114. Lyrikvermeidung

André Schinkel schreibt bei Fixpoetry über den Arsch von Lady Gaga, mit dem er anscheinend auf FACEbook befreundet ist, oder davon gehört hat*, und über Lyrikvermeidung:

Und, in aller Freundschaft zum Schluss: wenn man sich dazu durchringen muss, dem Metier der Lyrik zwei halbe und zudem nicht glücklich bestückte Seiten zu überlassen, wäre es dann nicht besser, seiner Neigung gegen’s Gedicht durch konsequentes Vermeiden Ausdruck zu geben? Oder aber man ringt sich durch und gibt diesem Fundament aller Literatur einmal ein ganzes Heft. Was würden den Machern von „Am Erker“ dafür die Herzen der Lyriker zufliegen! Die Freundschaft, sie ist ein Phänomen unter den Menschen, an dem man hart zu arbeiten hat …

Am Erker. Zeitschrift für Literatur, 34. Jg., Heft 62. Münster: Daedalus Verlag 2011.

*) Komm doch rüber zu uns

113. Tonino Guerra

In der Welt ein bisher unveröffentlichtes Interview mit dem am vorigen Mittwoch verstorbenen italienischen Drehbuchschreiber und Schriftsteller Tonino Guerra;

Die Welt: Fellini und Tarkowski haben immer wieder Gedichte von Ihnen verwendet. Der Film „Nostalgia“ endet zum Beispiel mit dem Gedicht über den Wind. Sind Sie mit Poesie aufgewachsen?

Tonino Guerra: Meine Mutter war völlig ungebildet, aber trotzdem sehr einfühlsam. Dinge, die sie nicht kannte oder verstand, vermochte sie dennoch intuitiv zu erfassen. Ich glaube, meine Mutter mochte Gedichte, manchmal rezitierte sie etwas in unserem Heimatdialekt. Ich versuche mich gerade zu erinnern. Ich glaube, ich war es, der die Poesie entdeckte. Vielleicht war es aber auch umgekehrt?

(…)

Die Welt: Sie sollen während der Dreharbeiten zu „Blow Up“ niemals mit Antonioni über den Film gesprochen haben. Warum?

Tonino Guerra: Antonioni und ich hatten schon vor Beginn der Dreharbeiten beschlossen, kein Wort mehr über den Film zu verlieren. Ansonsten hätten wir keine Ruhe gefunden. Vielleicht hätte Antonioni auch einen anderen Film gedreht, wenn wir miteinander geredet hätten. Ich weiß es nicht mehr so genau. Ich kann mich aber gut daran erinnern, dass wir uns stattdessen ausschließlich mit Maler und Fotografen trafen und mit schönen Frauen auf Partys gingen. Wir aßen fast jede Nacht mit den Beatles, trafen Francis Bacon und lernten die Stadt kennen.

112. Erica Jong 70

dpa schreibt zum 70. Geburtstag von Erica Jong am 26.3. (hier bei Focus):

Knapp vier Jahrzehnte liegt es zurück, dass Erica Jong mit „Angst vorm Fliegen“ gegen das männliche Diktat im Bett rebellierte. Der Roman, in dem sie hemmungslos über ihre sexuellen Fantasien schreibt, gehörte zu den meistgelesenen Büchern der 70er Jahre. Er wurde in 27 Sprachen übersetzt.

Seitdem veröffentlichte Jong fast ein Dutzend weiterer Romane, dazu Lyrik, Essays und Memoiren.

Über die sexuelle Revolution schreibt das Wallstreet Journal:

It’s depressing that, after 40 years, we still need a robust defense of the goals of the sexual revolution, but it seems as if we do. …

In the 1970s the sexual revolution was really mostly about sex. But now the sexual revolution has deepened into a more permanent kind of power for women. Young women in their sexual prime—that is, their 20s and early 30s—are generally better off than young men. They are better educated and earn more money on average. What made this possible is the sexual revolution—the ability to have temporary, intimate relationships that don’t derail a career. Or to put it more simply, to have sex without getting married.

Auf Erica Jongs Website kann man sie ihre Gedichte lesen hören

„Fresh, surprising, funny, sexy. Jong’s poetic voice is enchanting as ever.“
–Ken Follett

111. Er schreibt Gedichte

Ich schreibe nach wie vor Gedichte. Die sind nicht so gut, wie ich es mir wünsche, und hoffentlich nicht so schlecht, wie ich fürchte. / Die Welt sprach mit Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe.

