35. Der große Lyrikmarkt des poesiefestival berlin

Poesie ist marktfähig! Mit dem großen Lyrikmarkt lädt das poesiefestival berlin ein zum Schmökern und Stöbern, am 9.6.2012 auf dem Gelände vor der Akademie der Künste, Hanseatenweg.

Ausgewählte Verlage, Antiquariate und Buchhändler für Lyrik bieten poetische Neuerscheinungen, Fundstücke und Raritäten. Mit dabei sind u.a. BELLAtriste, Carl Hanser Verlag + Akzente, Edit, Edition Korrespondenzen, Edition Rugerup, Fixpoetry, hochroth Verlag, KOOKbooks, Leipziger Literaturverlag, Literaturverlag Droschl, Luchterhand Literaturverlag, luxbooks, Lyrikedition 2000, Matthes & Seitz Berlin, Matthias Wagner Antiquariat, Poesiealbum / MärkischerVerlag, poetenladen verlag, roughbooks, Verlag C.H. Beck, Verlag Das Wunderhorn, Verlag Hans Schiler, Verlagshaus J. Frank I Berlin und Wallstein Verlag.

Für buntes Marktreiben sorgt ein lyrisch-musikalisches Bühnenprogramm.

Max Prosa, einer der derzeit aufregendsten deutschsprachigen Singer-Songwriter, gibt ein Unplugged-Konzert. Bernadette La Hengst, Mitbegründerin der Hamburger Schule, tritt auf, ebenso wie die Berliner Independent-Band Artwhy, die Dichterband Fön und der musizierende Dichter Jan Böttcher. Die deutsche Poetry-Slam-Meisterin Nora Gomringer bringt ihre Texte auf die Bühne, begleitet von dem Schlagzeuger und Perkussionisten Günter Baby Sommer. Die Dichter Christian Filips und Monika Rinck werden nicht nur ihr dichterisches Können präsentieren: Eigens für den Lyrikmarkt treten sie als Chansonniers auf. Der Dichter Rainer Stolz lädt ein zu einem poetischen Vogelspaziergang durch den Tiergarten, Bert Bredemeyer wird zur Balladen-Juke-Box, Elke Erb, Christian Filips und Bo Wiget beantworten kochend und dichtend dringende Haushaltsfragen. Für die Kinder gibt es ein eigenes Spiel- und Bastelprogramm rund um Poesie.
Der Eintritt ist frei.

Der Lyrikmarkt setzt den überaus erfolgreichen ersten Berliner Lyrikmarkt fort, der 2011 im Rahmen der 20-Jahr-Feier der Literaturwerkstatt Berlin in der Kulturbrauerei stattfand.

Das 13. poesiefestival berlin findet statt vom 1. – 9.6.2012 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10. Weitere Informationen unter: www.literaturwerkstatt.org

Das poesiefestival berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und findet statt in Kooperation mit der Akademie der Künste.

Sa 9.6.2012 11.00 – 18.00 Uhr
Lyrikmarkt
Akademie der Künste,
Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Mit: Arthwhy, Bert Bredemeyer, Jan Böttcher, Elke Erb, Christian Filips, Fön, Nora Gomringer mit Günter Baby Sommer, Bernadette La Hengst, Monika Rinck, Max Prosa, Rainer Stolz, Franz Tröger, Bo Wiget u. a.

Für Rückfragen und Informationen:
Boris Nitzsche/Jutta Büchter Presse/ÖA,
Literaturwerkstatt Berlin, Tel: 030. 48 52 45 25
www.literaturwerkstatt.org

34. Saskia Fischer erhält den ver.di-Literaturpreis 2011

Der mit 5.000 Euro dotierte ver.di-Literaturpreis Berlin-Brandenburg für das Jahr 2011 geht an die Berliner Autorin Saskia Fischer für ihren Lyrikband »Scharmützelwetter«.

Die Jury, der die Brandenburger Autorin Ingeborg Arlt, der Berliner Autor Michael Wildenhain sowie die Leiterin des ver.di-Landesbezirks Berlin-Brandenburg Susanne Stumpenhusen angehörten, entschied sich für den Band »Scharmützelwetter«, der im Jahr 2008 im Suhrkamp Verlag erschienen ist. »In ihren Gedichten verbinden sich Wirklichkeitsnähe und sprachkünstlerisches Können zu seltener Qualität«, so die Meinung der Jury.

