Samstag 21.7.
15:00 bis 22:00
Literarisches Colloquium Berlin
Die Verlage A1 (München), Berenberg (Berlin), Bilger (Zürich), Dörlemann (Zürich), Edition Ebersbach (Berlin), Edition Korrespondenzen (Wien), kookbooks (Idstein/Berlin), Lilienfeld (Düsseldorf), Luxbooks (Wiesbaden), Mairisch (Hamburg), Matthes & Seitz (Berlin), Milena (Wien), Mitteldeutscher Verlag (Halle), Nimbus (Wädenswil), Poetenladen (Leipzig), salis (Zürich), Secession (Zürich), speak low (Berlin), Supposé (Berlin), Transit (Berlin), Verbrecher (Berlin), Voland & Quist (Dresden) und Das Wunderhorn (Heidelberg) mit ihren Autoren zu Gast im LCB
Zum siebten Mal lädt das LCB ausgewählte Verlage aus dem gesamten deutschsprachigen Raum an den Wannsee ein. Auch in diesem Jahr haben mehr als zwanzig Verlage unsere Einladung angenommen und stellen ihre Bücher und Autoren in entspannter Atmosphäre vor. Alle Literaturfreunde sind einmal mehr herzlich eingeladen zu stöbern, zu entdecken und sich auszutauschen. Für Speis und Trank ist gesorgt.
Programm:
15.40 Uhr
Patricia Klobusiczky liest aus Louise de Vilmorins „Madame de“ (Dörlemann)16.00 Uhr
Axel von Ernst liest aus Franz Hessels „Heimliches Berlin“ (Lilienfeld)16.20 Uhr
Kerstin Kempker liest aus „Das wird ein Fest“ (Nimbus)16.40 Uhr
Elisabeth Hager liest aus „Kometen“ (Milena)17.00 Uhr
Meike Schlüter liest aus Henri Fabres „Erinnerungen eines Insektenforschers“ (Matthes und Seitz Berlin)17.20 Uhr
Anila Wilms liest aus „Das albanische Öl oder Der Mord auf der Straße des Nordens“ (Transit)17.40 Uhr
Günter Herburger liest aus „Haitata. Kleine wilde Romane“ (A1)18.00 Uhr
David Wagner liest aus „Welche Farbe hat Berlin“ (Verbrecher)18.20 bis 19.00 Uhr
Pause19.00 Uhr
Katharina Bendixen liest aus „Gern, wenn du willst“ (Poetenladen)19.20 Uhr
Gerald Koll liest aus „henro boke“ (Edition Korrespondenzen)19.40 Uhr
Tim Herden liest aus „Toter Kerl“ (Mitteldeutscher Verlag)20.00 Uhr
Felix Mennen liest aus „Schwarze Sonne“ (Salis)20.20 Uhr
Norbert Lange liest aus „Das Schiefe, das Harte und das Gemalene“ (luxbooks)20.40 Uhr
Christian Ruzicska liest aus Jérôme Ferraris „Und meine Seele ließ ich zurück“ (Secession)21.00 Uhr
Rainer G. Schmidt liest aus Michael Palmers „Gegenschein“ (Kookbooks)
Eintritt 6 € / 4 €
Mit freundlicher Unterstützung der Leipziger Buchmesse.
Der Fall der 2 aserbaidschanischen Dichter Farid Huseyn und Shahriyar Hajizade, die im Mai nach Besuch eines Dichtertreffens von iranischen Sicherheitskräften verhaftet wurden, ist immer noch ungelöst. Das aserbaidschanische Außenministerium schickte dem iranischen Außenministerium 5 Noten, in denen Aufklärung über das Schicksal der Vermißten verlangt wird. Schließlich bestätigte das iranische Außenministerium die Verhaftung der beiden und beschuldigte sie ein nicht näher bestimmtes Verbrechen versucht zu haben. Der aserbaidschanische Konsul erhielt keine Erlaubnis, die Verhafteten zu besuchen.
Staatliche iranische Medien berichteten, die beiden seien wegen Spionage für Israel angeklagt. / Orkhan Satarov, Vestnik kavkasa 14.7.
