Ob es zu Goethes Zeiten schon so war, ich weiß nicht. Christian Felix Weiße, Steuereinnehmer und Lyriker, war ein Star mittleren Alters, den der Student eher verachtete, obwohl er selber so unendlich besser noch nicht war. Er hat ja auch das meiste verbrannt – als er soweit war, war er nicht mehr in der Pleißestadt.
Heute ist Leipzig ein gutes Pflaster für die Literatur und, was mich hier interessiert, ein hervorragender Platz für Lyrik. Nicht nur leben hier viele Lyriker, manche nur ein paar Jahre und manche länger – es kommt auch viel Publikum. Im Trubel der lärmenden Messehallen nicht immer mit voller Platzauslastung, aber ich habe keine Lesung gefunden, die ohne Publikum auskommen mußte trotz des Überangebots (das Programm ist 467 Seiten stark). Gestern 16:00 bis 16:30 lasen Artur Punte und Sergej Timojejev von der lettischen Poetengruppe ORBITA ihre russischen Gedichte, danach wechselte ich ein paar Stände weiter, wo schon seit 16:00 drei Autoren unter der Rubrik „Kleine Sprachen – Große Literaturen“ lasen, Serhij Zhadan aus der Ukraine hatte ich verpaßt, als ich kam, las gerade der Litauer Sigitas Parulskis und dann der Schweizer und Engelerartist Arno Camenisch, dieser zweisprachig Surselvisch und Deutsch. Zum Schluß gabs noch eine furiose Soundzugabe aller drei Dichter in den Originalsprachen ohne Übersetzung, aber ein Ereignis!
Eine ähnliche Überlagerung hatte ich schon am Donnerstag erlebt. Ich hörte junge Lyrik aus Ungarn – es lasen András Gerevich und Attila Végh eine Probe im Original, dann eine junge Frau mit zu dünner Stimme Übersetzungen, die nicht sehr markant klangen im lauten Hintergrundrauschen um das „Café Europa“. Dann aus der Nähe sehr lauter Applaus und dann in einer fremden Sprache sehr laut und klangvoll ein Mann, die Moderatorin kommentierte, irgendein politischer Appell störe die Lyriklesung, die „Störung“ dauerte an und schwächte die Aufmerksamkeit für die Ungarn, die nach der politischen Situation in ihrer Heimat ausgefragt wurden. Ich sah später nach, die Störung kam kam aus dem Buchmesseschwerpunkt „Tranzyt“ und hier speziell von einer Lesung zweier weißrussischer Dichter, Volha Hapejeva und – vermutlich der Herr mit der durchdringenden Stimme – Zmicer Vishniou. Da hatte ich mich falsch entschieden und dennoch eine akustische Kostprobe bekommen.
Entscheiden, ob richtig oder falsch, muß man sich hier ständig. Als ich im English Room zweisprachig Texte von Peter Gizzi, H.D. und George Oppen hörte, verpaßte ich, nur einige Namen zu nennen, Thomas Böhme und Tom Bresemann, Georg Klein und Andreas Reimann, Wladimir Kaminer, Jan Skudlarek, Christian Kracht, Franzobel, Wiglaf Droste, Marcel Beyer, Ralph Dutli und und und. Gestern nachmittag hörte ich Chirikure Chirikure aus Simbabwe, der Englisch und auch einmal Schona las und sich in phonetischem Deutsch probierte. Im fliegenden Wechsel dort bei arte in der Glashalle traf ich meinen Freund Alex, der tschechische Autoren gehört hatte und zur nächsten Lesung weiterflog.
