Ein anderes Datum, der 10. Juli, betrifft den heutigen 80. Geburtstag des Autors, der, seiner eigenen Haltung entsprechend, nüchtern heruntergespielt werden könnte – leider ist das genau die Haltung, mit der die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihm nach wie vor den Büchner-Preis vorenthält und die nun seinen Stammverlag Suhrkamp veranlasst haben mag, sein Prosawerk nicht etwa gesammelt vorzulegen, sondern nur in einem «Durchgang», der auf knapp 300 Seiten dokumentiert, «Wie es weiterging». Da tröstet es wenig, dass Becker selbst diese Kostproben auswählen und kommentieren durfte, die dem Rang seiner literarischen Arbeit keineswegs gerecht werden und weder so recht für alte noch für neue Leser taugen.
Seine neuen Gedichte gab er einem anderen Verlag, sie sind, mit ausgesucht schönen Collagen seiner Frau Rango Bohne, in der Stiftung Lyrik-Kabinett bei Hanser erschienen. In ihnen kann man lange lesen, ohne Scheu vor Wiederholung, und weil darin so oft vom Sommerregen die Rede ist, kommen sie gerade zur rechten Zeit: «Die Pappeln flirren im schwindenden Licht, und man / spürt den Abschied von etwas, das noch nicht da ist.» / Norbert Hummelt, NZZ
Verbotene Zone schreibt:
Und ihr dort draußen müsst das Buch alle, alle kaufen. Denn es ist ein phantastisches Buch geworden, eine Anthologie zum 100sten Todestag Georg Heyms. Mit dreißig Gedichten von ihm, die von dreißig zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern erwidert wurden, so von zum Beispiel Max Czollek, Stephan Reich, Birgit Kreipe, Jinn Pogy, Hendrik Jackson, Jan Wagner, Björn Kuhligk, Tom Schulz und Katharina Schultens.
Und hier ist der Link zum Verlag: Lyrikedition 2000. Und so sieht es aus:
Der geschätzte Freitag beschert einem Kolumnisten (veröffentlicht) und Lyriker (unveröffentlicht) endlich eine prominente Bühne. Es geht um „die schwierige Kultur des Pluralismus“, sagt die Überschrift seiner neusten Verlautbarung. Wie fein, da muß doch jeder mitziehn, nicht? Jeder darf seine Gedichte veröffentlichen, also auch jeder „Freiheits“-Kolumnist.
Nicht genug damit. „Zum Breivik-Vorwurf“ schreibt er noch darunter. „Die sog. Lyrikszene bzw. deren Hauptprotagonisten und Oberexegeten“ bestreiten also Mollnitz/Bosselmann die Meinungsfreiheit und schlagen ihn mit der Breivik-Keule. Ist das nicht ein Skandal? Gut daß es noch ein paar Stellen gibt, an denen man dagegen anreden kann. Das tut der wackere Streiter nun unter dem Doppelnamen beim Freitag.
Er strickt das mit der gleichen heißen Nadel wie seine sog. Lyrikpolemik und wie die paar Artikel bei von mir weniger geschätzten Organen wie „Junge Freiheit“ und „Blaue Narzisse“, die ich mir angesehen habe. Eine stammtischfähige Meinung (beim Freitag: „Die junge Lyrik ist niveaulos“, bei der JF 2009: „Der jüngsten Ausgabe des Politikmagazins Frontal 21 war es ein Anliegen, sich darüber zu echauffieren, daß „der Staat die Neonazis gewähren läßt““ oder hier Juni 2012: „die Linke ist am Ende“) wird mit ein paar kernigen Sätzen und reichlich Kraft-Bonmots à la „Neue Lyrik: neue Impotenz“, „Möchtegern-Lyrik“, „Multi-Preisträger“, „gleichgeschaltete Gefällt-mir-Gesellschaft“, (Lyrik); „Demokratie und böser Nazi“, „ein Guter, ein Demokrat“ (Nazis), „Möchtegern-Luxemburg“, „Bionade-Bourgeoisie“, „Befindlichkeits-, Gefühls- und Pseudolinke des satten Westens“ (Linke) garniert. Weder die Meinungen noch die Schlag-Wörter sind von ihm. „Multipreisträger“ z.B. kam jüngst bei einer Medienattacke des rührigen Anton Leitner vor und wurde von Mollnitz flugs per copy and paste ausgerechnet auf Thomas Kunst appliziert. Egal was, egal woher: Hauptsache es tut Wirkung bei den Stammtischen, ob rechts (JF) oder links (Freitag). (Lustig, daß er gleichzeitig im eigenen Fall jammert, wenn andere das Wort „Klarnamen“ benutzen).
