99. Gesucht

Die Alzheimer-Gesellschaft Thüringen und die Thüringer Allgemeine suchen das schönst Gedicht zum Thema Demenz. Einsendungen bis 5. Januar

98. Literatur, Unter­grund und Kneipe

Irgend­wie sehen sie sich doch ein bisschen ähnlich, Rock’n-Roll-Legende Lemmy Kilmister und Bert Papenfuß. Papenfuß hinter der Bar, Kilmister an der Wand: Papen­fuß eine Berliner Lyrik­legende – auch Rock’n Roll, nur eben lite­rarisch – prägt den Lite­ratur­unter­grund der Haupt­stadt konse­quent und seit Jahr­zehnten. Dass er sich dabei nicht um Trends schert und die Yuppisierung des Viertels irgendwie an ihm abzu­perlen scheint, macht die Idee der Rumbalotte noch sympa­thischer. In der Kneipe Torpe­dokäfer hat Papen­fuß 1994 zusammen mit Stefan Döring zum ersten Mal das Konzept Kneipe und Lite­ratur aus­pro­biert, erzählt er, setzt sich und zündet sich die erste ( von vielen) Zigaretten an. Zusammen grün­deten sie auch die Zeit­schrift Sklaven, die befreundete Autoren aus den 70er, 80er Jahren mit neuen Stimmen des litera­rischen Unter­grunds zusam­men­brachte. Im Torpedo­käfer fanden Lesungen statt. Hier trafen sich Autoren, Verleger von unab­hän­gigen Kleinst­ver­lagen und Zeit­schriften­heraus­geber. Als es dort nicht weiterging, hat Papenfuß viel aus­probiert, andere Lese­reihen in anderen Kneipen, unge­zählte Magazine, Zeit­schriften, Projekte. Mal mehr, mal weniger schräg, doch immer politisch. Allein, in der Gruppe, im eigenen Verlag. Das Tra­ditions­lokal Kaffee Burger hat er auch mal mit­betrie­ben, aber als Berlin Mitte dann Szene wurde und die Lesungen immer mehr zu Partys, ist er aus­gestiegen. »Die Gentri­fizierung hat mächtig zuge­schla­gen«, sagt Papenfuß. »Es war dann eher ein Amüsier­schuppen.« Eigent­lich habe er mit dem Geld durch den Verkauf erstmal Pause machen wollen. »Nach zwei Jahren habe ich mir dann gedacht, eigent­lich gibt es gar keinen Ort mehr für so eine Art Literatur. Subkultur oder Under­ground in Anfüh­rungs­strichen.« …

»Literatur, Unter­grund und Kneipe habe schon immer zu­sammen­gehört. Da hat sich im Prinzip wenig dran geändert«. Jeden­falls nicht in der Rumbalotte continua. Es gibt wohl kaum einen geeig­neteren Ort für diese Art von Literatur. Außer einem Haufen Lite­ratur­zeit­schriften, schrägen Fanzines und Lyrik­antho­logien aller Art kann man noch ein paar Er­kennt­nisse mit nach Hause nehmen: Es gibt sie noch, die künst­lerische Sub­version. Sie muss nicht im Abbruch behei­matet sein und lite­rarischer Rock’n Roll geht auch im Prenzlauer Berg noch ganz gut.

/ Johanna Hemkentokrax besuchte für die aktuelle Ausgabe des Magazins poet (nr. 11) vier literarischen Kneipen und Cafés und hielt ihre Eindrücke in einer Reportage fest.

97. Crashkurs Klagenfurt

derStandard.at: Wie wurden Sie in Klagenfurt aufgenommen?

Krampitz: Sehr freundlich, wirklich sehr freundlich.

Wawerzinek: Jetzt fängt Karsten wieder an zu schwärmen. Bei Kärnten wird er immer larmoyant. Dabei ist die Freundlichkeit, die einem vorgespielt wird, nichts weiter als eine Fassade, die einstürzt, sobald man auseinander gegangen ist. Die Kärntner sind einfach nicht liebesfähig. Die können gar nicht streicheln. Trotz der nach außen gezeigten Freizügigkeit herrscht eine verklemmte Haltung wie in den sechziger Jahren vor.

derStandard.at: Unmittelbar nach Verleihung des Bachmann-Preises meinten Sie: „Ich bin ein wenig Österreicher.“ Auch in einem Ihrer ersten Briefe in „Crashkurs Klagenfurt“ geben Sie sich milde, betonen, dass Sie die Stadt einmal auf sich wirken lassen wollten, um „erst später zu befinden“. In Ihren letzten Briefen wirken Sie jedoch nachgerade anklagend, mitunter verbittert.