Saskia Fischer wurde 1971 in Schlema/Erzgebirge geboren und lebt seit 2006 in Berlin.

Preisverleihung

25. April 2012, 18:00 Uhr
ver.di-Bundesverwaltung
10179 Berlin, Paula-Thiede-Ufer 10
Raum Böll/Seghers/Tucholsky

33. Elli Michler

Die Autorin gehört mit zu den bekanntesten deutschen Lyrikerinnen der Gegenwart. In dem vorliegenden Geschenkband sind die beliebtesten und erfolgreichsten Gedichte der Autorin zusammengestellt.

Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes als Dank und Anerkennung für eine Lyrik, die Menschen Rückhalt und Zuversicht geschenkt hat, gehört für Elli Michler zu den beeindruckenden Momenten ihres Lebens. / brikada

„Ich wünsche dir Zeit“ ist eines der bekanntesten Gedichte, die jemals in deutscher Sprache geschrieben wurden. Kaum jemand, der es nicht schon bei einer privaten oder öffentlichen Feier gehört oder auf Postkarten und Kalendern gesehen hätte. Dieses Gedicht entstand 1987 und hat seitdem große Verbreitung gefunden. Baldur Seifert (†), dessen Vortrag des Gedichts im SWR eine noch nie da gewesene Hörer-Reaktion hervorrief, nannte es ein Jahrhundertgedicht. / ellimichler.de

Im März 2010 erhielt Elli Michler das Verdienstkreuz am Bande für ihr lyrisches Werk verliehen. In der Begründung des Bundespräsidenten heißt es: „Die Verleihung ist als Dank und Ansporn für den Rückhalt, den Sie vielen Lesern Ihrer Lyrik durch Ihre lebensbejahende Art geben, anzusehen.“ / ebd.

Hier der Anfang des Jahrhundertgedichts:

Ich wünsche dir nicht alle möglichen Gaben.
Ich wünsche dir nur, was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit, dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt, kannst du etwas draus machen.

Vorschlagsrecht [Wikipedia]

Jeder kann die Auszeichnung eines anderen anregen*. Dazu wendet er sich an die Staatskanzlei des Landes, in dem der Vorgeschlagene seinen Wohnsitz hat. Lebt die Person im Ausland oder ist sie Ausländer, so ist das Auswärtige Amt für den Vorschlag zuständig. Die Auszeichnung eines Mitarbeiters einer Bundesbehörde kann beim zuständigen Bundesminister angeregt werden. Die jeweilige Protokollabteilung hat die Aufgabe, die Angaben zu prüfen, bevor sie an die Ordenskanzlei im Bundespräsidialamtweitergeleitet werden. In der Praxis machen vor allem Behörden, Institutionen, Wirtschafts- und Sportverbände Vorschläge.

Neben dem Vorschlagsrecht auf Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gibt es auch die Anregung auf Aberkennung eines bereits verliehenen Bundesverdienstkreuzes.

*) Das sollten wir jetzt auch mal tun!

Hier eine Liste der Schriftsteller, die das „Verdienstkreuz am Bande“ bislang erhielten:

Annahme verweigert:

  • Heinrich Böll
  • Hermann Kesten

Aberkannt:

32. Heinz Kahlau gestorben

Der deutsche Lyriker und [Drehbuchautor] Heinz Kahlau ist tot. Er starb am 6. April im Alter von 81 Jahren, wie seine Witwe gestern in Gummlin bestätigte. Er sei an Herzschwäche gestorben. Einen Termin für die Beisetzung gebe es noch nicht. Kahlau soll auf dem Friedhof von Stolpe auf der Insel Usedom seine letzte Ruhe finden. Er gehörte zu den meistgelesenen deutschsprachige Dichtern der Gegenwart. Auf rund vier Millionen Exemplare beläuft sich die Gesamtauflage seiner Gedichtbände. …

Über seine Anfänge schrieb er: „Mein erstes Gedicht wurde von einem 19-Jährigen geschrieben, dessen Beziehungen zur Poesie bis dahin die denkbar schlechtesten waren“. Sein Stiefvater fand, Lesen mache dumm und warf alles Gedruckte ins Feuer. Erst als Kahlau 1949 ein halbes Jahr Patient in der Tbc-Heilstätte Rathenow war, hatte er seine „erste vergnügliche Begegnung mit Gedichten“ und schrieb seine ersten Verse. Als dünnhäutig hat er sich selbst in „Weißer Mann“ charakterisiert: „Litt, bis er neunzehn war, an Depressionen, Wahnvorstellungen und Lebensangst,/ Versteckte sich manchmal vor Menschen./ Schreibt seitdem Gedichte.“