Und in dem jüngsten Beitrag im Freitag-Blog lästert er über den „karnevalesken Maskenball der Pseudonyme“ (als hätte das Thema garnichts mit ihm zu tun) und spricht von seinen „mir größtenteils völlig unbekannten und mit Nicknames verschleierten Opponenten“. Nun ja. Wer von den Lesern des Freitag kannte bis dahin Bosselmann oder Mollnitz? Wenn jemand lautstark auftritt, muß er sich kaum wundern, daß man fragt, wer das ist. Ich und meine gutinformierten Datenbanken kannten keinen „Mollnitz“. Bosselmann schon. Nicht besonders erheblich, aber unter dem Namen erschienen in den 80er Jahren ein paar Gedichte in einer Anthologie mit Schüler-Gedichten („Offene Fenster“) und in der FDJ-Zeitschrift „Temperamente“. Das ist lange her. Hat er die ganze Zeit geschrieben und nichts veröffentlicht? Oder wurden seine Texte abgelehnt? Oder hat er erst jetzt, angeregt von der schwächelnden Gegenwartslyrik, wieder angefangen? Wir wissen es nicht. Er raunt nur von „besonderen Gründen“, welche?
Jetzt aber hat er sein Thema und seine Rechtfertigung gefunden: Weil die Lyrikzeitung seinen wahren Namen veröffentlichte, bleibt seine Karriere als Autor aus. Drei Verlage sollen seine Gedichte zurückgeschickt haben. (Ehrlich gesagt finde ich das etwas schwach. Wenn sie die Gedichte gut finden, warum veröffentlichen sie sie nicht? Auf mich dürfen die sich nicht berufen.)
Ich zweifle nicht, daß es Leser für seine Gedichte gibt. Ein paar sind unter dem Namen Mollnitz leicht im Netz zu finden. Ich finde die nicht so stark und schon gar nicht in dem messianischen Gestus des Freitag-Artikels. Obwohl mit „Potenz“ als Opposition zu der von ihm beschworenen Impotenz (nicht in sexueller Hinsicht, sondern als aktivistisch-kraftmeiernde Geste) hat es in meiner Wahrnehmung schon zu tun. Aber ich mag nicht über unpublizierte Gedichte rechten. Wenn er seine Grenzer-Lyrik gut findet, soll er sie doch veröffentlichen, warum nicht beim Freitag? Er mokiert sich über die Auswahl bei der Wasser-Prawda, vergißt aber hinzuzufügen, daß er diese Gedichte ja selbst hingeschickt hat. Vielleicht hat er so wenig, daß er auch die schwächeren mitschickte? Auch das wissen wir nicht.
Damit wollen wir uns nicht befassen. Noch ein paar Blicke auf die Polemik gegen die „sog. Lyrikszene“. Die habe sich also aufgeregt. Was für Mollnitzens Gewicht zu sprechen scheint. Umso mehr, als nicht irgendjemand, sondern „deren Hauptprotagonisten und Oberexegeten“ gegen ihn Front machten. Leider vergißt er hinzuzufügen, wer das eigentlich war. Kein einziger Name, nirgends. Der gleiche blinde Fleck wie in dem sog. Pamphlet, über dessen Resonanz er sich wundert. Dort hatte er immerhin „Eisenhans“ benannt, wir konnten das Pseudonym nicht knacken, er soll schon im Lyrikjahrbuch veröffentlicht haben, aber ein „Hauptprotagonist und Oberexeget“? Das kann bezweifelt werden.
„Erhebliche Turbulenzen, große Betroffenheit“ konstatiert Mollnitz. Papperlapapp, Großrederei. Ein paar Leserbriefe beim Freitag, ein paar Kommentare bei der Lyrikzeitung oder in kleinen Facebookkreisen, mehr war gar nicht. Er muß es dem bedeutenden Mollnitz erst zurechtmachen.