Am Abend fuhr ich in den quirligen, offenbar noch nicht von Gentrifizierung bedrohten Süden, nach Plagwitz, wo das junge Leben pulsiert und auch das der Lyrik. Im Abstand von 150 Metern zwei attraktive Veranstaltungsorte, zwischen denen nicht nur ich pendelte, ein Stempel auf der Hand machts möglich. Bis nach Mitternacht konnte man im Lindenfels Westflügel „UV – die Lesung der unabhängigen Verlage“ genießen, zu Beginn lasen unten im „Café“ Lydia Daher, Norbert Lange und Monika Rinck aus ihren neuen Büchern, während gleichzeitig oben im „Saal“ DDR-Altstar Werner Heiduczek sowie Peter Wawerzinek und Karsten Krampitz zu hören waren. Beide Räume waren voller Zuhörer, und auch das dort ausgeschenkte „Industriebier“ ist empfehlenswert. Unter vielen weiteren Autoren nenne ich nur Enno Stahl und Thomas Meyer. Ein Stück weiter die Lyrikbuchhandlung mit attraktivem Buchangebot zahlreicher Lyrikverlage – keine Buchhandlung kann sich damit messen, der Verkäufer empfahl, nicht zu viel Bargeld mitzubringen, womöglich hatte er recht. Auch dort drängte sich das junge Publikum bei Bertram Reinecke und Dagmara Kraus. Leipzig bildet seine Leute immer noch – auch seine Lyriker und Lyrikleser, q.e.d.
Ausgerechnet ein Gedicht beendet vorerst die Uni-Karriere eines Literaturstudenten.
Diesmal keine Nachricht aus China oder irgendeiner arabischen oder afrikanischen Diktatur, sondern aus England:
Denn damit störte der Doktorand Owen Holland eine Rede des englischen Wissenschaftsministers an der Cambridge Universität. Jetzt hat ihn ein universitäres Gericht deswegen suspendiert. In zweieinhalb Jahren darf er an die Elite-Uni zurückkehren. Wenn er dann noch will.
Im Unterschied zu diesen Ländern geht es hier aber nicht um die Unterdrückung der Meinungsfeiheit, sondern um das genaue Gegenteil. Wirklich:
Kurz [nach dem Vorfall] veröffentlichte die Uni ein Statement: Sie bedauere es sehr, dass eine kleine Gruppe Demonstranten den Minister von seiner Rede abgehalten habe. Die Uni schätze die Meinungsfreiheit. Die freie Rede sei ein fundamentales Prinzip der Uni. „Die Aktion der Demonstranten verletzte dieses Prinzip.“
Und wer die Prinzipien der Uni verletzt, dem droht Strafe, wie der Doktorand Owen nun erfahren musste.
Das „internationale literaturfestival berlin“ ruft für Dienstag, den 20. März, zu einer weltweiten Lesung von Texten des chinesischen Autors und Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo auf. …
Liu Xiaobo schrieb zwischen 1996 und 1999 in der Zeit durch „Umerziehung durch Arbeit“ viele an seine Frau gerichtete Gedichte. Seine Bücher beeinflussten seit den 1980er-Jahren junge Autoren. 2011 erschienen ausgewählte Schriften und Gedichte in dem Buch „Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass“. …
Tsering Woeser, eine der bekanntesten tibetischen Schriftstellerinnen, ist es nicht erlaubt, in ihrer Geburtsstadt Lhasa zu arbeiten. Aus politischen Gründen zog sie 2003 nach Peking. Ihre Bücher sind verboten. Sie publiziert u. a. in Taiwan und in den USA, veröffentlicht Gedichte und Essays. Mehrfach wurden ihre Internet-Blogs gelöscht, sie persönlich unter Hausarrest gestellt und von den Behörden verwarnt. In Deutschland erschien 2009 ihr Buch „Ihr habt die Gewehre, ich einen Stift. Eine Chronologie der Ereignisse 2008 in Tibet“./ mehr
Ein wenig ähnelt der koreanische Dichter Choi Seung Ho jener Seidenraupe, die er in einem Gedicht besingt. So unterschiedlich sind seine Verse bisweilen, dass man meinen möchte, er könne vom einen zum anderen Gedicht nur dank einer Metamorphose gelangt sein. Mit Vorliebe begibt sich Choi in die «Nacht des lächelnden Kapitalismus» und lauscht dem «Lärm dieser Welt». Dort schreibt er Gedichte mit unverkennbar politischen Anspielungen. Es ist eine Welt der «grölenden Leere», die er vor uns auffaltet, eine Welt, in der die Angestellten vor Kaffeeautomaten warten und vor lauter Müdigkeit kaum mehr stehen können. Zwischen «Klimpermusikanten», billigen Kinos und «Paradise Shopping»-Meilen geht Choi der Routine des Alltags ebenso nach wie «Vergnügungen in der weltlichen Stadt». / Nico Bleutge, NZZ 8.3.