110. Rede. Gedichte.

Manche Teile dieses Langgedichts irritieren durch allzu schlichte Sentenzen, die den Fluss der „Rede“ unterbrechen: „man steigt nicht zweimal in denselben fluss. sagt heraklit“. Was aber in diesem Gedichtbuch verstört und bezaubert, sind die Bilder der Häutung und schmerzhaften Verwandlung, in denen sich die Protagonistin spiegelt: „heut wird gehäutet / sagen die leut / ausschaben / sagen die leut / roh am schmerz / weidet euch // wächst ein geweih aus / linnen erst dann pergament dann bast / zur not ein // verschwinden unter der hand / kauert unter den nägeln / der kopf und der leib einer frau / ist mir gegeben / zum überleben“. Das sind Verse von beklemmender Intensität. / Michael Braun, Tagesspiegel

Kerstin Preiwuß: Rede. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 90 Seiten, 8 €.

109. Creative Commons

Der Wiener Lyriker Martin Dragosits hat im März 2012 sein erstes Buch, das 2007 in einem literarischen Kleinverlag erschienen ist, wiederveröffentlicht und stellt es in elektronischer Form kostenlos unter einer Creative Commons Lizenz zur Verfügung.

Die Anwendung dieser Lizenzen bietet Künstlern eine Reihe von Vorteilen. Sie ermöglicht den Urhebern, Arbeiten über den üblichen kommerziellen Verwertungszyklus hinaus weiter anzubieten und einem neuen Publikum zu präsentieren, die Verbreitung des Werks zu fördern und dadurch eine größere Bekanntheit zu erreichen.

Mittels der standardisierten Vereinbarungen werden außerdem erweiterte Nutzungsrechte eingeräumt. Die gewählte Lizenz CC BY-NC-SA 3.0 erlaubt, die Texte in andere Sprachen zu übersetzen, sie in andere Formate zu übertragen, sich ein Best-Of zusammenstellen zu dürfen, sie für ein Hörbuch oder Video zu nutzen oder zum Download anzubieten, sofern der Urheber genannt wird (BY), die Weitergabe nicht-kommerziell (NC) ist und unter gleichen Bedingungen (SA – Share-Alike) erfolgt. Gleichzeitig behält der Urheber alle ihm zustehenden Rechte hinschtlich Urheberschaft und kommerzieller Nutzung.

Creative Commons wurde als gemeinnützige Organisation 2001 gegründet. Prominente Schriftsteller, welche bereits Publikationen unter einer solchen Lizenz wählten, sind Cory Doctorow (kanadischer Science-Fiction Autor) und Paulo Coelho (brasilianischer Bestsellerautor).

In der Software Industrie sind Geschäftsmodelle mit Gratisangeboten schon seit langem üblich und höchst erfolgreich. Open Source, Linux, Shareware oder Internet-Anwendungen. Produkte, bei denen den Anwendern gegen Aufzahlung zusätzliche Funktionen freigeschaltet oder Einnahmen durch ergänzende Angebote oder Dienstleistungen generiert werden.

Das Risiko des Autors, diese Art der Wiederveröffentlichung zu wählen, ist klein, denn für Lyrik gibt es praktisch keinen Markt. Gemäß dem Aphorismus von Tim O´Reilly „Obscurity is a far greater threat to authors and creative artists than piracy”, stellt daher der österreichische Schriftsteller Martin Dragosits die Texte in verschiedenen Dateiformaten (epub, mobi, pdf, rtf, html) gratis zum Download zur Verfügung. Der Link befindet sich auf seiner Autorenhomepage www.lyrikzone.at unter

http://lyrikzone.at/downloads/index.html

Das Buch

 

Gedichte in einer eigenen, unverwechselbaren Sprache, kurze, pointierte Texte, atmosphärisch dichte Momentaufnahmen,  witzige Reflexionen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Palette der Themen ist weit gespannt, ein Brückenschlag über die Grenzen der Wirklichkeit, voll Überraschungen, gespickt mit Filmzitaten und Rockmusik.

Die Texte erschienen erstmals 2007 in der Gedichtsammlung Der Teufel hat den Blues verkauft, Arovell Verlag, Oberösterreich.

Nachdem alle Rechte wieder beim Autor liegen, entschied er sich 2012 dafür, die Gedichte in elektronischer Form unter einer Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-SA 3.0 Österreich) wieder zu veröffentlichen, damit ein neues Publikum Zugang zu den Texten finden kann. Auf vier eBooks aufgeteilt, um dem Format besser gerecht zu werden, folgt die Anordnung der Gedichte der erstmaligen Publikation.

