Vor zwanzig Jahren war Mircea Dinescu der berühmteste lebende rumänische Dichter, innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen. Im Frühjahr 1989 hatte er der französischen Tageszeitung Liberation ein Interview gegeben, in dem er unverhohlen mit dem heimischen Regime abrechnete, was ihm postwendend Hausarrest eintrug. Mit seinem Aufruf zum Hungerstreik vom November 1989 stieß er bei seinen Schriftstellerkollegen zwar auf taube Ohren. Doch schließlich war er es, der am 22. Dezember `89, in selbstgestricktem Pullover auf den Fernsehschirmen der Nation erschien. Die Finger zum V-Zeichen erhoben, verkündete er den Sieg der Revolution, wobei seine Zahnlücke zum Vorschein kam, die nur das äußerliche Merkmal der Originalität dieses Dichters, wortgewaltigen Pamphletisten, temperamentvollen Redners, Volkstribunen, Epikureers und großen Jungen Mircea Dinescu ist. Über Nacht war er zum Helden der Nation geworden. …
Und nun geschieht das Eigenartige. Der Held der Nation verstummt als Dichter, und wird, wie weiland Rimbaud, dem er bereits 1984 einen Gedichtbandtitel gewidmet hatte (Rimbaud als Kaufmann) selbst zum Händler. Allerdings heißen Dinescus Waffen: Publizistik und Satire. Er gründet die erfolgreiche Wochenzeitung Academia Catavencu. Es folgt das Hochglanzmagazin Plai cu Boi (etwa: Land mit Ochsen), das nicht nur bereits im Titel auf den Playboy anspielt, sondern neben Essays zu aktuellen und historischen Themen, obszöne Karikaturen und Nacktfotos enthält. Das Konzept des listigen Spötters Dinescu lautet, er wolle die Rumänen so arm, natürlich und nackt zeigen, wie sie eben seien. Bald zieht Dinescu seine Anteile aus dem Satiremagazin Academia Catavencuzurück, um den alten Getreidehafen Port Cetate im Dreiländereck Serbien-Bulgarien-Rumänien am Donauufer zu kaufen und eine Stiftung ins Leben zu rufen, die es bildenden Künstlern gestattet, in den sanierten Hafengebäuden zu arbeiten. / Jan Koneffke, Getidan
Politlyrik:
Zu dieser Bundesregierung passt, dass der Einheitsbericht am letzten Sitzungstag in der letzten Sitzungswoche vor Weihnachten abgefruehstueckt wird. Das ist das stille Eingestaendnis, sich laengst vom Aufbau Ost verabschiedet zu haben. Und wer ihr Maerchenbuch aufschlaegt, findet dort romantische Lyrik von einzigartiger Bedeutungslosigkeit. / SPD Bundestagsfraktion
13 britische Dichter (männlich) ließen sich von Fotografinnen für einen Charitykalender nackt fotografieren, meldet die Presse. Okay, die 2 präsentierten Fotos zeigen nicht viel, aber da die Namen der Dichter drunterstehen, könnte man ihre Gedichte googeln.
