ohne eine einzige Überschneidung (was mich freut). Hier die Gesamtliste:
Am 14.12. starb der französische Schriftsteller und Schauspieler Roland Dubillard im Alter von 88 Jahren. Er wurde in den 50er Jahren mit radiophonen Sketches unter dem Titel „Grégoire et Amédée“ bekannt, die man häufig als absurd rubrizierte und die es auch sind, absurd à la Dubillard. Man kommt aus seinen Texten mit einem Lächeln auf den Lippen, aber auch irgendwie beunruhigt: Was wenn Dubillard, ohne es sich anmerken zu lassen, einfach alles von allem gewußt hätte?* / Gilles Heuré, telerama.fr 14.12.
* Wenn jemand eine treffendere Übersetzung weiß: „et si Dubillard, mine de rien, avait tout compris de tout?“
Schluss mit dem Politologen-Blick auf Stefan George, fordern Christophe Fricker und Die Welt:
Fricker teilt Georges skeptischen Blick auf die Moderne, schätzt seinen Versuch, auf moderne Weise antimodern zu sein, sich einem Senkblei gleich in die Gegenwart hinabzulassen, um sich gegen deren Zumutungen zu wappnen, gegen Machbarkeitsglauben, entgrenzten Individualismus und die heute wieder so aufgeputzte Rede vom vermeintlich Alternativlosen. Zudem nimmt er George ganz als Dichter wahr. Nur die Gedichte entschieden schließlich darüber, was George uns Heutigen zu sagen hat. Frickers Sicht belebt und erfrischt.
Christophe Fricker: Stefan George – Gedichte für dich. Matthes & Seitz, Berlin. 384 S., 29,90 Euro.
Von Bertram Reinecke
Siehe L&Poe 2011 Dez #57. Wolkenhändler
Wenn hier mein Name in die Nähe des typischen ignoranten Klavkilesers gerückt wird, dann möchte ich wenigstens, keineswegs ein Klavkikenner, aus meiner Sicht meine Lesehindernisse benennen, die Frage „Was macht, dass er anders liest als ich“ beantworten: „außerdem verbiete ich Menschen vor mir Worte wie ‚Mehlschwitze‘ zu verwenden“ heißt es bei Klavki, und so klingen Klavkis Texte für mich. Oft scheint mir bei Klavki ein untriviales Leben abgegrenzt von einem trivialen, das andere Leute führen. Offensichtlich kann man ihm zu Gute halten, dass er dieses Leben auch authentisch zu verkörpern vermochte, oder besser gesagt: Es gelang ihm, glaubt man seinen Fans, eine konsistente Selbstinszinierung in diese Richtung herzustellen.
Wenn ich in einer weniger günstigen Position nur als Leser nach Signaturen für Glaubwürdigkeit suche, dann werde ich nicht recht fündig. (Wohlgemerkt: Diese Glaubwürdigkeit ist wie das Verbot, Leben in wichtige und unwichtige einzuteilen, zunächst mein Wert und auch eher ein moralpolitischer als ein literarischer.) Der Eindruck von Tiefe und Bedeutsamkeit scheint mir bei Klavki durch Auswahloperationen zu Stande zu kommen: Bedeutende oder in sich bereits interessante Gegenstände werden mit entsprechendem Schmuck behandelt. (Ähnliches kritisiert Czernin auch an Grünbein 1995 im Schreibheft.) Ein resonantes Vokabular tritt hinzu. Das ganze ist oft zugespitzt zu allgemeinen, weitere Gegenstandsbereiche umgreifenden Sentenzen. Die klingen tief. Man kann ihnen zustimmen, aber man weiß noch nicht genau was sie heißen. Wer sie bestritte, ihnen also eine konkrete Interpretation verliehe, würde etwas kleinkariert wirken. Derjenige, der nicht zustimmt, hat keine Möglichkeit sein Befremden in einem Argument zu artikulieren. Das ganze ist in einem Ton vorgetragen, der vom Parlando die Gewohnheit übernimmt, Themenwechsel oder Verrückungen zuzulassen. Eine allgemeine Aussage als Setzung, um zu schauen, wohin man von dort aus kommt, interessiert mich. Hier folgt stattdessen bald die nächste Setzung, die das Feld schon wieder neu definiert. (Etwa im Gegensatz zu den Texten Sven Regeners, wo auch oft allgemeine Sentenzen Schlag auf Schlag folgen, aus diesen Sentenzen sich aber bspw. eine Geschichte erzählt wird, die als Klammer fungiert.) Wenn die Thesen loser verbunden sind, lässt sich mit wenig rhetorischem Aufwand leicht auch etwas behaupten, was dem Gegenteil nahekommt. (Ist vielleicht das die Intention von Ann Cottens Paraphrasen?) Natürlich behält der Text die gleiche Gestimmtheit und sicher ist in einem unkonventionelleren Sinne genau dies die Klavkische Botschaft. Die Texte wollen nicht bedeuten, sondern eine Lebensform ausdrücken.
