100. Ror Wolf 80

Im Entwurf seiner Dankesrede zur Verleihung des von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergebenen Preises »Hörspiel des Jahres 2007« schreibt Ror Wolf: »Ich könnte mich auf verschiedene Weise darstellen: Der Außenseiter. Der Nichtmitmacher.« Und er fährt fort: »Die Literaturindustrie erwartet totale Unterwerfung. Sie erwartet Autoren als Mitmacher, als Erfüllungsgehilfen einer Aufgabe: Es geht ausschließlich um die Höhe der Auflage. Quantität ist das einzige Kriterium für Qualität. – Alle Autoren, die versuchen, sich etwas wie Eigenart zu bewahren, sind in diesem Gelände unverwendbar, unnütz, unerwünscht, weil sie den Umsatz nicht steigern. Und weil sie sich nicht unterwerfen, weil sie sich nicht einmal anpassen, sind sie krank, gestört, oder wie hieß es damals: entartet. Sie sind entartet. – So gesehen wäre der eigenwillige oder, wenn Sie wollen: der eigensinnige Autor eine zwischen Mitleid und Verachtung dahinschleichende Person.« / Jürgen Roth, junge Welt 29.6.

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99. Laura Riding

EINE LESUNG? HEUTE ABEND? Während des SPIELS? OH THAT IS SO TYPICAL LAURA_RIDING!

Am 28.06.2012 um 21:00 Uhr

A reading series @ Saint George’s English Bookshop in Berlin

*****

SHANE ANDERSON (US)

CHRISTIAN HAWKEY (US)

LAURA (RIDING) JACKSON / CHRISTIAN FILIPS / MONIKA RINCK / BARRETT WATTEN (US/DE/DE/US)

KATE ZAMBRENO (US)

with videos curated

by FELISA FUNES

*****

on 28.06.12

@ Wörtherstr. 27

in Prenzlauerberg

BERLIN BERLIN

@ 21.00 (9 PM)

98. Lesung in Halle

29.6.2012, 20 Uhr

Lesung in der Goldenen Rose

Rannische Straße 19, 06108 Halle

Grafik: Annegret Frauenlob

Bertram Reinecke „Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst

Passend ein „Cento“ aus Presseberichten:

„In der Tradition antiker Rhetorik und Parodiedichtung flickt Reinecke neue Gedichte aus fremden Versen zusammen … Nicht nur entlockt Reinecke den Versen Andreas Gryphius‘, Simon Dachs  und anderen einen ganz eigenen Ton, ihm gelingt auch das Kunststück, sie humor- und respektvoll gleichzeitig zu behandeln. Trotz ihrer Sprünge wirken Reineckes Montagen niemals willkürlich oder beliebig; sie folgen einer assoziativen Logik, die suggestiv mit ihrem déjà vu spielt. Dem Leser begegnen die Figuren einer prächtigen barocken Rhetorik, poetische Bilder, die wie Wolken Gestalt annehmen und sich wieder auflösen, aber auch abgebrochene Reden, verstört und stammelnd wie die Zeilen des späten Hölderlin. Die Verse sonnen sich nicht im Licht dieser Klassiker, erhellen vielmehr unsere Lesehaltung. Der Band füllt dabei auch bedeutende Lücken der Literaturgeschichte auf. Der Dichter zeigt uns virtuos die unausgeschöpften Möglichkeiten der Dichtkunst, auch der vermeintlich vergangenen, gerade an dem Punkt, an dem sich die heutige Lyrik oft an ihrer Verwechselbarkeit reibt. In dieser Monotonie bekommt die Reineckesche Dichtung beinahe etwas Alchemistisches, Rebellisches. Was – ehrlich gesagt – erholsam ist, wenn man zu viele Gedichtbände der modernen Wortlosigkeit gelesen hat. Einer der originellsten Lyrikbände der deutschsprachigen Literatur unserer Tage. Fast schon ein Klassiker.“

97. Lyrikbegeistert

Medellín feierte die „Inauguración“ vor viertausend lauschenden, ja begeisterten Zuhörern. Bei dreißig Grad und beständiger lauwarmer Brise saßen fünfzig Dichter aus beinahe ebenso vielen Ländern ihrem Publikum im Carlos Vieco Stadion gegenüber, und einer nach dem andern trat ans Mikrofon und sang, sprach artikuliert in den Zungen dieser Welt – bisweilen begleitet von Muschelhorn, Djembe, Tröte und Bravo-Rufen aus dem Publikum und jeweils tosendem Applaus. …