Mehr im Guardian
Hier der Dichter Walt Whitman – nackt und mit Bart
Die Bharatiya Janata Party (BJP) [eine rechtskonservative hindunationalistische Partei] im Bundesstaat Karnataka scheint nach Zensur zu schreien. Der Minister für Kultur und die Landessprache Kannada Govind Karjol sagte jetzt, Dichter sollten nicht das Recht haben, Politiker zu kritisieren. „Das Politikerbashing durch Literaten [„litterateurs“ steht im englischen Text] hat jedes Maß überschritten. Wir müssen sie zurückpfeifen. Sie tragen Gedichte vor und äußern abschätzige Kommentare gegen Gesetzgeber und Minister. Wir alle über Parteigrenzen hinweg sollten uns dessen bewußt sein und etwas unternehmen.“
Aber weit gefehlt! Ein Politiker der JD(S)-Partei sagte: „Nur weil ihnen die Regierung Stipendien gibt, sollten sie uns loben? Man darf die Meinungsfreiheit nicht unterdrücken. Das ist das falsche Signal. Die Schriftsteller hüten unser Gewissen.“ / India Today
Erinnert man daran, dass der grosse Ko Un seit Jahren schon auf der Long- und Shortlist des Nobelpreiskomitees steht, so provoziert man in der Regel Erstaunen, wenn nicht gleich die launige Rückfrage: «Ko what?» Deutschsprachige Verlage, die auf koreanische Literatur spezialisiert sind (vor allem Pendragon und die Edition Peperkorn) oder sie zumindest immer wieder im Programm haben (Wallstein, DTV, Suhrkamp, Iudicium), laufen keine Gefahr, Bestseller zu lancieren. Die Subvention durch zumeist koreanische Sponsoren ist unabdingbar. Und die Verständnisschwellen sind weiterhin hoch. Deswegen ist es verdienstlich, dass der Iudicium-Verlag jetzt eine einführende Darstellung der koreanischen Literatur des 20. Jahrhunderts vorlegt, die informativ ist, die Orientierung durch ein Register erleichtert und aus der kaum überschaubaren koreanischen Lyrik zahlreiche Beispiele bietet. / NZZ 13.12.
Lee Namho et al.: Koreanische Literatur des 20. Jahrhunderts. Übersetzt von Jung Youngsun und Herbert Jaumann. Iudicium-Verlag, München 2011. 155 S., Fr. 25.90.
In seinen Versen macht der junge mazedonische Dichter eine Atmosphäre des Übergangs und des nicht Umgrenzten spürbar. Das Ich fühlt sich hier «wie ein Traum, ein Zwischengeschoss», wahlweise auch «wie eine Neonröhre, die in einem leeren / Hausflur flackert». / NZZ 13.12.
Nikola Madzirov: Versetzter Stein. Gedichte. Aus dem Mazedonischen von Alexander Sitzmann. Verlag Carl Hanser, München 2011. 64 S. Fr. 21.90.
Visionen böten allerdings auch keine Antwort, wie der Fall des jahrzehntelang vor allem in Europa hoch bewunderten Ernesto Cardenal zeigt, der – im Grund ein Pablo-Neruda-Epigone – hier ein brüderliches Basis-Christentum predigte und daheim auf der Insel Solentiname seinen eigenen Clan räuberisch schalten und walten liess, derweil er jetzt Ortega des «Verrats» und Machtmissbrauchs zeiht und auf ein unbeflecktes «Vorbild» hinweist – Fidel Castro. / Marko Martin, NZZ 8.12.
Einer der grössten literarischen Küsser, die die Sprache je hervorgebracht hat, scheint jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein. Als Dichter, Maler und Bildhauer verkörperte er das Renaissance-Ideal eines uomo universale und sorgte mit einem Gedichtzyklus für einen Klassiker der erotischen Literatur des 16. Jahrhunderts: Johannes Secundus. In diesem Jahr wird sein 500. Geburtstag gefeiert. …