Was gesagt werden muß. Was mit und gesagt werden muß. Nur mit und, keine Begründungen. (Eich, nicht Grass). Die sogenannte Polemik strotzt gleichermaßen von Kraftmeierei wie von Unkenntnis. Er tut, als könne er die Lyrik aus den Angeln heben, kennt sie aber gar nicht*. Spricht von einem Leipziger Blog und einem Leipziger Verlag, der Verdienste hat, aber kaum ein Zentrum „der Lyrikszene“ genannt werden kann. Da gibt es auch in Leipzig andere kleine Verlage, etwa die Connewitzer Verlagsbuchhandlung…, aber nichts davon. Zu schweigen von den wichtigen Verlagen in Berlin und anderswo. Die Freitag-Autorin, die darauf reagierte, hat völlig recht. Kann man von einer Redaktion verlangen, daß sie die Substanzleere bemerkten? Offenbar nicht. Jetzt aber schafft er es, alles so hinzustellen, als läge es nur an der Enthüllung seiner Identität. Nein, es war ein schlechter Artikel, der nur bei Ignoranten Zustimmung fand. Er wäre auch schlecht, wenn er von, sagen wir mal Sahra Wagenknecht („Möchtegern-Luxemburg“) oder, jetzt keinen Namen nennen… einem Redakteur der FR oder SZ geschrieben worden wäre. (Der Wahrheit die Ehre: es gibt dort keinen, der so uninformiert über Lyrik schreibt!).
Mit Personennamen hält er sich zurück (einzig bei der Freitag-Autorin weiß er sich anzubiedern). Ein Ortsname allerdings wird sehr oft genannt. Ganze 7 mal kommt der Name der Stadt Greifswald vor. Es scheint sich hier um ein Zentrum der Lyrik zu handeln. Der Artikel erwähnt „eifrige Recherchen eines Greifswalder Literaturwissenschaftlers“, der scheint wichtig zu sein. Zumal er, „was ich nicht wusste, sowohl gegenüber dem Greifswalder Verlag, der Greifswalder Online-Zeitschrift als auch wohl gegenüber der Junglyriker-Szene allgemein als eine Art administrierender Bewerter oder mindestens Mentor fungiert, hochgeschätzt, hochagil, hochempfindlich.“ Sagt Mollnitz.
Achja, danke. Obwohl ich gern auf dieses Lob verzichte. Er wußte es nicht, jetzt weiß er es aber? Den Beweis bleibt er auch schuldig. Das ist die Mollnitz-Masche. Viel behaupten, dann bleibt schon was hängen. (Nein, er braucht sich nichts drauf einzubilden, so machen es alle Anschwärzer). Ich kenne den Greifswalder freiraum-Verlag, sein Gründer studiert an dem Institut, bei dem ich angestellt bin. Aber „administrierender Bewerter oder mindestens Mentor“, das ist totaler Mumpitz. Sowohl für den Verlag als auch selbstredend für „die Junglyriker-Szene“. Ich kenne etliche junge Lyrikerinnen und Lyriker und lese viele, mit einigen bin ich befreundet, jungen und älteren. Aber Mentor? Administrierender Bewerter gar? Bloße aus der Luft gegriffene Behauptungen in ehrabschneidender Absicht: das darf man jetzt beim Freitag, ich nehme es zur Kenntnis. Dieser Mensch ist ein Verleumder, der allgemeine Behauptungen über „die Lyrik-Szene“ mit Zitaten aus Leserkommentaren („Breivik-Vorwurf“) so mischt, als hätte „die Lyrikszene“ unter der heimlichen Führung eines Greifswalder Literaturwissenschaftlers ihm und dem Pluralismus im Land übel mitgespielt. (Der PR-Chef der JF reibt sich die Hände, wenn er das, bei freitag.de, liest: „Dass einer, nachdem er aus besonderen Gründen literarisch fünfundzwanzig Jahre schwieg und sich auf Tagebuch und Presse beschränkte, dass so einer sein Schreiben wieder aufnimmt und Texte durchreicht, ohne zu den diversen Zirkeln und Duzgemeinschaften der „Szene“ zu gehören, konnte man noch als die unerhörte Frechheit eines dreisten Dilettanten abtun; aber dass der auch noch von der „Jungen Freiheit“ kam, diesem schlimmen Blatt, das ging nun gar nicht!“)
Ich bitte um Verständnis, daß ich nicht auf der gleichen Bühne spielen möchte wie dieser Lyrikkenner, und daher hier antworte.
