94. Gema-Kasten

(Ists auch nicht Lyrik)

Modern Talking, noch jung und knackig – aber die Rente ist sicher. Für ihre reichen Mitglieder sorgt die Gema.

(Schreibt die Frankfurter Rundschau unter ein Foto). Und berichtet:

Die Gema pflegt gerne das Image einer karitativen Einrichtung, die sich um das Wohl aller Urheber sorgt. In Wahrheit gehen die dicken Brocken nur an die oberen 3400 wie Dieter Bohlen und Co.: 65 Prozent der Gema-Ausschüttungen fließen an fünf Prozent der Mitglieder.

Das Jahr 2010 war gut für die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, kurz Gema. Laut Geschäftsbericht hat sie rund 863 Millionen Euro erwirtschaftet und davon 735,9 Millionen Euro an ihre Mitglieder und andere Rechteinhaber ausgeschüttet. Etwa 127 Millionen Euro hat die Gema 2010 selbst verbraucht für ihre mehr als 1000 Mitarbeiter, den Unterhalt der beiden Generaldirektionen in Berlin und München sowie der sieben Bezirksdirektionen. Und die Gehälter des Vorstands wollen schließlich auch bezahlt werden. Der Vorstandsvorsitzende Harald Heker erhielt 484000 Euro, den Vorstandsmitgliedern Rainer Hilpert und Georg Oeller wurden 332000 Euro und 264000 Euro überwiesen. Die pensionsvertraglichen Bezüge der früheren Vorstände betrugen 554000 Euro. Da wundert es nicht, dass frühere Vorstandsmitglieder bis ins hohe Alter auf ihren Stühlen sitzen geblieben sind.

Gema-Logik: Wer mehr verdient, steigt auf

65000 Komponisten, Textdichter und Verleger sind als Gema-Mitglieder registriert, organisiert in einer Art Kastensystem, das streng einer frühkapitalistischen Logik folgt: Wer mehr verdient, steigt auf. Das Gema-Fußvolk und die breite Mehrheit unter den Urhebern sind „angeschlossene Mitglieder“, 54605 waren es 2010. Angeschlossene Mitglieder sind in den Ausschüssen, die über Verteilung und Auszahlungsmodalitäten entscheiden, praktisch nicht vertreten. Faktisch haben sie keine Rechte. Sie nehmen nur das Inkasso entgegen, das ihnen der Verein für die Nutzung ihrer Werke zuspricht.

Gema-Rentenzahlung: Nicht für jeden

Eine Übergangsstufe zur „ordentlichen Mitgliedschaft“ stellt die „außerordentliche Mitgliedschaft“ dar. Außerordentliche Mitglieder sind eingeschränkt wahlberechtigt und haben Anspruch auf Beteiligung an der so genannten Gema-Sozialkasse. Diese bietet nicht nur Leistungen bei Krankheit und Tod, sondern zahlt auch Renten aus. Aber eben nicht an alle, sondern nur an die außerordentlichen und vor allem die ordentlichen Mitglieder.

93. Verbotene Zone

Kaum etwas ist übrig geblieben von der einstigen Szene. Ganz historisch ist das alles geworden. Die zwei Spitzel sind vom westdeutschen Feuilleton dazu verwendet worden, die ganze Szene unter den Teppich zu kehren. Papenfuß, Matthies, Jansen, Faktor; wer spricht noch von ihnen? Nur Kolbe hat sich auf ein Treibgutstück retten können.

(Oder liege ich falsch, sehe ich das alles nicht richtig, ist mein nachgeborener, westdeutscher Blick zu astigmatisch? Und wären diese, meine Augen seine, hätte Nicolas Berggruen das genau so gesehen?) / Florian Voß, Verbotene Zone

92. Helles Entzücken

„Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle“ – mit diesem Auftakt fangen die meisten der 65 Gedichte an. Optisch kommen sie wie Prosa daher, in langen Zeilen ohne Reim, doch sind sie stark rhythmisiert und tragen auch sonst Kennzeichen lyrischen Sprechen, allen voran die Anrede. Dieses lyrische Ich will nicht allein sein, es möchte jemanden erreichen mit seinem Gesang. Während sie zeitgenössische Diskurs-Fragmente durcheinanderwirbelt, setzt Monika Rinck ganz selbstverständlich fort, was die Poesie in der Antike war: ein Gemeinschaftserlebnis, zu dem Gesang, Tanz und Rausch gehörten.

„Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle“, das klingt beim ersten Mal noch seltsam. Doch bald macht der Leser die Bewegung mit. Betört durch den Klang der Binnenreime, eingestimmt durch den Rhythmus der Wiederholung, genießt er es, wie jedes Gedicht durch den Schwung des Auftakts sofort in medias res landet.

Und so können sich diese Gedichte einfach alles einverleiben: Gedanken, Theorien, Weltbetrachtungen, aber auch ganz alltägliche Erfahrungen wie die Zubereitung eines Soufflés, das nicht fertig wird –

„Man lädt zum Essen ein, auf acht, und da liegt rohes Fleisch, ein Hügel Mehl,/ dreckige Karotten und ein Dutzend Eier und man sagt: Das ist das Soufflé,/ wenn Sie so wollen, oder wenn es jetzt nicht wäre, sondern in drei Stunden,/ oder wenn ich jemand andres wäre, dann wäre genau das: das Soufflé.“

Wer Freude am Denken hat und Abstraktionen dennoch mit Skepsis begegnet, der wird bei diesen Gedichten in helles Entzücken ausbrechen. Manche Sätze würde man am liebsten auswendig lernen: zum Beispiel „Abstraktion ist keine hinlängliche Antwort auf Unvorstellbarkeit“ oder „Analyse kann auch Stupor sein.“ Monika Rinck findet wunderbare Bilder, um Einwände gegen ihr Verfahren gleich mit einzubauen.

Der 1969 in Zweibrücken geborenen Monika Rinck werden nicht umsonst überall Lorbeerkränze gewunden. Sie beherrscht einfach alles, was man sich für Lyrik wünscht: die Vielfalt der Töne, die Modulation von Stimmungen, das Sinnbildlichmachen von Gedanken, Szenen des Alltags, den Aufschwung nach oben (wo einmal die Götter waren) und nicht zuletzt den Lobgesang auf Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft. / Meike Feßmann, DLR

Monika Rinck: Honigprotokolle. Gedichte
Kookbooks, Berlin 2012
80 Seiten, 19,90 Euro

91. Akademie

16 neue Mitglieder wurden im Mai in die Berliner Akademie der Künste gewählt, darunter die Schriftsteller Elke Erb, Kerstin Hensel, Thomas Lehr und Monika Rinck. Die Akademie der Künste zählt nun in ihren sechs Kunstsektionen insgesamt 412 Mitglieder. / Pressemitteilung, 18.6.

