5. Lesefehler

Jemand den gleichen?

Für das letzte Schild an einem Pfeiler des Bürgerturmes haben sich jetzt private Spender gefunden, die sich mit einem besinnlichen Gedicht verewigt haben wollen. / hier

4. „Literarische Rowdys“

Denn die Parolen und Losungen der „literarischen Rowdys“, wie sie jetzt beschimpft wurden, lauteten:

  • Zerschlagung der Kunst!
  • Wir hauen die Natur entzwei! Um etwas Neues daraus zu machen.
  • Die Oberiuten sind eine neue Formation revolutionärer Kunst!
  • Wir sind Oberiuten und keine schreibenden Saisonarbeiter!
  • Wir sind nicht Lieferanten zeitkonformer Literatur!
  • Und Gedichte müsse man so schreiben,…
  • …dass das Glas zerspringt, wenn man sie gegen ein Fenster schmeißt.

Solche Provokationen entfachten den lautstarken Protest der tonangebenden Literaturfunktionäre. Publikationen wurden unterbunden, die Veranstaltungen angegriffen und diffamiert. Das Ende läutete ein Schmähartikel in der Zeitschrift „Smena“ vom 9. April 1930 ein, in dem den Oberiuten Widerstand gegen die Diktatur des Proletariats unterstellt wird.

Das war das praktische Verbot. Oberiu war die letzte eigenständige „linke“ avantgardistische Gruppierung in Leningrad vor der offiziellen Gleichschaltung.

Zu Lebzeiten sind deshalb nur zwei Gedichte von Charms in Almanachen erschienen, für sein 1927 fertiggestelltes Buchmanuskript „Die Leitung der Dinge“ fand er keinen Verlag. Um 1930 muss ihm klar gewesen sein, dass er nur für sich und den Freundeskreis schrieb. / Rainer Schmitz, DLF

Daniil Charmes:
Werkausgabe in vier Bänden. Galiani Verlag, Berlin 2010 bis 2011. Herausgegeben von Vladimir Glozer und Alexander Nitzberg. Aus dem Russischen von Beate Rausch und Alexander Nitzberg. Je 24,95 Euro

Gudrun Lehmann:
Fallen und Verschwinden Daniil Charms. Leben und Werk. Wuppertal Arco Verlag 2010. 39,90 Euro

Marina Durnowo:
Mein Leben mit Daniil Charms. Aus Gesprächen zusammengestellt von Vladimir Glozer. Galiani Verlag, Berlin 2010. 16,95 Euro

3. Poesie und Preise · Und eine Reise zum FIXPOETRY.Verlag nach Hamburg

Dieser Essay widmet sich zum einen, dem lite­rari­schen Buch­programm des 2011 von Julietta Fix in Hamburg ins Leben gerufenen FIXPOETRY.Verlags, das mich gleich mit mehreren druck­frischen Büchern vom Hocker reißt, zum anderen schallt die eine oder andere Frage hinsicht­lich der Vergabe von Literatur­preisen, die sich während der begeis­ternden Lektüre von Brigitte Struzyks bei FIXPOETRY erschie­nenem Gedichtbuch alles offen hartnäckig, querköpfig, unduldsam hinter der Stirn plaziert, in den von allerlei Getier bevöl­kerten Wald im Hinter­land hinein. …

Das Gedicht material comfort begeistert mich derart, daß ich es wieder und wieder lese – allein schon diese Auftakt-Verse: and against all odds / i did find god. Die ›phantastische‹ alliterative Kombination phlogiston flowers wirkt im Zusammen­hang der Verse elektrisch aufge­laden, gleichsam mag­netisch zieht sie mich an wie die ehemalige 100-Watt-Glühbirne das Insekt, und ich lese, „bis die Wimpern vor Müdig­keit leise klingen“ (Elias Canetti). Flowers / pebbles … are the all-powerful paradoxical stone / exothermic needs / child’s delight / silence / fault in the firing – material comfort ist, in Worteinheit mit dem anschlie­ßenden Gebet appropriate alpha­betical, ein Gedicht, das ich mit Wonne lese. – This graphic book of remembrance is a book against seas of oblivion. I whisper: Thank you.