In der Welt interviewt Elmar Krekeler Olga Martynova:
Das war am Beginn vom Ende der Sowjetunion. Konnte man da alles lesen, die Werke der Oberiuten etwa, jener Schule des Absurden um Daniil Charms, die auch immer wieder durch Ihre Texte geistern?
Von Charms war in der Sowjetunion der Achtzigerjahre zwar nicht alles, aber doch das meiste offiziell veröffentlicht. Die Gedichte der anderen wurden vor der Perestroika als Schreibmaschinenkopien weitergegeben. Das ist ja überhaupt die Hauptbeschäftigung eines Dichters in einem totalitären Staat: Wir waren immer auf der Jagd nach Texten.
So richtig gefährlich scheinen die russischen Absurden aber nicht gewesen zu sein. Helden und Widerständler waren sie nicht, schreiben Sie in ihrem neuen Band „Von Tschwirik und Tschwirka“.
Die meisten von ihnen wollten nur so wenig wie möglich mit diesem Staat und seiner Kultur und Literatur zu tun haben. Ich glaube aber, dass der Held und der Dichter zwei ganz unterschiedliche Berufe sind. Es gibt selbstverständlich Menschen, die versuchen, diese Berufe in einer, eben ihrer Person zu vereinen. Aber das gelingt meistens nicht: Gute Helden sind in aller Regel schlechte Dichter, und umgekehrt. Doch eine Position der Verweigerung darf man nicht unterschätzen. In einem totalitären Land ist es schon viel an Widerstand, wenn jemand in der Küche sitzt und nur frei denkt. Die meisten Menschen sind mit dem herrschenden Vorstellungssystem völlig einverstanden, sie nehmen es unkritisch an, und das ist auch das Ziel des Systems. Und wenn man das Andersgedachte dann noch aufschreibt und sei es in Form absurder oder komplizierter Gedichte, dann ist das nicht weniger wichtig als politischer Widerstand. In einer Gesellschaft, in der es unmöglich war, über Politik zu sprechen, weil Politik wie eine tägliche Naturkatastrophe war, die man hinzunehmen gelernt hatte, ist das Absurde per se politisch.
Die Organisatoren wollen die Zuschauer Kultur auf eine ganz andere Art erleben lassen, das Royal Opera House lädt zur neu kommissionierten Oper „Die Eule und das Kätzchen“ ein, nach einem Gedicht von Edward Lear, geschrieben von Monty-Python-Mitglied Terry Jones. Aufgeführt wird sie an den Londoner Kanälen, sagt Regisseur Martin Constantine:
„Die Oper passt zur Tradition der englischen Absurdität und des Surrealismus, Terry Jones erzählt wie die beiden alle Hindernisse überwinden und wie die Liebe am Ende siegt. Die Oper wird zuerst in Westlondon aufgeführt und dann wechseln wir in den Osten bis wir im Olympischen Park sind.“ / ORF
Bei Fixpoetry ein schönes Gedicht von André Schinkel:
Den Minotaurus erlegen
Wir sind, um den Minotaurus zu erlegen: der
Unsere Jungfern frißt, der in den Labyrinthen
Die Knochen verstreut, eine Spur zu legen
Für uns. Jäger sind wir, von Jägern Gejagte,
Mit flatternden Lanzen, lächerlichen Gehörnen,
Durchschrittenen Hufen. Wir sind, um den
Minotaurus zu töten: scharf prallen die Schwerter
Gegen die Spiegel, zersplittern die Fesseln;
Und jeder Blick fällt in uns, unsere Milliarden
Mägen, die an uns verdaun.
Schön meint: es liest sich gut. Der Minotaurus wird dreimal genannt, zweimal die kühne Konstruktion: „Wir sind, um den M. zu erlegen“. Was läßt mich zögern? Man weiß nicht genau, wo es hinausläuft. Vielleicht der Schluß, die Milliarden – soviele Menschen gabs in der Antike nicht. Aber das ist recht wenig. Nein, es wird mir nicht zwingend. Liest sich gut (nicht so blechern wie manches von Grünbein), aber zu wenig Biß.