90. NEIN!

Grass macht Schule. Oder war er in Liechtenstein zu Besuch? Jedenfalls bekamen alle Liechtensteiner dieser Tage nicht die Bild-Zeitung, sondern ein Gedicht ins Haus. Ein politisches! Es geht darum, wenn ich recht verstehe, daß dem Volk die absolute Monarchie erhalten bleiben muß. Und gereimt ist es auch:

89. Fußballparty mit Lyrik

Die schwarz-rot-goldene Fußballparty hat in Neuwied einen herben Dämpfer bekommen. Während des EM-Spiels Deutschland gegen Griechenland sollen sich Mitarbeiter des Sicherheitspersonals, die die Besucher auf das Gelände der VR-Bank-Fanmeile ließen, rassistisch gegenüber mehreren jungen, dunkelhäutigen Personen geäußert haben. …

„Wir hatten in unserer Gruppe erneut einen farbigen Jugendlichen dabei, und diesmal ereignete sich ein unglaublicher Eklat. Die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma bestanden darauf, dass er, um letztlich eingelassen zu werden, zwei deutsche Gedichte aufsagen müsse.“ / Rhein-Zeitung

88. Petrarcapreis für Kito Lorenc und Miodrag Pavlovic

Den mit 20.000 Euro dotierten Preis teilen sich in diesem Jahr zwei Lyriker aus dem slawischen Sprachraum: der Sorbe Kito Lorenc, 1938 in Schleife in der Niederlausitz geboren, und der Serbe Miodrag Pavlovic, 1928 in Novi Sad geboren. Im kragenlosen Hemd schwärmte Handke in seiner Laudatio auf Lorenc von den „Fluren der Luzica“, wie die Lausitz auf Sorbisch heißt, und vom „herrlichen Brauch“ der Osterreiter. „Solche Gedichte wird es im Deutschen nie mehr geben, niemals mehr, nevermore.“ Auch Pavlovic, der in Belgrad als Schuljunge Deutsch lernte, dann die Bombenangriffe der Nazis erlebte und heute in Tuttlingen wohnt, trat nach Peter Hamms Lobrede mit dem Gestus des Abschließens auf: „Es sind meine letzten Gedichte, was ich sagen wollte, das habe ich gesagt.“ Es war ein elegischer Moment im Festsaal des Nationalmuseums, während draußen ein spätromantischer Sommer flirrte. / Andreas Rosenfelder, Die Welt

87. Einbruch des Surrealen

Der Einbruch des Surrealen in den Alltag bricht die Welt des Vertrauten, des Logischen und des Selbstverständlichen auf und verweist auf etwas darüber Hinausgehendes, Unfassbares und Transzendentes.

Dunkel war’s,
der Mond schien helle,
Als ein Wagen blitzeschnelle
Langsam um die Ecke fuhr;
Drinnen saßen stehend Leute,
Stumm in ein Gespräch vertieft.
Als ein totgeschoss’ner Hase
Auf der Wiese Schlittschuh lief

Und ein blondgelockter Jüngling
Mit kohlrabenschwarzem Haar
Saß auf einer grünen Bank,
Die rot angestrichen war.

Als Kind begeisterte mich dieses Gedicht, das sich von Zeile zu Zeile immer weiter in Widersprüche verstrickt. …

Dieses Gedicht ist natürlich kein Gedicht des Surrealismus; und doch ist das Faszinierende für mich das Surreale, das Außer- oder Übernatürliche, welches im Gedicht als vollkommen logisch, banal, alltäglich erscheint. Das Surreale ist eines jener raren Werkzeuge, welches ohne Einschränkungen unter allen Bedingungen arbeitet, wenn es gilt, das Unmögliche auf Papier zu bringen. Stift und Tastatur müssen keinen logischen Regeln folgen, wenn die Fantasie das Drehbuch schreibt. Mit Worten kann man Welten kreieren, Experimente, Gedankenspiele anstellen, fragen, was sein könnte, wenn. So begegnet mir das Surreale auch immer wieder in meinen Texten.

/ Veronika Zoidl: „Das Surreale und ich“, ORF

86. Der Fall Anders? Nein – der Fall des Literaturbeamten

Eine Schmähschrift

Von Michael Gratz

(Aus: Wiecker Bote 27-29/1999)

Als ich einmal, in DDR-Jahren, zornig das Wort Beamte gebrauchte, wurde mir Belehrung zuteil: die gebe es in der DDR nicht. Voilà – diese Tür steht vielen offen.

Beamte in der Literatur? Ja, als Türsteher. Jack London wußte davon: Die Versager in der Literatur bewachen den Eingang zur Literatur (in dem Roman Martin Eden – hier aus dem Gedächtnis zitiert. Kann das mal irgendein Beamter nachprüfen? Als Überprüfer, als Aufpasser.) Das gab es nicht nur vor hundert Jahren in Amerika. Das gab es nicht nur in der DDR. Fangen wir mit der an. Ein Schriftsteller, der Bulgarisch konnte, in Bulgarien gelebt und gelesen und wohl gar eine Bulgarin geheiratet hatte, wollte bulgarische Literatur übersetzen.

Sagte ihm ein Kontrolleur (nicht notwendig von der Stasi): es gebe fünf Bulgarischübersetzer in der DDR, und es werde keinen sechsten geben.

Sagte ein langjähriger Büchnerpreisrichter: Solange er in der Jury sei, werde kein Kommunist den Preis erhalten. (Er meinte nicht Bertolt Brecht oder, nun ja, Hermann Kant, sondern Martin Walser, der dazumal nicht nur ein weltberühmter Schriftsteller war, der ein paar seiner besten Bücher schon geschrieben hatte, sondern gerade eine Zeitlang mit der DKP (”Deutschen Kommunistischen Partei”) techtelmechtelte. – Er hat den Preis schließlich doch noch erhalten – da war die DKP-Phase lange ausgestanden, die Kultur gerettet.