Der FIXPOETRY.Verlag hat also angefangen, so richtig Dampf zu machen: Mit Johannes CS Franks Erinnerungen an Kupfercreme, Susanne Eules‘ ubern ruckn des antlantiks den rand des nachmittags und Brigitte Struzyks Drachen über der Leninallee, alle im März 2012 erschienen, steigt der Verlag bereits ein Jahr nach der Gründung in die erste Liga der jungen Lite­ratur­verlage im deutschen Sprach­raum auf. Und für die Leser, die der Vergleich mit dem Sport befrem­den mag (denn Sport ist bekannt­lich auch Mord – Literatur etwa nicht?), formuliere ich es so: Das sind Bücher, denen ich nach dem für alle Bücher selbst­ver­ständ­lichen Willkommensgruß so richtig gern Unterschlupf biete in meinem kleinen Wörterhaus. Das sind Bücher, die mich auf- und erregen, die den Meta­bolismus dermaßen in Schwung bringen, daß ich auf einmal wieder federleicht durchs Dasein schwebe und Mrs Columbo mit Jubelrufen auf die Nerven gehe (hoffent­lich nicht …). Auch Jan Deckers Buch Der Abdecker mit Essay, Lyrik und Prosa schlägt eine ganz eigen­wil­lige Tonart an, deren Sequenzen ich sehr gerne folge. Christine Hoba ist eine feine Entdeckung mit Gedichten, die mein Interesse anhaltend binden, im selben Buch bringt Christian Kreis das Sowohl-als-Auch der ewigen Dilem­mas im unersättlichen Dasein ganz „einfach“ auf den Punkt: Mundraub // Ich werde meine Lippen / mit Sekunden­kleber bestreichen / dich küssen und dann / einfach fort­gehen. …

Im vergangenen Jahr bereits läßt mich unter den Premiere-Titeln das eine oder andere FIXPOETRY-Buch auf­horchen, dessen Lese­eindruck ich in dem am 1. Januar 2012 ver­öffent­lichten Essay Von Buch zu Buch. Lesezeiten 2011 kurz festhalte: „So weise ich frech auf den Band da kapo mit CS-Gas hin, in dem ich kalt­herz­blütig auf­notierte (montierte) Gedichte von Kai Pohl und Clemens Schittko lese, von denen ich mich am 5. Dezember zwischen 16 und 17 Uhr frei und willig in die Zange nehmen lasse. Der gemein­schaft­liche Band ist 2011 im Hamburger FIX­POETRY.Verlag erschie­nen – wie auch die Antho­logie Brenn­punkte mit Gedichten von sechs Auto­rinnen aus der Schweiz sowie Brigitte Struzyks alles offen – – – von wegen „alles offen“: Im Gedicht Verkehrt heißt es im ersten Vers Verflogen kam der Vogel an und später (hier klopft Christa Wolf an die Tür): Kein Ort hier, nirgends offen.“

Während ich Brigitte Struzyks originelles, vor vitalen Versen strotzendes Lyrikbuch alles offen las, kamen mir erste, via Mail, Skype oder Telefon geäußerte, Mut­maßungen, wer denn den anste­henden Peter-Huchel-Preis gewin­nen könnte, zu Ohren. Ich dachte im Anschluß an die über weite Strecken fes­selnde Lektüre, daß Brigitte Struzyk diesen Preis mit alles offen durchaus gewinnen könnte, es wäre eine gute Ent­scheidung, hoffte im stillen jedoch auf Ulrich Zieger und Auf­wartungen im Gehäus und ahnte, daß Joachim Zünders wahrhaft gute Rauch­geister sich im Hinblick auf den Preis in Luft auf­lösen würden. Ich kann die Ent­scheidung für Nora Bossongs schönes Gedicht­buch Sommer vor dem Mauern nach­voll­ziehen, das ich sehr gern gelesen habe, wie ebenfalls im Essay Von Buch zu Buch nachzulesen ist, und während ich das hier aufnotiere, bin ich ganz bei Susan Sontag, die im 1964 publi­zierten Essay Notes on Camp betont: Camp taste is, above all, a mode of enjoyment, of appreciation – not judgment. Camp is generous. It wants to enjoy. It only seems like malice, cynicism. (Or, if it is cynicism, it’s not a ruthless but a sweet cynicism.) / Theo Breuer, Poetenladen