Durch diese Intensitätsrhetorik fühle ich mich eher überwältigt als überzeugt, auch wenn unter den Erfindungen Klavkis im Einzelnen zahlreiche zu finden sind, die viel Esprit haben. Wenn man seine Lebensform teilt, dann spürt man in dieser Gestimmtheit vielleicht eine Gemeinsamkeit und eine Klammer, die das Ganze dann vielleicht doch unbeliebiger macht als ich es sehe. Nur wundere ich mich dann ein wenig: Von den soziologischen Papierdaten gehöre ich ja zu Klavkis Generation, habe ein ähnliches Umfeld, Studium usw. Warum trägt sein Gemeinschaftsangebot nicht einmal bis zu mir? Richtet es sich sozusagen nur an Katholiken, die noch katholischer werden sollen?
Klavki, das gehört für mich absolut zu den Dingen die Esprit haben, weiß um die Problematik der Tatsache, dass sich mit seinem rhetorischen Material ebensogut dieses wie mit wenigen, fast unmerklichen Veränderungen auch etwas anderes sagen lässt. Und er sagt es offenbar auch noch einen Charakter zitierend, der so völlig anders gestimmt ist: Arno Schmidt. (Im Klavkischen Kontext könnte allerdings etwas passieren, was bei Schmidt nahezu ausgeschlossen ist: Man könnte die Klavkistelle als Affront gegen theoretisches Ressentiment begrüßen.) Ganz ohne Unbehagen kann ich diese Stelle dennoch nicht annehmen, insofern solche Metareflektionen immer auch etwas Absicherndes haben könnten, dem Kritiker das Werkzeug aus der Hand nehmen. Und da entsteht dann eine Fallhöhe: Ich habe den Raum, mich öffentlich darzustellen, und dir wird er versagt. (Siehe oben.) Dieser Spalt, der sich da auftut, kann dann eben von einem halbwegs geschickten Autor mit mit allem möglichen Weiteren aufgefüllt werden: Ich habe den Überblick, ein Schicksal, die Kunst … usw. Das schreckt mich. (Füllungen mittels dieses Momentes der Würde erreichen offensichtlich ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. So wird Benns Vortrag „Soll die Kunst das Leben bessern“ noch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod von Literaturdozenten affirmativ zitiert.)
Insofern mir dieser Aspekt der Fallhöhe immer wieder in die Argumentation gerät, kann dieser Text nicht beanspruchen eine kritische Würdigung zu sein, sondern es handelt sich eher um eine Dokumentation meines Ressentiments.
Was die verwendeten Zitiertechniken betrifft, fasse ich auch diese bei Klavki eher als rhetorische Mittel auf, und es gelingt mir nicht eine Eigendynamik darin zu entdecken. Wenn man paraphrasiert, lassen sich Zitate ja leichter zu eigenen Zwecken einhäkeln. Auch wird man ein kürzeres Zitat auch mal unwillkürlicher treffen („Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ in Paraphrase leichter als den kategorischen Imperativ wortwörtlich.)