In diesem Jahr steht das größte Poesiefestival der Welt, das 2006 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, im Zeichen des Geistes der indigenen Völker. So sind die ersten fünf Dichter des Abends allesamt Repräsentanten nationaler Minderheiten. Eine Inuit schwingt die Trommel und beschwört die Götter ihrer Vorfahren, der lautstarke Maori Apirana Taylor, der bei der vorausgegangenen Pressekonferenz angab, dass er das Festival auch besuche, um Gemeinschaft in der großen Familie der Dichter zu finden, bläst ins Horn und überzieht seine Bühnenzeit gründlich. Vertreter anderer Volksgruppen Kolumbiens und ganz Südamerikas, gewandet in traditionelles Tuch, treten auf. / Nora Gomringer, FAZ

Zu den Teilnehmern gehören: Rachid Boudjedra (Algerien), Saba Kidane (Eritrea), Atala Uriana (Venezuela), Jane King (St. Lucia), Karenne Wood (USA), Hugo Jamioy Juagibioy (Kolumbien), Esdauletov Ulugbek (Kasachstan), Dunya Mikhail (Irak/ USA), Ion Deaconescu (Rumänien), Andreas Neeser (Schweiz), Andriy Bondar (Ukraine), Philip Hammial (Australien). Mehr

96. Poetry Storm

Heute abend (26.6.) wird London von einem poetry storm getroffen — ja, es wird Gedichte regnen. Das chilenische Kunstkollektiv Casagrande wird 100000 Gedichte von einem Hubschrauber abwerfen. Ähnliche Aktionen gab es bereits in Berlin 2010 und Warschau 2009 sowie in Chile 2001 (dort über dem Präsidentenpalast La Moneda, den General Pinochet 1973 bei seinem Putsch gegen Salvador Allende bombardieren ließ).

Die gegenwärtige Aktion soll symbolisch Gedichte abwerfen über fünf Städten, über denen bei kriegerischen Auseinandersetzungen Bomben fielen: Berlin, Warschau, Guernica, Dubrovnik, Santiago de Chile und London.

In London wird je ein Gedicht eines Autors aus jedem der 204 an den Olympischen Spielen teilnehmenden Länder sowie je 50 Gedichte chilenischer und britischer Dichter abgeworfen. Mit dem Abwurf startet Poetry Parnassus in London, das größte Lyrikfestival des Vereinigten Königreichs, das bis zum 1.7. dauert. / Hallie Sekoff, Huffington Post

Unter dem Link findet sich auch ein Video von den früheren Aktionen.

95. Poesietag in Basel

1979 lancierte Matthyas Jenny den ersten Poesietag in Basel. 1988 fand er zum letzten Mal statt. Mitte der 90er erstellte Jenny das Konzept für das Literaturhaus Basel, initiierte ein Literatur- und ein Lyrikfestival, sowie die Basler Buchmesse. …

Anfang September wird der Tag der Poesie nach 24 Jahren in Basel zu neuem Leben erwachen. In der Basler Innenstadt werden an verschiedenen Orten in verschiedener Form zeitgenössische Gedichte wie auch solche aus älteren Epochen präsentiert. Das Zentrum bildet ein Zelt auf dem Theaterplatz, wo regionale Lyrikerinnen und Lyriker aus ihren Werken vorlesen werden. / Cédric Russo, Tages Woche

94. Gema-Kasten

(Ists auch nicht Lyrik)

Modern Talking, noch jung und knackig – aber die Rente ist sicher. Für ihre reichen Mitglieder sorgt die Gema.

(Schreibt die Frankfurter Rundschau unter ein Foto). Und berichtet:

Die Gema pflegt gerne das Image einer karitativen Einrichtung, die sich um das Wohl aller Urheber sorgt. In Wahrheit gehen die dicken Brocken nur an die oberen 3400 wie Dieter Bohlen und Co.: 65 Prozent der Gema-Ausschüttungen fließen an fünf Prozent der Mitglieder.

Das Jahr 2010 war gut für die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, kurz Gema. Laut Geschäftsbericht hat sie rund 863 Millionen Euro erwirtschaftet und davon 735,9 Millionen Euro an ihre Mitglieder und andere Rechteinhaber ausgeschüttet. Etwa 127 Millionen Euro hat die Gema 2010 selbst verbraucht für ihre mehr als 1000 Mitarbeiter, den Unterhalt der beiden Generaldirektionen in Berlin und München sowie der sieben Bezirksdirektionen. Und die Gehälter des Vorstands wollen schließlich auch bezahlt werden. Der Vorstandsvorsitzende Harald Heker erhielt 484000 Euro, den Vorstandsmitgliedern Rainer Hilpert und Georg Oeller wurden 332000 Euro und 264000 Euro überwiesen. Die pensionsvertraglichen Bezüge der früheren Vorstände betrugen 554000 Euro. Da wundert es nicht, dass frühere Vorstandsmitglieder bis ins hohe Alter auf ihren Stühlen sitzen geblieben sind.