Choi Seung Ho: Autobiografie aus Eis. Gedichte. Aus dem Koreanischen von Kyunghee Park und Kurt Drawert. Wallstein-Verlag, Göttingen 2011. 144 S., Fr. 28.50.
Von Kai Pohl
»La fonction première de la poèsie
est d’aller là où on ne l’attend pas.«
André Velter
Die wichtigste Funktion der Poesie
wer formuliert, in wessen auftrag,
die wichtigste funktion der poesie?
»… DORTHIN ZU GEHEN, WO
NIEMAND SIE ERWARTET« –
woraus folgt die gewißheit, dies sei
die wichtigste funktion der poesie?
wir wollen vernachlässigen, daß ihr
verfasser noch andere funktionen der
poesie kennt; es ist uns schnurz, woher
er weiß, welche davon die wichtigste ist;
wir fragen nicht nach, wie er herausbekommt,
wo die poesie erwartet wird … wir haben nur keinen
bock mehr, uns das reinzuziehen, was uns runterzieht;
unsere poesie kennt kein gesetz; ohne auftrag begleitet
sie uns – dorthin, wo sie gebraucht wird.
Siehe Lyrikzeitung & Poetry News vom 12. März 2012
Der Name der Dichterin Ana Blandiana ist in allen Schichten des Volkes, dem sie angehört, bekannter als der Name jedes deutschen Schriftstellers der Gegenwart bei den Deutschen. Das hängt nicht nur mit der öffentlichen Präsenz von Ana Blandiana seit über einem halben Jahrhundert zusammen, sondern mehr noch damit, dass ihre Gefühle der Ablehnung des Sozialismus der Jahre 1945-1989/90 von der überwiegenden Mehrheit der Rumänen geteilt wurden. Als 1959 ihr Gedicht „Originalitate“ erschien und den massiven Unwillen der KPR erregte, wurde sie mit landesweit diskutiertem Schreibverbot belegt und so, wie sie später notierte, „als verbotene Dichterin bekannt, noch ehe ich es als Dichterin war“. Zwischen den Zeilen hatte sie mitten im Terror der stalinistischen Gheorghiu-Dej-Ära nicht Regimekritik geübt, sondern, weitaus gewagter, ihrem Widerwillen gegen das System Ausdruck verliehen – ein Akt der Courage, dessen Ausmaß sich heute keiner mehr vorstellen kann. …
In ihren Lyrik- und Prosatexten taucht immer wieder die Metpaher der Ablehnung auf, von einem Volk mit Spürsinn für die literarische Nuance und für das Raffinement der getarnten Attacke sehr wohl verstanden – und goutiert. Wenn „die Blandiana“ im Gedicht „Dies irae, dies illa“ („Dies ist der Tag des Zorns“) den Vers schreibt: „… zweifelt nicht,/ der Tag wird kommen/ gleißend wie eine Degenklinge,/ die im Licht erzittert“, oder das Gedicht „Namenlos“ mit den Zeilen beginnt: „Ununterbrochen reden wir von ihm,/ so wie du unentwegt/ mit der Zunge den schmerzenden Zahn berührst“, und dann fortfährt: „Ein Festtag, wenn wir ihn vergessen,/ ein Fluch das Leiden seiner Nennung“, dann verstand jeder in dem mit Kerkern übersäten Land, was und wer gemeint war – und was Blandiana dabei riskierte. / Hans Bergel, Siebenbürgische Zeitung
Thomas Böhme
Mach mir schöne Worte!
Die Arsenale sind aufgebrochen.
Nimm dir Wörter heraus, so viele du willst!
Du, der du den Mund nicht voll kriegst
vom Bauchpinseln & von Sommersprossen!
Eigentlich, weißt du, ist Zuwendung
eine Flüstertüte. Doch Schweigen
mit Wehmut gepaart führt zur Melancholie.
