In den literarischen Äußerungen spiegeln sich die Teilungen im 18. Jahrhundert, die Polen für lange Zeit fast auslöschten, aber auch die großen Katastrophen des 20. Jahrhundert, die Kriege, der Holocaust und viele Emigrantenschicksale. »Jawohl. Wir waren und sind … gebrechlich. Wir sind mit dem Defekt des Polentums zur Welt gekommen.« So schrieb 1925 Stefan Żeromski, und weiter: »Du kennst die Deutschen nicht! Das ist kein Volk, sondern ein schrecklicher Orden, klug und schamlos organisiert, um solche Ackerbauern und Traumtänzer wie uns auszurotten …« Der Text erschien erst nach dem Zweiten Weltkrieg, bestätigt hatte ihn die jüngste Geschichte. …
Zwei Dinge aber klingen hindurch: der polnische Humor aus »kritischer Hoffnung« (Dedecius) und der lyrische »Grundton der polnischen Seele« von dem Przybyszewski 1917 in einem Text über Chopin schrieb, der »alles in sich versammelte, was sein Volk durchweint, in tiefer Verzweiflungstrauer sich errungen, sich erschrieen hatte …« / Sabine Neubert, ND 30.11.
Karl Dedecius: Meine polnische Bibliothek. Literatur aus neun Jahrhunderten. Insel Verlag. 470 S., geb., 39,90 €.
Seit jenen Tagen ist Georg Heym ein Begriff. Seine Strophen stehen in Anthologien und Auswahlbänden, gedruckt einst auch bei Aufbau und Reclam in Leipzig (mit dem schönen Nachwort von Stephan Hermlin), aber zu einer Biografie hat es dieser außerordentliche Dichter seltsamerweise nicht gebracht. Liegt’s daran, dass sein Leben so kurz und ereignisarm war? Vielleicht. Auch Gunnar Decker, der zum bevorstehenden hundertsten Todestag im Verlag für Berlin-Brandenburg ein Büchlein über Heym vorlegt, verspricht keine Lebensbeschreibung, sondern einen »biographischen Essay«. Es ist die erste Heym-Publikation nach langer Zeit und die bislang einzige Studie, die eingehend die Voraussetzungen dieser Dichtung erzählt, ohne dem Ehrgeiz zu verfallen, die letzten Dinge im Leben Heyms klären zu wollen. / Klaus Bellin, ND 29.11.
Gunnar Decker: Georg Heym. »Ich, ein zerrissenes Meer«, Verlag für Berlin-Brandenburg, 176 S., geb., 19,95 €.
Zum zweiten Mal hatte das Münchner Literaturbüro einen mit 1000 Euro dotierten Lyrikpreis ausgeschrieben. Rund 500 Autoren hatten Gedichte eingereicht. Eine Vorjury lud jeweils zwischen sechs und acht Autoren zu drei Vorrunden. Die acht Lyriker, die sich dort durchgesetzt hatten, bestritten am Samstagabend im Gasteig das zwar langwierige, aber spannende Finale vor einem fachkundigen Publikum. Rolf Grimminger, Sprecher der Jury, war am Ende des Lobes voll über das hohe Niveau der Veranstaltung. Tatsächlich hatten die Juroren – neben dem Germanisten Rolf Grimminger Eva-Elisabeth Fischer (Süddeutsche Zeitung), Antonio Pellegrino (Bayerischer Rundfunk) und Christian Lux (Luxbooks) – nur in einem Fall Anlass, über Langeweile zu klagen und sich über naive, wenig originelle Stilübungen zu mokieren.