  • Kerstin Becker, Fasernackte Verse, Gedichte, Vorwort von Jürgen Brôcan, Bilder von Wienke Treblin, 62 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Jan Decker, Der Abdecker, Essay / Gedichte / Prosa, Vorwort von Jürgen Brôcan, Bilder von Wienke Treblin, 65 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Susanne Eules, ůbern růckn des atlantiks den rand des nachmittags, Gedichte, mit Artwork von Korinna Feierabend, 98 Seiten, Klappenbroschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012.
  • Johannes CS Frank, Remembrances of Copper Cream · Erinnerungen an Kupfercreme ·זכרונות של נחושת וקצפת, Lyrik und Prosa, ins Deutsche übertragen von Florian Voß und Ron Winkler, ins Hebräische übertragen von Judi Hetzroni und Merav Salomon, bebildert von Felix Scheinberger, 148 Seiten, Hardcover, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012.
  • Herbert Hindringer · Judith Sombray, Nähekurs, Gedichte, 48 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Christine Hoba & Christian Kreis, Dummer August und Kolumbine, Zeichnungen von Felix Scheinberger, Nachwort von André Schinkel, 59 Seiten, Klappenbroschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2012.
  • Julia Mantel, dreh mich nicht um, Gedichte, Bilder von Petrus Akkordeon, Vorworte von Kurt Drawert und Jörg Sundermeier, 47 Seiten, Broschur, FIXP­OETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Kai Pohl · Clemens Schittko, da kapo mit CS-Gas, Gedichte, 59 Seiten, Broschur, FIX­POE­TRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Brigitte Struzyk, alles offen, Gedichte, mit einem Vorwort von Peter Wawerzinek und Bildern von Elke Ehninger, 117 Seiten, Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Brigitte Struzyk, Drachen über der Leninallee, Roman, 287 Seiten, Klappenbroschur, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2012.
  • Charlotte Ueckert, Dein Haar ist mein Nest, Gedichte, Vorwort von Peter Engel, 34 Seiten, Broschur, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Gerrit Wustmann, Beyoglu Blues, Gedichte, deutsch – türkisch, ins Türkische übertragen von Miray Ath, 33 Seiten, Broschur, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Julietta Fix (Hg.), Brennpunkte. Lyrik aus der Schweiz, Gedichte von Irène Bourqin · Brigitte Fuchs · Svenja Herrmann · Marianne Rieter · Nathalie Schmid · Elisabeth Wandeler-Deck, Illu­strationen von Judith Sombray, Vorwort von Beat Brechbühl, 68 Seiten, Broschur, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Julietta Fix (Hg.), ein Bild von einem Gedicht, Bilder und Gedichte von Michael Arenz · Klara Beten · Jan Decker · Peter Ettl · Sabine Georg · Herbert Hindringer · Magdalena Jagelke · Ulrich Koch · Sünje Lewejohann · Undine Materni · Frank Norten · Silke Peters · Sophie Reyer · Ulrike Almut Sandig · Iris Thürmer · Janin Wölke · Michael Zoch, 116 Seiten, Broschur, Querformat, FIX­POETRY.Verlag, Hamburg 2011.
  • Julietta Fix (Hg.), Mehr und weniger. Erste bis letzte Poetry­letter 2010, Gedichte von Bernd Bohmeier · Manfred Chobot · Ulrike Draesner · Hans-Jürgen Heise · Thilo Krause · Christoph Leisten · Sabina Lorenz · Hellmuth Opitz · Francisca Ricinski · André Schinkel · Gerd Sonntag · Christoph Wenzel u.v.a., 63 Seiten, geheftete Broschur, FIXPOETRY.Verlag, Hamburg 2010.