Zwischen beiden ist oft nur ein Haarriß.
Ach, saumseliger Tausendsassa
mit deinen paar Habseligkeiten
eingeschneit in der Doppelhaushälfte!
Du denkst eine Sternschnuppe
die einen Purzelbaum schießt
sei schon ein Klimakiller. Kindskopf!
Jeder Einfall, dem ein Nichtsdestotrotz folgt
wird vom schönen Obschon in Zeitlupe absorbiert.
(Nach einer inoffiziellen Liste schönster Wörter)
Brecht konnte Los Angeles nicht ausstehen. „Nachdenkend über die Hölle“ – wie der Exilant um 1940 ein Gedicht überschrieb – fand er, diese müsse „noch mehr Los Angeles gleichen“. / Bernhard Schulz, Tagesspiegel
Nach langer Zeit des Schweigens und der künstlerischen Krise bringt der Schriftsteller Walter Kranz – während der Studentenrevolte als „Dichter der Revolution“ gefeiert – seine ersten Worte zu Papier. Dabei entsteht exakt das Gedicht „Der Albatros“, das Stefan George als Übersetzung von Charles Baudelaire anfertigte. Ein Plagiat? Ein Zufall? Ein Ruf? Kranz begnügt sich mit der Idee, eine Reinkarnation des deutschen Dichters zu sein: Er bestellt einen Anzug im Stile der Jahrhundertwende, zieht sich eine Perücke auf und schart erste Anhänger um sich. / Die Welt über eine Geschichte von Rainer Werner Fassbinder („Satansbraten“), die der Regisseur Stefan Pucher jetzt für die Bühne adaptierte.
Zum gleichen Stück die Süddeutsche:
Nach zwei Jahren bringt er wieder etwas zustande, ein Gedicht, das jedoch ein Plagiat von Stefan Georges ‚Der Albatros‘ ist, worauf sich Kranz beginnt, als George zu fühlen. Und sich auch so verhält. Da spielt dann vieles mit hinein, München, George-Kreis, Baudelaire (bei welchem George bereits sein Gedicht geklaut hatte) …
Die Rote Fahne bringt den Dichter Erich Fried (1921-1988) in Stellung gegen einen ihrer Lieblingsfeinde, Henryk M. Broder. Jude gegen Jude, das freut manchen klammheimlich. Sie druckt zwei Anti-Broder-Gedichte des alten Kämpen, eins geht so:
Ein Jude an die Zionisten
Freut euch erstens, daß eure Toten so tot sind,
denn sonst könnten sie euch laut sagen, was sie von euch halten
ihr zu Mörder gewordenen Söhne der Opfer unserer Mörder
die ihr euch verbündet mit Mördern gegen eurer Mordopfer Kinder
Und freut euch, daß die Mörder unserer Eltern
die Herzen der Welt so gewöhnt haben an das Morden
daß die Herren der halben Welt heute eueren Morden und Lügen
wohlwollend zusehen können und kaum zum Schein protestieren
Und freut euch, daß euer eigener Martin Buber schon tot ist
denn der hat noch knapp vor seinem Tode gesagt
daß ihr nicht die Jünger der alten jüdischen Weisheit
nein, nur die Schüler von Hitler geworden seid
Und freut euch auch, daß es keinen Bert Brecht mehr gibt
denn was der euch gesungen hätte zu eurem Unrecht
das würde der Welt und euch noch lang in den Ohren klingen
ja, länger als eure Unrechtherrschaft noch währt
Aber freut euch rasch, denn eure Freude wird kurzlebig sein
wie die Freuden anderer Tyrannen und Mörder
und dann werden Palästinenser und Juden in Frieden zusammenleben
und werden Gott danken, daß es keinen Zionismus mehr gibt
Erich Fried
Ein passender Kommentar hier, Zitat:
Obwohl Fried in seinen Gedichten zumeist „Zionisten“ und nicht Jüdinnen und Juden anspricht, vergisst er doch nie, dass diese ebenso Jüdinnen und Juden sind, worauf die Ausgestaltung seiner polternden Beleidigungen schließen lässt, die viele der altbekannten antijüdischen Register zeigt. Er selbst bezeichnet sich demgegenüber als „besserer Jude“. Nach langen wirren Überlegungen zum Thema kommt Fried dann im Band zum Schluss, dass Antisemitismus und Zionismus in etwa gleichermaßen zu verurteilen seien: „[Es gibt] kein Bewusstsein, das den Antisemitismus oder den Zionismus rechtfertigen kann“ und er ruft die USA auf, „ihren israelischen Satelliten nicht weiter rasen zu lassen“. Nebenbei ermahnt er auch die Deutschen „zu helfen“. Die Paradoxie liegt auf der Hand: Die Deutschen, die gerade eben noch den Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden in die Wege geleitet haben, sollen Frieds Hass auf das kleine Häufchen der in Israel verbliebenen Jüdinnen und Juden teilen, ausgerechnet um zu beweisen, aus dem Holocaust gelernt zu haben. Das wird vielen keine Schwierigkeiten gemacht haben. Eine leichtere Methode, mit dem Wissen über den Holocaust umzugehen, als die Judenfeindlichkeit auf diese Weise vom Fleck weg weiterzuleben, ist kaum auszudenken.