Sagte ein altgedienter Rundfunkredakteur einer großen Landesrundfunkanstalt, als ihm eine Autorin für eine Veranstaltung vorgeschlagen wurde: Kenne ich nicht. Hielt er das für ein Argument?

Sagte eine bekannte Kritikerin zum Autor: Herr Anders, Sie veröffentlichen bei Galrev?

Sagte ein, anderer, Großkritiker: Bücher bei Galrev bespreche ich nicht.

Sagte ein, anderer, Literaturbeamter: ein Literaturpreis, der mit zehntausend Mark dotiert ist, ist klein unter den Literaturpreisen Deutschlands; aber mit dem Namen Wolfgang Koeppen rutschen Sie gut und gerne 3.000 DM höher.

Sagte ein Literaturredakteur und Groß-Feuilleton-Macher: einen Koeppenpreis, der nicht von MRR verliehen wurde, erwähnen wir gar nicht.

Sagte MRR zu seinem Millionenpublikum: Wolfgang Koeppen ist zweifellos einer der ganz bedeutenden Autoren dieses Jahrhunderts, und es ist alles andere als ein Zufall, daß ich ihn entdeckt habe, damals, Anfang der sechziger Jahre. Aber sagen Sie mir, was soll ein Prreis bedeuten, noch dazu ein Prreis mit diesem Namen, bei dem ich nicht in der Jury war?

Sagte sagte sagte. So reden sie, so reden sie, so reden wir alle Tage. – Um bei der Wahrheit (was ist Wahrheit?) zu bleiben: die letzten zwei ”Sagte” sind erfunden und erlogen. Wahr ist vielmehr,

… daß sie den Preis nicht erwähnt haben

… daß MRR nicht in der Jury war

… daß das Fernsehen nicht zur Preisverleihung nach Greifswald am Bodden reiste

… daß keine der eingeladenen und uneingeladenen Zeitungsredaktionen neugierig war, was das für ein Preis ist, der da – in Greifswald am Bodden – nach dem großen Koeppen benannt wurde

… daß keiner neugierig genug war auf den Autor, dem der neue Preis zuerst zuerkannt wurde (und der ganz allein den zwei Jahre später fälligen Nachfolger vorschlagen darf). Anders? Kenne ich nicht? Koeppen? Fragen wir mal MRR. Literatur? Bestimmen immer noch wir.

… daß es einer großen Schweizer Tageszeitung vorbehalten blieb, zum 70. Geburtstag des Autors Richard Anders auf ihn als ”letzten Surrealisten” hinzuweisen.

… daß eine große deutsche Wochenzeitung im Dezember 1999 – pünktlich zur Preisverleihung und ein halbes Jahr nach Erscheinen eines neuen Gedichtbandes von Richard Anders – eine Rezension annahm, in welcher zum Schluß der Koeppenpreis erwähnt werden durfte. Wahr ist aber auch

… daß eine große deutsche Wochenzeitung bis heute (ein halbes Jahr nach dem Fest, ein Jahr nach Erscheinen des Buches) keinen Platz (keine Zeit?) fand, die Rezension abzudrucken. Hoffentlich haben sie sie wenigstens bezahlt. Wir dürfen davon ausgehen; denn auch dies ist wahr: daß in Deutschland zwar kaum ein Dichter, dafür aber hunderte, tausende Sekundärverwerter, als da sind Rezensenten, Interpreten, Lehrer, Dozenten, Assistenten, Professoren, Kommentatoren … von Gedichten leben können.

Ich bekenne, ich habe gelebt. (Titel der Memoiren des chilenischen Dichters Pablo Neruda).

Ich bekenne, ich habe von Pablo Neruda gelebt. (Überlieferter Ausspruch des deutschen – in der DDR lebenden – Dichters Erich Arendt, der seinen Lebensunterhalt zwar nicht als Dichter, aber als Nachdichter eines Dichters verdiente.) – Ein Glücksfall, weil zwei Umstände zusammentrafen: daß Nachdichten in der DDR – anders als in der Bundesrepublik; und anders als Selberdichten auch in der DDR – gut bezahlt wurde (immer relativ, natürlich; also bitte nicht mit Schlagersängern oder Tennisspielern vergleichen); und zweitens, daß Neruda nicht nur Dichter, sondern auch Kommunist war. (Was ihm vielleicht den Büchnerpreis erspart hätte, aber nicht, andere Länder andere Sitten, den Nobelpreis).

Auch dies ist wahr

: Als Wolfgang Koeppen beigesetzt wurde, sprachen etliche bedeutende Leute aus Politik und Kulturbetrieb. (Als letzter MRR). Unter den Trauergästen waren wenig Autorenkollegen; es kam kein Kanz vom Kranzler, und kein Fernsehen.

: Bei der Beisetzung mehrerer Anwesender wird – leicht vorherzusehen – es an Kranz und Kamera nicht fehlen. (Einige, gewisse, sogenannte werden ihre Bedeutung gewissen Autoren verdanken). Das ist wahr. Wahr auch

: Das große Projekt von Reich-Ranicki besteht darin, die Literatur zugunsten der Literaturkritik abzuschaffen. (Sagte ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung im Gespräch mit Martin Walser.)

: In der blanken Wut, mit der er auf Handke, Grass und Walser reagiert, sehe ich die vollkommen grundlose Furcht, die drei könnten berühmter werden als er. Die Angst muß er nicht haben – aber jemand, der als Kritiker auf den Büchner-Preis  rechnet, der hat einen Über-Eisprung im Kopf. (Sagte Walser im Gespräch mit einem Kritiker der Süddeutschen Zeitung).

Wir könnten lange zitieren. Wer unsere kleine Auswahl für übertrieben hält, lese die Anklage eines Autors namens Wolfgang Dietrich (Sie wissen schon: Kenne ich nicht!) gegen das Rudel von miesen kleinen Schreibtischverbrechern, die die lebende Literatur dieses Landes erledigen – ganz wie im Dritten Reich: Mit der Sturheit von Gefängnisaufsehern schleusen sie ein paar mickrige Talente durch den Literaturpreiskorridor, um sie dann irgendwo im geistigen Tod abzuladen. (In der Baseler Lyrikzeitschrift Zwischen den Zeilen, Heft 9, 1996). (”Wo? Wer? Kenne ich nicht! Kenne ich nicht!”)

