„Wenn du wissen willst, was in einer Gesellschaft los ist, sieh dir die Gedichte an, die ihre Mitglieder schreiben“.
Sagt Ahmed Rashed Thani (49), ein bekannter Autor aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. / The National
Welcher innere Zustand bringt ein Gedicht hervor?
Ich kann nicht ohne eine gewisse Erregung anfangen, ohne ein Versprechen, dass irgendetwas geschieht. Hin und wieder beginne ich ein Gedicht zu früh, manchmal halte ich eine Idee, ein Bild oder die initiierende Energie zu lang zurück und verpasse den richtigen Moment des Anfangs. Für einen alten Lyriker wie mich ist es am besten, auf Teufel komm raus loszulegen, sich einfach mit Begeisterung oder Vertrauen kopfüber in die Sache hineinzustürzen – Risiken einzugehen, immer wieder bereit zu sein, Änderungen vorzunehmen, ein wenig herumzuspielen. Einen Großteil der Zeit ist man natürlich sehr ernst und mürrisch gegen sich selbst.
(…)
„Die Strichelspur von Vaters Eschenstock/ Auf dem Strand von Sandymount/ Ist gleichfalls etwas, was die Flut nicht tilgt.“ Für „Der Strand“, das kürzeste der Gedichte, die Sie für die unlängst in Deutschland erschienene Anthologie „Die Amsel von Glanmore“ ausgewählt haben, scheinen Sie nur mal eben vor die Tür getreten zu sein.
Das Gedicht ist auf ganz eigene Weise hermetisch und spielt auf den „Ulysses“ an, wo Stephen Dedalus über den Strand von Sandymount spaziert. Seine Spuren werden von der Flut nicht getilgt, weil sie für immer in Joyces Roman bewahrt sind. Hier in Dublin ist man sich der Präsenz von James Joyce auf Schritt und Tritt bewusst, und ich hätte nicht über den Strand vor meiner Haustür schreiben können, ohne mich dabei vor Joyce zu verbeugen.
/ FAZ-Gespräch mit Seamus Heaney
Einleitend ist das wohl berühmteste und älteste, von Friedrich Wilhelm Schuster aufgezeichnete und 1865 in Hermannstadt veröffentlichte, von Gottlieb Brandsch 1931 in seine Volksliedersammlung übernommene, auch in mehreren Liederbüchern in Deutschland nachgedruckte Lied aus dem 12. Jahrhundert „Et saß e klin wäld Vijeltchen“ zu hören. Es erscheint hier – im Vergleich zu der auf Volksüberlieferungen fußenden Referenzedition von Brandsch – im durchgehenden Dreivierteltakt, ohne Taktwechsel und mit einigen rhythmischen Eigenheiten, die aber plausibel und vertretbar sind: Niemand weiß, wie die ursprüngliche Melodiegestalt ausgesehen hat. Leider aber ist die mit Bestimmtheit vorauszusetzende äolische Tonart auch hier, wie in allen chorischen Aufnahmen und Liederbüchern, gemieden worden. / Karl Teutsch, Siebenbürgische Zeitung
Sanj ta mer mi – Siebenbürgische Lieder. CD, Tonstudio Pfitzenmaier, Bad Honnef, 2011, zum Preis von 16 Euro, zuzüglich 2 Euro Porto, erhältlich bei Hildegard Bergel-Boettcher, Telefon: (0221) 394605, E-Mail: h.bergel-boettcher [ät] gmx.de.
Google-scan: Zur Metrik der Siebenbürgisch-deutschen Volksweisen – Gottlieb Brandsch
Thursday
by Edna St. Vincent Millay
And if I loved you Wednesday,
Well, what is that to you?
I do not love you Thursday—
So much is true.
And why you come complaining
Is more than I can see.
I loved you Wednesday,—yes—but what
Is that to me?
Lesetip:
Lyrik Kabinett Bd.4
Rudolf Borchardt und Edna St. Vincent Millay
Die Entdeckung Amerikas
Gedichte, Übertragungen, Essays. Herausgegeben von Gerhard Schuster. Mit Beiträgen von Barbara Schaff und Friedhelm Kemp. Zweisprachig englisch/deutsch
306 Seite, Broschur
Buchgestaltung und Typographie von Friedrich Pfäfflin (Marbach).