Gema-Logik: Wer mehr verdient, steigt auf

65000 Komponisten, Textdichter und Verleger sind als Gema-Mitglieder registriert, organisiert in einer Art Kastensystem, das streng einer frühkapitalistischen Logik folgt: Wer mehr verdient, steigt auf. Das Gema-Fußvolk und die breite Mehrheit unter den Urhebern sind „angeschlossene Mitglieder“, 54605 waren es 2010. Angeschlossene Mitglieder sind in den Ausschüssen, die über Verteilung und Auszahlungsmodalitäten entscheiden, praktisch nicht vertreten. Faktisch haben sie keine Rechte. Sie nehmen nur das Inkasso entgegen, das ihnen der Verein für die Nutzung ihrer Werke zuspricht.

Gema-Rentenzahlung: Nicht für jeden

Eine Übergangsstufe zur „ordentlichen Mitgliedschaft“ stellt die „außerordentliche Mitgliedschaft“ dar. Außerordentliche Mitglieder sind eingeschränkt wahlberechtigt und haben Anspruch auf Beteiligung an der so genannten Gema-Sozialkasse. Diese bietet nicht nur Leistungen bei Krankheit und Tod, sondern zahlt auch Renten aus. Aber eben nicht an alle, sondern nur an die außerordentlichen und vor allem die ordentlichen Mitglieder.

93. Verbotene Zone

Kaum etwas ist übrig geblieben von der einstigen Szene. Ganz historisch ist das alles geworden. Die zwei Spitzel sind vom westdeutschen Feuilleton dazu verwendet worden, die ganze Szene unter den Teppich zu kehren. Papenfuß, Matthies, Jansen, Faktor; wer spricht noch von ihnen? Nur Kolbe hat sich auf ein Treibgutstück retten können.

(Oder liege ich falsch, sehe ich das alles nicht richtig, ist mein nachgeborener, westdeutscher Blick zu astigmatisch? Und wären diese, meine Augen seine, hätte Nicolas Berggruen das genau so gesehen?) / Florian Voß, Verbotene Zone

92. Helles Entzücken

„Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle“ – mit diesem Auftakt fangen die meisten der 65 Gedichte an. Optisch kommen sie wie Prosa daher, in langen Zeilen ohne Reim, doch sind sie stark rhythmisiert und tragen auch sonst Kennzeichen lyrischen Sprechen, allen voran die Anrede. Dieses lyrische Ich will nicht allein sein, es möchte jemanden erreichen mit seinem Gesang. Während sie zeitgenössische Diskurs-Fragmente durcheinanderwirbelt, setzt Monika Rinck ganz selbstverständlich fort, was die Poesie in der Antike war: ein Gemeinschaftserlebnis, zu dem Gesang, Tanz und Rausch gehörten.

„Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle“, das klingt beim ersten Mal noch seltsam. Doch bald macht der Leser die Bewegung mit. Betört durch den Klang der Binnenreime, eingestimmt durch den Rhythmus der Wiederholung, genießt er es, wie jedes Gedicht durch den Schwung des Auftakts sofort in medias res landet.

Und so können sich diese Gedichte einfach alles einverleiben: Gedanken, Theorien, Weltbetrachtungen, aber auch ganz alltägliche Erfahrungen wie die Zubereitung eines Soufflés, das nicht fertig wird –

„Man lädt zum Essen ein, auf acht, und da liegt rohes Fleisch, ein Hügel Mehl,/ dreckige Karotten und ein Dutzend Eier und man sagt: Das ist das Soufflé,/ wenn Sie so wollen, oder wenn es jetzt nicht wäre, sondern in drei Stunden,/ oder wenn ich jemand andres wäre, dann wäre genau das: das Soufflé.“

Wer Freude am Denken hat und Abstraktionen dennoch mit Skepsis begegnet, der wird bei diesen Gedichten in helles Entzücken ausbrechen. Manche Sätze würde man am liebsten auswendig lernen: zum Beispiel „Abstraktion ist keine hinlängliche Antwort auf Unvorstellbarkeit“ oder „Analyse kann auch Stupor sein.“ Monika Rinck findet wunderbare Bilder, um Einwände gegen ihr Verfahren gleich mit einzubauen.

