89. Kinderlehre

Gestern war Frühlingsanfang und Hölderlins Geburtstag, eine passende Vorbereitung auf den heutigen Welttag der Poesie. Meine Anthologie beschert mir ein spätes Gedicht von Hölderlin. Spät heißt in diesem Fall nach dem 35. Geburtstag, ab 1806, in der zweiten Hälfte des Lebens. 1838 schreibt der Dichter Eduard Mörike an einen Freund: „Ich habe dieser Tage einen Rummel Hölderlinischer Papiere erhalten, meist unlesbares, äußerst mattes Zeug. Ein kurzes seltsames Fragment xstlichen Inhalts muß ich Dir aber doch (…) mitteilen (…) Was sagst Du zu der Schilderung? Das von der Kinderlehre klingt beinah diabolisch naiv, so rührend es gemeint seyn mag.“ Mit Bedacht steht da „mag“: man kann es nicht wissen. Mich erinnert der Ton mancher der „Turm-Gedichte“ Hölderlins an Robert Walser. D.E. Sattler vermutet als Entstehungszeit die Jahre 1808/09 und schreibt: „Der hintergründige, nur zum Schein naive Katalog sonntäglicher Werte erinnert  an die Aufzählungen der letzten Homburger Fragmente“ (Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Kritische Textausgabe Band 9. Dichtungen nach 1806 – Mündliches. Darmstadt und Neuwied: Luchterhand 1984, S. 38).

Freundschaft, Liebe, Kirch und Heilge, Kreuze, Bilder,
Altar und Kanzel und Musik. Es tönet ihm die Predigt.
Die Kinderlehre scheint nach Tisch ein schlummernd müßig
Gespräch für Mann und Kind und Jungfraun, fromme Frauen;
Hernach geht er, der Herr, der Burgersmann und Künstler
Auf Feldern froh umher und heimatlichen Auen,
Die Jugend geht betrachtend auch.

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