Lyrik Kabinett, München 2004
ISBN 978-3-9807150-3-4, 28,00 EUR
Der Schriftsteller Qassim Haddad (Bahrain) im Gespräch mit Matthias Hanselmann, DLR:
Hanselmann: Ihr neuestes Buch beschäftigt sich mit einem Dichter aus vorislamischer arabischer Zeit. Er lebte im 6. Jahrhundert. Was ist für Sie interessant an diesem Dichter?
Haddad: Der Dichter heißt Tarafa Ibn El-Abd, er lebte ungefähr 70 bis 80 Jahre vor dem Islam, und er zählt zu dem berühmtesten arabischen Dichtern der vorislamischen Zeit. Er ist einer der Dichter der sogenannten Moallakat, das sind Gedichte, die auf der Kaaba aufgehängt wurden, ganz besonders schöne Gedichte. Und meine Beziehung zu diesem Dichter hat sich aufgebaut sehr früh, und zwar seit der Grundschulzeit, da habe ich ihn zum ersten Mal kennengelernt, einmal, weil ich entdeckt habe, dass er in Bahrain gelebt hat, aber nicht im heutigen Bahrain, sondern dem historischen Bahrain – das ist eine Region, die sich von Oman bis nach Basra im Irak gezogen hat, also eine sehr große Region, die die ganze Golfregion umfasst hat.
Die andere Besonderheit, die mich an ihm fasziniert hat, war sein Standpunkt gegenüber dem Stamm, dem Stammeswesen sozusagen oder der Stammesgesellschaft. Er war ein Rebell, ein eigensinniger Mensch und war sehr aufrührerisch und hatte neue moderne Ideen sozusagen. Für diese Ideen wurde er verfolgt von dem König von Hira, das war der König, der eben in dieser Zeit in Bahrain, in dieser Region, regiert hat. Er hieß Amr Ibn el-Hem, dieser König, und er hat ihn hinrichten lassen. Außerdem hat mich fasziniert an ihm eines seiner Gedichte, und ich finde, es ist eins der schönsten Gedichte, die ich gelesen habe, in der alten arabischen Dichtung.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
Der Dortmunder Physik-Professor Mario Markus hat in seinem neusten Werk jedem chemischen Element ein Gedicht gewidmet / Der Westen
Es wäre nicht nur bei diesem Dichter interessant zu ergründen, in welcher Beziehung der Stadtalltag mit dem Schreiben korrespondiert. Erschienen ist das Buch im mittlerweile anerkannten Verlag luxbooks Wiesbaden. Die Gedichte stehen in mehreren Sektionen, denen Leitmotive vorangestellt sind. Das Verbindende der Abteilungen ist unter anderem Sielaffs eigene lyrische Tonspur, wie auch schon im ersten Buch, allerdings ist ein Vielfaches an inhaltlichen Sequenzen und philosophischen Strukturen hinzugekommen, ohne das man es sofort registriert. Da bemerkt man ein tiefes Staunen über die Welt in den Texten, die dem Leser die Möglichkeit eröffnen, ein anderes Verhältnis zu den Dingen zu entwickeln. Ob es in den Gedichten der Ausstellungsbesuch mit Kind ist oder die Frau mittags mit dem roten Plasteeimer, die Mondnacht oder das älteste Lichtbild der Welt, es ist in den Texten eine seltsame Transformation des Augenblicks zu spüren. Verse und Worte, die einen Überschuss an Bedeutung freisetzen. So auch im Gedicht „Anmerkung zu Platon“, das mit der wundervollen Zeile „ Ich habe nie eine Form für das Glück gehabt“ beginnt. Oder auch der schöne Schlussvers vom Gedicht „Die Wiese“: „ Die Tage endeten ohne zu vergehen“. Mit wenigen Worten trifft Sielaff hier Kindheitsempfindungen der meisten Menschen in der inneren Wahrnehmung. Er erinnert uns an den damaligen unerschöpflichen Zeitvorrat. Diesen Zustand der quengelnden Ungeduld auf Ereignisse, das mühsame Nachdenken über das Ticken der Uhrzeit, die in der Welt der Erwachsenen eine unabdingbare Rolle zu spielen schien. Aber es sind nicht lapidar beschriebene Textbilder, die sich verflüchtigen und einen bloßen Wiederholvorgang im Gedächtnis abrufen, sondern die Verse funktionieren im Verborgenen weiter in einer inneren Klarheit. Notwendig dafür sind Worte, die so und nicht anders auf einer Zeile komponiert sind und literarische Spannungswerte erzeugen. / Thomas Ernest, Dresdner Neueste Nachrichten 28.12.
