129. Doktor Zeit

Die Neue Zürcher Zeitung lobt den Verleger Urs Engeler und weist auf sein neustes Buch hin:

Als jüngste unter diesen rohen Perlen ist nun der Gedichtband «doktor zeit» des 2011 verstorbenen Lyrikers Wolfgang Schlenker erhältlich – ein Bündel kraftvoll-ruhiger Texte von eindringlicher Dezenz, die zurückhaltend und beinahe liebevoll meist in zweizeiligen Strophen verschiedene Formen des Abgehens und Verschwindens umkreisen (…)

Wolfgang Schlenker: doktor zeit. www.roughbooks.ch. 56 S., Fr. 11.–.

128. Schattenjahre

Ende 1948 wurde er wegen versuchter „Republikflucht“ verhaftet. Er blieb bis 1951 im Gefängnis und wurde anschließend in ein Arbeitslager interniert. Aichelburg erinnerte sich, dass sehr viele seiner Gedichte in der Verbannung „un-literarisch“ entstanden sind, „durch reine Gedankenarbeit“, und dass sie „sich durch tägliches Memorieren erhalten“ haben (DLS, S. 267). Zudem stammen aus dieser Zeit noch viele Essays und Erzählungen. 1959 wurde er erneut verhaftet, diesmal zusammen mit vier anderen deutschsprachigen Dichtern, und im „Gruppenprozess deutscher Schriftsteller zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die Anklage lautete auf „verbrecherische Unterwühlung der sozialistischen Gesellschaftsordnung und Agitation“ (s. Peter Motzan/Stefan Sienerth: „Worte als Gefahr und Gefährdung. Fünf deutsche Schriftsteller vor Gericht“, Südostdeutsches Kulturwerk, München 1993.) Das Corpus Delicti, die Tiergeschichten „Die Ratten von Hameln“ wurden eingestampft. Nach einer Generalamnestie für politische Häftlinge kam Aichelburg 1964 wieder frei und begann seine Tätigkeit als Literatur- und Musikkritiker. Nun konnten seine Bücher publiziert und seine musikalischen Werke aufgeführt werden. Nach erneuten Verhören und Repressalien stellte er 1976 den Ausreiseantrag und konnte 1980 durch die Unterstützung eines internationalen „Wolf von Aichelburg-Komitees“ ausreisen. (…)

Trotz der insgesamt zwölf Jahren, die er in Gefängnissen, Arbeitslager und in der Verbannung verbringen musste, findet an keiner Stelle seines literarischen Werkes eine Abrechnung mit dem ihm widerfahrenen Unrecht statt. Zuweilen sind schmerzhafte Erinnerungen darin auszumachen, die jedoch frei von Ressentiments oder Verbitterung sind. Aichelburgs Gesamtwerk stellt einen geistigen Brückenschlag zwischen Tradition und Gegenwart dar. Aus seinen literarischen Schriften ebenso wie aus seinen Kompositionen und Bildern spricht der ungebrochene Lebenswille eines künstlerisch hochbegabten und vielseitig gebildeten Humanisten.

Die Werke Aichelburgs – denen, zum Ausdruck ihrer Tiefe und Ausgeglichenheit, als Motto die Gedichtzeile „Über ruhigem Grund durchsichtig Leben“ („Tao“, Werke, 29) vorangestellt werden könnte – bleiben in ihrer Größe und ihrer Relevanz noch zu entdecken. Wolf von Aichelburg ist am 24. August 1994 infolge eines tragischen Unfalls ums Leben gekommen. / Herbert-Werner Mühlroth, Siebenbürgische Zeitung 24.3. in einem Artikel zum 100. Geburtstag des Dichters, Malers und Komponisten Wolf von Aichelburg

127. Anschlag auf Dichtertreffen in Karatschi

Die indischen Dichter Manzar Bhopali und Iqbal Ashar gehörten zu den Überlebenden eines Anschlags auf eine „mushaira“, ein traditionelles Dichtertreffen in der Hafenstadt Karatschi. Mindestens ein Mensch kam bei dem Angriff der etwa ein Dutzend Bewaffneten ums Leben. Das Treffen wurde anschließend planmäßig fortgesetzt. / Outlook India 27.3.