2. National Poetry Month on Long Island

APRIL is National Poetry Month, which means different things in different places on Long Island, but at least three events will celebrate Walt Whitman, the island’s own “good gray poet,” who was born in West Hills in 1819. …

At Whitman’s birthplace in West Hills, meanwhile, a monthlong project called “Poem in Your Pocket” will work like this: Visitors will be able to take home examples of Whitman’s shorter poems, printed on “paper that will easily be folded in half or quarters to fit in the pocket,” said Cynthia Shor, executive director of the Walt Whitman Birthplace Association, which operates the center. Later, those who took the poems will be able to hand them, or read them aloud, to (possibly surprised) co-workers, friends and neighbors. / The New York Times

1. Lyrikszene

Die Gedichte von Katharina Schultens bewegen sich mit vehementer Sicherheit, unter Zuhilfenahme von allerlei Fachsprachen, durch die Gegenwart. Was aber nicht bedeutet, dass sie in sich nicht mehrere Achsen aufweisen, um sich kreisen, durcheinanderwirbeln würden. Das Besondere ist die Perspektive, durch die Kurs gehalten wird: Sie ist nämlich nicht stabil, es gibt etliche Wahrnehmungswechsel und -störungen, Dreh- und Kippmomente. …

Sabine Scho, 1970 geboren, hat ihren ersten Band bereits veröffentlicht, als von einem neuen Boom noch nichts zu spüren war: Schos Texte sind wunderbar sperrige Wortkunstwerke in der Tradition von Thomas Klings Klangexperimenten. Scho ist Übersetzerin. Sie überträgt dabei allerdings nicht die eine Nationalsprache in eine andere. Vielmehr geht es ihr um das Übersetzen von Visuellem in die Form des Gedichts. …

Endlich scheine deutsche Lyrik wieder mit Geschichte gefüllt zu werden, freute sich der Kritiker Helmut Böttiger bei Erscheinen des Bandes „Erdkunde“. Auch Marcel Beyer, seit vielen Jahren in Dresden beheimatet, hat sich in den letzten Jahren stark von Bildern und Fotografien anregen lassen. / Ulrich Rüdenauer, Südwest Presse

139. Nâzim

„Nâzim“ heißt das Werk, das an den Lyriker Nâzim Hikmet (1902-1963) erinnert.

Die konzertante Aufführung hat eine Vorgeschichte: Im Auftrag des türkischen Kultusministeriums hatte Fazil Say ein Oratorium komponiert, das 2011 in Ankara uraufgeführt wurde. Damals dirigierte Ibrahim Yazici. Elf Jahre später steht er in Elberfeld auf dem Pult: Yazici leitet auch den Abend im Großen Saal. Nach wie vor geht es dabei um Freiheit und Gerechtigkeit – die zentralen Themen des Lyrikers. Hikmet unterstützte die türkische Befreiungsbewegung – trotz Haft und Zeiten schwerer Krankheit. Politische Verfolgung, Publikationsverbote, lange Jahre in Gefängnissen und die Exil-Phase in der Sowjetunion prägten sein Leben. / Westdeutsche Zeitung

138. Öffentlich als Lyrikerin

Amerikanische Dichter werden selten öffentliche Figuren, und wenn sie es werden – Allen Ginsberg, Robert Frost – zahlen sie üblicherweise dafür. Manchmal ist der Preis ein zeitweiliges Absinken des literarischen Rufs (andere Dichter verzeihen ihnen den Ruhm nicht), öfter bekommen sie es nur mit überzogenen Erwartungen zu tun. …

Deshalb ist es gut, sich daran zu erinnern, daß Adrienne Rich, die am Dienstag starb, zwar tatsächlich eine inspirierende kulturelle Kraft war, aber im Kern Lyrikerin blieb. Und die widerspenstigen politischen Haltungen, für die sie berühmt wurde, stimmen völlig mit dieser Identität und ihrem langen amerikanischen Erbe überein. / David Orr, New York Times 30.3.

137. Politik, Lyrik und Zeichnung

Der politische Artikel muss ausgewogen sein; die Gedichte der Politpoeten nehmen sich die Freiheit zur Einseitigkeit und zum politischen Appell. „Machen Sie etwas auf / eigene Gefahr bei Veranstaltungen / mit Volkscharakter, bei vorsätzlicher / oder grob fahrlässiger Berichterstattung, / bei defekten Erklärungen oder plumpen / Manipulationen an der Gesellschaft“, lesen wir bei Hendrik Rost. Am Ende freilich gilt: „In brief: This is only a poem. Turn the page, it doesn’t even rhyme.“ So Herbert Hindringer. / Hans-Dieter Fronz, Badische Zeitung 31.3.