Es folgten weit über tausend veröffentlichte Gedichte, auch Dramen, Hörspiele, Kinderbücher. Er schrieb mit am DEFA-Film „Auf der Sonnenseite“, verfasste Songtexte für Karat und Bayon. Zu den zahlreichen Auszeichnungen , die er erhielt, gehören der Heinrich-Heine-Preis, der Nationalpreis III. Klasse und der Vaterländische Verdienstorden in Bronze.

Als Kahlau 1957 wegen kritischer Verse in Zusammenhang mit dem Ungarn-Aufstand Haft angedroht wurde, unterschrieb er eine Verpflichtungserklärung als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, von der er sich 1964 entbinden ließ. Das hat er 1990 freiwillig und von sich aus offengelegt. / Dietrich Pätzold und Janina Fleischer, Oschatzer Allgemeine Zeitung

Mehr: Spiegel

31. Adjektive

Also geb ich nach und schreib am populärsten Thema weiter:

  • Reich-Ranicki: ekelhaft
  • Biermann: stümperhaft (er nennt das auch „dumpfbackigen Polit-Kitsch“ und „literarische Todsünde“)
  • Hochhuth: anmaßend
  • Westerwelle: absurd (der Außenminister spricht ebenfalls von einer „literarischen Todsünde“)

Die Wiener Presse meint:

Meinungsmacher mögen angewidert sein von der antiisraelischen „Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen“-Lyrik des deutschen Nobelpreisträgers. Die Masse ist auf der Seite von Günter Grass.

Günter Grass verblüfft nicht nur mit seiner Ahnungslosigkeit. Fast mehr noch nervt seine lächerliche Pose als Draufgänger, der es endlich wagt, das Schweigen zu brechen.

30. Statistik

ist immer wieder überraschend. WordPress teilt mir mit:

29. weißer als ein ei

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix, 460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Sappho 167 LP/139 D

ᾠω πόλυ λευκότερον

“whiter by far than an egg”
(Anne Carson, If not, winter. Fragments of Sappho. New York: Vintage Books, 2002, S. 337)

viel weißer als ein ei
(von mir nach Carson übersetzt)

Andreas Bagordo übersetzt in der Tusculum-Ausgabe bei gleichem Wortlaut deutlich anders (eilos):

ich meine viel weißer

Dagegen Gottwein hat ebenfalls „Viel weißer als ein Ei“

106

W?ï'w po'lu leuko'teron.

[A thing] much whiter than an egg.

From Athenaeus.

Quelle:

The Poems of Sappho. Translated by Edwin Marion Cox [1925]
Transliterated by J.B. Hare [2000] hier

Hier noch eine Hörprobe der Ode an Aphrodite

· Sappho fr. 1, read in Greek by S.G. Daitz. From the Society for the Oral Reading of Greek and Latin Literature.

28. „Das Deutsche Zentrum für Poesie“

… wäre einzigartig in Deutschland, würde Aufgaben von gesamtstaatlichem, nationalem Interesse erfüllen, über die Grenzen unseres Landes hinaus sofort wahrgenommen und begrüßt werden und sich einreihen in den Verbund von Poesiezentren in aller Welt.

Es würde unmittelbar als deutliches Zeichen verstanden werden und eine ganze Kunstsparte, die Dichtkunst, aus ihrem Nischendasein befreien sowie deren Eigenständigkeit auch in unserem Land bewusst machen.

Ausnahmslos alle Dichterinnen und Dichter, Verlegerinnen und Verleger, Übersetzerinnen und Übersetzer sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus ganz Deutschland begrüßen daher die Gründung des DZP und haben das schriftlich kundgetan.

Dichtkunst ist Sprache – aber nicht alle Sprache ist Dichtkunst. Und doch durchdringt die Poesie alle Bereiche unseres Lebens und alle Künste.

Allein im Bereich der Kulturellen Bildung würde unmittelbar viel und mit großer Nachhaltigkeit bewegt werden können.