126. Mäklig

Rauris scheint ein kritisches Publikum zu haben:

Der chinesische Literaturprofessor Wang Jiaxin – eigens aus Peking eingeflogen – las seine nicht zuletzt von deutscher Poesie inspirierte „Welt-Lyrik“ im chinesischen Original. Aber sein Publikum erreichte er auch in der deutschen Übersetzung von Autor und Chinakenner Wolfgang Kubin nicht. Ebenso wenig funktionierte die Lyrik des Slowenen Ales Steger und des Ukrainers Juri Andruchowytsch, deren Gedankenwelten vermutlich bloß in den sperrigen Deutschkenntnissen der Autoren steckenblieben*. Auch Patrick Roth mit seiner US-amerikanischen Wortbildershow wird wohl Wenige überzeugt haben, während die witzige, schlagfertige und pointierte Bachmann-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff mit ihrer Lesung aus dem Roman „Blumenberg“ ihren Ruf als eine der stärksten Stilistinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur einmal mehr verfestigte. / Salzburger Nachrichten

*) Die sprechen Deutsch – aber ob sie sich selber übersetzen? Eher zweifelhaft.

125. Lyrik Kabinett und Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung kooperieren

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die in München ansässige Stiftung Lyrik Kabinett, die sich als einzigartiges, allein der Lyrik gewidmetes literarisches Zentrum erfolgreich im deutschen Sprachraum etabliert hat, kooperieren. Maria Gazzetti, die Leiterin des Kabinetts, hat vor einem Jahr die Veranstaltung „Das Lyrische Quartett“ ins Leben gerufen, das dreimal jährlich stattfindet. Die Akademie wird sich künftig als Institution kontinuierlich an dieser Reihe beteiligen. Dies soll der Beginn einer längerfristigen Zusammenarbeit sein.

„In einer Zeit, in der das Wort Literatur in der Öffentlichkeit oft als Synonym für Roman gebraucht wird, ist es wichtig, die Stimmenvielfalt der gegenwärtigen deutschen Poesie ins öffentliche Gespräch zu bringen. Dieses Ziel verfolgen Lyrik Kabinett und Akademie gemeinsam“, sagt Heinrich Detering, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er wie auch der Kritiker und Lyriker Harald Hartung, ebenfalls Mitglied der Deutschen Akademie, gehören zum festen Ensemble des Quartetts, dem die Kritikerin Kristina Maidt-Zinke vorsitzt. Die vierte Person der Runde hat Gaststatus und wechselt jeweils zu den Veranstaltungen. Jedes Mal diskutiert das Quartett über vier Lyrikbände: drei Neuerscheinungen und einen Klassiker. „Im gemeinsamen Lesen und im Reden über Gedichte setzen wir an“, sagt Maria Gazzetti, „um zu zeigen: Die Poesie ist lebendig und gesellig.“

Am 18. April 2012 kommt das Lyrische Quartett zum vierten Mal zusammen. Als Gast wird der Verleger und Schriftsteller Michael Krüger dabei sein. Diskutiert wird über:

  • Tanja Dückers: Fundbüro und Verstecke (Schöffling, 2012)
  • Alexander Nitzberg: Farbenklavier (Suhrkamp, 2012)
  • Derek Walcott: Weiße Reiher (Hanser, 2012)
  • Wisława Szymborska: Der Augenblick/Chwila (Suhrkamp, 2005)

Mit der kommenden Veranstaltung wird die Internetseite www.daslyrischequartett.de freigeschaltet. Sie bietet nähere Informationen zu der Reihe: Audiodokumentationen der Veranstaltungen, Biographien der Kritiker, eine Liste der besprochenen Bücher u. a.

Es ist geplant, Ende 2012 eine Empfehlungsliste aus den Lyrikneuerscheinungen des Jahres vorzustellen. Über diese Liste wird ein Gremium aus Lyrik-Kennern und Mitgliedern der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung entscheiden.

Weitere Veranstaltungen der Reihe:

  • 20. Juni 2012, Gast: Dirk von Petersdorff
  • 28. November 2012 (Gast N.N.)

Veranstaltungsort des Lyrischen Quartetts: Lyrik Kabinett, Amalienstraße 83a, 80799 München.

124. Verschlossener Raum

Was beschäftigte Gottfried Benn an sechs von sieben Wochentagen und war für W.H. Auden eine Sucht, die dem Konsum von Tabak oder Alkohol gleichkam? Welche Leidenschaft – neben der Lyrik selbst – verbindet beide Dichter mit Pablo Neruda, mit Bertolt Brecht und Helmut Heißenbüttel? Die Antwort, kurz gefasst, lautet: Der Kriminalroman. Der Vortrag, ausgehend von einer erstaunlichen und alle poetologischen Differenzen überschreitenden Leidenschaft, bewegt sich von den historischen Wurzeln über Exkurse zum Rätselgedicht hin zum eigentlichen Thema, zum Rätsel des Gedichts selbst – und zu der entscheidenden Frage: Was macht diesen erstaunlichen Raum aus, der das Gedicht ist, und wie wäre er zu betreten?