Wer mehr zum Thema wissen will, der möge lesen. Hyperions Bericht über seine Deutschlandreise (Beamte traf ich, aber keine Menschen!). Else Lasker-Schülers Anklage gegen ihre Verleger. Gottfried Benns Aufrechnung seiner Einkünfte für das – hochgerühmte – dichterische Werk aus fünfzehn Jahren: Summa summarum 975 Mark: 4,50 Mark im Monat. Ernst Jandls dokumentarisches Gedicht über Lernmittelfreiheit im Freistaat Bayern, aus dem ein Auszug und – Kontoauszug – die Summe zitiert sei: sehr geehrter herr dr. jandl, anläßlich des zulassungsverfahrens zur LERNMITTELFREIHEIT beim BAYERISCHEN KULTUSMINISTERIUM wurde uns die bedingung gestellt, in der 2. auflage ihr gedicht ”auf dem land” aus: laut u. luise wegzulassen. Die überwiesene Summe: DM 3,24 (öS. 22,91). Nachzulesen in der Sondernummer 16/17 der in Linz (Österreich) herausgegebenen Zeitschrift neue texte, 1985. Oder ganz neu: Gerhard Falkners (Falkner? Muß ich den kennen?) Bericht über Die Jammergestalt des Poeten (in der von Joachim Sartorius herausgegebenen Anthologie: Minima Poetica. Für eine Poetik des zeitgenössischen Gedichts. Kiepenheuer & Witsch 1999): Aber gerade die Deutschen, die ihren Dichtern das Beste verdanken, was sie überhaupt haben, ihre Sprache nämlich, sie sind taub, stumpfsinnig, gehässig und barbarisch gegen ihre Dichter, sie versorgen ihre Lehrer, Lektoren, Literaturwissenschaftler und Kritiker, wie Ingeborg Bachmann noch spät beklagt hat, ihre Verleger, Drucker und Buchhändler, wie sie vergessen hat, hinzuzufügen, aber ihre Dichter müssen für ihren Lebensunterhalt fremdgehen, oder eben vor die Hunde.

Ein Fall Anders? Oh nein. Die Fälle Deutschland; Literaturbetrieb; Literaturbeamte. Im Fall der Fälle: wie verhielt es sich mit Wolfgang Koeppen?

Es war einmal ein Autor, der hatte fünf Romane geschrieben und manches andere Buch noch. Er war achtundvierzig Jahre alt, als sein letzter Roman erschien – die Romantrilogie fast ein Skandalerfolg. Sieben Jahre später – mit 55 – erhält er einen Förderungspreis für Literatur der Landeshauptstadt München (was immer dies ist!) und eine Ehrengabe für Kulturkritik des Kulturkreises im BDI (auch nicht klarer!) Es war das Jahr 1961. Nach diesen beiden Ehrengaben ging es Schlag auf Schlag: 1962 Büchnerpreis, 1965 Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Schönen Künste, 1967 Immermannpreis und Dichter-Preis der Stiftung zur Förderung des Schrifttums, München; 1971 Andreas-Gryphius-Preis, 1974 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, Fortsetzungen folgten 1977, 1982, 1984, 1986 … Nicht in jedem Fall war Geld damit verbunden; in einem Fall führte die Annahme eines Preises dazu, daß die DDR-Behörden die schon eingeleitete Verleihung der Greifswalder Ehrendoktorwürde stoppten – Günter Grass hatte ihm geraten, den Preis des Geldes wegen anzunehmen, es hing dann aber gar kein Geld daran …

Im Jahr des Durchbruchs anno 61 schlug auch die Stunde des Chefkritikers. Nach zwei oder drei vereinzelten Rezensionen (zu Koeppen) erfand er mit dem ”Fall Wolfgang Koeppen” eine seiner wirkungsvollsten Inszenierungen. Danach war an seiner Stellung als führender Kritiker der Bundesrepublik nicht mehr zu rütteln. Seitdem wird der Autor Koeppen im In- und Ausland mit der Optik MRRs gesehen. Hatte MRR – der Mensch oder der Text – Einfluß auf die Verleihung des Büchnerpreises im Jahr darauf? Eingeweihte werden es wissen. Bis in die Nachrufe hinein – und gewiß weit darüber hinaus – reicht die Wirkung des Aufsatzes. Worin besteht der ”Fall Koeppen”? Der Untertitel weist die Richtung: ”Ein Lehrbeispiel dafür, wie man in Deutschland mit Talenten umgeht”. Ein großes Thema, eine markige Behauptung, ein Schuß Pathos, eine Prise soziales Engagement, und fertig ist die Laube.

Daß im übrigen der Autor Koeppen auch dieses Verhältnis gesehen und in glänzenden Sätzen ausgedrückt hat, zeigt sein Aufsatz über MRR unter dem Titel: Er schreibt über mich, also bin ich.

Was ist die Arbeit eines Chefkritikers? In erster Linie wirkungsvolle Inszenierungen ins Werk zu setzen, die die eigene Rolle und Bedeutung nie verblassen lassen. Lob und Tadel klug verteilen, die führenden Medien dauerbesetzen, immer präsent sein. Der Spiegel-Titel mit MRR, einen Roman von Grass zerreißend (”lieber Günter Grass …) bleibt jedem im optischen Gedächtnis wie die Sesselpräsenz im literarischen Quartett. Lob und Tadel dosieren: nach einem Verriß kommt ein Lob umso besser. Martin Walser hat es erfahren. Nun – in diesem Moment – erfährt es Günter Grass. An seinen Wirkungen erkennt man den Chef. Soeben schreibt eine Grazer Online-Zeitung (Kleine Online vom 19.7.99) nach dem kategorischen Imperativ (Etliche Herrenreiter des deutschen Feuilletons sollten sich rasch aus dem Sattel erheben. Günter Grass legte ein Jahrhundert-Buch vor.) schlicht und groß dies: Der oft so aufdringliche, oberlehrerhafte Aufklärer Grass hat zu einem völlig neuen poetischen Ton gefunden. Und nach der totalen Peinlichkeit mit seinem Roman „Das weite Feld“ [sic!] dürfte dieser Umstand keine geringe Genugtuung bereiten. Gewiß, einige deutsche Feuilletonisten pinkelten ihm wieder ans Bein, aber mit ihren Argumenten erreichen sie nicht einmal den Knöchel von Grass. Einer seiner größten früheren Gegner, Marcel Reich-Ranicki, sprach von einem Jahrhundertroman. Und meinte damit nicht den Titel. (Danke, setzen!). Triumph des Realismus! Beweis, wie Kritik helfen kann! Genau wie beim Walser!