*) In einem Blog versucht „Mollnitz“ das in dem ersten Pamphlet Versäumte nachzuholen und zitiert Nora Bossong, „eine Autorin, die ohne Zweifel über eine lyrische Stimme verfügt“. Hohes Lob wird verteilt: „Ihr Gedicht „Reglose Jagd“ (http://www.poetenladen.de/nora-bossong-lyrik.htm) dürfte zum Besten gehören, was innerhalb der letzten Jahre erschien.“ Das muß er ja in besonderer Weise wissen. Auch andere Gedichte der Autorin werden gelobt (wenn auch nur im Netz veröffentlichte). Auch hier kommt der Pferdefuß schnell zum Vorschein. Selbst diese ohne Zweifel guten und sympathischen Gedichte werden nun zum Zeugnis des Ungenügens der jungen Lyrik:
Wesen des Dargestellten ist wiederum die Statik, eine kleine, ptolemäisch anmutende Welt, wenngleich offenbar gegenwärtig und modern, herausgehalten aber aus dem Fluss, dem Panta-Rhei des biographischen und geschichtlichen Geschehens.
Genau das ist für neue Lyrik symptomatisch. Sie hält sich heraus aus den Strömungen der Zeit, so abstinent und fern, dass ihr auch deren Unterströmungen einerlei sind oder verborgen bleiben, die gefährlichen wie die verheißungsvollen, denn sie schreibt bewusst aus dem Außerhalb.
Mit Verlaub, so las mans auch in den Zeitungen von SED und FDJ. Fast wörtlich sogar. Was wir schon ahnten. Auch Peter Huchel wurde vorgeworfen, daß er sich „wie ein englischer Lord“ (Hager) heraushalte. Genau, Huchel: Mollnitz steht nicht an, Bossong mit Huchel zu vergleichen. Ach ja, richtig, sie bekam ja jüngst den nach Huchel benannten Preis.**
**) Aber ich gebe zu: hätte er dem Freitag diesen Text angeboten, die Blamage wäre etwas kleiner gewesen.
Der Schriftsteller Jürgen Becker wird heute 80 Jahre alt. In Köln am 10. Juli 1932 geboren, als Siebenjähriger, im Jahr des Kriegsausbruchs also, mit seinen Eltern nach Erfurt gezogen, nach deren Scheidung, dem Freitod der Mutter, einer neuen Eheschließung des Vaters, nach Kriegsende – den Lärm der Bombennächte, die Stille im Luftschutzkeller noch in den Ohren – ins Oberbergische Land gezogen, 1950 endlich wieder zurück in seiner Geburtsstadt, das Abitur gemacht, das Studium indes nach kurzer Zeit abgebrochen, war es vor allem die Musik, die den überaus sensiblen, stets (bis heute) mit filterlosen französischen Zigaretten sich ausrüstenden jungen Mann in Bann schlug. Es waren die Kompositionen eines Karl-Heinz Stockhausen, es war die serielle Musik, die Jürgen Becker die Ohren öffnete und seine Empfindsamkeit steigerte für die Klänge einer Großstadt, deren Trümmer noch längst nicht beseitigt waren.