Volker Sielaff: „ selbstporträt mit zwerg“, Gedichte. Verlag luxbooks Wiesbaden, 2012, 97 Seiten, ISBN 978-3-939557-98-2.
Mehr unter www.tagesspiegel.de/kultur/verzueckungen/5917950.html und www.fixpoetry.com/feuilleton/rezensionen)
Den 1. Platz hat die in Hamburg lebende Autorin Marie-Christin Fuchs mit ihrem Beitrag „51° 32′ 48′ N, 7° 18′ 17′ O“ gemacht. Die Jury war bei dem Text schnell einer Meinung, rundum stimmig hat die Autorin das vorgegebene Thema „Leb im Ballungsgebiet, das an Druckstellen wie Fallobst aussieht“ verarbeitet.
Artur Krutsch aus Dortmund gewinnt den 2. Platz. An seinem Kurzprosa-Beitrag „Student Samson F. in Dortmund-Nord im Monat Juni des vergangenen Jahres“ hebt die Jury den besonderen fotografischen Blick des 1987 in Kirgistan geborenen Autors hervor.
Der 3. Platz und Gewinn wird für zwei Gedichte aufgeteilt, Michael Spyra und Selin Gerlek haben mit ihrer Lyrik überzeugt. Michael Spyra, Jahrgang 1983, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, ausgezeichnet wird er für sein kunstvoll gebautes Gedicht „die stimme im käfig, das licht in der grube“. Selin Gerlek, Jahrgang 1987, studiert an der Ruhr-Universität Bochum Philosophie und Komparatistik. Sie überzeugte die Jury mit ihrem atmosphärisch dichten Beitrag „EinLeuchtendes“. / hier
Charles Demuth war längst viel zu geschwächt – er litt an damals noch unheilbarer Diabetes –, um in den lärmenden Alltag von New York einzutauchen, als er 1928 die Ikone der Stadt schlechthin malte: „Ich sah die Zahl 5 in Gold“, benannt nach einem Gedicht des geistesverwandten Arztes und Schriftstellers William Carlos Williams. Die „5“ ist die Nummer eines „vorbeirumpelnden“ Feuerwehrautos, mit „Glockenklang und Sirenengeheul“, wie es in dem Gedicht heißt.
Der Maler und der Dichter gehörten zum Kreis um Alfred Stieglitz, dem Fotografen, Galeristen, Verleger und schließlich auch Sammler. Stieglitz, 1864 in Hoboken gegenüber von Manhattan geboren und trotz oder wegen seiner deutschen Abstammung stolz „Ich bin Amerikaner“ rufend, hatte an der TU Charlottenburg Fotografie studiert, ehe er in New York zu einem der bedeutendsten Lichtbildner heranreifte. / Bernhard Schulz, Tagesspiegel
«Bisher haben wir die Pubertät gelebt – jetzt ist es Zeit, erwachsen zu werden», erklärt auch Ñaupany Puma, ein Sonnenpriester und Nachfahre des alten Inka-Puma-Stammes, der vor etwa 500 Jahren im südwestamerikanischen Inkareich lebte. «Unsere Erde bewegt sich auf eine höhere Schwingung zu, die uns dazu anregt, in unserem ganzen Wesen feiner zu werden.» / NZZ 27.12.
Nach seinem Tod im Jahre 1993 wurde es um den Dichter, Kalendermann und Essayisten Albin Fringeli still. Sein Werk war nicht mehr greifbar. Im Nachruf auf Fringeli schrieb Kurt Marti: «Da stimmt alles. Da ist Zuverlässigkeit. Die Qualität, die ich bei ihm finde und die ich, hilflos genug, Liebe nenne, macht mich dankbar – und nachdenklich.» In einem sorgfältig gestalteten Band haben nun Ulla Fringeli und eine dreiköpfige Solothurner Fachgruppe wichtige Texte Fringelis versammelt. …
Viele von Fringelis Gedichten atmen den Geist Johann Peter Hebels. Geradezu zur Weltliteratur müsste man seine Ballade «Der Tod am Barschwang» rechnen, die einen tödlichen Bergrutsch beschreibt. / NZZ 20.12.
Albin Fringeli: Dem Bleibenden auf der Spur. Hrsg. von Ulla Fringeli. Lenos-Verlag, Basel 2011. 509 S., Fr. 39.50.