Galerie Fluchtstab in Staufen: „Lyrik und Zeichnung“
Galerie Fluchtstab, Kirchstr. 16, Staufen. Bis 13. Mai, Freitag 15-18 Uhr, Samstag 10-13 Uhr.

136. Kronendichters letztes

Der „Kronendichter“ Wolf Martin hört auf (für Deutsche: die Neue Kronen-Zeitung, genannt „Krone“, ist Österreichs BILD). 28 Jahre lang hatte er in dem Blatt ein tägliches Gedicht publiziert, oft zur klammheimlichen Freude mancher Leser. Die Presse zitiert:

Im Jahr 1994 wählte er etwa den 20. April, also den Geburtstag Adolf Hitlers, um zu reimen: „Ich feiere, wenn man mich läßt, heut jenes Adolfs Wiegenfest, der einst in unserm schönen Land an allererster Stelle stand“ – um schließlich in der letzten Zeile anzumerken, dass es ihm um den früheren Bundespräsidenten Adolf Schärf gehe. Ein anderes Mal fiel ihm zu diesem „großen Tag“ ein: „Ihm seis zur Ehre, uns zum Heil: ‚Taxi orange‘, der II. Teil!“

Martin hatte sich vor seiner „Krone“-Karriere als Sozialist, Kommunist und Homosexuellen-Aktivist versucht.

Hier Text und Würdigung in der „Krone“

Hier findet man neben einer Kronen-Strophe Beispiele österreichischer Volksdichtung, beides zum Thema Elfriede Jelinek

135. Exerzitien und Heilandsreste

Diese Gedichte geben vor, Geschichten zu erzählen, aber diese Geschichten lassen durch Verkürzungen und Verknappungen alles in der Schwebe, sie siedeln in einem Zwischenraum, in dem nichts auserzählt wird, sondern alles nur im Modus der Andeutung greifbar wird. Manchmal sind es verstörende Geschichten, unheimliche Kindheitsbilder, grell leuchtende Rätsel. Oder es sind – wie im preisgekrönten Gedichtband „Sommer vor den Mauern“ – poetische Illuminationen, die sorgsam katholische Bilderwelten erkunden, wobei die Aura des Religiösen auf das hellwache säkulare Bewusstsein der Dichterin trifft.

Diese Gedichte, die in einem Gestus leiser Verhaltenheit daherkommen, erreichen eine Luzidität, die man in der Gegenwartslyrik selten antrifft: „Ich gehe durch den Garten / zu den Fröschen, ein Zirpen / zoologische Verwirrung, /am Hangweg zittert Bambus / wieder und da: wieder, mein Jesuit / der auf die achte Plage lauert. / Ich pack den Teich am Schilf / ein Wasserläufer leuchtet auf / verludert, das Jesuitenlachen / klingt durchs Unterholz und nichts / steht fest an diesem Tag, nichts liegt / flach und leblos in meiner Hand.“ / Michael Braun in einem Porträt der Huchelpreisträgerin, Badische Zeitung 31.3.

  • Nora Bossong: Sommer vor den Mauern. Carl Hanser Verlag (Edition Lyrik Kabinett), München 2012. 96 Seiten, 14,90 Euro.
  • Der vom Südwestrundfunk und vom Land Baden-Württemberg gestiftete Peter-Huchel-Preis wird am 3. April um 11 Uhr im Stubenhaus in Staufen überreicht.

134. Wort und Leben

What kind of beast would turn its life into words?
What atonement is this all about?
–and yet, writing words like these, I’m also living.