Jede Erschütterung des Ichs zeichnet er auf, wechselt gemäss der Anzahl der Gedichte neunzehn Mal kunstvoll das Metrum. Dadurch lädt er seine Verse mit ungeheurer Lebendigkeit auf, die modern anmutet – und unverhofft für Aktualität sorgt. In einem der Gedichte erklärt Secundus seine «Basia» kurzerhand zu Keuschgebieten: Nur ums Küssen gehe es ihm, also verschwindet, ihr Unanständigen, ruft er seinem Publikum zu und preist einen Atemzug weiter die Sittsamkeit seiner Geliebten, «die ganz sicher ein Büchlein ohne Schwanz lieber will als einen Dichter ohne Schwanz». So leicht ist der Voyeurismus des Publikums enttarnt. Darauf verstand sich schon Catull, Secundus steht dem Römer in nichts nach. / Christoph W. Bauer, NZZ
In der zweiten Ausgabe des Ballett-Magazins der Rheinoper sagt Martin Schläpfer einen Satz, der den Zugang zum zeitgenössischen Tanz ebnet: „Für mich ist der Tanz – übertragen verstanden – eher Gedicht als Prosa, gehört nicht zum Genre Roman.“ Beim Ballettabend b.07, der am Mittwoch Duisburg-Premiere hatte, standen drei ganz unterschiedliche „Gedichte“ auf dem Programm. / Anne Horstmeier, Der Westen
Die Berliner Autorin Saskia Fischer wird mit dem Verdi-Literaturpreis Berlin-Brandenburg 2011 ausgezeichnet. Sie erhält den Preis für ihren Lyrikband ‚Scharmützelwetter‘, wie die Gewerkschaft mitteilte. ‚In ihren Gedichten verbinden sich Wirklichkeitsnähe und sprachkünstlerisches Können zu seltener Qualität‘, lautete das Urteil der Jury. Die Verleihung soll im April 2012 stattfinden. Fischer wurde 1971 in Schlema geboren und lebt seit 2006 in Berlin.
Der ver.di Literaturpreis wird seit 2004 von der Gewerkschaft ver.di für ein veröffentlichtes Werk der Sparte Lyrik, Prosa oder Kinder- und Jugendbuch verliehen. Die Sparten wechseln jedes Jahr. Der Preis ist Autorinnen und Autoren aus Berlin und Brandenburg vorbehalten und mit 5.000 Euro dotiert. Über die Vergabe entscheidet eine Expertenjury.
2005 (als offenbar die Lyrik dran war) wurde kein Preis vergeben, entweder war das Lyrikjahr in Berlin und Brandenburg zu mager oder die Kasse grad leer. 2008 wurden dafür gleich 2 preiswürdige Autoren ermittelt, die sich die 5 Mille aber teilen mußten: Eva Strittmatter und Richard Pietraß. Der Link zur Zusammensetzung der Jury geht leider ins Leere.
Susanne Eules erhält heute Abend in Köln den Selma Meerbaum-Eisinger Literaturpreis 2011 „Poesie der Lebensfuge. Schreiben in (ab) gebrochener Welt“ in der Synagoge zu Köln.
(Gefunden bei Fixpoetry, wo ein Gedicht der Autorin Gedicht des Tages ist)
Anthologie ∙ Einzeltitel ∙ Essayband ∙ Zeitschrift
Wird morgen fortgesetzt und abgeschlossen. Nachträge der Leser sind durchaus erwünscht und erbeten und können hier als Kommentar eingetragen werden. Bedenken Sie bitte, daß weder Theo Breuer noch ich 1. alles kaufen, 2. alles lesen und 3. wie Computer alles unter dem richtigen Buchstaben abspeichern können. Bei Googleabfragen können Sie testen, daß die von Theo initiierte und uns zur Verfügung gestellte Liste schon jetzt das Auffinden präziser Information sehr verbessert.
(Ergänzungen bitte unter dem jeweiligen Buchstaben eintragen. Die ergänzten Titel werden in die Liste übernommen, in den Kommentaren können Sie nachlesen, was unserm geballten Sachverstand entgangen war, M.G.)
Neu bei Lyrikwiki (neben ersten Beiträgen aus den Bibliographieaufgaben unserer Grundkurse, aus über 160 vergebenen Aufgaben, siehe Papenfuß, siehe Literaturzeitschriften, deutsche) der Artikel einer Studentin über eine Figur des Kieler Dichters Klavki (dieselbe, Christiane, hatte schon über eine Figur bei Ann Cotten geschrieben). Vielleicht eine Anregung für künftige Beiträge zu unserer unordentlichen Lyrikenzyklopädie.