Der 1969 in Zweibrücken geborenen Monika Rinck werden nicht umsonst überall Lorbeerkränze gewunden. Sie beherrscht einfach alles, was man sich für Lyrik wünscht: die Vielfalt der Töne, die Modulation von Stimmungen, das Sinnbildlichmachen von Gedanken, Szenen des Alltags, den Aufschwung nach oben (wo einmal die Götter waren) und nicht zuletzt den Lobgesang auf Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft. / Meike Feßmann, DLR

Monika Rinck: Honigprotokolle. Gedichte
Kookbooks, Berlin 2012
80 Seiten, 19,90 Euro

91. Akademie

16 neue Mitglieder wurden im Mai in die Berliner Akademie der Künste gewählt, darunter die Schriftsteller Elke Erb, Kerstin Hensel, Thomas Lehr und Monika Rinck. Die Akademie der Künste zählt nun in ihren sechs Kunstsektionen insgesamt 412 Mitglieder. / Pressemitteilung, 18.6.

90. NEIN!

Grass macht Schule. Oder war er in Liechtenstein zu Besuch? Jedenfalls bekamen alle Liechtensteiner dieser Tage nicht die Bild-Zeitung, sondern ein Gedicht ins Haus. Ein politisches! Es geht darum, wenn ich recht verstehe, daß dem Volk die absolute Monarchie erhalten bleiben muß. Und gereimt ist es auch:

89. Fußballparty mit Lyrik

Die schwarz-rot-goldene Fußballparty hat in Neuwied einen herben Dämpfer bekommen. Während des EM-Spiels Deutschland gegen Griechenland sollen sich Mitarbeiter des Sicherheitspersonals, die die Besucher auf das Gelände der VR-Bank-Fanmeile ließen, rassistisch gegenüber mehreren jungen, dunkelhäutigen Personen geäußert haben. …

„Wir hatten in unserer Gruppe erneut einen farbigen Jugendlichen dabei, und diesmal ereignete sich ein unglaublicher Eklat. Die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma bestanden darauf, dass er, um letztlich eingelassen zu werden, zwei deutsche Gedichte aufsagen müsse.“ / Rhein-Zeitung

88. Petrarcapreis für Kito Lorenc und Miodrag Pavlovic

Den mit 20.000 Euro dotierten Preis teilen sich in diesem Jahr zwei Lyriker aus dem slawischen Sprachraum: der Sorbe Kito Lorenc, 1938 in Schleife in der Niederlausitz geboren, und der Serbe Miodrag Pavlovic, 1928 in Novi Sad geboren. Im kragenlosen Hemd schwärmte Handke in seiner Laudatio auf Lorenc von den „Fluren der Luzica“, wie die Lausitz auf Sorbisch heißt, und vom „herrlichen Brauch“ der Osterreiter. „Solche Gedichte wird es im Deutschen nie mehr geben, niemals mehr, nevermore.“ Auch Pavlovic, der in Belgrad als Schuljunge Deutsch lernte, dann die Bombenangriffe der Nazis erlebte und heute in Tuttlingen wohnt, trat nach Peter Hamms Lobrede mit dem Gestus des Abschließens auf: „Es sind meine letzten Gedichte, was ich sagen wollte, das habe ich gesagt.“ Es war ein elegischer Moment im Festsaal des Nationalmuseums, während draußen ein spätromantischer Sommer flirrte. / Andreas Rosenfelder, Die Welt

87. Einbruch des Surrealen

Der Einbruch des Surrealen in den Alltag bricht die Welt des Vertrauten, des Logischen und des Selbstverständlichen auf und verweist auf etwas darüber Hinausgehendes, Unfassbares und Transzendentes.

Dunkel war’s,
der Mond schien helle,
Als ein Wagen blitzeschnelle
Langsam um die Ecke fuhr;
Drinnen saßen stehend Leute,
Stumm in ein Gespräch vertieft.
Als ein totgeschoss’ner Hase
Auf der Wiese Schlittschuh lief

Und ein blondgelockter Jüngling
Mit kohlrabenschwarzem Haar
Saß auf einer grünen Bank,
Die rot angestrichen war.

Als Kind begeisterte mich dieses Gedicht, das sich von Zeile zu Zeile immer weiter in Widersprüche verstrickt. …

Dieses Gedicht ist natürlich kein Gedicht des Surrealismus; und doch ist das Faszinierende für mich das Surreale, das Außer- oder Übernatürliche, welches im Gedicht als vollkommen logisch, banal, alltäglich erscheint. Das Surreale ist eines jener raren Werkzeuge, welches ohne Einschränkungen unter allen Bedingungen arbeitet, wenn es gilt, das Unmögliche auf Papier zu bringen. Stift und Tastatur müssen keinen logischen Regeln folgen, wenn die Fantasie das Drehbuch schreibt. Mit Worten kann man Welten kreieren, Experimente, Gedankenspiele anstellen, fragen, was sein könnte, wenn. So begegnet mir das Surreale auch immer wieder in meinen Texten.