Ich las grad Dirk Uwe Hansens doppelte Sappho-Nachdichtung. Einmal in schnörkellose Prosa und daneben die Umdichtung. Den steinalten Fragmenten wird Modernität wiedergegeben – die sie zweifellos hatten, vor 2600 Jahren. Ähnliches fand ich bei dem chinesischen Künstler Walasse Ting, der 1000 Jahre alte chinesische Klassik in ein Pidgin English übersetzt:
Large Bed
She smells like garden
Flower gone, my bed too large
Already three years
Fragrance not gone
She not return
Bed still too large
(Nach Li Bai)
Die alten Dichter aus Griechenland und China klingen mir zeitgenössischer als der Zeitgenosse. – Der Schluß von Schinkels Gedicht erinnert mich an ein Gedicht von Karl Mickel, von dem ich vermute, daß er Schinkel auch viel bedeutet. „Ich lieg und verdaue den Fisch“. So endet das berühmte Gedicht „Der See“, um das Mitte der 60er eine heiße Debatte entbrannte – Tugendwächter wollten die Lyrik des Ländleins DDR vor Irrwegen bewahren. (Ihre Stimme schallt auch heut ohne Ende, ich glaube, auch Horaz und Li Bai blieben von ihr und von ihnen nicht verschont.) Aber Mickel setzte sich durch. Antikebezüge gibts in „Der See“, „Die Elbe“ oder „Hippopotamos“ – Gedichte, die heute dem Bildungsbürger, der vielleicht seinen Grünbein in der FAZ liest, auch gefallen könnten. Fast auch gefallen könnten. (Nein, doch eher nicht. In einem Nachruf stand: “Die Deutschen haben einen großen Dichter verloren. Weiß der Himmel, ob sie verdienen, dass sie es merken.”).
Ich entscheide mich für das vielleicht drastischste seiner „Antiken“: Ode nach Horaz II/13. Horazens Ode ist rätselhaft, aber der Schalk blitzt doch sehr deutlich hervor. Er hat sich, scheints, den Kopf von einem herabfallenden Ast verletzt und flucht wie ein Bierkutscher auf den der ihn dort pflanzte. Horaz geht recht frei mit dem Mythos um. So versetzt er Orion vom Himmel (wo er bis heute als Sternbild glänzt) in die Unterwelt. Rudolf Alexander Schröder übersetzt im Versmaß inclusive damit verbundener Verrenkungen, so daß das Geschimpf recht abgemildert klingt: „Der Wehrmann scheut des parthischen Bogners Flucht, / Lateinerfaust und Fessel der Partherschütz“, häh? Mickel nimmt den Dichter als Zeitgenossen. Er verfährt ähnlich frei wie Horaz mit ja auch schon tausendjähriger Überlieferung. Bei ihm spielt die Szene in seiner Berliner Wohnung, die so leichtgebaut ist, daß die Nachbarn alles mithören müssen; den Klogang einbegriffen. Tür nicht laut schließen! Den Bogen zum Ruhm des Gesanges kriegt er trotzdem:
Ode nach Horaz II/13
Scheißkerl, der du mein scheiß Haus bautest,
Verflucht bist du mit deinen Voreltern!
Den kleinsten Raum der Wohnung mir herrichten
Daß der mich hinrichtet! der Blitz
Soll dich beim Scheißen erschlagen, du Kackarsch!
Wer bestach dich und mit wie Viel
Mich, den Dichter, zu weglagern?
Auf mich stürzte die Scheißhausdecke
Wenn ich gesessen
Hätte! als sie herabbrach, von außen
Warf ich die Tür zu: zärtlich. Ätzende Nebel!
Donner! als wüte der Abgrund, in dem ich
Läge jetzt, kalkbeworfen, wenn lautarsch
Ich erschüttert hätte das Bauwerk rechtzeitig.
Der dich bezahlte, der wußte, daß ich
Schallend furze: aufs Heiligste, bei dem Beruf!
Ein Leiseschiß und ich bin gerettet!
Der Erfinder des Schiffs ist der Erfinder des Schiffbruchs
Damoklesdecken von VEB Volksbau
Niedrigste Kosten äußerster Nutzeffekt
Maurer meucheln Maurer, Klempner Klempner
Soldaten Soldaten, die Arschficker!
Wie soll die Nachwelt aus vollen Latrinen
Rekonstruieren die Hälfte der Menschheit
Wenn ich nicht dichte? Achgehtmirwegihr!