Am 30. November wurde das Buch „Gedichte aus Mozart’s Land“, eine Auswahl Österreichischer Lyrik in vietnamesischer Sprache, herausgegeben vom Germanisten Ngo Quang Phuc, der unter dem Künstlernamen Quang Chien schreibt, im Büchercafé des Hanoier Kulturzentrums „Ost West“ der Öffentlichkeit vorgestellt.
In dem Band, der mit Unterstützung des Außenministeriums und des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur zustande kam, sind Werke der folgenden österreichischen LyrikerInnen vertreten: Nikolaus Lenau, Rainer Maria Rilke, Ingeborg Bachmann, Erich Fried, Franz Kießling, Ilse Brem, Elisabeth Schawerda, Karl Lubomirski, Peter Turrini, Ernst Jandl und Christian Ide Hintze. Von den Autoren haben zwei einen besonderen Bezug zu Vietnam: Erich Fried durch seine Gedichte über den Vietnamkrieg und Christian Ide Hintze durch seine Lehrtätigkeit an der Dichterschule Nguyen Du in Hanoi Anfang der 90er Jahre. / Österreich Journal
Wenn man sich in heutigen Zeitschriften nach den ästhetischen Erben der historischen Avantgardebewegungen umsehen will, muss man eine Lupe zu Hilfe nehmen. Denn viele Innovationsbemühungen der sogenannten jungen Schriftstellergeneration nehmen sich aus wie matte Stilübungen literarischer Praktikanten. In der typografisch zwar einfallsreichen, textuell eher substanzarmen Zeitschrift für „junge Literatur“ „BELLA triste“, die soeben mit dem Förderpreis der Kurt-Wolff-Stiftung ausgezeichnet worden ist, weht – im Hinblick auf avantgardistische Konzepte – bestenfalls ein laues Lüftchen. Neugierig machen in Heft 31 immerhin die Gedichte von Jan Skudlarek, dessen literarische Referenzfiguren aus der allerjüngsten Gegenwart stammen, wird hier doch in markanter Signalgebung ein „rainaldgoetzgesicht“ aufgerufen.
Sehr viel mehr Abenteuer des Ästhetischen ermöglicht das neue Heft, die Nummer 57 der Leipziger Literaturzeitschrift EDIT. Hier findet man aufregende Essays junger amerikanischer Autoren, etwa von Wayne Koestenbaum über „Heideggers Geliebte“, ein Text, der sich spielerisch-assoziativ durch die deutsche Philosophie schlängelt. Zu den bemerkenswerten Funden in EDIT gehören auch Anagramme und Überschreibungen eines Gedichts von Carl Friedrich Claus, des visionären experimentellen Künstlers und Graphomanen, der seine Texte systematisch in faszinierende Schriftbilder verwandelte. Hier treibt sich auch der sprachverrückteste Dichter der jungen Generation herum, der aus dem Saarland stammende und in Berlin lebende Konstantin Ames, der in wortakrobatischer Vergnügung einige Stilmasken aufsetzt und sprachreflexiv dekonstruierte „Weltwaisen“ zum Besten gibt. „Vor stilfaschisten : barrikaden errichten“, postuliert da beispielsweise ein Text, der verschiedene Dichtergesten parodiert und am Ende in ironischer Verkehrung fordert: „Den jungdichtern ist komplexitätsreduktion zu wünschen = 1. brandrede an die stolterfohtepigonen“. Diese Produktionsanweisung, Gedichte zu ermäßigten hermeneutischen Konditionen zu schreiben, wird jedoch sehr wahrscheinlich von Konstantin Ames nie befolgt werden. / Michael Braun, Poetenladen
BELLA triste, H. 31
Neustädter Markt 3-4, 31134 Hildesheim. 106 Seiten, 5,35 Euro.
Edit Nr. 57
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig. 130 Seiten, 5 Euro.
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