Adrienne Rich (1929-2012) aus: Love Poem VII (hier ganz)

133. Adrienne Rich gestorben

Die amerikanische Lyrikerin Adrienne Rich starb am Dienstag im Alter von 82 Jahren. The New Yorker schreibt:

Ihre Stimme wird seit drei Generationen gehört. Von ihrem 1963 veröffentlichten Gedicht “Snapshots of a Daughter-in-Law”, einer modernistischen Collage, die leichtfertige Aussagen über das Leben von Frauen bei Horaz, Diderot, Eliot und Shakespeare in dichte, wütende Strophen über häusliche Gefangenhaltung umformt („Dolce* ridens, dulce loquens / she shaves her legs until they gleam / like petrified mammoth-tusk“) [süß lachend, süß redend / rasiert sie ihre Beine bis sie glänzen / wie versteinerter Mammutstoßzahn] bis zu ihren umfangreichen späten Gedichten, die die Liebe zwischen zwei Frauen behandeln, weitete sie kontinuierlich Kategorien weiblicher Identität aus. Sie war eine Entdeckerin, „tauchend ins Wrack“, so der Titel eines ihrer bekanntesten Gedichte, um uns dabei zu helfen, das zu finden, was nackt und unbeschwert in uns selbst schlummert: „das Wrack und nicht die Geschichte vom Wrack / das Ding selbst und nicht die Mythe.“

Auf der Website Links zu Gedichten, die sie zwischen 1953 und 1958 in der Zeitschrift veröffentlichte.

*) offensichtlich Tippfehler für dulce

Die Schaffung einer Gesellschaft ohne Herrschaft: So lautete das Ziel einer der größten Feministinnen unserer Zeit. Ihr Mittel: Die Poesie. / Süddeutsche Zeitung

Weitere Nachrufe: die Standard („Ich schreibe als Frau, als Lesbe und als Feministin“) / NZZ / Washington Post / Los Angeles Times / Guardian

132. Bezahlungsmodell

Doch alles spricht dafür, dass sich in der aufziehenden Spotify-Simfy-Google-Ära ein pauschales Bezahlungsmodell durchsetzen wird – egal ob man das jetzt Geräteabgabe, Kultur-Flatrate oder anders nennt. Vielleicht sollten sich alle, denen es ernst ist mit der fairen Bezahlung der Künstler, noch einmal mit einem Projekt des Max-Planck-Instituts für Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht befassen. Fünf Rechtswissenschaftler haben in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre dort den Ansatz verfolgt, dass Künstler immer angemessen bezahlt werden sollen – egal, ob sich das Werk vermarkten lässt oder nicht. Als die Forscher im Jahr 2000 der damaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin den Entwurf zu einem geänderten Urhebervertragsrecht vorlegten, war sie bereit, einen entsprechenden Gesetzesentwurf zu verabschieden. Der Juraprofessor Karl-Nikolaus Pfeifer, der dem Magazin brandeins in der Dezember-Ausgabe davon erzählte, verschwieg auch nicht das traurige Ende dieser Initiative: ‚Die Buchverlage haben einen Sturm der Empörung entfacht. Sie wollten die Beteiligung der Urheber unverändert lassen, sie also nur eventuell im Erfolgsfall beteiligen. Wenn sie selbst kein Geschäft machten, sollte der Autor auch nichts dafür bekommen können.‘

Urheber und Verwerter haben mitnichten die gleichen Interessen und selten verhandeln sie auf Augenhöhe.  / Jürgen Ziemer, Süddeutsche Zeitung 20.3.

131. Tuvia Rübner erhält den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2012

Der israelische Lyriker Tuvia Rübner (88) erhält den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Stiftung schreibt:

Tuvia Rübner, der sich in seinem Gedicht „Wer hält diese Eile aus“ (2007) als „ein Kind des zwanzigsten Jahrhunderts“ bezeichnet, wurde am 30. Januar 1924 in Pressburg (Bratislava) in eine deutschsprachige bürgerliche Familie „des gehobenen Mittelstands“ hineingeboren; den hebräischen Namen seines Großvaters erhielt er zu seinen beiden deutschen Namen Kurt Erich hinzu. Sein 1885 in Losoncz geborener Vater Moritz Manfred Rübner war administrativer Leiter der Pressburger Filiale einer internationalen Speditionsgesellschaft und wurde auf „sein eigenes Verlangen“ entlassen, als die Gesellschaft in den Besitz der Deutschen Reichsbahn übernommen worden war. Seine Mutter Alica Grünwald (geb. 1899) stammt aus dem nordwestslowakischen Šaštín.