Mittelfristig würde das DZP dafür sorgen, dass in Deutschland entstandene Dichtung international wieder wahrgenommen wird und am internationalen Austauschverfahren teilhaben kann.
Zentral für das DZP ist der Aufbau einer MEDIATHEK POESIE, die geeignet ist, dieser Kunst ein „Gedächtnis“, ein Speicherort zu sein, und die als mehrmediale Wissensgrundlage für gegenwärtige und zukünftige Produktionen fungieren kann.

Als lebendiger Ort und flankiert mit Online-Präsentationen und Online-Datenbanken ist das DZP für alle Dichter, für die Fachöffentlichkeit und vor allem für die gesamte interessierte Öffentlichkeit „-barrierefrei-“ zugänglich.

Schreibt Thomas Wohlfahrt, informiert Planet Lyrik. (Daß hauptstädtische Institutionen ihre Informationen nicht an Provinzmedien streuen, ist klar. Planet geht dann wieder. Planet, ganz unironisch, ist großartig, ganz meine Meinung.)

Zu den Kosten heißt es dort:

Gesamt: 3,1 Millionen

davon Berlin: 515.000,- (zugesagt)
eigene  Einnahmen: ca. 100.000
beim Bund beantragt: 2,5 Millionen.

Nach der bestenlistenbildenden Kooperation des Münchner Zentrums mit einer hohen Akademie in kurzer Zeit der zweite Ansatz zu einer Zentralisierung der Lyrik. Hm.

27. Heiliger Artmann

Willi Resetarits (63) sprach mit den OÖNachrichten über Musik, das Unbewusste, Erfahrungen und H.C. Artmann:

Ich möchte aber selbst Texte schreiben, mache es mir aber schwer, indem bei meinen Programmen immer ein Teil Artmann-Texte dabei sein muss.

Warum?

Weil ich ein blinder Verehrer bin. Weil ich die Kirche des Heiligen Artmann gegründet habe, in der ich der erste Prediger bin. Man muss sich Verpflichtungen auferlegen. Ich will natürlich auch die Werke des Meisters verbreiten helfen.

Was hat Artmann, was macht ihn für Sie so besonders?

Die Sprache stimmt. Die Sprache hat Melodie, hat Rhythmus. Nicht nur die Lyrik. Das merkt man, wenn ein scheinbar normaler Satz über die Jahre immer besser wird und du weißt nicht, warum.

26. Unsterbliche Sappho

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix, 460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Von Dirk Uwe Hansen (Greifswald)

Dass Dichtung unsterblich macht, weiß jeder, der sie nicht für überflüssig hält. Wen aber, den Dichter / die Dichterin oder die oder das oder den Bedichtete(n) ist indes fraglich. Unfraglich die unsterblichste aller Dichterinnen ist Sappho von Mytilene. Und nur ein bisschen weniger unsterblich die von ihr Bedichteten: Noch immer wissen wir dass Anaktorias Gang entzückend und ihr Gesicht strahlend, und dass Mnasidika schöner war als Gyrinno. Aber Sappho hat nicht nur die Schönheit junger Frauen besungen:

κατθάνοισα δὲ κείσηι οὐδέ ποτα μναμοσύνα σέθεν
ἔσσετ‘ οὐδὲ †ποκ’†ὔστερον· οὐ γὰρ πεδέχηις βρόδων
τὼν ἐκ Πιερίας· ἀλλ‘ ἀφάνης κἀν Ἀίδα δόμωι
φοιτάσηις πεδ‘ ἀμαύρων νεκύων ἐκπεποταμένα. (fr. 55)

Tot und begraben wirst du sein, es wird sich deiner
keiner erinnern, niemand mehr von dir sprechen, denn die Rosen
der Musen sind dir nichts. Eine Unsichtbare, so wirst du im Hades
hausen und herumflattern wirst du zwischen blinden Toten.

Möglicherweise hatte Sappho den Namen der hier geschmähten Zeitgenossin im verlorenen Teil des Gedichtes genannt; dann wäre es die Ungunst der Überlieferung, nicht die Dichterin, die ihr die Unsterblichkeit verwehrt. Auch womit die arme Frau sich den Zorn Sapphos zugezogen haben mag, erfahren wir nicht. Und so wird sie dann doch unsterblich: als die Inkarnation des ohne Zugang zur Dichtung und daher steril und vergebens lebenden Menschen.