/ Veronika Zoidl: „Das Surreale und ich“, ORF

86. Der Fall Anders? Nein – der Fall des Literaturbeamten

Eine Schmähschrift

Von Michael Gratz

(Aus: Wiecker Bote 27-29/1999)

Als ich einmal, in DDR-Jahren, zornig das Wort Beamte gebrauchte, wurde mir Belehrung zuteil: die gebe es in der DDR nicht. Voilà – diese Tür steht vielen offen.

Beamte in der Literatur? Ja, als Türsteher. Jack London wußte davon: Die Versager in der Literatur bewachen den Eingang zur Literatur (in dem Roman Martin Eden – hier aus dem Gedächtnis zitiert. Kann das mal irgendein Beamter nachprüfen? Als Überprüfer, als Aufpasser.) Das gab es nicht nur vor hundert Jahren in Amerika. Das gab es nicht nur in der DDR. Fangen wir mit der an. Ein Schriftsteller, der Bulgarisch konnte, in Bulgarien gelebt und gelesen und wohl gar eine Bulgarin geheiratet hatte, wollte bulgarische Literatur übersetzen.

Sagte ihm ein Kontrolleur (nicht notwendig von der Stasi): es gebe fünf Bulgarischübersetzer in der DDR, und es werde keinen sechsten geben.

Sagte ein langjähriger Büchnerpreisrichter: Solange er in der Jury sei, werde kein Kommunist den Preis erhalten. (Er meinte nicht Bertolt Brecht oder, nun ja, Hermann Kant, sondern Martin Walser, der dazumal nicht nur ein weltberühmter Schriftsteller war, der ein paar seiner besten Bücher schon geschrieben hatte, sondern gerade eine Zeitlang mit der DKP (”Deutschen Kommunistischen Partei”) techtelmechtelte. – Er hat den Preis schließlich doch noch erhalten – da war die DKP-Phase lange ausgestanden, die Kultur gerettet.

Sagte ein altgedienter Rundfunkredakteur einer großen Landesrundfunkanstalt, als ihm eine Autorin für eine Veranstaltung vorgeschlagen wurde: Kenne ich nicht. Hielt er das für ein Argument?

Sagte eine bekannte Kritikerin zum Autor: Herr Anders, Sie veröffentlichen bei Galrev?

Sagte ein, anderer, Großkritiker: Bücher bei Galrev bespreche ich nicht.

Sagte ein, anderer, Literaturbeamter: ein Literaturpreis, der mit zehntausend Mark dotiert ist, ist klein unter den Literaturpreisen Deutschlands; aber mit dem Namen Wolfgang Koeppen rutschen Sie gut und gerne 3.000 DM höher.

Sagte ein Literaturredakteur und Groß-Feuilleton-Macher: einen Koeppenpreis, der nicht von MRR verliehen wurde, erwähnen wir gar nicht.

Sagte MRR zu seinem Millionenpublikum: Wolfgang Koeppen ist zweifellos einer der ganz bedeutenden Autoren dieses Jahrhunderts, und es ist alles andere als ein Zufall, daß ich ihn entdeckt habe, damals, Anfang der sechziger Jahre. Aber sagen Sie mir, was soll ein Prreis bedeuten, noch dazu ein Prreis mit diesem Namen, bei dem ich nicht in der Jury war?

Sagte sagte sagte. So reden sie, so reden sie, so reden wir alle Tage. – Um bei der Wahrheit (was ist Wahrheit?) zu bleiben: die letzten zwei ”Sagte” sind erfunden und erlogen. Wahr ist vielmehr,

… daß sie den Preis nicht erwähnt haben

… daß MRR nicht in der Jury war

… daß das Fernsehen nicht zur Preisverleihung nach Greifswald am Bodden reiste

… daß keine der eingeladenen und uneingeladenen Zeitungsredaktionen neugierig war, was das für ein Preis ist, der da – in Greifswald am Bodden – nach dem großen Koeppen benannt wurde

… daß keiner neugierig genug war auf den Autor, dem der neue Preis zuerst zuerkannt wurde (und der ganz allein den zwei Jahre später fälligen Nachfolger vorschlagen darf). Anders? Kenne ich nicht? Koeppen? Fragen wir mal MRR. Literatur? Bestimmen immer noch wir.