Die Akustik der Welt, ihr ohrenbetäubender Lärm, ihre Töne, die sich überschlagenden Stimmen, nicht so sehr die Bücher jener Zeit, nicht Brecht, nicht Benn, höchstens Günter Eich, nicht die deutsche, sondern die junge amerikanische Literatur und Claude Simon aus Frankreich, leisteten Motivationsschübe für seine literarischen Anfänge und blieben prägend bis heute für einen Autor, der das Leben immer als eine Art Hörspiel begriff, bis heute, fünfzig Jahre, nachdem er von Hans-Magnus Enzensberger für die Buchwelt entdeckt wurde. / Hajo Steinert, DLF
Jürgen Becker: „Wie es weiter ging. Ein Durchgang. Prosa aus fünf Jahrzehnten.“ Mit einem Nachwort des Autors. Berlin. Suhrkamp Verlag, 295 S., Euro 21,95
Jürgen Becker: „Scheunen im Gelände“. Mit Collagen von Rango Bohne, Mit einem Nachwort von Michael Krüger. Stiftung Lyrik Kabinett München, 108. S., Euro 20,00
Mehr: FR / NZZ / Rheinische Post / Kölner Stadt-Anzeiger
Trotz zahlreicher Veröffentlichungen und Übersetzungen seiner Texte in mehrere Sprachen, ist Schinkel „nur wenigen ein Begriff“, schreibt Jens-Fietje Dwars im Nachwort des von ihm herausgegebenen Band 10 der Edition ornamente. „Anders als Hilbigs Abwesenheit in der DDR ist die seine keiner Ideologie geschuldet. Die Zensur des Marktes arbeitet sublimer, doch nicht weniger effektiv.“
Um so wichtiger sind die kleinen Verlage, die das Besondere entdecken und fördern und ihm einen Raum geben, in dem es sich entfalten kann. Die wiederum Brücken schlagen vom Text zum Leser.
Parlando erzählt davon, dass Gedichte einen Austritt aus der Welt bedeuten, ein Überschreiten der Vernunft und somit eine Brücke schlagen zwischen Sehnsucht und Verzweiflung. Kann sein, dass man von dieser Brücke aus, die Stelle wiederfindet, an der diese „reparaturbedürftige Welt“ unvergänglich schön ist. / Elke Engelhardt, fixpoetry
André Schinkel ¨C Parlando Lyrik, Prosa und Essays, Vierundvierzig Texte mit vier Grafiken von Karl-Georg Hirsch, Band 10 Edition Ornament, quartus-Verlag, Bucha bei Jena, 2012, ISBN 978-3-943768-01-5
Nein, die Verse des 1969 in Moskau geborenen Düsseldorfers sind Sprachmusik, immer wieder durchdrungen von sarkastisch wirkenden Disharmonien. Unreine Reime strapazieren das Ohr wie Zwölftonmusik.
Ist es Leichtsinn oder Provokation, wenn sich „wieso nicht“ auf „Honig“ reimen soll*? Was der russische Komponist Alexander Skrjabin (1871 – 1915), der exzentrische Erfinder einer Klaviatur mit Ton-Farbe-Zuordnung, beabsichtigte: das Zusammenführen aller Sinne in Wort, Ton, Farbe, Duft und Bewegung, als rhetorische Figur „Synästhesie“ genannt, wofür die Romantiker ein Faible hatten, genau das versucht auch Nitzberg zu verwirklichen. / Dorothea von Törne, Die Welt
Alexander Nitzberg: Farbenklavier. Suhrkamp, Berlin. 76 S., 17,95 Euro.
*) Das kann man trainieren. Majakowski lesen, entweder Russisch: дети / заметили; хоботом / гроба том, oder Deutsch bei Hugo Huppert: Pause / Genosse Mauser; Sonne brach / millionenfach. Oder Emily Dickinson: listens / Distance. Oder e.e. cummings (diese beiden Strophen sind durch konsononantische Halb- (Auslaut-)reime verbunden im umschließenden Maß):
Me up at does
out of the floor
quietly Stare
a poisoned mouse
still who alive
is asking What
have i done that
You wouldn’t have
Will sagen, soviel Zwölftonmusik ist es nun auch nicht. Nitzberg machts wie Huppert, das ist immerhin innovativ: ein Versuch, unsere Ohren zu erziehen. Die Amerikaner aber sind wirkliche Erfinder.
Gelegentlich komponiert er – wie im Falle John Ruskin – aus einzelnen Gedichtzeilen anderer Dichter etwas Neues. Der Dichter als Pirat? Viel Philosophisches, Botanisches, Kunst- und Kultur- und Geschichtswissen ist in den Versen aufgehoben oder als Material in den angehängten Anmerkungen verstaut. Mal sprengt es die Form, mal fügt es sich zu einem anregenden Text, der Geschichte, Gesellschaftskritik und fantastische Erfindung vereint. / Dorothea von Törne, Die Welt
Jürgen Brôcan: Antidot. Edition Rugerup, Berlin und Hörby. 128 S., 18 Euro.