Dies klarzustellen – es geht nicht um die Person MRR. Es geht um ein Prinzip, das ER bloß hervorragend verkörpert (und zu einem nicht geringen Teil mitgeschaffen hat). Es heißt: Herrschaft des Betriebs über die Literatur. Die ist heute total. Das war nicht von Anfang an so. Die Gruppe 47, wiewohl von Gegnern frühzeitig als Herrschaftsorgan verdächtigt, war doch viel stärker Selbstorganisation von produktiven Autoren. Ja, damals bestimmten Namen wie Eich, Böll oder Hildesheimer die veröffentlichte Meinung über Literatur. – An dieser Stelle unseres eingangs zitierten Rundfunkmenschen gedenkend, muß man sich wehmütig erinnern, daß an diesem Sende-Apparat damals Leute wie Alfred Andersch oder Helmut Heißenbüttel wirkten. Heute sind sie durch Beamte ersetzt. (Natürlich gibt es – noch – ein paar wichtige Ausnahmen. Ich werde sie nicht nennen. Die Kenner wissen.) Jene sitzen da und sagen cool: Kenne ich nicht. Was man ihnen fast glaubt. Sitzen und kontrollieren die Eingänge. Und schließlich, was will man, sind’s fast alle zufrieden: Verleger, Buchhändler, Medien, Publikum. Eine geordnete Welt.

Dies das Umfeld eines Preises, der den Namen Wolfgang Koeppens trägt. Die beschriebenen Verhältnisse zeigen, was zu vermeiden war. Wie schafft man – in der Provinz, am Bodden – einen Preis, der nicht von diesem Apparat regiert wird? Fast möchte man sagen: einen Preis von und für Autoren. Einen Preis, der sich nicht vor allem durch sichere, gewichtige Preisträger selbst feiert. Einen Preis, den Koeppen auch dann bekommen hätte, wenn er nicht spät, zu spät in die Liste der Preiswürdigen geraten wäre. (Wir erinnern uns seiner Worte bei der Entgegennahme des Büchnerpreises: Georg Büchner hat den Büchnerpreis nicht erhalten, und wenn es damals in Hessen … Dotationen für die Literatur … gegeben haben sollte, Büchner wäre nicht unterstützt, nicht geehrt worden…) Der Preisträger soll gute Literatur schreiben, auch und gerade dann wenn ihm der (und er dem) Zeitgeist nicht huldigt. Und er soll die Integrität erwarten lassen, einen Nachfolger nicht in seiner Sparte, seinem Freundeskreis zu suchen. Wir fanden Richard Anders. Seine Bücher sind da, man kann sie lesen. Wir fanden Leute in Greifswald, die das Unternehmen zu unterstützen bereit waren – und das  ohne sich einzumischen. Wir sollen das loben. Daß ein solcher Preis von den Medien mehrheitlich ignoriert wird, liegt ja eigentlich in seiner Logik. Salut, Richard Anders.

85. Richard Anders verstorben

Ich erhielt die traurige Mitteilung, daß der Schriftsteller Richard Anders in der Nacht von Sa. 23. auf So. 24.6. in Berlin, im Wenckebach-Klinikum, im Alter von 84 Jahren wahrscheinlich an Herzversagen verstorben ist.

Genau am Sonnabend vor 14 Jahren erhielt er in Greifswald den ersten Wolfgang-Koeppen-Preis, damals noch nicht von der Hansestadt Greifswald, sondern vom damaligen Falladaverein mit Unterstützung einer privaten Baufirma vergeben. Er freute sich sehr, im Alter von 70 Jahren eine Anerkennung für jahrzehntelanges Wirken im Verborgenen zu erfahren. Ein paar Jahre später schrieb er mir, ihm sei noch eine Freude widerfahren: die Akademie der Künste verlieh ihm den F.-C-Weiskopf-Preis. Zwei späte Ehrungen.

Ich mochte ihn und sein Werk sehr und freue mich, durch diesen Preis in Kontakt mit diesem liebenswürdigen Menschen gekommen zu sein, der phantastische Sammlungen von Büchern, Kunstwerken und allem möglichen aufgehäuft hatte. Von vielen wertvollen Kunstwerken mußte er sich trennen, um Geld für die Miete aufzubringen.

Richard Anders bekam es als sehr junger Mensch mit Krieg und Flucht zu tun. Auf der Flucht wäre er beinah von eifrigen Hütern der schon zusammengebrochenen Ordnung erschossen worden. Nach dem Krieg sollte er den Schulabschluß nachholen, aber die Bekanntschaft mit dem Surrealismus kam ihm dazwischen. 1950 Kriegsteilnehmer-Abitur. 1953 bis 1959 studierte  er Germanistik und Geographie in Hamburg und Münster. Erste Veröffentlichungen in der Zeitschrift „Zwischen den Kriegen“.  Begegnung mit Hans Henny Jahnn. 1960 halbjähriger Aufenthalt in Griechenland. Deutschlehrer am Athener Universitätsklub. 1962-1964 Deutschlektor an der Universität Zagreb. Dort lernte er den kroatischen Surrealisten Radovan Ivsic kennen. Durch seine Vermittlung traf er André Breton in Paris und durfte als „Sympathisant“  an Sitzungen der Gruppe der Surrealisten teilnehmen.  Bis 1968 Dokumentationsjournalist (Spiegel, Die Welt). Seit 1970 ist er freier Autor. 1964 Heirat mit Rajna Jordanovic, 1983 verwitwet, ein Sohn. Im Alter erlebte er, daß junge Künstler, Autoren und Vermittler jenseits des Mainstream auf ihn aufmerksam wurden.

Ein paar Splitter aus Wiecker Bote Nr. 22-26, 1998.