Die 24. Internationale Schopfheimer Mund-Art Literatur-Werkstatt findet in diesem Jahr vom 16. bis 18. März statt. Unter den Teilnehmern ist Markus Heiniger:
Markus Heiniger hat 1968 in Basel das Licht der Welt erblickt. Berndeutsch mit der Muttermilch, Baseldeutsch im Sandkasten. Er hält seine Schweizer Dialekte fein säuberlich auseinander. Seine dritte Sprache ist Hochdeutsch; da gibt es keine Berührungsängste, nur Lyrik, Humor und überraschende Brückenschläge. / Badische Zeitung
Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Martin Pollack, der 2011 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten hat, kuratiert den auf drei Jahre angelegten Schwerpunkt „Tranzyt – Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus“ auf der Leipziger Buchmesse. Die Presse (Wien) berichtet:
2005 hat Pollack eine Anthologie namens „Sarmatische Landschaften: Nachrichten aus Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland“ herausgegeben. „Die Polen erinnern sich gern an das einstige Sarmatien“, erklärt Pollack: „Für sie ist das so eine Art innerkontinentales Atlantis.“ In der Spätantike verstand man unter Sarmatien die große Region zwischen Weichsel, Wolga, dem Schwarzen Meer und der Ostsee. Die polnisch-litauische Adelsrepublik der frühen Neuzeit übernahm diesen Namen, in ihr lebten Polen, Weißrussen und Westukrainer in einem Staatenverband, in dem die Polen die Führung innehatten: „Für sie war das ein Goldenes Zeitalter.“
Eines könne sich der Westen aber von den Osteuropäern abschauen, meint Pollack: die Begeisterungsfähigkeit für Literatur. „Ich habe Lyrik-Lesungen erlebt, bei denen die Säle gerammelt voll mit jungen Leute waren, die gejubelt haben.“ So etwas wünsche er sich auch für Leipzig…
/ Die Presse 14.3.
Die Leipziger Buchmesse dauert von 15. bis 18. März. Insgesamt präsentieren 2071 Verlage über 100.000 Bücher aus 44 Ländern.
Das Autoren-Camp ist die wichtigste Neuerung. Es dient der Vernetzung von Autoren.
es kann nur eine glückliche fügung gewesen sein, die den lyriker nicolai kobus aus dem westmünsterländischen und den saxophonisten jochen baldes aus zürich zusammengeführt haben, die unter dem künstlerduo «KOBAL» eine sehr gelungene symbiose aus lyrik und musik präsentieren. dabei lässt sich der schweizer saxophonist allerdings von einem ensemble begleiten, in dem jedes mitglied ein virtuose auf seinem instrument ist: das gilt für michael gassmann auf der trompete ebenso wie für michael bucher an der gitarre, thomas bauser an der hammond-orgel und dominic egli am schlagzeug.
die musiker um den charismatischen tenor-saxophonisten baldes verstanden es, das «seufzer-kalendarium» des inzwischen in hamburg ansässigen poeten so einfühlsam zu begleiten, dass das publikum in eine art trancezustand geriet. /
westfälische nachrichten hier (mit Hörproben)
Hier der schöne Gedichtzyklus „ach anna. seufzerkalendarium“ deutsch und polnisch.