An Sandra Trojans Gedichte reichte freilich an diesem Abend kein anderer Text heran. Die 32-Jährige aus Nordrhein-Westfalen verfügt über eine ausgefeilte Metaphorik und eine Fülle oft surreal anmutender Bilder. ‚Das ist das letzte Gedicht / das ich/ dir schreiben werde. Nichts ist / wie du es erwartest: eine Reihe aus Bildern ohne Bilder, in denen die Wände nur weiß sind und nichts / zeigen außer sich selbst.‘ Eigenständig im Ton schreibt sie in einer intensiven, sinnlichen Sprache, die bei aller dunklen Mehrdeutigkeit und Unschärfe nie kopflastig gerät. Die Qualität ihrer Texte ließ sich auch an der Sprachlosigkeit der Jury erkennen. Mühsam rang sie sich schließlich zu etwas banalen Bemerkungen durch und attestierte Trojan, sie beherrsche einfach die Kunst des Dichtens. …
Für eine wunderbare Abwechslung im Reigen der Lyriker, die ihre Texte überwiegend doch brav und partiell auch etwas zu bedeutungsschwanger vortrugen, sorgte die Performance von Walter Fabian Schmid. Der 28-Jährige inszenierte seine komplexe, lautmalerische Poesie mit witzigem Körper- und Stimmeinsatz. Er spielt mit Slangs und Dialekten, äußert unverblümt und ab und an auch sehr derb dringend notwendige Zeitkritik. Ihm wurde zum Verhängnis, dass die Jury seine Gedichte schwer lesbar fand und bekrittelte, man brauche den Dichter im Ohr, um die Texte zu verstehen, ein eigenartiges Argument angesichts der Tradition, in der Lautpoesie steht. / Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung (Stadtausgabe) 28.11.
Eine lobende Erwähnung sprach die Jury dem gleichfalls aus Leipzig stammenden Sascha Kokot aus, der in diesem Jahr auch als Finalist beim Leonce-und-Lena-Wettbewerb gelesen hatte.
Zu den weiteren Finalisten gehörten: Sabina Lorenz, Marie T. Martin, Walter Fabian Schmid, Bastian Schneider, Martina Weber sowie Janin Wölke, die jedoch nicht selbst vor Ort sein konnte. / Poetenladen
Besonders aufwühlend sind Gedichte jüdischer Poeten wie „So einer ist mein Landsmann“ von Antoni Slonimski, die unter den brutalen Eindruck deutscher Konzentrationslager geschrieben wurden. Einer entfesselten Kanaille, die sich herausnahm, über Leben und Tod zu bestimmen, setzte Slonimski die mitfühlende Menschlichkeit des Einzelnen in seiner ganzen Tapferkeit entgegen.
Die als „Vorwort“ betitelte Einleitung, sowie auch seine eingefügten handschriftlichen Kommentare widerlegen Biermanns wiederholt vorgetragene hartnäckige Weigerung, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen, als Ausdruck einer eklatanten Fehleinschätzung. Es zeigt sich, dass er vieles zu berichten und zu erzählen hat. / Volker Strebel, literaturkritik.de
Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn. Nachdichtungen und Adaptionen.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2011.
544 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783455403442
Lassen sich teure editorische Großprojekte nur aus einer editionstheoretischen und -praktischen Warte rechtfertigen oder auch vom vermeintlichen Kern der Literaturwissenschaft aus, also vom (cum grano salis) „Interpretieren“? Gibt es, zumindest für die ‚moderne‘ Lyrik seit Friedrich Hölderlin, aufgrund der hohen Anforderungen, die das Genre an seine Editoren erhebt, so etwas wie eine spezifische Problematik der Lyrikedition? Lassen sich systematische Zusammenhänge zwischen Lyrikedition und Gedichtinterpretation benennen? Ist an eine Theorie des Lesers kritischer Editionen zu denken und was wissen wir über den realen Leser? Diesem ehrgeizigen Fragenkatalog möchte sich der von Dieter Burdorf herausgegebene Sammelband stellen, und er tut es mit einem guten Dutzend Einzelstudien, die durch die Bank editionstheoretisch ambitioniert, auf der Grundlage profunder Kenntnis der jeweils in Frage stehenden Materialien, teils aus Herausgebersicht, über laufende und abgeschlossene Projekte berichten, Desiderate und Mängel benennen. So plädiert Bernhard Fetz für eine kommentierte Studienausgabe zu Ernst Jandl und moniert Lothar Bluhm die Kommentierungspraxis der historisch-kritischen Trakl-Ausgabe.