Eine eigene Poetik besitze ich nicht.  Doch bin ich wie jeder Lyriker meiner Generation durch die „Schule der klassischen Moderne“ gegangen, ohne mich in ihr einzurichten.  Vom Surrealismus interessierten mich weniger die Assoziationsketten des psychischen Automatismus als die rätselhaften, kaum briefmarkengroßen Traumbilder, die beispielsweise der Maler Edgar Ende wie durch ein umgekehrtes Fernrohr sah. „Geheimnis und Melancholie einer Straße“ stand unter der Schwarzweiß-Reproduktion eines Bildes von de Chirico, die mir kurz nach dem Krieg in die Hände fiel.  Gleich wußte ich: So wie dieses Bild gemalt ist, möchte ich schreiben, und von dem so Geschriebenen sollte die gleiche magische Wirkung ausgehen!  Heute sind es die bedrohlichen Topografien eines Edward Hopper oder Alex Colville, wo ich Anverwandtes entdecke. In der zeitgenössischen Lyrik vermisse ich diese Alltägliches in Überwirklichkeit verwandelnde Perspektivik weitgehend.  Und wie versuche ich mich ihr anzunähern?  Aus der Flut der Bilder, wie sie Kindheitserinnerungen oder die Gegenwart einer Stadt wie Berlin hervorbringen, wähle ich einzelne heraus und isoliere sie, indem ich sie der Stille und der Bewegungslosigkeit aussetze in der Hoffnung, ihr allzu scheues Geheimnis zum Bleiben zu bewegen.

1985

***

Niemand war zum Fest eingeladen als der Seiltänzer, der Neger und der Bankdirektor. Die Türen öffneten sich von alleine. Kerzen schwebten ihnen voran in den Speisesaal. Als sie genug gegessen und getrunken hatten, spielte eine Musik auf. Der Zirkusdirektor nahm den Neger beim Arm, während der Seiltänzer sich langsam auszuziehen begann. In diesem Augenblick erlosch das Licht. „Ich muß zum Amt“, sagte der Bankdirektor und rückte die verrutschte Krawatte zurecht. „Die Zirkusvorstellung kann jeden Augenblick beginnen“, sagte der Seiltänzer und prüfte seine Schuhe. „Ach“, sagte der Neger, „ich wollte heute mein Weib besuchen und probierte vor dem Spiegel ein verschmitztes Lächeln.“ Als draußen der Henker jeden einzeln zum Block führte, fand man es, wie gewohnt, ganz selbstverständlich.

1949/1950

***

Vor die Tür des Ichs treten kann nur, wer ohne Spiegelung, das heißt Reflektion auskommt.

Neunziger Jahre

Geschlechtsverkehr, aber die Geschlechtsteile sind morsche Äste und hohle Baumstümpfe.

1997

Versuch, ein Schreibverfahren nachzuzeichnen

Zuerst schreibe ich ziel- und planlos ohne vorgegebenes Thema. Ich überlasse mich dem Diktat des rimbaudschen »Anderen«: écriture automatique. Doch weder begnüge ich mich mit dem so empfangenen Text, noch suche ich aus ihm lediglich solche Einfälle heraus, die vor der Vernunft bestehen. Letzteres würde ich tun, wenn ich meine Vernunft nicht dazu erzogen hätte, mit der wortgewordenen Unvernunft ebenso verständnisvoll umzugehen wie ein Antipsychiater mit den manifesten Symptomen des Wahnsinns. Wie dieser sich die Geheimsprache seiner Patienten aneignen und sie auch praktizieren muß, um mit ihnen kommunizieren zu können (der rationale Diskurs käme dem irrationalen Gestus nicht bei), ist mir aufgegeben, in spielerischem Umgang mit meinem störrisch unsinnigen Text zu dem vorzudringen, was ich mir zu sagen habe. Dieser spielerische Umgang sieht wie Zerstörung aus. Doch sind es keine ästhetischen oder logischen Bedenken, die mich in meiner krausen Niederschrift herumstreichen, Umstellungen und Einfügungen vornehmen lassen, sondern neue Einfälle, die von dem Bilderreichtum semantisch divergierender Sätze und Satzteile ausgelöst werden. So schieben sich immer neue Texte ineinander, bis ich an einen Punkt komme, wo ich mein Verfahren umkehre in Richtung auf Einschränkung, Struktur, Form. Und plötzlich klärt sich in meinem Kopf wie auf einer Guckkastenbühne ein einziges szenisches Bild, das sich jedoch im Text, gebrochen durch Abstraktionen, Reflexionen, gleich wieder verflüchtigen soll, damit es nicht zu fixen Bedeutungen erstarrt. Erst indem das Bild ins paradox Bildlose abstürzt, wird es evident, also zum Denkbild.

***

Irgendwann – weiß der Kuckuck vor wieviel Jahren – träumte ich, am Morgen auf meinem Nachttisch ein kleines graues Buch zu finden. Ich blätterte darin. Es war die erste Sammlung meiner Gedichte. Sie waren von mir, aber ich hatte sie nie geschrieben. In einem anderen Traum ging ich in dem Gedichtband umher wie in einem Haus: Jede Seite ein neues Zimmer, das eine Überraschung für mich bereithielt. Zwei Glücksträume. Seither langweilt es mich, eindeutig über das zu schreiben, was ich schon weiß. Lieber lasse ich mich von meinen Sätzen dorthin führen, wo Bedeutungen noch nicht fixiert sind und wo meine vermessende Absicht ihre Fähnchen noch nicht eingesteckt hat. Dem Traum folgen usque ad finem? Seine Unerreichbarkeit raubt mir den Schlaf. Er gleicht dem Schiff auf dem Abziehbild, welches das Kind wie durch Nebel sieht. Nach dem Durchreiben in aller Pracht auf dem Papier erscheinend, ist es bereits fortgesegelt.

1988

EMPFEHLUNGSSCHREIBEN

Richard Anders kam nach schweren Schicksalsschlägen (er stammt aus Ortelsburg, war zuletzt noch in russischer Kriegsgefangenschaft, fand seine Mutter als Flüchtling in Melle wieder, der Vater war auf der Flucht umgekommen, sein jüngerer Bruder fand sich nach vielen Monaten bei Freunden wieder) im Oktober 1945 zu uns, weil vor dem Kriege ein älterer gefallener Bruder bei uns gewesen war. Der Junge ist begabt und besonders literarisch außerordentlich interessiert, auch belesen, hat sich selbst schon schriftstellerisch versucht und bereits vor zwei Jahren recht beachtliche Fähigkeiten entwickelt. Später ist er dann ganz in das Fahrwasser der modernen Surrealisten gekommen, verschlingt alle nur irgend erreichbaren modernen Schriftsteller und kam in einen Zustand, der ihn zu jeder sachlichen soliden Arbeit unfähig machte. So konnte er im vergangenen Jahr zur Reifeprüfung nicht zugelassen werden. Da er auch gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe war, ist er inzwischen ein Vierteljahr zu Hause gewesen und durch Nachhilfeunterricht gefördert worden. Der Erfolg dieser Nachhilfe ist deutlich spürbar, doch sind seine Leistungen in den Sprachen immer noch nicht voll genügend. Da der Junge ernst gerichtet ist und innerlich viel arbeitet, möchte man ihm schon wünschen, daß er zum Erfolg kommt. Bei sachlicher nüchterner Arbeit sollte das möglich sein, wenn er sich auf die geringere Zahl der Fächer eines Kriegsteilnehmer-Lehrganges konzentrieren kann.