Allerlei Berühmtheiten sind scheinbar beiläufig zu vernehmen. Der Leser lauscht amüsiert einer Stichelei zwischen Robert Walser und Friedrich Nietzsche. Antike Götter schlurfen vorbei, Kierkegaard dröhnt gelehrt im Kopf. Dazu gesellen sich Diva und Dealer und andere skurrile Wesen. Nur Haydn hat für alles einen Schlüssel.
Unter den Performance-Poeten, deren Gedichte erst im mündlichen Vortrag so recht zur Geltung kommen, ist Monika Rinck eine Ausnahme. Ihre Verse vereinen die Lockerheit der Bühnen-Darbietung mit der Gedankentiefe des traditionellen Poeten. / Dorothea von Törne, Die Welt
Monika Rinck: Honigprotokolle. Kookbooks, Berlin. 80 S., 19,90 Euro.
Außer Gebrauch geratene Heilpflanzen wie das „Gemeine Herzgespann“ haben es ihm angetan. Das Wildkraut beschreibt er bis ins kleinste Detail. Bei aller Pedanterie haben Kirstens Verse Rhythmus, Melodie und Pointe. Sie konservieren nicht nur, sie bewahren vergangene Kultur, auch verloren gegangene Sprachkultur. Im Hessischen wird er zum Landschreiter. Sonst bleibt der Mann aus Weimar Flurgänger. Er durchstreift überwiegend sächsische Gefilde. Sein lichtüberfluteter Morgen bringt abgewohnte, ausrangierte und zerfallende Dinge zum Vorschein. Für ihn ist Gerümpel „abgeschriebenes, verdinglichtes Leben“, das er im Gedicht akribisch versammelt. Wo die Flüchtigkeit der zeitgenössischen Wegwerfgesellschaft rast, eröffnet Kirsten ein Museum der abgehalfterten Dinge. Die Gegenstände bleiben sie selbst und werden nicht auf Zeichen getrimmt. / Dorothea von Törne, Die Welt
Wulf Kirsten: fliehende ansicht. S. Fischer, Frankfurt/M. 82 S., 16,99 Euro.
Der niederländische Schriftsteller und Dichter Gerrit Komrij ist am Donnerstagabend im Alter von 68 Jahren infolge einer langen Krankheit in Amsterdam gestorben, bestätigte sein Verlag „De Bezige Bij“. Komrij galt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Dichter der Niederlande. „Er war eine Inspiration für Generationen von Dichtern, Schriftstellern und jungen Himmelsstürmern, und das wird er bleiben“, erklärte der Verlag.
Der 1944 in Winterswijk geborene Komrij wurde vielfach für seine Gedichte, Essays und Romane ausgezeichnet. 1993 erhielt er den bedeutenden niederländischen Literaturpreis, den P.C. Hooftprijs. Bekannt waren auch seine Kolumnen in Zeitungen und im Fernsehen. Mit spitzer Feder griff er vor allem seine Heimat an, die er „Absurdistan“ nannte. Dennoch hatten die niederländischen Zeitungsleser ihn 2000 zum „Dichter des Vaterlandes“ gewählt. / Der Standard
Chronik, 7.7.
17 Uhr
Und wenn sie dich auch flieht, bald wird sie dich verfolgen,
wenn sie deine Geschenke nicht nimmt, bald wird sie welche machen,
wenn sie nicht liebt, bald wird sie lieben,
auch wenn sie nicht will.
Sagt Aphrodite zu Sappho, Frg. 1, in einer brandneuen Übersetzung: Sappho: Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. Potsdam: Udo Degener Verlag 2012. 62 S.
22 Uhr
comes love – nothing can be done
Mette Juul in ihrem Lied „Comes love“, gesungen beim Eldenaer Jazz Evening 2012 Mehr
24 Uhr
rocket number 9 take off for the planet VENUS
Heliocentric Counterblast, ebenda (Hier von Sun Ra)
Im alten Griechenland gehörten literarische Veranstaltungen untrennbar zu Sportwettkämpfen, bei denen bekleidete Autoren genau so beliebt sein konnten wie nackte, von Olivenöl glänzende Athleten. Die Sieger beauftragten große Dichter wie Pindar mit dem Abfassen der Siegerhymnen, die bei üppigen Banketten von Knabenchören gesungen wurden.