Als lyrischer Solitär auf der Schwelle moderner Lyrikproduktion erhält Hölderlin in dem Band eine allzu herausragende Position – ihm widmen sich gleich vier Beiträge. Weiter geht es mit Stefan George, Bertolt Brecht, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl und Gottfried Benn, schließlich folgen Paul Celan und Ernst Jandl. / Jochen Strobel, literaturkritik.de
Dieter Burdorf (Hg.): Edition und Interpretation moderner Lyrik seit Hölderlin.
Walter de Gruyter Verlag, Berlin 2010.
223 Seiten, 89,95 EUR.
ISBN-13: 9783110231519
„Erwacht vom Schlaf / einer friedlich ruhigen Welt/durch Jokisen-Tee / mit nur vier Tassen davon / kein Schlaf mehr möglich in der Nacht.“ Dieses völlig unspektakulär wirkende japanische Gedicht aus dem 19. Jahrhundert enthält eine politische Botschaft: In den vier Tassen Tee verstecken sich die vier Kriegsschiffe des Commodore Perry, mit denen die USA 1854 Japans Öffnung nach Westen erzwangen. Anfang vom Ende einer Kultur, deren späte Massenprodukte Europas Kunst mit prägen sollten: Farbholzschnitte, zunächst als Verpackungsmaterial über den Pazifik gelangt, prägen bis heute unser Bild von Nippon. Dabei galten die Ukiyo-e, „Bilder des fließenden Lebens“, genannten Drucke in Japan selbst bis vor wenigen Jahrzehnten als zweitrangiges Kunsthandwerk. / Stefan Tolksdorf, Badische Zeitung
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# 003 / LEICHTE GEOGRAFIE
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HANNES BECKER / TIMO BERGER / CHARLES BERNSTEIN / TOM BRESEMANN /
JÜRGEN BRÔCAN / RICHARD DURAJ / DANIEL DURAND / ISRAEL ENCINA / ULRICH
HOLBEIN / JAN KUHLBRODT / PAZ LEVINSON / LÉONCE W. LUPETTE / MATHIAS
MONRAD MØLLER / KERSTIN PREIWUSS / VALERI SCHERSTJANOI / VOLKER
SIELAFF / MARCELO SILVA / ECKARD SINZIG / ORHAN VELI / ACHIM WAGNER /
BENEDIKT WAHNER / ULJANA WOLF
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HERAUSGEGEBEN VON TOBIAS AMSLINGER / NORBERT LANGE / LÉONCE W. LUPETTE
UNTER DER SCHIRMHERRSCHAFT DER LYRIKKNAPPSCHAFT SCHÖNEBERG
HADAYATULLAH HÜBSCH
Beats und Poetry
1. Poetry Memorial für
Paul Gerhard „Pidschie“ HADAYATULLAH HÜBSCH

Live-Poetry-Performances von u.a.
Theo Köppen (Göttingen)
Kersten Flenter (Hannover)
Robsie Richter (Hanau)
Alexander Pfeiffer (Wiesbaden)
Dirk Hülstrunk (Frankfurt)
Ken Yamamoto
Musik:
Die Double Dylans (Frankfurt)
Jonny hates Rock (Band, Hanau)
Wolfgang Wüsteney
Kurzauftritt: Tom Ripphahn (Hands on the Wheel) singt Jocco Abendroth
und Überraschungsgäste
plus Büchertisch, Projektionen
Über Hadayatullah Hübsch:
Geboren am 08.01.1946 in Chemnitz, lebte in Frankfurt am Main, Kommune 1 in Berlin, betrieb Ende der 60er in Frankfurt den “Heidi loves you Shop” (Deutschlands erster Hippie-Head-Shop), erster Gedichtband 1969 bei Luchterhand, Kriegsdienstverweigerer, schrieb u.a. für das Feuilleton der FAZ, konvertiert zum Islam, langjähriger Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller in Hessen, Mitbegründer der Dichtergruppe 60/90, Leiter des Verlags “Der Islam”, Herausgeber der Zeitschrift “Holunderground”, Namensvater des ersten Social-Beat Festivals in Berlin 1996, Wahl zum “Deutschen Literatur-Meister”, der Kölner Express nannte ihn “Bühnen-Vulkan”.