1948 (Von der Stiftung Deutsche Landeserziehungsheime, Hermann-Lietz-Schule, Anerkannte Stiftische Oberschule für Jungen, Oberstufe. Spiekeoog/Nordsee, 18.9.1948)


84. Europe calling – Ezra Pound speaking

Europe calling – Ezra Pound speaking

Der Dichter auf der Brunnenburg

Ein Hörstück von Ulrike Janssen und Norbert Wehr

Mit Marcel Beyer, Ezra Pound, Mary de Rachewiltz, Siegfried de Rachewiltz sowie Bewohnern von Dorf Tirol

Erstausstrahlung: WDR 3, 1. Juli 2012, 15:05 Uhr

 

83. Eine lyrische Weltuntergangsexkursion in Dub

Basierend auf dem Poem Muspilli Spezial von Bert Papenfuß, einer sehr spezifischen Anwendung des Muspilli-Textes aus dem 9.Jahrhundert auf heutige Verhältnisse, und dessen diversen Vertonungen, erschienen als Beilage des zonic #13,5 (ebendort auch nachzulesen).

Hier inklusive eines exklusiven Textes von RQM, inspiriert vom Muspilli, aufgenommen am Rande von Al-Haca Produktionen in Ückeritz auf Usedom.

„Muspilli – Jah War – Jihad
Siemens-Martin Doom Dub

Der Grund geht unter
Die Gruft wird munter

Muspilli – Jah War – Jihad
Siemens-Martin Doom Dub

Die kalte Hand winkt ab
und sinkt zurück ins Grab“

82. Poetischer Untergrund

Paschtunische Fundamentalisten hassen schöne Wörter und verfolgen Schriftsteller. Aber der poetische Untergrund gibt nicht auf. Wie Frauen in Afghanistan ihr Leben riskieren, um Gedichte zu schreiben: Eine Reportage von Eliza Griswold, Die Welt

Meena lebt in Gereshk, einer Stadt mit 50.000 Einwohnern in Helmand, der größten der 34 afghanischen Provinzen. Helmand kämpft mit dem Fluch, einer der weltgrößten Opiumproduzenten und zugleich eine Hochburg der Aufständischen zu sein. Vor vier Jahren wurde Meena von ihrem Vater aus der Schule genommen, nachdem Bewaffnete eine ihrer Klassenkameradinnen entführt hatten. Jetzt bleibt sie zu Hause, kocht, putzt und bringt sich selbst heimlich das Gedichteschreiben bei. Gedichte sind die einzige Art von Bildung, zu der sie Zugang hat. Persönliche Begegnungen außerhalb der Familie kennt sie nicht.

„Vor meinen Brüdern kann ich keine Gedichte aufsagen“, erklärt sie. Liebesgedichte wären in deren Augen der Beweis für eine verbotene Beziehung, für die Meena geschlagen oder sogar getötet werden könnte. „Ich bin die neue Rahila“, sagt sie. „Nimm meine Stimme auf, damit wenigstens etwas von mir bleibt, wenn man mich tötet.“

81. Musiker sind die besseren Dichter geworden

1980 erscheint eine erste Sammlung englischer Punk-Songtexte mit deutschen Übersetzungen, I Hate The Universe, herausgegeben von Sylvia James *3), darunter Killing An Arab von Cure, eine Aufarbeitung von Albert Camus’ Der Fremde. Camus, so scheint es, liegt mit seinen Sätzen von der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt hochaktuell in den jungen achtziger Jahren.

Zu den Hauptausfuhrgütern von Graz gehören hochwertige Schriftsteller. Wirkungsvollster Exportanreiz ist die Grazer Autorenversammlung, zu deren jährlichen Litertursymposien sich die feuilletonangebende deutschsprachige Gegenwartsliteratur einfindet. Die Literatur, die im Versammlungsblatt manuskripte *4) (und nicht nur dort) das Wort hat, erscheint zunehmend als eine ausgewogene Mischung von vorgezogenem Altersschwachsinn – die für Weisheit genommen wird –, angestrengter Humorlosigkeit und versponnen in sich kreisenden Sprachbespiegelungen.

(…)

Ich lese Gedichte von Patti Smith, Der siebente Himmel. Sie stehen wie geflüsterte Schreie ohne Musik auf dem Papier, und nur manchmal klingt es laut auf, … es gibt niemanden, es ist sinnlos, weiter zu suchen, du bist es, du bist es ...

(…)

Auch in den Gedichten des Hamburgers Kiev Stingl, Flacker in der Pfote *6), findet er sich: der Tonfall, der angeht. Umgangston, aber nicht umgänglich, nicht naturalistisch ›dem Volks aufs Maul geschaut‹, sondern eine schrille, alltägliche Künstlichkeit. Und rabiat, direkt. Pornonichts, und Gimmie some Volt, Mista Arbeiter. Auch Stingls Texte verlangen geradezu nach Musik. Sie lösen Bewegung aus; aber zu einem Buch kann man nicht tanzen. Wir wollen etwas, das losgeht, das auch fetzt, das reinhaut. Die Gegenwartsliteratur ist langweilig, kriege ich rundherum zu hören. Wenn ich im Ratinger Hof, der Düsseldorfer Neue Deutsche Welle-Brutstätte, schreie: »Literatur!«, rennen mehr Leute weg, als wenn ich »Polizei!« schreie. Vielen Jungen erscheint das Erlebnis Literatur heute als ›falsche Bewegung‹, und die zum Lesen erforderliche Beruhigung und monologische Gefaßtheit hat den Beigeschmack freiwilliger Lahmarschigkeit.

(…)

Gegenüber vielen, was Musiker nun texten, erscheint das meiste an mit poetischen Verfahren gewonnener Gemessenheit, alle profunde Schwebe und Widersprüchen, alle subtile und detailscharfe Wesensdurchdringung und sehnsuchtsbestärkende Zukunftsmächtigkeit oder kritisch gewichtete Enthüllung als Euphemismus und Erektion wohlgestalteter Unerfülltheit. Es scheint, als schlüge die Literatur sich mit ihrer eigenen Gesetztheit k.o.