Kritik konnte brutale Formen annehmen: Als der sizilianische Diktator Dionysius im Jahr 384 v.d.Z. mittelmäßige Gedichte vortrug, bekam er von entrüsteten Sportfans Schläge und sein Zelt wurde verwüstet.
Im 20. Jahrhundert war Lyrik eine Olympia-Sportart, bei der Medaillen gewonnen wurden. 1912 in Stockholm waren Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerei und sogar Architektur olympische Veranstaltungen im Rahmen des sogenannten Pentathlon der Musen, bei dem alle Beiträge „direkt von der Idee des Sports inspiriert“ sein sollten.
Bei sieben Olympiaden erhielten Autoren – fast immer Lyriker – Medaillen wie Sprinter, Gewichtheber und Ringer. !928, 1936 und 1948 gab es sogar spezielle Wettbewerbe für epische und lyrische Dichtung.
Baron de Coubertin gewann sogar 1912 die erste Goldmedaille für seine „Ode an den Sport“, die er unter doppeltem Pseudonym Französisch und Deutsch eingereicht hatte.
Aber schon 1912 gab es Kritik wegen der Beschränkung auf das Thema Sport und weil der Amateurstatus bei den Künsten nicht anwendbar sei.
Tatsächlich beteiligten sich die berühmtesten Künstler nicht an den Spielen. 1924 in Paris gewann eben nicht T.S.Eliot oder Jean Cocteau, sondern ein gewisser Géo-Charles (eigentlich Charles Louis Prosper Guyot), den man heute nur in seiner Heimatstadt Grenoble kennt, wo ihn ein kleines Museum als „Pionier der athletischen Kunst“ rühmt. Der einzige bedeutende Dichter, der es versuchte, war der Protofaschist Gabriele d’Annunzio, der aber leer ausging. 1932 war der Dramatiker Thornton Wilder Mitglied der Jury in den Spielen von Los Angeles und entschied sich für eine deutsche Ode auf das Bergsteigen.
1936 in Berlin räumten Deutsche und Italiener die Lyrikmedaillen ab.
Erst 1952 wurden die Künste endgültig gestrichen. / TONY PERROTTET, New York Times 1.7.
Beim englischen Wiki gibt es Listen der Sieger in den olympischen Künsten 1912-1948.
1928 in Amsterdam gewann Ernst Weiß die Goldmedaille in der Disziplin Epische Werke für den Roman „Boëtius von Orlamünde“. 1936 ging Gold an Felix Dhünen-Sondinger (D) und Bruno Fattori (I). Den Wettbewerb für Orchestermusik gewann 1936 übrigens Werner Egk.
In einem Punkt hat der NYT-Autor nicht gründlich recherchiert. Viele Werke seien nicht erhalten:
Many of the poems from these seven Olympic Games have vanished and are now known only by their titles. Sport historians are still searching in vain, for example, for the intriguing-sounding verse, “A Rider’s Instructions to His Lover,” by the German poet Rudolf Binding (silver, Amsterdam, 1928).
Bindings „Reitvorschrift für eine Geliebte“ verschwunden? Liegt doch in jedem zweiten Antiquariat rum. Ob es freilich spekulative Erwartungen erfüllt, darf bezweifelt werden. Eine Kundenbeschreibung im WWW weiß:
Viele Sätze, die dem belesenen Reiter geläufig sind, stammen aus diesem Buch. Da ist „der Tänzer an deiner Hand“ oder „Reiten ist Wille ins Weite, ins Unendliche“ usw. Es ist ein adliges, ein edles Buch im alten Sinne.
Lyrik in der Stadtbahn, ein abseitiger Gedanke? Richtet sie sich an den Bildungsbürger, der seinen Goethe und Novalis ohnehin kennt? Oder will sie die Rapper-Generation von 50 Cent oder Eminem weglocken auf die richtige Schiene zu Hofmannsthal oder Hölderlin? Ey Alter, das is n Kalter, wird die coole Jugend da tönen.