… daß es einer großen Schweizer Tageszeitung vorbehalten blieb, zum 70. Geburtstag des Autors Richard Anders auf ihn als ”letzten Surrealisten” hinzuweisen.

… daß eine große deutsche Wochenzeitung im Dezember 1999 – pünktlich zur Preisverleihung und ein halbes Jahr nach Erscheinen eines neuen Gedichtbandes von Richard Anders – eine Rezension annahm, in welcher zum Schluß der Koeppenpreis erwähnt werden durfte. Wahr ist aber auch

… daß eine große deutsche Wochenzeitung bis heute (ein halbes Jahr nach dem Fest, ein Jahr nach Erscheinen des Buches) keinen Platz (keine Zeit?) fand, die Rezension abzudrucken. Hoffentlich haben sie sie wenigstens bezahlt. Wir dürfen davon ausgehen; denn auch dies ist wahr: daß in Deutschland zwar kaum ein Dichter, dafür aber hunderte, tausende Sekundärverwerter, als da sind Rezensenten, Interpreten, Lehrer, Dozenten, Assistenten, Professoren, Kommentatoren … von Gedichten leben können.

Ich bekenne, ich habe gelebt. (Titel der Memoiren des chilenischen Dichters Pablo Neruda).

Ich bekenne, ich habe von Pablo Neruda gelebt. (Überlieferter Ausspruch des deutschen – in der DDR lebenden – Dichters Erich Arendt, der seinen Lebensunterhalt zwar nicht als Dichter, aber als Nachdichter eines Dichters verdiente.) – Ein Glücksfall, weil zwei Umstände zusammentrafen: daß Nachdichten in der DDR – anders als in der Bundesrepublik; und anders als Selberdichten auch in der DDR – gut bezahlt wurde (immer relativ, natürlich; also bitte nicht mit Schlagersängern oder Tennisspielern vergleichen); und zweitens, daß Neruda nicht nur Dichter, sondern auch Kommunist war. (Was ihm vielleicht den Büchnerpreis erspart hätte, aber nicht, andere Länder andere Sitten, den Nobelpreis).

Auch dies ist wahr

: Als Wolfgang Koeppen beigesetzt wurde, sprachen etliche bedeutende Leute aus Politik und Kulturbetrieb. (Als letzter MRR). Unter den Trauergästen waren wenig Autorenkollegen; es kam kein Kanz vom Kranzler, und kein Fernsehen.

: Bei der Beisetzung mehrerer Anwesender wird – leicht vorherzusehen – es an Kranz und Kamera nicht fehlen. (Einige, gewisse, sogenannte werden ihre Bedeutung gewissen Autoren verdanken). Das ist wahr. Wahr auch

: Das große Projekt von Reich-Ranicki besteht darin, die Literatur zugunsten der Literaturkritik abzuschaffen. (Sagte ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung im Gespräch mit Martin Walser.)

: In der blanken Wut, mit der er auf Handke, Grass und Walser reagiert, sehe ich die vollkommen grundlose Furcht, die drei könnten berühmter werden als er. Die Angst muß er nicht haben – aber jemand, der als Kritiker auf den Büchner-Preis  rechnet, der hat einen Über-Eisprung im Kopf. (Sagte Walser im Gespräch mit einem Kritiker der Süddeutschen Zeitung).

Wir könnten lange zitieren. Wer unsere kleine Auswahl für übertrieben hält, lese die Anklage eines Autors namens Wolfgang Dietrich (Sie wissen schon: Kenne ich nicht!) gegen das Rudel von miesen kleinen Schreibtischverbrechern, die die lebende Literatur dieses Landes erledigen – ganz wie im Dritten Reich: Mit der Sturheit von Gefängnisaufsehern schleusen sie ein paar mickrige Talente durch den Literaturpreiskorridor, um sie dann irgendwo im geistigen Tod abzuladen. (In der Baseler Lyrikzeitschrift Zwischen den Zeilen, Heft 9, 1996). (”Wo? Wer? Kenne ich nicht! Kenne ich nicht!”)