Das ist doch von anderm Holz. Der feiert die Antike nicht, oder nur indem er sie ernstnimmt.
Der Altphilologe, der an der Universität Greifswald unterrichtet, macht zweierlei Dinge mit Sapphos Texten, die die Zeit auf Papyri bzw. Scherben überdauerten: Er liefert eine Übersetzung des Originaltextes, den er der Ausgabe von Eva-Maria Voigt folgend nummeriert. Diesen Übersetzungen sind Nachdichtungen beigegeben, die den Text gewissermaßen noch einmal illuminieren beziehungsweise in einzelnen Facetten spiegeln. Das Ergebnis ist beachtlich.
Im Grunde werden durch diese Methode die Fragmente noch einmal fragmentiert, dabei entstehen Texte, die so etwas wie eine regenerierte Einheit sind. Das Fragment als Fragment feiert seine unzerstörbare Substanz darin. Ich erschrecke selbst ein wenig vor dem Pathos, das in dieser Formulierung liegt, aber angesichts des Entstandenen scheint es angebracht. Außerdem erhalten Texte die vor ca. 2600 Jahren entstanden sind, ein zeitgenössisches Pendent.
Und vielleicht ist es ja auch so, dass alle Übersetzerinnen und Übersetzer, aber auch Leserinnen und Leser, Medien sind, durch welche Sapphos Texte in einer je besonderen Form wirken. Bei Hansen eben in der Fragmentierung des Fragments. Denn so muss er nicht vor der „ganzen“ Fülle und Bedeutsamkeit des Originals und der übergroßen Anzahl der Übersetzungsversuche kapitulieren, sondern setzt ihnen eine Einzelheit entgegen in einem eigenen Licht. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry
Sappho – Scherben-Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen, ISBN 978-3-940531-70-4
Udo Degener Verlag Potsdam 2012
[Tomas Venclovas] Lyrik ist widerständig, kritisch, aber dabei immer zutiefst poetisch, streng in der Form, das Gestern und Heute verbindend. Gedichte, von denen der Lyriker Durs Grünbein sagt: „Sie gehören zum Unzeitgemäßesten, was die zeitgenössische europäische Poesie zu bieten hat.“ Eine Entdeckung. / Stefan Brams, Neue Westfälische
John Timberman Newcomb glaubt, daß die Lyrik in den letzten Jahren an Ansehen verloren habe. In der Einleitung zu seinem neuen Buch How Did Poetry Survive? The Making of Modern American Verse (University of Illinois Press) meint er, die amerikanische Lyrik habe sich „“von der modernen sozialen Erfahrung entfernt“ mit dem Ergebnis, daß Lyrik kaum noch als „Literatur“ angesehen werde.
Das sei nicht das erstemal, daß ihr Stern gesunken sei. In seinem Buch verfolgt er die wechselnden Geschicke der Lyrik an der Wende zum 20. Jahrhundert und meint, daß die Beschäftigung der Dichter mit modernen Gegenständen wie der Industriestadt und mit dem „ganz normalen Leben“ eine Hauptrolle dabei spielte, daß sie an Relevanz zurückgewinnen konnte. / Serena Golden, Inside Higher Ed
Mit dem Buch verbunden ist eine companion web anthology mit dem vollständigen Text aller im Buch erwähnten Gedichte.
Sebastian Berns hat eine Maschine entworfen, die dem Menschen die Kreativität abnimmt: Sie druckt Gedichte. In einer langen Schlange rollt sich das Papier bis auf den Boden, ähnlich einem überlangen Kassenzettel.