Wawerzinek: Das mag sein. Ich habe mit der Zeit schon versucht, mich der professionellen Umarmung zu entziehen, ja, mich sogar ein wenig dumm zu stellen. Damit bin ich eigentlich am besten gefahren. Dazu kam, dass die Leute dort offenbar immer dem neuesten Zirkus hinterher laufen. Bei meiner Antrittslesung waren 70 Leute, drei Monate später kamen nur noch 25.

derStandard.at: Immerhin hat Ihnen die Stadt Klagenfurt freie Kost und Logis gewährt, dazu ein Stipendium in Höhe von 1200 Euro. Der Band „Crashkurs Klagenfurt“ wird vom Land finanziell unterstützt. Kärnten war auch gut zu Ihnen.

Wawerzinek: Gewiss. Aber vonseiten der Politik hatte ich den Eindruck, dass ein Stadtschreiber einfach als notwendiges Übel gesehen wurde. Bei den Menschen hat das Stadtschreiber-Dasein natürlich auch Neid ausgelöst. So frei zu sein, nonchalant dahin zu leben, das irritiert natürlich.

Krampitz: Andererseits sind wir von den Klagenfurter Schriftstellern enorm unterstützt worden. Das hat uns wirklich überrascht. In Berlin ist das ganz anders. In Klagenfurt hingegen kam etwa ein Egyd Gstättner sofort auf mich zu. Den konnte ich immer um Rat fragen. Auch einen Josef Winkler. / Der Standard 12.12.

Crashkurs Klagenfurt, Poesie und Propaganda. 128 Seiten. 17,90 Euro. Das Buch erscheint am 14.12. bei der Edition Meerauge.

Was dürfen die in Kärnten? Textauszug aus Crashkurs Klagenfurt.

96. Li Bais Meditation

Als bloßes Rauschmittel sollte Alkohol bei Li Bai dennoch nicht verstanden werden, stattdessen als eine jener Zauberdrogen der Äußeren Alchemie, die zur Erkenntnis des Dao und der Unsterblichkeit führen können. Erst dank der Kraft des Fusels konnte er seine göttliche Begabung entfalten und mithilfe des magischen Getränks mit Göttern und Geistern in Verbindung treten, die wiederum mittels Lyrik durch ihn kommunizierten. Kurz gefasst handelt es sich also um eine daoistische Meditationsform, die für eine unstillbare Sehnsucht nach dem Absoluten sowie das Finden und Einswerden mit diesem steht. / Der Standard

95. Kubanisch-amerikanischer Wettbewerb

Linden Lane Press ist die Heimstatt kubanischer Exilkünstler und -schriftsteller. In diesem Jahr veranstaltete Linden Lane Press seinen ersten Lyrik- und Malereiwettbewerb. Der kubanisch-amerikanische Lyriker Orlando Ferrand gewann den Lyrikpreis und Candida Rodriguez den Malereipreis. Am Finale beteiligten sich 3 Maler und 5 Lyriker. / pr.com

94. Gestorben

Im Alter von 91 Jahren starb der Schriftsteller Georges Jean, ungekrönter König der Kinderliteratur. Er veröffentlichte zahlreiche Sammelbände, darunter Le livre de tous les pays (Gallimard jeunesse), Le plaisir des mots: dictionnaire poétique illustré (Gallimard jeunesse), Le premier livre d’or des poètes: comment éveiller les petits enfants à la poésie und Mon livre d’or des poètes: l’enfant et la poésie (Seghers). / L’Express

93. Libero

Als 1996 der damals 70-jährige Lokalbesitzer Libero Laganis vor seiner Triestiner Osteria niedergestochen wurde, war der Überfall – der Täter hatte es auf die Tageslosung abgesehen – dem Corriere della Sera einen größeren Artikel wert. Beim Opfer, so der Corriere, handle es sich um den weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten „Wirt von Claudio Magris“, wobei der „Professore“ und Literaturwissenschafter nur einer der vielen prominenten Gäste der Osteria in der Via della Risorta war.

Doch der „sagenumwobene Libero“ (Magris) war mehr als ein Szenewirt, er war ein Original, das zu erzählen, aber auch zuzuhören verstand, und er war einer, bei dem es schon mal vorkommen konnte, dass er Gäste, die ihm unsympathisch waren, des Lokals verwies – und andere, die kein Geld hatten, gratis verköstigte.