Wer mehr zum Thema wissen will, der möge lesen. Hyperions Bericht über seine Deutschlandreise (Beamte traf ich, aber keine Menschen!). Else Lasker-Schülers Anklage gegen ihre Verleger. Gottfried Benns Aufrechnung seiner Einkünfte für das – hochgerühmte – dichterische Werk aus fünfzehn Jahren: Summa summarum 975 Mark: 4,50 Mark im Monat. Ernst Jandls dokumentarisches Gedicht über Lernmittelfreiheit im Freistaat Bayern, aus dem ein Auszug und – Kontoauszug – die Summe zitiert sei: sehr geehrter herr dr. jandl, anläßlich des zulassungsverfahrens zur LERNMITTELFREIHEIT beim BAYERISCHEN KULTUSMINISTERIUM wurde uns die bedingung gestellt, in der 2. auflage ihr gedicht ”auf dem land” aus: laut u. luise wegzulassen. Die überwiesene Summe: DM 3,24 (öS. 22,91). Nachzulesen in der Sondernummer 16/17 der in Linz (Österreich) herausgegebenen Zeitschrift neue texte, 1985. Oder ganz neu: Gerhard Falkners (Falkner? Muß ich den kennen?) Bericht über Die Jammergestalt des Poeten (in der von Joachim Sartorius herausgegebenen Anthologie: Minima Poetica. Für eine Poetik des zeitgenössischen Gedichts. Kiepenheuer & Witsch 1999): Aber gerade die Deutschen, die ihren Dichtern das Beste verdanken, was sie überhaupt haben, ihre Sprache nämlich, sie sind taub, stumpfsinnig, gehässig und barbarisch gegen ihre Dichter, sie versorgen ihre Lehrer, Lektoren, Literaturwissenschaftler und Kritiker, wie Ingeborg Bachmann noch spät beklagt hat, ihre Verleger, Drucker und Buchhändler, wie sie vergessen hat, hinzuzufügen, aber ihre Dichter müssen für ihren Lebensunterhalt fremdgehen, oder eben vor die Hunde.

Ein Fall Anders? Oh nein. Die Fälle Deutschland; Literaturbetrieb; Literaturbeamte. Im Fall der Fälle: wie verhielt es sich mit Wolfgang Koeppen?

Es war einmal ein Autor, der hatte fünf Romane geschrieben und manches andere Buch noch. Er war achtundvierzig Jahre alt, als sein letzter Roman erschien – die Romantrilogie fast ein Skandalerfolg. Sieben Jahre später – mit 55 – erhält er einen Förderungspreis für Literatur der Landeshauptstadt München (was immer dies ist!) und eine Ehrengabe für Kulturkritik des Kulturkreises im BDI (auch nicht klarer!) Es war das Jahr 1961. Nach diesen beiden Ehrengaben ging es Schlag auf Schlag: 1962 Büchnerpreis, 1965 Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Schönen Künste, 1967 Immermannpreis und Dichter-Preis der Stiftung zur Förderung des Schrifttums, München; 1971 Andreas-Gryphius-Preis, 1974 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, Fortsetzungen folgten 1977, 1982, 1984, 1986 … Nicht in jedem Fall war Geld damit verbunden; in einem Fall führte die Annahme eines Preises dazu, daß die DDR-Behörden die schon eingeleitete Verleihung der Greifswalder Ehrendoktorwürde stoppten – Günter Grass hatte ihm geraten, den Preis des Geldes wegen anzunehmen, es hing dann aber gar kein Geld daran …

Im Jahr des Durchbruchs anno 61 schlug auch die Stunde des Chefkritikers. Nach zwei oder drei vereinzelten Rezensionen (zu Koeppen) erfand er mit dem ”Fall Wolfgang Koeppen” eine seiner wirkungsvollsten Inszenierungen. Danach war an seiner Stellung als führender Kritiker der Bundesrepublik nicht mehr zu rütteln. Seitdem wird der Autor Koeppen im In- und Ausland mit der Optik MRRs gesehen. Hatte MRR – der Mensch oder der Text – Einfluß auf die Verleihung des Büchnerpreises im Jahr darauf? Eingeweihte werden es wissen. Bis in die Nachrufe hinein – und gewiß weit darüber hinaus – reicht die Wirkung des Aufsatzes. Worin besteht der ”Fall Koeppen”? Der Untertitel weist die Richtung: ”Ein Lehrbeispiel dafür, wie man in Deutschland mit Talenten umgeht”. Ein großes Thema, eine markige Behauptung, ein Schuß Pathos, eine Prise soziales Engagement, und fertig ist die Laube.

Daß im übrigen der Autor Koeppen auch dieses Verhältnis gesehen und in glänzenden Sätzen ausgedrückt hat, zeigt sein Aufsatz über MRR unter dem Titel: Er schreibt über mich, also bin ich.