Diese gröberen Mittel, die schnell kommunizieren, leicht riesige Sinnreiche erschließen, lassen auf den ersten Blick den Eindruck entstehen, Klavki habe für einen Vielleser keinen sonderlich erlesenen Geschmack. Man kann es aber eben auch funktionell verstehen: In einen schwierigen Kontext, (Lesebühne: Ablenkung, Zwischengequatsche, tw. nicht literaturinteressiertes Publikum usw.) trug Klavki literarische Verfahren und Themen hinein, ohne dass es sonderlich viele Beispiele gab, an denen man das seinerzeit lernen konnte.
(NB durch Klicken auf die Schlagworte am oberen Rand gelangt man zu anderen Artikeln mit gleichem Schlagwort)
Am 25. November ist in Leipzig eine Auswahl der Gedichte von Georg Hoprich herausgekommen. Am Erscheinungstag waren es noch just vier Wochen bis zum 73. Geburtstag des Dichters (29.12.1938 – 9.4.1969) aus Thalheim/Daia bei Hermannstadt/Sibiu. Nach der unauffällig scheinenden, allerdings fulminanten Gedichtsammlung von Stefan Sienerth (Kriterion Verlag Bukarest 1983, 169 S. 11 Lei) ist diese Auswahl nun die zweite Edition des hinterlassenen Werkes.
Sie stammt von Bertram Reinecke (Jg. 1974). Sein Name steht mit für den Verlag in Leipzig, dazu ebenso für nachhaltiges und sachte wachsendes Interesse an Thalheims Sohn. Der Hermannstädter Literaturkreis hatte ihm 2010 öffentlichkeitswirksam eine Sitzung gewidmet (ADZ berichtete am 24.4. 2010 und 5.5.2010). …
Eine emotionale Reduktion der Texte auf „ein Dokument der poststalinistischen Zwangsverhältnisse“ wäre ebenfalls nicht angemessen. Kann alles stimmen und wird gewiss doch zuerst noch einmal diskutiert werden. Aber gerade deswegen ist diese aktuelle Möglichkeit zu unvoreingenommener Lektüre für eine neue Generation ermutigend und erhellend. Diese neue Generation kann sich von Reineckes höchst professionellem Nachwort und den Verweisen auf Textvarianten im Vergleich zum Buch von 1983 und durch sein Studium auch der handschriftlichen Quellen informieren lassen, mit Entdeckerfreude selbst Streichungen von Hoprichs Hand in beigefügten Faksimiles wahrnehmen, bewegen wird sie die Stimme eines jungen Siebenbürger Sachsen aus Thalheim, die Zuwendung und Liebe, Anerkennung und Gerechtigkeit in eigener Tonlage anspricht und zuspricht.
Hoprich kann uns ebenso an eine vergessene Wahrheit erinnern: Ohne Verklärung, auch wir landlosen Städter kommen alle vom Dorf, und dort ist auch Welt. Da sinken einige Rezeptionshindernisse hin. Eines beseitigt der Herausgeber sogar gleich selbst, indem er für zwei Mundartgedichte hochdeutsche Übertragungen von Klaus F. Schneider beibringt.
Bertram Reinecke sei Dank! Eine künftige Gesamtausgabe des überschaubaren Werkes von Hoprich bleibt ein Wunsch, der gerade angesichts dieses Dankes ausgesprochen werden soll, weil mit der neuen Edition ein vielleicht entscheidender Impuls vorliegt für die gegenwärtige und künftige Wirkung des Thalheimers. / Jens Langer, Allgemeine Deutsche Zeitung
Georg Hoprich: „Bäuchlings legt sich der Himmel“.
Gedichte, Verlag Reinecke & Voß Leipzig
2011, 101 S., 10 Euro, .ISBN 978-3-942901-00-0
Anthologie ∙ Einzeltitel ∙ Essayband ∙ Zeitschrift
Zusammengelesen von Theo Breuer, Mitarbeit Michael Gratz
Letzte Folge. Nachträge der Leser sind durchaus erwünscht und erbeten und können hier als Kommentar eingetragen werden. (Bitte unter dem jeweiligen Buchstaben eintragen). – Die ergänzten Titel werden in die Liste übernommen, in den Kommentaren können Sie nachlesen, was unserm geballten Sachverstand entgangen war, M.G.)
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