(…)

Man könnte noch Anmerkungen machen zu einer neuen Grammatik des Widerstandes, die sich in vielen der Texte abzeichnet. Sie hat viel zu tun mit dem blitzlichtenden und widerhakenschlauen Charakter von Slogans und ›Rabiatements‹. Aber ich will den Germanisten nicht den Eisschrank ausräumen. Wenn ich Hundert Mann und ein Befehl in der Fassung von ZK höre – klingt wie Freddy Quinn mit Außenbordmotor – oder Palais Schaumburg, Ich glaub ich bin ein Telefon / romantisches kleines Telefon / Ich glaub ich bin ein Blumenhalter / romantischer kleiner Blumenhalter … (Holger Hiller, Telefon), dann kommt ganz anderes auf als Bedarf nach Wissenschaftlichkeit.

Ich komme Ende 1980 zu dem Schluß: Die Musiker sind die besseren Dichter geworden. (…)

Was meine Identität als Schriftsteller angeht, halte ich mich inzwischen an die Warnschilder in der Straßenbahn: bitte denken Sie an die Möglichkeit einer Notbremsung, benutzen Sie daher die Haltegriffe. Trotzdem bin ich besessen von der Idee, Mein eigenes in der Poesie zu finden. Seine Ruhe sollte Manneskraft sein, und seine Einfachheit ein Gegensatz zu der Gespreiztheit und zu dem Verfalle, dem unsere Dichtkunst zugeht. (Adalbert Stifter) Wer heute noch starke Lyrik machen will, möchte sich doch zuvor eine der Scheiben aus dem hier behandelten Zeitraum auflegen und sich anschließend eine abschneiden.

/ Peter Glaser, Kulturnotizen

80. M-Z (Theo Breuer über Friederike Mayröcker)

… Me­moirenMen­schenMetamor­pho­sen, Mnemosyne, Mo­nolo­gen (und hätte ich dieses mein Schrei­ben nicht), Morphemen, Musik (also aus allem beziehe ich meine Spra­che, Material aus verschiedenen Quel­len, Bild, Ge­spräche, Musik, über­haupt die Musik, überhaupt habe ich der Mu­sik immer unrecht ge­tan, sie immer ins Un­recht gesetzt oder wie soll ich sagen, vermut­lich habe ich die Musik immer nur für meine literarischen Vor­haben ausgebeu­tet, mein Ver­hält­nis zur Musik st immer para­sitär gewesen, über­haupt mein Verhältnis zur Welt, zu den Menschen, also die wankendsten Funda­mente einer Gedankenwelt .. mit vielen Federn und Feder­kielen und wie es mich in halluzi­natori­sche Stimmungen versetzt hat ..)· über­schwemmt von Namen, No­ten und Notizen · über­schwemmt von Okeanos, Orakeln, Origina­len, Orten · über­schwemmt von Phanta­sie-Passa­gen, Pflanzen (die im leichten Wind schwanken­den Dol­den des Schier­lings), Po­sitionen · über­schwemmt von Quas­tenlärmQuellen, Quint­es­senzen (»Quer durch den Schlaf / die Buch­staben­spur / einer Sprache die / du nicht verstehst« · W. G. Sebald) · über­schwemmt von Räumen, Re­den, Reisen, (was werde ich mir dort­hin alles mitnehmen wenn es ans Ende geht), Reflexen, Re­flexionen · über­schwemmt von Sät­zen, Sil­ben, Sounds, »Spiralen« (Der­rida), »spitzennoten ausm äther« (Su­sanne Eules), Split­tern, Stachel­halm­wäldern, Steinen (be­trachtete die wäh­rend des Spazierenge­hens auf­gelese­nen Steine in meiner Hand), Stim­mun­gen · über­schwemmt von Täto­wie­rungen, Täuschungen, Tau­tropfen, Toden (Am 2. Februar 2012 schneit die Nachricht vom Tod Wisława Szymborskas – »Mir ist die Lächerlich­keit, Gedichte zu schreiben, lieber / als die Lä­cherlich­keit, keine zu schrei­ben« – ins Haus, drau­ßen Temperaturen um minus 13°C, hier unten verei­sen die Schei­ben. Wenn ich über den Tod schreibe, ist das eine positive Be­schäftigung. Ich kann mich dann mit der Sprache gegen ihn sträuben. Es ist eine Me­tamor­phose der Angst vor dem Tod. Aber nur für die Zeit, in der ich schreibe. Die Angst kommt immer wie­der), To­huwa­bohu, Topogra­phienTränenTräumen· über­schwemmt von Umlau­ten und Urlau­ten (»Wir baun die Welt aus den Unendlich­kei­ten« · Jakob van Hoddis) · über­schwemmt von Ver­gisz­meinnicht (sehr viele Wörter kommen mir abhanden), Vermutun­gen, Verzwei­gun­gen,Vögel­chen (ihr Ge­sang tröstet mich / diese ra­sende Poesie, etwas zwitschert beim Tippen), Verben (»Zukunft, / merk dir’s, / gibt es manchmal / nur in den Verben« · Matthias Gö­ritz), Verwunderungen, Verzweiflungen, Vo­ka­beln, Voka­len, Vor­spiege­lungen, »irrsinnigen Vor­stellun­gen« (Marcel Beyer) · über­schwemmt von Wahr­neh­mun­gen, warmen Wörtern (»nach wel­chem wort geht die welt zu ende«, fragt Wolfgang Hilbig), »Wasser­schrift / Welle um Welle« (Marie T. Mar­tin), Wieder­holungen be­stimm­ter Wörter, Wir­beln, Wol­ken (»die Wol­ken hetzen« · Ingrid Fichtner), Wortschätzen (»wortlos ins stru­delnde Wasser« · Martin Jankowski), Wünschen (du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus / keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach / zu sitzen zu denken zu schla­fen zu träumen / zu schreiben zu schwei­gen zu se­hen den Freund / die Gestirne das Gras die Blume den Him­mel), Wun­dern, Weh- und Wut­geheul · (…)

/ Theo Breuer: Überschwemmt, die Lust am Taumel • Im atmenden Alphabet für Friederike Mayröcker, Kuno (1/5)