Münchner Reden zur Poesie XI
Jan Wagner: „Der verschlossene Raum“
Moderation: Frieder von Ammon

Mittwoch, 28. März 2012, 20:00 Uhr
Lyrik Kabinett
Amalienstraße 83a, 80799 München

123. American Life in Poetry: Column 366

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
I don’t think we’ve ever published a poem about a drinker. Though there are lots of poems on this topic, many of them are too judgmental for my liking. But here’s one I like, by Jeanne Wagner, of Kensington, California, especially for its original central comparison.

My mother was like the bees 

because she needed a lavish taste
on her tongue,
a daily tipple of amber and gold
to waft her into the sky,
a soluble heat trickling down her throat.
Who could blame her
for starting out each morning
with a swig of something furious
in her belly, for days
when she dressed in flashy lamé
leggings like a starlet,
for wriggling and dancing a little madly,
her crazy reels and her rumbas,
for coming home wobbly
with a flicker of clover’s inflorescence
still clinging to her clothes,
enough to light the darkness
of a pitch-black hive.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Jeanne Wagner from her most recent book of poetry, In the Body of Our Lives, Sixteen Rivers Press, 2010. Poem reprinted by permission of Jeanne Wagner and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

122. Kuhlbrodts Sehnsuchtsbücher

Im jungen Leipziger Verlag Reinecke & Voss sind zuletzt einige Bücher erschienen, ohne die ich nicht mehr leben möchte. Das klingt pathetisch, ist aber so. Denn es handelt sich um Bücher, die geradezu wie für mich gemacht scheinen, weil sie so etwas wie eine Sehnsuchtslücke in meiner Lektüreliste füllen. Sie lassen mich verstehen, weshalb Sprache, bei alle politischen Verwerfungen und diktatorischen Transformationen immer noch etwas ist, worin man sich verlieren kann, einerseits in eine Vorstellung von Sprache selbst und andererseits in eine konkrete, ständig bedrohte Sprache, wie das Wendisch oder Sorbisch eine ist. …

Die Begegnung mit Buchmanns Texten, die mir nun der Verlag Reinecke & Voss bescherte, sind dazu geeignet mein Wissenschafts- und Weltbild auf den Kopf zu stellen. (sic!) . Nicht der Gebrauch lässt mich die Dinge erkennen. Das sprechende Tier wird sich der Schönheit der Sprache bewusst, indem er sie betrachtet. Der Philologe als solcher ist Müßiggänger, so scheint es. Und aus seinem Müßiggang heraus entstehen ihm Sätze über den Gegenstand, den er liebt, über die Sprache. In Buchmanns  „Grammatik der Sprachen von Babel“ wird die Sprache nicht, wie sonst üblich, in ein nationalsprachliches Korsett gepresst, und auch nicht als Phänomen, dass sich mehr oder weniger organisch durch die Zeiten hindurch zu einer Nationalsprache geformt hat, dass gleichsam der natürliche Ausdruck eines Kulturraums ist.

Sprache erscheint dem Leser auch nicht als Referenz irgendeines Vorsprachlichen. Natürlich rennt man mit derlei Gedanken bei Strukturalisten, Poststrukturalisten und Postpoststrukturalisten offene Türen ein, aber die Art in der das geschieht ist an Eleganz nicht zu überbieten. Und Eleganz hat einen Erkenntniswert, wie Schönheit die Wahrheit erst ins Licht rückt.

Im zweiten hier angeführten Text geht Buchmann einem Schritt weiter, in dem er eine real existierende Sprache, das Sorbisch oder Wendisch aus einem Zustand doppelter Bedrohung begreift. Einerseits durch  die erdrückende Übermacht des Amtsdeutsch und andererseits durch die paternalistischen Rettungsversuche der Mehrheitsgesellschaft, die sich genau jener amtsdeutschen Wendungen bedient.
Und so scheint es fast wie ein Wunder, dass die Wendische Sprache über die Jahrhunderte fortexistierte, in denen ihr Sprachraum selbst immer kleiner wurde, und, weil sich unter einem Großteil  des wendischen Siedlungsgebietes Braunkohlelagerstädten befinden, auch abgegraben. Was nach der Flutung der Tagebaugebiete zu Vogelschutzinseln und Heimatmuseen mit Artefakten der sorbischen Kultur führte. / Jan Kuhlbrodt, Fixpoetry