Es gibt viele Wege, sich mit schwieriger Literatur zu beschäftigen. Neben den diversen wissenschaftlichen Methoden legt sich Gelehrten auch immer wieder das Übersetzen als eine besondere Form des Sich-Einlassens und Eindringens nahe. Der grosse Petrarca-Kenner Karlheinz Stierle hat sie im Laufe der letzten Jahrzehnte immer wieder gewählt, um Petrarcas «Canzoniere» und seine geheimen Bauformen besser zu begreifen. Eine erste Kostprobe erschien 1990 in dem Buch «Petrarca. Aus dem Canzoniere». Eine erweiterte Auswahl rundete 1998 seinen Essay «Petrarca: Fragmente eines Selbstentwurfs» ab; 2004 erschien eine nochmals ergänzte Auswahl im Deutschen Taschenbuch-Verlag: «Francesco Petrarca. Ich bin im Sommer Eis, im Winter Feuer». Und diese vergriffene, inzwischen auf 83 Übersetzungen, also gut ein Viertel der italienischen Sammlung angewachsene Auswahl bringt nun der Insel-Verlag wieder heraus unter dem etwas irreführenden Slogan: «Petrarcas weltberühmte Laura-Gedichte neu übersetzt, in einer zweisprachigen Ausgabe». …
Da gerade der Reim sowohl Spiegel der gedanklichen Architektur als auch Teil einer Klangerfahrung sei, die das Eigentliche dieser Dichtung ausmache, schlägt Stierle entgegen dem heutigen Trend zu einer philologisch immer exakteren, bis in die Wortstellung hinein getreuen Übertragung in Prosa den umgekehrten Weg ein. …
Allein diese Untreue um der Treue zur Form willen hat gelegentlich ihren Preis. Wo Petrarca ganz schlicht, für seinen Sprachduktus höchst charakteristisch, «le labbra apersi» sagt (die Lippen öffnete ich), heisst es «mein Lippenpaar entzweit». … / Franziska Meier, NZZ 24.12.
Francesco Petrarca: Canzoniere. Rerum vulgarium fragmenta. Zweisprachige Ausgabe. Ausgewählt und aus dem Italienischen übersetzt von Karlheinz Stierle. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2011. 274 S., Fr. 39.90.
Es geht um die für die rumäniendeutschen Autoren zentrale Zeitschrift «Neue Literatur», in der die angesehenen deutschsprachigen Schriftsteller publiziert wurden. Hier geriet bereits Anfang der siebziger Jahre in der Redaktion ein rumäniendeutscher Redaktor in den Verdacht, der Securitate als Informant zu dienen. Wolfgang Kremm, in Rumänien gebliebenes Gründungsmitglied der «Aktionsgruppe Banat», erinnert sich jetzt an Besuche in der Redaktion in Bukarest: «Eine der ersten Freundschaftsgesten mehrerer von mir, dem Temeswarer Germanistikstudenten, bewunderter Redaktoren war, mich zu warnen. Ich solle mit einem ihrer Kollegen sehr vorsichtig reden, sagte Anemone Latzina (. . .). Selbst mir, dem damals (noch) kaum zu Misstrauen und Vorsicht Neigenden, war klar: In der <Neuen Literatur> gab es eine <undichte Stelle>, einen Spitzel der Securitate, und jeder wusste, wer das ist.»
Als im vergangenen Jahr nach dem Vergleich unterschiedlicher Akten dieser Informant «offiziell» benannt werden konnte, gab es eine heftige öffentliche Debatte, deren Sprachwahl offenbarte, dass das nationalkommunistische Ceausescu-Regime seine Spuren bis heute in den Köpfen einiger der Beteiligten hinterlassen hat, eine individuelle Vergangenheit, die nicht vergeht. Der verdächtigte Redaktor gab zwar eine durch Druck von der Securitate erzwungene Informantentätigkeit zu, die aber lange vor der Arbeit in der «Neuen Literatur» gelegen habe und von ihm mit grosser Willenskraft beendet worden sei. Gegen die Behauptung, er sei der spätere Informant mit den Decknamen «Moga» und «Marin» gewesen, bemühte der Verdächtige hingegen die Gerichte. Und war erfolgreich: Das Münchner Oberlandesgericht verbot mit der Androhung hoher Geldstrafen die Behauptung, der besagte Redaktor sei der Informant.
Unter Rückgriff auf Annahmen über das Unterdrückungssystem des kommunistischen Rumänien befanden die Richterinnen, dass nicht mit ausreichender Sicherheit die endgültige Identität des Informanten zu finden sei. Der rumänischen CNSAS, also der Aktenermittlungsbehörde, die die Spitzeltätigkeit des Redaktors eindeutig bestätigte, wurde letztlich abgesprochen, ihre Entscheidungen objektiv und verlässlich zu treffen. / Markus Bauer, NZZ 27.12.