Der Autor

Martin Dragosits, geboren 1965 in Wien, lebt dort, arbeitete nach einer kaufmännischen Ausbildung zuerst als Software-Entwickler, danach in verschiedenen leitenden Funktionen im Informatikbereich, schreibt vorwiegend Lyrik.

Seit 1986 zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften in Österreich, Deutschland und der Schweiz sowie in verschiedenen Anthologien. Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV) und des Österreichischen Schriftstellerverbandes.

Eigenständige Buchpublikationen: 2007, Der Teufel hat den Blues verkauft und 2010, Der Himmel hat sich verspätet, beide im Arovell Verlag, Oberösterreich.

Weitere Informationen über Werk und Person, Leseproben, Buchinfos und Rezensionen, unter

www.lyrikzone.at

108. „Ich übersetze mich nicht“

Norbert Mayer (Die Presse) sprach mit der Rauris-Preisträgerin Maja Haderlap

Die intellektuelle Entwicklung in Wien erfolgte auf Deutsch, während die Muttersprache das Lyrische geblieben ist. Ist sie weiter dominant als emotionelle Sprache?

Das Deutsche wurde für mich zur Sprache der Reflexion. Bei meiner Muttersprache geht es mir aber gar nicht so sehr um die Emotion, sondern um die Intimität, die Lyrik braucht. Man führt in Gedichten meist Monologe. Für mich ist damit eher das Slowenische verbunden, weil es ja bei uns keine wirkliche gesellschaftliche Funktion hat. Man bleibt bei sich. Ich habe auch versucht, die Gedichte für Lesungen ins Deutsche zu übertragen. Ich konnte das nicht, und ich übersetze mich nicht. Entweder oder. Der Roman wird von jemandem anderen ins Slowenische übertragen.

AUS DEM ARCHIV „Die Presse“:

107. Léonce W. Lupette

„Grübeln und Nachdenken sind zwei verschiedene Dinge: Nachdenken ist eine gute Sache, aber Grübeln ist fatales auf der Stelle treten. Ich grübele leider oft“, sagt Léonce und zwirbelt seinen Bart. Léonce W. Lupette ist ein ruhiger Mensch, bedacht und um Tiefgang bemüht. Der 25-jährige Student der Goethe-Universität ist viel rumgekommen in der Welt – und hat dabei die Literatur und Südamerika lieben gelernt.

Derzeit pendelt Lupette zwischen Frankfurt und Buenos Aires. Von beiden Kontinenten aus arbeitet er als freier Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Hauptberuflich, wie er betont. Nebenbei studiert er an der Frankfurter Uni Komparatistik, Lateinamerikanistik und Philosophie. Er spricht vier Sprachen, schreibt Gedichte und übersetzt Autoren wie Esteban Echeverría und John Ashbery ins Deutsche. Er ist auch Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Karawa.net. …

Als freier Schriftsteller schreibt Lupette vornehmlich Gedichte – eigenwillige, die in keine Kategorie passen. „Es geht mir immer um Strukturkritik. Ich möchte problematisieren, Reaktionen provozieren.“ Der 2009 erschienene Gedichtband „Einzimmerspringbrunnen“ von ihm und Tobias Amslinger ist provozierend. Schon die Schrift der Gedichte springt ins Auge. Und der Inhalt verstört und interessiert zugleich. / Tatjana Thamerus, FR 23.3.

106. Deutsch-Jüdisch

„Der bedeutende deutsch-jüdische Lyriker und Schriftsteller Heinrich Heine (1797-1856)“ , schreibt die regional bedeutende deutsch-christliche Südwest Presse. – Jaja, das vergessen sie ihm nie. Jud bleibt Jud, da kann seine Familie tausend Jahre in Deutschland leben, und wenn er sich taufen läßt, weil er ihr Geschwätz und Gehetz satt hat, dann erst recht.