Jürgen Buchmann:
Encheiridion Vandalicum oder Das Buch von den Wenden. 76 Seiten, 10 Euro. ISBN: 978-3-942901-02-4

Grammatik der Sprachen von Babel 96 Seiten, 9,95 Euro. ISBN: 978-3-9813470-1-2
Reinecke und Voß, Leipzig 2011/2012

121. Menschenlandschaften

Wiederbegegnen wird man auch dem Aufbegehren gegen Repression und Ausgrenzung, dem zähen Ringen zwischen Intellekt und Staatsmacht, das in stärkerem oder minderem Mass alle vorgestellten Dichterbiografien prägt. Der 1923 als Sohn einer kurdischen Mutter im südlichen Taurusgebirge geborene Yaşar Kemal wanderte mit 17 Jahren erstmals wegen eines Gedichts ins Gefängnis; später, aus der heimatlichen Çukurova nach Istanbul übersiedelt und dort als Journalist tätig, lenkte er den Blick der Leser auf das Los von Unterprivilegierten und Minderheiten. / Angela Schader, NZZ 20.3.

Insan Manzaralari / Menschenlandschaften. Sechs Autorenporträts der Türkei. Buch und Regie: Osman Okkan. Begleithefte mit Essays von Cornelius Bischoff, Erika Glassen, Altan Gökalp, Dietrich Gronau, Iris Radisch, Hubert Spiegel, Sibylle Thelen. 6 DVD à 30 Minuten. Vertrieb über autorenportraits@das-kulturforum.de. € 29.90

Die zweisprachige Dokumentarfilmreihe „Menschenlandschaften – Sechs Autorenportraits der Türkei“ von Osman Okkan umfasst persönliche Portraits von sechs Erfolgsautoren aus der Türkei.

  • I. Nazım HİKMET – Dichter und Revolutionär
  • II. Yaşar KEMAL – Zwischen Poesie und Politik
  • III. Orhan PAMUK – Ein Dichter im Zeichen seiner Stadt
  • IV. Elif ŞAFAK – Literatur zwischen Mystik und Moderne
  • V. Murathan MUNGAN – Der Kultpoet vom Bosporus
  • VI. Aslı ERDOĞAN – Grenzgängerin zwischen Himmel und Tod

Die Reihe beinhaltet eine Aktualisierung der beiden früheren WDR/ARTE-Portraits von Nazım Hikmet und Yaşar Kemal.

120. Ady-Sound

Den Ady-Sound kennt in Ungarn jedes Schulkind: diese unverwechselbare Mischung aus Klage und Anklage, Sehnsucht und Provokation, Lied und Leid, gebannt in suggestive, melodiöse Verse, deren Magie sich insistenten Wiederholungen und einem zugleich eingängigen und eigenwilligen Wortschatz verdankt. Ob Ady über Liebe oder Einsamkeit, über Heimat oder Tod, über Gottsuche oder Armut dichtet, immer geschieht es aus einer Dringlichkeit, die sich dem Leser fast physisch mitteilt. Das lyrische Ich lässt keinen Zweifel an seiner (meist prekären) Befindlichkeit, an seinem Anliegen (das politische und andere Kritik mit einschliesst), vor allem aber sind es Ton und Ausdruck, die in ihrer Intensität sofort gefangen nehmen. Ady analysiert nicht, er beschwört, und zwar in einer Weise, dass man sich dem Zauber seiner Träume und Albträume nicht entziehen kann. …

Mit dem (zweisprachigen) Band «Gib mir deine Augen» offeriert er nicht nur einen repräsentativen Querschnitt durch Adys Werk, sondern bringt die Gedichte so zum Schwingen und Klingen, dass sich das Phänomen Ady erschliesst. Reime, Wortwiederholungen, volksliedhafte Anklänge werden bewahrt, ohne dass daraus Enge und Schwülstigkeit entstehen; die komplexe Direktheit des Modernisten spricht unmittelbar an. / Ilma Rakusa, NZZ 17.3.

Endre Ady: Gib mir deine Augen. Gedichte Ungarisch/Deutsch. Übertragen und herausgegeben von Wilhelm Droste. Arco-Verlag, Wuppertal 2011. 286 S., Fr. 39.–.