Nachdem die jüdischen Schüler in Pressburg das Deutsche Staatsrealgymnasium und das slowakische Gymnasium nicht mehr besuchen durften, fand Tuvia Rübner Anstellung in einem Betrieb, in dem sich junge Juden auf die Auswanderung vorbereiteten. Mit einer kleinen Gruppe von Freunden aus dem zionistischen Jugendbund „Haschomer Hatzair“ gelangte er im Mai 1941 aus der Slowakei über Budapest in das damalige Palästina, in den Kibbuz „Merchavia“ (der Name bedeutet, nach einem Psalm, „Gottes Weite“). Dieser 1911 nach dem Plan des deutschjüdischen Soziologen Oppenheim als Genossenschaftssiedlung gegründete Kibbuz war der erste Kibbuz im Emek Jezreel. Hier blieb und arbeitete Rübner 12 Jahre, zunächst als Schafhirte. …

Aus dem Kibbuz korrespondierte Tuvia Rübner mit seinen Eltern im „Feindesland Slowakei“ über den Postverkehr des Roten Kreuzes, der beschränkt war auf einen Brief alle zwei Monate mit jeweils 25 Wörtern und nur persönlichen Nachrichten. Am 12. Juni 1942 wurden Tuvia Rübners Eltern und seine damals dreizehnjährige Schwester Alice nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die letzte Nachricht von ihnen war ein über das internationale Rote Kreuz aufgegebenes Telegramm vom Juli 1942: „sind ausgesiedelt nach Generalgouvernement ehemaliges Polen. Neues Domizil erfahret durch Jüdische Soziale Selbsthilfe Krakau, Postfach Nr. 211“. (zit. in Ulrike Kolb: Dichten müssen. Zum 80. Geburtstag des israelischen Lyrikers, Übersetzers, Literaturwissenschaftlers und Fotografen Tuvia Rübner. In: Frankfurter Rundschau, 30.1.2004).

Im Kibbuz wurde Rübner mit dem Neuhebräischen vertraut, seiner zweiten Muttersprache. Hier lernte er den aus der Bukowina stammenden Dichter Dan Pagis (1930-1986) kennen, den er später aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzte. Auf dem Rückweg von Tel Aviv in den Kibbuz ereignete sich im Februar 1950 ein schweres Busunglück, bei dem Rübners Frau, die er 1944 geheiratet hatte, starb; er selbst überlebte, schwerverletzt, mit seiner 1949 geborenen Tochter.

Im Kibbuz wurde Rübner Bibliothekar und Literaturlehrer an einer Mittelschule. Später arbeitete er als Professor für hebräische und deutsche Literatur an der Universität Haifa. 1953 heiratete er die Konzertpianistin Galila Jisreeli, deren Eltern aus russisch-jüdischen Familien stammen. Aus dieser Ehe sind zwei Söhne hervorgegangen, einer ist 1983 in Ecuador verschollen, der andere wurde Buddhist und lebt in Nepal. Von 1963 bis 1967 war Rübner Abgesandter der Jewish Agency in Zürich. …

Bis 1954 schrieb Rübner deutsche Gedichte: „Ich schrieb in einer Sprache, die ich kaum mehr sprach. Sie war mein Zuhause. In ihr ,sprach’ ich weiter mit meinen Eltern, mit meiner Schwester, mit den Großeltern, den Verwandten, Freunden der Jugend, die alle kein Grab besitzen. Dann wollte ich nicht mehr in meinem, wie ich meinte, eigentlichen Leben, in den Gedichten, in der Vergangenheit sein, auch wenn sie unvergangen war. Nicht um sie zu bewältigen […], sondern mit ihr: zu leben […]. Hebräisch ist nicht selbstverständlich für mich.“ Dann wechselte er ins (Neu)Hebräische, eine „erlernte Sprache“, in der bis 1990 acht Gedichtbände erschienen. 1990 kam im Piper Verlag eine Auswahl von Rübners Gedichten in deutscher Übersetzung von Efrat Gal-Ed und Christoph Meckel heraus, unter dem Titel „Wüstenginster“. Sechs deutschsprachige Gedichtbände von Tuvia Rübner hat seit 1990 der Aachener Rimbaud Verlag publiziert.