105. Expertenlyrik

Aber viele zweifeln am Nutzen der Experten-Lyrik. „Die Berücksichtigung von Analystenmeinungen zieht keine überdurchschnittliche Wertentwicklungen nach sich…“ / Die Welt

104. Nonsense-Ausstellung

Das Museum Strauhof in Zürich widmet seine aktuelle Ausstellung einer merkwürdigen Literaturgattung, dem Nonsense. Das Werk einiger hervorragender Vertreter steht dabei im Mittelpunkt. Insbesondere ist sie eine Hommage an den vor 200 Jahren geborenen Edward Lear, der als Erfinder der modernen Nonsense-Literatur gilt. Lewis Carroll hat mit seinen Alice im Wunderland Büchern Erwachsene wie Kinder begeistert. Und Christian Morgenstern schrieb geniale deutsche Nonsense-Gedichte. / Urs Steiner, NZZ

103. Ausschreibung

Der Verein „Literarisches Dresden e.V.“ schreibt für das Jahr 2013 erstmalig ein 3-monatiges Lyrik-Stipendium aus. Möglich wurde dies durch eine kontinuierliche, zweckgebundene Spende aus der Wirtschaft, welche dem Verein über die Firma KREACON e.K. vermittelt wurde.

Jeweils im Zeitraum von 6. Januar bis 31. März erhält ein Autor bzw. eine Autorin freie Unterkunft im Gästehaus des KulturHaus Loschwitz und ein Stipendium in Höhe von 900,- Euro monatlich. Das Stipendium wird nach Antritt der Stelle monatlich ausgezahlt.

Die in der Zeit des Stipendiums entstehenden lyrischen Arbeiten sollen einen Bezug zur Stadt Dresden oder der sächsischen Kulturlandschaft erkennen lassen. Im Ergebnis wird diese lyrische Arbeit gedruckt, im Rahmen einer bibliophilen Schriftenreihe in kleiner Auflage publiziert. Alle darüber hinausgehenden Rechte verbleiben bei dem Autor bzw. der Autorin. Die Publikation wird jeweils im September des Jahres in einer öffentlichen Veranstaltung im KulturHaus Loschwitz präsentiert. Für die Mitwirkung an dieser Veranstaltung erhält der Autor bzw. die Autorin ein Honorar.

 

poet in residence auf facebook

102. Land der toten Dichter

In der Not greift der Mensch zum Gedichtband. Auch der moderne. Wenn er sich verliebt oder einen geliebten Menschen verliert, verschlägt es ihm selbst zu Zeiten von Twitter noch oft die Sprache. Da sind fundiert durchleuchtete und konzis formulierte Gedanken willkommen. Abgesehen von der Notwendigkeit in derlei Extremsituationen fristet die Lyrik bei uns aber nach wie vor ein Nischendasein. / Südwestpresse

Auch ansonsten vermittelt der Artikel den Eindruck, daß im Südwesten die toten Dichter die Regel sind und sonst garnix – „die Zahl der Lyrikverlage schrumpft“ usw. Wie heißt es dort? „Der Schiller und der Hegel, das ist bei uns die Regel. Der Uhland und der Hauff, das fällt bei uns nicht auf.“

Ich will jetzt mal ungerecht sein und die Südwestler weiterzitieren:

Der World Poetry Day scheint zu wirken, auch in Deutschland: Just 2000 begann der Münchner Allitera Verlag eine neue Lyrikreihe und setzt mit jährlich sechs Neuerscheinungen explizit auf „junge Stimmen der Zeit“.

Erschrocken schlag ich nach und finde unter den Neuerscheinungen neben Vampirkrimi und Lausdirndlgeschichten tatsächlich einen Gedichtband: Peter Paul Althaus (1892-1965). Ach ja, und die Texte des Open Mike… da ist ja auch Lyrik dabei.

101. Literaturfestival in Weimar

Wolf Biermann, dessen Mut ihn zwölf Jahre als „staatlich anerkannter Staatsfeind“ in der DDR überleben ließ, präsentiert zum Auftakt am 23. April im Mon Ami sein Programm „Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um“.

Weimar. Im Tagesrhythmus geht es weiter: am 24. April mit Else Buschheuer und „Verrückt bleiben!“, ihrem „Leitfaden für freie Radikale“, am 25. April mit Robert Kiehl, der 2002 als Referendar am Erfurter Gutenberg-Gymnasium den Amoklauf erlebte und darüber ein Buch schrieb, und am 26. April mit Lyrik und Prosa der Dichter Uwe Kolbe und Nancy Hünger. / Thüringer Allgemeine

100. Tranströmer auf der lit.cologne

Im Wechsel tragen Krüger und Grössel seine Gedichte und lyrischen Texte vor. Ehefrau Monica liest auf schwedisch. Das Werk Tranströmers ist mit insgesamt rund 500 Seiten überschaubar. Der Hanser-Verlag hat mit „Sämtliche Gedichte“, seinen Memoiren „Die Erinnerungen sehen mich“ und „Das große Rätsel“ drei Bücher herausgegeben, inzwischen in der achten bis zehnten Auflage. / Der Westen