119. Nachruf auf Antonio Tabucchi

Antonio Tabucchi war von einer liebenswürdigen Unberechenbarkeit. Wenn ihn Lust auf eine Zigarette, ein Getränk, ein Hustenbonbon, ein Gedicht von Emily Dickinson oder eine Zeile von Pessoa überfiel, liess er das Auto anhalten, vergass Verabredungen, spazierte mitten in Veranstaltungen vom Podium, rauchte, trank etwas, schlug ein Buch auf, knüpfte Gespräche an und verwickelte sich in Unvorhersehbares. … Zufällig entdeckte der 1943 in Pisa geborene Schriftsteller Anfang der sechziger Jahre bei einem Pariser Bouquinisten Gedichte von Pessoa und beschloss, vom Philosophie-Studium auf Portugiesisch umzusatteln. Gemeinsam mit seiner Lissabonner Frau Maria José de Lancastre wurde er später zum Herausgeber und Übersetzer Pessoas und Lehrstuhlinhaber an der Universität von Siena. / Maike Albath, NZZ

118. Latten ohne was drumrum

Christian Morgenstern (1871-1914)

Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm
mit Latten ohne was herum,

ein Anblick gräßlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri – od – Ameriko.

 
Aus: Sechsundzwanzig Galgenlieder und deren gemeinverständliche Deutung durch Jeremias Mueller, Dr. phil, Privatgelehrter. In: Über die Galgenlieder. Berlin: Cassirer 1921, S. 50.

Zu den Rehlein dagegen standen Sinn für Phonetik und Naturanschauung Pate – und nicht irgend ein Tiefsinn irgend eines Nietzsche – o ihr tiefsinnigen Ausleger.

Über die Galgenlieder. Berlin: Cassirer 1921, S. 9. (hier als eBuch)

117. Experimentelle Literatur in Österreich

So legitim also ein experimenteller Ansatz auch ist, wirtschaftlich gesehen erscheint er kaum mehr lukrativ. Publikumsverlage könnten sich eine solche Leidenschaft nicht leisten, nur zu schnell stünden sie vor dem Aus. Anders aber ist die Situation in Österreich, wo selbst zu Haiders Zeiten noch eine beispiellose Verlagsförderung von Seiten der Regierung betrieben wurde. Hier, wo die experimentelle Schreibweise traditionell stark ist, können Autoren und Verlage dieser Leidenschaft nachgehen, ohne gleich in ihrer Existenz bedroht zu sein.

Einer dieser Verlage ist der Klagenfurter Ritter Verlag, der seit vielen Jahren anti-konventionelle Text- und Kunstbücher vertreibt.

Wie kann man eine solche puristische Ausrichtung finanziell überhaupt durchhalten?

„Es gibt in Österreich eben andere Rahmenbedingungen für kleine Privatverlage als in Deutschland. Seit 20 Jahren gibt es eine einigermaßen funktionierende Verlagsförderung, die im marktfernen Raum sich einige Verlage hat etablieren lassen, die als primäres Ziel haben, die Literatur voranzutreiben und nicht nur ihre Autoren auf irgendwelche Shortlists zu bringen.“

/ Enno Stahl fragte Paul Pechmann vom Klagenfurter Ritter Verlag, dlf büchermarkt

  • Wolfgang Bauer: „Der Geist von San Francisco“. Verstreut publizierte u. nachgelassene Texte, 360 Seiten, 23,90 Euro.
  • Gundi Feyrer: „Die Trinkerin oder Mein Leben und ich“. 200 Seiten, 18,90 Euro.
  • Franzobel: „Die Seemannsbraut oder Undines Rettung“. 100 Seiten, 13,90 Euro
  • Ilse Kilic: „Buch über viel“. 159 Seiten, 13,90 Euro
  • Francis Ponge: „Der Tisch“. 100 Seiten, 13,90 Euro
  • Gerhard Rühm: „lügen über lander und leute“. 123 Seiten, 13,90 Euro

116. Niech żyje*

Entgegen des angestammten Images verstaubter Lyrik von Petöfi, Ady, Márai und Co hat es sich eine junge Generation von Poetry Slamern zur Aufgabe gemacht, die Kunst des Dichtens dem jungen Publikum wieder schmackhaft zu machen und jenseits von sturem rezitieren, der Poesie Leben einzuhauchen. / Pester Lloyd

Auch die Ungarn also…

*) Niech żyje ist nicht Ungarisch, sondern Polnisch und heißt: Es lebe! Der Slam soll leben, und die Lyrik irgendwo daneben!

115. Of the Surface of Things

Wallace Stevens

Of the Surface of Things

I

In my room, the world is beyond my understanding;
But when I walk I see that it consists of three or four
        hills and a cloud.

II

From my balcony, I survey the yellow air,
Reading where I have written,
„The spring is like a belle undressing.“

III

The gold tree is blue,
The singer has pulled his cloak over his head.
The moon is in the folds of the cloak.

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