Cool war im Sommer 2010 der Titel eines Gedichts der 15-jährigen Ingeborg Wenger vom Dillmann-Gymnasium, das es in die Stadtbahnen schaffte. „Was ist cool – gegelte Haare, Hosen in den Kniekehlen / Was ist cool – bauchnabelfreies Top, knallenge Jeans, was ist cool – Minirock, Glitterhemd . . .“
Seit 30. Juni 1987 sind in den Zügen und Bussen der Stuttgarter Straßenbahnen AG 360 Gedichte durch die Stadt gefahren. Den Anfang von „Lyrik unterwegs“ machten Johann Wolfgang von Goethe („Woher sind wir geboren . . .“), Christian Morgenstern („Aus stillen Fenstern“) und Eugen Roth („Der Kreisel“). Manch ertappter Schwarzfahrer mag sich damals mit Josef Eberles Gedicht getröstet haben: „Ich bin eine Nadel im Kissen, ich bin an der Rose ein Dorn, und wer sich an einem gerissen, hat die Wahl zwischen Lachen und Zorn.“
Die Stadt Köln vergibt Stipendien in Höhe von je 10.000 Euro an junge Künstler verschiedener Kunstrichtungen. Dazu gehört auch das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium. In diesem Jahr geht es an Julia Trompeter.
Über die Stipendiaten entscheidet jeweils eine Fachjury. 1971 wurde das erste Stipendium nur für Kölner ausgeschrieben, seit 2010 gilt es für ganz Nordrhein-Westfalen, Altershöchstgrenze sind 35 Jahre, also Jahrgang 1977 und jünger. (…)
Insgesamt gingen 154 Bewerbungen ein, mit 73 die meisten für das Friedrich-Vordemberge-Stipendium für bildende Kunst. Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes betonte, dass die Stadt trotz Sparzwangs an den Stipendien festhalte: „Nur eine kontinuierliche Förderung ohne Abstriche ist eine ernstgemeine Förderung.“ (…)
Julia Trompeter, 1980 in Siegburg geboren, „blickt mutig genau dahin, wo die eigene Schreiblust angesichts der großen meister gemeinhin versagt: auf die literarische Tradition. Kunstfertig und mit charmantem Trotz geht sie in Dialog und stößt sich zugleich ab. Mit Witz eignet sie sich Erzählstile an und findet in der Auseinandersetzung mit Vorbildern zu einem eigenen Ton“, urteilt die Jury. Um der Einsamkeit des Schreibens zu entkommen, tritt Trompeter „in der Tradition Gerhard Rühms“ auch mit „Sprachduetten“ auf. / Köln Nachrichten
Jeder Kanon hat einen Gegenkanon.
Wer nur den offiziellen Kanon kennt, der könnte schließlich auch zu der Auffassung kommen: Die deutsche Literatur ist von der Moderne weitestgehend unbeleckt geblieben. Nach wie vor stehen Romanmuster aus dem vorletzten Jahrhundert hoch im Kurs, nach wie vor wird metaphernselig gedichtet, klappern Sonette. Die Berliner Ausstellung mit dem Titel »Poetry goes art«, die aus einer weit umfassenderen Präsentation gleichen Titels schöpft, zeigt, wie wichtig die Rezeption der avantgardistischen Literatur von Gertrude Stein für Autoren wie Helmut Heißenbüttel bereits in den fünfziger Jahren war, wie früh es einen internationalen Austausch von Produzenten konkreter und visueller Poesie bis nach Brasilien gab und auf welch hohem Niveau ein Dialog zwischen avancierten Autoren und Wissenschaftlern stattfand, wofür zentral der Name von Max Bense steht. …
Seit den achtziger Jahren wird dieser innovative Teil der deutschen Literatur zunehmend aus der Wahrnehmung gedrängt. Jüngere Autoren und Kritiker kennen sie häufig gar nicht mehr und entblöden sich nicht selten, diese avantgardistischen Positionen als historisch und überholt zu bezeichnen, während sie selbst mit Mustern aus dem 19. Jahrhundert operieren. Die Ausstellung in der Fasanenstraße – lebendig gestaltet mit Film- und Tondokumenten, erarbeitet von Studierenden der FU Berlin – ist eine hervorragende Einführung und zeigt eindrucksvoll, wie weit die besten Köpfe des literarischen Experimentes schon vor Dezennien waren. Dabei werden auch Außenseiterpositionen wie die des notorischen Quertreibers Dieter Roth berücksichtigt, der es nach konkreten Anfängen vorzog, zu schmieren und zu wüten. / Florian Neuner, junge Welt
Noch bis 3. August, Fasanenstr. 23, Berlin-Charlottenburg
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