Nun hat sich der 1964 in Triest geborene Lyriker Gaetano Longo – als Honorarkonsul Kolumbiens für die Region Friaul-Julisch-Venetien und Organisator des Lyrikpreises Triest eine nicht minder schillernde Figur als Laganis – in Libero. Geschichten aus einer Triestiner Osteria (Wieser Verlag) der Lebensgeschichte des Wirtes angenommen, die er sich von ihm erzählen ließ. / Stefan Gmünder, DER STANDARD 21.12.

92. Vor 125 Jahren wurde Albert Ehrenstein geboren

Karl Kraus ist es zu danken, dass Albert Ehrenstein in die Literaturszene kam. Der Guru der österreichischen Moderne veröffentlichte 1910 in seiner Zeitschrift „Die Fackel“ ein Gedicht des Kollegen, das den Titel „Wanderers Lied“ trug und bald zu den Programmtexten des Expressionismus zählte. In der letzten Strophe schlug Ehrenstein jene Themen an, die seine Poesie prägten, nämlich Pessimismus, Verzweiflung und Lebensekel: „,Töte dich’ spricht mein Messer zu mir! / Im Kote liege ich; / Hoch über mir, in Karossen befahren / Meine Feinde den Mondregenbogen.“ / Ulf Heise, Märkische Allgemeine 23.12.

Wanderers Lied

Albert Ehrenstein

Meine Freunde sind schwank wie Rohr,
Auf ihren Lippen sitzt ihr Herz,
Keuschheit kennen sie nicht;
Tanzen möchte ich auf ihren Häuptern.

Mädchen, das ich liebe,
Seele der Seelen du,
Auserwählte, Lichtgeschaffene,
Nie sahst du mich an,
Dein Schoß war nicht bereit,
Zu Asche brannte mein Herz.

Ich kenne die Zähne der Hunde,
In der Wind-ins-Gesicht-Gasse wohne ich,
Ein Sieb-Dach ist über meinem Haupte,
Schimmel freut sich an den Wänden,
Gute Ritzen sind für den Regen da.

„Töte dich!“ spricht mein Messer zu mir.
Im Kote liege ich;
Hoch über mir, in Karossen befahren
Meine Feinde den Mondregenbogen.

 

Rolf Bulang: Albert Ehrenstein – zum Abschluß der Werkausgabe

Autoren wie Albert Ehrenstein haben es schwer im literarischen Betrieb. Zu Lebzeiten bereits unter dem Schlagwort ģExpressionismusĢ abgelegt, das ihrem langjährigen Schreiben und vielfältigem Werk so wenig gerecht wird wie nur je ein Schlagwort es wurde, kommen sie bis heute nicht aus dieser Schublade heraus. Dabei ist das Etikett nicht einmal ganz falsch – auf eine Reihe Gedichte, ein Gutteil der erzählenden Prosa Ehrensteins trifft es mehr oder weniger zu; und diese Charakterisierung hat während der Wiederentdeckung des Expressionismus in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch dazu geführt, daß einige von ihnen in der ein oder anderen Auswahl nachgedruckt und so immerhin der Furie gänzlichen Verschwindens entrissen worden sind. Aber gerecht wurde all das Ehrenstein nicht, den man schließlich ebenso gut als jüdischen Autor deutscher Sprache hätte wiederentdecken, wie man in ihm auch in erster Linie den heimatlosen Exilanten hätte sehen können, der elend und verarmt in der Emigration starb. In Ansätzen hat eine fleißige Literaturwissenschaft schließlich  all das auch versucht, von der Betonung der spezifisch österreichischen Spielart dieser Gesichtspunkte einmal ganz abgesehen.

/ Marburger Forum

 

Albert Ehrenstein von Ernst Weiß

Albert Ehrenstein, einer der stärksten und eigenartigsten Geister unserer Zeit: diese Stärke ist unverkennbar, aber sie ruht wie Simsons Stärke zuletzt in einem Geheimnis, das für Menschen nie ganz ergründbar ist. Und doch ist an dieser dichterischen Gestalt alles. Form wie Inhalt, und schon vom ersten Werk an, fest umrissen; nur ist es schwer, fast unmöglich, diese einzigartige Linie nachzuzeichnen bis ins Selbstverständliche.