Es ist seltsam zu sehen, wie die Zertrümmerung ihrer Werke den merkwürdigen Sog der Verse Sapphos noch erhöht.

25. Auszeichnung für Henri Cole

Der Dichter Henri Cole gewann den zum sechstenmal verliehenen Jackson Poetry Prize, dessen $50,000 Autoren mit Ausnahmetalent, die größere Anerkennung verdienen, ermutigen sollen.  Cole veröffentlichte 8 Gedichtbände, darunter „Touch“ und „Middle Earth“. Cole wurde in Japan geboren und ist Lyrikherausgeber der Zeitschrift The New Republic. / Wallstreet Journal

Rauminszenierung (mit Jenny Holzer)

Henri Cole reads his poem „Twilight“

24. Aus jederzeit gegebenem Anlaß

Wer meint, die Welt sei schreibend zu verändern, darf sich nicht wundern, wenn Schreiben dereinst nur noch auf dem flachen Land und dort wiederum allein in sogenannten „Schreibkugeln“ von nicht mehr als einem halben Meter Durchmesser erlaubt sein wird.

Bruno Steiger, Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl, hrsg. von Urs Engeler, roughbook 021*, Zürich und Solothurn, April 2012, S. 164. 198 Seiten, Euro 12,70 / sFr. 16.-

*) heute im Briefkasten. Hier kaufen oder abonnieren

23. Eine katalanische Sappho-Rezeption

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix, 460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Von Àxel Sanjosé

Es wird kaum verwundern, dass Carles Riba (1893–1959) sich auch mit Sappho beschäftigte, hat er doch neben seinem lyrischen und essayistischen auch ein umfangreiches übersetzerisches Werk hinterlassen, in welchem die griechischen Klassiker einen Schwerpunkt bilden (u.a. die Odyssee, Aischylos, Sophokles und Euripides sowie Plutarch). 1914, also noch während des Studiums, schrieb er katalanische Versionen einiger Sappho-Fragmente nieder, die er später z.T. überarbeitete, die aber zu Lebzeiten nicht zur Veröffentlichung gelangten.

Ich gebe hier Ribas Fassung des Fragments LP 31 (in normalisierter katalanischer Rechtschreibung), dazu eine möglichst wortlauttreue deutsche Version:

Em sembla igual als déus aquell home qui s’asseu davant de tu i t’escolta de la vora, com dolçament parles
i rius amablement; la qual cosa m’esbalaeix el cor dins el pit, car totseguit que et miro, la veu tota se me’n va.
I la llengua se’m paralitza, i un foc subtil em corre per sota la pell, i no veig res amb els ulls, i hi ha un brunziment dins les meves oïdes.
I la suor em raja, i tota sóc presa de tremolor, i devinc més pàl·lida que l’herba, i tota semblo que estigui a punt de morir…

Den Göttern gleich scheint mir jener Mann, der sich vor dich hinsetzt und dir aus der Nähe zuhört, wie du sanft sprichst
und freundlich lachst; dieses nämlich bestürzt mein Herz in der Brust, denn sobald ich dich anschaue, bleibt meine Stimme ganz weg.
Und meine Zunge erstarrt, und ein leichtes Feuer läuft mir unter der Haut, und ich sehe nichts mit den Augen, und ein Schwirren ist in meinen Ohren.
Und der Schweiß rinnt, und ich bin ganz von Zittern erfasst und werde blasser als das Gras und sehe ganz so aus, als müsste ich gleich sterben …

Die Auseinandersetzung mit Sappho war für Ribas eigenes poetisches Schaffen offensichtlich von nachhaltiger Bedeutung. Neben mehreren Anspielungen auf die zitierte Sappho-Szene findet sich in der Nr. 32 seiner Estances (I) ein direkter intertextueller Bezug, der Zitat und poetologische Aufarbeitung zugleich ist. Interessant ist, wie die sapphischen Elemente reproduziert, aber zugleich verneint werden: Der Negativ-Aufzählung der sinnlich-körperlichen Phänomene, die sich aus der verstörenden Nähe der Angebeteten ergibt, folgt im Gegenzug, exakt zur Hälfte des Gedichts, ein (eher episch wirkendes) Bild, das eine Art mentaler Überwindung der erotisch bedingten Willens- und Sprachlosigkeit darstellt. Unmittelbarkeit und Reflexion, die sich, zumindest formal, die Waage halten: durchaus ein poetischses Programm. Auch hier füge ich eine wortlautnahe Übertragung hinzu, leider unter Komplettverlust der sehr kunstvoll miteinander verbundenen Alexandriner.