Gestorben am 04.01.2011, beerdigt in Frankfurt an seinem 65. Geburtstag.
Bert Brecht ließ in einer Keuner-Geschichte auf die Frage, woran er gerade arbeite, Herrn Keuner antworten, dass er sich große Mühe gebe: Er bereite gerade seinen nächsten Irrtum vor. Mit diesem Verweis auf die Schwierigkeit, Gedichte und Literatur zu interpretieren, schloss Michael Braun seine Laudatio über den Gewinner des Kranichsteiner Literaturpreises, den Lyriker Jan Wagner, bei der Preisverleihung am Freitagabend im Mollerhaus. Jan Wagner, der als Meister der lyrischen Formen gilt, erkunde in seinem neuesten Lyrikband „Australien“ ferne Gegenden – nicht im geografischen Sinne, sondern „entlang der Imagination“, was „Existenzerkundung und Weltentdeckung“ bedeute, so Michael Braun.
Neben Jan Wagner erhielten Marion Poschmann ein New-York-Stipendium, Sudabeh Mohafez ein London-Stipendium und Nino Haratischwili den Kranichsteiner Literaturförderpreis. …
Marion Poschmann wird diesen Zeitraum in New York verbringen. Juror Burkhard Müller lobte ihren Gedichtband „Geistersehen“, in dem Poschmann das nicht Greifbare, sich schnell Verflüchtigende und Veränderbare „festbannte“ in „gedanklicher Komplexität“. So auch in der streng gebauten „Hundenovelle“, die Trostloses in „schillernder Ästhetik“ aufleuchten lasse und dies mit der zusätzlichen „Qualität des Moralischen“ verbinde. / Darmstädter Echo
„ist eine Publikationsadresse für neue Literatur. Die Editoren verstehen das Netz als einen Ort, an dem Formen ästhetischer Präsentation erprobt werden, die dem Medium angemessen sind und den Wahrnehmungsverläufen von Netzbenutzern entgegenkommen.“
Bei Acta Litterarum finden sich nur wenige Autoren, deren Werke, die z. T. nicht mehr als Bücher erscheinen, sukzessive herausgegeben werden. So dasjenige von Thomas Körner, der seine Aufarbeitung der DDR dort vorantreibt: http://www.actalitterarum.de/autoren/thomas_koerner.html
Von Ulrich Schödlbauer, dem Herausgeber, findet sich u. a. der Gedichtband „Jonas“: http://www.iablis.de/actalitterarum/us/ionas/index.html
Von Paul Mersmann, Maler und Schriftsteller, werden umfangreiche Malereien insbesondere auf der Nachbarseite Grabbeau sorgfältig aufbereitet:
http://www.iablis.de/grabbeau/raum/mersmann/bilder/krellhinzen.html
Mit „Einträge 08“ von Ralf Willms handelt es sich um „Notat-Gedichte“, die auch als Hörfassung vorliegen: http://www.actalitterarum.de/autoren/ralf_willms.html
Seit 1991 vergibt die Stadt Fellbach im Andenken an den Dichter Eduard Mörike den Mörike-Literaturpreis. 2012 erhält der in Berlin lebende Romanautor und Erzähler Jan Peter Bremer diese Auszeichnung. Er wird den Preis am 7. März 2012 entgegen nehmen. Den Förderpreis in Höhe von 3 000 Euro hat Jan Peter Bremer dem Lyriker Konstantin Ames zuerkannt. Die Verleihung des Mörike-Preises ist stets mit den Fellbacher Literaturtagen verknüpft. Sie dienen der Beschäftigung mit dem Werk des Preisträgers, beleuchten aber auch Mörike selbst immer wieder neu. / SWR
Hier eröffnet das einem Lüpertz-Gedicht von 1982 entsprungene Ausstellungsmotto „Mauern aus Glas“ den Künstler in seiner ganzen neoexpressiven Vielseitigkeit. Der Kunstverein Ulm präsentiert anlässlich des 70. Geburtstags von Lüpertz (25. April) in seiner Klassikerserie von Penck bis Baselitz den „Vater der Neuen Wilden“ mit einer Auswahl von Gouachen und Werken in diversen Drucktechniken sowie plastischen Arbeiten.