Schon bei dem ersten Werk, das 1910 erschien, bei „Tubutsch“ war es klar, daß jüdischer Geist sich hier mit griechischem Geist vereinigen wollte: der jüdische Geist des alten Testaments, müde gewandert, in Wien gelandet, in staubigen, kleinen, halb rührenden, halb komischen Worten, Räumen, Szenen, Stimmen, auferstehend, todesmüde, wie er war, und doch dem Leben im tiefsten zugewandt, nach rückwärts gewandt, nach den alten Behausungen der vielgewanderten Seele. Der griechische Geist, das Dasein, das tausendtorige Leben in stark umfangenden Armen umklammernd, Ahasver, der ruhelose, auf griechischer Insel, erstaunt über das Groteske der Welt, ewig hungrig nach dem wirklichen Getriebe, nach dem ungeheuren, rettenden Schwung, nach dem großen, endlich beruhigenden, stillenden, und, sei es selbst tötenden Zauberwort.  / mehr

Todrot

Albert Ehrenstein –
Eine Auswahl an Gedichten.
46 Seiten, Broschur – 6 € –
Erstdruck 04/09 – Derzeitige Exemplare 230
ISBN: 978-3-9812619-3-6

91. Aller Anfang

Für Neues Deutschland interviewt Hans-Dieter Schütt den Pfarrer und Dichter Christian Lehnert:

nd: Christian Lehnert, es gibt ein Gedicht von Günter Kunert, darin beschreibt er das Schicksal des Dichters: Er suche nach dem ersten, dem gültigen Wort – finde aber stets nur das zweite, schwächere.

Lehnert: Aller Anfang – das ist jetzt nicht nur dichtungsbezogen, sondern theologisch gedacht – entzieht sich uns ins Mythische, ins Metaphorische. Den Anfang haben wir nicht. Wenn wir über ihn nachdenken, oder auch über das Ende, dann treffen wir auf einen blinden Fleck.

Der Dichter hofft dennoch, das gültige Wort zu finden.

Damit begibt sich ein Gedicht, begibt sich Sprache an den Rand des Möglichen, wo sie gewissermaßen aufzuhören droht. Schreiben ist Zuflucht in der Bewegung, an diesen besagten Rand vorzudringen – und nach dem zu greifen, was man nicht fassen kann.

Was verbindet den Pfarrer mit dem Dichter?

In meiner Religiosität habe ich es ebenfalls mit Metaphern zu tun, mit Bildern, die für etwas stehen, was nicht im Wortsinn existent ist, und doch da, und erfahren wird. Ein Paradox. Die biblischen Geschichten sind stets auch der Ausdruck für den Versuch, einer Erwartung oder einem Vermissen Gestalt zu geben.

90. Doppelt so lang?

Sensation
Stille Nacht: Neue Strophen aufgetaucht
Das berühmteste Weihnachts-Lied der Welt hat jetzt 6 Strophen.

melden die Ösis (Oe24.at). Bevor ich das weitergebe, schau ich lieber mal nach (wär ich Journalist, würd ich sagen: ich recherchiere). Und mein Gedächtnis trübt nicht. Hat schon immer 6 Strophen. Nur die meisten Gesangbücher – katholische wie evangelische – drucken davon fast stets nur die 1., 2. und 6. (Die beiden letzteren auch noch in umgekehrter Reihenfolge). Merkwürdig, denn offenbar haben sie sonst keine Probleme mit vielstrophigen Liedern.

Ösileser unlocker meint:

große Sensation… im Gebetsbuch meiner Mutter stehen auch noch alle 6 Strophen.

Kleiner Tip für die nächstjährige Weihnachtsnummer: Wikipedia hat alle 6 Strophen und daneben die verkürzte Fassung der Gesangbücher.

– Besser gelingt der Ösi-Kulturredaktion die Berichterstattung über eine neue Aufführung der Dreigroschenoper im Wiener Volkstheater. Zwar schreiben sie Brechts Vornamen falsch und verwenden einen recht aufgeblähten Stil:

Zurückhaltendes München, weltoffenes Wien

Während die Münchner, dort feierte das Stück am 22. Jänner unter der Regie von Christian Stückl Premiere, sich mit dem Thema Nacktheit zurückhaltend zeigten – dort blitzte ein Plastikbusen, präsentiert sich Wien ab 16. 12 mehr als freizügig. Schottenberg setzt auf hemmungslose Nacktheit und zeigt die Schauspielerinnen völling entblößt im Eva-Kostüm.