Tu apareixes. No la roja meravella
que per damunt ma galta fa un súbit llengoteig,
no el tremolor que ajup l’envanida parpella
i la paraula forta esderna en balbuceig,

són, oh Amor d’amors, l’essència del miracle
que, en seure prop de tu i oir-te, en mi es difon.
Oh, sabessis! dels pensaments, quin dolç sotrac la
turba perplexa ordena darrera el mur del front!

Així a l’assamblea dels ciutadans el guia
fiat obre les ales del seu discurs serè,
i d’home a home passa una ardent correntia
i alcen tots junts els braços amb un igual voler.


Du erscheinst. Nicht die rote Wundererscheinung,
das auf meiner Wange plötzlich züngelt;
nicht das Zittern, welches das eitle Lid senkt
und das starke Wort zu bloßem Stammeln zerschmettert,

sind, oh Liebe aller Lieben, das Wesen des Wunders,
das, wenn ich mich in deine Nähe setze und dir zuhöre, in mir sich ausbreitet.
Ach, wüsstest du nur! von den Gedanken, welch süße Erschütterung
die erstaunte Menge ordnet hinter der Mauer der Stirn!

So öffnet in der Bürgerversammlung der Anführer
vertrauensvoll die Flügel seiner wohlbedachten Rede,
und von Mann zu Mann überträgt sich eine glühende Strömung,
und alle erheben gemeinsam die Arme mit gleichem Willen.

22. Günter Herburger 80

Günter Herburger wurde berühmt als Kinderbuchautor, gehasst als DKP-Mitglied, er schrieb Lyrik, die seine Prosa spiegelt und Romane übers Laufen. Am 6. April wird er 80 …

Er schrieb Dogmatisches über Gedichte gegen die „blattvergoldeten Worte“ der Wortsoßendichter und Saisonelegiker und veröffentlichte Lyrik, die eine markante Eigenart bis heute behalten hat: In ihr werden Szenen aus seiner Prosa vorab durchgespielt, überprüft und ausgebaut. / Konstantin Ulmer, Freitag

21. Von Klammern. 3 Fragmente

Woche der altgriechischen Poesie in L&Poe 2.-8.4.
Satyr mit Kantharos und Lyra. Tondo eines Attisch-rotfigurigen Kylix, 460-450 v. Chr. Aus Vulci. (Wikimedia Commons)

Klammern sind aufregend. Daß man Sappho nur in Übersetzung liest, ist noch lange kein Grund, sich um das Drama des Versuchs zu bringen, ein halbiertes oder durch Löcher verrätseltes oder kleiner als briefmarkengroßes Papyrus zu entziffern – Klammern bieten Freiraum für geistige Abenteuer.

Anne Carson, If not, winter. Fragments of Sappho. New York: Vintage Books, 2002, S. xi.

Lobel-Page 70

      . . .
      [   ]α̣μ.λ.[
      [   ]ναμ[
      [     ]ν̣ δ‘ εἶμ‘ ε[
      [     ]ρ̣σομέν[
      [      ]λικ‘ ὐπα[
      [      ]…[.]βα[
      [  ]σ̣ γ̣ὰρ ἐ̣παυ[
      [] μάν κ‘ ἀπυ̣θ̣υσ̣[
      [ ]αρμονίας δ̣[
  10  []αθην χόρον, ἄα[
      [   ]δ̣ε λίγηα.[
      [   ]ατόν σφι̣[
      [  ]παντεσσι[
      [  ]επ[.].[
  15  . . .


]
] I will go
]
]
]
] for
]
] of Harmonia
] dance
] clearsounding
]
] to all

176LP

βάρβιτος. βάρωμος. βάρμος.  

lyre lyre lyre

Lyra Lyra Lyr

Lobel-Page 25

. . .
[ ]γμε.[
[ ]προλιπ[
[]νυᾶσεπ[
[ ]βρα·
[ἐ]γλάθαν‘ ἐσ̣[
[ ]ησμεθα̣[
[]ν̣υνθαλα[
. . .

]
] quit
]
] luxurious woman
]
]