Rübners Bücher gelten als „großes Werk der hebräischen Moderne“ (so Karin Lorenz-Lindemann in der Zürcher Zeitschrift „Orientierung“, 15.11.2008). Sein lyrisches Werk gehört zum Bestand der klassischen Exilmoderne. Kennzeichnend für seine Gedichte sind traditionelle Formen wie die Ode, Paraphrasen, paradoxe Gleichnisse und Kontrafakturen.

Die Jury des Literaturpreises bilden

  • Prof. Dr. Birgit Lermen – Universität zu Köln (Vorsitzende)
  • Prof. Dr. Gerhard Lauer – Universität Göttingen
  • Christine Lieberknecht MdL – Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen
  • Felicitas von Lovenberg – Leiterin Literatur, Frankfurter Allgemeine Zeitung
  • Ijoma Mangold – Die Zeit

(Nicht viele Literaturpreise sind so auskunftsfreudig!)

Die Auszeichnung ist mit 15.000 Euro dotiert und wird jährlich in Weimar vergeben. Bisherige Preisträger waren

130. Dantes instant book

Das Ergebnis ist nicht eigentlich eine Biografie, sondern der durchaus halsbrecherische Versuch, die allbekannten autobiografischen Einlassungen neu zusammenzusetzen. Dabei verwandelt sich das grandiose, in sich gegründete Gebäude der «Göttlichen Komödie» in einen höchst beweglichen, sich den bald hoffnungsvollen, bald konfliktgeladenen Umständen immer wieder anschmiegenden Text, dem die widrigen Jahre seiner Entstehung anzumerken sind. Provozierend nennt Santagata das kanonische Werk der Weltliteratur ein instant book (damit sind jene unter Berlusconi aufgekommenen Publikationen gemeint, in denen Journalisten Informationslücken der staatlich kontrollierten Medien auffüllen).

Schon Ende der 1290er Jahre, als Dante noch in Florenz war, seien die ersten Gesänge entstanden, also mitten in den Monaten des politischen Wirkens, sagt Santagata. In diesem ersten Entwurf habe Dante auf den Spuren seines Lehrers Brunetto Latini im Sinn gehabt, die Bürger von Florenz zu ermahnen, sie sollten zu den früheren Sitten zurückkehren und von den fragwürdigen Auswüchsen ablassen, in die sie der rasch erwirtschaftete Reichtum getrieben hatte. Als Dante, um 1306, die Arbeit wieder aufnahm, hatte sich viel verändert. Er war aus dem kommunalen Florenz verbannt und auf die Freundlichkeiten von Feudalherren angewiesen, die ihn mehr oder (meistens) minder grosszügig aufnahmen. Diese Höfe bildeten fortan sein Publikum, für das Dante seine Gesänge komponierte und vor dem er sie vorlas. Zugleich blieb sein Schreiben jedoch von dem brennenden Wunsch beherrscht, sich mit der Heimatstadt auszusöhnen oder auch mithilfe des Kaisers die eigene Rückkehr zu erzwingen. / Franziska Meier, NZZ 24.3.

  • Dante Alighieri: La Commedia. Die Göttliche Komödie. II Purgatorio / Läuterungsberg. Italienisch/deutsch. Übersetzt von Hartmut Köhler. Reclam-Bibliothek, Stuttgart 2011. 689 S., Fr. 49.90.
  • Dante Alighieri: Commedia. In deutscher Prosa von Kurt Flasch.
  • Kurt Flasch: Einladung, Dante zu lesen. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2011. Zwei Bände im Schuber; 415 und 319 S., Fr. 139.–.
  • Marco Santagata: L’io e il mondo. Un’interpretazione di Dante. Il Mulino, Bologna 2011. 448 S., € 36.–.
  • Dennis Looney: Freedom Readers. The African America Reception of Dante Alighieri and the Divine Comedy. University of Notre Dame Press, 2011. 280 S., $ 25.95.