Doch dafür bebildern sie ihren Bericht fast völling erschöpfend mit  14 Farbfotos.

89. Weihnachtstips

In der Süddeutschen vom 21. empfehlen Autoren auf 2 Seiten Bücher zum Fest. Tiefschürfen ist da nicht zu erwarten. Kurt Flasch empfiehlt Thea Dorns und Richard Wagners Buch ‚Die deutsche Seele‘ (Knaus, 2011) als „gescheit und kritisch, die deutsche Seele wird zwischen Abendbrot und Strandkorb ohne Gejammer erforscht, immer an meist zusammengesetzten Substantiven entlang. Zum Glück nicht gar zu ‚tief‘, dafür mit schönen Bildern.“ Alles klar? Dann ist es auch gleich, ob mans kauft oder nicht, die deutsche Seele wird halt zwischen Auschwitz und Strandkorb ohne Gejammer erforscht. Schöne Bilder auch. Frohes Fest!

Roger Willemsen empfiehlt Liao Yiwu in 2 Sätzen, der zweite lautet: „Eine qualvoll errungene Formulierung von Moderne.“ Herta Müller braucht dafür 8 Sätze auf gleichem Raum und überzeugt schon eher. Peter Handke empfiehlt „Bostjans Flug“ von Florjan Lipuš.

Neben dem zweifach bedachten Chinesen ist nur ein Gedichtband dabei, empfohlen von Uwe Tellkamp:

Christian Lehnert, Aufkommender Atem (Suhrkamp, 2011). Geistliche Lyrik, formstreng und traditionsbewusst, dennoch deutlich von einer heutigen Stimme gesprochen, ohne Frömmelei und Pfarrerskitsch, anrührend und einfach, nie simpel. Klarheit und Ruhe.

Nehm’sen Chinesen, oder kaufen Sie was von Lux-, Kooks-, Rugerups & Co., empfiehlt L&Poe. Lange immer noch anwachsende Listen hier.

88. Sprachzensur

Große Aufregung um Wörter aus dem Wörterbuch „Österreichisch-Deutsch“, die auf Glastafeln gedruckt am Wiener Flughafen Schwechat die Besucher begrüßen sollen.

Auf den vor Wochen installierten Tafeln befinden sich Wörter wie „Futlapperl“ Schamlippe oder „wischerln“, was soviel wie urinieren bedeutet.

Die unangebrachten Wörter sollen nun durch „Willkommen-Schriftzüge“ ersetzt werden.

http://noe.orf.at/news/stories/2512659/

Dazu ein Kommentar von Christian Ide Hintze:

2. Wer immer die Idee hatte, diese Wörter dem von Astrid Wintersberger unter beratender Mitarbeit von H.C. Artmann herausgegebenen Wörterbuch zu entnehmen: vor den Vorhang! Das Hosen- und Handtaschenbuch mit dem roten Einband ist weder „für“ noch „gegen“ etwas, es propagiert nichts und bekämpft auch nichts, es zählt lediglich einige Wörter auf, gibt ihnen eine literarische, eine augenzwinkernde Note und eignet sich als Türöffner für labyrinthische Sprachspiele jeglicher Art. (…)

4. Wer immer die Idee hatte, die Wörter „Futlapperl“ und „wischerln“ zu zensurieren, mit Packpapier zu verhängen und damit besonders hervorzuheben: vor den Vorhang! Die beiden Wörter sind geradezu prädestiniert für Phantasien über etymologische oder lautmalerische Zusammenhänge.

5. Wer immer die Idee hatte, die Zensurmaßnahme mit dem Argument, es sei „unerlässlich, dafür Sorge zu tragen, dass Passagieren keine potenziell fremdenfeindlichen, diskriminierenden, frauenfeindlichen oder religiöse Gefühle verletzenden Inhalte aufgezwungen werden“ , zu rechtfertigen: runter von der Bühne! Bierernst trifft die Sache ebenso wenig wie die Verwechslung von lexikalischen Begriffen mit Inhaltsangaben oder Botschaften. …

6. Wer immer die Genehmigung zur Aufstellung dieser Wörter gegeben, dann wieder zurückgezogen bzw. beschränkt hat, muss irgendwann einmal – vielleicht zum allerersten Mal überhaupt – angefangen haben, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

7. Ich ziehe meinen Hut vor Artmanns Fähigkeit, über seinen Tod hinaus das p.t. Publikum, auch das pressesprecherische, mit Fragen zur Sprache zu beschäftigen.