Die Gedichte werden automatisch von «Google Recaptcha» erzeugt und auf der Arbeitsvermittlungsplattform «Amazon Mechanical Turk» tippen Menschen überall auf der Welt für geringe Cent-Beträge Wörter ab, die der Computer nicht erkennen kann. Zum Schluss schreibt ein Computerprogramm nach einem Algorithmus das Gedicht. / Katrin Haas, Aachener Zeitung
Martynova hat schreibend einen Sprachwechsel vollzogen. Für ihre Gedichte bevorzugt sie aber nach wie vor das Russische. Zusammen mit der Lyrikerin Elke Erb übersetzt sie ihre Verse anschließend wieder ins Deutsche, so auch die in dem Band „Von Tschwirik und Tschwirka“, der aus drei Zyklen besteht. Warum ihre Muttersprache die Sprache der Lyrik geblieben ist, erfährt man in einem erläuternden Text zum dritten Zyklus „Verse von Rom“. (…)
Besonders gern gesehen sind die Oberiuten, Mitglieder der Gruppe um Daniil Charms und Alexander Wwedenski, dem der zweite Teil in „Von Tschwirik und Tschwirka“, das Poem „Wwedenskij“, gewidmet ist. Diese literarischen Vertreter der russischen Moderne liebten und suchten das Absurde und den Unsinn. Neben ihnen trifft man viele andere Autoren. Mit Ossip Mandelstam teilt Martynova die Auffassung, dass der Künstler, wenn man von Wirklichkeit spricht, die unendlich überzeugendere Wirklichkeit der Kunst kennt. (…) Das „Un“ aus dem Gedicht „Tschwirkas Träume“ könnte mit Morgensterns „Zwi“ verwandt sein oder durch Mandelstams Kinderverse huschen. / Beate Tröger, FAZ
Olga Martynova: „Von Tschwirik und Tschwirka“. Gedichte. Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova. Droschl Verlag, Graz, 2012, 96 S., geb., 16 Euro.*
*) Es sind zweifellos Gedichte, aber wegen der, wie man immer wieder hört, beklagenswerten Lage der Lyrik haben sie die Rezension vielleicht vorsichtshalber in die Rubrik „F.A.Z.-Romane der Woche“ gestellt. Vielleicht merkts der Leser ja nicht oder nicht gleich und liest weiter.
Ein passender Ort, um einer „archaischen Avantgarde“ zu begegnen. Einer Avantgarde, die sich tief aus der Vergangenheit der Menschheit und intensivem Naturerleben speist. Festivalleiterin Brigitte Labs-Ehlert hat den großen litauischen Lyriker Tomas Venclova, dessen Lyrik den Dialog mit der Antike und der Klassik sucht, an diesen Ort gebeten. Und den Schauspieler Matthias Habich, der Czeslaw Milosz’ magisch-realistischen Roman „Das Tal der Issa“ neu lesen soll. / Stefan Brams, Neue Westfälische
Die „Honigprotokolle“ kultivieren das Nebeneinander kleiner Phantasmagorien, sinnlicher Momentaufnahmen, politischer Szenen – und sie forcieren Abschweifungen in disparate Wortfelder. So entsteht mittels einer kühnen Bild-Artistik eine „wilde Vielfalt, in die Tausenderlei eingefaltet ist“. Wie im programmatischen Gedicht „Honighohn“: „Was der Honig an sich bindet: Protokolle. / Beflockte Unionen auf grau- bis graublauem Trikotstoff. Menschen / Werden. Hängen. Bleiben. Samen und Pollen genauso. Süße der Luft. / Kandierte Haare, Bahnen, Brücken. Stelle ich sie weg vom Kopf, / bleiben sie auf ewig stehen. Jedes Maß ist wahr in jedem Sinn. / Doch in Bezug auf was? Diese Sprünge! Barocker Minimator / des Verlangens. Wilde Vielfalt, in die Tausenderlei eingefaltet ist, / nur wird es nicht umgesetzt.“ Den Rinckschen Digressionen sind einige minimalistische Lieder des Komponisten Bo Wiget beigefügt, die deren „Heiterkeit des Denkens“ noch erhöhen. In der Schlusszeile eines „Honigprotokolls“, das vor „billigen, schnittigen Begriffen“ warnt, wird die alchemistische Formel „Solve et Coagula!“ aufgerufen: Löse und verbinde. / Michael Braun, Tagesspiegel
Monika Rinck:
Honigprotokolle.
Sieben Skizzen zu Gedichten, welche sehr gut sind. Kookbooks, Berlin/Idstein 2012.