Seit der Preisvergabe an Eyvind Johnson und Harry Martinson 1974, die auf viel Kritik gestoßen war, sind die Schweden traumatisiert, wenn es um Preisträger aus ihrem Land geht.
Nun ist es ausgerechnet einem Dichter gelungen, diese Wunde zu schließen. Doch verwunderlich ist das nicht, denn Tranströmer widerlegt alle Vorurteile, die mit Lyrik häufig in Verbindung gebracht werden. Seine Gedichte sind nicht abgehoben oder weltfremd. Seine Sprache ist nicht selbstverliebt. Tranströmer hat jedes Wort in jedem Gedicht mit Bedacht gewählt. Sein ganzes Leben lang hat er gerungen mit der Sprache. („Überdrüssig aller, die mit Wörtern, Wörtern, aber keiner Sprache daherkommen.“) Es erscheint wie ein böser Scherz, den ihm das Leben gespielt hat, dass seine Erkrankung ihn, den Dichter des Schweigens, zwingt, nun auch körperlich um jedes Wort zu ringen. / Anne Burgmer, FR 14.3.
ist ein Buchprojekt von Sabine Scho und der Titel eines Blogs, in dem man etwa liest:
Fallen sind meist temporäre Architekturen für Tiere. Der Graf von Foix tat sich im 14. Jhdt mit seinem schön bebilderten Livre de Chasse hervor. Er soll 1500 Hunde besessen und das Buch für Philipp den Kühnen von Burgund verfasst haben. Jagd war in seinem Gebiet nicht allein Vorrecht das Adels, jeder Freie, heißt es, durfte ebenfalls jagen. Ich kaufte das Buch im Jagdmuseum in Paris, es zeigt auch, wie die Fallen verfertigt werden, unterschiedliche Netzformen werden geflochten, die man etwa vor Kaninchenlöchern anbringt. Oder man lockt den Wolf mit einer Blutspur eines toten Schafes in ein Rondell mit Tür im äußeren und Schaf im inneren Weidenrutenkreis. Trittfallen, Gruben und Hatzparcours aus Weidenrutenzäunen. Im Jagdmuseum Born erzählte man uns, dass auf dem Darß für Göring immer Wild zusammengetrieben wurde, an einer Stelle, die sie Hirschhinrichtungsstätte nannten, dann spielte man uns noch Der Wald erschallt vor und rekapitulierte das dritte Raesfeldsche Hegegesetz, bis man uns zum Ganzkörperpräperat Verkämpfte Hirsche führte. Das Gesetz erinnere ich ungefähr so: schieße nie mehr, als notwendig und hege nie mehr, als du schießen kannst.
Zur Jagdsaison hieß es immer, Mädchen, nimm Deinen Hund an die Leine, sonst schießen wir ihn tot. Als Kind hatte ich panische Angst, sie machen damit ernst, schon wenn er nur einem Kaninchen hinterherjagte, nahm ich an, es sitzen ganzjährig Jäger auf den Hochsitzen, die auf nichts anderes warten, als den freilaufenden Haushund einer unbedarften Jugendlichen zu exekutieren. Katzen, die nicht mehr Heim kamen, musste man ihnen ganz sicher zurechnen. Aufgrund unserer verschwundenen Katzen fürchtete ich die Willkür der Jäger, die mir gar keiner Regel zu unterliegen schien, außer der, dass sie einfach Tiere totschießen durften, wenn Saison war, Hund, Katze, Kaninchen, Rotwild, war da scheinbar egal, so kam es mir vor. Und auch, dass noch beinahe jeder eine Waffe auf dem Dorf hatte, wo man noch Schützenfest feierte, war da nicht verwunderlich. Unser Nachbar schoß mal Kaninchen in unserem Garten und verstand es als Nachbarschaftshilfe.
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