/ DER STANDARD – Printausgabe, 14. Dezember 2011

87. $ 50.000 für ein Gedicht

„Per Vers bekomm ich 1000 Eier“, prahlte einst Robert Gernhardt. Ein australischer Dichter hat es wirklich geschafft. Mark Tredennick gewann den erstmals ausgeschriebenen Internationalen Lyrikpreis von Montreal, mit 50.000 Dollar (37.000 Euro) wohl der höchstdotierte Preis für ein Einzelgedicht. 3200 Gedichte wurden von Lyrikern aus 59 Ländern eingesandt. Der frühere britische Poet laureate Andrew Motion wählte den Gewinner aus einer Shortlist von 44 Gedichten aus. Die Gedichte der shortlist waren anonymisiert. Der Preis wird durch Spenden finanziert und von Freiwilligen organisiert.

Tredennick schrieb das Gedicht kurz nach dem Tsunami in Japan bei einem Spaziergang am Columbiafluß in den Vereinigten Staaten.

Mit dem Preisgeld werde er Schulden begleichen („Dichter leben mit Schulden“), sich Ruhe zum Schreiben erkaufen und vielleicht einen Füllhalter, ein Jackett, einen Laptop für die Tochter, eine Reise zu einem japanischen Tempel zum 50. Geburtstag und die Rückkehr nach Columbia.

Der Text des Gedichts kann auf der Website des Preises nachgelesen werden.

/ nach Susan Wyndham, Sydney Morning Herald

86. Biermanns Schatzkiste

Beim Kramen in seiner Schatzkiste sind traurig-schöne Entdeckungen zu machen. Die von dem Südkoreaner Kim Min’Gi verfasste Hymne der Opposition gegen die Militär-Diktatur mit dem melancholischen Titel „Morgentau“, das Gedicht eines jüdischen Knaben (Franta Bass), der vierzehnjährig in Auschwitz ermordet wurde oder Jiří Suchýs Schlager „Student mit den roten Ohren“, den dieser einst für seine „Leibsoubrette“ Hanna Hegerová schrieb.

Es gibt aber auch Wiederbegegnungen mit bekannten Dichtern wie Shakespeare und seinem berühmten 66. Sonett, das Biermann seit jeher eine Herzensangelegenheit ist, mit Sergej Jessenin und Bulat Okudžava, Bob Dylan oder mit Louis Aragons Gedicht „Glückliche Liebe“, dem Biermann in einer Hass-Liebe verfallen ist. /  Carola Wiemers, DLR

Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn – Nachdichtungen und Adaptionen
Hoffmann & Campe, Hamburg 2011 
526 Seiten, 26 Euro

85. Übersetzung mit Flow

Aber auch bei diesen Schach­spielern gibt es einen Moment, in dem das Verfah­ren beinahe ad absurdum geführt wird und ein Humor auf den Plan tritt, der die metarealen Verbindungen noch glaub­würdiger macht:

Schach – weißer Schacht, in dem du abwärtssaust.
Aufs schwarze Quadrat plumpst eine Fledermaus.

Dieser Gedichtband wird seinem Anspruch gerecht, seinen Autor dem deutschen Publikum vorzu­stellen und gleich­zeitig ein Stück Lite­ratur­geschichte zu präsen­tieren. Diese Lite­ratur­geschichte wird in den Über­setzungen Hendrik Jacksons lebendig und macht Freude. Und schließlich ist da auch tatsäch­lich etwas Russisches in den Texten, das durchaus auch mit dem deut­schen, romanti­schen Russland-Bild von langen Bahn­reisen korres­pondiert. – Russisch­kenner werden viel von der Zwei­sprachigkeit haben und bisweilen auch Abwei­chungen vom Ori­ginal feststellen. Die Genauig­keit von Hendrik Jacksons Über­setzungen liegt im Flow, der einen förmlich durch die Texte treibt. Und wer kein Russisch kann: Warum sollte man sich nicht über den über­schau­baren Umfang freuen und die Gelegen­heit nutzen auf Tuch­fühlung mit dem Kyril­lischen zu gehen. Das Ganze präsentiert sich in der üblichen, opulenten Aus­stattung des Kookbooks-Verlags. Viel Spaß damit! / Tillmann Severin, Poetenladen

Alexej Parschtschikow
Erdöl
Gedichte
Übersetzung: Hendrik Jackson
kookbooks 2011
EUR 19,90