80 Seiten, 19,90 €.
»Ich vernichte durch den kapitalismus ich da draußen im angesicht des schmerzes ökonomischen verlustes ich angesichts des lochs des anderen.« So schreit Minerva Reynosa (32) ihre Entfremdung heraus. Und bei Eduardo Padilla (35) betet ein Nihilist »für ein massives Desaster, das uns befreie von Herren und Sklaven gleichermaßen«. Von den Klassengegensätzen auszugehen, ist selbstverständlich für die junge mexikanische Dichtung, die in der aktuellen Ausgabe des Literaturmagazins poet zweisprachig vorgestellt wird. Herausgegeber ist Andreas Heidtmann vom Leipziger »poetenladen«. …
Und schließlich Rollenlyrik eines Rockstars, Antikriegssongs von Julián Herbert, als wäre hier ein Otto Dix zu Gange: »die Schenkel meiner Frau zeigen in Richtung Schlacht« oder »Langsam kam die Party in Schwung: / abgehackte Hände auf dem Monopolytisch, / im DVD-Player lief ein Neujahrsporno.« Doch plötzlich weht eine nächtliche Szene auf einem Parkplatz heran, zwei Dichter, die sich zum ersten Mal sehen. Herbert gelingt der poetische Hochseilakt, diese Begegnung so zu vergegenwärtigen, als hätten die beiden, nicht er, sie geschrieben, nur mit Bildern und streng nach Regeln der altchinesischen Dichtkunst. Im Morgengrauen malen sie das gemeinsam gefertigte Gedicht in formvollendeter Schrift an ihre zerbeulten Autos, während sie – sehr suggestiv – Wodka fließen lassen. Unentwegt. Eine Flasche. Bis der Mond ganz klar zu sehen ist. »Una botella de vodka / hace más transparente la luna.« Zwölf einfache Zeilen, die einem den Atem verschlagen. Ihr Titel? »Das Herz der Samstagnacht«. Ihre imaginären Autoren? Tom Waits und Li Po. / Antonín Dick, junge Welt
Andreas Heidtmann (Hrg.): poet nr. 12 – Literaturmagazin. poetenladen, Leipzig 2012, 90 Seiten, 9,80 Euro
Oberflächlich betrachtet geht es der Poesie gar nicht so schlecht. Die kleinen Lyrikverlage – kookbooks in Berlin, der Wiesbadener Lux Verlag, der Poetenladen in Leipzig – vermehren sich wie Hasenkolonien.
mehr in der Art in einem offenbar unter die Oberfläche blickenden Text von Joachim Sartorius im Tagesspiegel, wie gleich darauf:
Aber bei näherem Hinsehen fällt auf, dass die Poesie in ihrem eigenen Saft kocht. Es gibt keine Zuwächse in der Leserschaft. Die großen Literaturpreise, insbesondere der Deutsche Buchpreis in Frankfurt und die Leipziger Preise grenzen die Poesie aus. Damit ist einfach kein Absatz zu machen. Befragen wir die literarischen Verlage, Suhrkamp oder Hanser, so erfahren wir deprimierende Zahlen. Ein Literaturnobelpreisträger wie der karibische Dichter Derek Walcott kommt nie über 2000 verkaufte Exemplare hinaus; der bedeutendste lebende nordamerikanische Lyriker, John Ashbery, hat auch über viele Jahre hin bei uns nie mehr als 800, maximal 900 Exemplare verkauft.
als mir gegen mitte der
haelfte meines lebens
nicht gelang
von der kunst mehr zu
erwarten als hoeheren
schwindel
entschloss ich mich
die wirklichkeit nicht
fuer die wahrheit zu
halten
als mir gegen mitte der
haelfte meines lebens
nicht gelang
die wirklichkeit ohne
wahrheit zu ertragen
entschloss ich mich
meine wahrheit fuer meine
eigene und die der andern
fuer diejenige der
andern zu halten
als mir gegen mitte der
haelfte meines lebens
nicht gelang
den schwindel von der
wirklichkeit zu loesen
entschloss ich mich
die mitte der haelfte
meines lebens
fuer einen schwindel
zu halten
Gino Hahnemann, aus: Ders.: Allegorie gegen die vorschnelle Mehrheit. Mit Zeichnungen von Helge Leiberg. Berlin: Druckhaus Galrev 1991, S. 4f
(Transkription der handschriftlichen Fassung aus einer Grafik von Helge Leiberg – die Zeilenbrüche könnten durch die Grafik bedingt sein. Das Gedicht hat zumindest in dieser grafischen Fassung keine Überschrift.)
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