Richard Wagner (im Blog Die Achse des Guten) allgemein zum Thema:
Es ist in der Securitate – Debatte nicht anders als in jeder anderen Geheimdienstdiskussion auch. Die Zahl der Experten nimmt zu. Und immer ist es selbstverständlich, dass die Opfer die Beweise vorlegen müssen, und die Täter diese für nichtig erklären. Sie haben ein Recht auf ihre Bürgerrechte und wir haben keine Garantie für unsere Menschenwürde.
(…)
Sie, die Täter, finden Verständnis an allen Ecken und Enden der Öffentlichkeit, und darauf setzen sie. Letzten Endes geht es ihnen darum, alles als ungewiss erscheinen zu lassen, und so eine Grauzone zu schaffen, in der zwischen Opfern und Tätern angeblich nicht mehr unterschieden werden könne.
und speziell zum vorliegenden „Fall“:
Es handelt sich um Claus Stephani, der die Akten der Securitate im Laufe der Jahrzehnte unter drei Pseudonymen erheblich anschwellen ließ. Er berichtet jetzt von seinem Jugendpseudonym „Mircea Moga“, und tut so, als hätte es sich mehr oder weniger um eine Jugendsünde in den frühen sechziger Jahren gehandelt, um anschließend den Stoff für gleich mehrere Intrigen zu liefern. Dazu einer der Betroffenen, Dieter Schlesak:
http://schlesak.blogspot.com/2010/11/stephanis-verleumdung.html
Stephani, der erst nach der Wende in die Bundesrepublik kam, war unter zwei weiteren konspirativen Namen in späteren Zeiten als Redakteur der Zeitschrift „Neue Literatur“ aktiv: „Moga“ und „Marin“. Als „Marin“ kann man ihn heute in einem Securitate- Dokument, dass in einem Diskussionsforum der Siebenbürgischen Zeitung zitiert wird, vorfinden:
http://www.siebenbuerger.de/forum/allgemein/1347-faz-claus-stephani-und-die-securitate/#forumid21598
Darin heißt es: Beim Treffen , das am 31. Dezember stattfand, teilte mir die Quelle “Marin“ mit: „Am Morgen des 31. Dezember 1988 sei die Quelle telefonisch von der Frau des Pfarrers Ambrosi darüber informiert worden, dass der Schriftsteller Hauser Arnold, Chefredakteur der Zeitschrift „Neue Literatur“, in der Nacht vom 30. zum 31. Dezember verstorben sei. Die Quelle, die Stellvertretender Chefredakteur derselben Zeitschrift ist, wurde instruiert, mit den anderen Mitgliedern der Redaktion zu diskutieren (…) Er soll uns weiterhin über die eventuellen Spekulationen oder Interpretationen des Falles informieren“.
Der Stellvertretende Chefredakteur der Zeitschrift „Neue Literatur“ war im Jahr 1988 Claus Stephani.
Ja aber, sagt sich der aufgeklärte Mensch, im Mittelalter waren sie für solchen Zauber noch zugänglich, heute sind wir klüger. Das ist Quatsch. ‚Die Gehirne unserer mittelalterlichen Vorfahren arbeiteten wie die unseren.‘ Und gesunde Gehirne gottgläubiger Menschen, stellt Ernst fest, funktionieren unter den gleichen neuronalen Arbeitsabläufen wie gesunde Gehirne von Atheisten. Weil im Mittelalter die Religion das Leben bestimmte, weil die Menschen zum Beispiel noch alle Siebenschläfer mit Namen aufzählen konnten und die Bibel in- und auswendig kannten, auch wenn sie des Lesens nicht mächtig waren, verfügten sie über ein Sensorium, das säkularen Menschen abhanden gekommen ist. Ein Sensorium, das auf der Kenntnis von Heiligenlegenden basiert und das Voraussetzung ist, um Segenssprüche neuronal zu verarbeiten. Die Mediziner des Mittelalters glaubten an die psychosomatische Wirkung des gesprochenen Wortes. Der Schulmediziner des 21. Jahrhunderts bezeichnet es als ‚elektrochemisches Potential‘. / RUDOLF NEUMAIER, Süddeutsche Zeitung 19.12.
WOLFGANG ERNST: Beschwörungen und Segen. Angewandte Psychotherapie im Mittelalter. Böhlau-Verlag, Köln-Weimar-Wien, 2011. 386 Seiten, 49,90 Euro.
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