Was ist die Arbeit eines Chefkritikers? In erster Linie wirkungsvolle Inszenierungen ins Werk zu setzen, die die eigene Rolle und Bedeutung nie verblassen lassen. Lob und Tadel klug verteilen, die führenden Medien dauerbesetzen, immer präsent sein. Der Spiegel-Titel mit MRR, einen Roman von Grass zerreißend (”lieber Günter Grass …) bleibt jedem im optischen Gedächtnis wie die Sesselpräsenz im literarischen Quartett. Lob und Tadel dosieren: nach einem Verriß kommt ein Lob umso besser. Martin Walser hat es erfahren. Nun – in diesem Moment – erfährt es Günter Grass. An seinen Wirkungen erkennt man den Chef. Soeben schreibt eine Grazer Online-Zeitung (Kleine Online vom 19.7.99) nach dem kategorischen Imperativ (Etliche Herrenreiter des deutschen Feuilletons sollten sich rasch aus dem Sattel erheben. Günter Grass legte ein Jahrhundert-Buch vor.) schlicht und groß dies: Der oft so aufdringliche, oberlehrerhafte Aufklärer Grass hat zu einem völlig neuen poetischen Ton gefunden. Und nach der totalen Peinlichkeit mit seinem Roman „Das weite Feld“ [sic!] dürfte dieser Umstand keine geringe Genugtuung bereiten. Gewiß, einige deutsche Feuilletonisten pinkelten ihm wieder ans Bein, aber mit ihren Argumenten erreichen sie nicht einmal den Knöchel von Grass. Einer seiner größten früheren Gegner, Marcel Reich-Ranicki, sprach von einem Jahrhundertroman. Und meinte damit nicht den Titel. (Danke, setzen!). Triumph des Realismus! Beweis, wie Kritik helfen kann! Genau wie beim Walser!

Dies klarzustellen – es geht nicht um die Person MRR. Es geht um ein Prinzip, das ER bloß hervorragend verkörpert (und zu einem nicht geringen Teil mitgeschaffen hat). Es heißt: Herrschaft des Betriebs über die Literatur. Die ist heute total. Das war nicht von Anfang an so. Die Gruppe 47, wiewohl von Gegnern frühzeitig als Herrschaftsorgan verdächtigt, war doch viel stärker Selbstorganisation von produktiven Autoren. Ja, damals bestimmten Namen wie Eich, Böll oder Hildesheimer die veröffentlichte Meinung über Literatur. – An dieser Stelle unseres eingangs zitierten Rundfunkmenschen gedenkend, muß man sich wehmütig erinnern, daß an diesem Sende-Apparat damals Leute wie Alfred Andersch oder Helmut Heißenbüttel wirkten. Heute sind sie durch Beamte ersetzt. (Natürlich gibt es – noch – ein paar wichtige Ausnahmen. Ich werde sie nicht nennen. Die Kenner wissen.) Jene sitzen da und sagen cool: Kenne ich nicht. Was man ihnen fast glaubt. Sitzen und kontrollieren die Eingänge. Und schließlich, was will man, sind’s fast alle zufrieden: Verleger, Buchhändler, Medien, Publikum. Eine geordnete Welt.

Dies das Umfeld eines Preises, der den Namen Wolfgang Koeppens trägt. Die beschriebenen Verhältnisse zeigen, was zu vermeiden war. Wie schafft man – in der Provinz, am Bodden – einen Preis, der nicht von diesem Apparat regiert wird? Fast möchte man sagen: einen Preis von und für Autoren. Einen Preis, der sich nicht vor allem durch sichere, gewichtige Preisträger selbst feiert. Einen Preis, den Koeppen auch dann bekommen hätte, wenn er nicht spät, zu spät in die Liste der Preiswürdigen geraten wäre. (Wir erinnern uns seiner Worte bei der Entgegennahme des Büchnerpreises: Georg Büchner hat den Büchnerpreis nicht erhalten, und wenn es damals in Hessen … Dotationen für die Literatur … gegeben haben sollte, Büchner wäre nicht unterstützt, nicht geehrt worden…) Der Preisträger soll gute Literatur schreiben, auch und gerade dann wenn ihm der (und er dem) Zeitgeist nicht huldigt. Und er soll die Integrität erwarten lassen, einen Nachfolger nicht in seiner Sparte, seinem Freundeskreis zu suchen. Wir fanden Richard Anders. Seine Bücher sind da, man kann sie lesen. Wir fanden Leute in Greifswald, die das Unternehmen zu unterstützen bereit waren – und das  ohne sich einzumischen. Wir sollen das loben. Daß ein solcher Preis von den Medien mehrheitlich ignoriert wird, liegt ja eigentlich in seiner Logik. Salut, Richard Anders.