Die Urgründe des „Dithyrambenkünstlers“, der die Gegensätze von Gegenständlichkeit und Abstraktion als Reaktion auf die Pop Art schon immer zu einer Synthese der „Anmut“ verbinden wollte, beginnen in einer südöstlichen Dokumentationsvitrine. / Augsburger Allgemeine
Der 35-jährige Tobias Falberg hat den Feldkircher Lyrikpreis 2011 gewonnen. Der Deutsche überzeugte die Jury mit „seiner direkten, aber unaufdringlichen Art des Sternegreifens“. Der zweite Preis ging an die Tirolerin C.H. Huber, der dritte Preis an die Allgäuerin Claudia Scherer. / orf
Im Frühjahr 2012 eröffnet in der Lettretage die erste Berliner Ausstellung von Bild-Text-Gedichten.
Die Literatur der in Israel eingewanderten europäischen Juden handelt immer wieder von der Sehnsucht nach den vier Jahreszeiten, den dunklen Wäldern, von Bären, Wölfen und Füchsen, den großen Flüssen, dem vertrauten Stadtbild, dem „Tollen im Neuschnee“, das Ilana Shmueli in einem ihrer Gedichte beschwört: „blendendes Weiß wie nie wieder.“ Und sie fährt fort: „Flieder von damals / und der Duft verborgener Veilchen // Gras frisch gemäht / glühende Sonne // das Träumen im Nussbaum / kleine grün-braune Finger auf rauher Rinde // das alles lässt sich’s noch nennen?“
Ilana Shmueli war durch ihre Gedichte, ihre Aufzeichnungen und Briefe die wohl letzte Repräsentantin von Czernowitz, das in Israel eine Heimat fand, jener Welt des Klein-Wien, der Musik und der vielen Sprachen, des Rumänischen, Jiddischen, Russischen und Ukrainischen, des Hebräischen und Deutschen. …
Am 11. November ist Ilana Shmueli in Jerusalem gestorben, mit einer letzten Frage, die sie vor Jahren notiert hatte: „In welcher Sprache wird der Tod zu mir kommen?“ / Thomas Sparr, Die Welt
Kaum zufällig beginnt der Band mit einem Kapitel, das einen treffenden Titel trägt und so etwas wie eine Mini-Autobiografie, mithin auch eine Mini-Poetik Scherstjanois präsentiert: «Liebes Deutschland, ich lebe seit 30 Jahren in dir, mit dir. […] Ich hätte früher nie daran gedacht, dass ich in deiner Sprache schreiben werde. In deiner Sprache mich scheiden lassen werde oder neu verlieben.» Dennoch bleiben hier die Leidenschaften, die Prägungen (vor allem die künstlerischen) seiner alten Heimat stets transparent; einzelne Kapitel sind denn auch wiederum Majakowski, aber auch etwa Daniil Charms, Kandinsky, Marinetti, Chlebnikov, Kurt Schwitters und Carlfriedrich Claus in unterschiedlichen Variationen gewidmet. Und: die sie umgebenden und von ihnen geprägten avantgardistischen Strömungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden dabei spielerisch und mit stilistischem Feingefühl ebenfalls porträtiert. Daher fehlt auch nicht ein Kapitel zu Programm bzw. Programmatik bzw. zur Theorie der Lautpoesie. Darin zeigt sich Scherstjanoi erneut als großer Kenner «seiner» – insbesondere futuristischen – Tradition und zudem als versierter Aphoristiker wie gleichsam als «Manifestationist»: «[…] Poesie aus puren Lauten oder Sprachlauten, Mundartistik, / mein Niemandsland, / ohne Staaten und Grenzen, / zwischen zwei Sprachen und Kulturen, / zwischen Russland und Deutschland.» / Oliver Ruf, Neue Zeitschrift für Musik 06/2011, Seite 92
Valeri Scherstjanoi
Mein Futurismus
Mit einem Nachwort von Michael Lentz
Verlag/Label: Matthes & Seitz, Berlin 2011
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